Die Göttliche Komödie

Chapter 6

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Simon Magus, ihr, o Arme, Blöde, Die, was der Tugend ihr vermählen sollt. Die Dinge Gottes, räuberisch und schnöde, Ihr euch erbuhlt durch Silber und durch Gold, Von euch soll jetzo die Posaun’ erschallen; Euch zahlt der dritte Sack der Sünden Sold. Erstiegen hatten wir die Felsenhallen Des Stegs, von welchem mitten in den Schoß Des nächsten Schlunds die Blicke senkrecht fallen. Allweisheit, wie ist deine Kunst so groß Im Himmel, auf der Erd’, im Höllenschlunde, Und wie gerecht verteilst du jedes Los! Ich sah dort an den Seiten und im Grunde Viel Löcher im schwarzbläulichen Gestein, Gleich weit und sämtlich ausgehöhlt zum Runde. Sie mochten so, wie jene, wo hinein Beim Taufstein Sankt Johanns die Täufer treten, Und enger nicht, doch auch nicht weiter sein. Eins dieser sprengt’ ich einst, weil ich in Nöten Ein halbersticktes Kindlein drin entdeckt; So sei’s besiegelt, so will ich’s vertreten; Ich sah, daß sich, aus jedem Loch gestreckt, Zwei Füߒ und Beine bis zum Dicken fanden, Der andre Leib blieb innerhalb versteckt; Sah, wie die Sohlen beid’ in Flammen standen, Und sah die Knorren zappeln und sich dreh’n So stark, daß sie wohl sprengten Kett’ und Banden. Wie wir’s an ölgetränkten Dingen sehn, Wo obenhin die Flammen flackernd rennen, So von der Ferse dort bis zu den Zeh’n. "Gern, Meister," sprach ich, "möcht’ ich diesen kennen. Der wilder zuckt als die, so ihm gesellt, Und dessen beide Sohlen röter brennen." Und er: "Ich trage dich, wenn dir’s gefällt, Arn schiefen Hang hinab--er wird dir zeigen, Wer einst er war, und was im Loch ihn hält." Drauf ich: "Du bist der Herr, und mein Bezeigen Folgt dem gern, was mir als dein Wille kund, Und du verstehst mich auch bei meinem Schweigen." Drauf ging’s zum vierten Damm, und links zum Schlund Trug mich mein Herr hinab zu neuen Leiden In den durchlöcherten und engen Grund. Er ließ mich nicht von seiner Hüfte scheiden, Auf die er mich gesetzt, bis bei dem Ort Des, der da weinte mit den Füßen beiden. "Du, mit dem Obern unten," sprach ich dort, "Hier eingerammt gleich einem Pfahl, verkünde: Wer bist du? Sprich, ist dir vergönnt dies Wort." Ich stand, dem Pfaffen gleich, dem seine Sünde Der Mörder beichtet, welcher, schon im Loch, Ihn rückruft, daß der Tod noch Aufschub finde. Da schrie er: "Bonifaz, so kommst du doch, So kommst du doch schon jetzt, mich fortzusenden? Und man versprach dir manche Jahre noch? Schon satt des Guts, ob des mit frechen Händen Du trügerisch die schöne Frau geraubt, Um ungescheut und frevelnd sie zu schänden?" Ich stand verlegen, mit gesenktem Haupt, Wie wer nicht recht versteht, was er vernommen. Und sich beschämt kein Gegenwort erlaubt. Da sprach Virgil: "Was stehst du so beklommen? Sag’ ihm geschwind, daß du nicht jener seist, Den er gemeint!"--Ich eilt’, ihm nachzukommen. Die Fuße nun verdrehte wild der Geist Und sprach mit Seufzern und mit dumpfen Klagen: "Was also ist’s, das so dich fragen heißt? Doch standest du nicht an, dich herzuwagen. Um mich zu kennen, wohl, so sag’ ich dir, Daß ich den großen Mantel einst getragen. Der Bärin wahrer Sohn war ich, voll Gier Fürs Wohl der Bärlein, und für diese steckte Ich in den Sack dort Gold, mich selber hier. Auch unter meinem Haupt gibt’s viel Versteckte. Dort, durchgepreßt durch einen Felsenspalt, Sind, die vor mir die Simonie befleckte. Und dort hinab versink’ auch ich, sobald Der kommt, für welchen ich dich angesehen. Und der mir folgt in diesem Aufenthalt; Doch wird er nicht so lang, als mir geschehen, Die Füße brennend, köpflings eingesteckt, Fest eingepfählt in diesem Loche stehen. Denn nach ihm kommt, zu schlechter’m Werk erweckt, Ein Hirt vom Westen, ein gesetzlos Wesen, Das, wie sich ziemt, mich und auch ihn bedeckt. Ein neuer Jason ist’s, von dem zu lesen Im Makkabäerbuch, dem Philipp wird. Was diesem einst Antiochus Ich weiß nicht, ob ich nicht zu sehr geirrt, Auf solche Red’ ihm dieses zu versetzen: "Sprich, was verlangt’ einst unser Herr und Hirt, Zuerst von Petrus wohl an Gold und Schätzen, Um ihm das Amt der Schlüssel zu verleih’n?" Komm, sprach er, um mein Werk nun fortzusetzen Was trug’s dem Petrus und den andern ein. Als man durch Los einst den Matthias kürte Statt dessen, der ein Raub ward ew’ger Pein? Nichts ward dir hier, als das, was sich gebührte; Betrachte nur das schlechterworbne Geld, Das gegen Karl’n zur Kühnheit dich verführte. Und nur weil Ehrfurcht meine Zunge hält Für jene Schlüssel, die du einst getragen, Da du gewandelt in der heitern Welt, Enthalt’ ich mich, dir Schlimmeres zu sagen: Daß schlecht die Welt durch eure Habsucht ist. Die Guten sanken und die Schlechten ragen. Euch Hirten meinte der Evangelist Bei ihr, die sitzend auf den Wasserwogen Mit Königen zu huren sich vermißt. Sie, mit den sieben Häuptern auferzogen, Sie hatt’ in zehen Hörnern Kraft und Macht, Solang der Tugend ihr Gemahl gewogen. Eu’r Gott ist Gold und Silber, Glanz und Pracht. Wohl besser sind die, so an Götzen hangen, Die einen haben, wo ihr hundert macht. Welch Unheil, Konstantin, ist aufgegangen, Nicht, weil du dich bekehrt, nein, weil das Gut Der erste reiche Papst von dir empfangen!" Indes ich also sprach mit keckem Mut, Da, sei’s daß Zorn ihn, daß ihn Reue nagte. Verdreht er beide Bein’ in großer Wut. Doch schien’s, daß es dem Führer wohlbehagte; So stand er dort, zufrieden, aufmerksam. Als ich so nachdrucksvoll die Wahrheit sagte; Worauf er mich mit beiden Armen nahm, Und als er mich an seine Brust gewunden, Den Weg zurückestieg, auf dem er kam. Er trug, nie matt, wie fest er mich umwunden. Mich auf des Bogens Höhe sonder Rast, Durch den der viert’ und fünfte Damm verbunden. Dort setzt’ er sanft zu Boden meine Last, Sanft, ob der Fels auch, steil emporgeschossen, Zum Wege kaum für eine Ziege paßt; Da ward ein andres Tal mir aufgeschlossen.

Zwanzigster Gesang

Die neue Qual, zu der ich jetzt gewandelt. Sie gibt dem zwanzigsten Gesange Stoff Des ersten Lieds, das von Verdammten handelt. Ich stand auf jenem Felsen rauh und schroff Und spähte scharf hinab zum offnen Schlunde, Der ganz von angsterpreßten Zähren troff. Viel Leute gingen langsam in der Runde, So, wie ein Wallfahrtszug die Schritte lenkt. Stillschweigend, weinend in dem tiefen Grunde. Als tiefer ich auf sie den Blick gesenkt, Sah ich--ein Wunder scheint es und erdichtet-- Vorn Kinn sie bis zum Achselbein verrenkt, Das Angesicht zum Rücken hin gerichtet; Drum mußten sie gezwungen rückwärts gehn, Und ihnen war das Vorwärtsschau’n vernichtet. So soll der Fallsucht Krampf das Haupt verdreh’n, Wie man erzählt in wunderlichen Sagen, Doch glaub’ ich’s nicht, da ich es nie gesehn. Läßt Gott dein Lesen, Leser, Früchte tragen, So frage selber dich, wie mir geschah, Ob ich nicht weinen mußt’ und ganz verzagen, Als ich des Menschen Ebenbild so nah Verrenkt, verdreht und von der Augen Tränen Genetzt den Spalt der Hinterbacken sah? Wahr ist’s, auf eine von den Felsenlehnen Stand ich gestützt und weinte ganz verzagt; Da sprach mein Herr: "Willst du, gleich Toren, wähnen? Fromm ist nur, wer das Mitleid hier versagt. Wer ist verruchter wohl, als wer zu schmähen Durch sein Bedauern Gottes Urteil wagt? Empor das Haupt, empor! Den wirst du sehen, Den einst vor Thebens Blick der Grund verschlang; Drob alle schrien: Wohin? Was ist geschehen? Amphiaraus, wird der Kampf zu lang?-- Doch stürzt’ er fort und fort im tiefen Schachte, Bis Minos ihn, gleich anderm Volk, bezwang. Schau’, wie er ihm die Brust zum Rücken machte! Schau’, wie er rückwärts schreitet, rückwärts steht, Weil er zu weit voraus zu sehen dachte. Tiresias sieh, der uns entgegenzieht. Er, erst ein Mann, ward durch des Zaubers Gabe Verwandelt in ein Weib an jedem Glied. Dann aber schlug er mit dem Zauberstabe Zuvor auf zwei verwundne Schlangen ein, Damit er wieder Mannsgestaltung habe. Den Rücken ihm am Bauch, kommt hinterdrein, Nah angedrängt an ihn, des Aruns Schatte, Der lebend einst in Lunis Felsenreih’n Als Haus die weiße Marmorhöhle hatte, Wohl ausgesucht, daß sie zum Meeresstrand Und zu den Sternen freien Blick gestatte.-- Die mit den wilden Haaren ohne Band Die Brüste deckt, die sich nach hinten kehren, Was sonst behaart ist, hinterwärts gewandt. War Manto, die in Ländern und auf Meeren Umirrte bis zum Ort, der mich gebar. Von dieser will ich näher dich belehren. Nachdem der Welt entrückt ihr Vater war Und Bacchus’ Stadt verfiel in Sklavenbande, Durchstreifte sie die Welt so manches Jahr. Ein See liegt an des schönen Welschlands Rande, Am Fuß des Alpgebirgs, das Deutschland schließt, Benaco heißend, beim Tiroler Lande. Zwischen Camonica und Gard’ ergießt, Und Apennin, sich Flut in tausend Bächen, Die in besagtem See zusammenfließt. Inmitten aber liegen ebne Flächen, Und drei verschiedne Hirten könnten dort Auf einem Grenzpunkt ihren Segen sprechen. Hier liegt Peschiera dann, ein starker Ort Um Bergamo von Brescia abzuschneiden, Und rings geht flacher dann die Gegend fort. Hier muß sich von dem See das Wasser scheiden, Das nicht mehr Raum in seinem Schoß gewinnt, Und strömt als Fluß herab durch grüne Weiden. Das Wasser, das hier seinen Lauf beginnt, Heißt Mincio nun, und seine Wellen gleiten Bis nach Governo, wo’s im Po verrinnt. Nicht weit gelaufen, trifft es ebne Weiten, Wo es sich ausdehnt und zum Sumpfe staut, Der bösen Dunst verhaucht zu Sommerszeiten. Als dort das rauhe Weib ein Land erschaut, Das jenes Sumpfes Wogen rings umgaben. Entblößt von Leuten und unangebaut, Da blieb, um nichts von Menschen nah zu haben. Sie mit den Dienern da, trieb Zauberei Und lebt’ und ward in diesem Land begraben. Bald kamen Menschen, rings zerstreut, herbei. Die, weil sie sich auf diesen Ort verließen, Und sah’n, daß durch das Moor kein Zugang sei, Sich auf dem Grabe Mantos niederließen, Und dann nach ihr, die erst den Ort erwählt, Die Stadt, ohn’ andres Zeichen, Mantua hießen. Sie hat vordem des Volkes mehr gezählt, Eh’ Pinamont, den Toren zu betrügen. Dem Cassalodi seinen Trug verhehlt. Drum merke wohl, und sollt’ es ja sich fügen, Daß Mantuas Ursprung man nicht so erklärt, So laß der Wahrheit nichts entzieh’n durch Lügen." Und ich: "Mein Meister, was dein Wort mich lehrt. Ist mir gewiß und dient zu meinem Frommen, All andres ist nur tote Kohl’ an Wert. Doch sprich, von diesen, die uns näher kommen, Ist irgend wer bemerkenswerter Art? Denn dies nur hat den Geist mir eingenommen." Und er: "Des Augurs Trug hat der, des Bart Die braunen Schultern deckt, zur Zeit getrieben, Als Griechenland so leer an Männern ward, Daß Knaben kaum noch für die Wiegen blieben. In Aulis sagt’ er da mit Kalchas wahr, Zeit sei’s, daß sie das erste Tau zerhieben. Kund tut mein tragisch Lied dir, wer er war. Du wirst dich des Eurypylus entsinnen, Denn mein Gedicht ja kennst du ganz und gar. Sieh Michael Scotto auch, den magern, dünnen. Der jeden Trug des Zaubers klug gelenkt Und solches Spiel verstanden zu gewinnen. Bonatti sieh--Asdent, den’s jetzo kränkt. Allein zu spät, daß er in eitlem Trachten Dort nicht auf seinen Leisten sich beschränkt. Sich Vetteln, die statt Spill’ und Rad zu achten Und Weberschiff, wie’s einem Weib gebührt, Mit Kraut und Bildern Hexereien machten. Jetzt komm! Indes ich dich hierher geführt, Hat an der Grenze beider Hemisphären Der Mond im Westen schon die Flut berührt. Du sahst ihn gestern völlig sich erklären Und sahst ihn dir im dichtverwachsnen Wald Verschiedne Mal’ willkommnes Licht gewähren." Er sprach’s, doch gingen wir ohn’ Aufenthalt.

Einundzwanzigster Gesang

So ging’s von Brück’ auf Brück’, in manchem Wort, Das ich zu sagen nicht für nötig halte; Und oben, an des Bogens höchstem Ort, Verweilten wir ob einer neuen Spalte Und hörten draus den eitlen Laut der Qual Und sah’n, wie unten tiefes Dunkel walte. Gleich wie man in Venedigs Arsenal Das Pech im Winter sieht aufsiedend wogen, Womit das lecke Schiff, das manches Mal Bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen, Kalfatert wird--da stopft nun der in Eil Mit Werg die Löcher aus am Seitenbogen, Der klopft am Vorder-, der am Hinterteil Der ist bemüht, die Segel auszuflicken, Der bessert Ruder aus, der dreht ein Seil; So ist ein See von Pech dort zu erblicken, Das kocht durch Gottes Kunst, und nicht durch Glut, Des Dünste sich am Strand zum Leim verdicken. Ich sah den See, doch nichts in seiner Flut, Die jetzt sich senkt’ und jetzt sich wieder blähte. Als Blasen, ausgehaucht vom regen Sud. Indes ich scharfen Blicks hinunterspähte, Zog mich, indem er rief: "Hab’ acht! Hab’ acht!" Mein Meister zu sich hin von meiner Stätte. Da wandt’ ich mich, gleich einem, den mit Macht Die Neugier zieht, das Schreckliche zu sehen, Und der, da jähe Furcht ihn schaudern macht, Doch, um zu schau’n, nicht zögert, fortzugehen. Und sieh, ein rabenschwarzer Teufel sprang Uns hinterdrein auf jenen Felsenhöhen. Ach, wie sein Ansehn mich mit Graus durchdrang, Wie wild er schien, wie froh in andrer Schaden! Gespreizt die Schwingen, leicht und schnell den Gang, Kam er, die Schultern hoch gespitzt, beladen Mit einem Sünder her, der oben ritt, Und mit den Klauen packt’ er seine Waden. "Von Lucca bring’ ich einen Ratsherrn mit"-- Schrie er, "auf, taucht ihn unter, Grimmetatzen! Und jene Stadt ist wohlversehn damit, Drum hol’ ich gleich noch mehr von solchen Fratzen. Gauner sind alle dort, nur nicht Bontur, Und machen Ja aus Nein für blanke Batzen." Hinunterwarf er noch den Sünder nur, Und rannte gleich zurück in solcher Eile, Wie je der Hofhund nach dem Diebe fuhr. Der Sünder sank, doch hob sich sonder Weile, Da schrien die Teufel unten: "Fort mit dir, Hier dient kein Heil’genbild zu deinem Heile. Ganz anders als in Serchio schwimmt man hier. Und sollen dich nicht unsre Haken packen. So bleib im Peche nur, sonst fassen wir." Gleich stießen sie mit tausend scharfen Zacken Und schrien: "Dein Tänzchen mache hier versteckt. Such’ unten einem etwas abzuzwacken." Nicht anders macht’s ein Koch, wenn er entdeckt. Das Fleisch im Kessel komm’ emporgeschwommen, Und schnell es mit dem Haken untersteckt. Virgil sprach: "Geh, eh’ sie dich wahrgenommen. Und ducke dich bei jener Felsenbank; Durch diese wirst du ein’gen Schirm bekommen. Mir ist das Ding nicht fremd, drum bleibe frank Von jeder Furcht, was man mir auch erzeige. Denn früher war ich schon in solchem Zank." Dann ging er jenseits auf dem Felsensteige, Und wie er hingelangt zum sechsten Strand, Tat’s not ihm, daß er sichre Stirne zeige. Denn wie in Sturm und Wut hervorgerannt, Die Haushund’ auf den armen Bettler fallen. Wenn er am Haus, laut flehend, stillestand; So stürzten jen’ aus dunkeln Felsenhallen Und streckten all auf ihn die Haken hin, Er aber schrie: "Zurück jetzt mit euch allen. Mich anzuhaken habt ihr wohl im Sinn? Doch tret erst einer vor, um mich zu sprechen, Und dann bedenkt, ob ich zu packen bin." "Geh vor denn, Stachelschwanz." So schrien die Frechen, Und einer kam, die andern blieben stehn-- Und fragte, wie er wag’, hier einzubrechen? "Wie", sprach mein Meister, "würdest du mich sehn. Wie würd’ ich wagen, je hier einzudringen, War’ ich auch sicher, euch zu wiederstehn, Wenn’s Gott und Schicksal also nicht verhingen? Drum laß mich zieh’n, der Himmel will, ich soll Als Führer einen durch die Hölle bringen." Der Haken fiel, da dieses Wort erscholl, Ihm aus der Hand, so hatt’ ihn Furcht durchschauert. "Gesellen," rief er aus, "laßt euren Groll!" "Du, der dort zwischen Felsenstücken kauert," Rief nun mein Meister, "eile zu mir her, Da jetzt kein Feind mehr auf dem Wege lauert." Und vorwärts trat ich und kam schnell daher, Doch sah ich vorwärts auch die Teufel fahren, Als gelte nichts die Übereinkunft mehr; Und war voll Schrecken, wie Capronas Scharen, Die, dem Vertrag zum Trotz, dem Tode nah. Als sie die Festung übergeben, waren. Fest drängt’ ich mich an meinen Führer da Und hielt den Blick gespannt auf ihre Mienen, Aus denen ich nichts Gutes mir ersah. Und diese Rede hört’ ich zwischen ihnen: "Den Haken ihm ins Kreuz? Was meinst du? Sprich!" Der andre: "Ja, du magst ihn nur bedienen!" Doch jener Geist, der mit dem Meister sich Besprochen, wandte schleunig sich zurücke Und rief: "Still, Raufbold, ruhig halte dich." Und dann zu uns: "Auf diesem Felsenstücke Kommt ihr nicht weiter, denn im tiefen Grund Liegt längst zertrümmert schon die sechste Brücke. Und wollt ihr fort, geht oben, längs dem Schlund, Dann seht ihr vorwärts einen Felsen ragen Und kommt darauf bis zu dem nächsten Rund. Denn gestern, um euch alles anzusagen, War’s just zwölfhundertsechsundsechzig Jahr, Seit jenen Weg ein Erdenstoß zerschlagen. Dorthin entsend’ ich ein’ge meiner Schar, Um Sündern, die sich lüften, nachzuspüren; Mit ihnen geht und fürchtet nicht Gefahr. Auf, ihr Gesellen, jetzt, euch frisch zu rühren; Eistreter, Senkflug, Bluthund, kommt heran, Du, Sträubebart, sollst alle zehen führen. Auf, Drachenblut, Kratzkrall’ und Eberzahn, Scharfhaker, und auch du, Grimmrot der Tolle, Und Firlefanz, schickt euch zum Wandern an. Schaut, wer etwa im Pech auftauchen wolle, Doch wißt, daß dieses Paar in Sicherheit Bis zu der nächsten Brücke reisen solle." "Ach, guter Meister," rief ich, "welch Geleit? Ich, meinerseits, ich will es gern entbehren, Und bin mit dir allein zu gehn bereit. Sieh nur, wie sie vor Grimm im Innern gären, Wie sie die Zähne fletschen und mit Droh’n Nach uns die tiefgezognen Brauen kehren." Und er zu mir: "Nicht fürchte dich, mein Sohn, Laß sie nur fletschen ganz nach Gutbedünken, Sie tun dies nur zu der Verdammten Hohn" Sie schwenkten dann sich auf den Damm zur Linken, Nachdem vorher die Zunge jeder wies, Hervorgestreckt, dem Hauptmann zuzuwinken, Der mit dem hintern Mund zum Abmarsch blies.

Zweiundzwanzigster Gesang