Die Göttliche Komödie

Chapter 5

Chapter 53,936 wordsPublic domain

Wir gehen nun auf hartem Rand zusammen, Und Dampf des Bachs, der drüber nebelt, schützt Das Wasser und die Dämme vor den Flammen. So wie sein Land der Flandrer unterstützt, Bang vor der Springflut Ansturz, die vom Baue Des festen Damms rückprallend schäumt und spritzt; Wie längs der Brenta Schloß und Dorf und Aue Die Paduaner sorglich wohl verwahrt, Bevor der Chiarentana Frost erlaue; So war der Damm auch hier von gleicher Art, Nur daß in minder hohen, dicken Massen Vom Meister dieser Bau errichtet ward. Schon weit zurück hatt’ ich den Wald gelassen, So daß der Blick, nach ihm zurückgewandt, Doch nicht vermögend war, ihn zu erfassen. Da kam am Fuß des Damms ein Schwarm gerannt. Und wie am Neumond bei des Abends Grauen Nach dem und jenem man die Blicke spannt, So sahn wir sie auf uns nach oben schauen; Und wie der alte Schneider nach dem Öhr, So spitzten sie nach uns die Augenbrauen. Und wie sie alle gafften, faßte wer Mich bei dem Saum, indem er mich erkannte, Und rief erstaunt: "Welch Wunder! Du? Woher?" Und ich, wie er nach mir gegriffen, wandte Den Blick ihm fest aufs Angesicht, das schier Geröstet war; doch zeigte das verbrannte Sogleich die wohlbekannten Züge mir; Drum, neigend, auf sein Antlitz zu, die Arme, Rief ich: "Ei, Herr Brunetto, seid ihr hier?" "Mein Sohn," sprach jener, "daß dich mein erbarme! Gern spräche wohl Brunett Latini dich Ein wenig hier, entfernt von diesem Schwarme." "Ich bitt’ euch selbst darum," entgegnet’ ich, "Daher ich gern mit euch mich setzen werde, Wenn’s dieser billigt, denn er leitet mich." Und er: "Ach Sohn, wer weilt von dieser Herde, Darf sich nicht wedeln hundert Jahr hernach Und liegt, die Glut erduldend, auf der Erde. Drum geh, ich folge deinem Tritte nach, Bis wir aufs neu’ zu meiner Rotte kommen, Die weinend geht in Leid und ew’ger Schmach." Gern war’ ich neben ihn hinabgeklommen. Doch wagt’ ich’s nicht und ging, das Haupt geneigt, Wie wer da geht von Ehrfurcht eingenommen, "Du, welcher vor dem Tod herniedersteigt," Begann er nun, "welch Schicksal führt dein Streben? Und wer ist der, der dir die Pfade zeigt?" "Dort oben," sprach ich, "in dem heitern Leben War ich, eh’ reif mein Alter, ohne Rat Verirrt und rings von einem Tal umgeben. Aus dem ich eben gestern morgens trat. Zurück ins Tal wollt’ ich, da kam mein Leiter Und führt mich wieder heim auf diesem Pfad." Drauf sprach er: "Folgst du deinem Sterne weiter. Dann, wenn ich recht bemerkt im Leben, schafft Er dich zum Hafen, ehrenvoll und heiter. Und hätte mich der Tod nicht weggerafft, Hart’ ich, da dir so hold die Sterne waren, Dich selbst zum Werk gestärkt mit Mut und Kraft. Doch jenem Volk von schnöden, Undankbaren, Das niederstieg von Fiesole und fast Des Bruchsteins Härte noch scheint zu bewahren, Ihm bist du, weil du wacker tust, verhaßt; Mit Recht, weil übel stets zu Dorngewinden Mit herber Frucht die süße Feige paßt. Man heißt sie dort nach altem Ruf die Blinden, Voll Geiz, Neid, Hochmut, faul an Schal’ und Kern-- Laß rein dich stets von ihren Sitten finden, So großen Ruhm bewahrt dir noch dein Stern, Daß beide Teile hungrig nach dir ringen, Doch dieses Kraut bleibt ihrem Schnabel fern. Das Fiesolaner Vieh mag sich verschlingen, Sich gegenseits, doch nie berühr’s ein Kraut, Kann noch sein Mist hervor ein solches bringen, In dem man neubelebt den Samen schaut Von jenen Römern, welche dort geblieben. Als man dies Nest der Bosheit auferbaut." "War einst, was ich gewünscht, des Herrn Belieben," Entgegnet’ ich, "gewiß, ihr wäret nicht Noch aus der menschlichen Natur vertrieben. Das teure, gute Vaterangesicht, Noch seh’ ich’s vor betrübtem Geiste schweben, Noch denk’ ich, wie ihr mich im heitern Licht Gelehrt, wie Menschen ew’gen Ruhm erstreben, Und wie mir dies noch teuer ist und wert, Soll kund, solang’ ich bin, die Zunge geben. Was ihr von meiner Laufbahn mich gelehrt, Bewahr’ ich wohl--Werd’ ich die Herrin schauen Nebst anderm Text wird mir auch dies erklärt. Dem aber, will ich, sollt ihr fest vertrauen: Ist’s nur mit dem Gewissen wohlbestellt, Dann macht kein Schicksal, wie’s auch sei, mir Grauen. Mir ist nicht neu, was eure Red’ enthält. Doch mag der Bauer seine Hacke schwingen Und seinen Kreis das Glück, wie’s ihm gefällt." Rechts kehrte sich Virgil, indem wir gingen, Nach mir zurück und sah mich an und sprach: "Gut hören, die’s behalten und vollbringen." Ich aber ließ drum nicht im Sprechen nach, Und wünschte die berühmtesten zu kennen Von den Genossen dieser Pein und Schmach. Drauf Herr Brunett: "Gut ist es, ein’ge nennen, So wie von andern schweigen löblich scheint, Auch würd’ ich nicht von allen sagen können. Gelehrte sind und Pfaffen hier vereint Von großem Ruf, die einst besudelt waren Mit jenem Fehl, den jeder nun beweint. Franz von Accorso geht in diesen Scharen, Auch Priscian, und war dir’s nicht zu schlecht, Vorhin so schnöden Aussatz zu gewahren, So sahst du jenen, den der Knechte Knecht Zwang, nach Vicenz vom Arno aufzubrechen, Allwo der Tod sein toll Gelüst gerächt. Gern sagt’ ich mehr--doch mit dir gehn und sprechen Darf ich nicht länger, denn schon hebt sich dicht Ein neuer Rauch auf jenen sand’gen Flächen. Auch naht hier Volk, von dem mich das Gericht Geschieden hat--Mein Schatz sei dir empfohlen, Ich leb’ in ihm noch--mehr begehr’ ich nicht." Hier wandt’ er sich, die andern einzuholen, Wie nach dem Ziel mit grünem Tuch geziert. Der Veroneser läuft mit flücht’gen Sohlen, Und schien, wie wer gewinnt, nicht wer verliert

Sechzehnter Gesang

Ich war am Ort, wo’s widerhallend brauste Vom Wasser, das da stürzt’ ins nächste Tal, Als ob ein Schwarm von Bienen summt’ und sauste; Da rannten Schatten her, drei an der Zahl, Und trennten sich von einer größern Bande, Die hinlief durch des Feuerregens Qual, Und schrien: "Halt du, wir sehn es am Gewande Dir deutlich an, du bist hierher versetzt Aus unserm eignen schnöden Vaterlande." Ach, alt’ und neue Wunden, eingeätzt Von Flammen, sah ich nun in ihrem Fleische, Und noch voll Mitleid denk’ ich ihrer jetzt. Mein Meister horcht’ auf dieses Schmerzgekreische Und sah mich an und sprach: "Hier harren wir! Bedenke jetzt, was Höflichkeit erheische. Denn wäre nicht der Feuerregen hier, Nach der Natur des Orts, so würd’ ich sagen: Die Eile zieme, mehr als ihnen, dir." Ich stand und hörte neu ihr altes Klagen; Zu uns gekommen waren alle nun, Da sah ich sie sich selbst im Kreise jagen. Wie nackende gesalbte Kämpfer tun, Die Griff und Vorteil zu erforschen pflegen, Indessen noch die Püff’ und Stöße ruh’n; So sah ich sie im Kreise sich bewegen, Mir immerdar das Antlitz zugewandt, Und Hals und Fuß an Richtung sich entgegen. Und einer sprach: "Wenn dieser lockre Sand Und unsre Not uns nicht verächtlich machte. Und unsre Haut, so rußig und verbrannt, Dann unser Flehn, ob unsers Rufs, beachte; Sprich, wer bist du? Wie lebend hier erscheinst? Und was dich sicher her zur Hölle brachte? Der, welchem du mich folgen siehst, war einst, Muß er auch nackt hier und geschunden rennen. Von höherm Range wohl, als du vermeinst. Wer hörte nicht Gualdradas Enkel nennen, Den Guidoguerra, dessen Schwert und Geist Wohl Puglia und Florenz als tüchtig kennen? Der hinter mir den lockern Sand durchkreist, Tegghiajo ist’s, des Rat man noch auf Erden, Obwohl man ihm nicht folgt’, als heilsam preist. Ich, ihr Genoss’ in schrecklichen Beschwerden, Bin Jakob Rusticucci, und mich ließ Mein böses, wildes Weib so elend werden."-- Wenn irgend was vor’m Feuer Schutz verhieß. So stürzt’ ich gern mich unter sie hernieder, Auch litt, so glaub’ ich, wohl mein Meister dies. Allein verbrannt hätt’ ich auch meine Glieder, Drum unterdrückte Furcht in mir die Lust, Die Jammervollen zu umarmen, wieder. "Nicht der Verachtung bin ich mir bewußt," Begann ich, "nur des Leids für euch Geplagte, Und schwer verwinden wird es meine Brust. Ich fühlt’ es, als mein Herr mir Worte sagte, Durch welche mir es deutlich ward und klar, Daß, wer hier komme, hoch auf Erden ragte. Ich bin aus eurer Stadt, und nimmerdar Wird eures Tuns ruhmvoll Gedächtnis schwinden, Das immer mir auch lieb und teuer war. Ich lieߒ die Gall, um süße Frucht zu finden, Die mein wahrhafter Führer prophezeit, Doch muß ich erst zum Mittelpunkt mich winden." "Soll lang’ noch deine Seele das Geleit Der Glieder sein," so sprach nun er dagegen, "Soll leuchten noch dein Ruf nach deiner Zeit, So sage mir, bewohnen, wie sie pflegen, Wohl unsre Stadt noch Kraft und Edelmut? Sind sie verbannt und völlig unterlegen? Denn Borsiere, welcher diese Glut Seit kurzem teilt, und dort mit andern schreitet, Erzählt’ uns manches, was uns wehe tut!--" "Neu Volk und schleuniger Gewinn verleitet Zu Unmaß dich und Stolz, der dich betört, Florenz, und dir viel Leiden schon bereitet!" Ich rief’s, das Aug’ emporgewandt, verstört. Starr sah’n die drei sich an bei meinen Reden, Wie man sich anstarrt, wenn man Wahrheit hört. "Wir wünschen Glück, wenn du so wohlfeil jeden Abfert’gen kannst," war aller Gegenwort, "Und dir’s bekommt, nach Herzenslust zu reden. Entkommst du einst aus diesem dunkeln Ort Und siehst den Sternenglanz, den schönen, süßen, Und sagst dann froh und heiter: Ich war dort, Vergiß dann nicht, die Welt von uns zu grüßen!"-- Hier aber brachen sie den Kreis und floh’n Voll Eil’ und wie mit Flügeln an den Füßen. Eh’ man ein Amen ausspricht, waren schon Sie alle drei aus meinem Blick verschwunden. Drum ging sogleich mein Meister auch davon. Ich folgt’ ihm nach, um Weitres zu erkunden, Worauf uns bald des Stroms Gebraus erklang, So nah, daß wir uns sprechend kaum verstunden. Gleich jenem Flusse mit dem eignen Gang, Des Fluten ostwärts vom Berg Veso toben. Vom Apennin an seinem linken Hang; Das stille Wasser heißt er erst dort oben, Dann senkt er sich und wird bei Forli bald Des ersten Namens wiederum enthoben-- Des Sturz dort ob Sankt Benedikt erschallt. Wo seine Wellen in den Abhang brausen, Der groß für Tausend ist zum Aufenthalt: So brach von einem Felsenhang voll Grausen Der rotgefärbte Fluß sich brüllend Bahn, Und kaum ertrug das Ohr sein wildes Sausen. Mit einem Stricke war ich umgetan, Und manches Mal mit diesem Gurte dachte Ich das gefleckte Panthertier zu seh’n. Nachdem ich los von mir den Gürtel machte, Wie ich vom Führer mir geboten fand, Macht’ ich ein Knäuel draus, das ich ihm brachte. Er aber kehrte dann sich rechter Hand Und schleuderte zum tiefen Felsenschlunde Das Knäul hinunter ziemlich weit vom Rand. "Entsprechend", dacht’ ich, "muß die neue Kunde Dem neuen Wink und diesem Blicke sein, Womit mein Meister schaut zum tiefen Grunde." Stets präge doch der Mensch sich Vorsicht ein Mit solchen, die des Herzens Sinn erspähen, Und nicht sich halten an die Tat allein. Er sprach: "Bald werden wir auftauchen sehen, Was ich erwart’; und das, was du gedacht, Wird deutlich bald vor deinen Blicken stehen." Bei Wahrheit, die der Lüge gleicht, habt acht, Soviel ihr könnt, euch nimmer auszusprechen, Sonst werdet ihr ohn’ eure Schuld verlacht. Doch kann ich mich zu reden nicht entbrechen Und schwör’, o Leser, dir, bei dem Gedicht, Dem nimmer möge Huld und Gunst gebrechen: Ich sah durch jene Lüfte schwarz und dicht Ein Bild, nach oben schwimmend, sich erheben, Dem Kühnsten wohl ein wunderbar Gesicht-- Wie jemand kehrt, der sich hinabbegeben. Den Anker, der im Felsenrisse steckt, Zu lösen, wenn er sich beim Aufwärtsstreben Von unten einzieht und nach oben streckt.

Siebzehnter Gesang

Sieh hier das Untier mit dem spitzen Schwanze, Der Berge spaltet, Mauer bricht und Tor! Sieh, was mit Stank erfüllt das große Ganze! So hob mein Führer seine Stimm’ empor Und rief mit seinem Wink das Tier zum Rande, Bis nah zu unserm Marmorpfade vor. Da kam des Truges Greuelbild zum Lande Und schob den Kopf und dann den Rumpf heran, Doch zog es nicht den scharfen Schweif zum Strande. Von Antlitz glich es einem Biedermann Und ließ von außen Mild’ und Huld gewahren, Doch dann fing die Gestalt des Drachen an. Mit zweien Tatzen, die bedeckt mit Haaren, Und Rücken, Brust und Seiten, die bemalt Mit Knoten und mit kleinen Schnörkeln waren; Vielfarbig, wie kein Werk Arachnes strahlt, Wie, was auch Türk und Tatar je gewoben, So bunt doch nichts an Grund und Muster prahlt. Wie man den Kahn, im Wasser halb, halb oben, Am Lande sieht an unsrer Flüsse Strand, Und wie, zum Kampf den Vorderleib erhoben. Der Biber in der deutschen Fresser Land; So sah ich jetzt das Ungeheuer, ragend Und vorgestreckt auf unsers Dammes Rand, Wild zappelnd, mit dem Schweif durchs Leere schlagend, Und, mit der Skorpionen Wehr versehn, Die Gabel windend und sie aufwärts tragend. Mein Führer sprach: Jetzt müssen wir uns dreh’n Und auf gewundnem Pfad zum Ungeheuer Dorthin, wo’s jetzo liegt, hinuntergehn. Nun führte rechter Hand mich mein Getreuer Nur wenig Schritt’ hinab am Rande fort, Den heißen Sand vermeidend und das Feuer. Und unten angelangt, erkannt’ ich dort Noch etwas vorwärts auf dem Sande Leute, Nah sitzend an des Abgrunds dunklem Bord, Mein Meister sprach: "Erkennen sollst du heute Den ganzen Binnenkreis mit seiner Pein, Drum geh und sieh, was jenes Volk bedeute. Doch kurz nur dürfen deine Worte sein. Ich will indes mich mit dem Tier vernehmen, Den starken Rücken uns zur Fahrt zu leih’n." So mußt’ ich einsam mich zu geh’n bequemen Am Rand des siebenten der Kreis’ und nahm Den Weg zum Sitze der betrübten Schemen. Aus jedem Auge starrte Schmerz und Gram, Indes die Hand, jetzt vor dem heißen Grunde, Jetzt vor dem Dunst dem Leib zu Hilfe kam. So scharren sich zur Sommerzeit die Hunde, Wenn Floh sie oder Flieg’ und Wespe sticht, Jetzt mit dem einen Fuß, jetzt mit dem Munde. Die Augen wandt’ ich manchem ins Gesicht, Der dort im Feuer saß und heißer Asche; Und keinen kannt’ ich, doch entging mir nicht, Vom Halse hänge jedem eine Tasche, Bezeichnet und bemalt, und wie voll Gier Nach diesem Anblick noch ihr Auge hasche. Ich sah, wie ich genaht, ein blaues Tier Auf gelbem Beutel, wie auf einem Schilde, Das schien ein Leu an Kopf und Haltung mir. Dann blickt’ ich weiter durch dies Qualgefilde, Und sieh, ein andrer Beutel, blutigrot, Zeigt’ eine butterweiße Gans im Bilde. Ein blaues Schwein auf weißem Sacke bot Sich dann dem Blick, und seine Stimm’ erheben Hört’ ich den Träger: "Du hier vor dem Tod? Fort! Fort! Doch wisse, weil du noch am Leben Bald findet mir mein Nachbar Vitalian, Zur Linken seinen Sitz, hier gleich daneben. Oft schrei’n mich diese Florentiner an, Mich Paduaner, mir zum größten Schrecken: Möcht’ aller Ritter Ausbund endlich nah’n! Wo mag doch die Dreischnabeltasche stecken?"-- Hier zerrt’ er’s Maul schief, und die Zunge zog Er vor, gleich Ochsen, so die Nase lecken. Schon fürchtet’ ich, da ich so lang verzog, Den Zorn des Meisters, der auf Eil’ gedrungen, Daher ich schnell mich wieder rückwärts bog. Auch fand ich, daß er schon sich aufgeschwungen Und auf das Kreuz des Ungetüms gesetzt. Er sprach: "Stark sei dein Mut und unbezwungen! Hinunter geht’s auf solcher Leiter jetzt. Steig vorn nur auf, ich will inmitten sitzen. Daß dich des Schwanzes Stachel nicht verletzt." Wie wer mit totenkalten Fingerspitzen Das Fieber nahen fühlt und doch nicht wagt, Wenn er schon zitternd bebt, sich zu erhitzen, So wurd’ ich jetzt bei dem, was er gesagt, Doch machte mich die Scham, gleich einem Knechte, Wenn ihm ein güt’ger Herr droht, unverzagt. Drum setzt’ ich auf dem Untier mich zurechte. Und bitten wollt’ ich (doch erstarb der Ton), Daß er mich halten und umfassen möchte. Doch er, der oft bei der Dämonen Droh’n Mich unterstützt und der Gefahr entzogen, Umfaßte mich mit seinen Armen schon. Und sprach: "Geryon, auf! Nun fortgeflogen! Allein bedenke, wen dein Rücken trägt, Drum steige sanft hinab in weiten Bogen." Wie rückwärts sich vom Strand der Kahn bewegt, Schob sich’s vom Damm, doch, kaum hinabgeklommen, Ward dann im freien Spielraum umgelegt. Als, wo die Brust war, nun der Schweif gekommen, Ward dieser, wie ein Aalschweif, ausgestreckt, Und mit dem Tatzenpaar die Luft durchschwommen. So, glaub’ ich, war nicht Phaethon erschreckt, Als einst die Zügel seiner Hand entgingen, Beim Himmelsbrand, des Spur man noch entdeckt; Noch Icarus, als von erwärmten Schwingen Das Wachs herniedertroff, bei Dädals Schrei’n: Dein Weg ist schlecht, dein Flug wird nicht gelingen; Wie ich, nichts sehend, als das Tier allein, Und rings umher von öder Luft umfangen, Wo nie entglomm des Lichtes heitrer Schein. Daß wir uns langsam, langsam niederschwangen, Im Bogenflug, bemerkt’ ich nur beim Weh’n Der Luft von unten her an Stirn und Wangen. Rechts hört’ ich schon das Wirbeln und das Dreh’n Des Wasserfalls und sein entsetzlich Brausen, Und bog mich vorwärts, um hinabzusehn. Doch schüchtern wieder bei des Abgrunds Sausen, Bei Klag’ und Glut, die ich vernahm und sah, Duckt’ ich mich hin und zitterte vor Grausen. Was ich erst nicht gesehn, das sah ich da: Wie wir im weiten Kreis hinunterstiegen. Und sah mich überall den Qualen nah-- Gleich wie ein Falk, wenn er, nach langem Wiegen In hoher Luft, nicht Raub noch Lockbild steht, Und ihn der Falkner ruft, herabzufliegen, So schnell er stieg, so langsam niederzieht Und, zürnend, wenn der Herr ihn eingeladen, Im Bogenflug zum fernen Sitze flieht; So setzt’ uns an den steilen Felsgestaden Geryon ab und flog in großer Eil’, Sobald er nur sich unsrer Last entladen, Hinweg, gleich einem abgeschnellten Pfeil.

Achtzehnter Gesang

Ein Ort der Hölle, namens Übelsäcken, ist eisenfarbig, ganz erbaut von Stein, So auch die Dämme, die ringsum ihn decken. Grad’ in der Mitte dieses Lands der Pein Gähnt hohl ein Brunnen, weit, mit tiefem Schlunde. Von dem wird seines Orts die Rede sein. Und zwischen Höhl’ und Felswand gehn im Runde Rings so die Dämme, daß der Täler zehn Abschnitte bilden in dem tiefen Grunde. Wie um ein Schloß mehrfache Gräben gehn. Dahinter wohlverwahrt die Mauern ragen Und sicherer den Feinden widerstehn; So war umgürtet dieser Ort der Plagen; Und wie man Brücken pflegt zum andern Strand Aus solcher festen Schlösser Tor zu schlagen, So sprangen Zacken aus der Felsenwand, Durchschnitten Wäll’ und Gräben erst und gingen. Wie Räderspeichen, bis zum Brunnenrand. Kaum konnten wir vom Kreuz Geryons springen, So ging links hin mein Meister und befahl Auch mir, auf seinen Spuren vorzudringen. Und ganz erfüllt sah ich das erste Tal Rechts, wohin Klagen meine Blicke riefen. Von neuen Peinigern und neuer Qual. Es waren nackte Sünder in den Tiefen, Geteilt, denn hier zog gegen uns die Schar, Und dort mit uns, nur daß sie schneller liefen; Gleichwie man pflegt in Rom beim Jubeljahr Zum Übergang die Brücke herzurichten Ob übergroßen Andrangs, also zwar, Daß hier gewendet sind mit den Gesichten, Die zu Sankt Peter wallen, nach dem Schloß, Die andern dort sich nach dem Berge richten. Auf schwarzem Stein sprang hier und dort ein Troß Von Teufeln nach, von schrecklichen, gehörnten. Die schlugen wild auf sie von hinten los. Wie sie beim ersten Schlage laufen lernten! Wie sie, nicht harrend auf den zweiten Hieb, Mit jähen, langen Sprüngen sich entfernten! So fiel auf einen, den die Geißel trieb, Mein Auge jetzt hinab, bei dem ich dachte, Daß er nicht fremd mir auf der Erde blieb. Scharf blickt’ ich hin, damit ich ihn betrachte, Auch hielt mein Führer an, der’s zugestand, Daß ich zurück erst ein’ge Schritte machte. Zwar sucht’ er, bodenwärts den Blick gewandt, Mir mit Gestalt und Angesicht zu geizen, Doch rief ich, da ich dennoch ihn erkannt: "Wenn deine Züge nicht zum Irrtum reizen, So mein’ ich, daß du Venedigo seist; Doch weshalb steckst du so in scharfen Beizen?" "Nur ungern sag’ ich’s," sprach er drauf, "doch reißt Dein klares Wort mich hin, das mich bezwungen, Weil’s alte Zeit zurückführt meinem Geist. Ich bin’s, der in Ghifolen so gedrungen, Daß sie nach des Markgrafen Willen tat, Wie ganz entstellt auch das Gerücht erklungen. Und aus Bologna ist auf gleichem Pfad An diesen Qualort so viel Volk gekommen, Als jetzo diese Stadt kaum Bürger hat. Und sollte dir hierbei ein Zweifel kommen, So denk’, um sicher auf mein Wort zu bau’n. Wie Habsucht uns die Herzen eingenommen." Sprach’s, und ein Teufel kam, um einzuhau’n, Mit hochgeschwungner Geißel her und sagte: "Fort, Kuppler, fort, hier gibt’s nicht feile Frau’n." Zum Führer ging ich, da ich bebt’ und zagte, Und bald gelangten wir an einen Ort, Wo aus der Wand ein Felsen vorwärts ragte. Und dieser Zacken dient’ als Brücke dort; Leicht klommen beide wir hinauf und zogen Rechts hin aus jenen ew’gen Kreisen fort. Bald dort, wo unter uns der Fels als Bogen Sich höhlt’ und Durchgang der Gepeitschten war, Sprach er: "In gleicher Richtung fortgezogen, Sind wir bis jetzt mit jener zweiten Schar, Drum konnten wir sie nicht von vorne sehen. ietzt aber nimm die Angesichter wahr." Wir blieben nun am Rand der Brücke stehen Und sah’n den Schwarm, der uns entgegensprang, Denn eilig hieß die Geißel alle gehen. Da sprach mein Hort: "Sieh, noch mit Stolz im Gang, Den Großen, der sich keine Klag’ erlaubte, Dem aller Schmerz noch keine Trän’ entrang. So königlich noch an Gestalt und Haupte! Der Jason ist’s, der durch Verstand und Mut Das Widdervlies dem Volk von Kolchis raubte. Nach Lemnos kam er, als in ihrer Wut Die Frau’n, die glühend Eifersucht durchzuckte, Vergossen hatten aller Männer Blut; Wo er durch Worte, täuschend ausgeschmückte. Berückt Hypsipylen, das junge Herz, Die alle Frau’n von Lemnos erst berückte. Dort ließ er schwanger sie in ihrem Schmerz. Dies bracht’ ihn her; und gleiche Straf’ erheischen Medeas Leiden, einst ihm Spiel und Scherz-- Auch gehn mit ihm, die gleicherweise tauschen. Allein dies sei vorn ersten Tal genug Und denen, so die Geißeln drin zerfleischen." Im Kreuz den zweiten Damm durchschneidend, trug Der Felspfad uns, der, auf den Widerlagen Der Dämme, hier den andern Bogen schlug. Dort, aus dem zweiten Sack, klang dumpfes Klagen, Und Leute sah’n wir tief im Grunde sich Laut schnaufend mit den flachen Händen schlagen. Der Dämme Seiten waren schimmelig Vom untern Dunste, der wie Teig dort klebte. Für Aug’ und Nase feindlich widerlich. Doch vor dem Blick, so sehr ich forschte, schwebte; Noch dunkle Nacht, weil tief der Abgrund ist, Bis ich des Felsenbogens Höh’ erstrebte. Von hier, wo erst der Blick die Tiefe mißt. Sah ich viel Leut in tiefem Kote stecken, Und, wie mir’s vorkam, war es Menschenmist. Ich forscht’ und sah ein Haupt sich vorwärts strecken, Doch ganz beschmutzt mit Kot, drum könnt’ ich nicht, Ob’s Lai’, ob Pfaffe sei, genau entdecken. Da schrie er her: "Was bist du so erpicht, Mich mehr als andre Schmutz’ge zu gewahren?" Und ich: "Weil, ist mir recht, ich dein Gesicht Bereits gesehm, allein mit trocknen Haaren. Alex, Interminei heißest du, Drum seh’ ich mehr auf dich als jene Scharen." Und er, die Stirn sich schlagend, rief mir zu: "Mich stürzte Schmeichelei herab zur Hölle, Die ich dort übte sonder Rast und Ruh’." Da sprach zu mir mein guter Meister: "Stelle Dich etwas vor, und in die Augen fällt Dir eine schmutz’ge Dirn’ an jener Stelle. Sieh die Zerzauste, die sich kratzt und krellt Mit kot’gen Nägeln, jetzt aufs neue greulich im Mist versinkt und jetzt sich aufrecht stellt, Die Hure Thais ist’s, jetzt so abscheulich. Fragt’ einst ihr Buhl: "Steh’ ich in Gunst bei dir?" Versetzte sie: "Ei, ganz erstaunlich! Freilich!" Doch sei gesättigt unsre Schaulust hier.

Neunzehnter Gesang