Die Göttliche Komödie

Chapter 32

Chapter 323,239 wordsPublic domain

So sah ich denn, geformt als weiße Rose, Die heil’ge Kriegsschar, die als Christi Braut Durch Christi Blut sich freut in seinem Schoße. Allein die andre, welche, fliegend, schaut’ Und singt des Ruhm, der sie in Lieb’ entzündet, Die Huld, die hehre Kraft ihr anvertraut, Sie senkt, ein Bienenschwarm, der jetzt ergründet Der Blüten Kelch, jetzt wieder dorthin eilt, Wo würz’ger Honigseim sein Tun verkündet, Sich in die Blum’, im reichen Kelch verteilt, Und flog dann aufwärts aus dem schönen Zeichen, Dorthin, wo ihre Lieb’ all-ewig weilt; Lebend’ger Flamm’, ihr Antlitz zu vergleichen, Die Flügel Gold, das andre weiß und rein, So daß nicht Reif noch Schnee den Glanz erreichen. Und in die Rose zog von Reih’n zu Reih’n Frieden und Glut, von ihnen eingesogen Im Flug zur Hohe, stets mit ihnen ein. Und, ob sie zwischen Blum’ und Höhe flogen, Doch ward durch die beschwingte Menge nicht Des Höchsten Blick und Glanz der Ros’ entzogen. Denn so durchdringend ist das höchste Licht, Das seinen Schimmer nach Verdienste spendet, Daß nichts im Weltenall es unterbricht. Dies Freudenreich, gesichert und vollendet, Bevölkert von Bewohnern, neu und alt, Hielt Lieb’ und Blick ganz auf ein Ziel gewendet. O dreifach Licht, du, einem Stern entwallt, Dort, wo man dich schaut, sel’gen Frieden hegend, Schau’ her auf uns, die wilder Sturm umbaut.-- Wenn die Barbaren, kommend aus der Gegend, Die stets die Bärin deckt, in gleicher Bahn Sich mit dem lieben Sohn im Kreis bewegend, Zu jenen Zeiten, als der Lateran Die Welt beherrscht’, von Staunen überwunden, Rom und der Römer große Werke sah’n; Wie ich, der ich, dem Menschlichen entwunden, Zum Höchsten kam, von Zeit zur Ewigkeit, Von Florenz zu Gerechten und Gesunden, Wie mußt’ ich staunen solcher Herrlichkeit? Lust fühlt’ ich, nicht zu sprechen, nichts zu hören, Geteilt in Staunen und in Freudigkeit. Gleichwie ein Pilgrim, der sein lang Begehren Im Tempel des Gelübdes, schauend, letzt, Und hofft von ihm einst andre zu belehren; So war ich, zum lebend’gen Licht versetzt, Den Blick, lustwandelnd, durch die Stufen führend, Jetzt auf, jetzt nieder und im Kreise jetzt. Gesichter sah ich hier, zur Liebe rührend, In fremdem Licht und eignem Lächeln schön, Gebärden, sich mit jeder Tugend zierend. Im allgemeinen könnt’ ich schon ersehn, Wie sich des Paradieses Form gestalte, Doch blieb mein Blick noch nicht beim einzlen stehn; Und da mir neuer Wunsch im Herzen wallte, So kehrt’ ich, um zu fragen, mich nach ihr, Wie das, was ich nicht einsah, sich verhalte. Sie fragt’ ich, und ein andrer sprach zu mir. Sie suchend, fand ich mich bei einem Greise, Gekleidet in der andern Sel’gen Zier. Auf Aug’ und Wang’ ergoß sich gleicherweise So Gut’ als Freude--fromm war Art und Tun, Wie’s Vätern ziemt, in lieber Kinder Kreise. "Und wo ist sie?" so sprach ich eilig nun. Drum er: "Beatrix hat mich hergesendet Von meinem Platz, um dir genugzutun. Du wirst, den Blick zum dritten Sitz gewendet Des höchsten Grads, sie auf dem Throne schau’n, Der ihren Lohn für ihr Verdienst vollendet." Ohn’ Antwort hob ich rasch die Augenbrau’n-- Sah sie--sah ew’ge Strahlen ihr entwallen Im Widerschein und ihr die Krone bau’n. Vom Raum, aus dem die höchsten Donner hauen, War nimmer noch ein Menschenblick so weit, Und war’ er auch ins tiefste Meer gefallen, Als ich von meiner Herrin Herrlichkeit, Doch sah ich klar ihr Bildnis niederschweben Rein, unvermischt, in lichter Deutlichkeit. "O Herrliche, du, meiner Hoffnung Leben, Du, der’s zu meinem Heile nicht gegraut, Dich in den Schlund der Hölle zu begeben, Dir dank’ ich alles, was ich dort geschaut, Wohin du mich durch Macht und Güte brachtest, Und deine Gnad’ und Tugend preis’ ich laut. Die du zum Freien mich, den Sklaven, machtest, Mir halfst auf jedem Weg, in jeder Art, Die du zu diesem Zweck geeignet dachtest, Hilf, daß, was du geschenkt, mein Herz bewahrt, Damit sich dir die Seele dort geselle, Die Seele, die gesund durch dich nur ward." So fleht’ ich heiß--und sie, von ferner Stelle, Sie lächelte, wie’s schien, und sah mich an, Dann schaute sie zurück zur ew’gen Quelle. "Damit du ganz vollendest deine Bahn," Begann der Greis, "auf der dich fortzuleiten Ich Auftrag von der heil’gen Lieb’ empfah’n, Laß deinen Blick durch diesen Garten gleiten, Denn stärken wird dir dies des Auges Sinn, Und ihn auf Gottes Strahlen vorbereiten. Und sie, die mich entflammt, die Königin Des Himmels, läßt uns ihre Gnade frommen, Weil ich ihr vielgetreuer Bernhard bin." Wie der, der von Kroatien hergekommen, Um unser Schweißtuch zu betrachten, nicht Satt wird, zu sehn, wovon er längst vernommen, Und, wenn man’s zeigt, zu sich im Innern spricht: Herr Jesus Christus, wahrer Gott, hienieden War wirklich so geformt dein Angesicht? So ich, als mir der Anblick ward beschieden Der Liebe dessen, der in dieser Welt, Betrachtend, schon gekostet jenen Frieden. Er sprach: "Was Schönes dieses Reich enthält, Wird, Sohn der Gnade, sich dir nimmer zeigen, Wenn sich dein Blick nur tief am Grunde hält. Doch laß den Blick von Kreis zu Kreise steigen, Bis daß er sich zur Königin erhöht, Vor der sich fromm des Himmels Bürger neigen." Aufschaut’ ich, und, wie, wenn die Früh’ ersteht, Der Ost den Himmelsteil mit goldnen Strahlen Besiegt, in dem die Sonne niedergeht, So, steigend mit dem Blick, wie wir aus Taten Die Berg’ ersteigen, sah ich einen Ort Im höchsten Rand all andres überstrahlen. Und als ob früh der Ost, da, wo sofort Die Sonne steigen soll, sich mehr entflamme, Wenn sich das Licht vermindert hier und dort; So sah ich jene Friedens-Oriflamme Inmitten mehr erglüh’n, und bleicher ward Bei ihrem Glanz der andern Lichter Flamme. Ich sah viel tausend Engel, dort geschart, Sie feiernd, mit verbreitetem Gefieder, Verschieden jeglichen an Glanz und Art. Und Schönheit lachte bei dem Klang der Lieder Und bei dem Spiel und strahlt’ in Seligkeit Aus aller andern Sel’gen Augen wieder. Und reichte meiner Sprache Kraft so weit, Als meine Phantasie, doch nie beschriebe Ich nur den kleinsten Teil der Herrlichkeit. Bernhard, bemerkend, daß mit heil’gem Triebe An seiner glüh’nden Glut mein Auge hing, Erhob auch sein’s zu ihr mit solcher Liebe, Daß mein’s zum Schauen neue Glut empfing.

Zweiunddreißigster Gesang

Indes sein Blick nach seiner Wonne flammte, Tat er mit heil’gem Wort mir dieses kund, Sich unterziehend freiem Lehreramte: "Sie zu Mariens Fuß, die euch gesund Und heil gemacht, die Erste dort der Frauen, Die Schönste, die euch krank gemacht und wund. Im Range, den die dritten Sitze bauen, Wirst du sodann die Rahel unter ihr, Mit Beatricen, deiner Herrin, schauen. Sara, Rebekka, Judith zeigen dir Sich mit des Ahnfrau, der im Bußgesange Voll Reu’ ausrief: Herr, schenk’ Erbarmen mir! Absteigend stufenweis von Rang zu Range, Gereiht, wie Kunde dir mein Wort verlieh, Von Blatt zu Blatt mit ihrer Namen Klange. Hebräerfrau’n, vom siebten Kreis ab, wie Bis hin zu ihm, ward dieser Sitz zuteile, Und dieser Blume Locken scheiden sie, Weil sie, wie gläubig sich der Blick zum Heile, Das Christus gab, gewandt, als Mauer stehn, Daß sich durch sie die heil’ge Stiege teile. Hier, wo die Blume reich und voll und schön Entfaltet ist, hier sitzen die Verklärten, Die gläubig auf den künft’gen Christ gesehn. Dort, wo noch leerer Raum für viel Gefährten Im Halbkreis ist, dort sitzen die gereiht, Die ihren Blick auf den Gekommnen kehrten. Wie hier der Fürstin Stuhl in Herrlichkeit Und unter ihr die ändern zu gewahren, Und wie sie bilden solchen Unterscheid; So dort der Stuhl des Täufers, der erfahren, Der immer Heil’ge, Wüst’ und Märtyrpein Und dann der Hölle Nacht in zweien Jahren. Franz, Benedikt und Augustin--sie reih’n Sich unter ihm, die Scheidewand zu bauen, Mit andern unterhalb von Reih’n zu Reih’n. Hier magst du Gottes hohe Vorsicht schauen, Denn Glaube, welcher vor- und rückwärts sieht, Erfüllt gleich zahlreich diese Gartenauen. Und von der Stieg’ abwärts, die dies Gebiet In zwei geschieden, sitzen solche Seelen, Die eigenes Verdienst nicht herbeschied, Nein, fremdes--nur darf der Beding nicht fehlen-- Denn hier sind alle, die dem Leib entfloh’n, Bevor sie noch vermochten, selbst zu wählen. Dies merkst du an den Angesichtern schon Und an den Stimmen, die noch kindlich klingen, Wenn du wohl spähst und horchst auf ihren Ton. Noch seh’ ich schweigend dich mit Zweifeln ringen, Doch lösen werd’ ich dir das feste Band, Mit welchem dich die Grübelei’n umschlingen. Aus unsers ew’gen Königs weitem Land Ist auch des kleinsten Zufalls blindes Walten, Wie Hunger, Durst und Traurigkeit, verbannt. Nach ewigem Gesetz muß sich gestalten Was du hier siehst, und muß sich, wie der Ring Zum Finger paßt, so unter sich verhalten. Daher auch, wer dem Truge früh entging Und zu der Wahrheit kam, nicht ohne Gründe Mehr oder minder Herrlichkeit empfing. Der Fürst, durch den dies Reich, entrückt der Sünde, In solcher Lieb’ und solcher Wonne ruht, Daß keiner ist, des Wille höher stünde, Verteilt den Seelen, seiner heitern Glut Entstammt, nach eigner Willkür seine Gaben; Und g’nüge hier, was kund die Wirkung tut. Und hiervon legt in jenen Zwillingsknaben Die Heil’ge Schrift ein deutlich Beispiel dar, Die sich bekämpft im Leib der Mutter haben. Und also krönt der Gnade Schein ihr Haar, Und also scheint das höchste Licht in ihnen Nach ihrem Werte mehr und minder klar. Verschieden, nicht nach dem, was sie verdienen, Sind sie von Grad zu Grade hier gestellt, Nur wie auf sie des Schöpfers Huld geschienen. So g’nügt’ es in der Jugendzeit der Welt Unschuld’gen, um zum Heile zu gelangen, Daß Glaubenslicht der Eltern Geist erhellt. Dann mußte, wie die erste Zeit vergangen, Was männlich war, zuvor zur Seligkeit Durch die Beschneidung noch die Kraft empfangen. Doch, als gekommen war der Gnade Zeit, Blieb ohne die vollkommne Taufe Christi Die Unschuld in der ew’gen Dunkelheit. Jetzt schau’ ins Antlitz, das dem Antlitz Christi Am meisten gleicht, und deine Kraft erhoh’n Wird seine Klarheit zu dem Anschau’n Christi." Lust strahlt’ aus dem Gesicht, so klar und schön, Die er zu ihr durch jene Heil’gen schickte, Erschaffen, zu durchfliegen jene Höh’n, Daß nichts, was ich noch je zuvor erblickte, Mich also mit Bewunderung durchdrang, Nichts mich so sehr durch Gottes Bild erquickte. Die Liebe, die zuerst sich niederschwang, Verbreitete vor ihr jetzt das Gefieder, Indem sie--Sei begrüßt, Maria! sang. Und alsogleich antworteten die Lieder Der Sel’gen Geister diesem Himmelslied,-- Und heitrer strahlten rings die Wonnen wider. "O Heil’ger, du, den Lieb’ herniederzieht, Der du für mich dem süßen Ort entronnen, Wo ew’ge Vorsicht dir den Sitz beschied; Wer ist der Engel, der mit solchen Wonnen Im Blick Marias mit dem seinen ruht Und scheint an ihr in Liebe sich zu sonnen?" So wandt’ ich mich zu ihm mit heiterm Mut Und sah ihn in Marias Glanz entbrennen, Gleichwie den Morgenstern in Sonnenglut. Und er: "Was Seel’ und Engel haben können Von Zuversicht und Schönheit, er bekam Es ganz von Gott, wie wir’s ihm alle gönnen, Weil er zu ihr einst mit der Palme kam, Als Gottes Sohn die Lasten, die euch drücken, Nach seinem heil’gen Willen übernahm. Doch folge meinem Wort mit deinen Blicken, Und von dem frommen und gerechten Reich Wirst du den hohen Adel jetzt erblicken. Die zwei dort, an der höchsten Wonne reich, Weil sie die Nächsten sind der Benedeiten, Sind zweien Wurzeln dieser Rose gleich. Der Vater sitzt zu, ihrer linken Seiten, Des kühner Gaum der Menschheit fort und fort Zu kosten gibt so herbe Bitterkeiten. Sieh rechts der heil’gen Kirche Vater dort, Dem dieser Blume Schlüssel übergeben Auf Erden hat der Heiland, unser Hort. Und jener, welcher noch im Erdenleben Das Mißgeschick der schönen Braut erblickt, Die Wundenmal’ erwarben, sitzt daneben. Neben dem andern sitzt, in Ruh’ beglückt, Des Volkes Führer, das der Herr mit Manna Trotz Undanks, Tück’ und Wankelmuts erquickt Dort sitzt, dem Petrus gegenüber, Anna Und blickt die Tochter so zufrieden an, Daß sie den Blick nicht abkehrt beim Hosianna. Und gegenüber sitzt dem ersten Ahn Lucia, die die Herrin dir gesendet, Als du den Blick gesenkt zur schlimmen Bahn. Doch bald ist nun dein hoher Traum beendet, Drum tun wir, wie der gute Schneider tut, Der, soviel Zeug er hat, ins Kleid verwendet. Die Augen richten wir aufs höchste Gut Und dringen so, indem wir nach ihm sehen, So tief als möglich in die reine Glut. Gewiß, und nicht vielleicht, muß rückwärts gehen, Wer vorwärts hier die kühnen Flügel schwingt, Denn Gnad’ erlangt man hier allein durch Flehen; Gnade von jener, die dir Hilfe bringt, Und folgen wirst du mir, wenn deine Liebe Zu ihr empor mit meinem Worte dringt." Und also betet’ er mit brünst’gem Triebe:

Dreiunddreißigster Gesang

"O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohns, Demüt’ger, höher, als was je gewesen, Ziel, ausersehn vom Herrn des ew’gen Throns, Geadelt hast du so des Menschen Wesen, Daß, der’s erschaffen hat, das höchste Gut, Um sein Geschöpf zu sein, dich auserlesen. In deinem Leib entglomm der Liebe Glut, An der die Blume hier äu ew’gen Wonnen Entsprossen ist, in ew’gem Frieden ruht. Die Lieb’ entflammst du, gleich der Mittagssonnen, In diesem Reich; dort, in der Sterblichkeit, Bist du der frommen Hoffnung Lebensbronnen. Du giltst so viel, ragst so in Herrlichkeit, Daß Gnade Suchen und zu dir nicht flehen, Wie Flug dem Unbeflügelten gedeiht. Du pflegst dem Armen huldreich beizustehen, Der zu dir fleht, ja öfters pflegt von dir Die Gabe frei dem Fleh’n vorauszugehen. In dir ist Huld, Erbarmen ist in dir, In dir der Gaben Fülle--ja, verbunden. Was Gutes das Geschöpf hat, ist in dir. Er, der vom tiefsten Schlund sich eingefunden Des Weltalls hat, der Geister Art und Sein, Von Reich zu Reich zu sehn und zu erkunden, Er fleht zu dir, ihm Kräfte zu verleih’n, Daß er die Augen höher heben könne, Und seinen Blick für’s höchste Heil zu weih’n. Und ich, der ich mehr für sein Schauen brenne, Als für mein eignes je, wie dir bewußt, Ich fleh’, und das, was ich gefleht, vergönne! Nimm ihm der Erde Nacht von Aug’ und Brust Und flehe du für ihn, daß sich entfalten Vor seinen Augen mag die höchste Lust. Noch bitt’ ich, Königin, dich, die du walten Kannst, wie du willst, in ihm und solchem Sehn, Gesund des Herzens Neigung zu erhalten. Laß ihn der ird’schen Regung widerstehn; Sieh Beatricen, sieh so viel Verklärte Mit mir zugleich, die Hände faltend, fleh’n!" Die Augen, die Gott liebt und wert halt, kehrte Sie fest dem Redner zu und zeigte drin, Ihr sei das fromme Fleh’n von hohem Werte. Dann blickten sie zum ew’gen Lichte hin; Und einen Blick so klar dorthin zu senden Wie sie, vermag nicht des Geschöpfes Sinn. Dem Ziel, zu dem sich alle Wünsche wenden, Mich nähernd, fühlt’ in meinem Innern ich So, wie ich mußte, jede Sehnsucht enden. Und lächelnd winkte Bernhard mir, daß sich Mein Auge nun empor zum Höchsten richte; Doch, wie er wollte, war ich schon durch mich. Denn stets ward’s klarer mir vorm Angesichte, Und mehr und mehr drang durch den Glanz hinan Mein Blick zum hohen, in sich wahren Lichte. Und tiefer, größer war mein Schau’n fortan, Daß solchen Blick die Sprache nicht bekunden, Nicht die Erinnerung ihn fassen kann. Wie der, dem nach dem Traum, was er empfunden, Tief eingeprägt, das Herz noch lang erfüllt, Wenn das, was er geträumt, ihm schon entschwunden; So bin ich, dem beinah sein Traumgebild Entschwunden ist, und dem die Lust, geboren Aus jenem Traum, noch stets im Herzen quillt. So schmilzt der Schnee, wenn aus des Ostens Toren Die Sonn’ erwärmend steigt; so war beim Wind In leichtem Staub Sibyllas Spruch verloren.-- O höchstes Licht, das, was der Mensch ersinnt, So weit zurückläßt, leih itzt meiner Seele Ein wenig nur von dem, was ihr verrinnt. Mach’ itzt, daß Kraft die Zunge mir beseele, Damit ein Funke deiner Glorie nur Der Nachwelt bleib’ in dem, was ich erzähle. Wenn deine Huld von dem, was ich erfuhr, Nur schwachen Nachhall diesem Liede spendet, Dann sieht man klarer deiner Siege Spur. Mich hätte, glaub’ ich, ganz der Blitz geblendet, Den ich von dem lebend’gen Strahl empfand, Hätt’ ich von ihm die Augen abgewendet. Und ich erinnre mich: mein Mut erstand Durch ihn, die Blitze kühner zu ertragen, Bis sich mein Blick der ew’gen Kraft verband. O überreiche Gnad’! Ich dürft’ es wagen, Fest zu durchschau’n des ew’gen Lichtes Schein Und ins Unendliche den Blick zu tragen. Er drang bis zu den tiefsten Tiefen ein; Die Dinge, die im Weltall sich entfalten, Sah ich durch Lieb’ im innigsten Verein. Wesen und Zufall, ihre Weis’, ihr Walten, Dies alles war in eines Lichtes Glanz, In eines unvermischten Lichts, enthalten. Die Form, die allgemeine, dieses Bands, Ich sah sie, glaub’ ich; denn den Schatten gleichen Die Bilder nur, und Wonne füllt mich ganz. Mehr macht mein Bild ein Augenblick erbleichen, Als drittehalb Jahrtausende die Fahrt Der Argo nach Neptunus’ fernsten Reichen. Scharf, unbeweglich schaut’ in solcher Art Die Seele nach dem göttlichen Gesichte, Drob sie stets mehr im Schau’n entzündet ward. Und also wird man dort bei jenem Lichte, Daß es nicht sein kann, daß man, abgewandt Von ihm, je anderwärts die Augen richte, Weil es das Gut, des Wollens Gegenstand, Ganz in sich faßt und ärmlich und voll Schwächen All andres zeigt, was man vollkommen fand. Kurz werd’ ich nun von dem Geschauten sprechen, Und sprechend stell’ ich mich als Kindlein dar, Dem noch Erinnerung und Wort gebrechen. Nicht weil ein andrer jetzt, als einfach klar, Der Schimmer ward, zu dem mein Blick sich kehrte; Denn jener bleibt so, wie er immer war, Nur weil im Schau’n sich meine Sehkraft mehrte, Schien’s, daß verwandelt jener eine Schein, Sich mir, der selbst verwandelt war, verklärte. Zum tiefen, klaren Lichtstoff drang ich ein, Da schienen mir drei Kreise, dort zu sehen, Dreifarbig und an Umfang gleich zu sein. Wie Iris in der Iris glänzt, so zween Im Widerschein--der dritte, Glut und Licht, Schien gleich von hier aus und von dort zu wehen. Wie kurz, wie rauh mein Wort für solch Gesicht! Und dem, was zu erschau’n mir ward beschieden, Genügen wenig schwache Worte nicht. O ew’ges Licht, allein in dir in Frieden, Allein dich kennend und von dir erkannt, Dir selber lächelnd und mit dir zufrieden, Als ich zur Kreisform, die in dir entstand, Wie widerscheinend Licht, die Augen wandte, Und sie verfolgend mit den Blicken stand, Da schien’s, gemalt in seiner Mitt’ erkannte, Mit eigner Farb’, ich unser Ebenbild, Drob ich nach ihm die Blicke gierig spannte. Wie eifrig strebend, aber nie gestillt, Der Geometer forscht, den Kreis zu messen, Und nie den Grundsatz findet, welcher gilt; So ich beim neuen Schau’n--ich wollt’ ermessen, Wie sich das Bild zum Kreis verhielt’, und wie Die Züge mit dem Licht zufammenflössen. Doch dies erflog der eigne Fittich nie, Ward nicht mein Geist von einem Blitz durchdrungen, Der, was die Seel’ ersehnt hatt’, ihr verlieh. Hier war die Macht der Phantasie bezwungen, Doch Wunsch und Will’, in Kraft aus ew’ger Ferne, Ward, wie ein Rad, gleichmäßig umgeschwungen, Durch Liebe, die beweget Sonn’ und Sterne.

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