Chapter 31
Nachdem sie tadelnd mir das jetzge Leben Der armen Menschen wahrhaft kundgemacht, Sie, welche mir das Paradies gegeben, Da, dem gleich, der im Spiegelglas bei Nacht Der Fackel Schein sieht hinter sich entglommen, Bevor er sie gesehn und dran gedacht, Und rückblickt, ob das, was er wahrgenommen, Auch wirklich sei, und sieht, daß Glas und Tat So überein, wie Ton und Tonmaß, kommen; War ich, und seinem Tun gleich, was ich tat, Als ich ins Auge sah, woraus die Schlingen, Um mich zu sahn, die Lieb entnommen hat. Ich sah itzt das mir in die Augen dringen, Als ich die Blicke suchend rückwärts warf, Was die erspähn, die diesen Kreis erringen. Mir strahlt ein Punkt, so glanzentglüht und scharf, Daß nie ein Auge, das er mit dem hellen Glutschein bestrahlt, ihm offen trotzen darf. Ließ sich zu ihm das kleinste Sternlein stellen, Ein Mond erschien es, könnt es seinem Licht So nah wie Stern dem Stern sich beigesellen. So weit, als Sonn und Mond ein Hof umflicht, Vom eignen Glanz der beiden Stern entsprungen, Wenn sich in dichtem Dunst ihr Schimmer bricht, War um den Punkt ein Kreis, so schnell geschwungen In reger Glut, daß er auch überwand Den schnellsten Kreis, der rings die Welt umschlungen. Und dieser war vom zweiten rings umspannt, Um den der dritte dann, der vierte wallten, Die dann der fünfte, dann der sechst umwand. Drauf sah man sich den siebenten gestalten, So weit, daß Iris halber Kreis, auch ganz, Doch viel zu enge war, ihn zu enthalten. Dann wand der achte sich, der neunte Kranz, Je träger jeder Kreis im Schwung, je weiter Er ferne stand von jenem einen Glanz. Mehr ist des Kreises Flamme rein und heiter, Je minder fern er ist von seiner Spur, Und in der reinen Glut je eingeweihter. Sie, die, mich sehend, meinen Wunsch erfuhr, Sprach ungefragt: "Von diesem Punkte hangen Die Himmel ab, die sämtliche Natur. Sieh jenen Kreis, der ihn zunächst umfangen; Das, was ihn treibt, daß er so eilig fliegt, Es ist der heilgen Liebe Glutverlangen." Und ich zu ihr: "Wäre die Welt gefügt Nach dem Gesetz, das herrscht in diesen Kreisen, So hätte völlig mir dein Wort genügt. Doch in der Welt, der fühlbaren, beweisen Die Schwingungen je größre Göttlichkeit, Je ferner sie vom Mittelpunkte kreisen. Drum soll in diesem Bau voll Herrlichkeit, Im Tempel, den nur Lieb und Licht umschränken, Ich ruhig sein, von jedem Wunsch befreit, So sprich: Wie-kommts--ich kann mirs nicht erdenken Daß Abbild sich und Urbild nicht entspricht. Und andere Gesetze beide lenken?" "Genügt dein Finger solchem Knoten nicht, So ists kein Wunder--weil ihn zu entstricken Niemand versuchte, ward er fest und dicht." Sie sprachs, und dann: "Nimm, um dich zu erquicken, Das, was ich dir verkünden werd; allein Betracht es ganz genau mit scharfen Blicken. Ein Körperkreis muß weiter, enger sein, Je wie die Kraft, die sich durch seine Teile Gleichmäßig ausdehnt, groß ist oder klein. Die größre Güte wirkt in größerm Heile, Und größres Heil füllt größeres Gebiet, Ward jeder Gegend gleiche Kraft zuteile. Der Kreis drum, der das Weltall mit sich zieht In seinem Schwung, entspricht in seiner Weise Dem, der am meisten liebt, am tiefsten sieht. Darum, wenn du dein Maß dem Innern preise, Und nicht dem äußern Umfang angelegt Von dem, was dort erscheint, wie runde Kreise, So wirst du, zur Bewunderung erregt, Das Mehr und Minder sich entsprechen sehen In jedem Kreis und dem, was ihn bewegt." Wie rein das Blau erglänzt aus Äthers Höhen, Wenn Boreas Luft aus jener Backe stößt, Aus der gelinder seine Hauche wehen, So, daß vom Dunst gereinigt und gelöst, Der ihn getrübt, in seinen weiten Auen Der Himmel lächelnd jeden Reiz entblößt; So ward mir jetzt beim Worte meiner Frauen, Denn dieses ließ die Wahrheit mich so klar, Wie einen Stern am reinen Himmel schauen. Und als ihr heilges Wort beendet war, Da stellten anders nicht als siedend Eisen Sich jene Kreise, funkensprühend, dar. Die Funken folgten den entflammten Kreisen In größrer Meng, als durch Verdoppelung Schachfelder sich vertausendfacht erweisen. Dem festen Punkt, der sie ohn Änderung Dort, wo er sie erhält, auch wird erhalten, Scholl Lobgesang aus dieser Kreise Schwung. "Zwei Kreise sieh dem Punkt zunächst sich halten," Sie sprachs, stets wissend, was mein Geist ersinnt, "Und Seraphim und Cherubim drin walten. Sie folgen ihren Fesseln so geschwind, Um, wie sie können, ihm sich anzuschließen, Und können, wie sie hoch im Schauen sind. Die Gluten drauf, die diese rings umfließen, Die Throne sinds von Gottes Angesicht, Benannt, weil sie die erste Dreizahl schließen. So groß ist aller Wonn, als ihr Gesicht Tief in die ewge Wahrheit eingedrungen, Die alle Geister stillt mit ihrem Licht. Durch Schaun wird also Seligkeit errungen, Nicht durch die Liebe; denn sie folgt erst dann, Wenn sie dem Schaun, wie ihrem Quell, entsprungen. Und das Verdienst, das durch die Gnade man Und Willensgüt erwirbt, ist Maß dem Schauen. So steiget man von Grad zu Grad hinan. Die andre Dreizahl, die in diesen Auen Des ewgen Lenzes blüht, und welcher nie Das Laub entfällt bei nächtgen Widders Grauen, Singt ewig in dreifacher Melodie Hosiannagesang in dreien selgen Scharen, Und also eins aus dreien bilden sie. Herrschaften sinds, die erst sich offenbaren, Die Tugenden sind dann im zweiten Kranz, Im dritten sind die Mächte zu gewahren. Die Fürstentümer sieh zunächst im Tanz, Dann die Erzengel ihre Lieb erproben; Den letzten Kreis füllt Engelsfeier ganz. Die Ordnungen schaun allesamt nach oben; Nach unten wirken sie, was lebt, mit sich Zu Gott erhebend und zu ihm erhoben. Und Dionysius rang so brünstiglich, Damit sein Blick die Ordnungen betrachte, Daß er sie nannt und unterschied wie ich. Wahr ist es, daß Gregorius anders dachte, Doch er belächelte dann seinen Wahn. Sobald er erst in diesem Reich erwachte. Hat solch Geheimnis kund ein Mensch getan, So staune nicht; von ihm, der alles schaute, Hatt er davon auf Erden Kund empfahn, Der sonst auch viel vom Himmel ihm vertraute."
Neunundzwanzigster Gesang
So lang, wenn beide Kinder der Latone Bedeckt von Wag und Widder stehn, am Rand Des Horizonts, vereint in einer Zone, Die Wage des Zenit in gleichem Stand Sie beide zeigt, bis dann vom Gleichgewichte, Den Halbkreis tauschend, sie sich abgewandt: So lang, des Lächelns Glut im Angesichte, Sah schweigend fest den Punkt Beatrix an, Der meinen Blick besiegt mit seinem Lichte. "Ich red und frage nicht," so sprach sie dann, "Da, was du hören willst, ich dort erkenne Im Punkt, wo anhebt jedes Wo und Wann. Nicht daß er--was nicht sein kann--selbst gewönne, Nein, daß der Glanz von seiner Herrlichkeit Im Widerglanz ich bin verkünden könne, Hat er, der Ewge, außerhalb der Zeit Und des Begriffs, wies ihm gefiel, die Gluten Erschaffner Lieb an ewiger geweiht. Nicht daß, wie starr, erst seine Kräfte ruhten; Denn früher nicht und später nicht ergoß Der Geist des Herrn sich, schwebend ob den Fluten. Auch Form und Stoff, vermischt und rein, entsproß Zugleich, vortretend herrlich und vollkommen, Drei Pfeile von dreisehnigem Geschoß. Und wie im Widerschein des Strahls, vom Kommen Zum vollen sein, kein Zwischenraum zu sehn, Wenn rein Kristall im Sonnenglanz entglommen; So ließ der Herr hervor drei Strahlen gehn, All im vollkommnen Glanz zugleich gesendet, Und sonder Unterscheidung im Entstehn. Der Wesen Ordnung ward zugleich vollendet, Und hoch am Gipfel wurden die gereiht, Welchen er reine Tätigkeit gespendet. Die Tiefe ward reiner Empfänglichkeit, Empfänglichkeit und Tatkraft ist mittinnen, Verknüpft und nie von diesem Band befreit. Zwar Hieronymus läßt vom Beginnen Die Engel bis von dem der andern Welt Den Zeitraum von Jahrhunderten entrinnen; Doch läßt die Wahrheit, die ich dargestellt, Sich vielfach aus der Heilgen Schrift bewähren, Wies dir auch, wenn du wohl bemerkst, erhellt. Auch die Vernunft kann dies beinah erklären; Nicht konnten ja so lang, so folgert sie, Die Lenker des, was lenkbar ist, entbehren. Der Liebesschöpfung Wo und Wann und Wie Erkennst du--nun, so daß in dem Gehörten Dir schon dreifache Labung angedieh. Allein bevor man zwanzig zählt empörten Die Engel sich zum Teil, so daß sie nun Im Fall der Elemente trägstes störten. Die Bleibenden begannen drauf das Tun, Das du erkennst, so selig in Entzücken, Daß sie in ihrem Kreislauf nimmer ruhn. Grund war des Falls, daß jener sich berücken Von frevlem Hochmut ließ, der dir erschien, Dort, wo auf ihn des Weltalls Bürden drücken-- Die du bei Gott hier siehest, sahn auf ihn Bescheiden und mit Dank für seine Gaben, Da er nur Kraft zu solchem Schaun verliehn. Drum wurden sie zum Schauen so erhaben Durch Gnadenlicht und ihr Verdienst gestellt, Daß sie vollkommen festen Willen haben. Und zweifelfrei verkünd es einst der Welt: Verdienstlich ists, die Gnade zu empfangen, Je wie sich offen ihr die Lieb erhält. Jetzt, wenn ins Herz dir meine Lehren drangen, Errennst du ganz den englischen Verein Und brauchst nicht andre Hilfe zu verlangen. Doch weil den Engeln jene, die ihr Sein Auf Erden dort in Schulen euch erklären, Verstand, Erinnerung und Willen leihn, So zeig ich, um dich völlig zu belehren, Dir noch die Wahrheit rein und unbefleckt, Die jene dort verwirren und verkehren. Die Wesen, die des Anschauns Lust geschmeckt, Verwenden nie den Blick vom ewgen Schimmer Des Angesichts, in dem sich nichts versteckt. Drum unterbricht das Neu ihr Schauen nimmer, Drum brauchen sie auch die Erinnrung nicht, Denn ungeteilt bleibt ja ihr Denken immer. So träumt ihr unten wach beim Tageslicht; Ihr glaubt und glaubt auch nicht, was ihr verbreitet, Doch ärger kränkt dies Letzte Recht und Pflicht. Der eine Weg ists nicht, auf dem ihr schreitet Bei eurem Forschen; drob ihr irregeht, Von Lust am Schein und Eitelkeit verleitet. Doch, wer dies tut, wird minder hier verschmäht, Als wer die Heilgen Schriften leeren Possen Hintansetzt und sie freventlich verdreht. Nicht denkt man, wieviel teures Blut geflossen, Sie auszusähn; nicht, wie Gott dem geneigt, Der demutsvoll an sie sich angeschlossen. Zu glänzen strebt ein jeder itzt und zeigt Sich in Erfindungen, die der verkehrte Pfaff predigt, der vom Evangelium schweigt. Der sagt, daß rückwärts Lunas Lauf sich kehrte Bei Christi Leiden und sich zwischenschob Und drum der Sonn herabzuscheinen wehrte. Der, daß von selbst das Licht erlosch und drob Den Spanier, den Juden und den Inder Zu gleicher Zeit die Finsternis umwob. Lapi und Bindi hat Florenz weit minder, Als Fabeln, die man von den Kanzeln schreit Das Jahr hindurch, des Aberwitzes Kinder, So daß die Schäflein, blind zu ihrem Leid, Wind schlucken, wo sie sich zu weiden meinen. Und nicht entschuldigt sie Unwissenheit. Nicht sprach der Herr zur Ersten der Gemeinen: Geht hin und tut der Erde Possen kund!-- Nein, wahre Lehre spendet er den Seinen. Von ihr ertönt im Kampf des Jüngers Mund, Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken, Mit Schild und Speer des Evangeliums stund. Jetzt predigt man von Possen und von Schwänken, Und die Kapuze schwillt, wenn alles lacht, Und, der sie trägt, braucht sonst an nichts zu denken. Drin hat solch Vögelein sein Nest gemacht, Daß, säh mans, es den Wert dem Ablaß raubte, Den man beim Volk so hoch in Preis gebracht. Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte, Daß, möcht ein Priesterwort das tollste sein, Man ohne Prüfung und Beweise glaubte. Und damit mästet Sankt Anton das Schwein, Und andre, die noch ärger sind denn Sauen, Falschmünzer, reich an trügerischem Schein. Doch seitwärts führt ich dich von diesen Auen; Drum, daß zugleich sich kürze Zeit und Pfad, Mußt du jetzt wieder grade vorwärts schauen-- So sehr vervielfacht sind von Grad zu Grad Der unzählbaren selgen Engel Scharen, Daß ihrer Zahl nicht Sinn noch Sprache naht. Und Daniel will, dies kannst du wohl gewahren, Wenn er zehntausendmal zehntausend spricht, Uns nicht bestimmte Zahlen offenbaren. Das ihnen allen strahlt, das erste Licht, So vielfach wirds von ihnen aufgenommen, Als Engel schaun in Gottes Angesicht. Drum, da vom Schaun der Liebe Gluten kommen, Ist auch verschieden ihre Süßigkeit Hier lauer, dorten glühender entglommen. Sieh jetzt die Hoheit, die Unendlichkeit Der ewgen Kraft, die, teilend ihren Schimmer, So unzählbaren Spiegeln ihn verleiht, Und ein in sich bleibt ewiglich und immer."
Dreißigster Gesang
Uns fern, etwa sechstausend Meilen, steiget Der Mittag auf, indes schon diese Welt Den Schatten fast zum ebnen Bette neiget, Wenn nach und nach sich uns der Ost erhellt; Dann wird der Glanz erst manchem Stern benommen, Des Strahl nicht mehr bis zu uns niederfällt, Und wie Aurora mehr emporgeklommen, Verschließt der Himmel sich von Glanz zu Glanz, Bis auch des schönsten Sternes Licht verglommen. So der Triumph, der ewiglich im Tanz Den Punkt umkreist, der alles hält umschlungen, Was scheinbar ihn umschlingt als lichter Kranz. Er schwand allmählich, meinem Aug entschwungen, Drum kehrt ich zu der Herrin das Gesicht, Von Nichtschaun und von Liebesdrang gezwungen. War alles, was bis jetzo mein Gedicht Von ihr gelobt, in ein Lob einzuschließen, Doch gnügend wärs für diesen Anblick nicht. Denn Reize, wie sie hier sich sehen ließen, Weit überschreiten sie der Menschen Art; Ihr Schöpfer nur kann ihrer ganz genießen. Ich bin besiegt von dem, was ich gewahrt, Mehr als ein Komiker von seinen Stoffen, Als ein Tragöd je überwunden ward. Gleichwie ein Blick, den Sonnenstrahlen offen, Vergeht vor ihren- Blitzen, so geschieht Dem Geist, von dieses Lächelns Reiz getroffen. Vom ersten sag, da mir der Herr beschied, Ihr Angesicht zu schaun in diesem Leben, Folgt ihr bis hin zu diesem Blick mein Lied. Doch muß ich jetzt des Folgens mich begeben, Ein Künstler, der sein höchstes Ziel errang, Und hoher nicht vermag emporzustreben. Und so, wie ich sie lasse vollerm Klang, Als meiner Tuba, die ich also richte, Wie sie beenden kann den schweren Sang, Sprach sie, mit Ton, Gebärd und Angesichte Eifrigen Führers froh zu mir: "Du bist Gelangt zum Himmel nun von reinem Lichte, Von geistgem Licht, das nur ein Lieben ist, Ein Lieben jenes Guts, des ewig wahren, Von Luft, mit der kein Erdenglück sich mißt. Du siehst hier beide Himmelskriegerscharen Und siehst die ein in dem Gewande heut, Wie du sie wirst beim Weltgericht gewahren." Wie jäher Blitz des Auges Kraft zerstreut, So daß er jeden Gegenstand umdunkelt, Den stärksten Selbst, der sich dem Blicke beut; So ward ich von lebendgem Licht umfunkelt, Des Glanz mir tat, wie uns ein Schleier tut, Denn alles außer ihm war mir verdunkelt. "Die Lieb, in welcher dieser Himmel ruht Pflegt so in sich zum Heile zu empfangen Und macht die Kerz empfänglich ihrer Glut." Wie mir die kurzen Wort ins Innre drangen, Da fühlt ich, daß sich Geist mir und Gemüt Weit über die gewohnten Kräfte schwangen. Und neue Sehkraft war in mir entglüht, So, daß mein Auge, stark und ohne Qualen, Dem Licht sich auftat, das am reinsten blüht. Ich sah das Licht als einen Fluß von Strahlen Glanzwogend zwischen zweien Ufern ziehn, Und einen Wunderlenz sie beide malen Und aus dem Strom lebendge Funken sprühn; Und in die Blumen senkten sich die Funken, Gleichwie in goldne Fassung der Rubin. Dann tauchten sie, wie von den Düften trunken, Sich wieder in die Wunderfluten ein, Und der erhob sich neu, wenn der versunken. "Dein heißer Wunsch, in dem dich einzuweihn, Was deine Blicke hier auf sich gezogen, Muß mir, je mehr er drängt, je lieber sein. Doch trinken mußt du erst aus diesen Wogen, Eh solch ein Durst in dir sich stillen kann." So sprach die Sonn, aus der ich Licht gesogen. "Der Fluß und diese Funken", sprach sie dann, "Und dieser Pflanzen heitre Pracht, sie zeigen Die Wahrheit dir voraus, wie Schatten, an. An sich ist ihnen zwar nichts Schweres eigen, Sie zu erkennen, fehlt nur dir die Macht, Weil noch so stolz nicht deine Blicke steigen." Kein Kind, das durstig langer Schlaf gemacht, Kann sein Gesicht zur Brust so eilig kehren, Wenns über die Gewohnheit spät erwacht, Als, um der Augen Spiegel mehr zu klären, Ich mein Gesicht zu jenem Flusse bog, Dort strömend, um der Seele Kraft zu mehren. Und wie der Rand der Augenlider sog Von seiner Flut, da war zum Kreis gewunden, Was sich zuvor in langen Streifen zog. Dann, Leuten gleich, die sich verlarvt befunden, Verändert erst, wenn sie ausziehn das Kleid, Worin sie unter fremdem Schein verschwunden; Verwandelten zu größrer Herrlichkeit Sich Blumen mir und Funken, und ich schaute Die Himmelsscharen beide dort gereiht. O Gottes Glanz, o du, durch den ich schaute Des ewig wahren Reichs Triumphespracht, Gib jetzt mir Kraft, zu sagen, wie ich schaute. Licht ist dort, das den Schöpfer sichtbar macht, Damit er ganz sich dem Geschöpf verkläre, Dem nur in seinem Schaun der Friede tacht. Es dehnt sich weithin aus in Form der Sphäre Und schließt so viel in seinem Umkreis ein, Daß es zu weit als Sonnengürtel wäre. Und einem Strahl entquillt sein ganzer Schein, Rückscheinend von des schnellsten Kreises Rande, Um Sein und Wirkung diesem zu verleihn. Und wie ein Hügel, an der Wogen Strande, Sich spiegelt, wie um sich geschmückt zu sehn Im blütenreichen, grünenden Gewande; Also sich spiegelnd, sah ich in den Höhn In tausend Stufen die das Licht umringen, Die von der Erd in jene Heimat gehn. Und kann der tiefste Grad solch Licht umschlingen, Zu welcher Weite muß der letzte Kranz Der Blätter dieser Himmelsrose dringen? Mein Aug ermaß die Weit und Höhe ganz Und unverwirrt, und konnte sich erheben Zum Was und Wie von diesem Wonneglanz. Nicht Fern noch Nah kann nehmen dort noch geben, Denn da, wo Gott regiert, unmittelbar, Tritt fürder kein Naturgesetz ins Leben. Ins Gelb der Rose, die sich immerdar Ausdehnt, abstuft und Duft des Preises sendet Zur Sonne, die stets heiter ist und klar, Zog, wie wer schweigt, doch sich zum Sprechen wendet, Beatrix mich und sprach: "Sieh hier verschönt In weißem Kleid, die dorten wohl geendet. Sieh, wie so weithin unsre Stadt sich dehnt, Sieh, so gefüllt die Bänk in unserm Saale, Daß man jetzt hier nach wenigen sich sehnt. Auf jenem großen Stuhl, wo du dem Strahle Der Krone, die dort glänzt, dein Auge leihst, Dort, eh du kommst zu diesem Hochzeitsmahle, Wird sitzen des erhabnen Heinrichs Geist, Des Cäsars, der Italien zu gestalten Kommt, eh es sich dazu geneigt beweist. Die blinde Gier ists, die mit Zauberwalten Euch gleich dem Kind macht, das die Brust verschmäht, Die Nahrung hat, sein Leben zu erhalten. Dem göttlichen Gerichtshof aber steht Solch Obrer vor dann, daß er im Geheimen Und offen nie mit ihm zusammengeht. Doch stürzt des Himmels Räch ihn ohne Säumen Vom Heilgen Stuhl zur qualenvollen Welt, Wo Simon Magus stöhnt in dunkeln Räumen, Drob tiefer noch der von Alagna fällt."
Einunddreißigster Gesang