Die Göttliche Komödie

Chapter 30

Chapter 303,176 wordsPublic domain

Zwäng’ einst dies heil’ge Lied, zu dem die Erde, Zu dem der Himmel mir den Stoff gereicht, Durch das auf lang’ ich blaß und mager werde, Die Grausamkeit, die mich von dort verscheucht, Wo ich, ein Lamm, geruht in schöner Hürde, Jedwedem Wolfe feind, der sie umschleicht, Mit anderm Ton und Haar, als Dichter, würde Ich kehren und am Taufquell dort empfah’n Im Lorbeerkranz des Dichters höchste Würde. Denn dort betrat ich jenes Glaubens Bahn, Durch welchen Gott bekannt die Seelen werden, Für den mit Petri Licht die Stirn umfah’n. Da naht’ ein Licht aus der der sel’gen Herden, Aus der der Erste derer vorgewallt, Die Christ als Stellvertreter ließ auf Erden. Beatrix sprach, umstrahlt die Lichtgestalt Von neuer Lust: "Sieh ihn, sich zu uns neigend, Den Herrn, für den man nach Galizien wallt." Wie wenn die Taub’, aus hohen Lüften steigend, Zur Taube fliegt, wie sich das Paar umkreist, Und fröhlich girrt, die heiße Liebe zeigend; So war’s, wie jetzo der und jener Geist Der hohen Fürsten freudig sich empfingen, Lobend die Kost, die man dort oben speist. Dann standen nach dem Freudentanz und Singen Die beiden Lichter schweigend vor mir dort, So feurig, daß die Augen mir vergingen. Und selig lächelnd fuhr Beatrix fort: "Der du geschrieben hast, erlauchtes Leben, Was gut sei, komm’ allein von diesem Ort, O laß dein Wort die Hoffnung hier erheben; Du stellst ja, wie du weißt, so oft sie vor, Als Jesus sich den dreien kundgegeben."-- "Du, fasse Mut--das Antlitz heb empört An unserm Strahl muß reisen der Beglückte, Der von der Erde kommt zum sel’gen Chor." Als so das zweite Feuer mich erquickte, Hob ich die Augen zu den Bergen auf, Vor deren Last ich erst das Antlitz bückte. "Läßt unsers Kaisers Gnade deinen Lauf, Bevor du stirbst, zu seinem Hofe gehen, Führt er zu seinen Grafen dich herauf, Um, wenn du das Geheimste hier gesehen, Die Hoffnung, die euch dort im Herzen blüht In dir und andern heller anzuwehen, So sage, was sie ist? Ob im Gemüt Sie dir entkeimt? Woher du sie entnommen?" Das zweite Feuer sprach’s, in Licht entglüht. Und sie, durch die in mir die Kraft entglommen Zum hohen Flug, war mit der Antwort schon In diesen Worten mir zuvorgekommen: "Die Kirche, die da kämpft, hat keinen Sohn Von stärkrer Hoffnung--also zeigt’s geschrieben Die Sonn’ auf unsres Freudenreiches Thron. Drum aus Ägypten, nach des Herrn Belieben, Kommt er nach Zion, wo das Licht ihm tagt, Eh’ ihn des Kampfes Ende vorgeschrieben. Zwei andre Punkt’, um die du ihn befragt, Nicht um zu wissen, nein, damit er sage, Wie diese Tugend hier noch dir behagt, Lass’ ich ihm selbst; denn nicht, wie jene Frage, Sind sie ihm schwer, nicht Reiz zur Prahlerei; Und helf ihm Gott, daß er sie würdig trage." Dem Schüler gleich, der seinem Meister frei Entgegenkommt und freudig und besonnen, Daß, was er weiß, kund in der Antwort sei, Sprach ich: "Die Hoffnung ist der künft’gen Wonnen Erwartung und gewisse Zuversicht, Durch Gnad’ und früheres Verdienst gewonnen. Von vielen Sternen kam mir dieses Licht; Der höchste Sänger macht’ es mir entbrennen, Der im Gesang vom höchsten Horte spricht. Oh’ alle die, so deinen Namen nennen, Hoffen auf dich--so sang der Gottesmann-- Und wer, der glaubt, wie ich, sollt’ ihn nicht kennen. Du träufeltest mir feine Tropfen dann Ins Herz durch deinen Brief, mit solchem Segen, Daß ich die Flut auf andre gießen kann." Indem ich sprach, sah ich’s im Licht sich regen, Und, wie ein Blitz, schnell und von Glanz umsprüht, Mit zitterndem Gefunkel sich bewegen. "Die Liebe," weht’ es, "die mich noch durchglüht Für jene Tugend, welche mir durchs Grauen Des Kampfs gefolgt, bis mir die Palm’ erblüht, Heißt mich durch sie dich letzen und erbauen, Und gern vernehm’ ich dieses noch von dir: Auf was heißt deine Hoffnung dich vertrauen?"-- "Die alt’ und neuen Schriften zeigen mir", Sprach ich, "das Ziel, das denen Gott bescheidet, Die er geliebt, und dieses seh’ ich hier. Jesajas zeigt vom Doppelkleid bekleidet, Sie all in ihrem Land--und dieses Land, Das süße Leben ist’s, das hier euch weidet. In denen, so, die Palmen in der Hand, In weißen Kleidern vor dem Lamme stehen, Macht’s klarer noch dein Bruder mir bekannt."-- Als ich geendet, tönt’ es aus den Höhen: Ihr Hoffen sei auf dich!--und aus dem Tanz Der Sel’gen hört’ ich die Erwid’rung wehen. Dann zwischen beiden drin entglüht’ ein Glanz, So hell, daß, wär’ dem Krebs ein solcher eigen, Es würd’ ein Wintermond zum Tage ganz. Wie froh aufsteht und geht und in den Reigen Die Jungfrau tritt, aus eitelm Triebe nicht, Nur dem Verlobten Ehre zu erzeigen; So schwebte zu den zwei’n das neue Licht, Die ich so eilig in lebend’gem Kreise Sich schwingen sah, wie’s heißer Lieb’ entspricht. Einstimmt’ es zu dem Lied und zu der Weise; Und, gleich der Braut, sah sie die Herrin an, Stillschweigend, unbewegt bei solchem Preise. "Er ruht’ am Busen unsers Pelikan; Ihn hat der Herr zur großen Pflicht erlesen, Als er den Martertod am Kreuz empfah’n." Sie sprach’s; ihr Blick war, wie er erst gewesen; Nicht mehr Aufmerksamkeit war jetzt darin Als erst, bevor sie dies gesagt, zu lesen. Wie der, der nach dem Sonnenrande hin, Der sich verfinstern soll, die Blicke sendet Und, um zu sehn, verliert des Auges Sinn; So stand ich, zu dem letzten Glanz gewendet. Da klang es: "Was nicht ist an diesem Ort, Was suchst du’s hier und stehst drum hier geblendet? Mein Leib ist jetzt noch Erd’ auf Erden dort, Und bleibt’s mit andern, bis die sel’gen Scharen Die Zahl erreicht, gesetzt vom ew’gen Wort. Zum Himmel sind zwei Lichter nur gefahren, Bekleidet mit dem doppelten Gewand: Und dieses laß einst deine Welt erfahren." Als dieses Wort gesprochen war, da stand Der Kreis der Flammen still, samt dem Gesange, Zu welchem sich dreifaches Weh’n verband, Gleichwie nach Müh’n und schwerem Wogendrange, Die Ruder, so die Flut durchwühlt, zugleich Allsämtlich ruh’n bei einer Pfeife Klange, Ach, wie ward ich vor Angst und Sorge bleich, Als ich mich nun zu Beatricen kehrte, Und, zwar ihr nah und im beglückten Reich, Doch sie nicht sah, die ich zu sehn begehrte.

Sechsundzwanzigster Gesang

Ob des erloschnen Augenlichts voll Gram, Hört’ ich ein Weh’n aus jener Flamme kommen, Die mir’s verlöscht’, und horcht’ ihm aufmerksam. Es sagte: "Bis das Licht, das dir verglommen In meinem Schimmer ist, dir wiederkehrt, Wird sprechen zum Ersatz des Schauens frommen. Drum sprich: Was ist es, das dein Herz begehrt? Und möge deinen Mut der Trost erheben: Dein Aug’ ist nur verwirrt und nicht zerstört. Denn sie, die dich geführt ins höh’re Leben, Hat jene Kraft im Blicke, die der Hand Des Ananias unser Herr gegeben."-- "Sie helfe dann, wann sie’s für gut erkannt," Sprach ich, "den Augen, die ihr Pforten waren, Als sie, einziehend, ewig mich entbrannt. Das Gut, das froh macht dieses Reiches Scharen, Das A und O der Schriften ist’s, die hier Mir Lieb’ andeuten, dort sie offenbaren." Dieselbe Stimm’ erklang--wie sich an ihr Mein Mut, als ich mich blind fand, aufgerichtet, Gebot sie jetzo weitres Sprechen mir. "Durch engres Sieb sei, was du meinst, gesichtet, Und klarer sei von dir noch dargelegt, Was dein Geschoß auf solches Ziel gerichtet?"-- "Durch das, was Weltweisheit zu lehren pflegt," Versetzt’ ich, "und durch Himmelsoffenbarung Ward solche Liebe mir ins Herz geprägt. Je mehr ein Gut, soweit es die Erfahrung Uns kennen lehrt, der Güt’ in sich enthält, Je stärker gibt’s der Liebesflamme Nahrung. Das Wesen drum. So gut, daß, was der Welt Sich außer ihm noch als ein Gut verkündet, Ein Strahl nur ist, der seinem Licht entfällt, Dies ist es, das die höchste Lieb’ entzündet. Und wohl erkennt es liebend jeder Geist, Der jene Wahrheit kennt, die dies begründet; Und jener ist’s, der’s der Vernunft beweist, Der die für alle Göttlichen entglühte Erhabne Liebesbrunst die erste heißt. Er selbst erweckte sie mir im Gemüte, Der einst zu Moses sprach, der wahre Hort: Dein Angesicht schau’ alle meine Güte. Du prägst sie ein, dein hohes Heroldswort Beginnend vom Geheimnis dieser Sphären. Lauter als andres tönt’s auf Erden fort:" Da sprach’s: "Nach menschlichen Verstandes Lehren Und höherm Wort, das beistimmt dem Verstand, Muß sich zu Gott dein höchstes Lieben kehren. Doch fühlst du nicht noch manches andre Band Zu ihm dich zieh’n? Du sollst mir jedes nennen, Mit welchem diese Liebe dich umwand." Nicht war der heil’ge Wille zu verkennen Des Adlers Christi, ja, ich sah, wohin Er mich gelenkt zum weiteren Bekennen. Und wieder sprach ich: "Was nur Herz und Sinn Hinlenkt zu Gott, erzeugt hat’s im Vereine Die Lieb’, in welcher ich entzündet bin. Denn durch des Weltalls Dasein und das meine Und durch den Tod des, der mich leben macht, Durch das, was hofft die gläubige Gemeine, Und die Erkenntnis, deren ich gedacht, Bin ich dem Meer der falschen Lieb’ entgangen Und an der echten Liebe Strand gebracht. Die Blätter, die im ganzen Garten prangen Des ew’gen Gärtners, lieb’ ich auch, je mehr Des Guten sie aus seiner Hand empfangen." Ich schwieg--und durch die Himmel, süß und hehr, Hört’ ich der Herrin sang und aller klingen, Erschallend: Heilig, heilig, heilig er!-- Und, wie wir uns dem schweren Schlaf entringen Beim scharfen Licht, das unsre Sehkraft weckt, Wenn uns von Haut zu Haut die Strahlen dringen, Und, was er sieht, den jäh Erwachten schreckt, Der sich noch nicht besinnt, vom Schlafe trunken, Bis der Verstand die Wahrheit ihm entdeckt; So war die Decke meinem Aug’ entsunken Vor Beatricens Strahlenangesicht, Auf tausend Meilen streuend Glanzesfunken. Drum sah ich klar, wie vorhin nimmer nicht, Und fragte staunend noch und kaum besonnen, Nach einem vierten uns gesellten Licht. "Aus diesen Strahlen schaut in Liebeswonnen", Sprach sie, "zum Schöpfer hin der erste Geist, Des Dasein durch die erste Kraft begonnen." Gleichwie der Baum, an dem der Sturmwind reißt, Den Gipfel beugt, dann, wenn der Sturm vergangen, Sich wieder hebt, wie innre Kraft ihn heißt; So tat jetzt ich, der, als sie sprach, befangen, Erstaunt, gebückt, jetzt in die Höhe fuhr, Denn mich erhob nun Sprechlust und Verlangen. Ich sprach: "O Frucht, die als die einz’ge nur Schon reif entstand, o alter Vater, sage Du dem, was Weib heißt, Tochter ist und Schnur, Sag’ an, was ich dich fromm zu bitten wage. Du siehst ja, welch ein Sehnen mich bewegt, Und schneller hör’ ich, wenn ich dich nicht frage." Wie ein bedecktes Tier sich rückt und regt Und so die Neigung zeigt, dem nachzurennen, Der um dasselbe die Verhüllung legt; So ließ durch ihre Hülle jetzt erkennen Die erste Seele, wie so froh sie war, Mir das, was ich gebeten, tun zu können. "Dein Sehnen", weht’ es, "nehm’ ich besser wahr, Magst du’s auch nicht bekennen und gestehen, Als du, was noch so sicher ist und klar. Im wahren Spiegel kann ich es erspähen, Der jedes Dinges Bildnis in sich faßt, Doch seines läßt in keinem Dinge sehen. Du fragst: Wieviel der Zeitraum wohl umfaßt, Seit Gott mich in den hohen Garten setzte, Aus dem du dich mit ihr erhoben hast? Wie lange mir sein Reiz die Augen letzte? Was eigentlich den großen Zorn erweckt? Und welche Sprach’ ich mir zusammensetzte? Mein Sohn, nicht daß ich jene Frucht geschmeckt, War Grund des Zorns an sich--daß ich entronnen Den Schranken war, die mir der Herr gesteckt. Mich hat viertausend und dreihundert Sonnen Und zwei, im Höllenvorhof sonder Qual Sehnsucht erfüllt nach diesen Himmelswonnen. Auch sah ich, daß neunhundertdreißigmal Zu jedem Sterngebild die Sonne kehrte, Indes ich lebt’ in eurem Erdental. Die Sprache, die ich einst gesprochen, hörte Schon vor dem Bau auf, der, wie schwach die Kraft Des Menschen sei, das Volk des Nimrod lehrte. Denn was nur irgend die Vernunft erschafft, Ist, weil die Neigung nach der Sterne Walten Zu wechseln pflegt, nur wenig dauerhaft. Die Sprache habt ihr von Natur erhalten, Allein so oder so--euch läßt hierin Sodann Natur nach Gutbedünken schalten. Eh’ ich zur Hölle sank, im Anbeginn Hieß El das höchste Gut, an dem entglommen Der Glanz, mit welchem ich umkleidet bin. Den Namen Eli hat man drauf vernommen, Weil Menschenbrauch sich gleich den Blättern zeigt, Von welchen jene gehn, wenn diese kommen. Auf jenem Berge, der am höchsten steigt, Hab’ ich, rein und befleckt, mich sieben Stunden Von früh, bis wieder sich die Sonne neigt, Wenn sie im zweiten Vierteil steht, befunden."

Siebenundzwanzigster Gesang

Dem Vater, Sohn und Heil’gen Geiste fang Das ganze Paradies; ihm jubelt’ alles, So daß ich trunken ward vom süßen Klang. Ein Lächeln schien zu sein des Weltenalles, Das, was ich sah, drum zog die Trunkenheit Durch Aug’ und Ohr im Reiz des Blicks und Schalles. O Lust! O unnennbare Seligkeit! O friedenreiches, lieberfülltes Leben! O sichrer Reichtum sonder Wunsch und Neid! Ich sah vor mir die Feuer glühend Schweben, Und das der vier, das erst gekommen war, Sah ich in höherm Glanze sich beleben. Und also stellt’ es sich den Blicken dar, Wie Jupiter, nahm’ man an seinen Gluten Das hohe Rot des Marsgestirnes wahr. Und jetzt gebot der Wink des ewig Guten, Des Vorsicht dort verteilet Pflicht und Amt, Daß aller Sel’gen Wonnechöre ruhten. Da hört’ ich: "Siehst du höher mich entflammt, So staune nicht--bei meinen Worten werden Sich diese hier entflammen allesamt. Der meines Stuhls sich anmaßt dort auf Erden, Des Stuhls, des Stuhls, auf dem kein Hirt itzt wacht, Vor Christi Blick, zum Schutze seiner Herden, Hat meine Grabstatt zur Kloak’ gemacht Von Blut und Stank, drob der zu ew’gen Qualen Einst von hier oben fiel, dort unten lacht." Wie früh und abends sich die Wolken malen, Die g’rad’ der Sonne gegenüberstehn, So sah ich jetzt den ganzen Himmel stralhlen. Wie wir ein ehrbar Weib sich wandeln sehn, Das, sicher seiner selbst, nichts zu verschulden, Nur hörend, schüchtern wird durch fremd Vergehn; So meiner Herrin Angesicht voll Hulden; Und so verfinstert, glaub’ ich, wie sie dort, War einst der Himmel bei der Allmacht Dulden. Er aber fuhr in seiner Rede fort, Und wie verwandelt erst der heitre Schimmer, So war verwandelt jetzt das heil’ge Wort. "Die Braut des Herrn hat zu dem Zwecke nimmer Mein Blut, des Lin und Cletus Blut, genährt, Daß man durch sie erwerbe Gold und Flimmer, Nein, dieses frohe Sein, das ewig währt; Dem hat des Sirt und Pius Blut gegolten, Dies hat Calixt, dies hat Urban begehrt. Das war’s nicht, was wir von den Folgern wollten, Daß sie um sich das Christenvolk getrennt Zur Rechten und zur Linken setzen sollten. Nicht sollten jene Schlüssel, mir vergönnt, Als Kriegeszeichen in den Fahnen stehen, Woran man der Getauften Feind’ erkennt. Nicht sollte man mein Bild auf Siegeln sehen, Erkauftem Lügenfreibrief beigedrückt, Drob ich erröt’ und glüh’ in diesen Höhen. Jetzt sieht man, mit dem Hirtenkleid geschmückt, Raubgier’ge Wölfe dort die Herden hüten. O Gott, was ruht dein Schwert noch ungezückt! Und Caorsiner und Gascogner brüten Schon Tücken aus, voll Gier nach meinem Blut. Schnöde, schlechte Frucht von schönen Blüten! Allein die Vorsicht, die durch Scipios Mut Den Ruhm der Welt beschützt in Romas Siegen, Bald hilft sie, wie mir kund mein Spiegel tut. Du, Sohn, wenn du zur Erd’ hinabgestiegen, Erschleuß den Mund und sprich, wie sich’s gebührt, Und nicht verschweige, was ich nicht verschwiegen." Wie, wenn der Wolken feuchter Dunst gefriert, Durch unsre Luft die Flocken niederfallen, Zur Zeit, da Sol des Steinbocks Horn berührt; So, aufwärts, sah ich an des Äthers Hallen Mit jenem Licht, das eben zu mir sprach, Der andern Schar, wie Schimmerflocken, wallen. Mein Auge folgte diesem Anblick nach, Bis sie so weit im Raum emporgeflogen, Daß er den Pfad des Blickes unterbrach. Da sprach die Herrin, die mich abgezogen Von oben sah: "Jetzt schau’ hinab--hab’ acht, Wie weit du fortzogst mit des Himmels Bogen." Vom ersten Rückblick an, des ich gedacht, Hatt’ ich den Weg der Hälft’ im halben Kreise Von seiner Mitte bis zum Rand gemacht. Von Kadix jenseits lag das Furt zur Reise Ulyß, des Toren--diesseits nah der Strand, Dem Zeus entrann, beschwert mit süßem Preise. Noch mehr von unserm Ball hätt’ ich erkannt, Doch unten war die Sonne vorgegangen, Der fern um mehr noch als ein Zeichen stand. Mein liebend Herz, das immer mit Verlangen Der Herrin schlug, war mehr als je entglüht, Ihr wieder mit den Augen anzuhangen. Was jemals der Natur und Kunst entblüht An Leib und Bild, dem Aug’ als Reiz zu dienen Und durch den Blick zu fesseln das Gemüt, Vereint war’ alles dies als nichts erschienen Bei jener Götterlust, die mich beglückt’, Als ich hinschaut’ ins Lächeln ihrer Mienen. Und durch die Kraft, die aus dem Blicke zückt, Hatt’ ich dem Nest der Leda mich entrungen Und war zum schnellsten Himmelskreis entrückt. Ich weiß, da er von Lebensglanz durchdrungen Gleichförmig war, nicht, wo mit mir in ihn, Nach ihrer Wahl, die Herrin eingedrungen. Doch sie, der klar mein Herzenswunsch erschien, Begann jetzt lächelnd in so sel’gen Wonnen, Daß Gott in ihrem Blick zu lächeln schien: "Sieh hier des Zirkellaufs Natur begonnen, Durch die der Mittelpunkt in Ruhe weilt, Und alles rings umher den Flug gewonnen. In diesem Himmel, der am schnellsten eilt, Wohnt Gottes Geist nur, der die Lieb’ entzündet, Die ihn bewegt--die Kraft, die er verteilt. Ein Kreis von Licht und Liebesglut umwindet Ihn, wie die andern er; allein verstehn Kann diesen Kreis nur er, der ihn gerundet. Nichts läßt das Maß von seinem Lauf uns sehn; Nach ihm nur mißt sich der der andern Sphären, Wie man nach Hälft’ und Fünfteil mißt die Zehn. Wie sich in diesem Kreis die Wurzeln nähren Der Zeit, wie ihr Gezweig zu ändern strebt, Das kannst du jetzt dir selber leicht erklären. Gier, die tief die Sterblichen begräbt In ihrem Schlund, so kraftlos fortgerissen, Daß sich kein Blick aus deinem Wirbel hebt! Wohl blüht des Menschen Will’, allein in Güssen Strömt Regen drauf, der unaufhörlich rinnt, Drob echte Pflaumen Butten werden müssen. Unschuld und Treue trifft man nur im Kind, Doch sie entweichen von den Kindern allen, Bevor mit Flaum bedeckt die Wangen sind. Die fasten noch beim ersten Kinderlallen, Die, mit gelösten Zungen, gierig dann In jedem Mond auf jede Speise fallen. Der liebt die Mutter noch und hört sie an, Solang er lallt, der ihren Tod im Herzen Bei voller Sprache kaum erwarten kann. Drum muß, erst weiß, das Angesicht sich schwärzen Der schönen Tochter des, der, kommend, bringt Und, gehend, mit sich nimmt des Tages Kerzen. Du denke, wenn dich dies zum Staunen zwingt, Daß dort kein Herrscher ist, um euch zu leiten, Drob das Geschlecht, verirrt, mit Jammer ringt, Doch eh’ der Jänner fällt in Frühlingszeiten Durch das von euch vergeßne Hundertteil, Wird dieser Kreise Lauf Gebrüll verbreiten, Daß das Geschick, erharrt zu eurem Heil, Damit’s auf g’raden Lauf die Flotte richte, Den Spiegel dreht, wo jetzt das Vorderteil, Und auf die Blüten folgen echte Früchte."

Achtundzwanzigster Gesang