Chapter 29
Ich kehrte mich, vom Staunen überwunden, Zu meiner Führerin, gleich einem Kind, Das Hilfe sucht, wos immer sie gefunden. Sie sprach, der Mutter gleich, die sich geschwind Zum Knaben kehrt, der atemlos, beklommen In ihrer Stimme frischen Mut gewinnt: "Bedenks, dich hat der Himmel aufgenommen, Wo alles heilig ist, wo heißem Drang Gerechten Eifers, was geschieht. entglommen. Wie dich mein Lächeln, wie dich der Gesang Verwandelt hätten, wirst du jetzt verstehen, Da jener Ruf dich so mit Graus durchdrang. Verstündest du das drin enthaltne Flehen, So wäre dir die Rache schon erklärt, Die du noch wirst vor deinem Tode sehen. Von droben fällt zu frühe nicht das Schwert, Und nicht zu spät, wies dem scheint, der mit Grauen Es harrend fürchtet oder es begehrt. Jetzt blicke nur auf andres mit Vertrauen, Sieh dortenhin; du wirst in großer Zahl Dort hochberühmte selge Geister chauen." Ich sah, den Blick gewandt, wie sie befahl, Wohl hundert Kreise, welche Funken Sprühten, Verschönert von dem gegenseitgen Strahl. Wie auch in mir der Sehnsucht Stacheln glühten, Doch wagt ich keine Frag und hieß sie ruhn, Um vor zu großer Kühnheit mich zu hüten. Die größte, hellste Perle nahte nun, Um jenem Wunsch, den sie in mir ergründet, Mit süßem Liebeswort genugzutun. "Wenn du die Liebe sähst, die uns entzündet," So sprach die Stimme jetzt aus jenem Licht, "Du hättest, was du denkst, mir frei verkündet. Doch horch, auf daß du, harrend, später nicht Zum hohen Ziel gelangest, und ich deute Dir, was zu fragen dir der Mut gebricht. Des Berges Höh, an dessen Abhang heute Cassino liegt, war einst Versammlungsort Für viel Betrüger und betrogne Leute. Der erste, nannt ich dessen Namen dort, Der jene Wahrheit, die uns hoch erhoben, Der Erde bracht in seinem heilgen Wort. Und solche Gnade glänzt auf mich von oben, Daß ich das Land umher vom Dienst befreit, Der mit verruchtem Trug die Welt umwoben. Wer hier glänzt, lebt einst in Beschaulichkeit, Und keiner ließ in sich die Flamm erkalten, Die Blüten treibt und heilge Frucht verleiht. Sieh des Maccar, des Romuald Lichtgestalten, Sieh meine Brüder, die im Klosterbann Den Fuß gehemmt und fest das Herz gehalten." "Dein liebevolles Wort", so hob ich an, "Und diese Freundlichkeit, die es begleitet, Die ich an jedem Glanz bemerken kann, Sie haben also mein Vertraun erweitet, Wie Sonnenschein die Rose, welche sich, Soweit sie kann, erschließet und verbreitet. Und, so vertrauend, Vater, bitt ich dich, Dich meinen Blicken unverhüllt zu zeigen, Ist solche Gnade nicht zu groß für mich." "Wenn so hoch", sprach er, "deine Wünsche steigen, Beut dir der letzte Kreis Erfüllung dar. Durch sie wird jeder Wunsch, auch meiner, schweigen. Dort wird vollkommen, reif und ganz und wahr, Was nur das Herz ersehnt--und dort nur findet Sich jeder Teil da, wo er ewig war, Weil jener Kreis sich nicht im Raum befindet; Doch unsrer Leiter Höh erreichet ihn, Daher sie also deinem Blicke schwindet. Als sie dem Jakob einst im Traum erschien, Sah er die Spitze bis zum Himmel streben Und drauf die Engel auf und nieder ziehn. Jetzt mag man nicht den Fuß vom Boden heben, Um sie zu steigen, und bei Schreiberein Bleibt an der Erde träg mein Orden kleben. Denn Räuberhöhlen sind, was einst Abtein, Und ihrer Mönche weiße Kutten pflegen Nur Säcke, voll von dumpfgem Mehl, zu sein. Kein Wucher ist so sehr dem Herrn entgegen Als jene Frucht, auf die die Mönch erpicht, Drob sie im Herzen solche Torheit hegen. Das, was die Kirche wahrt, gehört nach Pflicht Den Armen nur zur Lindrung der Beschwerden, Nicht Vettern, noch auch schlechterem Gezücht. Schwach ist des Menschen Fleisch, so, daß auf Erden Ein guter Urspung nicht genügen kann, Bis Eichensprossen Eichenbäume werden. Petrus fing ohne Gold und Silber an, Und ich begann mit Fasten und mit Flehen, Franz seinen Orden als ein niedrer Mann. Willst du nach eines jeden Ursprung spähen, Dann sehn, wie ihn verführt der Übermut, So wirst du Schwarzes statt des Weißen sehen. Traun! daß sich aufgetürmt des Jordans Flut Auf Gottes Wink, ist wunderbar zu finden, Mehr als die Hilfe, die euch nötig tut." Sprachs, um mit seiner Schar sich zu verbinden; Zusammen drängte sich die Schar und fuhr Vereint empor, gleich schnellen Wirbelwinden. Und ihnen nach, mit einem Winke nur, Trieb mich die Herrin aufwärts jene Stiegen; So zwang jetzt ihre Kraft mir die Natur. Hienieden, wo bald sinkt, was erst gestiegen, Gibt die Natur nie solche Schnelligkeit, Daß sie vergleichbar ist mit meinem Fliegen. So wahr ich, Leser, zu der Herrlichkeit Einst kehren will, für die ich oft in Zähren Den Busen Schlag in Reu und tiefem Leid; Du kannst ins Feur den Finger tun und kehren So schnell nicht, als ich war im Sterngebild, Das nach dem Stier durchrollt die Himmelssphären. O edle Sterne, kraftgeschwängert Bild, Dem das, was ich an Geist und Witz empfangen, Seis wenig oder sei es viel, entquillt, In euch ist auf-, in euch ist untergangen Die Mutter dessen, was auf Erden lebt, Als mich zuerst Toskanas Luft umfangen. Als ich zum hohen Kreis, in dem ihr schwebt, Geführt von reicher Gnad, emporgeflogen, Da ward zuteil mir, daß ich euch erstrebt. Fromm seufz ich jetzt zu euch, seid mir gewogen! Wollt Kraft zum schweren Pfade mir verleihn, Der meine Seele ganz an sich gezogen, "Zum letzten Heile führ ich bald dich ein," Sie sprachs, die mich zu diesen Höhen brachte, "Und scharf und klar muß itzt dein Auge sein. Darum, bevor du tiefer dringst, betrachte Was unten liegt, und sieh, wie viele Welt Ich unter deinem Fuß schon liegen machte. Damit dein Herz, soviel es kann, erhellt, Bereit sei, vor den Siegern zu erscheinen, Die fröhlich sich in diesem Kreis gesellt." Durch alle sieben Sphären warf ich meinen Blick nun zurück und sah dies Erdenrund, So daß ich lächelt ob des niedern, kleinen. Und jener Rat beruht auf gutem Grund, Denn die dies Rund verschmähn in höherm Streben, Nur ihnen wird die echte Weisheit kund. Ich sah in Glut Latonas Tochter schweben, Von jenem Schatten frei, der mir zum Wahn Vom Dünnen und vom Dichten Grund gegeben. Dich, strahlenreicher Sohn Hvperions, sahn Jetzt meine Blicke fest und ungeblendet, Und um dich Majas und Diones Bahn. Dich sah ich, Zeus, der mäßgen Schimmer spendet, Zwischen Saturn und Mars, auch ward mir klar, Wie seinen Wechsellauf ein jeder wendet. Wie groß die sieben sind, ward offenbar, Wie schnell sie sind, den Weltenraum durchreisend, Auch stellte mir sich ihre Ferne dar. Und mit dem ewgen Zwillingspaare kreisend, Sah ich die Scheibe, die so stolz uns macht, Mir Land und Meer und Berg und Täler weisend. Dann kehrt ich mich zu ihrer Augen Pracht.
Dreiundzwanzigster Gesang
Gleichwie der Vogel, der, vom Laub geborgen, Im Nest bei seinen Jungen süß geruht, Indes die Nacht die Dinge rings verborgen, Um zu erschauen die geliebte Brut Und ihr zu bringen die willkommne Speise, Um die bemüht, er selbst sich gütlich tut, Noch vor der Zeit, sobald am Himmelskreise Aurora nur erschien, in Lieb entbrannt, Der Sonn entgegenschaut vom offnen Reife; So, aufmerksam, das Haupt erhebend, stand Die Herrin, nach dem Teil der Himmelsauen, Wo minder eilig Sol sich zeigt, gewandt. Ich konnte harrend sie und sehnend schauen, Und war gleich dem, der anderes begehrt, Doch freudig ist in Hoffnung und Vertrauen. Und bald ward Schaun für Hoffen mir gewährt, Denn fort und fort sah ich den Glanz sich mehren Und sah den Himmel mehr und mehr verklärt. Beatrix sprach: "Sieh in den selgen Heeren Christi Triumph und sieh geerntet hier Die ganze Frucht des Rollens dieser Sphären!" Als reine Glut erschien ihr Antlitz mir, Als reine Wonn ihr Blick--und nimmer brächten Die Wort hervor ein würdig Bild von ihr. Wie in des Vollmonds ungetrübten Nächten Luna inmitten ewger Nymphen lacht, Die das Gewölb des Himmels rings durchflechten; So über tausend Leuchten stand in Pracht Die Sonne, so die Gluten all erzeugte, Wie unsre mit den Himmelsaugen macht. Und, glänzend durch lebendgen Schimmer, zeigte Der Lichtstoff sich, in solcher Herrlichkeit Mir im Gesicht, daß es, besiegt, sich neigte. O Herrin! teures, himmlisches Geleit!-- Sie sprach zu mir: "Was hier dich überwunden, Ist Kraft, vor der nichts Hilf und Schutz verleiht. Hier ists, wo Weisheit sich und Macht verbunden; Sie machten zwischen Erd und Himmel Bahn, Nach welcher Sehnsucht längst die Welt empfunden." Wie wenn der Wolken Schoß sich aufgetan, Die Feuer sich, sie sprengend, niedersenken Und gegen ihren Trieb der Erde nahn; So rang mein Geist, von diesen Himmelstränken Gestärkt, vergrößert, aus sich selber sich, Doch, wie ihm ward, wie könnt er des gedenken? "Sieh auf, und wie ich bin, erschaue mich! Durch das Erschaute hast du Kraft empfangen, Und nicht vernichtet mehr mein Lächeln dich." Ich war, wie einer, dem sein Traum entgangen," Und der, vom dunklen Umriß nur betört, Umsonst sich müht, die Bilder zu erlangen, Als ich dies Wort, so wert des Danks, gehört, Daß in dem Buch, das den vergangnen Dingen Gewidmet ist, es keine Zeit zerstört. Und möchten mit mir alle Zungen singen, Die von der hohen Pierinnen Schar Die reinste Milch zum Labetrunk empfingen, Doch stellt ichs nicht zum Tausendteile dar, Wie hold ihr heilges Lächeln, wie entzündet In lauterm Glanz ishr heilges Wesen war. Und so, das Paradieses Lust verkündet, Muß jetzo springen mein geweiht Gedicht, Gleich dem, der seinen Weg durchschnitten findet. Doch wer bedenkt des Gegenstands Gewicht, Und daß es schwache Menschenschultern tragen, Der schilt mich, wenn ich drunter zittre, nicht. Durch Wogen, die mein kühnes Fahrzeug schlagen, Darf sich kein Schiffer, scheu vor Not und Mühn, Darf sich kein kleiner schwanker Nachen wagen. "Was macht mein Blick dich so in Lieb entglühn, Um nicht zum schönen Garten hinzusehen, Wo unter Christi Strahlen Blumen blühn. Die Rose siehe dort, in ders geschehen, Daß Fleisch das Wort ward--sieh die Lilien dort, Bei deren Duft wir gute Wege gehen." Beatrix sprachs,--ich aber, ihrem Wort Gehorsam stets, erneute, mit den matten Besiegten Augen doch den Kampf sofort. Wie ich besonnt oft sah beblümte Matten, Besonnt vom Strahl aus einer Wolke Spalt, Indes bedeckt mein Auge war von Schatten; So sah ich Scharen dort, von Glanz umwallt, Der, Blitzen gleich, auf sie von oben sprühte, Doch sah ich nicht den Quell, dem er entwallt. Du, die du ihn verströmst, o Kraft voll Güte, Du bargst dich in den Höhn, so daß mein Sinn Ertragen konnte, was dort strahlend blühte. Der Name klang der Blumenkönigin, Zu der ich ruf in allen Erdenleiden, Und zog mich ganz zum größten Feuer hin. Kaum malte sich in meinen Augen beiden Die Größ und Glut des Sterns, den Strahl und Glanz Siegreich, wie hier einst, so itzt dort umkleiden, Da kam, gleich einer Kron, ein Feuerkranz Vom Himmel her, die Blume zu bekrönen, Umwand sie auch mit Strahlenkreisen ganz. Was auch hienieden klingt von süßen Tönen, Von Harmonie, die hold das Herz erweicht, Scheint wie zerrißner Wolke Donnerdröhnen, Wenn mans mit jener Leier Ton vergleicht, Der Leier, den Saphir als Krön umgebend, Der zu des klarsten Himmels Schmuck gereicht. "Ich bin die Engelslieb, im Kreise schwebend, Und von der Lust, die uns der Leib gebracht, Der unser Sehnen aufnahm, Kunde gebend. Und kreisen werd ich, wenn in höhrer Pracht, Weil, Herrin, du dem Sohn dich nachgeschwungen, Bei deinem Nahn die höchste Sphäre lacht." Hier war des Kreises Melodie verklungen. Maria! tönt es aus dem andern Licht Mit einem Klang, doch wie von tausend Zungen. Der Königsmantel, der die Stern umflicht, Entglüht in lebensvollerm Strahlenbrande In Gottes Hauch und Strahlenangesicht, War über uns mit seinem innern Rande So weit entfernt, daß er noch nicht erschien, Noch nicht erkennbar war von meinem Stande. Drum war dem Auge nicht die Kraft verliehn, Um, als sie sich erhob zu ihrem Sprossen, Der Flamme, der bekrönten, nachzuziehn. Und wie das Kindlein, wenns die Milch genossen, Zur Brust, aus der es trank, die Arme reckt, Von Liebesglut auch außen übergossen; So sah ich hier, die Flamm emporgestreckt, Jedweden Glanz; so ward sein innig Lieben Zur hohen Jungfrau-Mutter mir entdeckt. Worauf sie noch mir im Gesichte blieben, Als ihr Regina coeli!--mir erscholl Im Sang, des Lust mir keine Zeit vertrieben. O wie sind dorten doch die Scheuern voll Von reicher Frucht, die jeder, der hienieden Gut ausgesät, in Lust genießen soll. Dort lebt bei solchem Schatz in selgem Frieden, Der weinend ihn erlangt in Babylon Und sich im Bann vom Erdengut geschieden; Dort triumphieret unterm hohen Sohn Der Jungfrau und des Herrn, und mit dem Alten Und Neuen Bund, so nah dem ewgen Thron, Er, der die Schlüssel solchen Reichs erhalten.
Vierundzwanzigster Gesang
"O auserwählte Tischgenossenschaft Beim großen Mahl des Lamms, daß solcherweise Euch speiset, daß euchs voll Gnüge schafft, Wenn er, durch Gottes Huld sich an der Speise, Die eurem Tisch entfällt, vorkostend stillt, Eh ihn der Tod beschwingt zur letzten Reise So denkt, wie seine Brust vor Sehnen schwillt; Netzt ihn mit eurem Tau--auch letzt die Quelle, Der alles, was er sinnt und denkt, entquillt." Beatrix sprachs--wie um des Poles Stelle Sich Sphären drehn, so jene Selgen nun, Flammend, Kometen gleich, in Glut und Helle. Wie, wohlgefügt, der Uhren Räder tun-- In voller Eil zu fliegen scheint das letzte, Das erste scheint, wenn mans beschaut, zu ruhn Also verschieden in Bewegung setzte Sich jeder Kreis, drob, wie er sich erwies, Schnell oder trag, ich seinen Reichtum schätzte. Und aus dem Kreis, den ich den schönsten pries, Sah ich ein so beseligt Feuer schweben, Daß es nichts Klareres drin hinterließ. Um Beatricen Schwang dies heilge Leben Sich erst dreimal, und Sang entquoll dem Licht, Den keine Phantasie kann wiedergeben. Drum springt die Feder hier und schreibt es nicht, Weil, wo der Phantasie die Kraft benommen, Sie noch weit mehr dem armen Wort gebricht. "O heilge Schwester, die du in so frommen Gebeten flehst, durch deine Liebesglut Bin ich aus schönerm Kreis herabgekommen!" Nachdem das heilge Feur im Tanz geruht, Wandt es den Hauch zur Herrin mit den Worten, Die mein Gedicht euch kund hier oben tut. "O ewges Licht des großen Manns, dem dorten" --Sie sprachs--"der Herr die Schlüssel ließ, die er Getragen, zu des Wunderreiches Pforten, Prüf ihn mit eingen Fragen, leicht und schwer, Wie dirs gefällt, ob jener Glaub ihm eigen, Durch welchen du gegangen auf dem Meer. Ob er gut liebt, gut hofft und glaubt--verschweigen Kann er dirs nicht, denn dort ist dein Gesicht, Wo abgemalt sich alle Dinge zeigen. Doch weil man hier durch wahren Glaubens Licht Zum Bürger wird, so wird es Früchte tragen, Wenn er mit dir zu seinem Preise spricht." Gleichwie der Bakkalaur, des Meisters Fragen Erwartend, stillschweigt, denn er rüstet sich, Entscheidung nicht, doch den Beweis zu wagen; So rüstet ich mit jedem Grunde mich, Indes sie sprach, um schnell und wohlerfahren Zu reden, wenn der Meister spräche: Sprich! "Sprich, guter Christ, um dich zu offenbaren: Was ist der Glaub?"--Ich hob die Stirne schnell Zum Lichte, dem entweht die Worte waren. Zur Herrin blickt ich dann, die, froh und hell, Mir Mut verlieh, die Flut hervorzulassen, Wie sie entströmte meinem innern Quell. "Hat Gnade", fing ich an, "mich zugelassen Zur Beichte bei der Streiter hohem Hort, So lasse sie mich klar die Antwort fassen. Die Wahrheit, Vater," also fuhr ich fort, "Hab ich in deines Bruders Buch getroffen, Der Rom bekehrt hat durch sein heilig Wort. Glaub ist der Stoff des, was wir fröhlich hoffen, Ist der Beweis von dem, was wir nicht sehn. Und hierin zeigt sich mir sein Wesen offen." "Wohl richtig denkst du," hört ichs jetzo wehn, "Wenn du den Grund erkennst. Darum verkünde: Was mocht er bei Beweis und Stoff verstehn?" Drauf ich: "Die Dinge, die ich hier ergründe, Die ihres Anblicks Wonne mir verleihn, Sind so versteckt dem Blick im Land der Sünde, Daß dorten nur im Glauben ist ihr Sein, Auf welchen wir die hohe Hoffnung bauen, Und deshalb ist er auch ihr Stoff allein. Auch muß dann, ohn auf anderes zu schauen, Vom Glauben aus nur folgern der Verstand; Drum muß man ihm auch als Beweise trauen." Ich hörte drauf: "Würd alles so erkannt, Was dort auf Erden die Gelehrten lehren, So wäre der Sophisten Witz verbannt." Den Hauch ließ jene Liebesglut mich hören Und fuhr dann fort: "Fürwahr, ich sehe dich Die Münz als echt in Schrot und Korn bewähren. Allein hast du sie auch im Beutel? Sprich!" Und ich drauf: "Ja, so hell und so gerundet, Daß beim Gepräg nie Zweifel mich beschlich." Da sprach es aus dem Licht, dort hellentzündet: "Wie ward dies teure Kleinod dein, dies Gut, Auf welches sich jedwede Tugend gründet?" Und ich: "Des Heilgen Geistes Regenflut, Die sich so reich aufs Pergament ergossen, Das kund den Alten Bund und Neuen tut, Sie ist der Grund, aus dem ich es geschlossen So scharf, daß anderer Beweis und Grund Mir stumpf erscheint wie Tand und leere Possen." . Ich hörte drauf: "Der Alt und Neue Bund, Durch den dein Geist, so folgernd, dieses dachte. Wie wurden sie als Gottes Wort dir kund?" Und ich: "Das, was mir klar die Wahrheit machte, Die Werke sinds, von der Art, daß Natur Sie nie hervor in ihrer Werkstatt brachte." Drauf klangs: "Wo aber ist die klare Spur, Daß sie geschehn? Dies wäre zu bewähren, Das niemand dir bezeugt mit sicherm schämt."-- "Daß ohne Wunder sich zu Christi Lehren Die Welt bekehrt--dies Wunder schon bezeugt Die Wahrheit sichrer, als wenns hundert waren. Denn du betratest arm und tiefgebeugt Das Feld, den guten Samen dreinzubringen, Der einst die Reb und jetzt den Dorn erzeugt." Ich sprachs und hörte durch die Sphären klingen Der Selgen Lied: Herr Gott, dich loben wir! In Melodien, wie sie nur jene singen. Und jener Herr, der Zweig um Zweig mit mir Emporklomm und mich prüfend also führte, Daß ich erreicht des Gipfels Höhe schier, Sprach weiter: "Wie dein Herz die Gnade rührte, Erschloß sie dir den Mund auch wundersam, Drum öffnet er sich jetzt, wie sichs gebührte; Drum billigt ich, was ich aus ihm vernahm. Doch was du glaubst, das sollst du jetzt bekunden, Und auch woher dir dieser Glaube kam."-- "O Heilger," sprach ich, "der du hier gefunden, Was du so fest geglaubt, daß du den Fuß Des Jüngern einst am Grabmal überwunden, In meinem Wort soll, dies ist dein Beschluß, Auch meines Glaubens Form dir klar erscheinen, So auch, warum ich also glauben muß. So hör: Ich glaub an Gott, den Ewgen, Einen, Der, unbewegt, des Himmels All bewegt, Durch Lieb und Trieb zu ihm, dem Ewigreinen. Und nicht Vernunft nur und Natur erregt Den Glauben mir und gibt mir die Beweise; Die Offenbarung auch, so dargelegt Moses, Propheten, Davids Sangesweise, Das Evangelium, und was ihr, vom Schein Des Geists erleuchtet, schriebt zu Gottes Preise. Ich glaub an drei Personen, eins in drein, Dreifach in einem Wesen, einem Leben, Und Ist und Sind gestattet ihr Verein. Von dieser Gotteseigenschaft, die eben Mein Wort berührt, hat meinem innern Sinn Das Evangelium das Gepräg gegeben, Dies ist der Funke, dies der Glut Beginn, Die dann lebendig in mir aufgestiegen, Der Stern, von welchem ich erleuchtet bin." So wie der Herr, erst horchend mit Vergnügen, pur gute Nachricht in der Freude Drang, Zuletzt den Knecht umarmt, wenn er geschwiegen; Also das Licht, das dreimal mich umschlang, Als ich geendet, was es mir befohlen, Mich segnend mit dem himmlischen Gesang-- So hatte, was ich sprach, mich ihm empfohlen.
Fünfundzwanzigster Gesang