Chapter 28
Vor mir erschien mit offnem Flügelpaar Das schöne Bild, wo, selig im Vereine, Der Geister lichter Kranz verflochten war. Jedweder war wie ein Rubin, vom Scheine Der Sonne so in Licht und Glut entbrannt, Als ob sie selbst mir in die Augen Scheine. Der Schilderung, zu der ich mich gewandt, Wie kann die Sprache sie, die Feder wagen, Da Phantasie dergleichen nie erkannt?-- Ich sah den Aar und hört ihn Worte sagen, Und in der Stimm erklangen Ich und Mein, Als Wir und Unser ihm im Sinne lagen: Er sprach: "Für frommes und gerechtes Sein Sollt ich zu dieser Glorie mich erheben, Die jeden Wunsch uns zeigt als arm und klein. Und solch Gedächtnis ließ ich dort im Leben, Daß es für rühmlich selbst den Bösen gilt, Die nicht auf meiner Spur zu wandeln streben." Wie vielen Kohlen eine Glut entquillt, So tönte jetzt von vielen Liebesgluten Ein einzger Ton mir zu aus jenem Bild. "Ihr ewge Blüten des endlosen Guten," Begann ich, "die ihr mir als einen jetzt Laßt eure Wohlgerüch entgegenfluten, Ich bitt euch nun, mit eurem Hauch ergetzt Mich Hungrigen und reicht mir jene Speise, Mit welcher mich die Erde nie geletzt. Wohl weiß ich, spiegelt sich in anderm Kreise Des Himmels ab des Herrn Gerechtigkeit, Daß sie sich euch nicht unterm Schleier weise. Ihr wißt, zum Hören bin ich schon bereit, Auch wißt ihr, welch ein Zweifel mich befangen, Der unbefriedigt ist seit langer Zeit." Gleichwie ein edler Falk, der Kapp entgangen, Das Haupt bewegt, sich schön und freudig macht, Stolz mit den Flügeln schlägt und zeigt Verlangen, So machte sich des hohen Zeichens pracht, Das Gottes Gnade laut dem All verkündet, Mit Sang, wie der nur hört, der dort erwacht. Und es begann: "Er, der die Welt gerundet Und sie begrenzt, hat viel Geheimes drin Und Offenbares viel darin begründet; Doch hat er seine Kraft vom Anbeginn Nicht völlig ausgeprägt im Weltenaue, Denn endlos überragts sein hoher Sinn. Der erste Stolze, welcher höhr als alle Geschöpfe stand, sank drum im frevlen Zwist, Des Lichts nicht harrend, früh in jähem Falle. Denn jegliches der kleinern Wesen ist Zu eng, um jenes Gut darein zu bringen, Das, endlos, sich nur mit sich selber mißt, Drum kann so weit der Menschenblick nicht dringen, Er, nur ein Strahl von jenes Geistes Schein, Der Urstoff ist und Grund von allen Dingen, Kann nie durch eigne Kraft so mächtig sein, Um Seinen Ursprung deutlich zu ersehen, Denn Nebel hüllt für ihn so Tiefes ein; Drob zu der Urgerechtigkeit das Spähen Des Menschenblicks sich nur so weit erstreckt, Als in den Grund des Meers die Augen gelten. Leicht wird der Grund am Strand vom Aug entdeckt, Doch nie im Meer, wie sehr sichs müh und übe; Grund ist dort, doch zu tief und drum versteckt. Nur aus der Heiterkeit, die nimmer trübe, Kommt Licht--all andres ist nur Dunkelheit, Ist Schatten oder Gift der Fleischestriebe. Sieh das Versteck, das die Gerechtigkeit Dir lang verhehlt, jetzt offen dem Verstande, Und ruhn wird nun in dir der Zweifel Streit. Erzeugt wird jemand an des Indus Strande, So sprachst du, doch wer spricht von Jesus Christ, Wer liest und schreibt von ihm in jenem Lande? Wenn er, soweit es die Vernunft ermißt, In Tat und Willen rein und unverdorben Und ohne Sünd in Wort und Leben ist Und er ungläubig, ungetauft gestorben, Wo ist dann wohl ein Recht, dem er verfällt? Wo Schuld, daß er den Glauben nicht erworben?-- Und wer bist du, der sich so hoch gestellt, Um, richtend, tausend Meilen weit zu springen, Da eine Spanne kaum dein Blick enthält? Gewiß, daß die mir nach im Forschen ringen, War über euch nicht Gottes heilges Wort, Zum Zweifel und Erstaunen Grund empfingen. O Tier aus Erd! Ihrr groben Geister dort! Der erste Wille, gut von selber, gehet Nie aus sich selbst, dem höchsten Gute, fort. Gerecht ist, was mit ihm in Einklang stehet. Ihn kann nicht anziehn ein erschaffnes Gut, Das nur aus seiner Strahlenfüll entstehet."-- Wie über ihrem Nest die Störchin tut, Wenn sie die Brut gespeist, im Kreise schwebend, Und wie nach ihr hinschaut die satte Brut; So tat--und so auch ich, das Aug erhebend-- Das heilge Bild, das seine Flügel Schwang, Den Willen kund der freudgen Scharen gebend, Indems, im Kreis sich schwingend, also sang: "So wie du nicht verstehst, was ich verkündet, So kennt ihr nicht des ewgen Urteils Gang." Dann, noch im Zeichen, das den Ruhm begründet Der Römer hat, stand still die selge Schar, Von lichter Glut des Heilgen Geists entzündet. "In dieses Reich", begann aufs neu der Aar, "Stieg keiner je, der nicht geglaubt an Christus, Vor oder nach, als er gekreuzigt war. Doch siehe, viele rufen: Christus! Christus! Und stehn ihm ferner einst beim Weltgericht Als jene, welche nichts gewußt von Christus. Das Strafurteil für solche Christen Spricht Der Heid einst aus, wenn sich die Scharen trennen, Die zu der ewgen Nacht und die zum Licht. Wie wird ein Perser eure Fürsten nennen, Zeigt ihm sich aufgeschlagen jenes Buch, In dem er ihre Schmach wird lesen können? Die Tat des Albrecht wird mit hartem Spruch Er in dem Buch dann eingetragen sehen, Ob der ihn trifft, des Böhmerreiches Fluch. Auch Frankreichs Schmerz wird aufgezeichnet stehen, In den es durch den Münzverfälscher fällt, Der durch des Ebers Stoß wird untergehen. Dort steht der Stolz, der Durst nach Land und Geld, Drob Schott und Engelländer tun gleich Tollen, Und keiner sich in seiner Grenze hält. Dort wird die Üppigkeit sich zeigen sollen Des Spaniers und des Böhmen, welcher nie Die Trefflichkeit gekannt, noch kennen wollen. Dort, Lahmer von Jerusalem, dort sieh Mit einem M bezeichnet deine Sünden, Und deine Tugenden mit einem I. Dort wird sich auch der niedre Geiz verkünden Des, der dort herrschet, wo Anchises ruht Nach langer Fahrt, bei Ätnas Feuerschlünden. Und wie gering er ist an Kraft und Mut, Das wird die abgekürzte Schrift bezeugen, Die vieles kund auf engem Raums tut. Auch wird das schmutzge Tun des Ohms sich zeigen, Und das des Bruders kund sein überall, Die mit dem edlen Stamm zwei Kronen beugen. Auch den von Norweg, den von Portugal Und den von Rascia wird man unterscheiden, Der Schuld ist an Venedigs Münzverfall. Mög Ungarn fernerhin nicht Unbill leiden! Navarra, es verteidige getrost Die Bergesreihn, die es von Frankreich scheiden! Und Nicosia ist und Famagost, Vorläufig und als Angeld, sehr mit Fuge, Wie jeder zugibt, auf ihr Vieh erbost, Das mit dem andern geht in gleichem Zuge."
Zwanzigster Gesang
Wenn sie, die hell die ganze Welt verklärt, Von unsrer Hemisphär herabgeschwommen Und rings der Tag ersterbend sich verzeiht, Dann zeigt der Himmel, erst von ihr entglommen, Von ihr allein, viel Sterne rings im Rund, Die all ihr Licht von einem Licht entnommen. Dies wars, was jetzt vor meiner Seele stund, Als unsrer Welt und ihrer Herrscher Zeichen Stillschweigen ließ den benedeiten Mund. Denn alle Lichter, jene wonnereichen, Erglänzten mehr im Sang, an dessen Macht Nicht irdischer Erinnrung Schwingen reichen. O Lieb, umkleidet mit des Lächelns Pracht, Wie sah ich Glanz dich in die Funken gießen, Die heilger Sinn allein dort angefacht! Dann, als die Edelsteine, die mit süßen Lichtstrahlen hold das sechste Licht erhöhn, Die Engelsglocken wieder schweigen ließen, Schien mirs, es zeig in murmelndem Getön Ein Fluß, von Fels zu Felsen niederfallend, Wie reich sein Quell entstand auf Bergeshöhn. Und wie ein Ton, aus reiner Laute schallend, An ihrem Hals sich formt und wie der Wind Durchs Mundloch eindringt, die Schalmei durchhallend; So hatte jener Murmelton geschwind Sich bis zum Hals des Adlers aufgeschwungen Und drang, wie aus der Kehle, süß und lind Und ward zur Stimm, und, dort hervorgedrungen, Ward er gebildet zum erwünschten Wort, Und wohl behält mein Herz, was mir erklungen. "Den Teil in mir, der bei den Adlern dort Die Sonne sieht und trägt, schau an!" so hoben Die Wort itzt an und fuhren weiter fort: "Denn von den Feuern, die mein Bild gewoben, Stehn, die hier glänzen an des Auges Statt, In allen Würden vor den andern oben. Der, so den Platz des Augenapfels hat, Des Heilgen Geistes Sänger wars und brachte Die Bundeslade fort von Stadt zu Stadt. Wie der, der ihn begeistert, seiner achte Und seines Sangs, das kann er jetzo sehn, Da er dem Wert gleich die Belohnung machte. Von fünf, die um mein Aug als Braue stehn, Sieh nächst dem Schnabel den, der ehmals Weile Dem Heer gebot auf einer Witwe Flehn. Wie, wer nicht Christo folgt zu seinem Heile, Dies teuer büßt, das hat er nun erkannt In dieser Wonn und in dem Gegenteile. Der Nächst im Kreise, der mein Aug umspannt, Ist jener, der den Tod auf fünfzehn Jahre Durch wahre Reue von sich abgewandt. Jetzt sieht er ein, der Herr, der ewig Wahre, Bleib ewig wahr, obwohl sein Urteil sich Auf würdges Flehn von heut auf morgen spare. Der nachfolgt, führte das Gesetz und mich, Durch guten Sinn zu schlimmem Tun bewogen, Nach Griechenland, weil er dem Hirten wich. Jetzt sieht er, daß, vom Guten abgezogen, Das Übel, das in Trümmern euch begräbt, Ihm dennoch nichts von seiner Wonn entzogen. Sieh Wilhelm, wo der Bogen abwärts strebt, Ob dessen Tod des Landes Bürger weinen, Das weint, weil Karl und Friederich gelebt. Jetzt sieht er, Gott liebt zärtlich, als die Seinen, Gerechte Fürsten, und, in Glanz erhellt, Läßt er dies hier in frohem Blitz erscheinen. Wer glaubt es in der wahnbefangnen Welt, Daß Ripheus, den Trojaner, hier im Runde Des fünften Lichtes heilger Glanz enthält? Jetzt hat er wohl von Gottes Gnade Kunde Und siehet mehr, als eurer Welt sich zeigt, Dringt auch sein Blick nicht bis zum tiefsten Grunde." Wie in die Luft die kleine Lerche steigt, Erst singend flattert, aber dann, zufrieden, Vom letzten süßen Ton gesättigt, schweigt; So schien mir jenes Bild, durch das hienieden Des Höchsten ewger Wille zu uns spricht, Der jedem Ding das, was es ist, beschieden. Und barg ich auch den Zweifel minder dicht, Als Glas die Farbe, litt er doch mein Schweigen, Und längres Harren auf Verkündung nicht. Er zwang dies Wort, dem Munde zu entsteigen: "Was sah ich dort!" durch seines Dranges Macht, Denn Freudenfunkeln sah ich dort sich zeigen. Im Auge hellre Gluten angefacht, Sprach drauf der Adler, um mich aufzuregen, Den Staunen fesselte bei solcher Pracht: "Ich sah, du glaubest dies, doch nur deswegen, Weil ichs gesagt, und siehest nicht das Wie? Wie wir Verborgenes zu glauben pflegen, Wie man der Sache Namen lernt, doch sie Nicht kann nach ihrem Wesen unterscheiden, Wenn nicht ein anderer uns Licht verlieh. Das Reich der Himmel muß Gewalt erleiden, Wenn Kraft der Lieb und Hoffnung es bekriegt, Denn Gottes Wille wird besiegt von beiden; Nicht wie ein Mensch dem Stärkern unterliegt; Nein, er siegt, denn er will sich ja ergeben. Drob er, besiegt durch seine Güte, siegt. Du staunst beim ersten und beim fünften Leben In meiner Brau und nennst es wunderbar, Daß beide hier in hellem Glanze schweben. Als Christen, nicht als Heiden, starb dies Paar. Der glaubt ans Leiden, das schon eingetroffen, Der zweit an das, das noch zu dulden war. Der ist vom Höllenschlund, der nimmer offen Zur Rückkehr war, zum Leib zurückgekehrt, Und dies verdankt er nur lebendgem Hoffen; Lebendgem Hoffen, das von Gott begehrt, Ihn zu befreien aus des Todes Banden, Damit er lebe, wie das Wort gelehrt. Und die ruhmwürdge Seele kehrt erstanden Auf kurze Zeit zum Leib und glaubt an ihn, Des Allmacht auf ihr Flehn ihr beigestanden. Und fühlte, glaubend, sich so hell erglühn In wahrer Liebe, daß sie dieser Wonnen Bei ihrem zweiten Tode wert erschien. Der zweit, aus Gnade, die so tiefem Bronnen Entquollen ist, daß nie die Kreatur Die Quell erspähen kann, wo er begonnen, Weiht all sein Lieben einst dem Rechte nur, Drum hob ihn Gott empor zu Gnad und Gnaden Und zeigt ihm künftiger Erlösung Spur. Er glaubt an sie und schalt sodann, entladen Des Heidentums, von seinem Stanke frei, Die, so noch wandelten auf falschen Pfaden. Anstatt der Taufe standen ihm die drei, Die du am rechten Rad im Tanz gesehen, Wohl tausend Jahre vor der Taufe bei. O Gnadenwahl, wie tief verborgen stehen Doch deine Wurzeln jenem Blick, der nicht Vermag den Urgrund völlig zu erspähen! Kurz sei dein Urteil, Mensch, wie dein Gesicht, Da wir nicht all die Auserwählten wissen, Wir, die wir schaun in Gottes ewges Licht. Und süß ist uns auch das, was wir vermissen, Da daraus uns das höchste Heil entquillt, Daß dessen, was Gott will, auch wir beflissen." So reichte jenes gottgeliebte Bild, Der schwachen Sehkraft Stärkung zu bereiten, Mir Arzeneien, wundersüß und mild. Und wie mit lieblichem Geschwirr der Saiten Die guten Lautner guter Sänger Lied Zu größrer Süßigkeit des Sangs begleiten; So regt, indes der Adler mich beschied, Der benedeiten Lichter Paar, zusammen, Wie man die Augen blicken sieht, Bei seinem Wort die hellen Wonneflammen.
Einundzwanzigster Gesang
Schon heftet ich die Augen aufs Gesicht Der Herrin wieder, Augen und Gemüte, Und dachte drum an alles andre nicht. Sie lächelte mir nicht, doch sprach voll Güte: "Dafern ich lachte, würde dir geschehn Wie Semelen, als sie in Staub verglühte. Wenn meine Schönheit, die, wie du gesehn, Beim Steigen in dem ewigen Palaste Sich mehr entflammt, je mehr wir uns erhöhn, Sich deinem Blick nicht mäßigte, sie faßte Dich wie ein Blitz--du wärst von ihr erdrückt, Zerschmettert, gleich dem blitzgetroffnen Aste. Wir sind zum Glanz, dem siebenten, entrückt, Der vom Gebild des Himmelsleun umgeben, Aus seiner Glut den Strahl herniederzückt. Laß itzt den Geist, dem Blicke nach, sich heben; Und deinen Blick--mach itzt zum Spiegel ihn Fürs Bild, das kund wird dieser Spiegel geben." Wer wüßte, wie ihr Blick so selig schien, Wie er dem meinen ward zur süßen Weide, Als sie gebot, ihn wieder abzuzielen, Oh, der erkennt auch wohl, mit welcher Freude Ich dem gehorcht, was sie mir auferlegt, Denn Wonne hielt das Gleichgewicht dem Leide. In dem Kristall, das, um die Welt bewegt, Vom teuren Führer, unter dem entweichen Die Bosheit mußte, noch den Namen trägt, Erblickt ich einer Leiter schimmernd Zeichen, An Farbe gleich dem Gold, durchglänzt vom Strahl, Hoch, daß zur Höh nicht Menschenblicke reichen. Und auf den Sprossen stieg in solcher Zahl Die Schar der selgen Himmelslichter nieder, Als ström hier alles Licht mit einemmal. Und wie, nach ihrer Art, die Krähn, wenn wieder Der Tag beginnt, sich rasch bewegend ziehn. Um zu erwärmen ihr erstarrt Gefieder, Und die von dannen ohne Rückkehr fliehn, Die rückwärts fliegen, andre dann, im Bogen Dieselbe Stell umkreisend, dort verziehn; So sah ichs jetzt in jenem Glanze wogen, Der sich als Strom ergoß. Sobald die Flut Bis zu gewissen Stufen hergezogen. Und einer glänzte, der, uns nah, geruht, Drum wollte schon dies Wort der Lipp entsteigen: "Ich seh es wohl, du zeigst mir Liebesglut." Doch sie, die mir zum Sprechen und zum Schweigen Das Wie und Wann bestimmt, sie schwieg, und ich Tat wohl, nicht fragend meinen Wunsch zu zeigen. Doch sie erklärte wohl mein Schweigen sich, In ihm, der alles sieht, mich klar erschauend, Und sprach: "Still itzt den heißen Wunsch und sprichl" Und ich begann: "Nicht dem Verdienste trauend, Halt ich von dir mich einer Antwort wert; Ich frag, auf sie, die mirs gestattet, bauend, O selges Leben, das du schön verklärt Dich in der Freude birgst, aus welchem Grunde Hast du zu mir dich liebevoll gekehrt? Und sage mir, weswegen diesem Runde Die Paradiessymphonie gebricht, Die tiefer dort erklang im frommen Bunde?" Und er:"Dein Ohr ist schwach, wie dein Gesicht, Weshalb Beatrix nicht gelacht, deswegen Ertönt der Sang in diesem Kreise nicht. Ich kam von heilger Leiter dir entgegen, Um mit der Red und mit dem Licht, das mir Zum Kleide dient, dich freudig aufzuregen. Und nicht aus größrer Liebe bin ich hier; Nein, mehr und gleiche Liebe glüht in ihnen, Die dorten sind, und Schimmer zeigt sie dir. Doch höchste Liebe, die uns treibt, zu dienen Dem ewgen Rat, braucht, wen sie wählt, dabei, Wie dir in dem, was du gesehn erschienen." "Ich sehe," sprach ich, "daß die Liebe, frei, An diesem Hof den Schlüssen nachzugehen Der ewgen Vorsehung, genügend sei. Doch bleibt mir eins noch schwierig zu verstehen: Warum bist du von allen jenen dort Schon im voraus zu diesem Amt ersehen?" Noch war ich nicht gelangt zum letzten Wort, Da drehte sich, sich um sich selber schwingend, Das Licht im Kreis gleich einer Mühle fort. "Da jenes Licht, dem Urquell selbst entspringend," Antwortete die Liebe drin, "mir scheint, Das, welches mich in sich verschließt, durchdringend, Hebt seine Kraft, mit meinem Schaun vereint, Mich über mich, so daß in seinem Schimmer Das Ursein, das ihn ausströmt, mir erscheint. Und daher kommt mein freudiges Geflimmer, Denn wie des Blickes Klarheit sich vermehrt, Vermehrt sich auch der Flammen Klarheit immer. Doch der, der sich im reinsten Licht verklärt, Der Seraph selbst, der Gott am hellsten siebet, Genügt dir nicht in dem, was du begehrt. Denn in dem Abgrund ewgen Rats umziehet Das, was du fragtest, Nacht, die, nie erhellt, Es jeglichem geschaffnen Blick entziehet. Verkünde dies, zurückgekehrt, der Welt Und warne sie vor jenem stolzen Streben, Das so Erhabnes sich zum Ziele stellt. Der Geist, von Licht hier, dort von Rauch umgeben, Sucht, wie er kann, zum höchsten Ziel hinauf, Das er nicht sehn kann, dort den Blick zu heben." Dies trug das Wort des Seligen mir auf, Drum ließ ich demutsvoll von diesen Fragen Und fragte nur nach seinem Lebenslauf. "Zwischen Italiens beiden Küsten ragen Gebirge, Tuscien nah, so hoch empor, Daß unter ihren Höhn die Wolken jagen. In ihnen springt ein Bergeshöcker vor, Catria genannt, und drunter liegt die Öde, Die Gott zu seinem echten Dienst erkor." Also begann er seine dritte Rede Und fuhr dann fort: "Dort stärkt ich meine Kraft Im Dienste so, daß ich der Speisen jede Mit nichts mir würzt als mit Olivensaft; Dort hat Beschauung mir in vielen Jahren Bei Hitz und Frost Zufriedenheit verschafft. Fruchtbare Felder für den Himmel waren Im Klosterbann--jetzt wuchert Unkraut dort, Und wohl geziemt sichs, dies zu offenbaren. Pier Damian war ich an jenem Ort. (Petrus Peccator lebt in Unsrer Lieben Fraun heilgem Kloster an Ravennas Bord.) Nur wenig Leben war mir noch geblieben, Da rief, ja zog man mich zu jenem Hut, Der jetzt zu Schlimmen reizt und schlimmem Trieben. Petrus war mager einst und unbeschuht, Paulus ging so einher in jenen Tagen Und fand die Kost in jeder Hütte gut. Die neuen Hirten, feist, voll Wohlbehagen, Sieht man gestützt, geführt und schwerbewegt, Und hinten läßt man gar die Schleppe tragen. Wenn übers Prachtroß sich ihr Mantel schlägt, Sind zwei Stück Vieh in einer Haut beisammen. O göttliche Geduld, die viel erträgt!"-- Hier stiegen von der Leiter viele Flammen Und kreisten dort, so daß sie mehr und mehr Bei jedem Kreis in schönem Lichte schwammen. Sie stellten sich um jenen Schimmer her, Mit einem Rufe von so lautem Schalle, Daß nichts auf Erden tönt so laut und schwer. Doch nichts verstand ich in dem Donnerhalle.
Zweiundzwanzigster Gesang