Chapter 27
O du geringer Adel unsers Bluts, Kannst du hienieden uns zum Stolz verführen, Wo wir noch fern vom Schaun des wahren Guts. So werd ich nimmer drob Verwundrung spüren; Denn dort, wo falsche Lust uns nicht erreicht, Fühlt ich darob in mir den Stolz sich rühren. Du bist ein Mantel, der, sich kürzend, weicht, Setzt man nicht Neues zu von Tag zu Tagen, Weil rings die Zeit mit ihrer Schere schleicht-- Mit jenem ihr, das Rom zuerst ertragen, Das jetzt die Römer minder brauchen, trat Ich näher hin, beginnend neue prägen. Beatrix drum, zur Seite stehend, tat, Lächelnd, gleich jener, die beim ersten Fehle Ginevrens, wie man schreibt, gehustet hat. "Ihr seid mein Vater; Ihr erhebt die Seele, Daß ich mehr bin als ich; Ihr gebt mir Mut Mit Euch zu sprechen frei und sonder Hehle. Mir strömt zur Brust vielfacher Wonne Flut, Doch sie erträgt es, ohne zu zerspringen, Weil süß das Herz in eigner Freude ruht. Drum sprecht, mein Urahn, welche Vordern gingen Euch noch voraus, und wie bezeichnet man Die Jahre, die Euch hier itzt Früchte bringen? Vom Schafstall sprecht des heiligen Johann; Wie groß war er? Wer ist, den, hochzustehen In jenem Volk, man würdig preisen kann?" Gleichwie, belebt von frischen Windeswehen, Die Kohl in Flammen glüht, so war das Licht Bei meinem Liebeswort in Glanz zu sehen. Und so verschont er jetzt sich dem Gesicht, Wie seine Sprache sich dem Ohr verschönte; Doch wars nicht jene, die man jetzo spricht. Er sprach: "Seitdem des Engels Ave tönte, Bis meine Mutter, heilig itzt, in Qual Sich meiner Last entledigend, erstöhnte, Kam allbereits fünfhundertachtzigmal Dies Feuer zu den Füßen seines Leuen, Dort zu erneuern seinen Flammenstrahl. Des ersten Lichts sollt ich am Ort mich freuen, Den Vätern gleich, wo man das Sechsteil fand. In dem sich eure Jahresläuf erneuen. Und dies sei von den Ahnen dir bekannt; Wer sie gewesen, und woher entsprossen, Wird schicklicher verschwiegen als benannt. Was da, von Mars und Täufer eingeschlossen, Befähigt war, sich zum Gefecht zu reihn, Ein Fünfteil wars der jetzigen Genossen. Allein die Bürgerschaft, jetzt groß zum Schein, Vermischt mit Campis und Certaldos Scharen, War noch im letzten Handwerksmanne rein. Wohl besser wären, die einst Nachbarn waren, Es jetzo noch--wohl besser wars, Galluzz Und Trespian als Grenzen zu bewahren, Als innerhalb der Bauern Stank und Schmutz Von Aguglion und Signa zu ertragen, Die listig schachern allem Recht zum Trutz. Wenn sich, der gänzlich aus der Art geschlagen, Am Kaiser nicht stiefväterlich verging, Statt ihn am Herzen väterlich zu tragen, War mancher Schachrer, den Florenz empfing, Bereits zurückgekehrt nach Simifonte, Wo sein Großvater schmählich betteln ging. Wie Montemurlo Grafschaft bleiben konnte, So wären noch die Cerchi in Acon, Vielleicht in Valdigriev die Buondelmonte. In Volksvermischung fand man immer schon Den ersten Keim zu einer Stadt Verfalle, Wie Speis auf Speisen unsern Leib bedrohn. Ein blinder Stier stürzt hin in jäherm Falle Als blindes Lamm, und öfters ist ein Schwert Mehr wert als fünf und schneidet mehr als alle. Sieh Luni, Urbifaglia schon verheert, Sieh Chiusi in derselben Not sich winden, Die Sinigaglia, jenen gleich, erfährt; Dann wirst dus nicht mehr neu und schrecklich finden, Hüllt Nacht des Todes die Geschlechter ein, Da Städte selbst vom festen Grund verschwinden. Was euer ist, das trägt, wie euer Sein, Den Tod in sich; doch, was sich minder wandelt, Verbirgt ihn euch, denn eure Zeit ist klein. Und wie des Mondes Lauf den Strand verwandelt Und ihn in Ebb und Flut entblößt und deckt,-- So ists, wie das Geschick Florenz behandelt. Drum werde dir kein Staunen mehr erweckt, Sprech ich von Edeln deiner Stadt, von ihnen, Die in Vergessenheit die Zeit versteckt. Die Ughi hob ich und die Catellinen Der Greci und Ormanni Stamm gesehn, Die selbst im Fall erhabne Bürger schienen. Mocht alt, wie hoch, der von Sanella stehn, Er mußte mit Soldanier, den von Arke Und den Bostichi kläglich untergehn. Am Tor, das jetzt an Hochverrat so starke Belastung hat, daß in den Wogen bald Versinken wird die überladne Barke, Dort war der Ravignani Aufenthalt, Das Stammhaus derer, so den Namen führen Des Bellincion, der edel ist und alt. Wohl wußte, wie sichs zieme, zu regieren, Der della Pressa--Galigajo nahm Das Schwert, das goldnes Blatt und Knauf verzieren. Groß war die graue Säul und wundersam, Groß waren die Sachetti, die Barucci Und die ein Scheffel jetzt durchglüht mit Scham. Groß war vordem der Urstamm der Calfucci; Zu jeglichem erhabnen Platz im Staat Rief man die Sizii, die Arrigucci. Wie groß wart ihr! Allein des Stolzes Saat Trug Untergang--wie blüht auf allen Ästen So edler Stämme Mut und große Tat! So waren deren Väter, die in Festen, Wenn man den Sitz des Bischofs ledig sieht, Im Konsistorium sich behaglich mästen. Das prahlende Geschlecht, das dem, der flieht, Zum Drachen wird, doch sanft wird, gleich dem Lamme, Wenn man die Zahne weist, den Beutel zieht Kam schon empor, allein aus niederm Stamme, Drum zürnt Ubert dem Bellincion, daß er Zu solcherlei Verwandtschaft ihn verdamme. Von Fiesole kam Caponsacco her Auf euren Markt und trieb in jenen Tagen, Wie Infangato bürgerlich Verkehr. Unglaubliches, doch Wahres werd ich sagen: Ein Tor des Städtchens ließ man ungescheut Den Namen des Geschlechts der Pera tragen. Wen nur des schönen Wappens Schmuck erfreut, Des großen Freiherrn, dessen Preis und Ehren Alljährlich noch das Thomasfest erneut. Ließ Ritterwürden sich von ihm gewähren, Mag der auch, ders mit goldner Zier umwand, Jetzt im Vereine mit dem Volk verkehren. Da hoch der Stamm der Gualterotti stand, So würd in Kriegsnot Borgo minder beben, Wenn er sich mit den Nachbarn nicht verband. Das Haus, das euch zum Weinen Grund gegeben, Das in gerechtem Grimm euch Tod gebracht Und ganz beendigt euer heitres Leben, Stand mit den Seinen fest in Ehr und Macht. Buondelmont, was hattest du Verlangen Nach andrer Braut? Was fremden Antriebs acht? Wohl viele würden froh sein, die jetzt bangen, Wenn Gott der Ema dich vermählt, als du Zum ersten Male nach der Stadt gegangen. Doch wohl stand dieser Stadt das Opfer zu, Das sie der Brückenwacht, dem wüsten Steine, Mit Blut gebracht in ihrer letzten Ruh. Mit diesen und mit andern im Vereine Sah ich Florenz des süßen Friedens wert, Indems nie Ursach fand, weshalb es weine. Mit diesem sah ich hoch sein Volk geehrt, Gerecht und treu, in ruhig stiller Haltung, Und nie am Speer die Lilie umgekehrt Und nimmer rotgefärbt durch innre Spaltung.
Siebzehnter Gesang
Wie der, der Väter karg gemacht den Söhnen, An Climene um Kunde sich gewandt Von dem, was man gejagt, ihn zu verhöhnen; So war ich jetzt in mir, und so empfand Beatrix mich und er, des Liebesregung Vom Flammenkreuz ihn zu mir hergebannt. Drum sie: "Folg itzt der inneren Bewegung Und laß den Wunsch hervor, nur sei er rein Bezeichnet durch des innern Stempels Prägung. Er soll nicht größre Kenntnis uns verleihn, Doch mutig sollst du deinen Durst bekennen, Als ob ein Mensch ihn stillen sollt in Wein." "O teurer Ahn, hochragend im Erkennen, Gleich wie der Mensch sieht, daß im Dreieck nicht Zwei stumpfe Winkel sich gestalten können, So siehst du, was da sein wird, das Gesicht Dem Spiegel zugewandt, der alle Zeiten Als Gegenwart dir zeigt im klaren Licht. Als noch Virgil bestimmt war, mich zu leiten, Um auf den Berg, der unsre Seelen heilt, Und zu der toten Welt hinabzuschreiten, Ward von der Zukunft Kunde mir erteilt, Die hart ist, mag ich auch als Turm mich fühlen, Der trotzend steht, wenn ihn der Sturm umheult. Drum wüßt ich gern, um meinen Wunsch zu kühlen, Welch ein Geschick mir naht. Vorausgeschaut, Scheint minder tief ein Pfeil sich einzuwühlen." Ich sprachs zum Licht, das mir mit süßem Laut Gesprochen hatt, und hatt ihm nun vollkommen, Nach meiner Herrin Wink, den Wunsch vertraut. In Rätseln nicht, wie man sie einst vernommen, Bestimmt, ein Netz für Torenwahn zu sein, Eh Gottes Lamm die Sünd auf sich genommen, In klarem Wort und bündigem Latein, Antwortete mir jene Vaterliebe Verschlossen in der eignen Wonne Schein: "Der Zufall, Werk allein der Erdentriebe, Malt sich im ewgen Blick, wie vorbestimmt, Und keiner ist, der ihm verborgen bliebe, Obwohl er euch die Freiheit nicht benimmt So wenig, als das Aug ein Schifflein leitet, Das drin sich spiegelt, wenns stromunter schwimmt. Wie Orgelharmonie zum Ohre gleitet, So kann mein Aug im ewgen Blicke sehn, Welch ein Geschick die Zukunft dir bereitet. Wie Hippolyt, vertrieben aus Athen Von der Stiefmutter treulos argen Ränken, So mußt du aus dem Vaterlande gehn. Dies wollen sie, dies ists, worauf sie denken; Und wo man Christum frech zu Markte trägt, Dort wird zur Tat, was nottut, dich zu kränken. Und dem verletzten Teil folgt, wie er pflegt, Der Ruf der Schuld--allein die Wahrheit künden Wird Gottes Rache, die den Argen schlägt. Du wirst dich allem, was du liebst, entwinden Und wirst, wenn dies dir bittern Schmerz erweckt, Darin den ersten Pfeil des Banns empfinden. Wie fremdes Brot gar scharf versalzen schmeckt, Wie hart es ist, zu steigen fremde Stiegen, Wird dann durch die Erfahrung dir entdeckt. Doch wird so schwer nichts seinen Rücken biegen, Als die Gesellschaft jener schlechten Schar, Mit welcher du dem Bann wirst unterliegen. Ganz toll und ganz verrucht und undankbar Bekämpft sie dich; doch zeiget bald, zerschlagen, Ihr Kopf, nicht deiner, wer im Rechte war. Wie dumm sie ist, das wird ihr Tun besagen; Und daß du für dich selbst Partei gemacht, Wird dir erwünschte, schöne Früchte tragen. Die erste Zuflucht in der harten Acht Wird dir der herrliche Lombard gewähren, Den heilger Aar und Leiter kenntlich macht. Zwischen euch wird von Geben und Begehren Das, was sonst später kommt, das erste sein, So sorgsam wird auf dich sein Blick sich kehren. Dort siehst du ihn, dem dieses Sternes Schein Bei der Geburt im hellsten Licht entglommen, Ihm das Gepräg zu hoher Tat zu leihn. Und hat die Welt noch nichts davon vernommen, So ists, weil eben erst zum neuntenmal Die Sonn um ihm den Zirkellauf genommen. Doch glänzt er, ungerührt durch Gold und Quäl, Bevor sich des Gascogners Tücken zeigen Bei Heinrichs Zug, in heller Tugend Strahl. Hochherrlich wird sein Ruhm zum Himmel steigen; Der Feind selbst kann, obwohl voll Ungeduld Bei seiner Taten Lob, es nicht verschweigen. Gewärtig sei denn sein und seiner Huld; Aus Armen macht er Reich und Arm aus Reichen, Hebt arme Tugend, stürzt die reiche Schuld. Laß nicht dies Wort aus dem Gedächtnis weichen, Doch sage nichts!" Dann sagt er Dinge mir, Die dem selbst, der sie sah, noch Wundern gleichen. "Sohn," also sprach er weiter, "siehe hier, Zu dem, was dir verkündet ward, die Glossen. Schon droht man aus dem Hinterhalte dir. Doch nicht beneide deine Landsgenossen, Denn lang, bevor du sinkst ins dunkle Grab, Ist dem Verrat gerechte Rach entsprossen." Hier brach die heilge Seel ihr Reden ab Und hatte das Gewebe ganz vollendet, Wozu ich fragend ihr den Aufzug gab. Und wie man zweifelnd sich an jemand wendet, Der innig liebt und Rechtes will und sieht, Nach gutem Rat--so ich, als er geendet: "Ich sehs, wie rasch heran die Stunde zieht, Um gegen mich den scharfen Pfeil zu kehren, Der schwerer trifft, wen die Besinnung flieht. Drum muß ich wohl mit Vorsicht mich bewehren, Um fern dem Ort, der, was ich lieb, enthält, Nicht durch mein Lied der Zuflucht zu entbehren. Denn reifend durch die endlos bittre Welt, Dann auf die Höh, wo mich vom Angesichte Der Herrin Licht zum höhern Flug erhellt, Dann durch den Himmel selbst von Licht zu Lichte, Erfuhr ich, was wohl manchen brennt und beißt Durch ätzenden Geschmack, wenn ichs berichte. Und zagt, der Wahrheit feiger Freund, mein Geist, Dann, fürcht ich, bin ich tot bei jenen allen, Bei welchen diese Zeit die alte heißt." Und neuen Glanz sah ich dem Licht entwallen, Das Strahlen, wie ein goldner Spiegel, warf, Auf den der Sonne Feuerblicke fallen. "Wer rein nicht sein Gewissen nennen darf," Sprach er, "wen eigne Schmach, wen fremde drücket, Dem schmeckt wohl deine Rede streng und scharf. Dennoch verkünde ganz und unzerstücket Was du gesehn, von jeder Lüge frei Und laß nur den sich kratzen, den es jücket. Ob schwer dein Werk beim ersten Kosten sei, Doch Nahrung hinterläßts zu kräftgerm Leben, Ist des Gerichts Verdauung erst vorbei. Dein Laut wird sich, dem Sturme gleich, erheben, Der hohe Gipfel stärker schüttelnd faßt, Und dies wird Grund zu größrer Ehre geben. Drum sind berühmte Seelen alle fast, Die du im dunkeln, wehevollen Schlunde Und auf dem Berg und hier gesehen hast. Denn niemand traut beruhigt einer Kunde, Verbirgt das Bild, das sie vor Augen stellt, Die Wurzel tief im unbekannten Grunde, Und nur was schimmert überzeugt die Welt."
Achtzehnter Gesang
Schon freute sich der selge Geist alleine An seinem Wort. und ich, mit Süßigkeit Das Bittre mäßigend, genoß das meine. Und jene Frau, zum Höchsten mein Geleit, Sprach: "Wechsle die Gedanken--denk, ich wohne Dem nah, der mildert unverdientes Leid." Ich, hingewandt zum süßen Liebestone, Konnt in den heilgen Augen Liebe schaun, Die ich nicht sing in dieser niedern Zone. Denn nicht der Sprache nur muß ich mißtraun; Selbst das Gedächtnis kehrt nicht, ungetragen Vom Flug der Gnade, zu den selgen Aun. Ich kann von jenem Augenblick nur sagen: Ich fühlte jeden Wunsch der Brust entfliehn, Als ich den Blick zur Herrin aufgeschlagen, Bis, die nun selbst aus ihrem Auge schien, Die ewge Luft, vom schönen Angesichte Im zweiten Anblick Gnüge mir verliehn, Besiegend mich mit eines Lächelns Lichte. "Nicht mir im Aug allein ist Paradies." Sie sprachs. "Horch auf! Dorthin die Augen richte!" Wie Lieb auf Erden wohl sich mir erwies, Die lächelnd glänzt auf eines Freundes Zügen, Der seine Seele ganz ihr überließ, So zeigt in Glanz und wonnigem Vergnügen Des Urahns Geist die liebende Begier, Mir noch durch einge Reden zu genügen: "In dieses Baumes fünfter Stufe hier, Der von dem Gipfel Nahrung zieht und Leben, Stets reich an Frucht und frischer Blätter Zier, Sind Selge, die, eh sie emporzuschweben Der Himmel rief, in eurem Erdental Durch Ruhm der Muse reichen Stoff gegeben. Sieh auf die Arme hin am Kreuzesmal, Und zeigen wird sich jeder, den ich nannte, Wie in der Wolk ihr schneller Feuerstrahl. Und sieh, ein Licht, gleich schnellem Blitz, entbrannte, Beim Namen Josua--so daß ich Wort Und Tat in einem Augenblick erkannte. Den Makkabäus nannt er dann, und dort War kreisend Feuer glänzend vorgedrungen, Und Freude trieb den heilgen Kreisel fort. Als Karl der Groß und Roland dann erklungen, Folgt ich so aufmerksam dem Glanz, als man Dem Falken folgt, der sich emporgeschwungen. Wilhelm zog meinen Blick zum Kreuz hinan, Und Rinoard, bei ihres Namens Klange. Auch Herzog Gottfried, Robert Guiscard dann. Drauf mischte sich dem schimmernden Gedrange Die Seele, die erst sprach, als Meisterin Sich zeigend in dem himmlischen Gesange. Ich kehrte mich zur rechten Seite hin, Um in Beatrix; meine Pflicht zu lesen, In Wink und Wort der heilgen Führerin, Und sah so rein ihr Aug, ihr ganzes Wesen So hold, daß, was ich hab an Himmelsluft, Sie übertraf, ja, was sie je gewesen. Und, wie des guten Wirkens sich bewußt, In größrer Wonne man von Tag zu Tagen Der Tugend Wachstum merkt in eigner Brust; So merkt ich jetzt, vom Himmel fortgetragen In seinem Schwung, gewachsen sei der Kreis, Sobald ich sah dies schönre Wunder tagen. Und wie das Rot der Scham, die glühend heiß Gefärbet hat der zarten Jungfrau Wangen, Bald wieder schwindet vor dem lautern Weiß; So, nach dem roten Licht, das mich umfangen, Sah ich mich in den Silberglanz entrückt Des sechsten Sterns, der mich in sich empfangen. Und in dem Stern des Zeus, den Freude schmückt, War frohes Liebesfunkeln zu gewahren, Durch unsrer Sprache Zeichen ausgedrückt. Wie Vögel, die empor vom Strande fahren, Gemeinsam neuer Weide froh, sich bald In runden, bald in langen Haufen scharen; So flatterten, von Himmelslicht umwallt, In Sängen Selge hin, im Fluge zeigend Des D und dann des I und L Gestalt, Im Sang, erst bald gesenkt, bald wieder steigend, Und war die Ordnung diesen Zeichen gleich, Einhaltend in des Fluges Schwung und schweigend. Kalliope, die du die Geister reich An Ruhme machst, sie ewig zu erhalten, Die du erhältst mit ihnen Stadt und Reich, Erleuchte mich, damit ich die Gestalten Getreu beschreibe, jetzt mit deinem Strahl; Laß deine Kraft in kurzen Reimen walten!-- Vokal und Konsonanten--siebenmal Fünf warens, die mein Auge dort ergötzten, Auch merkt ich wohl die Ordnung dieser Zahl. Diligite iustitiam--So setzten Erst Haupt und Zeitwort sich; dann sieh sofort: Qui iudicatis terram--als die letzten. Und alles blieb beim M im fünften Wort Geordnet stehn, hiermit das Werk vollbringend. So stand die Schrift wie Gold in Silber dort. Ich sah viel andres Licht, sich niederschwingend Zum Haupt des M, dort still und unbewegt, Vom Gut, so schien es, das sie anzieht, singend. Dann, wie wenn man mit Feuerbränden schlägt, Draus unzählbare Funken sprühend flammen, Woraus die Torheit wahrzusagen pflegt; So hoben dort sich mehr als tausend Flammen, Und die stieg mehr, und minder die empor, Wie sie die Sonne trieb, aus der sie stammen. Als jed an ihrer Stelle war, verlor Sich das Gewühl--da trat in Flammenzügen Der Kopf und Hals von einem Adler vor. Der dorten malt, weiß selbst sich zu genügen; Er, ungeleitet, lenkt des Künstlers Hand, Damit der Form sich die Gebilde fügen. Die selge Schar, die dort zufrieden stand, Das M bekrönend mit dem Lilienkranze, Vollendete das Bild jetzt, leicht gewandt. So sah ich, schöner Stern, der Himmel pflanze In uns die Keime der Gerechtigkeit, Der Himmel, den du schmückst mit deinem Glanze. Zum Geist, der Kraft dir und Bewegung leiht, Fleh ich, nach jenem Rauche hinzuschauen, Der deinen Strahl verdunkelt und entweiht. Sein Zorn mach einmal noch dem Volke Grauen, Das in dem Tempel schachert und verkehrt, Den er aus Wundern ließ und Martern bauen. Himmelskriegerschar, dort hellverklärt, Bitte für die, so noch der Leib umschlossen, Die schlechtes Beispiel falsche Wege lehrt. Einst kriegte man mit Schwertern und Geschossen, Doch jetzt, das Brot wegnehmend dort und hie, Das unser frommer Vater nie verschlossen. Du, der du schreibst, um auszustreichen, sie: Für jenen Weinberg, welchen du verdorben, Starb Paul und Petrus, doch noch leben sie. Du aber denkst: Hab ich nur den erworben, Der in die Einsamkeit der Wüst entrann, Und der zum Lohn für einen Tanz gestorben, Was kümmern Paulus mich und Petrus dann?
Neunzehnter Gesang