Die Göttliche Komödie

Chapter 24

Chapter 243,177 wordsPublic domain

Hosianna dir, du Gott der Macht und Wahrheit, Dir, der du hier der sel’gen Flammen Glanz Reich überströmst mit Fülle deiner Klarheit!" So schien, zurückgewandt zu ihrem Tanz, Die Seel’ im Lied den höchsten Herrn zu feiern, Umringt ihr Licht von neuem Strahlenkranz. Den Reigen sah ich alle nun erneuern, Und Funken gleich, die durch die Lüfte flieh’n, Von plötzlicher Entfernung sie verschleiern. Ich zweifelte. "Sprich, sprich, zur Herrin," schien Mein Herz zu sprechen bei des Mundes Schweigen, "Die stets dir Lab’ in süßem Tau verlieh’n." Allein die Ehrfurcht, der ich immer eigen Als Sklav’ war, wo nur be nd ice klang, Ließ, gleich dem Schläfrigen, das Haupt mich neigen. Sie aber duldete mich so nicht lang; In Lächeln strahlte mir das hohe Wesen, Das Feuerpein umschüf in Wonnedrang. Sie sprach: "Ich hab’ in deiner Brust gelesen, Wie ist--dies ist’s, was dir im Haupte kreist-- Gerechter Rache Zücht’gung Recht gewesen. Doch bald entwirren will ich deinen Geist, Damit du, wenn dein Sinn sich mir erschlossen, Um eine große Wahrheit reicher seist. Der Mensch, der nicht geboren ward, verdrossen, Zu dulden, sich zum Heil, des Willens Zaum, Verdammte sich und mit sich seine Sprossen; Drob das Geschlecht in Wahn und falschem Traum Viel hundert Jahre krank lag, matt und trübe, Bis sich das Wort geneigt zum niedern Raum, Wo’s der Natur, die sich im irren Triebe Vom Schöpfer abgekehrt, sich ganz verband, Bloß durch das Walten seiner ew’gen Liebe. Scharf sei dein Blick jetzt auf mein Wort gespannt. Diese Natur, dem Schöpfer hingegeben Und ihm vereint, war rein, wie sie entstand. Doch durch sie selbst war sie für falsches Streben Vom Paradies verbannt, weil sie die Bahn Verlassen, wo nur Wahrheit ist und Leben. Drum ward die Strafe, durch das Kreuz empfah’n, Mit größerm Recht, als jemals irgendeine, Der angenommenen Natur getan. So war die Straf auch ungerecht wie keine, In Hinsicht des, der sie erlitten hat, Mit der Natur, der ird’schen, im Vereine. Verschieden war die Wirkung einer Tat. Gott und den Juden mußt’ ein Tod gefallen, Drob Erd’ erbebt’ und Himmel auf sich tat. Schwer wird dir’s nicht mehr zu begreifen fallen, Wenn man von dem gerechten Richter spricht, Des Rach’ auf rechte Rache schwer gefallen. Doch deinen Geist, gleich einem Netz, umflicht Gedank’ itzt und Gedank’ in engem Kreise, Aus dem er sehnlich Lösung sich verspricht. Der Rache Recht war klar in dem Beweise, Denkst du; doch weshalb wählt’ in seiner Macht Gott zur Erlösung ebendiese Weise? Der Schluß, mein Bruder, birgt sich dem in Nacht, Dem nicht, wenn hell der Liebe Flammen brennen, Die Glut den Geist zur Mündigkeit gebracht. Vernimm deshalb, weil wenig zu erkennen, Wo viel der Blick umsonst sich spähend müht, Warum die Art die würdigste zu nennen. Die ew’ge Gut’, in sich nie zornentglüht, Zeigt, wenn im All sich ihre Schönheit spiegelt, Wie sie die Funken eigner Glut versprüht. Was ihr unmittelbar entströmt--verriegelt Ist dem des Todes Tür, und fest und treu Ist das Gepräge, wenn sie selber siegelt. Was ihr unmittelbar entströmt, ist frei, Ist völlig frei, und deshalb wohnt dem Neuen Die Kraft nicht, es zu unterjochen, bei. Je mehr’s ihr gleicht, je mehr muß sie’s erfreuen, Drum will die heil’ge Glut, das Licht der Welt, Aufs ähnlichste den hellsten Schimmer streuen. In allem dem ist hoch der Mensch gestellt, Der aber, wenn nur eins ihm fehlt, entweihet, Mit Schmach herab von seinem Adel fällt. Die Sünd’ allein ist das, was ihn entfreiet. Unähnlich macht sie ihn dem höchsten Gut, Das wenig drum von seinem Glanz ihm leihet. Nie kehrt zurück ihm seine Würde, tut Er dem nicht G’nüge durch gerechte Leiden, Was er gefehlt in sünd’ger Lüste Glut. Eure Natur, die in den ersten beiden Ganz sündigte, ward, wie der Würd’ entsetzt, So auch verdammt, das Paradies zu meiden. Und Möglichkeit, dahin zurückversetzt Dereinst zu sein, gab’s nur auf zweien Pfaden, Wenn scharf dein Geist der Dinge Wesen schätzt: Entweder Gott verzieh allein aus Gnaden, Oder es mußte sich, der ihn gekränkt, Der Mensch, g’nugtuend, selbst der Schuld entladen. Dein Blick sei in den Abgrund jetzt versenkt Des ew’gen Rates, und mit ernstem Schweigen Sei ganz dein Geist nach meinem Wort gelenkt. G’nugtuung konnte nie der Mensch erzeigen, Und, eng beschränkt, so tief nicht niedergehn, Gehorchend, nicht sich so in Demut neigen, Als, ungehorsam, er sich wollt’ erhöh’n; Drum könnt’ er nie sich von der Schuld befreien, Genugtuung nicht durch ihn selbst gescheh’n. Drum wählt’, ihn neu zum Leben einzuweihen, Gott, so gerecht wie gnädig, seinen Pfad Und führt’ auf diesem ihn, vielmehr auf zweien. Doch weil so werter ist des Täters Tat, Je heller strahlt die Gut’ in dem Gemüte, In dem die Handlung ihre sQuelle hat, Hat, die die Welt gestaltet, Gottes Güte, Auf jedem Wege, der ihr offen lag, Euch neu erhöht zu eurer ersten Blüte. Und zwischen letzter Nacht und erstem Tag Ist nie so Hohes, Herrliches gediehen Für sie und euch, was er auch schaffen mag. Freigeb’ger war’s, daß Gott sich selbst verliehen, Drob zu erstehn der Mensch genügend ward, Als hätt’ er ihm nur aus sich selbst verziehen, Karg war’ erfüllt in jeder andern Art Das Recht, wenn Gottes Sohn um euretwillen Nicht demutsvoll dem Fleische sich gepaart. Jetzt, um noch besser deinen Wunsch zu stillen, Und daß du seh’st, gleich mir, das volle Licht, Will ich noch eins dir deutlicher enthüllen. Ich sehe Feuer, sehe Luft--so spricht Dein Zweifel--Wasser, Erd’, in mannigfachen Vermischungen, und alle dauern nicht. Geschöpfe sind ja alle diese Sachen; Und sollte dies, wenn ich dich recht verstand, Sie nicht vor der Verderbnis sicher machen? Die Engel, Bruder, und dies reine Land, Sie dürfen wohl sich für erschaffen halten, Weil, wie sie sind, ihr volles Sein entstand. Doch alles, was die Element’ entfalten, Die Elemente selbst, sie läßt allein Der Höchste durch geschaffne Kraft gestalten. Geschaffen ward ihr Stoff, ihr erstes Sein, Geschaffen ward die Bildungskraft dem Tanze Der Sterne, die um eure Welt sich reih’n. Die Seele jedes Tiers und jeder Pflanze Zielet nach verschiedner Bildungsfähigkeit Regung und Licht aus ihrem heil’gen Glanze. Allein der höchsten Güte Hauch verleiht Unmittelbar uns selber unser Leben Und Liebe, die dann ihr sich sehnend weiht. Wie aus der Gruft die Leiber sich erheben, Erkennst du, wenn du denkest, wessen Ruf Dem Menschenleib sein erstes Sein gegeben, Als er die beiden ersten Eltern schuf.

Achter Gesang

Die Welt glaubt’ einst, unsel’gen Irrtum hegend, Daß Cypris toller Liebe Glut entflammt, Im dritten Epizyklus sich bewegend. Drob nicht zu ihr allein mit Opferamt Und Weiherufen sich anbetend kehrte Das alte Volk, im alten Wahn verdammt; Nein, auch Dionen und Cupiden ehrte, Als ihre Mutter sie, ihn als das Kind, Dem Dido ihren Schoß zum Sitz gewährte. So ward nach ihr, von der mein Sang beginnt, Der Stern benannt, der, bald der Sonn’ im Rücken, Bald ihr im Angesicht liebäugelnd minnt. Nicht fühlt’ ich mich in diesen Stern entrücken, Doch daß ich wirklich drinnen sei, entschied Der Herrin höh’res, schöneres Entzücken. Und wie man Funken in der Flamme sieht, Und wie wir Stimmen in der Stimm’ erkennen, Die aushält, wenn die andre kommt und flieht; So sah ich Lichter hier im Lichte brennen, Und, nach dem Maß des innern Schau’ns erregt, So schien’s, im Kreis mehr oder minder rennen. Kein Wind, unsichtbar oder sichtbar, pflegt So schnell aus kalter Wolk’ herabzugleiten, Daß er nicht langsam schien’ und schwer bewegt Dem, der die Lichter uns entgegenschreiten Im Flug gesehn, aus jenem Kreis hervor, Den hohe Seraphim bewegend leiten. Und hinter diesen ersten klang’s im Chor: Hosianna! Und seit ich den Ton vernommen, Sehnt stets nach ihm sich brünstig Herz und Ohr. Und einen sah ich dann uns näher kommen, Und er begann allein mit frohem Klang: "Willfährig sind wir alle, dir zu frommen. Wir wandeln hin, ein Kreis, ein Schwung, ein Drang, Uns nie vom Pfad der Himmelsfürsten trennend, Zu welchem du gejagt in deinem Sang: Die ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend; Für dich wird uns nicht schwer ein Stillestand, Für dich in so inbrünst’ger Liebe brennend." Als ich zu ihr voll Ehrfurcht mich gewandt, Und so der Herrin Blick sich ausgesprochen, Daß ich mich sicher und befriedigt fand, Schaut’ ich zum Licht, das mir in sich versprochen So vieles hatt’, und sprach: "Wer bist du, sprich!" Den Ton vor großer Inbrunst fast gebrochen. O wie vermehrte, wie verschönte sich Der frohe Glanz in Mienen und Gebärden Bei meinem Wort!--Dann sprach er freudiglich: "Nur kurze Zeit verweilt’ ich auf der Erden, Verweilt’ ich mehr, dann wären viele nicht Der Übel, die dich noch betreffen werden. Nur meine Freude birgt dir mein Gesicht, Nur sie verhüllt mich rings im Strahlenrunde, So wie den Seidenwurm die Seid’ umflicht. Du liebtest mich, und wohl aus gutem Grunde; Denn lebt’ ich noch, gewiß dir keimten jetzt Nicht Blätter nur aus unserm Liebesbunde. Der linke Strand, den Rhodanus benetzt, Nachdem er mit der Sargue sich verbündet, Sah einst im Geist durch mich den Thron besetzt; So auch Ausoniens Horn, wo, festbegründet, Bari, Gaëta und Crotona droh’n, Von wo im Meere Verd’ und Tronto mündet. Auch schmückte mich des Landes Krone schon, Das längs durchstreift der Donau Wogenfülle, Nachdem sie aus Germaniens Gau’n entflob’n. Trinacria--bedeckt von schwarzer Hülle Zwischen Pachino und Pelor, am Schlund Des Meers, das schäumt bei Eurus’ Wutgebrülle, Durch Typhöus nicht, nein, durch den Schwefelgrund Der Fürsten harrt’ es noch, der edeln Sprossen Rudolfs und Karls aus meinem Ehebund, Wenn schlechte Herrschaft, welche stets verdrossen Der Unterworfne trägt, zum Mordgeschrei Nicht in Palermo jeden Mund erschlossen. Ging’ Ahnung dessen meinem Bruder bei, So würd’ er Kataloniens Bettler jagen, Damit ihr Geiz kein Sporn zum Aufruhr sei. Nottut’s fürwahr, daß ihm die Freund es sagen, Wenn er’s nicht sieht: daß volle Ladung schon Sein Nachen hat, und nichts kann weiter tragen. Er, des freigeb’gen Vaters karger Sohn, Braucht Diener, die nicht Gold nur zu gewinnen Begierig sind, nicht bloß erpicht auf Lohn."-- "Herr, weil ich glaube, daß die Lust hierinnen, Die deine Rede strömt in meine Brust, Du, wo die Güter enden und beginnen,’ So deutlich schauest, wie sie mir bewußt, Wird sie mir werter--daß du beim Betrachten Des Herrn sie schauest, gibt mir neue Lust. Mach’ itzt, wie froh mich deine Worte machten, Mich klar und schaffe noch dem Zweifel Ruh’: Wie süße Saaten bittre Früchte brachten?" So ich--und er: "Die Wahrheit fasse du, Und dem. was du gefragt, kehrst du zufrieden, Wie jetzt den Rücken, dann das Antlitz zu. Das Gut, das ihren Lauf und ihren Frieden Den Himmeln gab, hat jedem Stern den Schein Und eine Kraft, als Vorsehung, beschieden. Nicht nur der Wesen vorbestimmtes Sein Hat der durch sich vollkommne Geist erwogen, Er schließt in sich auch ihre Wohlfahrt ein. Drum, was nur immer fliegt von diesem Bogen, Kommt, gleich dem Pfeil, auf vorbestimmtem Gang Gewiß herab zu seinem Ziel geflogen. War’ dieses nicht, dann würd’ im wirren Drang, Was diese Himmel irgend wirkend schaffen, Kein Kunstwerk sein, nein, Graus und Untergang. Dies kann nicht sein, wenn jene nicht erschlaffen, Die Geister, lenkend diese Sternenschar, Der Urgeist auch, der dann sie schlecht erschaffen. Ist diese Wahrheit nun dir völlig klar?" Und ich: "Gewiß, ich seh’s, Natur bleibt immer In dem, was nötig ist, unwandelbar;" Drum er: "Nun sprich, wär’s für den Menschen schlimmer, Wenn er nicht Bürger ward und einsam blieb’?" Ich: "Ja, und weitern Grund begehr’ ich nimmer!" "Und wär’ ein Staat, wenn in verschiednem Trieb Die Menschen nicht verschieden sind erwiesen? Nein, wenn die Wahrheit euer Meister schrieb!" So folgert’ ich bis jetzt, um hier zu schließen: "Drum also muß der Menschen Tun hervor Verschieden aus verschiedner Wurzel Sprießen. Und Solon sproßt’ und Xerres so empor, Also Melchisedek, und der Erfinder, Der bei dem luft’gen Flug den Sohn verlor. Natur, im Kreislauf, so die Menschenkinder Wie Wachs ausprägt, übt ihre Kunst und sieht Auf dies und jenes Haus nicht mehr noch minder. Dies ist’s, was Esaus Keim von Jakobs schied, Drob auch Quirin entsproß so niedrer Lende, Daß man als Vater ihm den Mars beschied. Und stets auf der Erzeuger Wegen fände Man die, so sie erzeugten, nur, wenn nicht Die Vorsehung des Höchsten überwände. Was hinter dir war, sieh jetzt im Gesicht; Doch wie ich dein mich freue, geb’ ich Kunde Und dir durch einen Zusatz beßres Licht. Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde, Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat, Die man gesät auf fremdem, falschem Grunde. Und folgte der Natur des Menschen Pfad, Suchtet auf ihrem Grund ihr nach dem Rechten, Dann gab’ es gute Leut’ und wackre Tat. Doch solche, die geboren sind, zu fechten, Macht ihr zu Priestern wider die Natur Und macht zu Fürsten die, so pred’gen möchten, Und deshalb schweift ihr von der rechten Spur.

Neunter Gesang

Noch sprach dein Karl, als er mich aufgeklärt, Schöne Clemenza, von den Ränkevollen, Durch welche schnöden Trug sein Sam’ erfährt. Doch sagt’ er: "Schweig und laß die Jahre rollen!" Drum sag’ ich nur, daß eurem Schaden bald Gerechte Straf und Klage folgen sollen. Schon war das Leben jener Lichtgestalt Zur Sonn’, in deren Strahl es ganz genesen, Zum Gut, das allem g’nügt, zurückgewallt. Betrogne Seelen, gottvergeßne Wesen! Was wendet ihr das Herz von solchem Gut Und habt nur Eitelkeit zum Ziel erlesen! Und sieh, ein andres jener Lichter lud Mich, nahend, ein und zeigte seinen Willen, Mich zu befriedigen, in hellrer Glut. Beatrix, die den Blick, den heil’gen, stillen, Auf mich gewandt, wie erst, erlaubte mir, Durch teure Zustimmung, den Wunsch zu stillen. Ich sprach: "O g’nüge meiner Wißbegier, Bewähr’, o Geist, den Fried’ und Lust durchdringen, Daß, was ich denke, widerstrahl’ in dir." Das Licht, das ich aus seinem Innern singen Vorher gehört, sprach, mir noch unbekannt, Wie der, den’s freut, das Gute zu vollbringen: "Doch im verkehrten schnöden welschen Land Zwischen der Brenta und der Piave Quelle Und des Rialto meerumfloßnem Strand, Dort hat ein niedrer Hügel seine Stelle; Von ihm herab stürzt’ eine Fackel sich Und macht’ in grausem Brand die Gegend helle. Aus einer Wurzel sproßten sie und ich. Ich, einst Cunizza, glänz’ in diesem Sterne, Denn seines Schimmers Reiz besiegte mich. Und meines Schicksals Grund verzeih’ ich gerne Mir selber hier, da’s mir nicht bitter dünkt, So schwer eu’r Pöbel dies auch fassen lerne. Sieh diesen Glanz, der mir am nächsten blinkt In unserm Kreis, den leuchtenden, den teuern! Groß blieb sein Ruhm, und, eh’ er ganz versinkt, Wird fünfmal das Jahrhundert sich erneuern. Sieh, wenn das erste Sein ein zweites schenkt, Soll dies zur Trefflichkeit euch nicht befeuern? Doch dies ist’s nicht, woran die Rotte denkt, Die Tagliamento hier, dort Etsch umfließen, Die selbst das Unglück nicht zur Reue lenkt. Doch färbend wird sich Paduas Blut ergießen Zum Sumpfe, der Vicenzas Mauer wahrt, Weil die Verstockten sich der Pflicht verschließen. Und dort, wo sich Tagnan mit Sile paart, Herrscht einer, hoch die stolze Stirne tragend, Zu dessen Fang das Netz schon fertig ward. Schon seh’ ich Feltre, den Verrat beklagend Des Hirten, der dort herrscht, an Schändlichkeit, Was je geführt nach Malta, überragend. Kein Paß auf Erden ist so hohl und weit, Um alles Ferrareser Blut zu fassen, Das zum Geschenk der wackre Pfaff verleiht, Um als Parteiglied recht sich sehn zu lassen; Und solcherlei Geschenk wird wohl zum Geist Und zu des Landes Art und Leben passen. Von hohen Spiegeln, die ihr Throne heißt, Glänzt Gott, der Richtende, zu uns hernieder, Worin als wahr sich, was ich sprach, erweist." Sie sprach’s, von mir gekehrt, und wandte wieder Sich hin zu ihrem Kreis, wo sie verschwand, So wie sie kam, beim Klang der Himmelslieder. Die andre Wonne, mir bereits bekannt, Ward leuchtender in Mienen und Gebärden, Wie in der Sonne Blitz der Diamant. Dort gibt die Wonne Glanz, wie sie auf Erden Das Lächeln zeugt, indes bei innrer Pein Die äußern Schatten unten dunkler werden. "Alles sieht Gott--du siehst in seinen Schein," Sprach ich, "und kann in ihn dein Auge dringen, So muß dir klar sein ganzer Wille fein. Drum deine Stimme, die im frommen Singen Den Himmel mit dem Sang der Feuer letzt. Die sich bekleiden mit sechsfachen Schwingen, Warum nicht g’nügt sie meinen Wünschen jetzt? Auch ungefragt harrt’ ich so lang nicht säumend, War’ ich in dich, wie du in mich versetzt."-- "Das größte Tal, worin das Wasser schäumend Sich ausgedehnt," begann des Sel’gen Wort, "Außer dem Meere, rings die Erd’ umsäumend, Geht zwischen Feindesufern westlich fort, So weit, daß hier, an seinem letzten Strande, Gesichtskreis ist, was Mittagsbogen dort. Ich lebt’ an dieses großen Tales Rande Zwischen Ebro und Magra, die, nicht lang, Trennt Genuas Gebiet vom Tuskerlande. Fast einen Aufgang hat und Niedergang Buggéa und die Stadt, der ich entsprossen, Sie, deren Blut einst warm den Port durchdrang. Mich hießen Folco meine Zeitgenossen Und diesen Stern schmückt meine Freudigkeit, Wie dort sein Licht sich in mein Herz ergossen. Nicht zu Sichäus’ und Creusas Leid Fühlt’ in sich Dido solche Flammen wogen, Wie ich einst fühlt’ in meiner Jugendzeit; Nicht Phyllis, von Demophoon betrogen; Und nicht Alcid, nachdem in seine Brust Eurytos’ Tochter siegend eingezogen. Doch fühlt man hier nicht Reue drob, nein Lust, Ganz die Erinnerung der Schuld verlierend, Und nur des ew’gen Ordners sich bewußt. Und jene Kunst, die Welten herrlich zierend, Sehn wir, und sehn zu gutem Zwecke nun Die obre Welt die untere regierend. Doch um dem Wunsche ganz genugzutun, Der dich durchdrungen hat in dieser Sphäre, Darf ich noch nicht in meiner Rede ruh’n. Du möchtest wissen, wer der Schimmer wäre, Der nahe hier so strahlt, als ob die Glut Der Sonn’ in reinem Wasser sich verkläre. So wisse, daß darinnen Rahab ruht, Die hier, in unsern Orden aufgenommen, Sich kund im höchsten Glanz des Sternes tut. Vor jedem andern Geist der Höll’ entrommen, Ist sie zum Stern, wo sich vom Erdenrund Der Schatten spitzt, durch Christi Sieg gekommen. Der Sieg, den er, an beiden Händen wund, Errungen hat, wird hier von ihr verkündet; Den Himmeln tut sie, als Trophä’, ihn kund, Weil sie des Josua ersten Ruhm begründet Durch ihre Hilf in jenem heil’gen Land, Das jetzt der Papst kaum wert der Sorge findet. Und deine Stadt, die einst durch den entstand, Des Neid euch alles Mißgeschick bereitet, Und der zuerst von Gott sich abgewandt, Sie ist’s, die das verfluchte Geld verbreitet, Das einzig, weil’s zum Wolf den Hirten macht, Vom rechten Wege Schaf und Lämmer leitet. Drum wird nicht an die Bibel mehr gedacht, Doch hat man sehr genau--war’s zu verhehlen, So zeigt’s der Rand--der Dekretalen Acht. Drin wird studiert von Papst und Kardinälen Und Nazareth, wo Gabriel das Wort Verkündigt hat, wird fremd den geiz’gen Seelen. Doch Vatikan, samt jedem heil’gen Ort In Rom, wo Petri Folger einst gepredigt, Der Märtyrer geweihte Gräber dort, Bald werden sie des Ehebruchs entledigt.

Zehnter Gesang