Die Göttliche Komödie

Chapter 22

Chapter 223,113 wordsPublic domain

Der Ruhm des, der bewegt das große Ganze, Durchdringt das All, und diesem Teil gewährt Er minder, jenem mehr von seinem Glanze. Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt,-- War ich und sah, was wiederzuerzählen Der nicht vermag, der von dort oben kehrt. Denn, nah’n dem Ziel des Sehnens unsre Seelen, Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht, Dann muß der Rückweg dem Gedächtnis fehlen. Doch alles, was im heiligen Gebiet Nur einzusammeln war von sel’ger Schöne, Der edle Schatz, sei Stoff jetzt meinem Lied. Apollo, Güt’ger, leih mir deine Töne Zum letzten Werk--mach’ ein Gefäß aus mir, Wert, daß es dein geliebter Lorbeer kröne. Mir g’nügt’ ein Gipfel des Parnaß bis hier, Doch, soll der Rennbahn Ziel der Sieger grüßen, So fleh’ ich jetzt um beid’ empor zu dir. Den Odem hauch’ in mich, den reinen, süßen, Daß du hier stark, wie bei dem Wettkampf, seist, Den Marsyas kämpft’, um frevlen Stolz zu büßen. O Götterkraft, wenn du dich jetzt mir leihst, Den Nachschein von des sel’gen Reiches Glanze Zu malen aus dem Bild in meinem Geist, Dann siehest du mich nah’n der teuren Pflanze Und, durch den Stoff und dich des wert, geschmückt Und reichgekrönt mein Haupt mit ihrem Kranze. Wenn man ihr Laub, o Vater, selten pflückt, Um Cäsars und des Dichters Sieg zu ehren, Weil Schuld und Schmach den Willen niederdrückt, Muß Freud’ es wohl dem freud’gen Gott gewähren, Den Delphos preist, kehrt nun mit kühnem Mut Nach Daphnes Laub ein Herz all sein Begehren. Und weckt ein kleiner Funk’ oft große Glut, So fleht nach mir zu höherer Verkündung Ein andrer wohl um deine Hilf und Hut.-- Den Sterblichen entsteigt aus mancher Mündung Das Licht der Welt; allein in einer sind Vier Kreise mit drei Kreuzen in Verbindung, Wo’s bessern Lauf mit besserm Stern beginnt, So daß der Erde Wachs in diesem Zeichen Von ihm ein schöneres Gepräg gewinnt. In ihm hieß Sol den Tag bei uns erbleichen Und dort entglüh’n; und auf dem Halbkreis hier Die schwarze Nacht sich nah’n und dort entweichen. Und links gewandt erschien Beatrix mir, Und wie kein Aar je fest und ungeblendet Zur Sonne sah, so blickte sie zu ihr. Und wie der erste Strahl den zweiten sendet, Der, ihm entflammt, hell auf- und rückwärts blitzt, Dem Pilgrim gleich, der sich zur Heimat wendet, So macht’ ihr Blick, der durch die Augen itzt Mein Innres traf, zur Sonn’ auch meinen steigen, Mit größrer Kraft, als onst der Mensch besitzt. Viel darf man dort, was hier zu übersteigen Die Kraft pflegt, die uns nimmer dort gebricht, Am Ort, den Gott schuf als der Menschheit eigen. Nicht lang’ ertrug ich’s, doch so wenig nicht, Um nicht zu sehn, daß, wie dem Feu’r entnommen, Das Eisen sprüht, sie sprüht’ in Glut und Licht. Und plötzlich schien ein Tag zum Tag zu kommen, Als sei durch den, der’s kann, am Himmelsrand Noch eine zweite neue Sonn’ entglommen. Fest schauend nach den ew’gen Kreisen, stand Beatrix dort, und ihr ins glanzerhellte Gesicht sah ich, von oben abgewandt, Und fühlte, da mir Lust das Innre schwellte, Was Glaukus fühlt’, als er das Kraut geschmeckt, Das ihn im Meer den Göttern zugesellte. Verzückung fühlt’ ich. Was sie sei, entdeckt Die Sprache nicht, mag’s drum dies Beispiel Iehren, Wenn je in euch die Gnade sie erweckt. Ob ich nur Seele war?--Du magst’s erklären, O Liebe, Himmelslenkerin, die mich Mit ihrem Licht erhob zu jenen Sphären. Als nun der Kreis, der durch dich ewiglich In Sehnsucht rollt, mein Aug’ an sich gezogen Mit Harmonien, verteilt, gemischt durch dich, Durchflammte Sonnenglut des Himmels Bogen So weit hin, wie von Strom und Regenflut Kein See noch je erstreckt die breiten Wogen. Des Klanges Neuheit und die lichte Glut, Sie machten, daß ich vor Begierde brannte, Wie nimmer sie erweckt ein andres Gut; Drob sie, die mich, wie ich mich selbst, erkannte, Mir zu befried’gen den erregten Geist, Noch eh’ ich fragte, schon sich zu mir wandte Und sprach: "Ein Wahn ist Schuld, daß du nicht weißt, Was du sogleich erkennen wirst und sehen, Sobald du dich von seinem Trug befreist. Du glaubst noch auf der Erde fest zu stehen, Doch flieht kein Blitz aus seinem Vaterland So schnell, wie du jetzt eilst, hinaufzugehen." Kaum daß der erste Zweifel mir verschwand, Durchs kurze Wort und ihres Lächelns Frieden, Als wieder schon ein neuer mich umwand. Ich sprach: "Vom Staunen ruht’ ich schon zufrieden; Doch steig’ ich jetzt durch leichte Stoff’ empor, Drum ist dazu mir neuer Grund beschieden." Ein Seufzer weht’ aus ihrem Mund hervor, Dann sah sie hin auf mich, wie auf den Knaben Die Mutter blickt, die sagen will: Du Tor! "Die Dinge sämtlich", so begann sie, "haben Unter sich Ordnung, und das All ist nur Durch diese Form gottähnlich und erhaben. Die höhern Wesen sehn in ihr die Spur Der Kraft, der ew’gen, die zum Ziel gegeben Vom Schöpfer ward der Ordnung der Natur. Nach ihr nun sehn wir alle Wesen streben, Ob hoch ihr Los, ob niedrig sei; ob mehr, Ob minder nah sie ihrem Ursprung leben. Sie treiben durch des Seins unendlich Meer, Geleitet vom Instinkt, den Gott als Steuer Jedwedem gab, auf mancher Bahn daher. Er trägt zum Mond empor das rege Feuer, Er ist’s, der rund den Bau der Erde drückt, Er ist der Herzschläg’ Ordner und Erneurer. Nicht nur auf Wesen, die vernunftlos, zückt Er, wie ein Bogen, seine sichern Pfeile, Auf die auch, die Vernunft und Liebe schmückt. Die Vorsicht, die zum Ganzen eint die Teile, Die durch ihr Licht des Himmels Ruh’ erhält, In dem der Kreis sich dreht von größter Eile, Läßt zum bestimmten Platz in jener Welt Uns jetzo durch die Kraft der Sehne bringen, Die, was sie treibt, nach heiterm Ziele schnellt. Wahr ist’s, daß, wie oft Formen nicht gelingen, Wie sie in sich des Künstlers Geist empfah’n, Wenn spröde mit der Kunst die Stoffe ringen,- So das Geschöpf oft weicht von seiner Bahn, Denn ihm ist von Natur die Kraft verliehen, Trotz jener Kraft, sich anderm Ziel zu nah’n, Wenn erdenwärts es falsche Reize ziehen; Wie aus der Wolke, wenn das Wetter grollt, Zum Boden hin des Feuers Strahlen fliehen. Nun staunst du, war ich klar, wie ich gewollt, So wenig drob, daß du emporgestiegen, Als daß der Bach vom Berg zur Tiefe rollt. Bliebst du, von Hemmnis frei, am Boden liegen, Erstaunenswerter wär’s, als sähest du Träg an den Grund sich lebend Feuer schmiegen." Hier wandt’ ihr Antlitz sich dem Himmel zu.

Zweiter Gesang

O ihr, die ihr, von Hörbegier verleitet, Des Nachens Fahrt nach meinem Schiff gewandt, Das mit Gesange durch die Fluten gleitet, Kehrt wieder heim zu dem verlaßnen Strand, Schifft nicht ins Meer, denn, die mir folgen, wären Vielleicht verirrt, wenn meine Spur verschwand. Ich steure hin zu nie befahrnen Meeren; Minerva haucht, Apoll ist mein Geleit, Neun Musen zeigen mir am Pol die Bären. Ihr andern wen’gen, die zur rechten Zeit Ihr euch geneigt zum Engelsbrot, das Leben Hienieden uns nie Sättigung verleiht, Ihr könnt euch kühn aufs hohe Meer begeben, Wenn ihr daher auf meiner Furche fahrt, Eh’ wieder gleich das Wasser wird und eben. Anstaunen sollt ihr, was ihr bald gewahrt, Mehr als die Helden, die nach Kolchis zogen, Anstaunten, daß zum Pflüger Jason ward. So schnell fast, als des Himmels Kreise, flogen - Wir fort, zum Reich, dem Gott die Form verlieh, Vom angebornen, ew’gen Durst gezogen. Beatrix blickt’ empor und ich auf sie, Doch kaum so lang, als sich ein Pfeil zu schwingen Vom Bogen pflegt und fliegt und ruht--da sieh Mich dort, wo mir der Blick von Wunderdingen Gefesselt ward, schon angelangt mit ihr; Und sie, gewohnt, mein Innres zu durchdringen, Sie wandte sich so froh, wie schön, zu mir: "Auf, bring’ itzt Gott des Dankes Huldigungen! Wir sind durch ihn im ersten Sterne hier." Mir schien’s, als hielt’ uns eine Wolk’ umschlungen, Von Glanz durchstrahlt, dicht, ungetrennt und rein, Wie Diamant, vom Sonnenstrahl durchdrungen. Die ew’ge Perle nahm uns also ein, Gleichwie das Wasser, ohne sich zu trennen, In sich aufnimmt des Strahles goldnen Schein. Wenn ich nun Leib war, und wir nicht erkennen, Wie sich in einem Raum ein zweiter fand, So, daß im Körper Körper tauchen können, Was sind wir drum nicht mehr vom Trieb entbrannt, Das Ursein zu erschau’n, in dem wir schauen, Wie unserer Natur sich Gott verband. Dort wird uns das, worauf wir gläubig bauen, Nicht durch Beweis, nein, durch sich selber klar, Der ersten Wahrheit gleich, auf die wir trauen. "Ihm, Herrin," sprach ich, "der mich wunderbar Der Erd’ entrückt, ihm bring’ ich jetzt, entglommen Von frommer Glut, des Dankes Opfer dar. Doch sprecht, woher die dunkeln Flecken kommen Auf dieses Körpers Scheib’, aus welchen man Zur Kainsfabel dort den Stoff entnommen." Sie lächelt’ erst ein wenig und begann: "Irrt sich des Menschen Geist in solchen Dingen, Die nicht der Sinne Schlüssel öffnen kann, So solltest du dein Staunen jetzt bezwingen, Erkennend, daß, den Sinnen nach, nicht weit Sich die Vernunft erhebt mit ihren Schwingen. Allein was meinst du selbst? Gib mir Bescheid!" Und ich: "Von dünnern oder dichtern Stellen Kommt, wie mir scheint, des Lichts Verschiedenheit." Drauf sie: "Du wirst bald selbst das Urteil fällen, Daß falsch die Meinung sei, drum gib wohl acht, Was ich für Gründ’ ihr werd’ entgegenstellen. Der achte Kreis zeigt vieler Sterne Pracht, An Groߒ und Eigenschaften sehr verschieden, Wie ihr verschiednes Ansehn kenntlich macht. War’ dies durch Dünn’ und Dichtigkeit entschieden, So gäb’s in allen ja nur eine Kraft, Dem mehr, dem minder, jenen gleich beschieden. Doch der verschiedne Bildungsgrund erschafft Verschiedne Kräft’, und alle diese schwanden, Nach deinem Satz, vor einer Eigenschaft. Dann, wenn die Flecken durch die Dünn’ entständen, So denke, daß entweder hier und dort Sich durch und durch stoffarme Stellen fänden; Oder, gleichwie im Leib an manchem Ort Die Fettigkeit das Magre deckt, so gingen Die Schichten durch den Mond abwechselnd fort. Das Erste würd’ ans Licht die Sonne bringen, Wenn sie verfinstert ist--es ward’ ihr Schein Dann wie durch andre dünne Stoffs dringen. Doch dies ist nicht, drum bleibt das Zweit’ allein, Und wenn wir widerlegt auch dieses sehen, Dann wird dein Satz als falsch erwiesen sein. Kann durch und durch der dünne Stoff nicht gehen, So muß wohl eine Grenze sein, und hier Der dichte Stoff den Strahlen widerstehen. Zurücke blitzt sodann der Strahl von ihr-- So wirft das Glas, auf seiner hintern Seite Mit Blei belegt, zurück dein Bildnis dir-- Nun sagst du wohl, daß, weil aus größrer Weite Der Strahl sodann auf dich zurückeprallt, Er deshalb auch geringres Licht verbreite. Doch diesen Einwurf widerlegt dir bald Erfahrung, der, als seiner ersten Quelle, Jedweder Strom der Wissenschaft entwallt. Drei Spiegel nimm und zwei von diesen stelle Gleich weit von dir--dem dritten gib sodann Entfernter zwischen beiden seine Stelle. Kehrst du dich ihnen zu, so stelle man Drauf hinter dich ein Licht, das sich in allen Zum Widerstrahl des Schimmers spiegeln kann. Ins Auge wird der fernre kleiner fallen, Doch wird auf dich von ihnen allzumal Ein gleich lebendig Licht zurückeprallen. Jetzt aber, wie beim warmen Sonnenstrahl Des Schnees Massen in sich selbst zergehen, Und Farb’ und Frost zerrinnt im lauen Tal, So soll’s dem Wahn in deinem Geist geschehen, Und durch mein Wort sollst du lebend’ge Glut Vor deinem Blick in regem Schimmer sehen. Im Himmel, wo der Frieden Gottes ruht, Dreht sich ein Kreis, in dessen Kraft und Walten Das Sein all des, was er enthält, beruht. Der nächste Himmel, reich an Lichtgestalten, Verteilt dies Sein verschiednen Körpern drauf, Von ihm gesondert, doch in ihm enthalten. Aus ändern Kreisen von verschiednem Lauf Nimmt die verschiedne Kraft, in ihnen lebend, Dann jeder Stern nach seinen Zwecken auf. So siehst du diese Weltorgane schwebend, In sich im Kreis bewegt von Grad zu Grad, Von oben nehmend und nach unten gebend. Betrachte wohl den Weg, den ich betrat, Auf dem ich dir erwünschte Wahrheit weise, Dann findest du wohl künftig selbst den Pfad. Kraft und Bewegung nehmen jene Kreise Von Lenkern an, die ew’ges Heil beglückt, Wie Stein sich formt nach seines Künstlers Weise. Den Himmel, den die Schar der Sterne schmückt, Wird von dem Geist, durch den sie rollend Schweben, Gepräg’ und Bildnis mächtig eingedrückt. Und wie die Seele, noch vom Staub umgeben, Durch Glieder von verschiedner Art beweist, Was in ihr für verschiedne Kräfte leben, So zeiget seine Huld der Weltengeist, Der ewig einer ist, hier, vielgestaltet, Im Sternenheer, das durch die Himmel kreist. Daher verschiedne Kraft verschieden waltet Im edlen Körper, welchen sie durchdrang, In dem sie, wie in euch das Leben, schaltet. Und da sie heiterer Natur entsprang, Glänzt diese Kraft in jedes Sternes Lichte, Gleichwie im Augenstern der Wonne Drang. Durch sie also, und nicht durchs Dünn’ und Dichte, Erhält verschiednen Glanz der Sterne Schar; Daß sie ein Denkmal ihrer Huld errichte, Schafft diese Bildnerin, was trüb und klar."

Dritter Gesang

Die Sonne, die mich einst mit Glut erfüllt, Beweisend hatte sie und widerlegend Der Wahrheit holdes Antlitz mir enthüllt. Und ich, belehrt, nicht länger Zweifel hegend, Wollt’ eben, daß ich’s sei, gestehn und stand, Das Haupt, soweit sich’s ziemt, emporbewegend. Doch ein Gesicht erschien, und so gespannt Hielt ich den Blick darauf, um’s zu gewahren, Daß mein Geständnis der Erinnrung schwand. Und wie von Gläsern, von durchsicht’gen, klaren, Von Weihern, welche seicht, doch still und rein, Den Boden unverdunkelt offenbaren, Ein Antlitz widerstrahlt, so schwach und fein, Daß man erkennen würd’ in größrer Schnelle Auf weißer Stirn der Perle bleichen Schein; So sah ich manch Gesicht an jener Stelle Und war im Gegensatz des Wahns, durch den Einst Lieb’ entflammt ward zwischen Mann und Quelle. Denn plötzlich glaubt’ ich, wie ich sie ersehn, Es wären Spiegelbilder, und bemühte Mich, ringsumher ihr Urbild zu erspäh’n. Doch sah ich nichts, und, zweifelnd im Gemüte, Schaut’ ich ins Licht der süßen Führerin, Die lächelnd in den heil’gen Augen glühte. Und sie begann: "Nicht staun’ in deinem Sinn. Belacht’ ich deine kindischen Gedanken. Noch gehst du auf der Wahrheit strauchelnd hin, Um, wie du pflegst, dem Wahne zuzuwanken. Wirkliche Wesen zeigt dir dies Gesicht, Die, untreu dem Gelübd’, in Schuld versanken. Sprich, hör’ und glaube; denn das wahre Licht, Das sie beseligt, wird es nie gestatten, Daß ihm zu folgen sich ihr Fuß entbricht. Ich wandte mich und sprach zu einem Schatten, Der sprechenslustig schien, schnell, als ein Mann, Den längst gequält der Neugier Stacheln hatten: "O Seele, die das ew’ge Licht gewann, Die selig hier die Süßigkeiten machten, Die nur, wer sie geschmeckt, begreifen kann, O sei jetzt freundlich mir. Mein ganzes Trachten Ist ja dein Nam’ und euer Los. Drum sprich!"-- Und sie, bereit, mit Augen, welche lachten, Sprach: "Unsre Lieb’ erschließt sich williglich Gerechtem Wunsch, gleich der, der Liebe Bronnen, Die ihr Gefolg gebildet will nach sich. Dort auf der Welt gehört’ ich zu den Nonnen, Doch wende nur mir die Erinnrung zu, Und durch die höh’re Schönheit, höhern Wonnen, Daß ich Piccarda bin, erkennest du, Mit diesen allen, die sich selig nennen, Zum trägsten Kreis versetzt in Wonn’ und Ruh’. All unsre Triebe, die allein entbrennen In Lust des Heil’gen Geist’s, sind hoch ergetzt, Weil sie in seiner Weihe sich erkennen. Dies Los, von dir vielleicht geringgeschätzt, Ward uns zuteile, weil wir dort auf Erden Verabsäumt die Gelübd’ und sie verletzt." Drauf ich: "Euch glänzt in Antlitz und Gebärden, Ich weiß nicht was, von Gottheit, wunderbar, Und läßt die ersten Züg’ unkenntlich werden, Drob ich so säumig im Erkennen war, Jetzt hilft mir, was du sprichst, dem Auge trauen Und stellt mir deutlicher dein Bildnis dar. Doch sprich: Ihr, glücklich hier in diesen Auen, Zieht euch nach höherm Ort nicht die Begier, Um mehr euch zu befreunden, mehr zu schauen?" Ein wenig lächelten die Schatten hier, Denn, als ob sie in erster Liebe glühte, Erwiderte sie froh und wonnig mir: "Bruder, hier stillt die Kraft der Lieb’ und Güte Jedweden Wunsch, und völlig g’nügt uns dies, Und nicht nach anderm dürstet das Gemüte. Denn wenn es höherm Wunsch sich überließ, So würd’ es ja dem Willen widerstehen, Der uns in diesen niedern Kreis verwies. Dies kann in diesen Sphären nicht geschehen; Lieb’ ist das Band des ewigen Vereins, Mit der nicht Kampf noch Widerstand bestehen. Vielmehr ist’s Wesen dieses sel’gen Seins, Nur in dem Willen Gottes hinzuwallen, Drum schmilzt hier aller Wunsch und Trieb in eins. Und, wie wir sind von Grad zu Grad, muß allen Wie ihm, des Will’ allein nach seiner Spur Den unsern lenkt, dies ganze Reich gefallen. Und unser Frieden ist sein Wille nur, Dies Meer, wohin sich alles muß bewegen, Was er schafft, was hervorbringt die Natur."-- Nun sah ich: Paradies ist allerwegen Wo Himmel ist, strömt auch von oben her Vom höchsten Gut nicht gleich der Gnade Regen.-- Wie bei verschiednen Speisen man nicht mehr Von dieser will und sich nach jener wendet, Für diese dankt und noch verlangt von der, So ich mit Wink und Wort, als sie geendet, Um zu erfahren, was sie dort gewebt, Allein verlassen, ehe sie’s vollendet. "Vollkommnes Leben und Verdienst erhebt Ein Weib", so sprach sie, "zu den höhern Kreisen, In deren Tracht und Schleier manche strebt, In Schlaf und Wachen treu sich zu erweisen Dem Bräutigam, dem jeder Schwur gefällt, Den reine Liebestrieb’ ihm schwören heißen. Ihr nachzufolgen floh ich jung die Welt, Weiht’ ihrem Orden mich und war beflissen, Dem g’nugzutun, was sein Gesetz enthält. Doch Menschen, ruchlos mehr, als gut, entrissen Gewaltsam dem Verlies, dem süßen, mich Wie drauf mein Leben war--Gott wird es wissen-- Der andre Glanz, der mir zur Rechten dich So freudig hell bestrahlt, denn er entzündet In unsrer Sphäre ganzem Schimmer sich, Versteht von sich, was ich von mir verkündet. Denn man entriß, wie meinem, ihrem Haupt Den Schleier, der der Nonnen Stirn umwindet. Doch, ob man Rückkehr ihr zur Welt erlaubt, Blieb doch ihr Herz bekrönt mit jenem Kranze, Den ihrer Stirn verruchte Tat geraubt. Sie ist das Licht der trefflichen Konstanze, Die mit dem zweiten Sturm aus Schwabenland Den dritten zeugt’, umstrahlt vom letzten Glanze." Piccarda sprach’s, mir heiter zugewandt, Und fing ein Ave an, indem sie singend, Wie Schweres in der tiefen Flut, verschwand. Mein Blick, ihr nach, soweit er konnte, dringend, Erhob sich dann, sobald er sie verlor, Nach einem Ziele größern Sehnens ringend, Zu Beatricens Antlitz ganz empor, Doch als ihr Aug’, ein Blitz, in meins geschlagen, So daß zuerst es niedersank davor, Da macht’ es zögern mich mit weitern Fragen.

Vierter Gesang