Chapter 21
"Du, jenseits dort am heilgen Strom," so kehrte Sie jetzt der Rede Spitze gegen mich, Nachdem die Schneide schon mich hart versehrte, Fortfahrend ohne Säumen: "Sprich, o sprich, Ist dieses wahr? Erkennst du deine Fehle? Auf solche Klage ziemt die Beichte sich." Die Stimme regte sich, doch in der Kehle Erstarb das Wort; denn, statt gehoffter Huld. Verwirrte finstre Strenge meine Seele. Nur wenig hatte sie mit mir Geduld: "Was sinnst du? Sprich! Noch tilgten nicht die Wogen Der Lethe die Erinnrung deiner Schuld." Furcht und Verwirrung, sich vermischend, zogen Ein Ja! aus meinem Mund, das zwar erblickt Vom Auge ward, allein dem Ohr entzogen. Gleichwie zu scharf gespannt die Armbrust knickt, Und, wenn sich Sehn und Bogen überschlagen, Den Pfeil mit mindrer Kraft zum Ziele Schickt, So brach, zu schwach, so schwere Last zu tragen, Ich jetzt in Seufzer aus und Tränenflut Und ließ den Ton sich nicht ins Freie wagen. Drum sie zu mir: "In meiner Wünsche Glut, Die einst dich jenes Gut zu lieben führte, Das unserm Wunsch entrückt all andres Gut. Welch eine Kette wars, die dich umschnürte, Das auf den Fortschritt, mit verzagtem Sinn, Die Hoffnung abzulegen dir gebührte. Und welche Fördrung, welcherlei Gewinn, Die lockend dir von andrer Stirne lachten? Was führte dich zu ihrem Wege hin?" Nach einem tiefen, bittern Seufzer machten Sich Töne mühsam frei aus meiner Brust, Die kaum als Wort hervor die Lippen brachten. "Die Gegenwart, mit ihrer falschen Lust," So weint ich, "hat, als eure Blick entschwanden, Rückwärts zu wenden meinen Schritt gewußt." "Verschwiegst, vermeintest du, was du gestanden," Sprach sie, "nicht minder wärs dem Richter kund, Vor dessen Blick die Lüge nie bestanden. Doch wenn man sich verklagt mit eignem Mund. So wird hier abgestumpft das Schwert der Rache, Und Gnade macht des Sünders Herz gesund. Drum, daß dein Wahn dich mehr erröten mache, Und daß dein Herz zu jeder andern Zeit Die Lockung der Sirenen kühn verlache, Laß ab vom Weinen jetzt und Traurigkeit; Vernimm vielmehr, welch andern Weg zu wallen Dir ziemend war, als mich der Tod befreit. Nichts ließ Natur und Kunst dir je gefallen, Wie jenen Leib, in dem ich dort erschien, Des schöne Glieder jetzt in Staub zerfallen. Und sahest du die höchste Wonn entfliehn Bei meinem Tod, was konnte dich besiegen? Welch irdsche Lust dich fürder an sich ziehn? Beim Reiz der Dinge, die das Herz betrügen, Bei ihrem ersten Pfeil, wars ziemend, mir, Die ich mein Sein verwandelt, nachzufliegen. Nicht niederziehn sollt er die Schwingen dir, Nicht harren solltest du der andern Pfeile, Des Mägdleins nicht, nach andrer eitlen Zier. Der junge Vogel harrt in träger Weile Des zweiten Pfeils, doch der beschwingte flieht Und schützt vor Netz und Pfeilen sich durch Eile." Gleichwie ein Knabe schweigend niedersieht, Wenn Vorwurf und Bewußtsein ihn verstören, Und Reue sein Gesicht zur Erde zieht; So stand ich dort: "Betrübt dich schon das Hören," Sie sprachs, "So sei emporgewandt dein Bart; Das Schauen wird noch deinen Schmerz vermehren."- In ihrem Widerstande minder hart, Läßt ihrem Grund die Eiche sich entreißen, Wenn sie von Nordsturms Macht durchschüttelt ward, Als ich das Kinn erhob, da sies geheißen. Auch fühlt ich, da sie Bart für Antlitz sprach, Des Wortes Gift an meinem Herzen reißen. Das Antlitz hob ich zögernd und gemach, Und sieh, die schönen englischen Gestalten, Sie ließen jetzt im Blumenstreuen nach. Mein Blick, kaum fähig noch, ein Bild zu halten, Erschaute sie, dem Greifen zugewandt, In dem, dem einen, zwei Naturen walten. Sie schien, verschleiert, jenseits dort am Strand, Das, was sie einst war, jetzt zu überwinden, Wie sie vordem die andern überwand. Wie mußt ich da der Reue Schmerz empfinden! Wie, was mich von ihr abgewandt, die Lust Der eiteln Welt jetzt hassenswürdig finden! So nagte Selbstbewußtsein meine Brust, Daß ich hinsank--mit welchem innrem Beben, Ihr, die es mir erregt, ihr ists bewußt. Als äußre Kraft das Herz mir neu gegeben, Sprach über mir sie, die mir erst allein Erschienen war: "Mich fass, um dich zu heben!" Sie zog mich bis zum Hals den Fluß hinein, Glitt, wie ein Webschiff, ohne sich zu senken, Auf seiner Fläch und zog mich hinterdrein, Um mich zum selgen Ufer hinzulenken. Dort klangs: "Entsündge mich!" so süß--ich kann Es nicht beschreiben, ja, nicht wieder denken. Die schöne Frau erschloß die Arme dann, Umschlang mein Haupt und taucht es in die Wogen, Drob ich vom Wasser trank, das mich umrann. Drauf, als sie mich gebadet vorgezogen, Bot sie zum Tanze mich den schönen vier, Die hold um meinen Hals die Arme bogen. "Wir sind am Himmel Sterne, Nymphen hier. Und als zur Welt Beatrix kam, so gingen Als ihre Dienerinnen wir mit ihr. Wir werden dich ihr vor die Augen bringen; Dir schärfen dann, fürs holde Licht darin Den Blick die drei, die schauend tiefer dringen." Sie sangen diese Worte zum Beginn, Worauf sie mich zur Brust des Greifen brachten. Dort wandte sie nach uns das Antlitz hin. Sie sprachen dann: "Hier darfst du frei betrachten, Wir stellten dich vor der Smaragden Licht, Woraus dich wund der Liebe Pfeile machten." Mir weckt ein glühend Sehnen ihr Gesicht Und band an ihrer Augen Glanz die meinen; Die ihren wichen vor dem Greifen nicht. Und drinnen sah ich den zwiefachen Einen, Gleichwie die Sonn im Spiegel, schimmernd klar, Als diesen bald, als jenen bald erscheinen. Nun denke, Leser, selbst, wie wunderbar, Das Abbild, sich verwandelnd, zu erblicken, Obwohl das Urbild stets dasselbe war. Indes die Seel in Staunen und Entzücken Die Speise kostete, die größern Drang Nach sich erweckt, je mehr wir uns erquicken, Da sah ich jene drei vom höchsten Rang, Dies zeigte die Gebärd, uns nahe kommen, Den Engeltanz begleitend mit Gesang. "Beatrix, laß den Blick, den heilgen, frommen," So sangen sie, "auf deinen Treuen sehn, Der dich zu schaun so hoch emporgeklommen. Enthüll aus Gnad ihm deinen Mund, wir flehnl Die zweite Schönheit, die du noch verborgen, O laß sie auf vor seinen Augen gehen!" O Glanz lebendgen Lichts! o ewger Morgen! Wer trank so tief aus des Parnassus Flut, Wer ward so bleich in seinen Mühn und Sorgen, Daß er vermag, mit freiem, kühnem Mut Sich deiner Schilderung zu unterfangen, Wenn du bei Himmelsharmonien in Glut Den unbewölkten Lüften aufgegangen?
Zweiunddreißigster Gesang
Den zehenjährgen Durst zu löschen, hingen An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier, Daß mir die andern Sinne ganz vergingen. Seitwärts baut eine Mauer dort und hier Nichtachtung auf, denn mit dem Netz, dem alten, Zog mich ihr heilges Lächeln hin zu ihr. Da wandten mir die himmlischen Gestalten Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht, Mit diesem Ruf: Im Schauen Maß gehalten! Nun stand ich dort wie einer, den das Licht Der Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet, Und dem zunächst die Sehkraft ganz gebricht. Doch als das wenge sie mir neu gespendet-- Nach jenem vielen wenig und gering, Von dem ich mit Gewalt mich abgewendet-- Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fing Sich rechts zu kehren an, indems den Lichten, Den sieben, nach, der Sonn entgegenging. Wie, wenn die Scharen auf den Sieg verzichten, Sie unterm Schild sich mit der Fahne drehn, Eh sie, geschwenkt, sich ganz zum Rückzug richten, So war die Schar des Himmelreichs zu sehn, Und eh sich um des Wagens Deichsel legte, Sah man den Zug vor und vorübergehn. Die sieben Frauen rechts und links, bewegte Der Greif die heilge Last mit stiller Macht, So daß an ihm sich keine Feder regte. Ich, Statius, sie, die mich zum Furt gebracht, Wir leiteten dem Rade nach die Schritte, Das, umgeschwenkt, den kleinern Bogen macht. So ging es durch des hohen Waldes Mitte, Öd, weil der Schlang einst Eva Glauben gab, Und Engelsang gab Maß für unsre Tritte. Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen, Und Beatrice stieg vom Wagen ab. "Adam!" so ward ein Murmeln rings vernommen, Und einen Baum, von Laub und Blüten leer, Umringt im Kreise nun die Schar der Frommen. Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr Er aufwärts steigt, hoch, daß er selbst den Indern Durch seine Höhe zum Erstaunen war. "Heil dir, o Greif, mit deinem Schnabel plündern Willst du nicht diesen Baum, der Süßes zwar Dem Gaumen gibt, doch Marter dann den Sündern." So rief rings um den starken Baum die Schar. Und er, in dem sich Leu und Aar verbunden: "So nimmt man jedes Rechtes Samen wahr." Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden, Schob er zum öden Stamm und ließ am Baum, Aus ihm entnommen, sie an ihn gebunden. Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum Das große Licht sich senkt, von dem umschlossen, Das nach den Fischen glänzt am Himmelsraum, Sich üppig blähn zu neuen jungen Sprossen, Jede gefärbt nach der Natur Gebot, . Eh Sol den Stier erreicht mit seinen Rossen; So, mehr als Veilchen zwar, doch minder rot Als Rosenglut, erneute sich die Pflanze, Die erst verwaist erschien und kahl und tot. Und wie sie nun erblüht im neuen Glanze, Ertönt ein nie gehörter Lobgesang, Doch nicht ertrug mein müder Sinn das Ganze. Könnt ich euch malen, wie mit süßem Klang Von Pan und Syrinx einst Merkur den Späher, Den unbarmherzgen, zum Entschlummern zwang, So zeigt ich, wie nach einem Urbild, eher, Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht, Doch das Entschlummern sing ein bessrer Seher. Ich springe bis zur Zeit, da ich erwacht, Da mir ein Glanz zerriß den dunkeln Schleier, Und eine Stimme rief: Steh auf, hab acht! Wie zu der Blut des Baums, des Apfel teuer Den Engeln sind, den nichts erschöpfen kann, Der Speise gibt zur ewgen Hochzeitsfeier, Geführt, Jakobus, Petrus und Johann Aus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden, Bei dessen Klang wohl tiefrer Schlaf entrann, Und nun vermindert ihre Schule fanden. Denn Moses und Elias waren fort, Und ihren Herrn in anderen Gewanden; So ich--und über mich gebogen dort Stand jetzt die Schöne, wie um mein zu hüten, Die mich geführt entlang des Flusses Bord. "Wo ist Beatrix?" rief ich, und mir glühten Vor Angst die Wangen. "Auf der Wurzel", sprach Die Schöne, "sitzt sie unter neuen Blüten. Sieh hin, wer sie umgibt. Dem Greifen nach Entflohn empor die anderen, mit Sange, Der süßer, tiefer klang, als dort am Bach. Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange, Nicht weiß ich es, denn mir im Auge stand Sie, die mein Ohr versperrte jedem Klange. Sie saß allein auf jenem reinen Land, Wies schien, zur Hut des Wagens dort gelassen, Den an den Baum der Zweigestaltge band. Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen, Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist Des Nord- und Südwinds nie sich löschen lassen. "Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist Und wirst mit mir als ewger Bürger bleiben In jenem Rom, wo Christus Römer ist. Zum Heil der Welt mit ihrem bösen Treiben Schau auf den Wagen, um, was du gesehn, Zurückgekehrt, den Menschen zu beschreiben." Beatrix sprachs--wie könnt ich widerstehn? Ganz so, wies der Gebieterin gefallen, Ließ ich voll Demut Geist und Auge gehn. Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen. Aus dichter Wölk, ein flammendes Geschoß, Den Blitz aus fernster Höhe niederfallen, Als auf den Baum Zeus Vogel niederschoß, Nicht wühlend bloß in Blüten und in Blättern, Die Rind auch brechend, die sein Mark umschloß. Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern, Der bei dem Stoße rechts und links sich bog, Gleich einem Schiff im Kampf mit wilden Wettern. Dann war ein Fuchs, der jähen Sprunges flog, Ins Innre selbst des Wagens eingebrochen, Wohin ihn Gier nach beßrer Speise zog. Doch mit dem Vorwurf des, was er verbrochen, Trieb meine Herrin ihn so eilig fort, Als laufen konnten seine magern Knochen. Und nochmals stürzte von dem hohen Ort, Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen, Und ließ ihm viel von seinen Federn dort. Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen, Klang aus dem Himmel eine Stimm und sprach: "Mein Schifflein, schlechte Ladung mußt du tragen!" Und unten, zwischen beiden Rädern, brach Der Erde Grund, ausspeiend einen Drachen, Der nach dem Wagen mit dem Schwanze stach. Dann zog er ihn zurück, wies Wespen machen, Nahm einen Teil des Bodens mit und schien, Von dannen eilend, des Gewinns zu lachen. Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet, Wie üppig Land mit Gras, sich überziehn. Und dieses Werk war so geschwind vollendet, Und voll die Deichsel und das Räderpaar, Bevor die Brust ein Oh! und Ach! beendet. Und Häupter trieb, als er verwandelt war, Der Wagen vor, an den vier Ecken viere, Drei aber nahm man auf der Deichsel wahr, Die letzten drei gehörnt wie die der Stiere, Die ersten vier mit einem Horn versehn; So glich er nie geschautem Wundertiere. Und sicher, wie auf Bergen Schlösser stehn, Saß eine zügellose Hure drinnen Und ließ umher die flinken Augen spähn. Und, gleich, als solle sie ihm nicht entrinnen, Stand ihr zur Seit ein Ries, und diese zwei Sah ich sich küssen und sich zärtlich minnen. Allein, weil sie die Augen gierig frei Auf mich gewandt, schlug sie der wilde Freier Vom Kopf zum Fuß mit wütendem Geschrei. Drauf löst er ab vom Baum das Ungeheuer, Von Argwohn voll und wildem Zorn und Arg, Und zog es durch den Wald, des dichter Schleier Die Hure samt dem Wundertier verbarg.
Dreiunddreißigster Gesang
Herr, eingefallen sind die Heiden! fingen, Abwechselnd drei und vier, mit süßem Klang, Doch tränenvoll, die Frauen an zu singen. Beatrix horchte schweigend dem Gesang, Verwandelt wie Maria, die mit Grauen Des Mutterschmerzes unterm Kreuze rang. Doch als nun ihrem Wort die andern Frauen Erst Raum gegeben, sah ich sie erstehn, Grad, aufrecht, gleich dem Feuer anzuschauen. " Über ein kleines sollt ihr nicht mich sehn, Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben, Über ein kleines werdet ihr mich sehn." Sie sprachs und stellte vor sich alle sieben, Und hinter sich, durch ihren Wink allein, Die Frau, mich und den Weisen, der geblieben. Sie ging, doch mochtens kaum zehn Schritte sein, Die sie gegangen und uns gehen lassen, Da blitzt ins Auge mir des ihren Schein. "Geh itzt geschwinder," sagte sie gelassen, "Komm näher her, daß, red ich nun mit dir, Du wohl vermögend seist, mein Wort zu fassen." Kaum war ich, wie ich sollte, nah bei ihr, Da sprach sie: "Bruder, bist mir nah gekommen, Doch zu erfragen wagst du nichts von mir?" Wie wenn von zuviel Ehrfurcht schwer beklommen Mit seiner Obrigkeit ein niedrer Mann Halblaut und stockend spricht und kaum vernommen, So sprach ich jetzt, da ich zu ihr begann: "O Herrin, Ihr erkennt ja mein Verlangen, Und was ich brauch, und was mir frommen kann." Und sie: "Mach itzt dich los von Scham und Bangen, Ich wills, und rede sicher nun und klar, Und nicht wie einer, der im Traum befangen. Der Wagen, den die Schlange brach, er war, Doch wer dies zu verschulden sich nicht scheute, Er fürchte Gottes Rach auf immerdar! Nicht immer sonder Erben wird, wie heute Der Adler sein, der ihm die Federn ließ, Drob er erst Ungeheuer ward, dann Beute. Schon nahen Sterne sich--wie ichs gewiß Im Geist erkannt, so sei es ausgesprochen-- Da kommt, von Schranke frei und Hindernis, Fünfhundert fünf und zehn hervorgebrochen, Ein Gottgesandter, der die Dirn erschlägt Zusamt dem Riesen, der mit ihr verbrochen. Und hab ich jetzt dir Worte vorgelegt, Wie Sphinx und Themis, schwierig zu erraten, Daher dein Geist im Dunkel Zweifel hegt, So lösen bald dies Rätsel dir die Taten Statt der Najaden auf, und unbedroht Verbleiben drob die Herden und die Saaten. Merk, was ich sagt, und höre mein Gebot: Du sollst es dort den Lebenden erzählen, Im Leben, das ein Rennen ist zum Tod. Nicht sollst du, wenn du dorten schreibst, verhehlen, Wie du den Baum gesehn. Erinnre dich: Du sahst zu zweien Malen ihn bestehlen. Wer diesen Baum bestiehlt und freventlich Verletzt, kränkt Gott mit tätgen Lästerungen, Denn er schuf heilig nur den Baum für sich. Für solchen Raub hat qualenvoll gerungen Fünftausend Jahr und mehr der erste Geist Nach ihm, des Tod des Bisses Fluch bezwungen. Wohl schlummert dein Verstand, wenn du nicht weißt, So hoch sei jener Baum aus tiefen Gründen, Wenn dir des Gipfels Bau dies nicht beweist. Und hätte nicht, wie Elsas Flut, mit Rinden Von Stein dein Grübeln die Vernunft bedeckt, Und war ihr Licht dir nicht getrübt von Sünden, So hättest du, was das Verbot bezweckt, Und wie darin der Herr gerecht erscheine, Am Baum durch solche Zeichen leicht entdeckt. Doch weil dein Geist verhärtet ist zum Steine, Befleckt von Schuld, verworren und berückt Und blöde bei der Wahrheit hellem Scheine, So nimm, zwar nicht als Wort, doch ausgedrückt Als Bild, in dir die Rede mit von hinnen, Wie man den Pilgerstab mit Palmen schmückt." Und ich: "So fest, als nur im Wachse drinnen Das Bild sich hält, das drein das Siegel gräbt, Trag ich, was ihr gezeichnet habt, hier innen. Doch was, wenn sich so hoch mein Blick nicht hebt, Fliegt eur ersehntes Wort in solche Sphären, Daß er es mehr verliert, je mehr er strebt." "Auf, daß du wissest, welcher Schule Lehren", So sprach sie, "du gefolgt, und sehst, wie weit Sie meinem Wort zu folgen sich bewähren; Und wie ihr fern mit eurem Wege seid Von Gottes Weg, so fern, wie von der Erden Des höchsten Himmels Glanz und Herrlichkeit." Und ich: "Nicht wills mir klar im Geiste werden, Daß ich mich je entfernt von eurer Spur; Nicht fühl ich im Gewissen drob Beschwerden." "Entsinnst du dessen dich nicht mehr?" so fuhr Sie lächelnd fort; "doch von der Lethe Fluten Trankst du noch heute, des gedenke nur. Und, wie man richtig schließt vom Rauch auf Gluten, So siehest du durch dies Vergessen klar, Daß du dich abgewandt vom wahren Guten. Jetzt wahrlich stellt, von jeder Hülle bar, Soviel, im engsten Kreise sich bewegend, Dein Blick es fassen kann, mein Wort sich dar." Und flammender, sich trägem Schrittes regend, Betrat jetzt Sol des Meridians Gebiet, Das stets ein andres ist in andrer Gegend. Da standen still, wie, wer als Führer zieht Vor einer Schar, sich schickt zum Stillestande, Wenn er auf seinem Wege Neues sieht, Die sieben Fraun an dichten Schattens Rande. Wie grünbelaubt schwarzästig Waldgeheg Auf kalte Flüss ihn fließt im Alpenlande. Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg Sich aus derselben Quelle zu ergießen, Sich dann, wie Freunde, trennend, still und träg. "O Licht, der Menschheit Ruhm, welch Wasser sprießen Seh ich aus einem Ursprung hier und dann Sich von sich selbst entfernend weiterfließen?" Auf diese Bitte hob Beatrix an: "Mathilden bitt,"--und diese sprach dagegen, Wie wer vom Vorwurf leicht sich lösen kann: "Dies und noch anderes ihm auszulegen, Versäumt ich nicht, was, des bin ich gewiß, Der Lethe Wässer nicht zu tilgen pflegen." Beatrix drauf: "Die größre Sorg entriß, Wies oft geschieht, dies seinem Angedenken Und ließ sein geistig Aug in Finsternis. Doch Eunoe sieh--eil, ihn dahin zu lenken, Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut Mit Leben die erstorbne Kraft zu tränken." Wie ohn Entschuldigung, wer, mild und gut, Als eignen Willen fremden aufgenommen, Der sich durch Wink und Wort ihm zeigte, tut, So ging, nachdem sie mich am Arm genommen, Die schöne Frau und sagte weiblich mild Zu Statius: "Auch du sollst mit ihm kommen." Hätt ich, o Leser, Raum zu größerm Bild, So würd ich dir zum Teil die Wonnen singen Des Tranks, der Durst erregt, wenn er ihn stillt. Doch läßt sich nichts mehr auf die Blätter bringen, Die ich zu diesem zweiten Lied erkor, Drum hemmt der Zaum der Kunst mein Weiterdringen. Ich ging aus jener heilgen Flut hervor, Wie neu erzeugt, von Leid und Schwäche ferne, Gleich neuer Pflanz in neuen Lenzes Flor, Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne.
Das Paradies
Erster Gesang