Chapter 20
Begierig schon, zu spähn umher und innen Im göttlichen, lebendgen, dichten Wald, Der sanft den Morgen milderte den Sinnen, Verließ ich das Gestad nun alsobald, Um langsam, langsam in das Feld zu treten, Auf einem Grund, dem ringsum Duft entwallt. Von einem Lüftchen, einem sanften, steten, Ward leiser Zug an meiner Stirn erregt, Nicht mehr, als ob mich Frühlingswind umwehten. Er zwang das Laub, zum Zittern leicht bewegt, Sich ganz nach jener Seite hin zu neigen, Wohin der Berg den ersten Schatten schlägt. Doch nicht so heftig wühlt er in den Zweigen, Daß es die Vöglein hindert, im Gesang Aus grünen Höhn all ihre Kunst zu zeigen. Nein, wie der Lüfte Hauch ins Dickicht drang, Frohlockten sie ihr Morgenlied entgegen, Wozu, begleitend. Laubgeflüster klang, So klingts, wenn Zweig um Zweige sich bewegen Im Fichtenwald an Chiassis Meergestad, Sobald sich des Schirokko Schwingen regen. Schon war ich mit langsamem Schritt genaht, Und bald so dicht vom alten Hain umschlossen, Daß nicht zu sehn war, wo ich ihn betrat. Da sieh die Bahn durch einen Bach verschlossen, Der links hin, mit der kleinen Wellen Schlag Die Gräser bog, die seinem Bord entsprossen. Das reinste Wasser hier am klarsten Tag, Trüb scheint es und vermischt mit fremden Dingen, Vergleicht mans dem, wo nichts sich bergen mag, Obwohl, da Schatten ewig es umringen, Es dunkel, dunkel strömt und nie hinein Der Sonne noch des Mondes Strahlen dringen. Es stand mein Fuß; doch jenseits in den Hain Ließ übern Fluß ich meine Blicke schreiten, Und sah dort mannigfache grüne Main. Und mir erschien--so stellt dem Blick zuzeiten Sich unversehn Erstaunenswertes dar, Den Geist von allem andern abzuleiten-- Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar Im Gehen sang, aufsammelnd Blüt um Blüte, Womit vor ihr bemalt der Boden war. "O Schöne, die du, zeigt sich das Gemüte, Wies pflegt, im Äußern, mich zu glauben zwingst, Daß an der Liebe Strahl dein Herz entglühte, O käme Lust dir, daß du näher gingst," Ich sprachs zu ihr, den Fuß zum Bache lenkend, "Daß ich verstehen könne, was du singst. Dich seh ich jetzt, Proserpinens gedenkend, Des Orts auch, wo die Mutter sie verlor, Und sie den Lenz, sich in die Nacht versenkend." Und wie die Tänzerin, die kaum empor Die Sohlen hebt, mit engen Schritten gleitend, Ein zartes Füßlein kaum dem andern vor; So sah ich sie, durch bunte Blumen schreitend, Jungfräulich bodenwärts den Blick gewandt, Und Ehrbarkeit und Würde sie begleitend, 5o daß ich bald den Wunsch befriedigt fand, Indem ich, wie sie näher hergezogen, Den Sinn des süßen Liedes wohl verstand. Sobald sie dort war, wo des Flusses Wogen Den grünen Rasen am Gestad besprühn, Erhob sie hold der Wimpern schöne Bogen. Nicht mocht, als Amor, übermäßig kühn, Die Mutter wund mit seinem Pfeile machte, In solcher Lust Cytherens Auge glühn. Am rechten Ufer stand sie dort und lachte, Und pflückte Blumen von der Wiese Saum, Die ohne Saat hervor die Höhe brachte. Das Bächlein trennt uns um drei Schritte kaum, Doch Hellespont, den Xexes überschritten, Noch jetzt dem höchsten Menschenstolz ein Zaum, Hat schärfer nicht Leanders Haß erlitten, Indem er Sestos und Abydos schied, Als meinen er, ein Hemmnis meinen Schritten. "Ihr seid hier neu und weil in dem Gebiet," Begann sie nun, "das an der Menschheit Morgen Zu ihrer Wiege Gott, der Herr, beschied, Ich lächle, staunt ihr noch und seid in Sorgen. Doch zeigt der Psalm: Herr, du erfreutest mich-- Euch klar das Licht, das Nebel noch verborgen. Du, der du vorn stehst und mich batest, sprich; Noch scheinst du einem Zweifel nachzuhängen, Drum frage nur, und ich befriedge dich." "Das Wasser," sprach ich, "samt des Waldes Klängen, Sie müssen das, worauf ich kaum getraut, Da sie ihm widersprechen, hart bedrängen." Drum sie: "Vom Grunde des, was du geschaut, Und was gehört, sei Kunde dir beschieden; Sie scheucht den Nebel, welcher dich umgraut. Das höchste Gut, allein in sich zufrieden, Den Menschen schufs zum Guten gut, und wies Dies Land ihm an, als Pfand für ewgen Frieden, Aus welchem bald ihn seine Schuld verstieß, Die Schuld, die süße Spiele mit Beschwerden, Mit Zähren ehrbar Lachen wechseln ließ. Damit, entqualmt dem Wasser und der Erden Die Dünste, die der Hitze nach, so weit Es möglich ist, emporgezogen werden, Ihn nicht befehdeten mit ihrem Streit, Stieg himmelwärts der Berg in solcher Weise, Und ist vom Tor an ganz von Dunst befreit. Nun, weil noch immerfort im ersten Gleise Der Lüfte ganzer Zirkellauf sich dreht, Wenn nichts ihn unterbricht in seinem Kreise, Trifft diesen Gipfel, der frei ragend steht, Die Lebensluft, die, jedes Blatt bewegend, Den dichten Wald mit diesem Klang durchweht. Die Pflanze, sich in ihrem Hauche regend, Beschwängert dann die Luft mit ihrer Kraft, Und diese streut sie aus in jede Gegend. Die Länder, wie ihr Boden wirkt und schafft, Ihr Himmelsstrich und ihre Lage, treiben Dann Bäume von verschiedner Eigenschaft. Nun wird dies fürder nicht ein Wunder bleiben, Wie manche Pflanzen, wo man nicht bestellt, Ja, ohne sichtbarn Samen doch bekleiben. Und wissen sollst du, daß im heilgen Feld, In dem du bist, die Samen alle sprießen, Und Früchte, nie gepflückt in eurer Welt. Den Fluß auch siehst du nicht aus Adern fließen, Genährt vom Dunst, den Kälte niederpreßt, Die bald vertrocknen, bald sich wild ergießen. Ihm ward ein Quell, aus welchem, stät und fest, Die Wässer, die dem Doppelarm entfluten, Die Wille Gottes neu ersetzen läßt. Der Arm hier hat die Kraft, daß in den Fluten Jedweder Schuld Erinnerung versinkt; Der andre dort erneuert die des Guten, Der hier heißt Lethe; aber dorten winkt Dir Eunoe--allein nur jenen letzen Wird seine Kraft, der aus dem erstem trinkt. Kein Wohlgeschmack ist seinem gleich zu schätzen; Und wäre schon genügend, was ich sprach, Vermöcht ich auch nichts weiter zuzusetzen, Doch bring ich gern noch einen Zusatz nach, Und deinen Dank vermein ich zu verdienen, Wenn ich dir mehr erfüll, als ich versprach. Den alten Dichtern, glaub ich, wenn von ihnen Gepriesen ward das Glück der goldnen Zeit, War dieser Ort im Traumgesicht erschienen. Hier sproß die Menschheit ohne Schuld und Leid, Hier jede Frucht in ewgem Frühlingsleben, Hier schmeckst du noch des Nektars Lieblichkeit." Und als sie noch mir solches kundgegeben, Kehrt ich mich um, und sah ein Lächeln hier, Bei diesem Schluß, der Dichter Mund umschweben, Dann aber wandt ich wieder mich zu ihr.
Neunundzwanzigster Gesang
In Sang, nach liebentglühter Frauen Art, ließ sie zuletzt der Rede Schluß verhallen: "Heil, wem bedeckt jedwede Sünde ward." Und gleichwie Nymphen, in der Waldnacht Hallen, Hier vor der Sonne Strahlen fliehend, dort Aufsuchend ihren Schimmer, einsam wallen; Ging sie dem Strom entgegen hin am Bord, Ich, folgend kleinem Schritt mit kleinem Schritte, Ging sie begleitend gegenüber fort. Kaum hundert waren mein und ihrer Tritte, Da bog mit beiden Ufern sich der Bach, Und ostwärts ging ich durch des Waldes Mitte. Nicht lange zog ich dieser Richtung nach, Da sah ich sich zu mir die Schöne wenden: "Mein Bruder, halt itzt Ohr und Auge wach!" Sie sprachs, und gleich durchlief von allen Enden Ein schnell entstandner Glanz den großen Hain; Ich glaubt, es möge mich ein Blitzstrahl blenden, Doch weil, wie kommt, so geht des Blitzes Schein Und dieser Glanz sich dauernd nur vermehrte, So dacht ich still bei mir: Was mag das sein? Und durch die Luft, die helle, lichtverklärte, Zog süßer Laut, und eifrig schalt ich jetzt. Daß Evas Frevelmut zu viel begehrte. Wo Erd und Himmel nicht sich widersetzt, Da fühlt ein Weib sich, kaum der Ripp entsprossen, Vom Schleier, der ihr Aug umzog, verletzt. O hätte sie sich fromm in ihm verschlossen, Hätt ich die überschwänglich große Lust, Wohl früher schon und länger dann genossen. Nachdem ich zweifelnd, meiner kaum bewußt, In diesen Erstlingswonnen fortgegangen, Mit Drang nach größern Freuden in der Brust, Da glüht, als war ein Feuer aufgegangen, Die Luft im Laubgewölb--es scholl ein Ton, Und deutlich hört ich bald, daß Stimmen sangen. Hochheilge Jungfraun, wenn ich öfter schon Frost, Hunger, Wachen treu für euch ertragen, Jetzt treibt der Anlaß mich, jetzt fordr ich Lohn. Laßt auf mich her des Pindus Wellen schlagen, Urania sei meine Helferin, Was schwer zu denken ist, im Lied zu sagen. Ich glaubte sieben Bäume weiterhin Von Gold zu schaun, allein vom Schein betrogen War durch den weiten Zwischenraum mein Sinn. Denn als ich nun so nahe hingezogen, Daß sich vom Umriß, der den Sinn betört, Gestalt und Art durch Ferne nicht entzogen, Da ließ die Kraft, die den Verstand belehrt, Anstatt der Bäume Leuchter mich erkennen, Und deutlich ward Hosiannasang gehört. Und oben sah ich das Geräte brennen, Und heller ward die Flamm als Lunas Licht In Monats Mitt um Mitternacht zu nennen. Zum Führer wandt ich staunend mein Gesicht, Doch nichts vermocht er weiter vorzubringen, Als was ein tief erstauntes Antlitz spricht. Da blickt ich wieder nach den hohen Dingen, Die langsamer als eine junge Braut, Sich stillbewegend, mir entgegengingen. "Was bist du doch", so schalt die Schöne laut, "Für die lebendgen Lichter so entglommen, Daß nicht auf das, was folgt, dein Auge schaut?" Und hinter ihnen sah ich Leute kommen, Wie man dem Führer folgt, weiß ihr Gewand, Weiß, wie man nichts auf Erden wahrgenommen. Das Wasser glänzte mir zur linken Hand, Worin, wenn ich in seinen Spiegel sähe, Ich meine linke Seite wiederfand. Als ich am rechten Platze war, so nahe, Daß nur der Fluß mich schied, hemmt ich den Schritt, Um besser zu erschaun, was dort geschahe. Ich sah, wie jede Flamme vorwärts glitt, Und hinter jeder blieb ein helles Strahlen, Das, Pinselstrichen gleich, die Luft durchschnitt. So sah man sieben Streifen oben strahlen, Sie allesamt in jenen Farben bunt, Die Phöbes Gurt und Phöbus Bogen malen. Nicht ward ihr Ende meinem Auge kund, Doch sah ich, daß an beiden äußern Grenzen Zehn Schritt der erste von dem letzten stund. Und wie ich also sah den Himmel glänzen, Da zogen drunten, zwei an zwei gereiht, Zweimal zwölf Greise her in Lilienkränzen. Und alle sangen: "Sei gebenedeit In Adams Töchtern! Herrlich und gepriesen Sei deine Huld und Schön in Ewigkeit." Und als nun die beblümten frischen Wiesen, Die jenseits das Gestad des Bachs begrenzt, Die Auserwählten nach und nach verließen, Sah ich, wie Stern um Stern am Himmel glänzt, Vier Tiere dort zunächst sich offenbaren, Und jedes ward mit grünem Laub bekränzt Und war versehn mit dreien Flügelpaaren, Mit Augen ihre Federn ganz besetzt, Wie die des Argus, als er lebte, waren. Nicht viel der Reime, Leser, wend ich jetzt Auf ihre Form, denn sparsam muß ich bleiben, Da größrer Stoff mich noch in Kosten setzt. Laß von Ezechiel sie dir beschreiben; Von Norden sah er sie, so wie er spricht, Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuer treiben. Wie ich sie fand, beschreibt sie sein Bericht, Nur stimmt Johannes in der Zahl der Schwingen Mir völlig bei und dem Propheten nicht. Es stellt im Raum sich, den die Tier umfingen, Ein Siegeswagen auf zwei Rädern dar, Des Seil an eines Greifen Hälse hingen. Und in die Streifen ging der Flügel Paar, Die hoch, den mittelsten umschließend, standen, So, daß kein Streif davon durchschnitten war. Sie hoben sich so hoch, daß sie verschwanden; Gold schien, soweit er Vogel, jedes Glied, Wie sich im andern Weiß und Rot verbanden. Nicht solchen Wagen zum Triumph beschied Rom dem Augustus, noch den Afrikanen; Ja, arm erschiene dem, der diesen sieht, Sols Wagen, der, entrückt aus seinen Bahnen, Verbrannt ward auf der Erde frommes Flehn Durch Zeus gerechten Ratschluß, wie wir ahnen, Man sah im Kreis drei Fraun sich tanzend drehn Am Rande rechts, und hochrot war die eine, Gleich lichter Glut der Flammen anzusehn. Die zweite glänzte hell in grünem Scheine, Gleich dem Smaragden, und die dritte schien Wie frisch gefallner Schnee an Weiß und Reine. Die Weiße sah man bald den Reigen ziehn, Die Rote dann, und nach dem Sang der letzten Die andern langsam gehn und eilig fliehn. Links vier im Purpurkleid, die sich ergötzten, Und, wie die eine, mit drei Augen, sang, Nach ihrer Weis im Tanz die Schritte setzten. Nach allen diesen kam den Pfad entlang, Ungleich in ihrer Tracht, ein paar von Alten, Doch gleich an Ernst und Würd in Mien und Gang. Der erste war für einen Freund zu halten Des Hippokrat, den die Natur gemacht, Um ihrer Kinder liebste zu erhalten. Der andre schien aufs Gegenteil bedacht, Mit einem Schwert, und durch das scharfe, lichte, Ward ich diesseits des Bachs in Angst gebracht. Dann kamen vier daher, demütge, schlichte, Und hinter ihnen kam ein Greis, allein Und schlafend, mit scharfsinnigem Gesichte. Die sieben schienen gleich an Tracht zu sein Den ersten zweimal zwölf, doch nicht umblühten Die Häupter Lilienkränz in weißem Schein, Rosen vielmehr und andre rote Blüten, Und wer vom weiten sie erblickte, schwor, Daß oberhalb der Braun sie alle glühten. Mir gegenüber fuhr der Wagen vor, Worauf ein Donnerhall mein Ohr ereilte, Und sich des Zugs Bewegung schnell verlor, Der jetzt zugleich mit seinen Fahnen weilte.
Dreißigster Gesang
Sobald der Empyren Gestirn des Norden, (Das nimmer aufgeht, noch sich wieder senkt, Und das durch Sünden nur umnebelt worden; Bei welchem jeder dort der Pflicht gedenkt, Zu der es leitet, wie den Kahn hienieden, Das, welches tiefer steht, zum Hafen lenkt), Stillstand, da wandten, dies vom Greifen schieden, Die zweimal zwölf und vier Wahrhaften, sich Zum Wagen hin als wie zu ihrem Frieden. Und einer, der des Himmels Boten glich, Rief dreimal singend zu der andern Sange: "Komm, Braut vom Libanon, und zeige dich!" Wie bei des Weltgerichts Posaunenklange Der Selgen Schar, mit leichtem Leib umfahn, Dem Grab erstehen wird mit eilgem Drange, So hoben von des heilgen Wagens Bahn Wohl hundert sich bei solcher Stimme Schalle, Des ewgen Lebens Diener, himmelan. "Heil dir, der kommt!" so klangs im Widerhalle, "Streut Lilien jetzt mit vollen Händen hin!" Und Blumen warfen rings und oben alle. Schon sah ich bei des Tages Anbeginn Geschmückt den Osten sich mit Rosen zeigen, Sah klar den Himmel und die Königin Des Tages, sanft umschattet, höher steigen, So daß, da ihren Schimmer Dunst umfloß, Mein Blick ihn aushielt, ohne sich zu neigen. Hier, durch die. Blumenflut, die sie umschloß, Und niederstürzend um und in den Wagen, Sich aus der Himmelsboten Hand ergoß, Sah ich ein Weib in weißem Schleier ragen, Olivenzweig ihr Kranz, und ums Gewand, Das Feuer schien, des Mantels Grün geschlagen. Mein Geist, dem schon so manches Jahr entschwand, Seit er in ihrer Gegenwart mit Beben Demütgen Staunens bange Lust empfand, Fühlt, eh das Aug ihm-Kunde noch gegeben, Durch die geheime Kraft, die ihr entquoll, Die alte Liebe mächtig sich erheben. Kaum war der hohen Kraft die Seele voll, Der Kraft, durch die, bevor ich noch entgangen Der Knabenzeit, mein wundes Herz erschwoll, So wandt ich links mich hin, mit dem Verlangen, Mit dem ein Kind zur Mutter läuft und Mut Im Schrecken sucht und Trost im Leid und Bangen, Um zu Virgil zu sagen: "Ach mein Blut! Kein Tröpflein blieb mir, das nicht bebend zücke-- Ich kenne schon die Zeichen alter Glut." Doch sein beraubt ließ uns Virgil zurücke, Virgil, der väterliche Freund--Virgil, Dem sie mich übergab zu meinem Glücke. Was Eva einst verloren, da sie fiel, Nicht half es mir, die Tränen zu vermeiden, Wovon ein Strom die Wangen niederfiel. "O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden, Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht; Zu weinen ziemt dir über andres Leiden!" Und wie mit ernstgebietendem Gesicht Ein Admiral, der, musternd seine Scharen Vom hohen Bord, sie mahnt an ihre Pflicht, So war sie links im Wagen zu gewahren, Als ich nach meines Namens Klang mich bog, Den hier die Not mich zwang, zu offenbaren; Ich sah die Frau, die erst sich mir entzog, Als sie erschien, in jener Engelfeier, Wie nach mir her ihr Blick von jenseits flog. Doch ihr vom Haupte wallend ließ der Schleier, Der von Minervens Laub umkränzet ward, Mir ihren Anblick nur noch wenig freier. Stolz sprach sie nun mit königlicher Art, Gleich einem, der erst mild spricht, anzuschauen, Und sich das härtre Wort fürs Ende spart: "Schau her, Beatrix bin ich! Welch Vertrauen Führt dich zu diesen Höhn? Wie? Weißt du nicht, Beglückte wohnen nur in diesen Auen." Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht, Sah auf die Blumen dann, die mich umgaben, Gedrückt die Stirn von schwerer Scham Gewicht. So stolz erscheint die Mutter ihrem Knaben, Wie sie mir schien; denn ihr mitleidig Wort Schien den Geschmack der Bitterkeit zu haben. Sie schwieg, da sang der Engel Chor sofort Den Psalmen: Herr, auf dich nur steht mein Hoffen, Bis: Stellest meine Fuß auf weiten Ort. Wie auf den Rücken Welschlands, welcher offen Den Stürmen ragt, der Schnee, im Frost gehäuft, Zu Eis erstarrt, vom slawschen Wind getroffen, Dann, in sich selbst versickernd, niederträuft, Wenn laue Wind aus Libyen ihn verzeihen, So wie, dem Feuer nah, das Wachs zerläuft; So war ich ohne Seufzer, ohne Zähren, Bevor die Engel sangen, deren Sang Nur Nachklang ist vom Lied der ewgen Sphären. Doch als im Lied ihr Mitleid mir erklang, Wohl heller klang, als hätten sie gesungen: "Was, Herrin, machst du ihm das Herz so bang?" Da ward das Eis, das fest mein Herz umschlungen, Zu Hauch und Wasser bald und kam durch Mund Und Auge bang aus meiner Brust gedrungen. Sie, welche, wie zuvor, im Wagen stund, Sie wandte sich dem Engelchor entgegen, Und tat den heilgen Scharen dieses kund: "Ihr wacht im ewgen Tag, und nimmer mögen Euch einen Schritt entziehen Schlaf und Nacht, Den das Jahrhundert tut auf seinen Wegen. Drum ist die Antwort wohl für ihn bedacht, Der drüben weint, damit sie klar beweise, Daß große Schuld auch große Schmerzen macht. Nicht durch die Kraft allein der ewgen Kreise, Die jedes Wesen zu dem Ziele lenkt, Das ihm sein Stern gesteckt für seine Reise, Durch das auch, was die Gnade Gottes schenkt, Sie, deren Regen solche Dünst umgeben, Daß sich kein Blick in ihre Tiefen senkt, War dieser einst in seinem neuen Leben Gar hoch begabt, um sich zur Trefflichkeit Durch rechte Sitte mächtig zu erheben. Doch wilder wird in schnöder Üppigkeit Jedweder schlechte Same sich entfalten, Je kräftger ist des Bodens Fruchtbarkeit. Wohl wußt ich einge Zeit ihn festzuhalten, Indem ich ihm die jungen Augen wies; Da ließ er gern als Führerin mich walten. Doch hatt er, als ich kaum die Welt verließ, Zum bessern Sein zu gehn, sich mir entzogen, Indem er andern ganz sich überließ. Als ich vom Fleisch zum Geist emporgeflogen, Und höhre Tugend, höhern Reiz empfahn, Da war er minder hold mir und gewogen. Er wandte seinen Schritt zur falschen Bahn, Trugbildern folgend schnöden Wonnelebens, Den falschen Lockungen und leerem Wahn. Im Traum und Wachen rief ich ihn vergebens, Und Mahnung haucht ich ihm und Warnung ein, Doch blieb er taub im Leichtsinn eiteln Strebens. Ein Mittel könnt ihm nur zum Heil gedeihn, So tief schon hatt er sich im Wahn verloren, Und solches war der Anblick ewger Pein. Deswegen drang ich zu der Hölle Toren Und habe den, der ihn herauf geführt, Mit Bitten und mit Tränen dort beschworen. Nicht wärs, wie sichs nach ewgem Rat gebührt, Wenn er durch Lethe ging und sie genösse, Und nicht vorher, bußfertig und gerührt, In Reuezähren seine Schuld ergösse.
Einunddreißigster Gesang