Chapter 2
Mir brach den Schlaf im Haupt ein Donnerkrachen, So schwer, daß ich zusammenfuhr dabei, Wie einer, den Gewalt zwingt, zu erwachen. Ich warf umher das Auge wach und frei, Emporgerichtet spähend, daß ich sähe Und unterschied, an welchem Ort ich sei. So fand ich mich am Talrand, in der Nähe Des qualenvollen Abgrunds, dessen Kluft Zum Donnerhall vereint unendlich Wehe. Tief war er, dunkel, nebelhaft die Luft, Drum wollte nichts sich klar dem Blicke zeigen, Den ich geheftet an den Grund der Gruft. "Laß uns zur blinden Welt hinunter steigen, Ich bin der Erste, du der Zweite dann." So sprach Virgil, um drauf erblaßt zu schweigen. Ich, sehend, wie die Bläss ihn überrann, Sprach: Scheust du selber dich, wie kann ichs wagen Der Trost im Zweifel nur durch dich gewann? Und er zu mir: "Des tiefen Abgrunds Plagen Entfärben mir durch Mitleid das Gesicht, Und nicht, so wie du meinst, durch feiges Zagen. Fort, zaudern läßt des Weges Läng uns nicht." So ging er fort und rief zum ersten Kreise Mich auch hinein, der jene Kluft umflicht. Mir schien, nach meinem Ohr, des Klanges Weise, Der durch die Luft hier bebt im ewgen Tal, Nicht Klaggeschrei, nur Seufzer dumpf und leise. Und dieses kam vom Leiden ohne Qual Der Kinder, Männer und der Fraun, in Scharen, Die viele waren und von großer Zahl- Da sprach der Meister: "Willst du nicht erfahren, Zu welchen Geistern du gekommen bist? Bevor wir fortgehn, will ich offenbaren, Daß sie nicht sündigten; doch gnügend mißt Nicht ihr Verdienst, da sie der Tauf entbehrten, Die Pfort und Eingang deines Glaubens ist. Und lebten sie vor Christo auch, so ehrten Sie doch den Höchsten nicht, wie sichs gebührt; Und diese Geister nenn ich selbst Gefährten. Nur dies, nichts andres hat uns hergeführt. Daß wir in Sehnsucht ohne Hoffnung leben, Ward uns Verlornen nur als Straf erkürt." Groß war mein Schmerz, als er dies kundgegeben, Denn Leute großen Wertes zeigten sich, Die unentschieden hier im Vorhof schweben. Und ich begann: Mein Herr und Meister, sprich (Ich wollte mich in jenem Glauben stärken, Vor dessen Licht des Irrtums Nacht entwich), Kam keiner je durch Kraft von eignen Werken, Durch fremd Verdienst von hier zur Seligkeit?-- Er schien des Worts versteckten Sinn zu merken Und sprach: "Ich war noch neu in diesem Leid, Da ist ein Mächtiger hereingedrungen. Bekrönt mit Siegesglanz und Herrlichkeit. Der hat des Urahns Geist der Höll" entrungen, Auch Abels, Noahs; und auch Moses hat, Der Gott gehorcht, mit ihm sich aufgeschwungen. Abram und David folgten seinem Pfad, Jakob, sein Vater, seine Söhne schieden, Und Rahel auch, für die so viel er tat. Sie und viel andre führt er ein zum Frieden, Und wissen sollst du nun: Vor diesen war Erlösung keinem Menschengeist beschieden." Obwohl er sprach, gings vorwärts immerdar, So daß wir unterdes den Wald durchdrangen, Den Wald, mein ich, der dichten Geisterschar. Nicht weit von oben waren wir gegangen, Als ich ein Feur in lichten Flammen sah, Die rings im halben Kreis die Nacht bezwangen. Zwar waren wir dem Ort nicht völlig nah, Doch einen Kreis von ehrenhaften Leuten, Die diesen Platz besetzt, erkannt ich da. "Du, des sich Wissenschaft und Kunst erfreuten, Beliebe, wer sie sind, und was sie ehrt Und von den andern trennt, mir auszudeuten." Ich sprachs, und er: "Für hochgepriesnen Wert, Der oben widerklingt in deinem Leben, Ward ihnen hier vom Himmel Huld gewährt." Da hört ich eine Stimme sich erheben: Der hohe Dichter, auf jetzt zum Empfang! Sein Schatten kehrt, der jüngst sich fortbegeben. Sobald die Stimme, die dies sprach, verklang, Sah ich heran vier große Geister schreiten, Im Angesicht nicht fröhlich und nicht bang. Da sprach der gute Meister mir zur Seiten: "Sieh diesen, in der Hand das Schwert, voran Den andern gehn, um sie als Fürst zu leiten. Du siehst Homer, den Dichterkönig, nahn; Ihm folgt Horaz, berühmt durch Spott dort oben Ovid der Dritt, als letzter kommt Lukan. Im Namen, den die eine Stimm erhoben, Kommt mit mir selber jeder überein, Drum ehren sie mich, und dies ist zu loben." So war die schöne Schul hier im Verein Des hohen Herrn der höchsten Sangesweise, Der ob den andern fliegt, ein Aar, allein. Ein Weilchen sprachen sie im trauten Greise, Doch als sie grüßend sich zu mir gekehrt, Da lächelte Virgtl zu solchem Preise. Allein noch höher ward ich dort geehrt, Indem sie mich in ihrer Schar empfingen Als Sechsten unter solchem Geist und Wert, Wobei wir hin bis zu dem Lichte gingen, Sprechend, wovon ich schicklich schweigen muß, Wie man dort schicklich sprach von solchen Dingen. Bald kamen wir an eines Schlosses Fuß, Von siebenfacher hoher Maur umfangen, Und rings beschützt von einem schönen Fluß. Als wir mit trocknem Fuße durchgegangen, Gings weiter dann durch sieben Tore fort, Und eine Wiese sah ich grünend prangen. Wir fanden Leute strengen Blickes dort, Mit großer Würd in Ansehn, Gang und Mienen Und wenig sprechend, doch mit sanftem Wort. Und wir ersahn dort seitwärts nah bei ihnen Frei eine Höh hellem Lichte glühn, Vor welcher alle klar vor uns erschienen. Dort gegenüber auf dem samtnen Grün Sah ich die Großen, ewig Denkenswerten, Die heut mir noch in solzer Seele blühn. Elektren sah ich dort mit viel Gefährten, Äneas, Hektorn hatt ich bald erkannt, Cäsarn, den mit dem Adlerblick bewehrten. Penthesilea war auf grünem Land; Zur andern Seite sah ich auch Latinen, Der bei Lavinien, seiner Tochter, stand. Ich sah den Brutus, der verjagt Tarquinen, Lucrezien, Julien, Marzien, und, allein Beiseite sitzend, sah ich Saladinen. Dann, höher blickend, sah im hellen Schein Ich auch den Meister derer, welche wissen, Der von den Seinen schien umringt zu sein, Sie all ihn hochzuehren sehr beflissen; Den Plato ihm zunächst und Sokrates, Die dort den Sitz vor andern an sich rissen. Den Anaxagoras, Diogenes, Den Demokrit, des Welt der Zufall machte, Den Zeno, Heraklit, Empedokles. Ihn, der ans Licht der Pflanzen Kräfte brachte, Den Dioskorides, den Orpheus dann, Den Seneka, der Schmerz und Luft verlachte. Auch Ptolemäus kam, Euklid heran, So auch Averroes, der, seinen Weisen Erklärend, selbst der Weisheit Ruhm gewann. Doch nicht vermag ich jeden hier zu greifen, Denn also drängt des Stoffes Größe mich, Daß ihren Dienst mir kaum die Wort erweisen. Hier teilten nun die sechs Gefährten sich. Mich führt auf anderm Weg mein weiser Leiter Dahin, wo Stille lautem Tosen wich, Und dorthin, wo nichts leuchtet, schritt ich weiter.
Fünfter Gesang
So gings hinab vom ersten Kreis zum zweiten, Der kleinern Raum, doch größres Weh umringt, Das antreibt, Klag und Winseln zu verbreiten. Graus steht dort Minos, fletscht die Zähn und bringt Die Schuld ans Licht, wie tief sie sich verfehle, Urteilt, schickt fort, je wie er sich umschlingt. Ich sage, wenn die schlechtgeborne Seele Ihm vorkommt, beichtet sie der Sünden Last; Und jener Kenner aller Menschenfehle, Sieht, welcher Ort des Abgrunds für die paßt, Und schickt sie soviel Grad hinab zur Hölle, Als oft er sich mit seinem Schweif umfaßt. Von vielem Volk ist stets besetzt die Schwelle, Und nach und nach kommt jeder zum Gericht, Spricht, hört und eilt zu der bestimmten Stelle. "Du, der in diese Qualbehausung bricht," So rief mir Minos, als er mich ersehen, Und ließ indes die Übung großer Pflicht; "Schau, wem du traust! Leicht ists hineinzugehen, Doch täusche nicht dich ein verwegner Drang." Mein Führer drauf: "Laß dir den Groll vergehen! Nicht hindre den von Gott gebotnen Gang, Dort will mans, wo das Können gleicht dem Wollen. Nicht mehr gefragt, denn unser Weg ist lang." Bald hört ich nun, wie Jammertön erschollen, Denn ich gelangte nieder zu dem Haus, Zur Klag und dem Geheul der Unglückvollen. Jedwedes Licht verstummt im dunkeln Graus, Das brüllte, wie wenn sich der Sturm erhoben, Beim Kampf der Winde lautes Meergebraus. Nie ruht der Höllenwirbelwind vom Toben Und reißt zu ihrer Qual die Geister fort Und dreht sie um nach unten und nach oben. Ihr Jammerschrei, Geheul und Klagewort, Nahn sie den trümmervollen Felsenklüften, Verlästern fluchend Gottes Tugend dort. Daß Fleischessünder dies erdulden müßten, Vernahm ich, die, verlockt vom Sinnentrug, Einst unterwarfen die Vernunft den Lüsten. So wie zur Winterszeit mit irrem Flug Ein dichtgedrängter breiter Troß von Staren, So sah ich hier im Sturm der Sünder Zug Hierhin und dort, hinauf, hinunterfahren, Gestärkt von keiner Hoffnung, mindres Leid, Geschweige jemals Ruhe zu erfahren. Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht In hoher Luft die Klagelieder krächzen, So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit Die Schatten hergeweht mit bangem Ächzen. "Wer sind die, Meister, welche her und hin Der Sturmwind treibt, und die nach Ruhe lechzen?" So ich--und er: "Des Zuges Führerin, Von welchem du gewünscht, Bericht zu hören, War vieler Zungen große Kaiserin. Sie ließ von Wollust also sich betören, Daß sie für das Gelüst Gesetz erfand. Um nur der tiefen Schmach sich zu erwehren. Sie ist Semiramis, wie allbekannt, Nachfolgerin des Ninus, ihres Gatten, Einst herrschend in des Sultans Stadt und Land. Dann Sie, die, ungetreu Sichäus Schatten, Aus Liebe selber sich geweiht dem Tod" Sieh dann Kleopatra im Flug ermatten." Auch Helena, die Ursach großer Not, Im Sturme sah ich den Achill sich heben, Der allem Trotz, nur nicht der Liebe, bot. Den Paris sah ich dort, den Tristan schweben, Und tausend andre zeigt und nannt er dann, Die Liebe fortgejagt aus unserm Leben. Lang hört ich den Bericht des Lehrers an, Von diesen Rittern und den Fraun der Alten, Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann: Mit diesen Zwein, die sich zusammenhalten, Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind, Möcht ich, o Dichter, gern mich unterhalten. Und er darauf: "Gib Achtung, wenn der Wind Sie näher führt, dann bei der Liebe flehe, Die beide führt, da kommen sie geschwind." Kaum waren sie geweht in unsre Nähe, Als ich begann: Gequälte Geister, weilt, Wenns niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe. Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte teilt, Wenns mit weitausgespreizten steten Schwingen Zum süßen Nest herab voll Sehnsucht eilt; So sah ich sie dem Schwarme sich entringen, Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld, Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen. "Du, der du uns besuchst voll Gut und Huld In purpurschwarzer Nacht, uns, die die Erde Vordem mit Blut getüncht durch unsre Schuld, Gern bäten wir, daß Fried und Ruh dir werde, War uns der Fürst des Weltenalls geneigt, Denn dich erbarmt der seltsamen Beschwerde. Wie ihr zu Red und Hören Lust bezeigt, So reden wir, so leihn wir euch die Ohren, Wenn nur, wie eben jetzt, der Sturmwind schweigt. Ich ward am Meerstrand in der Stadt geboren, Wo Seinen Lauf der Po zur Ruhe lenkt, Bald mit dem Flußgefolg im Meer verloren. Die Liebe, die in edles Herz sich senkt, Fing diesen durch den Leib, den Liebreiz schmückte, Der mir geraubt ward, wies noch jetzt mich kränkt. Die Liebe, die Geliebte stets berückte, Ergriff für diesen mich mit solchem Brand, Daß, wie du stehst, kein Leid ihn unterdrückte. Die Liebe hat uns in ein Grab gesandt-- Kaina harret des, der uns erschlagen." Der Schatten sprachs, uns kläglich zugewandt. Vernehmend der bedrängten Seelen Klagen, Neigt ich mein Angesicht und stand gebückt. Was denkst du? hört ich drauf den Dichter fragen. Weh, sprach ich, welche Glut, die sie durchzückt, Welch süßes Sinnen, liebliches Begehren Hat sie in dieses Qualenland entrückt? Drauf säumt ich nicht, zu jener mich zu kehren. "Franziska," So begann ich nun, "dein Leid Drängt mir ins Auge fromme Mitleidszähren. Doch sage mir: In süßer Seufzer Zeit, Wodurch und wie verriet die Lieb euch beiden Den zweifelhaften Wunsch der Zärtlichkeit." Und sie zu mir: Wer fühlt wohl größres Leiden Als der, dem schöner Zeiten Bild erscheint Im Mißgeschick? Dein Lehrer mags entscheiden. Doch da dein Wunsch so warm und eifrig scheint, Zu wissen, was hervor die Liebe brachte, So will ich tun, wie wer da spricht und weint. Wir lasen einst, weils beiden Kurzweil machte, Von Lanzelot, wie ihn die Lieb umschlang. Wir waren einsam, ferne von Verdachte. Das Buch regt in uns auf des Herzens Drang, Trieb unsre Blick und macht uns oft erblassen, Doch eine Stelle wars, die uns bezwang, Als das ersehnte Lächeln küssen lassen, Der, so dies schrieb, vom Buhlen schön und hehr. Da naht er, der mich nimmer wird verlassen, da küßte zitternd meinen Mund auch er-- Galeotto war das Buch, und ders verfaßte-- An jenem Tage lasen wir nicht mehr. Der eine Schatten sprachs, der andre faßte Sich kaum vor Weinen, und mir schwand der Sinn Vor Mitleid, daß ich wie im Tod erblaßte, Und wie ein Leichnam hinfällt, fiel ich hin.
Sechster Gesang
Bei Rückkehr der Erinnrung, die sich schloß Vor Mitleid um die zwei, das so mich quälte, Daß das Bewußtsein mir vor Schmerz zerfloß, Erblickt ich neue Qualen und Gequälte Rings um mich her, ob den, ob jenen Pfad Zum Gehn und Schaun sich Fuß und Auge wählte. Es war der dritte Kreis, den ich betrat, Von ewgem, kaltem, maledeitem Regen Von gleicher Art und Regel früh und spat. Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegen Die Nacht dort zu durchziehn in wildem Guß; Stank qualmt die Erde, dies empfängt, entgegen. Ein Untier, wild und seltsam, Zerberus, Bellt, wie ein böser Hund, aus dreien Kehlen Jedweden an, der dort hinunter muß. Schwarz, feucht der Bart, die Augen rote Höhlen Mit weitem Bauch, die Hände scharf beklaut, Vierteilt, zerkratzt und schindet er die Seelen. Sie heulen, wie die Hund, im Regen laut, Und sie verschaffen sich durch öftres Drehen Auf einer Seite mindstens trockne Haut. Der große Höllenwurm, der uns ersehen, Riß auf die Rachen, zeigt uns ihr Gebiß Und ließ kein Glied am Leibe stillestehen. Virgil streckt aus die offnen Händ und riß Erd aus dem Grund, die in die giergen Rachen Er alsogleich mit vollen Fäusten schmiß. Wies pflegt ein keifig böser Hund zu machen, Des Bellen schweigt, wenn er den Fraß erbeißt, Der wilden Grimm vermocht, ihm anzufachen; So jetzt mit schmutzgen Schlünden jener Geist, Der so durchdröhnt die armen Leidensmatten, Daß jeder hochbeglückt die Taubheit preist. Wir gingen über die gequälten Schatten, Indem wir auf ihr Nichts, das Körper schien, Im tiefen Schlamm gestellt die Sohlen hatten. Sie lagen allesamt am Boden hin, Nur einen sahn wir sich zum Sitzen heben, Wie er uns dort erblickt im Weiterziehn. Er sprach: "Der du zur Hölle dich begeben, Erkenne mich, dafern dirs möglich ist; Du Iebtest, eh ich aufgehört zu leben." Und ich zu ihm: "Die Angst, in der du bist, Zieht dich vielleicht aus meinem Angedenken; Mir scheint, ich sähe dich zu keiner Frist. Wer bist du? Sprich, was konnte dich versenken In eine Qual, die, gibts auch größre Pein, Nicht widriger kann sein, noch ärger kränken." "In eurer Stadt," so sprach er, "die allein Der Neid erfüllt, und bis zum Überfließen, Genoß ich einst des Tages heitern Schein. Ich bins, den Ciacco eure Bürger hießen, Zur Qual für schnöde Schuld des Gaumens muß, Du siehsts, auf mich sich ewger Regen gießen. Und mich allein nicht züchtigt dieser Guß, Nein, alle diese leiden gleiche Plagen Für gleiche Schuld."--So seiner Rede Schluß. Und ich: "Mich haben, Ciacco, deine Klagen Zum Mitleid und zu Tränen fast gerührt. Allein, wenn du es weißt, so magst du sagen, Wohin noch unsrer Stadt Parteiung führt? Ob wer gerecht ist? Was in diesen Zeiten In ihr die Glut der wilden Zwietracht schürt?" Und er darauf zu mir: "Nach langem Streiten Kommts dort zu Blut, dann treibt die Waldpartei Die andre fort mit vielen Grausamkeiten. Doch in drei Sonnen ists mit ihr vorbei, Neu günstig sind der andern die Gestirne, Durch eines Mannes Macht und Heuchelei. Hoch hebt sie dann auf lange Zeit die Stirne Und hält den Feind mit großer Last beschwert, Wie er auch sich beklag und sich erzürne. Zwei find gerecht dort, aber nicht gehört. Neid, Geiz und Hochmut--diese drei sind Gluten, In welchen sich der Bürger Herz verzehrt." Als hier des Schattens Jammertöne ruhten, Sprach ich zu ihm: "Noch weiteren Bericht Erlaube mir, dir bittend anzumuten. Tegghiajo, Farinata, treu der Pflicht, Arrigo, Rusticucci, Mosca--sage!-- Und andre, nur auf Gutestun erpicht, Wo find sie? Welches ist ihr Los? Ich trage Verlangen, hier ihr Schicksal zu erspähn, Obs Himmelswonne sei, ob Höllenplage?" Und er: "Sie stürzte mancherlei Vergehn Zu schwärzern Seelen nach den tiefern Gründen. Steigst du so tief, so wirst du alle sehn-- Kehrst du zur süßen Welt aus diesen Schlünden, Bring ins Gedächtnis dann der Menschen mich. Mehr sag ich nicht, mehr darf ich nicht verkünden." Scheel ward sein grades Aug und wandte sich Nach mir; dann sank er mit dem Haupte nieder, So daß er ganz den andern Blinden glich. Drauf sprach mein Führer: "Nie erwacht er wieder, Bis er vor englischer Posaun ergraust, Und der Gewalt, dem Sündenvolk zuwider. Zum Grab kehrt jeder, wo sein Körper haust, Empfängt sein Fleisch zurück und die Gestaltung Und hört, was ewig widerhallend braust." Wir gingen langsam fort in schwerer Haltung, Durchs Kotgemisch von Schatten und von Flut. Vom künftgen Leben war die Unterhaltung. Drum ich: "Mein Meister, wird der Qualen Wut Sich nach dem großen Urteilsspruch vermehren? Vermindert sich, bleibt sich nur gleich die Glut?" Und er: "Gedenk an deines Weisen Lehren: So sehr ein Ding vollkommen ist, so sehr Wird sichs im Glücke freun, im Schmerz verzehren Und kann gleich der Verdammten zahllos Heer Vollkommenheit, die wahre, nie erringen, So harrt es doch in jener Zeit auf mehr." Wir fuhren fort, im Kreise vorzudringen, Mehr sprechend, als zu sagen gut erscheint, Bis hin zum Platz, wo Stufen niedergingen, Und fanden Plutus dort, den großen Feind.
Siebenter Gesang
Aleph, Pape Satan, Pape Satan! Erhob, rauh kluchzend, Plutus seine Stimme. Und er, der alles wohl verstand, begann: "Getrost, nicht fürchte dich vor seinem Grimme, Durch alle seine Macht wirds nicht verwehrt, Daß ich mit dir den Felsen niederklimme." Und dann, zu dem geschwollnen Mund gekehrt, Rief er: "Wolf, schweige, du Vermaledeiter! Von deiner Wut sei in dir selbst verzehrt! Wir gehn nicht ohne Grund zur Tiefe weiter, Dort will mans, dort, wo einst den Stolz mit Schmach Gezüchtigt Michael, der Himmelsstreiter." Gleichwie die Segel, wenn der Mast zerbrach, Erst aufgebläht zum Knäuel niederrollen, So fiel das Untier, das so drohend sprach. So gings zum vierten Kreis im schmerzenvollen Unselgen Schacht, der alle Schuld umfängt, Von welcher je im Weltall Kund erschollen. Gerechtigkeit des Herrn, dein Walten drängt So neue Mühn zusammen, solche Plagen! O blinde Schuld, die hier den Lohn empfängt! Wie der Charybdis Wogen sich zerschlagen, Zum Gegenstoß gewälzt von Süd und Nord, So muß sich hier das Volk im Wirbel jagen. Noch nirgend war die Schar so groß wie dort. Laut heulend kamen sie von beiden Enden Und wälzten Lasten mit den Brüsten fort. Und stießen sich, um sich beim Prall zu wenden, Und dann zurück im Bogenlauf zu ziehn, Und schrien sich zu: Was halten?--Was verschwenden? So durch den Kreis, in dem kein Lichtstrahl schien, Gings beiderseits dann nach der andern Seite, Indem sie beid ihr schändlich Schmähwort schrien. Dann wandte jeder sich zum neuen Streite, Sobald er seines Zirkels Hälft umkreist; Und ich, der ich den Armen Mitleid weihte, Sprach: "Meister, o wie zagt, wie bangt mein Geist Wer ist dies Volk? Die links hier scheinen Pfaffen! Ists jeder, der uns eine Glatze weist? Und er: "Dies sind die Blinden, Geistesschlaffen. Sie wußten in der Welt zum Geben nie Und nie zum Sparen sich ein Maß zu schaffen. Und dies erhellt aus dem, was jeder schrie, Wenn sie im Kreis gelangt zu zweien Orten; Da trennt der Gegensatz des Lasters sie. Die mit den Glatzen waren Pfaffen dorten; Auch öffneten wohl Papst und Kardinal Dem Geiz als Zwingherrn ihres Herzens Pforten." Drauf sprach ich: "Meister, kenn in dieser Zahl Ich keinen, der im Schmutz so eitlen Strebens Sich hier erworben hat die ewge Qual?" Und er zu mir: "Dein Suchen ist vergebens, Unkenntlich macht sie ihr verdientes Los Durch Kot und Schmutz bewußtlos dunkeln Lebens. So kommen stets zum Stoß und Gegenstoß, Bis sie erstehn--die mit verschnittnen Haaren, Die mit geschlossner Faust--dem Grabesschoß. Versetzt hat sie schlecht Geben und schlecht Sparen Von jener heitern Welt in diesen Zwist; Nicht sag ich welchen, denn du kannsts gewahren. Sieh hier, mein Sohn, welch eitles Ding es ist Um jenes Gut Fortunens, das die Leute Zum Kampfe reizt und zu Gewalt und List. Gib diesen Müden alles Gold zur Beute, Das sie gehabt, ja alles Gold der Welt, Und keine Stunde Ruh gibts ihnen heute." Und ich: "Mein Meister, sprich, wenn dirs gefällt, Wer ist Fortuna doch, die, wie ich hörte, In ihren Klaun der Erde Güter hält?" Und er zu mir: "O Arme, Trugbetörte! Unwissende, zum Schlimmsten stets geneigt! O daß mein Spruch jetzt aller Wahn zerstörte! Er, dessen Weisheit alles übersteigt, Erschuf die Himmel und gab ihnen Leitung, Daß jedem Teil sich jeder leuchtend zeigt, Durch seines Lichts gleichmäßige Verbreitung. So gab er schaffend auch die Dienerin Dem Erdenglanz zur Führung und Begleitung. Von Volk zu Volk, von Blut zu Blute hin, Bringt sie das eitle Gut, das nirgends dauert, Und kümmert nicht sich um der Menschen Sinn. Dies Volk befiehlt, ein andres dient und trauert, Wie jene Führerin das Urteil spricht, Die, wie die Schlang im Gras, verborgen lauert. Nichts gegen sie hilft eurer Weisheit Licht, Sie sorgt, erkennt, vollzieht in ihrem Reiche, Und weicht darin den andern Göttern nicht. Nie haben Stillstand ihre Wechselstreiche; So macht sie, von Notwendigkeit gejagt, Aus Reichen Arme, dann aus Armen Reiche. Sie ists, die ihr ans Kreuz oft wütend schlagt, Von der ihr oft, wenn ihr, anstatt zu schmollen, Sie loben solltet, fälschlich Böses sagt. Doch sie, die Selge, hört nicht euer Grollen; In andrer erstgeschaffnen Seligkeit Und Wonne, läßt sie ihre Kugel rollen.-- Doch eilig weiter jetzt zu größerm Leid! Die Stern, aufsteigend, als ich fortgeschritten, Gehn abwärts itzt, und unser Weg ist weit." Am andern Rand ward nun der Kreis durchschnitten, An einem Quell, der siedend dort entspringt, Des Wellen fort durch einen Graben glitten. Mehr trüb als schwarz ist seine Flut und bringt, Wenn man ihr folgt, hinab zu rauhen Wegen, Durch die man mit Beschwerde niederdringt. Dann qualmt ein Sumpf, mit Namen Styx, entgegen Dort, wo der traurge Fluß vom Laufe ruht, Am Fuß des greulichen Gestads gelegen. Dort stand ich nun und sah nach jener Flut, Und jäh im Sumpfe Leute, kotge, nackte, Zugleich des Jammers Bilder und der Wut. Man schlug sich nicht mit Fäusten nur, man hackte Mit Haupt und Brust und Füßen auf sich ein, Indem man wild sich mit den Zähnen packte. Mein Meister sprach: "Sohn, sieh in dieser Pein Die Seelen derer, so der Zorn bezwungen. Auch unterm Wasser müssen viele sein; Und wenn ein Seufzer ihnen sich entrungen. Dann steigen Blasen auf von ihrer Not, Drum sieh von Kreisen diese Flut durchschwungen. Und immer rufen sie, versenkt im Kot: Wir waren elend einst im Sonnenschimmer Und hegten Groll und Tücke bis zum Tod, Und elend sind wir nun im Schlamm noch immer. Dies Lied klingt gurgelnd vor aus ihrem Schlund, Stets schluckend, enden sie die Worte nimmer. So gingen, zwischen Pfuhl und festem Grund, Wir an dem schmutzgen Teich in weitem Bogen, Den Blick gewandt zum Volk mit Schlamm im Mund, Bis wir zu eines Turmes Fuß gezogen.
Achter Gesang