Chapter 19
Die Stund erheischte rasches Steigen schon, Nachdem die Sonne hier den Mittagsbogen Dem Stier geräumt, dort Nacht dem Skorpion. Drum, wie ein Mann, der, von nichts angezogen, Was sich auch zeige, seines Weges zieht Vom Drang der Not zu größter Eil bewogen, So drangen wir ins höhere Gebiet Durch eine Stiege, die uns so beschränkte, Daß uns die Enge voneinander schied. Und wie ein Störchlein, das die Flügel schwenkte, Aus Luft zum Flug, dann aber, sonder Mut, Vom Neste fortzuziehn, sie wieder senkte, So ich, bald lodernd, bald verlöscht die Glut Der Fragelust, das Antlitz also zeigend, Wie der, der sich zum Sprechen anschickt, tut. Da sprach mein Herr, obwohl voll Eifer steigend: "Laß nicht der Rede Pfeil unabgeschnellt, Die Sehne nur bis hin zum Drücker beugend." Worauf ich, sicher durch dies Wort gestellt, Den Mund erschloß: "Wie wird man hier so mager, Hier, wo kein Leib ist, welchen Speis erhält?" Drauf er: "Gedächtest du an Meleager, Der eben, wie verzehrt ein Holzbrand ward, Sich abgezehrt, du wärst kein solcher Frager. Und dächtest du, wie gleich an Mien und Art Sich euer Antlitz regt in Spiegelbildern, Dann schiene lind und weich dir, was jetzt hart. Allein um alles dir nach Wunsch zu schildern, Sieh hier den Statius, welcher dir verspricht, Weil ich ihn bitte, deinen Durst zu mildern." "Entwickl ich ihm das göttliche Gericht," Sprach Statius drauf, "hier, wo du gegenwärtig, So seis verziehn--du willst, drum weigr ich nicht." Und dann: "Jetzt sei dein Geist bereit und fertig Für meine Rede, Sohn--dann sei des Wie? Das du erfragst, in vollem Licht gewärtig. Das reinste Blut, das von den Adern nie Getrunken wird, vergleichbar einer Speise, Die über den Bedarf Natur verlieh, Empfängt im Herzen wunderbarerweise Die Bildungskraft für menschliche Gestalt, Geht dann mit dieser durch der Adern Kreise, Noch mehr verkocht, zu einem Aufenthalt, Den man nicht nennt, von wos zu anderm Blute In ein natürlich Becken überwallt. Daß beides zum Gebild zusammenflute, Ist leidend dies, und tätig das, vom Ort, In dem die hohe Bildungskraft beruhte. Drin angelangt, beginnts sein Wirken dort; Geronnen erst, erzeugt es junges Leben Und schreitet in des Stoffs Verdichtung fort. Die Seel entsteht aus tätger Kräfte Streben, Wie die der Pflanze, die schon stillesteht, Wenn jene kaum beginnt, sich zu erheben. Bewegung zeigt sich dann, Gefühl entsteht, Wie in dem Schwamm des Meers, und zu entfalten Beginnt die tätge Kraft, was sie gesät. Nun beugt, nun dehnt die Frucht sich aus, beim Walten Der Kraft des Zeugenden, die, nie verwirrt Von fremdem Trieb, nur ist, um zu gestalten. Doch, Sohn, wie nun das Tier zum Menschen wird, Noch siehst dus nicht, und dies ist eine Lehre, Worin ein Weiserer als du geirrt. Er war der Meinung, von der Seele wäre Gesondert die Vernunft, weil kein Organ Die Äußerung der letztern uns erkläre. Jetzt sei dein Herz der Wahrheit aufgetan, Damit dein Geist, was folgen wird, bemerke! Wenn Bildung das Gehirn der Frucht empfahn, Kehrt, froh ob der Natur kunstvollem Werke, Zu ihr der Schöpfer sich und haucht den Geist, Den neuen Geist ihr ein, von solcher Stärke, Daß er, was tätig dort ist, an sich reißt, Und mit ihm sich vereint zu einer Seele, Die lebt und fühlt und in sich wogt und kreist. Und, daß dirs nicht an hellerm Lichte fehle, So denke nur, wie sich zum edlen Wein Die Sonnenglut dem Rebensaft vermalte. Gebricht es dann der Lachesis an Lein, Dann trägt sie mit sich aus des Leibes Hülle Des Menschlichen und Göttlichen Verein; Die andern Kräfte sämtlich stumm und stille, Doch schärfer als vorher in Macht und Tat, Erinnerung, Verstandeskraft und Wille. Und ohne Säumen fällt sie am Gestad, An dem, an jenem, wunderbarlich nieder, Und hier erkennt sie erst den weitern Pfad. Kaum ist sie nun auf sicherm Orte wieder, Da strahlt die Bildungskraft rings um sie her, So hell wie einst beim Leben ihrer Glieder. Und wie die Luft, vom Regen feucht und Schwer. Sich glänzend schmückt mit buntem Farbenbogen Im Widerglanz vom Sonnenfeuermeer; So jetzt die Lüfte, so die Seel umwogen, Worein die Bildungskraft ein Bildnis prägt, Sobald die Seel an jenen Strand gezogen. Und gleich der Flamme, die sich nachbewegt, Wo irgendhin des Feuers Pfade gehen, So folgt die Form, wohin der Geist sie trägt. Sieh daher die Erscheinung dann entstehen, Die Schatten heißt; so bildet sich in ihr Jedwed Gefühl, das Hören und das Sehen. Und daher sprechen, daher lachen wir, Und daher weinen wir die bittern Zähren Und seufzen laut auf unserm Berge hier. Der Schatten bildet sich, je wie Begehren Und Leidenschaft uns reizt und Lust und Gram. Dies mag dir, was du angestaunt, erklären." Und schon als ich zur letzten Marter kam, Indem wir, rechts gewandt, die Schlucht verließen, Ward ich auf das, was dort war, aufmerksam. Den Felsen sah ich Flammen vorwärts schießen, Der Vorsprung aber haucht empor zur Wand Windstöße, die zurück die Flammen stießen. Wir mußten einzeln gehn am freien Rand, Und ängstlich hört ich hier die Flamme schwirren, Indes sich dort ein tiefer Abgrund fand. Mein Führer sprach: "Hier laß dich nichts verwirren Und halte straff der schnellen Augen Zaum, Denn leicht ists hier, mit einem Tritt zu irren." Gott höchster Gnade! hört ichs aus dem Raum, Den jene große Glut erfüllte, singen Und hielt den Blick an meinem Wege kaum. Ich sah dort Geister, die durchs Feuer gingen, Und sah auf meinen bald, bald ihren Gang Und ließ den Blick von hier nach dorten springen. Ich weiß von keinem Mann--dies Wort erklang Mit lautem Ruf, als jenes Lied verklungen, Und neu begannen sies mit leisem Sang, Und riefen wieder, als sies ausgesungen: "Diana blieb im Hain und jagt ergrimmt Kalisto fort, die Venus Gift durchdrungen." Dann ward die Hymne wieder angestimmt, Dann riefen sie von keuschen Fraun und Gatten, Die lebten, wies zu Eh und Tugend stimmt. Und dies nur tun sie, ohne zu ermatten, Wies scheint, solang die Flamme sie umfließt, Bis solche Pfleg und Arzenei den Schatten Zuletzt die Wund auf ewig wieder schließt.
Sechsundzwanzigster Gesang
Indem wir, einer so dem andern nach, Am Rand hingingen, sprach mein treu Geleite: "Gib acht und nütze, was ich warnend sprach." Die Sonne schlug auf meine rechte Seite Und übergoß, ein blendend Strahlenmeer, Mit lichtem Weiß des Westens blaue Weite. In meinem Schatten schien die Glut noch mehr Hochrot zu glühn, drum sahn bei solchem Zeichen Der Schatten viel im Gehen nach mir her. Und dieses schien zum Anlaß zu gereichen, Daß über mich sich ein Gespräch erhob: " Der scheinet einem Scheinleib nicht zu gleichen." Soviel sie konnten, richteten sie drob Sich zu mir hin, doch immer wohl beachtend, Daß nie ihr Fuß der Flamme sich enthob. "Du, der du wohl, sie ehrerbietig achtend, Und nicht aus Trägheit nachgehst diesen zwein, Oh, sieh mich hier in Durst und Feuer schmachtend Und sprich, uns allen Labung zu verleihn; Denn wie wir jetzt nach deinem Wort verlangen, Kann durstger nach dem Quell kein Libyer sein. Wie machst dus doch, die Strahlen aufzufangen, Gleich einer Wand, als wärest du dem Tod Bis jetzt noch nicht, wie wir, ins Netz gegangen." So rief der ein in seiner Flammennot, Und eben wollt ich alles ihm verkünden, Als meinem Blick sich etwas Neues bot. Denn auf dem Weg, den Flammen rings entzünden, Entgegen jenen, kam ein zweiter Hauf, Drum späht ich hin, das Weitre zu ergründen. Und die und jene machten schnell sich auf Und küßten sich mit kurzer Lust und waren Zufrieden schon und flohn im vollen Lauf. So sieht man im Gewühl der braunen Scharen Sich Äms und Ämse mit den Rüsseln nahn, Vielleicht: Wies geht? Wes Weges? zu erfahren, Sobald der Gruß der Freundschaft abgetan, Hob, eh sie weiterzog, nach kurzer Weile Die Schar wetteifernd laut zu schreien an. "Sodom! Gomorra!" klangs von diesem Teile; Von dort: "Pasiphae kroch in die Kuh, Und also lockt an sich den Stier die Geile." Wie Kranichscharen teils nach kurzer Ruh Gen Libyen fliegen, scheu vor Frost und Eise, Teils scheu vor Hitze den Riphäen zu, So ziehn die hier-, die dortenhin im Kreise Und singen dann ihr Lied mit Reu und Gram Und schrein von ihrer Schuld nach alter Weise. Doch jener, der vorhin mir näher kam Und bat, blieb wieder mit den andern stehen, Dem Ansehn nach herhorchend, aufmerksam. Ich, der ich zweimal ihren Wunsch ersehen, Begann: "O ihr, die Hoffnung aufrechthält, Seis, wann es sei, zum Frieden einzugehen, Nicht reif noch unreif ließ ich auf der Welt Den Leib zurück und hob auf diesen Wegen Mit Fleisch und Bein und Blut mich eingestellt. Ich stieg empor, die Blindheit abzulegen, Und geh--ein Himmelsweib erfleht es mir-- Mit dem, was sterblich ist, dem Licht entgegen. Doch wie sich euch erfüllen mag, was ihr So heiß ersehnt: zum Himmel euch zu Schwingen, Dem lieberfüllten räumigen Revier; So sprecht, ich wills zu aller Kunde bringen: Wer seid dort ihr, um die die Flamme schwirrt, Und wer sind die, die euch entgegengingen?" So stutzt, erstaunt, verblüfft, der Bergeshirt, Dem beim Umherschaun selbst die Worte fehlen, Wenn, roh und wild, er sich zur Stadt verirrt, Wie sie--ihr Ansehn könnt es nicht verhehlen-- Allein sobald ihr trübes Staunen schwand, Das bald sich abklärt in erhabnen Seelen, "Heil dir, des Fuß den Weg in unser Land," Sprach er, den ich aus frührer Frage kannte, "Des Geist zur Besserung Erfahrung fand! Vernimm, daß jene Schar im Trieb entbrannte, Ob des man Cäsarn, so, daß ers gehört, Einst beim Triumphe Königin benannte, Drum schrien sie: Sodom!--was sie einst betört, Voll Reue tadelnd, wie du jetzt vernommen; So wird der Brand durch Scham noch aufgestört. Im Zwittertriebe waren wir entglommen, Doch weil wir menschliches Gesetz verlacht, Von tierischen Gelüsten eingenommen. Drum rufen wir, auf eigne Schmach bedacht, Des Weibes Namen aus, wenn wir uns trennen, Das sich im Viehgebild zum Vieh gemacht. Nun hortest du mich unsre Schuld bekennen, Doch unsre Namen kundzutun verbeut Die Zeit; auch wüßt ich alle nicht zu nennen. Wer ich bin, höre, wenn es dich erfreut. Guid Guinicell, zur Läutrung zugelassen, Weil ich vor meinem Tod die Schuld bereut."-- Wie hergestürzt, die Mutter zu umfassen, Die Söhne, da sein Schwert Lykurgus schwang, So wollt ich tun, doch mußt ich mehr mich fassen, Als meines Vaters Name mir erklang, Des Vaters manches, der vom süßen Minnen Besser als ich in holden Weisen sang. Ich ging und sah ihn an in tiefem Sinnen Und sagte nichts und hörte keinen Laut, Auch ließ die Glut nicht weiter mich nach innen. Doch als ich satt mich dann an ihm geschaut, Erbot ich mich, in allem ihm zu dienen, In solcher Art, der gern der andre traut. Und er: "Wie du so freundlich mir erschienen. Tilgt deine Spur in mir nicht Leibes Flut, Und ewig wirst du meinen Dank verdienen. Doch meinst dus wirklich denn mit mir so gut, So sprich, warum? Sprich, weshalb eben wieder So liebevoll auf mir dein Auge ruht?" Und ich darauf: "Ob deiner süßen Lieder, Die teuer sind den Herzen fort und fort, Sinkt nicht der neuern Sprache ganz danieder." "Ach, Bruder," sprach er, und bei diesem Wort Zeigt er mit seinem Finger hin auf einen, "Der Sprache bessrer Schmied war jener dort, Der in Romanz und Liebesliedern keinen Unüberwunden ließ; und Toren sind, Die ihn von Giraut übertroffen meinen. Nicht nach der Wahrheit--nach des Rufes Wind Gerichtet werden Meinung und Gesichter; So läßt Vernunft und Kunst sie taub und blind. So machtens mit Guitton viel alte Richter, Des Lob so viele schrien, weil andre schrien, Bis Wahrheit ihn besiegt und andre Dichter. Jetzt, wenn so weites Vorrecht dir verliehn, Daß dirs erlaubt ist, zu dem Kloster droben, Wo Christus selber Abt ist, hinzuziehn, So bet ein Paternoster doch dort oben Bei ihm für mich, soweits in dieser Welt Noch not für uns, die wir der Sünd enthoben." Drauf schwand er, jenem, der sich nah gestellt, Vielleicht Platz machend, in der Flammen Röte, Wie in der Flut ein Fisch, der niederschnellt. Und dem Gewiesnen naht ich mich und flehte Ihn inniglich um seinen Namen an, Dem schon Willkommen! meine Sehnsucht böte. Worauf er gleich mit frohem Mut begann: "Die edle Frage weißt du zu verschönen, Daß ich mich bergen weder will noch kann. Ich bin Arnald und geh in Schmerz und Stöhnen, Den Wahn erkennend der Vergangenheit, Und singe, hoffend, dann in Jubeltönen. Jetzt bitt ich dich, hast du die Herrlichkeit Auf dieses Berges Gipfel aufgefunden, Dann denke meines Leids zur rechten Zeit." Hier war er in der Läutrungsglut verschwunden.
Siebenundzwanzigster Gesang
Wie wenn der erste Strahl vom jungen Tage Im Lande glänzt, benetzt von Gottes Blut, Wenn Ebro hinfließt unter hoher Wage. Und Mittagshitz erwärmt des Ganges Flut, So stand die Sonn itzt, drob der Tag entflohe, Als uns ein Engel glänzt in heitrer Glut. Er sang am Felsrand, außerhalb der Lohe: "Beglückt, die reines Herzens sind!"--und mehr Als menschlich war sein Ton, der mächtge, frohe. Drauf: "Weiter nicht, ihr Heilgen, bis vorher Die Glut euch nagte! Tretet in die Flammen, Und seid nicht taub dem Sang von dortenher!" Dies Wort ertönte jetzt, da wir zusammen Uns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr, Als hört ich mich zum schwersten Tod verdammen. Ich sank auf die gefaltnen Hände vor, Ins Feuer schauend--wen ich brennen sehen, Des Bild stieg jetzt vor meinem Geist empor. Die Führer nahten sich, mir beizustehen, Und tröstend sprach zu mir Virgil: "Mein Sohn, Du kannst zur Qual hier, nicht zum Tode gehen. Gedenk, gedenke--konnt ich früher schon Dich sicher auf Geryons Rücken führen Wie jetzt, viel näher hier bei Gottes Thron? War auch die Glut noch loher anzuschüren, Und stündest du auch tausend Jahre drin, Doch dürfte sie dir nicht ein Haar berühren. Glaubst du, daß ich nicht treu der Wahrheit bin, So nahe dich und halt, um selbst zu schauen, Des Kleides Saum mit deinen Händen hin. Leg ab, mein Sohn, leg ab hier jedes Grauen, Dorthin sei sicher jetzt dein Fuß gewandt!" Doch säumt ich, wider besseres Vertrauen. Er, sehend, daß ich starr und stille stand, Sprach, fast unwillig: "Wie, Sohn, noch verdrossen? Von Beatricen trennt dich diese Wand!" Wie sterbend Ppyramus den Blick erschlossen, Das: Thisbe! klang, gekehrt zum teuren Bild, Als blutges Rot die Maulbeer übergossen; So kehrt ich, nicht mehr hart, nein, sanft und mild, Zum Führer mich, sobald der Nam erschollen, Der ewig frisch in meinem Herzen quillt. Drob schüttelt er das Haupt und sagte: "Sollen Wir diesseits bleiben?" lächelnd, denn ich tat Wie Knaben, die, besiegt vom Apfel, wollen. Drauf trat er vor mir in die Flamm und bat Den Statius, uns folgend, nachzukommen, Der uns vorher getrennt den langen Pfad. Ich folgt und hätt, um Kühlung zu bekommen, Mich in geschmolznes Glas gestürzt. So war Im höchsten Übermaß die Flamm entglommen. Doch bot mir Trost mein süßer Vater dar, Sprechend von ihr, und half mir weiter dringen, Und sprach: "Ich seh im Geist ihr Augenpaar!" Wir hörten jenseits eine Stimme singen, Und dieser folgten wir, ihr horchend, nach, Indem wir, wo man stieg, der Flamm entgingen. "Gesegnete des Vaters, kommt!" so sprach Die Stimm aus einem Licht, dort aufgegangen, Bei dessen Anschaun mir das Auge brach. "Die Sonne geht, der Abend kommt"--so klangen Die Töne fort--"nicht weilt, beeilt den Lauf, Bevor den Westen dunkles Grau umfangen." Grad durch den Felsen ging der Weg hinauf, Und, ostwärts steigend, hielt vor meinen Tritten Ich die schon matten Sonnenstrahlen auf. Und als wir wenig Stufen aufgeschritten, Bemerkten wir am Schatten, der verging, Sol, uns im Rücken, sei ins Meer geglitten. Eh gleiches Grau den Horizont umfing In allen seinen unermeßnen Teilen, Eh Nacht um alles ihren Schleier hing, Da mußt auf einer Stufe jeder weilen, Die uns zum Bett ward, denn die Zeit benahm Die Macht mehr, als die Lust, empor zu eilen. Gleichwie die Ziegenherde, satt und zahm, Im Schatten wiederkäut in stillem Brüten, Die, hungrig, jähen Sprungs zur Höhe kam, Wenn nun im Mittagsbrand die Luft entglühten, Indes der Hirt den Stab zur Stütze macht, Und dorten steht, gestützt, um sie zu hüten; Und wie ein Hirt im freien Feld bei Nacht, Damit kein wildes Tier der Herde schade, Und sie zerstreu, entlang der Hürde wacht; So jetzt wir drei auf engem Bergespfade, Der Zieg ich gleich, den Hirten jenes Paar, Umschlossen hier und dort vom Felsgestade. Ob wenig gleich zu sehn nach außen war, Doch sah ich durch dies wenige die Sterne Weit mehr, als sonst gewöhnlich, groß und klar. Indes ich staunt in unermeßne Ferne, Befiel mich Schlaf, der öfters uns befällt, Damit der Geist die Zukunft kennen lerne. Zur Stunde, glaub ich, da vom Sternenzelt Cytherens erster Strahl die Höhe schmückte. Wie immerdar, von Liebesglut erhellt, Sah ich im Traum, der mich mir selbst entrückte, Ein schönes junges Weib, das hold bewegt, Durch Wiesen ging und singend Blumen pflückte. "Lea bin ich, dies wisse, wer mich fragt, Ich liebe, Kränze windend, hier zu wallen, Und emsig wird die schöne Hand geregt. Ich will, geschmückt, im Spiegel mir gefallen. Die Schwester Rahel liebt es, stets zu ruhn, Und läßt dem Spiegel keinen Blick entfallen. Und freut sie sich der schönen Augen nun, So bin ich froh, mich mit den Händen schmückend, Denn schaun befriedigt sie, und mich das Tun." Des Tages Vorlicht, um so mehr entzückend, Je mehr des Pilgrims Nachtquartier dem Ort Der Heimat nah ist, scheuchte, höher ruckend, Die Finsternis von allen Seiten fort, Mit ihr den Traum; drum eilt ich, aufzusteigen, Und sah schon aufrecht beide Meister dort. "Die süße Frucht, die auf so vielen Zweigen Voll Eifer sucht der Sterblichen Begier, Bringt alle deine Wünsche heut zum Schweigen!" Mit dieser Rede sprach Virgil zu mir, Und nie empfand bei Erdenherrlichkeiten Ein Mensch noch solche Lust, als ich bei ihr. Hinauf! Mich triebs und triebs, hinauf zu schreiten! So fühlt ich nun mit jedem Schritt zum Flug Die Schwingen wachten und sich freier breiten. Und wie er mich empor die Stufen trug, Stand bald ich auf der höchsten dort mit beiden, Wo fest auf mich Virgil die Augen schlug. "Des zeitlichen und ewgen Feuers Leiden Sahst du, und bist, wo weiterhin nichts mehr Ich durch mich selbst vermag zu unterscheiden. Durch Geist und Kunst geleitet ich dich her; Zum Führer nimm fortan dein Gutbedünken; Dein Pfad ist fürderhin nicht steil und schwer. Sieh dort die Sonn auf deine Stirne blinken, Sieh, durch des Bodens Kraft und ohne Saat Entkeimt, dir Gras, Gesträuch und Blumen winken. Bis sich dir froh ihr schönes Auge naht Das mich zu dir einst rief mit bittern Zähren, Ruh oder wandle hier auf heiterm Pfad. Nicht harre fürder meiner Wink und Lehren, Frei, grad, gesund ist, was du wollen wirst, Und Fehler wär es, deiner Willkür wehren, Drum sei fortan dein Bischof und dein Fürst.
Achtundzwanzigster Gesang