Die Göttliche Komödie

Chapter 18

Chapter 183,223 wordsPublic domain

Schon hinter uns geblieben war der Engel, Der unsern Schritt zum sechsten Kreis gekehrt Und mir getilgt ein Zeichen meiner Mängel. Sie, deren Wunsch Gerechtigkeit begehrt, Sie riefen: "Heil dem Dürstenden!" und schwiegen, Und ohne weitres war ihr Sinn erklärt. Ich, leichter als auf andern Felsenstiegen, Ging aufwärts, den behenden Geistern nach, Und sonder Mühe ward der Kreis erstiegen. "An Lieb’, entzündet von der Tugend," sprach Mein Meister nun, "ist andre stets entglommen, Wenn sichtbar nur hervor die Flamme brach. Darum, seit Juvenal hinabgekommen Zum Höllenvorhof, und mit uns vereint, Von dem ich, wie du mich geliebt, vernommen, War ich in Liebe dir so wohlgemeint, Wie wir sie selten Niegesehnen weihen, So, daß nun kurz mir diese Stiege scheint. Doch sprich und wolle mir als Freund verzeihen, Löst mir zu große Sicherheit den Zaum, Und wolle Kunde mir als Freund verleihen: Wie fand der Geiz doch--ich begreif es kaum-- Bei solcher Weisheit, wie dein eifrig Streben Errungen hat, in deinem Busen Raum?" Hier sah ich Lächeln jenes Mund umschweben, Dann sprach er: "Jedes Wort aus deinem Mund, Zeugt’s nur von Liebe, muß mir Freude geben. Oft werden uns von außen Dinge kund, Die falsche Zweifel in der Seel’ erregen, Weil tief verborgen ist ihr wahrer Grund. Du scheinst--die Frage zeigt’s--den Wahn zu hegen, Daß mich der Geiz auf Erden einst geplagt, Vielleicht weil ich in diesem Kreis gelegen. Jetzt wisse, daß ich ihm zu sehr entsagt, Und dieses Unmaß hab’ ich hier in Schlingen So viele tausend Monden lang beklagt. Dort unten müßt’ ich, Steine wälzend, ringen, Hätt’ ich dein zürnend Warnen nicht gehört: Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen. Verfluchter Durst nach Gold, der uns betört!-- Die ernste Mahnung hört’ ich dich verkünden Und ward aus eitlen Träumen aufgestört. Daß nur zu offen meine Hände stünden, Dies ward mir nun in meinem Geiste klar, Mit Reu’ ob dieser und der andern Sünden. Wieviel’ erstehn einst mit verschnittnem Haar, Weil bis zum Tod sie nicht erkannt, daß Sühne Durch Reu’ auch diesem Fehler nötig war. Wisse, die Schuld, die auf des Lebens Bühne Sich einer andern g’rad’ entgegensetzt, Verliert zugleich mit ihr hier ihre Grüne. Drum sahst du mich bei jenen Scharen jetzt Der Reuigen, die einst der Geiz bezwungen; Drum hat das Gegenteil mich herversetzt." "Zur Zeit, da du der Waffen Graus gesungen. Die Jokasten Gram zu Gram gefügt," Sprach jener, dem das Hirtenlied gelungen, "War, wenn, was Klio aus dir singt, nicht trügt, Nicht durch den Glauben noch dein Herz gelichtet, Bei dessen Mangel keine Tugend g’nügt. Nun, welche Sonne hat die Nacht vernichtet, Welch irdisch Licht, daß du an deinem Kahn Die Segel dann, dem Fischer nach, gerichtet?" Und er: "Du zeigtest mir zuerst die Bahn Zu dem Parnaß und seinen süßen Quellen Und warst mein erstes Licht, um Gott zu nah’n. Dem, der bei Nacht geht, warst du gleichzustellen, Dem seine Leuchte selbst kein Licht verleiht, Um hinter ihm die Straße zu erhellen, Indem du sprachst: Erneuert wird die Zeit, Ich seh’ ein neu Geschlecht vom Himmel steigen Und Ordnung herrschen und Gerechtigkeit. Durch dich ward mir der Ruhm des Dichters eigen, Durch dich ward ich den Christen beigesellt; Wie? Soll sich dir in klarem Bilde zeigen. Vom wahren Glauben schwanger war die Welt Schon überall; es streuten diesen Samen Die Boten ew’gen Reichs ins weite Feld. Mit deinem oft berührten Worte kamen Die neuen Pred’ger sämtlich überein, Drum folgt’ ich denen, die ihr Wort vernahmen. Sie schienen mir so heilig und so rein-- Und als sie Domitian verfolgte, machten Mich weinen ihre Klag’ und ihre Pein. Und ihnen beizustehn war all mein Trachten, Da mir so redlich ihre Sitt’ erschien; All andre Sekten mußt’ ich drum verachten. Eh’ dichtend, ich an Thebens Flüsse zieh’n Die Griechen ließ, hatt’ ich die Tauf empfangen, Obwohl ich äußerlich als Heid’ erschien, Und ein versteckter Christ verblieb aus Bangen; Und ob der Lauheit hab’ ich mehr als vier Jahrhunderte den vierten Kreis umgangen. Sprich jetzo du, der du den Schleier mit Gehoben hast vom Heile, das ich preise, Denn Zeit genug beim Steigen haben wir: Wo Freund Terenz, wo Varro ist, der Weise, Cäcilius, Plautus?--sprich, ich bitte sehr, Ob sie verdammt sind und in welchem Kreise?" "Sie, ich und mancher sonst," erwidert’ er, "Wir sind beim Griechen, jenem blinden Alten, Den Musenmilch getränkt, wie keinen mehr, Im ersten Kreis der blinden Haft enthalten; Oft sprachen wir von jenem Berge schon, Wo unsre süßen Nährerinnen walten. Dort ist Euripides, Anakreon Mit vielen Griechen, die der Lorbeer krönte, Mit dem Simonides und Agathon. Auch sie, von welchen einst dein Lied ertönte, Antigone, Ismene, so gebeugt, Wie einst, da sie um den Verlobten stöhnte. Auch jene, die das Kind, das sie gesäugt, Rückkehrend von Langia, tot gefunden, Und Daphne, von Tiresias erzeugt." Die Dichter schwiegen beide jetzt und stunden, Vom Steigen frei und von der Felsenwand, Und sah’n umher, das Weitre zu erkunden. Die fünfte Dienerin des Tages stand Am Wagen schon, um seinen Lauf zu leiten, Der Deichsel Flammenspitz’ emporgewandt. "Wir kehren, denk’ ich, unsre rechten Seiten", Begann mein Herr, "zum freien Rande hin, Um, wie wir pflegen, um den Berg zu schreiten." So ward Gewohnheit unsre Führerin; Auch Statius winkte Beifall dem Genossen, Drum gingen wir mit sorgenfreiem Sinn, Sie mir voraus, ich einsam, unverdrossen, Ging hinterdrein, den Reden horchend, fort, Die meinem Geist der Dichtung Tief’ erschlossen. Doch machte bald der Dichter süßes Wort Ein Baum mit würzig duft’gen Äpfeln schweigen.’ Inmitten unsers Weges stand er dort; Und wie die Tann’ aufwärts, von Zweig zu Zweigen Sich enger abstuft, so von Sproß zu Sproß Er niederwärts, erschwerend das Ersteigen. Auf jener Seite, wo der Weg sich schloß, Fiel klares Naß vom hohen Felsensaume, Das auf die Blätter sprühend sich ergoß. Da nahte sich das Dichterpaar dem Baume, Aus dessen Zweigen eine Stimm’ erscholl: "Die Speise hier wird teuer eurem Gaume." "Der Hochzeit nur, um ganz und ehrenvoll Sie auszurichten, galt Marias Sinnen, Nicht ihrem Mund, der für euch sprechen soll. Nur Wasser tranken einst die Römerinnen; Nicht Königskost hat Daniel gewollt, Um reichen Schatz der Weisheit zu gewinnen. Die Urzeit war so schön wie lautres Gold, Als Eichen noch dem Hunger leckre Speisen Und Nektar jeder Bach dem Durst gezollt. Heuschrecken hat und Honig einst zu speisen Der Täufer in der Wüste nicht verschmäht, Und hoch und herrlich ist er drob zu preisen, Wie’s offenbart im Evangelium steht."

Dreiundzwanzigster Gesang

Indes ins Laubwerk meine Blicke drangen, So scharf und spähend, wie sie einer spannt, Der seine Zeit verliert mit Vogelfangen, Rief er, der mehr als Vatersorg’ empfand: "Sohn, komm. Die Zeit, die uns verlieh’n zum Reisen, Sei eingeteilt und nützlicher verwandt." Schnell wandt’ ich Blick und Schritt zu beiden Weisen, Die also sprachen, daß zum leichten Gang Die Mühe ward, den Felsen zu umkreisen. Sieh, da erklangen Klagen und Gesang: "Herr, meine Lippen," klang’s mit einem Stöhnen, Das mich zugleich mit Lust und Leid durchdrang. "Mein süßer Vater, welche Stimmen tönen?" Ich rief’s, und er drauf: "Schatten sind’s, die nun Für einst versäumte Pflicht den Herrn versöhnen." Wie unterweges eil’ge Wandrer tun, Die Leut’ einholen, welche sie nicht kennen, Und sich zwar umsehn, doch nicht stehn und ruh’n; So kam jetzt hinter uns in schnellerm Rennen Ein frommer Haufe, lief vorbei und schaut’ Uns staunend an, um schweigend fortzurennen. Die Augen tief und hohl und nachtumgraut, Erschienen sie, die Hagern, die Erblaßten, Die Knochen alle sichtbar durch die Haut. So mager, glaub’ ich, war nach langem Fasten, So ausgetrocknet nicht Erisichthon, Als nun sein eignes Fleisch die Zähn’ erfaßten. Sie gleichen jenen, dacht’ ich, da sie floh’n, Die einst Jerusalem verloren haben, Wo selbst die Mutter fraß den eignen Sohn. Tief war das Aug’ in seinem Rund vergraben, Das einem Ringe sonder Gemme glich, Und Nas’ und rings die Knochen scharf erhaben. Daß eines Apfels Duft so jämmerlich Zurichten könn’ und Duft von einer Quelle, Begier erzeugend, wer wohl dächt’ es sich? Schon staunt’ ich, wie der Hunger sie entstelle, Indem ich noch die Ursach’ nicht verstund, Von ihrem magern Leib und traur’gem Felle. Da sah ich, wie aus seines Hauptes Grund Ein Geist auf mich die Augen forschend richte, Der ausrief: Welche Gnade wird mir kund? Nie hätt’ ich ihn erkannt am Angesichte, Doch durch die Stimme ward mir offenbart, Wie Hunger Ansehn und Gestalt vernichte. Und dieser Funke machte völlig klar Mir die Erinnrung, daß ich sein gedachte, Und sah, daß dies Foreses Antlitz war. Und er begann nun flehend: "Ach, verachte Die dürre Haut nicht, noch mein blaß Gesicht, Ob auch die Schuld um alles Fleisch mich brachte. Gib wahrhaft mir von deinem Los Bericht, Und von den zwei’n, die bei dir sind--ich flehe!-- Verweigre mir erwünschte Kunde nicht." "Dein Angesicht, bei dem mit tiefem Wehe," Begann ich, "als ich’s tot sah, ich geklagt, Betrübt mich mehr, da ich’s so hager sehe. Drum sprich, bei Gott, was so dein Laub zernagt. Nicht wolle, daß ich, weil ich staun’, erzähle, Denn übel spricht, wen selbst die Neugier plagt."-- "Vom ew’gen Rat", so sprach Foreses Seele, "Sinkt eine Kraft, die Bach und Baum durchdringt, Durch die ich hier mich abgemagert quäle. Sie ist’s, die jeden, der hier weinend singt, Zur Heiligkeit vom wüsten Schwelgerleben Durch Hunger und durch Durst zurückebringt. Der Duft, den jene Früchte von sich geben, Der Quell auch, der sie netzt, entflammt der Brust Nach Speis und Trank ein nie gestilltes Streben. Sooft im Kreis wir dorthin zieh’n gemußt, Wird immer diese Pein in uns erneuert. Ich sage Pein und sollte sagen: Lust, Weil nach dem Baum uns jener Drang befeuert, Der Christum froh dahin zum Kreuz gebracht, Wo unsrer Schmach sein teures Blut gesteuert." Drauf ich: "Forese, seit du jene Nacht Vertauscht mit diesem bessern Leben, zählte Man nur fünf Jahr’, die kaum den Lauf vollbracht. Wenn dir die Kraft zu sünd’gen eher fehlte, Als du durchdrungen warst von gutem Leid, Das stets die Seele neu mit Gott vermählte, Wie stiegst du in so kurzer Frist so weit? Dort unten dich zu finden mußt’ ich meinen, Wo man verlorne Zeit ersetzt durch Zeit." Und er: "Zum süßen Wermutstrank der Peinen Hat mich befördert meiner Nella Fleiß In frommem Fleh’n und ihr unendlich Weinen. Denn ihr Gebet, ihr Stöhnen fromm und heiß, Hat mich der Küste, wo man harrt, entzogen Und mich befreit aus jedem andern Kreis. Ihr. die ich so geliebt, ist Gott gewogen, Weil sie, der nur der Tugend Reiz gefällt, Sich ganz vom Pfad der andern abgezogen. Der Sarden rohes Bergesland enthält Mehr Scham und Sitte noch in feinen Frauen Als das, wo ich sie ließ in jener Welt. O süßer Bruder, soll ich dir’s vertrauen? Ich glaube schon die Zukunft, der das Heut Nicht alt erscheinen wird, vor mir zu schauen, Wo man den frechen Frau’n, die ungescheut Den Busen mit den Brüsten offenbaren, Dies von der Kanzel in Florenz verbeut. Wann mußten Frau’n von Türken und Barbaren, Um mit bedeckter Brust einherzugehn, Von Staat und Kirche Rügen erst erfahren? Doch könnten nur die Unverschämten sehn, Was ihnen schon der Himmel vorbereitet, Sie wurden heulend, offnen Mundes, stehn. Sie jammern, wenn kein Wahn mich hier verleitet, Eh’ auf des Wange, der jetzt eingelullt Von Eipopeia wird, sich Flaum verbreitet. Jetzt sprich von dir und zahle mir die Schuld. Sieh alle, die dorthin die Augen lenken, Wo du die Sonne deckst, voll Ungeduld." Und ich versetzt’ ihm: "Willst du des gedenken, Was du mit mir einst warst, und ich mit dir, So wird noch jetzt dich die Erinnrung kränken. Vor kurzem hat von dort er, der vor mir Als Führer geht, mich mit sich fortgenommen, Als rund euch schien der Bruder dieser hier." --Die Sonne zeigt’ ich--"Mir zum Heil und Frommen Bin ich durch wahren Todes tiefe Nacht Mit ihm in diesem wahren Fleisch gekommen. Er hat im Kreislauf mich emporgebracht Zu diesem Berg, wo die sich g’rad’ erheben, Die einst das Erdenleben krumm gemacht. Er wird mir sein Geleit so lange geben, Bis ich gelangt zu Beatricen bin; Ohn’ ihn dann muß ich weiter aufwärts streben. Es ist Virgil"--hier zeigt’ ich nach ihm hin-- "Sieh auch den andern und erkenne diesen Als den, ob des der Berg gebebt vorhin, Da euer Reich ihn von sich weggewiesen."

Vierundzwanzigster Gesang

Nicht hemmt’ uns Gehn im Reden, Red’ im Gehn; Der Lauf ging beim Gespräch so rasch vonstatten, Wie eines Schiffs bei guten Windes Weh’n. Und die, wie’s schien, zweimal gestorbnen Schatten, Sie sogen Staunen durch die Augen ein, Da sie bemerkt mein irdisch Leben hatten. "Wohl eil’ger", sprach ich weiter, "würd’ er sein, Zum Platz zu zieh’n, der dort ihm angewiesen, War’ er nicht aufgehalten von uns zwei’n. Doch sprich, wo ist Piccarda? Wer von diesen, Von welchen jeder Blick jetzt auf mir ruht, Ward durch den Ruf im Leben einst gepriesen?" "Sie, meine Schwester, einst so schön als gut, Trägt dort, wo wir das ew’ge Licht erkennen, Die Krone des Triumphs mit heiterm Mut." Sprach’s, und darauf: "Hier darf man alle nennen, Denn, vom heilsamen Fasten abgezehrt, Würd’ einer sonst den andern nimmer kennen. Sieh dort"--er sprach’s, den Finger hingekehrt-- "Den Buonagiunta; sieh dort den Erblaßten, Vom Hunger mehr als jeden sonst, verheert, Des Arme dort die heil’ge Kirch’ umfaßten. Er war von Tours und büßt hier manchen Schmaus Von weinersäuften Aal mit schwerem Fasten." Noch wählt’ er manchen von der Schar heraus Und nannt’ ihn mir, was jeden sehr erfreute, Und keiner sah drum trüb und finster aus. Ich Sah den Bonifaz, der viel Leute Mit Pfründenfett geatzt; den Ubaldin, Der an den Zähnen selbst vor Hunger käute; Sah den Marchese, den, trotz allem Zieh’n Aus seinem Krug, der Durst nur ärger brannte, Und dem der Mund beständig trocken schien. Doch wie, wer viel sah, eins nur wählt. So wandte Ich mein Gesicht nun zu dem Buonagiunt, Der, wie es schien, mich dort am besten kannte. Er murmelt’ in sich, und von seinem Mund, An dem sich hier der Schlemmer Sünden rächen, Ward etwas wie das Wort Gentucca kund. Ich sprach: "Der du das Schweigen abzubrechen So lüstern scheinst, sprich so, daß man’s versteht, Und dich und mich befriedige dein Sprechen." Drauf er: "Ein Weib, das noch entschleiert geht, Gibt dir dereinst an meiner Stadt Behagen, So sehr man diese Stadt auch immer schmäht. Du wirst dorthin die Rede mit dir tragen, Und trog mein Murmeln dich, in kurzer Zeit Wird dir die Wirklichkeit er klarer sagen. Doch sprich, erblick’ ich den in meinem Leid, Der jene neuen Weisen fand, beginnend: Ihr Frau’n, die ihr der Liebe kundig seid." Drauf ich: "Dem Hauch der Liebe lausch’ ich sinnend; Was sie mir immer vorspricht, nehm’ ich wahr Und schreib’ es nach, nichts aus mir selbst ersinnend." "Die Schlinge, Bruder," sprach er, "seh’ ich klar, Die von dem neuen süßen Stil gehalten Mich diesseits hat, Guitton’ und den Notar. Ich seh’, ihr lasset nur die Liebe walten, Und eure Feder folgt, wie sie gebeut, Wir aber ließen sie nicht also schalten. Wer, Beifall suchend, keck sie überbeut, Gibt Schwulst, statt des, was euch Natur verliehen." Er schwieg und schien befriedigt und erfreut. Wie Vögel, die zum Nil im Winter ziehen, Sich oft versammeln in gedrängtem Hauf Und schneller dann in Streifen weiterfliehen; So machten alle dort sich wieder auf, Die, abgewandt, sich eilig fort begaben, Durch Magerkeit und Willen leicht zum Lauf. Und gleich wie einer, atemlos vom Traben, Die andern läßt, um ganz gemach zu gehn, Bis ausgeschnauft die heißen Laugen haben, So war es mit Forese jetzt gescheh’n; Er, hinter mir, ließ zieh’n die heil’ge Herde Und sprach: "Wann werd’ ich wohl dich wiedersehn?" "Nicht weiß ich es. Doch glaub’ ich, daß der Erde", Versetzt’ ich, "nicht so schnell mein Geist entfleugt, Als ich nach diesem Strand mich sehnen werde. Denn seh’ ich dort den Ort, der mich erzeugt, Tagtäglich mehr vom Guten sich entblößen Und jämmerlich bereits zum Sturz gebeugt!" Und er: "Jetzt geh, den Stifter alles Bösen Seh’ ich am Schweif des Pferds geschleppt zum Ort, Von welchem Reu’ und Tränen nie erlösen. Stets schneller geht der Lauf des Tieres fort, Und endlich läßt’s den Leib des Jammervollen Zerstampft, entstellt, ein widrig Scheusal, dort. Nicht lange werden diese Kreise rollen" --Zum Himmel blickt er auf--"und klar wird dir, Was dämmernd nur mein Wort dir zeigen sollen. Du bleibe jetzt; die Zeit ist teuer hier, Und daß ich gleichen Schritts mit dir gegangen, Dies kostet mich bereits zuviel von ihr." Wie einer, wenn die Reiter vorwärts drangen, Hervorsprengt aus der Reih’, in der er ritt, Den Ruhm des ersten Angriffs zu erlangen, So trennt’ er sich von uns mit größerm Schritt, Indes ich hinter ihm mit meinem Horte Und mit dem andern Meister weiterschritt. Schon war er vor uns an so fernem Orte, Daß ihm mein Blick dahin durch weiten Raum, Wie die Erinnrung folgte seinem Worte; Als wir voll Obstes einen andern Baum Mit üppigem Gezweig nicht fern entdeckten, Da wir uns bogen um des Kreises Saum. Und Leute, die hinauf die Hände streckten, Schrien auf zum Laub, das in die Lüfte steigt, Den Kindlein gleich, den gierigen, geneckten, Die bitten, während der Gebetne schweigt, Und, um zu schärfen die Begier, ihr Sehnen Hoch hinhält und es frei und offen zeigt. Dann gingen sie, geheilt vom eitlen Wähnen; Wir aber schritten zu dem Baum heran, Der alle Bitten abweist, alle Tränen. "Vorüber schreitet, denn ihr dürft nicht nah’n! Der Baum, der Even reizt’, ist weiter oben. Von ihm hat dieser seinen Keim empfah’n." So sprach, ich weiß nicht wer, vom Baume droben, Weshalb Virgil mit Statius, engverschränkt, Und mir hinging, wo sich die Felsen hoben. "An die verfluchten Wolkensöhne denkt," Sprach’s, "die dem Theseus mit den Doppelbrüsten Im Kampf getrotzt, von zuviel Wein getränkt. An die Hebräer denkt und ihr Gelüsten, Und denkt, weshalb verschmäht hat Gideon, Mit ihnen gegen Midian sich zu rüsten." So gingen wir, dem Felsen nah, davon, Und hörten aus des Laubs geheimer Regung Des Gaumens Schuld und ihren schlechten Lohn. Dann aber ging’s mit freierer Bewegung Auf breitem Pfad an laufend Schritte fort, Und jeder schwieg in sinniger Erwägung. "Was geht ihr drei so ernst erwägend dort?" Rief’s plötzlich nun, ich aber fuhr zusammen, Gleich einem scheuen Roß, bei diesem Wort. Mein Haupt kehrt’ ich dorthin, woher zu stammen Die Rede schien, und sah in rotem Schein Glas und Metall nie so im Ofen flammen, Wie einen hier, der sprach: "Hier geht ihr ein, Wollt ihr empor zur freien Höhe kommen, Und im Genuß des ew’gen Friedens sein." Mir hatte das Gesicht sein Glanz benommen, Drum wandt’ ich mich zu meinen Führern hin, Wie wer dem folgt, was er durchs Ohr vernommen. Und wie des Morgenrots Verkünderin, Die, Düfte raubend, in den Blüten wühlte, Die Mailuft, weht, die süße Schmeichlerin, So fühlt’ ich an der Stirn ein Weh’n, so fühlte Ich ein Gefieder, sanft bewegt, das mir Das Antlitz mit Ambrosiadüften kühlte. Und dann erklang dies Wort: "O selig ihr, Die ihr die Gnad’ empfingt, daß unverdüstert Des Geistes Licht euch bleibt von der Begier, Indem euch nur, wie’s ziemt, nach Speise lüstert."

Fünfundzwanzigster Gesang