Chapter 17
Zur Stunde, da, vom Erdqualm überwunden, Oft vom Saturn, den Nachtfrost zu durchlaun, Der Tagesglut die Kraft dahingeschwunden, Wenn in dem Osten vor des Frühlichts Grauen Ihr größtes Glück die Geomanten sehen, Wos kurze Zeit sich hält in nächtgem Braun, Sah ich ein Weib im Traume vor mir stehen, Kalkweiß, verstümmelt, stotternd, krummgebückt, Und schielend sah ich sie die Augen drehen. Ich schaut auf sie--wie der, den Nachtfrost drückt, Gestärkt wird und belebt vom Blick der Sonnen, So wurde sie von meinem Blick durchzückt. Schnell sprang das Band, das ihre Zung umsponnen; Sie richtete sich auf; ein roter Schein Färbt ihr Gesicht, wie Hauch der Liebeswonnen. Kaum fühlte sie die Zunge sich befrein, Als sie ein Lied begann, so holden Sanges, Daß ich auf nichts horcht, als auf sie allein. "Ich, der Sirenen Süßeste," so klang es, "Ich bins, durch die vom Weg der Schiffer schweift; Denn wer mich hört, ist voll des Wonnedranges. Mir folgt Ulyß, der lang umhergestreift, Und wie Entzücken ihn und Wollust kirren, Verläßt mich keiner, der mich ganz begreift." Noch hört ich in der Luft die Töne schwirren, Sieh, da erschien ein heilges Weib, mir nah, Die Sängerin beschämend zu verwirren. "Virgil! Virgil! sprich, wer ist diese da?" Sie riefs mit Zorn, als sie dies Weib entdeckte Indes er fest nur ihr ins Auge fah. Sie aber riß das Kleid, das jene deckte, Ihr vorn entzwei, daß mir der Bauch erschien, Aus dem Gestank quoll, welcher mich erweckte. Ich schlug die Augen auf und sah auf ihn. "Schon dreimal rief ich dich," begann der Weise. "Auf, laß uns jetzt zur Felsenöffnung ziehn." Ich richtete mich auf, und alle Kreise Des heilgen Bergs erfüllte Morgenpracht Und leuchtet hinter uns zu unsrer Reise. Ich folgt ihm nach und neigte, längst erwacht, Die Stirn, wie einer, der in schweren Sinnen Sich selbst zum halben Brückenbogen macht. "Kommt, hier steigt auf!" So hört ichs nun beginnen, Mit Tönen, wie sie nie im irdschen Land, So huldvoll und so süß, das Herz gewinnen. Die Flügel, wie des Schwanes, ausgespannt, Winkt uns der Engel vor, und beide gingen Wir durch des Felsens enge Doppelwand. Er weht uns an mit den bewegten Schwingen Und sprach: "Heil dem, der stark das Leid erträgt, Denn reichen Trost wird seine Seel erringen." "Was hast du, das dich immer noch erregt? Was sinkt verworren noch dein Blick zur Erden?" So sprach Virgil, als wir uns fortbewegt. "Ein neu Gesicht--noch seh ich die Gebärden"-- Versetzt ich, "macht mich so in Zweifeln gehn! Noch kann ich dieses Bilds nicht ledig werden."-- "Die alte Hexe--hast du sie gesehn, Ob der man dorten klagt, wohin wir reisen," Sprach er, "und wie mans macht, ihr zu entgehn? Doch weiter jetzt. Schau auf! In mächtgen Kreisen Wird dort im klaren himmlischen Gebiet Lockbilder dir der ewge König weisen!" Wie erst der Falk auf seine Füße sieht, Doch dann nicht säumt, sich nach dem Ruf zu wenden, Sich streckt und fliegt, wohin die Beut ihn zieht. So ich--so klomm ich zwischen Felsenwänden, Soweit der Weg sich hebt im engen Schlund, Bis wo die Stiegen auf dem Vorsprung enden. Und als ich frei im fünften Kreise stund, Da lagen Leute, die sich weinend plagten, Das Auge ganz hinabgewandt, am Grund. "Ach, meine Seele klebt am Staube!" klagten Sie all, und ihrer Seufzer laut Getön, Es ließ mich kaum vernehmen, was sie sagten. "Ihr Gotterwählte, deren Angstgestöhn Gerechtigkeit und Hoffnung mild versüßen, O sprecht, wo ist die Stiege zu den Höhn?" "Kommt ihr, gewiß, nicht liegend hier zu büßen, So nehmt nur links den Felsen euren Lauf, Dann liegt der Eingang bald vor euren Füßen." So bat Virgil, und so versetzt es drauf Nicht weit von uns, und, schnell erratend, klärte Ich, was drin sonst verborgen war, mir auf. Als ich den Blick nach dem des Führers kehrte, . Stimmt er mit frohem Winke gern mir bei, Ich möge tun, was mein Gesicht begehrte. Kaum stand mir nun nach Wunsch zu handeln frei, So sucht ich ihn, des Wort den Sinn verborgen: Er wisse nicht, daß ich noch lebend sei. Und sprach: "O Geist, für den des Heiles Morgen Durch Tränen früher tagt, o laß für mich Ein wenig ab von deinen größern Sorgen. Wer warst du? Und was kehrt dein Rücken sich Empor? Und dort, woher ich, noch im Leben, Gekommen bin, dort bitt ich dann für dich." "Wie wir hier liegen für verkehrtes Streben, Bald hörst dus," sprach er, "doch vernimm zuvor: Mir waren Petri Schlüssel übergeben. Bei Siestri rollt aus einem Tal hervor Ein schöner Fluß, den das Geschlecht der Meinen Zu seinem ersten Titel sich erkor. Ich fühlt als Papst fünf Wochen lang, daß einen, Der rein die Stola hält, sie so beschwert, Daß leicht, wie Flaum, all andre Bürden scheinen. Und leider, ward ich nur zu spät bekehrt; Doch als ich zu dem Heilgen Stuhl gelangte, Da ward ich von des Lebens Trug belehrt. Ich sah, daß dort das Herz nie Ruh erlangte, Daß jenes Leben mir nichts Höhres bot, Daher ich heiß nach diesem nur verlangte. Bis dahin war ich arm, getrennt von Gott, Und völlig machte mich der Geiz zum Sklaven, Dafür sie mich bestraft mit dieser Not. Die Läutrungsqualen, die mich hier betrafen, Tun dir des Geizes Art und Wesen kund, Und auf dem Berg gibts keine härtern Strafen. Wie einst das Auge nicht nach oben stund, Und nur gefesselt war von irdschen Dingen, So drückts Gerechtigkeit hier an den Grund. Und wie den Trieb, das Gute zu vollbringen, Der Geiz erstickt und nimmer handeln läßt, So hält Gerechtigkeit in festen Schlingen Hier Hand und Fuß gebunden und gepreßt; So liegen wir, bis uns der Herr die Glieder Einst wieder löst, hier unbeweglich fest." Antworten wollt ich ihm und kniete nieder, Doch, da ich sprach und er durchs Ohr erkannt, Daß Ehrfurcht mich gebeugt, begann er wieder: "Was kniest du hier?" Und ich drauf: "Ich empfand Ob deiner Würde Vorwürf im Gewissen, Daß ich vor dir noch grad und aufrecht stand." "Bruder, steh auf!"--so er--"du mußt ja wissen, Dein Mitknecht bin ich nur von einer Macht, Der du und ich und all uns beugen müssen. Und hattest du des heilgen Spruches acht: Sie freien nicht, so wirst du dir erklären, Was ich bei meiner Rede mir gedacht. Jetzt geh. Dein Weilen hemmt den Lauf der Zähren, Die früher mir--denk an dein eignes Wort-- Das Morgenlicht des ewgen Heils gewähren. Alagia, eine Nichte, hab ich dort, Gut von Natur, reißt nicht zu schlechten Trieben Sie der Verwandten übles Beispiel fort, Und sie allein ist jenseits mir geblieben."
Zwanzigster Gesang
Schwer kämpft der Wille gegen bessern Willen, Drum zog ich ungern jetzt vom Quell den Mund, Weil er es wünscht, ohn erst den Durst zu stillen. Wir gingen einen Weg, wo frei der Grund Zum Gehen war, entlang dem Felsgestade, Gleich engem Steg am Mauerzinnenrund. Denn jene Schar, die sich im Tränenbade Vom Übel, das die Welt erfüllt, befreit, Versperrt uns mehr nach außen hin die Pfade. Du alte Wölfin, sei vermaledeit! Kein Tier erjagt sich Beute gleich der deinen, Doch bleibt dein Bauch noch endlos hohl und weit. O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir meinen, Der Erde Sein und Zustand wandeln soll, Wann wird der Held, der sie vertreibt, erscheinen? Wir gingen langsam fort und mühevoll Ich, horchend, als aus jener Schatten Mitte Ein jammervoller Klageton erscholl. "Maria, Süße!" klangs vor meinem Schritte, Und wie ein kreißend Weib zu jammern pflegt, So kläglich schien der Ruf der frommen Bitte. "Du warst so arm!" so sagt es dann bewegt, "Der Armut sehn wir jene Kripp entsprechen, In welche du die heilge Frucht gelegt." "Fabricius, Wackrer!" hört ichs weiter sprechen, "Tugend mit Armut schien dir mehr Gewinn Als der Besitz des Reichtums mit Verbrechen." Gar wohl gefiel mir dieser Rede Sinn, Und um zu sehn, wer von den Felsenbänken Sie ausgesprochen, wandt ich mich dahin. Und weiter sprach er noch von den Geschenken, Die Nikolaus gemacht den Mägdelein, Um sie zum Weg der Ehre hinzulenken. "O Geist, der du so wohl sprichst," fiel ich ein, "Sprich jetzt, wer warst du und aus welchem Grunde Erneust du hier so würdges Lob allein? Nicht unbelohnt soll bleiben solche Kunde, Kehr ich zurück zum Rest der kurzen Bahn Des Lebens, das da eilt zur letzten Stunde." Und er: "Nicht will von dort ich Hilf empfahn, Doch red ich, denn mir strahlt im hellen Lichte Die Huld, die Gott dir vor dem Tod getan. Des Baumes Wurzel bin ich, der in dichte Umschattung hüllt die ganze Christenheit, Von dem man selten nur pflückt gute Früchte. Doch wäre schon die Rache nicht mehr weit, Wenn Macht Gent, Brügge, Lille und Douai hätten, Auch bitt ich drum des Herrn Gerechtigkeit. Hugo bin ich, der Stammherr der Capetten, Philipp und Ludwige, die auf den Thron Des schönen Frankreichs jetzt sich üppig betten. Als ich lebt in Paris, ein Metzgersohn, Erstarb der Königsstamm in allen Zweigen, Und nur noch einer lebt in Schmach und Hohn; Da macht ich mir des Reiches Zaum zu eigen, Und so vermehrt ich meine Macht alsdann, So sah ich sie durch Land und Freunde steigen, Daß den verwaisten Thron mein Sohn gewann, Von welchem nach dem Walten ewger Mächte Die Reihe der Gesalbten dort begann. Bis der Provence Mitgift dem Geschlechte Der Meinen nicht die heilge Scham entriß, Galts wenig zwar, allein vermied das Schlechte. Seitdem verübt es Tat der Finsternis, Log, raubt und stahl, woraufs, aus Reu und Buße, Die Normandie und Ponthieu an sich riß. Karl kam nach Welschland, und, aus Reu und Buße, Köpft er den Konradin und sandte drauf Den Thomas heim zu Gott, aus Reu und Buße. Bald bricht ein andrer Karl im vollen Lauf, Denn besser sollt ihr seine Sitt erkennen Und seines Stammes Art, aus Frankreich auf. Zur Rüstung wird er nicht sich Zeit vergönnen, Und nur mit Judas Lanze, so, daß dir, Florenz, der Wanst platzt, in die Schranken rennen. Nicht Land, nur Sünd und Schmach gewinnt er hier. Und trägt er sie gar leicht und unbefangen, So wird er einst noch mehr gedrückt von ihr. Ein andrer Karl, im Seegefecht gefangen, Verschachert, wie die Sklavin der Korsar, Die Tochter, um das Kaufgeld zu empfangen. Ach, was vermagst nicht du, o Geiz! Sogar Sein eignes Fleisch beut, schmählich überwunden Von deiner Macht, mein Blut zum Kaufe dar. Doch ist der Frevel schon in nichts verschwunden; Ich seh Alagna, wo die Lilie weht! Seh im Statthalter Christum selbst gebunden. Seh ihn drauf verspottet und geschmäht! Seh ihn aufs neue Gall und Essig schmecken! Seh ihn, der unter Räubern dann vergeht! Den grimmigen Pilatus seh ich schrecken Und, noch nicht satt, ihn, ohne Kirchenschluß, Die gierge Hand nach Kirchengütern strecken. Gott, was säumt dein Rächerarm? Was muß So lang an mir gerechter Unmut nagen? Die Frevler strafend, stille den Verdruß!-- Du hörtest mich vorhin von jener sagen, Die einzig ist des Heilgen Geistes Braut, Und dies beweg dich, nach dem Grund zu fragen. Von ihr erklingt das Flehen leis und laut Beim Tageslicht, doch von den Gegensätzen Tönt unsre Klage, wenn die Nacht ergraut. Dann denken wir Pygmalions mit Entsetzen, Der ein Verwandtenmörder ward, ein Dieb Und ein Verräter aus Begier nach Schätzen; Des Midas, der so lang im Elend blieb, Das jedem, der ihn sah, weils ihn nicht freute, Als er die Gier gestillt, zum Lachen trieb; Des tollen Achan auch, des Diebs der Beute, Der, wie es scheint, noch hier nicht tragen kann Des Josua Zorn, der ihm im Leben dräute. Sapphiren tadeln wir und ihren Mann Und loben den, der hinwarf Heliodoren; Den ganzen Berg umkreist mit Schande dann Polynestor, der totschlug Polydoren. Zuletzt erklingt es: Crassus, sprich, wie schmeckt Das Gold, das du zur Lieblingsspeis erkoren? Der redet laut, der leis und unentdeckt, Je wie der Drang des Leids, das wir erproben, Uns minder oder mehr erregt und weckt. Ich sprach vom Heil, das wir am Tage loben, Hier nicht allein, nur daß zu lautem Klang, Die mir hier nah sind, nicht die Stimm erhoben." Wir richteten nun vorwärts unsern Gang, Nachdem wir diesen Schatten kaum verlassen, So schleunig, als es nur der Kraft gelang. Da aber zitterten des Berges Massen, Als stürz er hin, und Furcht erfaßte mich, Wie sie den, der zum Tod geht, pflegt zu fassen. Nicht schüttelte so heftig Delos sich, Eh, beide Himmelsaugen zu gebären, Dorthin zum sichern Nest Laton entwich. Rings braust ein Ruf, um meine Furcht zu mehren, Doch näher trat zu mir mein Meister da: "Ich führe dichl--was magst du Sorgen nähren?" Und könnt ich aus den Stimmen, die mir nah Erklangen, recht das ganze Lied verstehen, Klangs: Deo in excelsis gloria! Wir blieben staunend, gleich den Hirten, stehen, Die diesen Sang zum erstenmal gehört, Und ließen Erdenstoß und Lied vergehen. Doch dann, zum heilgen Weg zurückgekehrt, Sahn wir die Schatten, die am Boden lagen, Schon wieder vom gewohnten Leid beschwert. Noch nie bekämpften sich mit solchen Plagen In mir Unwissenheit und Wißbegier, Mag ich auch forschend die Erinnrung fragen: Wonach ich grübelnd je gespäht?--wie hier. Nicht fragen dürft ich, denn er ging von hinnen, Und nichts erklären könnt ich selber mir; So ging ich schüchtern fort in tiefem Sinnen.
Einundzwanzigster Gesang
Der Durst, den die Natur gegeben hat, Den nur das Wasser stillt, um dessen Gnade Die Samariterin den Heiland bat, Verzehrte mich, und auf verengtem Pfade Trieb Eile mich, dem Führer nachzuziehn, Voll Gram, daß Schuld uns so mit Leid belade. Und sieh, wie Kunde Lukas uns verliehn, Daß Christus zween, die unterweges waren, Erstanden aus dem Grabgewölb, erschien; So uns ein Schatten--hinter uns, die Scharen, Dort ausgestreckt, betrachtend, ging er fort Und ließ sich sprechend erst von uns gewahren. "Gott geb euch Frieden, Brüder!" war sein Wort, Das plötzlich hin zu ihm uns beide kehrte; Und ziemend dankt ihm mein getreuer Hort Und sprach: "Zu denen, so der Herr verklärte, Versetz er dich, zu jenem selgen Chor, Des Frieden er auf ewig mir verwehrte." Und jener sprach: "Wenn Gott euch nicht erkor," (Doch säumte nicht, indessen fortzugehen,) "Wer leitet euch die heilge Stieg empor?" Virgil darauf: "Sieh hier die Zeichen stehen, Die diesem eingeprägt vom Engel sind, Und daß er auserwählt ist, wirst du sehen. Allein weil sie, die unablässig spinnt,-- Ihm noch nicht ganz den Rocken abgesponnen, Den Klotho anlegt, wenn ein Sein beginnt, Hätt er, allein, die Höhe nie gewonnen, Weil seine Seele, Schwester dir und mir, Noch nicht nach unsrer Art zu sehn begonnen. Drum bin ich aus dem Höllenschlunde hier, Und meine Schule wies und weist ihm alles, Was sie gewähren kann der Wißbegier. Doch sprich, was schwankte so gewaltgen Pralles Vorhin der Berg? Was tönte bis zum Strand Der allgemeine Ruf so lauten Schalles?" Mein teurer Meister, also fragend, fand So meiner Sehnsucht Ohr, daß mein Begehren, Mein Durst durch Hoffnung Lindrung schon empfand. Und jener sprach: "Den Berg, den heilgen, hehren, Nichts trifft ihn sonder Ordnung, was es sei, Und ewge Regel herrscht in diesen Sphären. Stets ist er hier von jeder Störung frei; Wenn einen Geist von ihm Gott aufgenommen, Verkündens Erdenstoß und Jubelschrei. Wer jene kleine Stieg emporgeklommen Von dreien Stufen, sieht nicht Reif noch Tau, Nicht Hagel mehr, noch Schnee, noch Regen kommen. Kein Wölkchen trübt hier je des Himmels Blau, Nie blinkt des Blitzes Schnell verschwundne Helle Nie baut sich Iris Brück auf dunkelm Grau. Kein trockner Dunst steigt über jene Stelle, Von der ich sprach, auf der die Füße stehn Des Pförtners von der diamantnen Schwelle. Von Stürmen, die im Erdenschoß entstehn, Mags sein, daß unten oft der Berg erdröhne, Hier--wie, begreif ich nicht--ists nie geschehn. Hier bebt er, wenn in neuer Rein und Schöne Die Seele fühlt, sie woll erhoben sein. Ihr Steigen fördern dann die Jubeltöne. Der Reinheit Prob ist dieser Will allein; Frei, treibt er sie, zum Zuge sich zu rüsten, Und er verleiht ihr sicheres Gedeihn. Erst will sie zwar, doch fühlt auch, mit Gelüsten Nach längrer Qual, daß nach Gerechtigkeit, Die, so einst sündigten, erst leiden müßten. Ich lag fünfhundert Jahr in diesem Leid Und länger noch und fühlte mir soeben . Zum Aufwärtsziehn den Willen erst befreit. Drum fühltest du den ganzen Berg erbeben, Drum pries den Herrn die ganze fromme Schar, In Hoffnung, bald sich selber zu erheben." Sprachs, und je heißer die Begierde war, Je mehr fühlt ich vom Tranke mich erquicken Und fühlte mich gestärkt und frei und klar. Virgil drauf: "Welche Netz euch hier umstricken, Wie ihr entschlüpft, was durch den Berg gezückt, Was Jubeltön empor die Seelen schicken, Das hat dein Wort mir deutlich ausgedrückt. Jetzt sage mir: Wer bist du einst gewesen? Und was hat hier so lang dich schwer gedrückt?" Drauf jener: "Damals, als das höchste Wesen, Das Blut zu rächen, das für schnödes Geld Judas verkauft, den Titus auserlesen, Da lebt ich mit dem Namen, der bei Welt Und Nachwelt gilt, geschmückt mit höchstem Preise, Doch war noch nicht vom Glaubenslicht erhellt. So süß war des klangreichen Geistes Weise, Daß Rom mich Tolosanen rief und hoch Mich ehrte mit verdientem Myrtenreise. Mich, Statius, nennt man jenseits heute noch. Von Theben hob ich, vom Achill gesungen, Bis unterwegs ich sank dem zweiten Joch. Auch meine Glut ist an der Flamm entsprungen, Der göttlichen, die Funken ausgesprüht Und Tausende mit ihrem Licht durchdrungen. Sie, die Äneis, ists, die mich durchglüht, Sie nur war Mutter, Amme mir im Dichten, Und ohne sie war ich umsonst bemüht. O hätt ich mit Virgil gelebt! Mit nichten Schien mirs zu schwer, ein Jahr lang, noch im Bann, Dafür auf die Befreiung zu verzichten." Bei diesen Worten sah Virgil mich an Mit einem Blick, der schweigend sagte: Schweige! Doch weil die Kraft, die will, nicht alles kann, Nicht hindern kann, daß sich die Seele zeige, Und, wie durch sie die jähe Regung blitzt, Trän oder Lächeln uns ins Antlitz steige, So blinkt ich lächelnd mit den Augen itzt, Drum sah mir jener, dem dies nicht entgangen, Ins Auge, wo das Bild der Seele sitzt. "So wie du mögst zum großen Ziel gelangen," Begann er drauf, mir zugewandt, "So sprich: Was schwebt ein Lächeln jetzt um deine Wangen?" Nun zeigen hier und dorten Schlingen sich. Der heißt mich schweigen, jener, offenbaren. Ich seufze nur, doch man ergründet mich. "Du magst dir jetzt das längre Schweigen sparen," Begann Virgil, "sprich nur, denn er beweist .Zu große Sehnsucht, alles zu erfahren." "Vielleicht wohl wunderts dich, du alter Geist," Also begann ich jetzo, "daß ich lachte, Doch will ich, daß du mehr verwundert seist. Er, der mich aufwärts führt, wohin ich trachte, Es ist Virgil, der Quell, der deinen Sang Von Helden und von Göttern strömen machte. Glaubst du, das andrer Grund des Lachens Drang In mir erregt, magst du den Glauben lassen; Es war dein Wort, das mich zum Lachen zwang." Da neigt er sich, die Knie ihm zu umfassen, Zu meinem Hort, der sprach: "Laß, Bruder, laß! Wir sind ja Schatten beid und nicht zu fassen." Und er stand auf und sprach: "Du wirst das Maß Der Liebe, die mich an dich zieht begreifen, Da ich der Körper Mangel ganz vergaß Und Schatten sucht als Festes zu ergreifen."
Zweiundzwanzigster Gesang