Chapter 15
Wir waren auf dem Gipfel jener Stiegen, Wo sich des Berges zweiter Abschnitt zeigt, Des Bergs, der läutert, die hinaufgestiegen. Hier, wo man auf den zweiten Vorsprung steigt, Der, gleich dem ersten, rings die Höh umwindet, Nur daß ein Bogen noch sich schneller beugt, Hier ist kein Bild, und jedes Zeichen schwindet, Daher man glatt den Weg und das Gestad Von des Gesteins schwarzgelber Farbe findet. "Dafern wir harrten, bis der Führer naht," So sprach Virgil darauf, "hier säumig stehend, So wählten wir zu spät wohl unsern Pfad." Dann macht er, festen Blicks zur Sonne sehend, Für die Bewegung seinen rechten Fuß Zum Mittelpunkt, sich mit dem linken drehend. "O süßes Licht, du flößest den Entschluß Zum neuen Weg mir ein, du führ uns weiter," Begann er, "wie ein treuer Führer muß. Du wärmst die Welt, du machst sie hell und heiter; Nie wandle man, wenn sich dein Glanz verhehlt, Drängt nicht die Not, und er sei unser Leiter." Soviel man hier auf eine Miglie zählt, So weit schon gingen wir auf jenen Pfaden In wenig Zeit, vom regen Trieb beseelt. Ein Geisterzug flog längs den Felsgestaden, Gehört, doch nicht gesehn, herbei und schien Zum Tisch der Lieb uns freundlich einzuladen. Der erste Geist rief im Vorüberfliehn: Sie haben keinen Wein! Die Worte klangen Dann nochmals hinter uns im Weiterziehn. Und eh sie, sich entfernend, ganz verklangen, Da rief: Ich bin Orest!--ein zweiter Geist, Und war im schnellen Flug vorbeigegangen. "O", sprach ich, "Vater, sage, was dies heißt?" Da klang die dritte Stimm in meine Frage Und rief: Liebt den, der Böses euch erweist. Und er: "Du findest hier des Neides Plage! Gegeißelt wird er hier, doch Liebe schwingt Der strengen Geißel Schnur zu jedem Schlage. Doch wisse, daß der Zügel anders klingt. Du wirst ihn hören, eh im Weitergehen Dein Fuß zum Passe der Verzeihung dringt. Versuch es jetzo, scharf dorthin zu spähen, Und vor uns wirst du Leute, langgereiht, An dieser Wand des Felsens sitzen sehen. Da öffnet ich sogleich die Augen weit Und sah die Schatten an der Felsenhalle, An Farbe dem Gesteine gleich ihr Kleid. Und näher hört ich sie mit lautem Schalle "Bitte für uns, Maria!" brünstig schrein, "Michael und Petrus und ihr Heilgen alle!" Möcht einer noch so hart und grausam sein, Vor Mitleid wäre doch sein Herz entglommen, Hält er, wie ich, gesehn der Armen Pein. Denn als ich nun so nahe hingekommen, Daß ich Gebärd und Angesicht erkannt, Da ward mein Herz durchs Auge schwer beklommen. Ihr Anzug war ein schlechtes Bußgewand; Sie lehnten sich an sich und ihren Rücken Sie allesamt an jene Felsenwand; Den Blinden gleich, die Not und Hunger drücken, Und die an Ablaßtagen bettelnd stehn, Und, Kopf an Kopf gedrängt, sich kläglich bücken, Indem sie, um das Mitleid zu erhöhn, Nicht minder mit den jämmerlichen Mienen, Als mit den lauten Jammerworten flehn. Und, gleich den armen Blinden, war auch ihnen Den bangen Schatten, welchen ich genaht, Der Glanz des Himmelslichts umsonst erschienen. Gebohrt war durch die Augenlider Draht, Ihr Auge, wie des Sperbers, ganz vernähen; Der, wild, nicht nach des Jägers Willen tat. Mir aber schien es unrecht, daß ich sehend, Doch ungesehn dort ging, drum wandt ich mich Zum weisen Rat, nach seiner Meinung spähend. Er, der sogleich erriet, weswegen ich Noch stumm, auf ihn die Blicke fragend lenkte, Sprach: "Rede jetzt, doch kurz und sinnig sprich." An jener Seite, wo der Fels sich senkte, Ging mir Virgil, wo leicht zu fallen war, Weil kein Geländer dort den Rand verschränkte; Zur andern Seite saß die fromme Schar, Und durch die grause Naht gepreßte Zähren, Die ihre Wangen netzten, nahm ich wahr. "Ihr, sicher, euch im Lichte zu verklären," Begann ich nun, "das einzig euer Traum, Das einzig euer Wunsch ist und Begehren, Die Gnade lös euch des Gewissens Schaum Und mache drin auf reinem lauterm Grunde Der Seele klaren Fluß zum Strömen Raum. Doch bitt ich euch, gebt mir gefällig Kunde: Ist eine Seel aus Latium hier?--Ich bin Für sie vielleicht dann hier zur guten Stunde." "O Bruder, jede Seel ist Bürgerin Von einer wahren Stadt--doch willst du fragen, Ob ein in Welschland lebt als Pilgerin." So schiens, von mir noch etwas fern, zu sagen, Daher ich, weil ich fast das Wort verlor, Sogleich beschloß, mich weiter vor zu wagen. Und eine wartete, so kam mirs vor, Auf Antwort, und, ums deutlicher zu zeigen, Hob sie, dem Blinden gleich, das Kinn empor. "Du," sprach ich, "die sich beugt, um aufzusteigen, Warst dus, die Antwort gab, so magst du mir Jetzt deinen Ort und Namen nicht verschweigen." "Ich war von Siena, und mit diesen hier", So sprach sie, "läutr ich mich vom Lasterleben, Und weinend flehn um Gottes Gnade wir. Sapia hieß ich, ob ich gleich ergeben Der Torheit war, denn mir schien andrer Leid Weit größre Lust, als eignes Glück zu geben. Doch zweifelst du an meinem tollen Neid, So höre nur!--Die Jugend war verflossen, Und abwärts ging der Bogen meiner Zeit, Als nah bei Colle meine Landsgenossen Den kampfbereiten starken Feind erreicht; Da bat ich Gott um das, was er beschlossen. Drauf wird ihr Heer geschlagen und entweicht, Und ich, erblickend, wie der Feind es jage, Fühl eine Lust, der keine weiter gleicht, So daß ich kühn den Blick gen Himmel schlage Und rufe: Gott, nicht fürcht ich mehr dich jetzt! Der Amsel gleich am ersten warmen Tage. Nach Gottes Frieden sehnt ich mich zuletzt Am Rand des Lebens, aber meine Schulden, Durch Reue wären sie nicht ausgewetzt, Wenn Pettinagno meiner nicht in Hulden Gedacht in seinem heiligen Gebet; Noch müßt ich vor dem Tore harrend dulden. Doch wer bist du, der offnen Auges geht, So scheints, um unsern Zustand zu erkunden, Und dessen Atem noch beim Sprechen weht?"-- "Mit Draht wird einst mein Auge hier durchwunden," So sprach ich, "doch ich hoffe kurze Frist, Weil mans nur selten scheel vor Neid gefunden. Mehr als das Leid, ob des du traurig bist, Hat Sorge mir die untre Qual bereitet. Schon fühl ich, wie die Bürde drückend ist." Und sie: "Wer also hat dich hergeleitet, Daß du, um rückzukehren, hier erscheinst?" "Er, der dort schweigend steht, hat mich begleitet. Ich leb, erwählter Geist, und wenn ich einst Jenseits als Sterblicher für dich bewegen Die Füße soll, so fordre, was du meinst." "So Neues sagtest du," sprach sie dagegen, "Daß es dir sicher Gottes Huld bewährt. Verwende drum dein Flehn zu meinem Segen. Ich bitte dich, bei allem, was dir wert, Wirst du dich je im Tuscierland befinden, So sei zum Bessern dort mein Ruf gekehrt. Beim eiteln Volk wirst du die Meinen finden, Das Talamon verlockt zum Hoffnungswahn; Und wie bei Dianas Quelle wird er schwinden, Doch setzen mehr die Admirale dran."
Vierzehnter Gesang
"Wer ist der, welcher unsern Berg umgeht, Eh ihn der Tod beschwingt--dem, nach Behagen, Das Auge bald sich schließt, bald offen steht?" "Daß er allein nicht ist, das kann ich sagen, Nicht wer er ist. Da ich ihm ferner bin, Magst du, damit er red, ihn höflich fragen." So redeten, von mir zur Rechten hin, Zwei Geister dort, sich zueinander neigend, Dann, um zu sprechen, hoben sie das Kinn. "O Seele, die, empor zum Himmel steigend," Sprach dann der eine, "noch im Körper steckt, O sprich, dich hold und trostreich uns erzeigend, Woher? Wer bist du? Denn solch Staunen weckt Die Gnade, die wir an dir schauen sollen, Wie wenn, was nie geschehn, sich uns entdeckt." Und ich: "Ein Fluß, der Falteron entquollen, Lustwandelt mitten durch das Tuscierland, Dem hundert Miglien Laufs nicht gnügen wollen. Ich bringe diesen Leib von seinem Strand. Doch sagt ich, wer ich sei--nicht würd euchs frommen, Da wenig Ruhm bis jetzt mein Name fand." "Bin ich auf deiner Meinung Grund gekommen, Meinst du den Arno und sein Talgebiet?" So sprach jetzt, der zuerst das Wort genommen. Der zweite sprach darauf: "Warum vermied Er, jenes Flusses Namen zu verkünden, Wies sonst nur mit Abscheulichem geschieht?" Und jener sprach: "Nicht kann ich dies ergründen, Doch wert des Untergangs ist jenes Wort, Das nur Erinnrung weckt an Schmach und Sünden. Denn von dem Ursprung im Gebirge dort, Von dem sich einst Pelorum trennen müssen, Dort wasserreich, wie sonst an keinem Ort, Bis dahin, wo der Fluß mit ewgen Güssen Das, was dem Meer die Sonn entsaugt, ersetzt, Was Nahrung gibt den Bächen und den Flüssen, Wird, seis durch schlechte Sitt und Neigung jetzt, Seis, daß der Ort an einem Fluche leide, Die Tugend, gleich den Schlangen, fortgehetzt. Denn was im Tal, gedrückt von schwerem Leide, Nur irgend wohnt, hat die Natur verkehrt, Als hätt es mitgeschmaust auf Circes Weide. Zu garstgen Schweinen, mehr der Eicheln wert Als dessen, was Natur den Menschen spendet, Ist erst sein wasserarmer Lauf gekehrt. Dann, wie er weiter seine Wogen sendet, Trifft er ohnmächtge kleine Kläffer an, Von welchen er die Stirn unwillig wendet Je mehr er schwillt in seiner tiefern Bahn, Sieht der unselge maledeite Graben Die Hund an Art sich mehr den Wölfen nahn. In tiefen Tümpeln scheint er drauf vergraben Und trifft dann Füchs, in List so eingeweiht, Daß sie nicht scheu mehr vor dem Schlausten haben. Frei red ich. Sei der Horcher auch nicht weit, Und gut wirds diesem sein, das zu behalten, Was der wahrhafte Geist mir prophezeit. Ich sehe deinen Neffen furchtbar schalten, Der jene Wölfe so zu jagen weiß, Daß sie vor grauser Todesangst erkalten. Denn er verkauft sie lebend scharenweis, Dann sticht er sie, gleich einem alten Schlachtvieh, nieder. Das Leben raubt er vielen, sich den Preis. Zuletzt verläßt er, blutbespritzt die Glieder, Den Wald gefällt, und ringsum öd und tot, Und tausend Jahr erneun sein Laub nicht wieder." Wie bei Verkündigung zukünftger Not Des bangen Hörers Züge sich umschatten, Der sich gefährdet glaubt und rings bedroht, So sah ich jetzo jenen andern Schatten, Der zugehorcht, verstört und bange stehn, Wie seinen Geist erfüllt die Worte hatten. Was ich von dem gehört, von dem gesehn, Mich reizt es, ihren Namen nachzufragen, Und bittend ließ ich meine Frag ergehn. Und den, der erst gesprochen, hört ich sagen: "Du also willst, für dich tun soll ich dies, Was du für mich zu tun mir abgeschlagen? Doch kargen will ich nicht, denn herrlich ließ Gott in dir strahlen seine Huld und Güte. Drum wisse, daß ich Guid del Duca hieß. Von Neid verbrannt war also mein Gemüte, Daß, wenn ich sah, ein andrer sei erfreut, Ich schwarz vor Gall in bitterm Ingrimm glühte. Hier mäh ich Saat, die ich dort ausgestreut. O Sterbliche, was müßt ihr das begehren, Was Ausschluß der Genossenschaft gebeut! Der hier ist Rainer, der zu Preis und Ehren Das Haus von Calboli gebracht, des Mut Und Kraft und Wert die Erben ganz entbehren. Denn alle sieht man jetzt aus seinem Blut Das Schlechte tun, das Rechte träg versäumen, Und zwischen Po, Berg, Ren und Meeresflut Sieht mans nur sprossen noch in giftgen Bäumen, Und keinem Gärtner glückts, der schlechten Art Wildwucherndes Gewürzel wegzuräumen. Wo mag der wackre Licio, wo Manard, Wo Traversar, wo Guid Carpigna bleiben? Ist jeder Romagnol heut ein Bastard? Ein Schmied muß in Bologna Äste treiben, Und in Faenza jetzt ein Bernardin, Der edle Sproß aus niederm Keim, bekleiden! Nicht staune, Tuscier, daß ich traurig bin, Wenn ich des Guid von Prata noch gedenke, Und des, der mit uns war, des Ugolin. Dann auf Tignoso die Erinnrung lenke, Auf Traversars und Anastasens Haus, Und über den enterbten Stamm mich kränke; Auf Ritter, Fraun, auf Ruhe, Müh und Strauß, Was wir aus Lieb und Edelsinn begannen, Wo jetzt die Herzen sind voll Tück und Graus. Brettinoro, fliehst du nicht von dannen, Da, um zu fliehn Verderben, Schand und Hohn, Die Guten allesamt aus dir entrannen! Wohl dir, Bagnacaval, dir fehlt der Sohn! Weh, Castrocaro, dir, da mit Verderben Dich solche Grafen, wie du zeugst, bedrohen! Gut handeln einst, wird erst ihr Dämon sterben, Faenzas Herrn, doch nimmer werden sie Des Ruhmes reines Zeugnis sich erwerben. Dir, Ugolin von Fantoli, wird nie Des edlen Namens reiner Glanz gebrechen, Da dir das Schicksal keinen Sohn verlieh. Doch jetzt, Toskaner, geh; denn nicht zum Sprechen, Mich reizt zum Weinen nur mein armes Land, Und preßt mein Herz durch Untat und Verbrechen." Durchs Ohr ward jenen unser Gehn bekannt, Drum wußten wir, da sie es schweigend litten, Daß wir uns auf den rechten Weg gewandt. Indem wir einsam nun von dannen schritten, Scholl eine Stimm uns zu, eh wirs gedacht, Gleich einem Blitze, der die Luft durchschnitten: Mich tötet, .wer mich trifft! Sie riefs mit Macht Und floh im schnellen Flug dann und verhallte, Dem Donner gleich, der aus den Wolken kracht. Und wie sie kaum an uns vorüberwallte, Braust eine zweite schon an unser Ohr, Die schrecklich, wie ein zweiter Donner schallte: Ich bin Aglauros, die zum Stein erfror! Und als ich an Virgil mich drängen wollte, Schritt ich vor großer Angst zurück, nicht vor. Schon schwieg die Luft, kein dritter Donner rollte, Da sprach Virgil: "Dies ist der harte Zaum, Der auf der rechten Bahn euch halten sollte. Doch winkt des alten Feindes Köder kaum, So laßt ihr euch in seinem Hamen fangen, Gebt nicht dem Rufe, nicht dem Zügel Raum. Euch rufend, hält der Himmel euch umfangen, Der, ewig schön, rings seine Kreise zieht, Doch euer Blick bleibt an der Erde hangen, Und deshalb schlägt euch der, der alles sieht."
Fünfzehnter Gesang
So viel, als bis zum Schluß der dritten Stunde, Vom Tagsbeginn des Wegs die Sphäre macht, Die wie ein Kindlein tanzt im ewgen Runde, So viel des Weges halt, eh noch vollbracht Ihr Tageslauf, die Sonne zu vollbringen; Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht. Auf jenen Pfaden, die den Berg umringen, Schien uns die Sonne mitten ins Gesicht, Weil wir jetzt grade gegen Westen gingen. Da fiel ein Glanz mit lastendem Gewicht Mir auf die Stirn, mich mehr als erst zu blenden. Ich staunt, und was es war, begriff ich nicht. Schnell deckt ich mir die Augen mit den Händen Als wie mit einem Schirm, daß vor der Glut Die schwachen Blicke Schutz und Ruhe fänden. Gleich wie der Strahl vom Spiegel, von der Flut Nach jenseits hüpft, und dann beim Aufwärtssteigen, So wie vorher beim Niedersteigen tut, Weil er von Linien, die sich senkrecht neigen, So hier wie dort abweicht in gleichem Zug, Wie uns die Kunst und die Erfahrung zeigen; So ward mein Auge jetzt in jähem Flug Getroffen vom zurückgeworfnen Lichte, Drob ichs in Eile schloß und niederschlug. "Was, süßer Vater, ist dies? Dem Gesichte Will, was ich tue, nicht zum Schutz gedeihn. Es scheint, als ob der Glanz hierher sich richte!" Drauf er: "Nicht staune, wenn in solchem Schein Noch blendend dir des Himmels Diener nahen. Ein Bote kommt und lädt zum Steigen ein. Bald wird, was erst die Augen tränend sahen, Dir so zur Lust, als du nur Fähigkeit, Sie zu empfinden, von Natur empfahen." Der Engel sprach zu uns voll Freudigkeit: "Geht dorten ein auf minder schroffen Stiegen, Als jene sind, die ihr gestiegen seid." Indem wir nun zusammen aufwärts stiegen, Sangs hinter uns: "Heil den Barmherzgen, Heil!" Und wieder klangs: "Sei froh in deinen Siegen!" Und da wir beid allein, und minder steil Die Treppen waren, dacht ich: Noch im Gehen Wird Lehre wohl vom Meister dir zuteil. "Was mochte Guido bei dem Gut verstehen, Das Ausschluß der Genossenschaft gebeut?" Ich sprachs, gewandt, ihm ins Gesicht zu sehen. "Weil stets sein Hauptfehl ihm den Schmerz erneut" Sprach drauf Virgil, "will er dich weiser machen Und tadelt drum, was er nun schwer bereut. Denn euer Sehnen geht nach solchen Sachen, Die Mitbesitz verringert, die durch Neid In eurer Brust der Seufzer Glut entfachen. Doch möchten in des Himmels Herrlichkeit Des Menschen Wünsch ihr rechtes Ziel erkennen, War eure Brust von solcher Angst befreit. Je mehrere dies Gut ihr eigen nennen, Je mehr besitzt des Guts ein jeder dort, Je stärker fühlt er sich in Lieb entbrennen." "Noch fass ich nichts," versetzt ich meinem Hort, "Und mindre Zweifel hat vorher das Schweigen In meiner Seel erweckt, als jetzt dein Wort. Kann höher je der Reichtum vieler steigen, Wenn man ein Gut verteilt, als wenn es nicht Gemeinsam wäre. Sondern einem eigen?" Und er: "Weil, nur auf Erdengut erpicht, Dein Geist noch nicht den höhern Flug gewonnen, Drum schöpfst du Finsternis aus wahrem Licht. Des Himmels unaussprechlich große Wonnen, Sie eilen so ins liebende Gemüt, Wie nach dem Spiegel hin der Strahl der Sonnen Sie geben sich je mehr, je mehr es glüht, Und reicher strömt die ewge Kraft hernieder, Je freudiger des Herzens Lieb erblüht. Erhebt die Seel erst aufwärts ihr Gefieder, Dann liebt sie mehr, je mehr zu lieben ist, Denn eine strahlt den Glanz der andern wieder-- Und gnügt mein Wort dir nicht, in kurzer Frist Wird dort von dir Beatrix aufgefunden, Durch welche du dann ganz befriedigt bist. Jetzt sorge nur, daß bald von deinen Wunden Die fünf sich schließen wie das erste Paar, Das von der Stirn durch Reu und Leid geschwunden." Schon wollt ich sagen: Deine Red ist klar! Da war ich an des andern Kreises Saume, Wo schnell mein Wort gehemmt durch Schaulust war. In einen Tempel schien, von wachem Traume Dahingerissen, meine Seel entflohn, Und Leute sah ich viel in seinem Raume. Am Eingang schien mit süßem Mutterton Und zärtlicher Gebärd ein Weib zu sagen: "Was hast du dies an uns getan, mein Sohn? Wir suchten dich voll Angst seit dreien Tagen, Ich und der Vater"--sprachs, und wundersam Schien sie vom Wehn der Luft davongetragen. Drauf vors Gesicht mir eine zweite kam, Von Zähren naß, die--wohl wars zu erkennen-- Dem Aug entpreßte zornerzeugter Gram. Sie rief: "Willst du den Herrn der Stadt dich nennen, Ob deren Namen Götter sich gegrollt, Wo Strahlen jeder Wissenschaft entbrennen, Dann, Pisistrat, zahl ihm der Frechheit Sold, Ders wagte, deine Tochter zu umfassen!" Allein der Herr, der liebreich schien und hold, Entgegnet ihr, die also rief, gelassen: "Wird jener, der uns liebt, von uns verdammt, Was tun wir dann an solchen, die uns hoffen?"-- Dann sah ich eine Schar, von Zorn entflammt, Und einen Jüngling dort, von ihr gesteinigt, Tod! Tod! so schrien sie wütend allesamt. Er beugte sich, schon bis zum Tod gepeinigt, Des Last ihn zu der Erde niederrang, Doch seinen Blick dem Himmel stets vereinigt, Und fleht empor zu Gott in solchem Drang: "Vergib der Wut, die gegen mich entbrannte!" Mit einem Blicke, der zum Mitleid zwang. Als meine Seele sich von außen wandte Zurück zu dem, was wahr ist außer ihr, Und ich nun den nicht falschen Wahn erkannte, Da sprach mein Führer, der, nicht weit von mir, Mich gleich dem Schläfer, der erwacht, erblickte: "Nicht halten kannst du dich! Was ist mit dir? Bereits seit einer halben Stunde knickte Dein Knie, du taumeltest, dein Auge brach, Als ob dich Schlummer oder Wein bestrickte." "O süßer Vater, hörst dus an"--dies sprach Ich drauf zu ihm--"so will ich dir verkünden, Was mir erschien, als mir die Kraft gebrach." "Ob mir entgegen hundert Masken stünden," Entgegnet er, "und deckten dein Gesicht, Doch würd ich, was du denkst, genau ergründen. Das, was du sahst, du sahsts, damit du nicht Dich ungemahnt verschlössest jenem Frieden, Des Strom hervor aus ewger Quelle bricht. Was ist dir? fragt ich nicht, wie der danieden Zu fragen pflegt, des Auge nicht mehr schaut, Sobald die Seel aus seinem Leib geschieden. Die Füße dir zu kräftgen, fragt ich laut, Denn treiben muß man so den wachen Trägen, Den Tag zu nützen, eh der Abend graut." Wir gingen beid in sinnigem Erwägen Dem Abend zu und sahn, soweit man kann, Der Sonne tiefem Strahlenglanz entgegen. Und sieh, ein Rauch kam nach und nach heran, Der, schwarz wie Nacht, sich bis zu uns erstreckte, Und nirgends traf man Raum zum Weichen an, Daher er bald uns Aug und Himmel deckte.
Sechzehnter Gesang