Die Göttliche Komödie

Chapter 14

Chapter 143,062 wordsPublic domain

Kaum war ich innerhalb der Tür der Gnade, Die selten aufgeht durch den schlechten Hang, Der g’rad’ erscheinen läßt die krummen Pfade, Da hört’ ich, wie sie beim Verschließen klang. Wie ward’s auch wohl entschuldigt, wie verziehen, Wenn nach ihr umzuschau’n mich Neugier zwang? Wir mußten durch gespaltnen Felsen ziehen, Der vor- und rückwärts sprang vor unsrer Bahn, Wie Wogen sich anwälzen erst, dann fliehen. "Jetzt gilt es", also fing mein Führer an, "Wohl etwas Kunst, um hier und dort den Seiten, Da, wo sie rückwärts weichen, uns zu nah’n." Wir durften drum nur Iangsam vorwärts schreiten, Und schon war Lunas Rand dem Meer genaht, Schon sah ich sie hinab ins Bette gleiten, Eh’ wir zurückgelegt den engen Pfad; Doch blieben wir an seinem offnen Rande, Da, wo der Berg etwas zurücke trat, Ich matt, und fremd wir beid’ in diesem Lande, In Zweifeln stehn auf einem ebnen Ort, Der öd war wie ein Berg in Lybiens Sande. Von wo sein Rand ans Leere grenzt, bis dort Zum Fuß der Felsen, die sich jenseits heben, Ging ebner Raum drei Menschenlängen fort. Soweit g’rad’aus der Blicke Flügel schweben, schien solch ein Raum zur recht’ und linken Hand Den Berg, gleich einem Kranze, zu umgeben. Wie ich dort still mit meinem Führer stand, Erkannt’ ich, daß der Felsrand, uns entgegen, Der steil sich hob, gleich einer schroffen Wand, Von weißem Marmor war und allerwegen Voll Bildnerei, um Polyklet zur Scham, Ja die Natur zum Neide zu erregen. Der mit dem Friedensfchluß, den längst in Gram Die Welt ersehnt, aufs irdische Gefilde, Den lang verschloßnen Himmel öffnend, kam, Der Engel war dort eingehau’n, und Milde Und Liebe tat so wahr sein Wesen kund, Daß niemand glaubt’, es sei ein stumm Gebilde. Man schwor, ein Ave schweb’ auf seinem Mund, Denn sie war dort, durch die des Himmels Riegel Der Höchste löst’ im neuen Liebesbund. Es zeigte der Gebärde reiner Spiegel Das Wort: Sieh Gottes Magd, so ausgeprägt, Wie sich im Wachs ausprägt das schöne Siegel. "Was schaust du", sprach Virgil, "so unbewegt, Als ob nur diesem Bild dein Blick gebührte?"-- Ich ging zur Seit’ ihm, wo das Herz uns schlägt, Daher sich jetzt dorthin mein Auge rührte; Und hinter der Maria war der Stein, Zur andern Seite dessen, der mich führte, Geschmückt mit andern schönen Schilderei’n. Drum trat ich, vor Virgil vorbeigeschritten, Ihm näher, um zum Schau’n bequem zu sein. Der Wagen war, in Marmor eingeshnitten, Die stierbespannte Bundeslade da, Drob ungeheischtes Dienen Straf erlitten. Das Volk voraus, in sieben Chören, sah Ich jubelnd zieh’n und sagt’ ich: Ob sie singen? So sagt’ ein Sinn mir nein, der andre ja! Sah Weihrauchduft sich in die Lüfte schwingen, Und auch bei diesem Bilde ließen schwer Geruch sich und Gesicht zum Einklang bringen. Im Tanze vor der heil’gen Lade her, Sah ich erhöht in Demut den Psalmisten, Der minder hier, als König, war, und mehr, Und, wie erfüllt von Ränken und von Listen, Am Fenster des Palasts mit schnödem Wort spöttisch bewundernd sich die Michal brüsten. Darauf bewegt’ ich mich von meinem Ort, Um weiterhin ein andres Bild zu schauen, Und sah den edlen Römerherrscher dort Zu hohem Ruhm in Marmor eingehauen, Ihn, der zum großen Siege den Gregor Beseelt mit Kraft und gläubigem Vertrauen. Trajan, den Imperator, stellt’ es vor, Und eine Witw’, ihm in die Zügel fallend, Die, schmerzerfüllt, mit Flehen ihn beschwor. Rings Reiterei gedrängt. Trompeten schallend, --so schien’s dem Aug’--im goldenen Panier Die Adler drüberhin im Winde wallend. Die Arme schrie mit Macht, so schien es mir: "Verweile, Herr, mir ward der Sohn erschlagen, Du räche mich, die Rache ziemet dir."-- So warte, bis ich kehre!" Dies zu sagen schien er, und sie darauf: "Und wenn du nun" (Und ihre Worte schien der Schmerz zu jagen) "Nicht wiederkehrst?"--So wird’s mein Folger tun!" "Vertraust du, was dir obliegt, fremden Armen, Mag auch indes die Pflicht vergessen ruh’n?"-- "So tröste dich," entgegnet’ er der Armen, "Bevor ich ziehe, lös’ ich meine Pflicht, Gerechtigkeit gebeut’s, mich hält Erbarmen!"-- Sichtbar macht’ er die Red’, er, des Gesicht Von Ewigkeit nichts Neues noch gesehen, Doch uns ist’s neu, weil uns die Kunst gebricht. Indes ich mich ergötzte, hinzuspähen Nach solcher Demut Bildern, deren Wert Noch er erhöht, durch welchen sie entstehen, Da lispelte Virgil, mir zugekehrt: Sieh jene dort, die langsam, langsam schreiten, Von diesen wird uns wohl der Weg gelehrt." Ich ließ, da immer hier nach Neuigkeiten Mein ganzes Streben war, voll Ungeduld Nach dieser Seite hin die Blicke gleiten, Vernimmst du, Leser, wie sich Gott die Schuld Bezahlen läßt, nicht denke drum zu weichen Vom guten Pfad und trau’ auf seine Huld. Mag diese Qual auch der der Hölle gleichen, Denk’ an die Folg’--im schlimmsten Falle wird Nur bis zum großen Spruch die Marter reichen. Ich sprach: "Nur unklar seh’ ich und verwirrt, Was dort sich naht. Sind’s menschliche Gestalten, Was unstet itzt vor meinem Auge flirrt?"-- "Kaum seh’ ich selbst ihr Bild sich klar entfalten," Entgegnet’ er, "weil erdwärts tiefgebückt Vor schwerer Last sie Haupt und Schultern halten. Sieh, was dort unter Steinen näher rückt, Sieh scharf, und du entwirrst gequälte Schatten Und siehst genau, was jeden niederdrückt."-- Stolze Christen, o ihr Armen, Matten! Der Fuß schlüpft rückwärts, doch, an Geiste blind, Glaubt ihr, vortrefflich geh eu’r Lauf vonstatten. Bemerkt ihr nicht, daß wir nur Würmer sind, Bestimmt zu jenes Schmetterlings Entfaltung, Des Flug nie der Gerechtigkeit entrinnt. Was tragt ihr hoch das Haupt in stolzer Haltung? Gewürm, das öfters, wenn’s der Pupp’ entflieht, Verkrüppelt ist zu schnöder Mißgestaltung; Wie man zuweilen wohl Gestalten sieht, Anstatt des Simses tragend Dach und Decken, Gekrümmt, daß sich das Knie zum Busen zieht, Die im Beschauer wahres Leid erwecken Durch falschen Schmerz--so könnt’ ich jetzo klar Bei schärferm Hinschau’n jene dort entdecken, Den mehr, den minder tiefgebogen zwar, Als ob die Last hier mehr, dort minder wiege, Doch der auch, der am meisten duldsam war, Schien tränenvoll zu sagen: Ich erliege!

Elfter Gesang

"Oh Vater unser, in den Himmeln wohnend, Du, nimmer zwar von ihrer Schrank’ umkreist, Doch lieber bei den ersten Werken thronend, Es preis deinen Namen, deinen Geist, Was lebt, weil deinem süßen Hauch hienieden Der Mensch nur würdig dankt, wenn er ihn preist. Zu uns, Herr, komme deines Reiches Frieden, Den keiner je durch eigne Kraft errang, Und der zu uns nur kommt, von dir beschieden. Gleichwie die Engel beim Hosiannasang Ihr Wollen auf das Deine nur beschränken, So opfre dir der Mensch des Herzens Hang. Wollt unser täglich Manna heut uns schenken; Zurückgeh’n ohne dies auf rauher Bahn Die, so am meisten vorzuschreiten denken. Wie wir, was andre Böses uns getan, Verzeih’n, oh so verzeih uns du in Hulden Und sieh nicht das, was wir verdienen, an. Nicht laß die schwanke Kraft Versuchung dulden Vom alten Feinde, sondern mache los Von ihm, des Arglist reizt zu Sünd’ und Schulden. Für uns nicht, teurer Herr, für jene bloß Geschieht, tut not die letzte dieser Bitten, Die dort noch sind in unentschiednem Los." So für sich selbst, für uns auch betend, schritten Die Schatten langsam unter schwerer Last, Wie man im Traum oft ihren Druck erlitten, Im ersten Kreise, der den Berg umfaßt; Sie läutern sich vom Erdenqualm und tragen Ungleiche Bürden, matt, doch ohne Rast. Wenn stets für uns dort jene Gutes sagen, Was kann für sie von solchen hier gescheh’n, Die Wurzeln schon im bessern Sein geschlagen? Sie unterstütze treulich unser Fleh’n, Daß sie der Erdenschuld sich bald entringen Und leicht und rein die Sternenkreise sehn. "Euch möge Recht und Huld Erleicht’rung bringen, Um zu dem Ziel, daß euch die Sehnsucht zeigt, Mit freien Flügeln bald euch aufzuschwingen. Ihr aber zeigt uns, wo man aufwärts steigt, Weist uns den Weg, und gibt es mehr als einen, So lehrt uns den, der minder steil sich neigt. Denn dieser hier, mit Fleisch und mit Gebeinen Von Adam her bekleidet und beschwert, Muß wider Willen träg im Steigen scheinen." So sprach mein Führer, jenen zugekehrt, Und diese Rede ward darauf vernommen, Doch wußt’ ich nicht, von wem ich sie gehört. "Ihr könnt mit uns zur rechten Seite kommen, Dort ist ein Paß, nicht steiler, als der Fuß Des Lebenden schon anderwärts erklommen. Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß Den stolzen Nacken jetzt der Erd’ entgegen, So daß ich stets zu Boden blicken muß, So würd’ ich nach ihm hin den Blick bewegen, Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt, Erkenn’, und um sein Mitleid zu erregen. Wilhelm Aldobrandeschi, der dem Land, Das ihn geboren, Ruhm und Ehre brachte, Erzeugte mich, und ist euch wohl bekannt. Das alte Blut, der Ruhm der Ahnen machte So übermütig mich und stolz und roh, Daß ich nicht mehr der Mutter aller dachte. Und ich verachtete die Menschen so, Daß ich drum starb, wie die Sanesen wissen Und jedes Kind in Campagnatico. Omberto bin ich; nicht nur mein Gewissen Befleckt der Stolz, er hat auch alle schier Von meinem Stamm ins Elend fortgerissen. Bis ich dem Herrn genugtat, ruht auf mir Die schwere Last, und was ich dort im Leben Nicht tat, daß tu’ ich bei den Toten hier." Ich horcht’ und ging gesenkten Blicks daneben, Ein andrer aber, unterm Steine, fing sich an zu winden, um den Blick zu heben. Er sah, erkannt’ und nannte mich und hing, Kaum fähig, doch den Blick vom Grund zu trennen, An mir, der ganz gebückt mit ihnen ging, "Du Odrisl" rief ich, froh, ihn zu erkennen, Scheinst Gubbios Ruhm, der Ruhm der Kunst zu sein, Die Miniaturkunst die Pariser nennen." "Ach, Bruder, heitrer sind die Schilderei’n," Versetzte jener, "Franks, des Bolognesen, Sein ist der Ruhm nun ganz, zum Teil nur mein. So edel war’ ich, lebend, nicht gewesen, Dies zu gestehn, denn ach! vor Ruhmgier schwoll Damals mein stolzes Herz, mein ganzes Wesen. Fürs solchen Stolz bezahlt man hier den Zoll. Wo ich, weil ich bereute, durch Beschwerden Von seinem finstern Dampf mich läutern soll. O eitler Ruhm des Könnens auf der Erden! Wie wenig dauert deines Gipfels Grün, Wenn roher nicht darauf die Zeiten werden. Als Maler sah man Cimabue blüh’n, Jetzt sieht man über ihn den Giotto ragen, Und jenes Glanz in trüber Nacht erglüh’n. Den Ruhm der Sprache nahm in diesen Tagen Ein Guid’ dem andern, und ein andrer lauscht Vielleicht versteckt, auch ihn vom Nest zu jagen. Ein Windstoß nur ist Erdenruhm. Er rauscht Von hier, von dort, um schleunig zu verhallen, Indem er Seit’ und Namen nur vertauscht. Wird lauter wohl dereinst dein Ruhm erschallen, Wenn du als Greis vom Leib geschieden bist, Als wenn du stirbst beim ersten Kinderlallen, Eh’ tausend Jahr’ entflieh’n?--wohl kürzre Frist Zur Ewigkeit, als zu dem trägsten Kreise Des Himmels deines Auges Blinken ist. Ganz Tuscien scholl einst laut von dessen Preise, Der dort vor mir so träg und langsam schleicht, Jetzt flüstert’s kaum von ihm in Siena leise. Dort herrscht’ er, als, von dem Geschick erreicht, Fiorenzas Wut erlag, der stolzen, kühnen, Der Stadt, die jetzt der feilen Hure gleicht. Dem Grase gleicht der Menschenruhm, dem Grünen, Das kommt und geht, und durch die Glut verdorrt, Die erst es mild hervorrief, zu ergrünen." Und ich: "Mir dämpft den Stolz dein wahres Wort Und weiß mir trefflich Demut einzuprägen; Doch sprich: Wer geht so schwer belastet dort?" Silvani," sprach er, "ist es, hier deswegen, Weil sich so weit sein toller Stolz vergaß, Dem freien Siena Ketten anzulegen. Drum ging er so und geht ohn’ Unterlaß, Seitdem er starb--der Zoll wird hier erhoben Von jedem, der sich dort zu hoch vermaß." Und ich: "Weilt jeder, welcher aufgeschoben Bis zu dem Rand des Lebens Reu’ und Leid. Dort unten erst und dringet nicht nach oben, Wenn ihm nicht Hilfe gläubig Fleh’n verleiht, Bis so viel Jahr’, als er gelebt, vergangen, Wie kam denn er herauf in kürzrer Zeit?"-- Und er: "Er ist auf Sienas Markt gegangen Zur Zeit, da er den höchsten Ruhm erstrebt, Hat dort gestanden, nicht von Scham befangen, Und, weil sein Freund in Carlos Haft gelebt, Um Hilf ihm und Befreiung zu gewähren, Als Bettler dort an jedem Puls gebebt. Ich red’ unklar, doch wird’s nicht lange währen, So handelt also deine Nachbarschaft, Daß du vermagst, dir alles zu erklären-- Die Tat hat jene Schrank’ ihm weggeschafft."

Zwölfter Gesang

Gleichmäßig, wie zwei Stier’ im Joche zieh’n, Ging ich dem schwerbeladnen Geist zur Seiten, Solang es gut dem süßen Lehrer schien. Doch als er sprach: "Laß ihn, um vorzuschreiten, Hier gilt’s. soviel man immer kann, den Kahn Mit Segeln und mit Rudern fortzuleiten!" Da richtet’ ich mich auf zur weitern Bahn Mit meinem Leib, obwohl gebeugt und bange Des Geistes Blicke noch zu Boden sahn, Und folgte meinem Hort im regen Drange Der Wißbegier, und beide zeigten wir, Wie leicht wir waren, schon im raschen Gange; Bis daß er sprach: "Zu Boden blicke hier, Um, was dein Fuß beschreitet, zu gewahren, Denn zu des Weges Kürzung frommt es dir." Wie, um der Freund’ Erinnrung zu bewahren, Auf ird’schen Gräbern dargestellt erscheint, Was, die drin ruhen, einst im Leben waren, So daß bei diesem Anblick jeder weint, Gereizt vom Schmerz der aufgerißnen Wunde, Der’s gut und fromm mit ihnen einst gemeint; So wies der Vorsprung mir, der in der Runde, Den Pfad dort bildend, jenen Berg umschloß, Manch Bild, doch trefflicher, auf seinem Grunde Ihn, edler, als was je der Erd’ entsproß, Erschaffen, sah ich, welcher mit der Eile Des Blitzes hier vom Himmel niederschoß. Dort aber auf des Weges anderm Teile, In starrem Todesfrost und träg und schwer, Lag Briareus, durchbohrt vom Himmelspfeile. Mars, Phöbus, Pallas standen hoch und hehr, Auf die zerstreuten Riesenglieder sehend, Bewaffnet noch, um ihren Vater her. Am Fuß des großen Werks den Nimrod stehend, Erblickt’ ich dann, und wie verwirrt und toll Nach den Genossen seiner Arbeit spähend. Dich Niobe, dich sah ich jammervoll, Hier sieben Kinder tot, dort andre sieben; Wie jedem Aug’ ein Tränenstrom entquoll. Saul, du schienst, ins eigne Schwert getrieben, Tot, wie auf Gilboa, das seit der Zeit Von Tau und Regen unbenetzt geblieben. Arachne, Törin, einst voll Eitelkeit, Halb Spinn’ itzt, auf den Fetzen vom Gewebe, Das du, o Arme, wobst zu deinem Leid. Rehabeam--es schien, als ob er bebe, Als ob er, statt wie immer sonst, zu droh’n, Im Wagen flüchtig, unverjagt, entschwebe. Man sah Eriphylen und ihren Lohn, Wie teuer das unselige Geschmeide Ihr hier bezahlt ward von dem eignen Sohn: Den Sanherib, den seine Söhne beide Im Tempel töteten voll Frevelmut Und liegen ließen in dem letzten Leide. Des Cyrus Tod und der Tomyris Wut-- Sie schien zum abgeschnittnen Haupt zu sagen: Dein Durst war Blut, nun füll’ ich dich mit Blut. Dann der Assyrer Heer--es floh, geschlagen, Nach Holofernes’ Tod, und hinterdrein Sah man mit grimmer Wut die Feinde jagen. O Ilion, wie niedrig und wie klein! Wohl standest du auf Trojas Fluren dreister Als hier, in Asch’ und Schutt, auf dem Gestein! Wer war des Griffels und des Pinsels Meister, Der Formen und Gebärden ausgedrückt Selbst zur Bewunderung der feinsten Geister? Mir schien, wie ich dahinging, tiefgebückt, Was tot war, tot, was lebend war, zu leben, Nicht besser hat’s, wer’s wirklich sah, erblickt. Stolziert nur hin, fahrt fort, das Haupt zu heben, Senkt nicht den Blick, ihr, Evens Söhn’, er weist Euch sonst den schlechten Weg, das eitle Streben!-- Schon hatten wir vom Berge mehr umkreist, Schon war die Sonne weiter fortgegangen, Als ich bemerkt mit dem befangnen Geist; Als er, des Fuß und Seele vorwärts drangen, Begann: "Blick’ auf, erhebe Haupt und Sinn! Nicht ist’s mehr Zeit, den Bildern anzuhangen. Ein Engel naht--drum blick’ empor, dorthin! Schon kehrt, von schnellen Fittichen getragen, Zurück des Tages sechste Dienerin. Schmück’ itzt mit Ehrfurcht Antlitz und Betragen, Dann führt er wohl mit Freuden uns empor. Denk’, nie wird dieser Tag dir wieder tagen." Und da er mich ermahnt schon oft zuvor, Die Zeit zu nutzen, kam es, daß ich nimmer Den Sinn, den solch ein Wort verschloß, verlor. Das schöne Wesen naht’--ein weißer Schimmer War sein Gewand; dem Stern des Morgens war Sein Antlitz gleich an zitterndem Geflimmer. Die Arm’ erschloß er, dann das Flügelpaar, Und sprach: "Kommt jetzt, denn nahe sind die Stufen Und leicht erklimmt ihr sie und ohne Fahr. Nur wen’ge nah’n von vielen, die berufen. O Mensch, du fällst bei jedes Windes Weh’n, Du, den zum Aufflug Gottes Händ’ erschufen." Bald ließ er uns des Felsen Öffnung sehn. Dort schlug er meine Stirn mit seinem Flügel Und hieß mich dann gesichert weitergehn. Wie ob der Stadt, die ihrer Herrschaft Zügel So wohl zu führen weiß wie Recht und Pflicht, Am Weg zur Kirche, rechts am steilen Hügel, Den kühnen Schwung des Bergs die Treppe bricht, Die man gebaut in jenen guten Zeiten, Wo sicher war das Maß und das Gewicht; So war der Fels, durch Stufen zu beschreiten, Obwohl er jäh sich senkt als steile Wand, Doch streift man das Gestein von beiden Seiten. Laut klang’s, indem ich dort mich aufwärts wand, "Den geistlich Armen Heil!"--mit einem Sange, Wie ich so süß noch keinen je empfand. Wie anders war es hier, als bei dem Gange Ins Höllenreich! Bei Liedern klomm ich auf, Und dort hinab bei wildem Jammerklange. Die heil’gen Stiegen klommen wir hinauf, Und leichter schien mir’s hier, emporzukommen, Als erst auf ebner Bahn der leichtste Lauf. Sprich, Meister, welche Last ist mir entnommen," So rief ich, da ich dies bemerkt, zuletzt, "Daß ich fast mühelos emporgeklommen?" Und er: sind diese P, die zwar noch jetzt Dein Antlitz trägt, doch die schon halb verschwunden, Erst, wie das eine, völlig ausgewetzt, Dann wird den Fuß dein Streben überwinden, So daß ihm Klimmen keine Mühe macht, Ja, Wonne wird er dann im Steigen finden." Da tat ich jenen gleich, die, sonder Acht, Etwas mit sich am Haupte tragend, gehen, Bis sie bemerkt, daß man sich winkt und lacht; Drum sie die Hand gebrauchen, um zu spähen, Mit dieser suchen, finden und damit Zuletzt erschau’n, was nicht die Augen sehen. Denn mit den ausgespreizten Fingern glitt Ich an der Stirne hin, und sieh, vergangen War eins der Zeichen, das der Engel schnitt. Da schwebt’ ein Lächeln um des Meisters Wangen.

Dreizehnter Gesang