Die Göttliche Komödie

Chapter 13

Chapter 133,076 wordsPublic domain

Nachdem sie würdig und voll Freudigkeit Drei-, viermal mit den Armen sich umgaben, Da trat Sordell zurück: "Sprecht, wer ihr seid?" "Eh’ sich zu diesem Berg gewendet haben Die Seelen, welche Gott zu schauen wert, Hat Octavianus mein Gebein begraben. Ich bin Virgil.--Des Himmels Eingang wehrt Mir Glaubensmangel nur, nicht andre Sünde," So sprach Virgil, als jener es begehrt. Als ob ein Wunder plötzlich hier entstünde, Bei dem man sagt: Es ist! dann: Es ist nicht! Und staunend glaubt, und nicht, daß man’s ergründe; So schien Sordell--dann neigt’ er das Gesicht, Worauf er zu den Knien Virgils sich beugte Und ihn umflocht, wo man den Herrn umflicht. "O Latiums Ruhm, du, dessen Werk bezeugte, Wie reich die Sprache sei an Kraft und Zier, O ew’ger Preis der Stadt, die mich erzeugte, Bringt mein Verdienst, mein Glück dich her zu mir? Und wenn ich wert mich solcher Huld erweise, So sprich, auf welchem Wege bist du hier?" Virgil darauf: "Ich kam durch alle Kreise Des wehevollen Reichs in dieses Land, Und Himmelskraft bewegte mich zur Reise. Nicht Tun, nein. Nichttun nur, hat mich verbannt, Hinab verbannt von hoher Sonne Strahlen, Die du ersehnst, die ich zu spät erkannt, Zu jenen tiefen nachterfüllten Talen, Zum Ort, wo leises Seufzen nur ertönt, Nicht Weheruf, noch Angstgeschrei von Qualen; Wo um mich her die Schar der Kindlein stöhnt, Die ungetauft aus jener Welt geschieden, Mit Gott für Adams Schuld noch unversöhnt. Wo die sind, die mit ird’schem Wert zufrieden, Die Tugenden, bis auf die heil’gen Drei, Sämtlich geübt und jede Schuld gemieden. Doch, wenn du kannst, so bring’ uns Kunde bei, Um schneller uns zu unserm Ziel zu leiten, Wo wohl der Läut’rung wahrer Anfang sei." Und er: "Ich darf umher und aufwärts schreiten, Denn kein gewisser Ort ist uns bestimmt. Soweit ich gehn darf, will ich dich begleiten. Doch sieh, wie schon des Tages Licht verglimmt, Drum ist auf guten Aufenthalt zu sinnen, Weil man bei Nacht nicht in die Höhe klimmt. Dort rechts sind Seelen, nicht gar weit von hinnen; Zu diesen, wenn du einstimmst, führ’ ich dich, Und denke wohl, du wirst dabei gewinnen."-- Virgil: "Wenn’s Nacht wird, steigt man nicht? So sprich, Erliegt vielleicht die Kraft dann der Beschwerde? Wie, oder widersetzt dann jemand sich?" Mit seinem Finger streifte nun die Erde Sordell und sprach: "Nicht hoffe, daß bei Nacht Dein Fuß den Strich nur überschreiten werde. An Steigen hindert sonst dich keine Macht Als Dunkelheit, die, wie sie uns ermattet, Verwirrt durch Ohnmacht unsern Willen macht. Hinabzugehn und rückwärts ist gestattet, Und irrend ringsumher zu gehn am Bord, Wenn auch ihr Schleier noch die Welt umschattet." Mein Meister stand erst wie bewundernd dort; "Wie du versprachst," So hört ich drauf ihn bitten, "Geleit’ uns an den angenehmen Ort." Wir waren eben noch nicht weit geschritten, Da war ein hohler Raum am Berg zu sehn, Ein Tal, das dort den Felsenrand durchschnitten. "Dorthin", So sprach der Schatten, "laß uns gehn, Seht dort den Berg von einer Höhlung teilen, Dort sehen wir den Morgen auferstehn." Ein krummer Fußpfad führte zwischen steilen Felshöh’n und Ebene zum Rand der Schlucht, Da hieß Sordell am Abhang uns verweilen. Gold, feines Silber und des Coccums Frucht, Bleiweiß und Indiens Blau in hellster Reine, Smaragd, zerbrochen kaum--in dieser Bucht, Bei dieses Grases, dieser Blumen Scheine Schwänd’ ihrer Farben ganzer Glanz dahin, Wie seinem Größern unterliegt das Kleine; Nicht war Natur allein hier Malerin, Mit laufend wunderbar gemischten Düften Ergötzte sie auch des Geruches Sinn. Salve, Regina, tönt’ es in den Lüften Von Seelen auf dem blumenreichen Beet, Versteckt hierinnen zwischen Felsenklüften. "Bevor die Sonne ganz zu Rüste geht, Gehn", sprach Sordell, "wir nicht hinab zu ihnen, Denn, wenn ihr hier auf diesem Felsen steht, Erkennt ihr besser aller Art und Mienen, Als sie im Tale selber, im Gedrang So vieler großer Schatten euch erschienen. Der höher sitzt und scheint, als hätt’ er lang Versäumt, wozu ihn seine Pflicht verbunden, Und nicht den Mund regt bei der andern Sang, Jst Kaiser Rudolf, der Italiens Wunden Zu heilen zwar vermocht, doch nicht geheilt, So daß es spät durch andre wird gefunden. Der, dessen Anblick jetzt ihm Trost erteilt, Einst Herr des Landes, das der Fluß durchschneidet, Der in die Elb’, in ihr zur Meerflut eilt, Hieß Ottokar--mit Windeln noch umkleidet, Weit besser doch, als Wenzeslaus, sein Sohn, Der Bärt’ge, der an Üppigkeit sich weidet. Der Kleingenaste dort--von Reich und Thron Scheint’s, daß er mit dem andern, Güt’gen spreche-- Starb fliehend, zu der Lilien Schmach und Hohn. Er schlägt die Brust, als ob das Herz ihm breche. Den andern fehl--es ruhet sein Gesicht In seiner aufgestützten Linken Fläche. An Frankreichs Aussatz, an den Bösewicht, Den Sohn und Eidam, denken sie, des Leben Voll Schmutz und Schmach sie feindlich quält und sticht Den Gliederstarken sieh! Mit dem daneben, Dem Adlernas’gen, singt er im Akkord Und ragt’ einst hoch in jedem wackern Streben. Und könnt’, als er verstarb, der Jüngling dort, Der hinten sitzt, den Königsthron ererben, So ging von Stamm zu Stamm die Tugend fort. Jakob und Friederich, die andern Erben, Sie sollten zwar des Thrones Herrlichkeit, Doch nicht des Vaters bessres Gut erwerben. Denn selten nur soll Menschenredlichkeit, Nach Gottes Schluß, neu aus der Wurzel Schlagen, Weil er sie nur auf frommes Fleh’n verleiht. Dem Adlernas’gen ist dies auch zu sagen, So gut als feiern, welcher mit ihm singt, Weshalb Provence und Puglien sich beklagen, Weil so viel schlechtem Keim sein Same bringt, Als höher sich Konstanzas Gatt’ im Preise Vor Beatrixens und Margretens schwingt. Den König seht von schlichter Lebensweise, Der einsam sitzt, Heinrich von Engelland, Vergnügt, daß sich ihm gleich sein Sproß erweise. Der tiefer sitzt, den Blick emporgewandt, Ist Markgraf Wilhelm, welchen noch die Seinen In Montferrat, in Canaveser Land Und Alessandrias Tück’ und Krieg beweinen.

Achter Gesang

Die Stunde war es, die zu stillem Weinen Vor Heimweh den gerührten Schiffer zwingt, Am Tag, da er verließ die teuren Seinen, Die Liebesleid dem neuen Pilgram bringt, Wenn fernher, klagend ob des Tags Erbleichen, Der Abendglocken Trauerlied erklingt. Jedweder Laut schien mit dem Licht zu weichen, Und eine von den Seelen trat hervor Und heischt’ Aufmerksamkeit mit einem Zeichen Und naht’ und hob die beiden Händ’ empor, Als sagte sie: Du, Gott, nur bist mein Trachten! Indem ihr Blick im Osten sich verlor. Te Lucis Ante--diese Worte brachten Dann ihre Lippen vor. So fromm, so schön, Daß sie mich meiner Selbst vergessen machten. Mit andachtsvollem lieblichem Getön Stimmt’ ein der Chor zu reicher Wohllauts Fülle, Den Blick emporgewandt zu Himmelshöh’n. Die Wahrheit liegt hier unter leichter Hülle; Ist, Leser, jetzt dein Blick nur scharf und klar, So wirst du leicht erspäh’n, was sie verhülle. Demütig, bleich, sah ich die edle Schar Nach oben schau’n, erwartungsvoll und schweigend, Und sah aus himmlischem Gewölb’ ein Paar Von Engeln durch die Luft herniedersteigend, Zwei Flammenschwerter zwar in ihrer Hand, Allein mit abgebrochnen Spitzen zeigend; Grün wie das Laub, das eben erst entstand, Und, von der grünen Flügel Weh’n getrieben, Nach hinten zu leicht flatternd das Gewand. Der eine blieb nah über uns, und drüben, Jenseit des Tales, blieb der andre stehn, So, daß die Schatten in der Mitte blieben. Ich konnte wohl die blonden Häupter sehn, Doch am Gesicht verging mein Blick, geblendet, Wie oft die Sinn’ am Übermaß vergehn. "Dies Paar ist aus Marias Schoß gesendet, Zur Hut des Tales, weil die Schlange naht." So sprach Sordell, uns beiden zugewendet. Und ich, der ich nicht wußt’, auf welchem Pfad, Ich schaut’ umher, indem ich starr vor Grauen Fest an des treuen Führers Rücken trat. Sordell begann aufs neu: "Geht mit Vertrauen Jetzt zu den Großen hin und sprecht sie an, Denn lieb wird’s ihnen sein, euch hier zu schauen. Ich war im Grund, wie ich drei Schritt’ getan, Und nach mir forschend späh’n sah ich den einen, Als sah’ er ein bekanntes Antlitz nah’n. Schon schwärzte sich die Luft, doch zwischen seinen Und meinen Blicken ließ sie, nah, was sich Vorher durch sie verschlossen, klar erscheinen. Nun ging ich auf ihn zu und er auf mich. "Mein edler Richter Nin, o welch Vergnügen! Hier--nicht bei den Verdammten--find’ ich dich!" Kein schöner Gruß ward zwischen uns verschwiegen. Und er: "Wann bist du aus dem weiten Meer Am Fuße dieses Berges ausgestiegen?" "Heut morgen kam ich aus der Hölle her", Entgegnet’ ich, "und bin im ersten Leben, Doch suche hier des künftigen Gewähr." Und wie ich ihnen den Bescheid gegeben, Da fuhr Sordell und er zurück, verstört, Als halt’ ein Wunder plötzlich sich begeben, Der dem Virgil, der einem zugekehrt, Der dorten saß, am grünen Talgestade: "Auf, Konrad, sieh, was uns der Herr beschert." Und drauf zu mir: "Erwies besondre Gnade Dir der, des erster Grund verborgen ruht, Wohin kein Geist je findet Furt und Pfade, So sag’ einst jenseits dieser weiten Flut Meiner Johanna, daß sie für mich flehe, Zu ihm, der nach dem Fleh’n der Unschuld tut. Nicht liebt die Mutter wohl mich noch wie ehe, Da sie den Witwenschleier abgelegt, Nach dem sie bald sich sehnt in ihrem Wehe. An ihr sieh, wie ein Weib zu lieben pflegt, Wenn ihre Liebesglut nicht um die Wette Jetzt Anschau’n, jetzt Betastung, neu erregt. Gewiß wird einstens ihre Grabesstätte Von Mailands Schlange nicht so schön geschmückt, Als sie geschmückt der Hahn Galluras hätte." Er sprach’s, und ihm im Antlitz ausgedrückt War ein gerechter Eifer, der dem Weisen Wohl durch das Herz, doch nur gemäßigt, zückt. Ich blickte sehnlich nach des Himmels Kreisen Dorthin, wo träger ist der Sterne Lauf, So wie, der Achse nah, des Rades Kreisen. Mein Führer sprach: "Was blickst du dort hinauf?" Und ich: "Nach den drei Lichtern, denn mit ihnen Geht ja am ganzen Pol ein Feuer auf." Und er: "Die vier, die dir heut morgen schienen, Sind tief jetzt unterm Horizont versteckt, Und diese sind an ihrer Stell’ erschienen." Hier ward ich durch den Ruf Sordells erschreckt: "Den Widersacher seht!" Er sprach’s und zeigte Zur Gegend hin, den Finger ausgestreckt, Wo sich das kleine Tal geöffnet neigte; Dort war die Schlange, die wohl jener glich, Die Even einst die bittre Speise reichte. Wie sie daher durch Gras und Blumen strich, Hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf zum Rücken Verdreht empor und leckt’ und putzte sich. Nicht sah ich und vermag’s nicht auszudrücken, Wie die zwei Engel sich bewegt zum Flug, Doch deutlich sah ich sie herniederzücken. Und wie ihr Flügelpaar die Lüfte schlug, Entfloh die Schlang’, und jene beiden flogen Zu ihrem Platz zurück in gleichem Zug. Der Schatten, der von Ninos Ruf bewogen Sich uns genähert, hatte bei dem Strauß Die Blicke nimmer von mir abgezogen. "Die Leuchte, die dich führt zu Gottes Haus, Sie find’ in deinem Willen und Verstande Ihr Öl und gehe bis zum Ziel nicht aus." So sprach er, "doch wenn von der Magra Strande Du wahre Kunde hast, so gib sie mir, Denn wiss’, ich war einst groß in seinem Lande. Corrado Malaspina spricht mit dir, Der Alte bin ich nicht, doch ihm entsprungen; Die Meinen liebt’ ich stets, doch reiner hier." "Oh," sprach ich, "nimmer noch ist mir’s gelungen, Dies Land zu sehn, allein sein Nam’ und Wert Ist, wo man in Europa sei, erklungen. Der Ruf, der euer Haus erhebt und ehrt, Schallt zu der Herrn, schallt zu des Landes Preise, So daß, wer dort nicht war, davon erfährt. Ich schwör’ es dir beim Ziele meiner Reise, Daß dein Geschlecht in voller Blüte steht, Des Muts, der Gastlichkeit, der edlen Weise. Und wenn die Tollheit alle Welt verdreht, Sitt’ und Natur wird ihm den Vorzug schenken, Daß es allein den schlechten Weg verschmäht." Und er: "Jetzt geh, nicht siebenmal versenken Wird sich die Sonn’ im Bett an jenem Ort, Den ringsumher des Widders Füߒ umschränken, So wird dir diese gute Meinung dort In deinem Kopfe festgenagelt werden, Mit bessern Nägeln als mit andrer Wort, Wird nicht des Schicksals Lauf gehemmt auf Erden."

Neunter Gesang

Schon Thithons Buhlerin, entgleitend Dem Arm des süßen Freunds und einen Kranz Von weißem Licht im Orient verbreitend, Geschmückt die Stirn mit der Demanten Glanz, Die jenes kalten Tiers Gestaltung zeigen, Das tödlich sticht mit seinem gift’gen Schwanz. Zwei Schritte hatte, wo ich war, im Steigen Die Nacht getan, um sich beim dritten jetzt Mit ihren Fittichen herabzuneigen, Als meine Sinne, da ich herversetzt Mit Adams Erbschaft war, dem Schlaf erlagen Und ich ins Gras sank, wo wir uns gesetzt. Zur Stunde war es, wo mit bangen Klagen, Wenn sich der Morgen naht, die Schwalbe girrt, Vielleicht gedenkend ihrer ersten Plagen, Und wo der Geist, vom Leibe nicht verwirrt, Frei und entledigt von den Sorgen allen, Im Traumgesicht beinahe göttlich wird. Da sah ich, träumend, an des Himmels Hallen Mit goldenem Gefieder einen Aar, Gespreizt die Flügel, um herabzufallen. Mir schien’s der Ort, wo Ganymedes war, Als er, indem die Seinen ihn umfingen, Entrückt ward zu der ew’gen Götter Schar. "Er pflegt vielleicht sich hier herabzuschwingen", So dacht’ ich, "und verschmäht, von anderm Ort In seinen Klauen uns emporzubringen." Ein wenig kreist’ er erst im Bogen dort, Dann schoß er, schrecklich, wie ein Blitz, hernieder Und riß mich bis zum Feuer aufwärts fort. Mir schien, ich brenn’, auch brenne sein Gefieder, Und ganz erglüht von dem erträumten Brand, Erwacht’ ich jäh aus meinem Schlummer wieder. So fuhr Achill empor im fremden Land Und drehte dann die wachen Blick’ im Kreise, Weil er nicht wußte, wo er sich befand, Als Thetis ihn im Schlaf dem Chiron leise Entführt und ihn nach Skyros hingebracht, Von wo Ulyß ihn rief zur großen Reise; Wie ich emporfuhr, da ich aufgewacht; Doch fühlt’ ich Frost sich über mich verbreiten, Gleich einem, den der Schreck erstarren macht. Mein treuer Hort allein war mir zur Seiten-- Zwei Stunden aufwärts stieg die Sonne schon Und vor mir lagen frei des Meeres Weiten. Da sprach mein Herr: "Nicht fürchte dich, mein Sohn. Mut, denn uns ist das Schwerste nun gelungen, Drum halte fest die Kraft, die fast entfloh’n. Zum Fegefeuer bist du nun gedrungen. Den Felsen sieh, der’s einschließt--sieh das Tor Dort, wo, wie’s scheint, der Stein entzweigesprungen, Noch glänzt’ Aurora nicht dem Tage vor, Du aber lagst, den Geist vom Schlaf befangen, Im Tale dort auf jenem Blumenflor, Da kam ein Himmelsweib dahergegangen. ’Lucien seh--den Schläfer nehm’ ich fort, Und leichter soll er so zum Ziel gelangen.’ Sordell blieb mit den andern Seelen dort; Sie faßte dich, und als der Tag begonnen, Stieg sie empor mit dir an diesen Ort. Ich folgt’ ihr; und als mir ihr Blick voll Wonnen Das Tor gewiesen, legte sie dich hin Und ging, und mit ihr war dein Schlaf entronnen." Gleichwie wir, wenn uns offenen Gewinn Die Wahrheit zeigte. Sorg’ und Furcht verjagen, Von Mut und Lust erfüllt den freien Sinn, So ich--und da mich frei von Angst und Zagen Mein Meister sah, so schritt er zu den Höh’n, Und ich auch stand nicht an, den Gang zu wagen. Sieh, Leser, hier sich meinen Stoff erhöh’n, Drum staune nicht, wenn größre Kunst die Worte, Dem Stoff gemäß, sich aussucht, hoch und schön. Wir gingen fort und nahten einem Orte, Der erst als Felsenspalt’ erschien; doch nah Erkannt’ ich in der Öffnung eine Pforte. Drei Stufen von verschiednen Farben sah Ich unter ihr, um zu ihr aufzusteigen; Dann auch erkannt’ ich einen Pförtner da, Der auf der höchsten saß in tiefem Schweigen, Doch wie ich auf sein Antlitz hingewandt Mein Auge hatte, mußt’ ich’s wieder neigen. Er hatt’ ein nacktes Schwert in seiner Hand, Und wollt’ ich auf dies Schwert die Blicke kehren, So blitzt’ es her der Sonne Glanz und Brand. "Von dorten sprecht: Was mögt ihr hier begehren?" Sprach er. "Wer bracht’ euch bis zu mir empor? Habt acht, sonst wird das Kommen euch beschweren." Mein Meister drauf: "Uns sagte kurz zuvor Ein Weib, vom Himmel selbst dazu berufen: ’Kehrt dorthin euren Schritt, dort ist das Tor!’ Da hört’ ich gleich den edlen Pförtner rufen: "So mögt ihr denn durch sie zum Heile ziehen; Kommt, schreitet weiter vor zu unsern Stufen!" Wir kamen hin--die erste Stufe schien Von Marmor, weiß, von höchster Glätt’ und Reine, Drin spiegelt’ ich mich ab, wie ich erschien. Die zweite schien mir von verbranntem Steine, Rauh, lang und quer geborsten und zerschlitzt, Und ihre Farbe schwärzlichdunkle Bräune. Die dritte höchste Stuf erschien mir itzt Wie Porphyr, flammend, gleich des Blutes Quelle, Die frisch und warm aus einer Ader spritzt. Dem Pförtner diente sie zur Ruhestelle Für seine Fuߒ, und höher saß er dann Auf der durchsicht’gen diamantnen Schwelle. Gern folgt’ ich meinem Führer dorthinan, Der sprach: "Jetzt geh, ihn flehend zu begrüßen, Denn er ist’s, der das Schloß dir öffnen kann." Demütig sank ich zu des Engels Füßen, Schlug dreimal erst auf meinen Busen mich Und bat ihn, aus Erbarmen aufzuschließen. Mit seines Schwertes scharfer Spitze strich Er sieben P auf meine Stirn und machte Sie wund und sprach: "Dort drinnen wasche dich." Noch, wenn ich Asch’ und Erdenstaub betrachte, Seh’ ich des Kleides Farb’, aus welchem er Mit seiner Hand hervor zwei Schlüssel brachte. Von Gold war dieser und von Silber der. Den weißen sah ich ihn, den gelben drehen, Und sieh, verschlossen war das Tor nicht mehr. Er sprach darauf: "Trifft einer von den zween Im Schloß beim Umdreh’n irgend Widerstand, So bleibt die Türe fest verschlossen stehen. Mehr Wert hat der von Gold, doch mehr Verstand Und Kunst wird jener, eh’ er schließt, bedürfen, Denn er nur löst das vielverschlungne Band. Beim Öffnen sollt’ ich eher irren dürfen, Sprach Petrus, der sie gab, als beim Verschluß, Wenn nur, die kämen, erst sich niederwürfen." Er stieß ans heil’ge Tor und sprach zum Schluß: "So geht denn ein, doch daß euch’s nie entfalle, Daß, wer rückblickt, nach außen kehren muß." Beim Öffnen drehte mit so lautem Schalle Die heil’ge Pfort’ in ihren Angeln sich, Gemacht von starkem, klingendem Metalle, Daß es dem Knarren jenes Tores glich, Vom Schloß Tarpeja, dessen Riegel sprangen, Als der Gewalt Metell, sein Wächter, wich. Ich horcht’ aufmerksam hin, denn Stimmen sangen, Und ein Tedeum schien mir, was man sang, Zu welchem volle süße Tön’ erklangen. Denn das, was jetzt zu meinen Ohren drang, War, wie wenn zu Gesängen Orgeln gehen, Und wir vor ihrem vollen hellen Klang Die Worte halb verstehn, bald nicht verstehen.

Zehnter Gesang