Die Göttliche Komödie

Chapter 12

Chapter 123,089 wordsPublic domain

Wenn etwas, was uns wohltut oder kränkt, Uns eine Seelenkraft in Aufruhr brachte, Und sich die Seel’ in diese ganz versenkt, Dann scheint’s, als ob sie keiner andern achte; Und dies beweist genugsam gegen den, Der uns belebt von mehrern Seelen dachte. Indem wir etwas hören oder sehn, Was stark uns anzieht, ist die Zeit verschwunden, Bevor wir’s glauben und es uns versehn. Denn anders wird die Kraft, die hört, empfunden, Und anders unsrer Seele ganze Kraft; Frei ist die erste, diese scheint gebunden. Davon erhielt ich jetzo Wissenschaft-- Indessen ich gehorcht und stillgeschwiegen, Weil Staunen mir die Seele hingerafft, War fünfzig Grad’ die Sonn’ emporgestiegen, Eh’ ich’s bemerkt--da ward ein Ruf mir kund Von den gesamten Seelen: "Seht die Stiegen!" Die Öffnung, die mit einem Dorngebund, Wenn sich die Traube bräunt, die Winzer schließen, Ist weiter oft als hier der Felsenschlund, Durch welchen uns die Seelen klimmen hießen. Er vor, ich folgend, stiegen wir allein Den Felsweg, da die ändern uns verließen. Empor zu Bismantova und bergein Bei Noli kann man auf den Füßen dringen, Doch wer hier aufstrebt, muß beflügelt sein; Ich meine, mit der großen Sehnsucht Schwingen, Die mich dem Führer nachzog mit Gewalt, Der Licht mir gab und Hoffnung zum Gelingen. Wir stiegen innerhalb dem Felsenspalt, Von ihm bedrängt, und fanden kaum mit Händen Und Füßen unter uns am Boden Halt. Nachdem wir aus den rauhen. schroffen Wänden Emporgelangt zum offenen Gestad, Da fragt’ ich: "Meister, sprich, wohin uns wendend" Und er: "Mir nach, zur Höhe geht dein Pfad! Rückwärts darf keiner deiner Schritte weichen, Bis irgendwo ein kund’ger Führer naht!" Den Gipfel konnte kaum der Blick erreichen; Die Seite ging, stolz, senkrecht fast, hinan, Dem Hang der Pyramide zu vergleichen. Ich war bereits ermattet und begann: "O süßer Vater, peinlich wird die Reife! Schau’ her und sieh, daß ich nicht folgen kann!" "Bis dorthin schleppe dich!" So sprach der Weise Und zeigt’ auf einen Vorsprung nahe dort, Von dem es schien, daß er den Berg umkreise. Mir war ein Sporn des edlen Meisters Wort, Mit aller Kraft die Reise fortzusetzen; So kroch ich bis zum Bergesgürtel fort. Und dort verweilten wir, um uns zu setzen, Ostwärts, nach dem erklommnen Pfad gewandt, An dem sich gern der Wandrer Blicke letzen. Die Augen kehrt’ ich erst zum tiefen Strand, Dann als ich sie zur Sonn’ emporgeschlagen, Die uns zur Linken, Gluten sprühend, stand, Da sah Virgil, daß ich des Lichtes Wagen Anstaunte, weil er zwischen Mitternacht Und unserm Standort schien dahinzujagen, Und sprach: "Wenn jenem Spiegel ew’ger Macht Castor und Pollux jetzt Begleiter wären, Ihm, welcher auf- und abführt Licht und Pracht, So würd’ er, kreisend näher bei den Bären, Wenn er vom alten Weg nicht abgeirrt, Mit seiner Glut den Zodiak verklären. Bedenke nur, wenn dich dies Wort verwirrt, Daß dieser Berg mit Zions heil’gen Höhen Begrenzt von einem Horizonte wird, Doch beid’ auf andern Hemisphären stehen; Die Bahn, die Phaethon, der Tor, durchreist, Ist drum von hier zur linken Hand zu sehen, Indes sie dorten sich zur rechten weist-- So hoff ich denn, daß du zur klaren Kenntnis, Wenn du wohl aufgemerkt, gefördert seist." "Gewiß, mir ward so klar noch kein Verständnis Als hier," begann ich, "wo mir dein Beweis Ersetzt den Mangel eigener Erkenntnis. Der ewigen Bewegung mittler Kreis, Den man Äquator in der Kunst benannte, Der fest bleibt zwischen Sonn’ und Wintereis, Zeigt, wie ich wohl aus deiner Red’ erkannte, Sich nordwärts hier, wie ihn die Juden sahn, Wenn sich ihr Antlitz gegen Süden wandte. Doch sprich, wie weit hinauf geht unsre Bahn? Denn sieh, so hoch, wie kaum die Augen kommen, Steigt ja des Berges Gipfel himmelan." Und er: "Wer ihn zu steigen unternommen, trifft große Schwierigkeit an seinem Fuß, Die kleiner wird, je mehr man aufgeklommen. Drum, wird dir erst die Mühe zum Genuß, Erscheint dir’s dann so leicht, emporzusteigen, Als ging’s im Kahn hinab den muntern Fluß, Dann wird sich bald das Ziel des Weges zeigen, Dann wirst du sanft von deinen Mühen ruh’n. Dies ist gewiß, vom andern will ich schweigen." Er sprach’s, und eine Stimm’ ertönte nun Ganz nah bei uns: "Eh’ ihr so weit gegangen, Wird euch vielleicht zu sitzen nötig tun." Wir sahn dorthin, woher die Wort’ erklangen, Und linkshin lag ein Felsenblock uns nah, Der bis dahin mir und auch ihm entgangen. Hin schritten wir und fanden Leute da Verdeckt vom Felsen und in seinem Schatten, In welchen ich ein Bild der Trägheit sah. Und einer, wie im gänzlichen Ermatten, Saß dorten und umarmte seine Knie, Die das gesunkne Haupt inmitten hatten. "Der ist gewiß der Faulheit Bruder! sieh," Begann ich, "sieh nur hin, mein süßer Leiter, Denn sicher sahst du einen Trägern nie." Da kehrt’ er sich zu mir und dem Begleiter, Hob, doch nur bis zum Schenkel, das Gesicht Und sprach: "Bist du so stark, so geh nur weiter." Und da erkannt’ ich ihn und säumte nicht, Noch atemlos vom Klettern, vorzustreben Bis hin zu ihm, und sah ihn, als ich dicht Schon bei ihm stand, das Haupt kaum merkbar heben. "Zur Linken fährt der Sonnenwagen fort," Begann er nun, "hast du wohl acht gegeben?" Ich mußte lächeln bei dem kurzen Wort Und bei den faulen, langsamen Gebärden; Worauf ich sprach: "Belaqua, dieser Ort Bezeugt mir deutlich, du wirst selig werden. Doch sprich: harrst du des Führers sitzend hier? Wie? oder treibst du’s hier noch wie auf Erden?" "Bruder," sprach er, "was hilft das Steigen mir? Ich würde doch zur Qual nicht kommen sollen, Denn Gottes Pförtner weist mich weg von ihr. Hier außen muß um mich der Himmel rollen, So oft als er im Leben tat, da spät Und erst im Tod mein Herz bereuen wollen, Wenn mir nicht früher beispringt das Gebet, Das sich aus gläub’ger Brust emporgerungen. Was hülf ein andres, da es Gott verschmäht?" Schon war vor mir Virgil hinaufgedrungen, Und rief: "Jetzt komm, schon hat in lichter Pracht Die Sonne sich zum Mittagskreis geschwungen, Und Mauritanien deckt der Fuß der Nacht."

Fünfter Gesang

Schon hatt’ ich, auf der Spur des Führers steigend, Mich ganz von jenen Seelen abgewandt, Als ein’, auf mich mit ihrem Finger zeigend, Mir nachrief: "Seht den untern linker Hand Die Sonne teilen und den Grund beschatten Und tun, als lebt’ er noch in jenem Land." Sobald mein Ohr erreicht die Töne hatten, Kehrt’ ich mich ihnen zu, und jene sahn Erstaunt nur mich, nur mich und meinen Schatten. Da sprach Virgil: "Was zieht dich also an, Daß du den Gang zum Gipfel aufgeschoben" Und jenes Flüstern, was hat dir’s getan? Was man auch spreche, folge mir nach oben! Steh wie ein fester Turm, des stolzes Haupt Nie wankend ragt, wenn auch die Winde toben. Das Ziel entweicht, dem man sich nah geglaubt, Wenn sich Gedanken und Gedanken jagen Und einer stets die Kraft dem andern raubt." "Ich komme schon!" Was könnt’ ich anders sagen, Da mich mein Fehler zum Erröten zwang, Das oft mir schon Verzeihung eingetragen? Indessen sahn wir quer am Bergeshang Nah vor uns eine Schar von Seelen kommen, Die Vers für Vers ihr Miserere sang. Wie sie an meinem Leibe wahrgenommen, Daß er den Strahlen undurchdringlich sei, Da ward ihr Sang zum Oh! lang und beklommen. Und, gleich Gesandten, kamen ihrer zwei, Uns beide zu befragen, wer wir wären, In vollem Laufe bis zu uns herbei. Da rief Virgil: "Ihr könnt zurückekehren. Sein Leib ist wirklich ganz von Fleisch und Bein, Und solches mögt ihr jenen dort erklären. Und wenn sie, wie ich glaube, dort allein, Um seinen Schatten anzusehn, verweilen, So wissen sie genug, um froh zu sein." Und schnell hingleitend, wie, gleich Feuerpfeilen, Entflammte Dünste, wenn die Nacht beginnt, Durchs heitere Gewölb des Himmels eilen; So kehrten sie empor, um dann geschwind Sich mit den andern nach uns umzudrehen, Gleich einer Schar, die ohne Zaum entrinnt. "Sieh, viele kommen jetzt, dich anzuflehen, In dichtem Drang," so sprach mein Meister drauf, "Doch geh nur immer fort und horch im Gehen." "O du, der du zum Heil den Berg herauf Die Glieder trägst, die immer dich umfingen," So riefen sie, "hemm’ etwas deinen Lauf. Sieh, um zur Welt von uns Bericht zu bringen, Uns an--erkennst du Antlitz und Gestalt? Was weilst du nicht? Was eilst du, vorzudringen? Getötet sind wir alle durch Gewalt. Der Sünd’ uns bis zur letzten Stunde weihend, Allein im Tod von Himmelsglanz umwallt, Verstarben wir, bereuend und verzeihend, Und fühlten Gottes Frieden und das Licht, Nach seinem Anschau’n Sehnsucht uns verleihend." Und ich: "Zwar kenn’ ich keinen von Gesicht, Doch fordert nur, ihr, die ihr wohl geboren, Und das, was ich vermag, verweigr’ ich nicht. Bei jenem Frieden sei es euch beschworen, Den ich, fortklimmend auf des Führers Spur, Von Welt zu Welt, zum Ziele mir erkoren." Darauf begann der eine: "Hindert nur Nicht Ohnmacht deinen Willen, so vertrauen Wir dem, was du versprachst, auch ohne Schwur. Und solltest du, ein Lebender, die Auen Der Mark Ankona jemals wiedersehn So will ich fest auf deine Güte bauen. Laß die von Fano gläubig für mich fleh’n, Daß mir gestatten himmlische Gewalten, Zur Reinigung von schwerer Schuld zu gehn. Von dort war ich--allein die tiefen Spalten, Woraus das Blut, in dem ich lebte, floß, Hab’ ich in Paduas Bezirk erhalten, Des Schoß mich, den Vertrauenden, umschloß. Zum Mord hatt’ Este den Befehl gegeben, Der mehr der Gall’, als Recht, auf mich ergoß. Den Mordstahl sah ich bei Oriac sich heben, Doch wenn ich Mira mir zur Flucht erkor, So würd’ ich dort noch, wo man atmet, leben. Ich lief zum Sumpf, und dort, in Schlamm und Rohr, Verstrickt’ ich mich und fiel und sah die Erde Rings um mich her gemacht zum blut’gen Moor." Ein andrer: "Wie dein Wunsch befriedigt werde, Des Fittich hin zum Bergesgipfel fleugt, So kürz’ auch mir mitleidig die Beschwerde. In Montefeltro hat mich Guid’ erzeugt; Ach wenn Johannen noch mein Schicksal rührte, Nicht ging’ ich mehr mit diesem hier gebeugt." "Welche Gewalttat, welch Verhängnis führte," So sprach ich, "dich so weit vom Campaldin, Daß niemand noch bis jetzt dein Grab erspürte." "Oh," sprach er drauf, "am Fuß des Casentin Strömt vor der Archian, ein Fluß, entsprungen Beim Kloster oberhalb im Apennin. Bis dorthin, wo sein Namenslaut verklungen, Floh ich, durchbohrt den Hals, zu Fuße fort; Und blutleer schon, von Todesfrost durchdrungen, Verlor ich dorten Augenlicht und Wort, Um in Marias Namen wohl zu enden, Und fiel und ließ die leere Hülle dort. Da fühlt’ ich mich in eines Engels Händen, Doch schreiend fuhr ein Teufel auch herzu: "Wie, du vom Himmel, willst mir den entwenden? Wahr ist’s, was ewig ist, erbeutest du Nur durch ein Tränlein, das ihn mir entzogen, Doch gönn’ ich nun dem andern keine Ruh’." Du weißt, wenn feuchten Dunst emporgezogen Die Sonne hat, so stürzt er, wenn ihn dann Die Kälte faßt, zurück in Regenwogen. Zum Willen nun, der stets nur Böses sann, Fügt’ er Verstand, und Rauch und Sturm erregte Die Kraft in ihm, die sie erregen kann. Als drauf der Tag erloschen war, belegte Er Pratomagnos Tal mit schwarzem Duft, Der vom Gebirg sich drohend herbewegte. Zu Fluten wurde nun die schwangre Luft, Zum Strombett rann, was von den Regengüssen Der Grund nicht trank, hervor aus Tal und Kluft. Der Archian, gleich andern großen Flüssen, Ergoß zum Königsstrom den Sturmeslauf, Dem Fels und Baum zertrümmert weichen müssen. Wie nun den starren Leib, nicht weit herauf Von seiner Mündung, jene Flut gefunden, Da löste sie das Kreuz am Busen auf, Das ich gemacht, da Schmerz mich überwunden, Und wirbelte zum Strom die träge Last. Dort liegt sie nun im Grund, von Schlamm umwunden." Als drauf der dritte Geist das Wort gefaßt, Sprach er: "Wenn du, zur Welt zurückgekommen, Erst ausgeruht vom langen Wege hast, So laß dein Hiersein auch der Pia frommen. Siena gebar, Maremma tilgte mich, Und er, von dem ich einst den Ring bekommen, Der Treue Pfand, er weiß, wie ich erblich."

Sechster Gesang

Wenn Spieler sich vom Würfelspiel entfernen, Bleibt, der verlor, betrübt und ärgerlich Und wirft und wirft, um’s besser zu erlernen Doch alles drängt um den Gewinner sich. Der folgt und sucht, wie er sein Kleid erlange, Ein andrer, seitwärts, spricht: Gedenk’ an mich. Doch er verweilt nicht, hört auf keinen lange, Und wem er etwas gibt, der macht sich fort; So kommt er los vom lästigen Gedrange. So war ich in dem dichten Haufen dort, Und mußte hier den Kopf und dorthin wenden Und löste mich durch manch Verheißungswort; Sah Benincasa, der den Wütrichshänden Des Ghin erlag, und sah darauf auch ihn, Des Los war, jagend in der Flut zu enden. Novelle bat mich flehend, zu verzieh’n; Auch der von Pisa dann, durch den der gute, Der wackere Marzucco stark erschien. Graf Orfo auch, und der im Frevelmute Vertilgt ward, wie er sagt’, aus Neid und Groll, Nicht weil auf ihm ein schwer Verbrechen ruhte, Den Broccia mein’ ich--mag sich demutsvoll Zur Reue die Brabanterin bequemen, Wenn sie zu schlechterm Troß nicht kommen soll. Kaum war ich frei von allen jenen Schemen, Die dort mich angefleht, zu fleh’n, daß sie Zur Heiligung mit größrer Eile kämen; Da sprach ich: "Du, der stets mir Licht verlieh, Hast irgendwo in deinem Werk geschrieben, Den Schluß des Himmels beuge Flehen nie. Doch hörtest du, wozu mich diese trieben. Täuscht nun vielleicht die Hoffnung diese Schar? Ist unklar mir vielleicht dein Sinn geblieben?" "Nicht täuscht sie Hoffnung, und mein Wort ist klar," So sprach er drauf, "du magst es nur betrachten Mit hellem Geist, so wird dir’s offenbar. Ist für gebeugt das strenge Recht zu achten, Wenn das erfüllt der Liebe heißer Trieb, Was jenen oblag und sie nicht vollbrachten? Da, wo ich jenen Grundsatz niederschrieb, Da sühnte man durch Bitten keine Sünden, Weil ungehört von Gott die Bitte blieb. Doch kannst du jetzt so tiefes nicht ergründen, So harr’ auf sie, die zwischen deinem Geist Und ew’ger Wahrheit wird ein Licht entzünden. Beatrix ist’s, wenn du’s vielleicht nicht weißt, Die Lächelnde, Beglückte, die zu sehen Des hohen Berges Gipfel dir verheißt." Und ich: "Mein Meister, laß uns schneller gehen! Mir kehrt die Kraft, die kaum noch unterlag, Und sieh, schon werfen Schatten jene Höhen." "Wir gehn soweit als möglich diesen Tag," Entgegnet’ er, "doch andres wirst du finden, Als eben jetzt dein Geist sich denken mag. Die Sonne, deren Strahlen jetzt verschwinden, So, daß zugleich dein Schatten flieht, sie kehrt, Bevor wir uns empor zum Gipfel winden. Doch eine Seele sieh, uns zugekehrt, Allein, betrachtend, wie du dich bewegtest. Gewiß, daß sie den nächsten Weg uns lehrt." O Geist von Mantua, wie du lebend pflegtest, So bliebst du stolzen, strengen Angesichts, Indem du langsam ernst die Augen regtest. Er ließ uns beide gehn und sagte nichts, Gleich einem Leu’n, der ruht, uns still betrachtend Mit scharfem Strahle seines Augenlichts. Allein Virgil, nur nach der Höhe trachtend, Befragt’ ihn: "Wo erklimmt man diese Wand?" Doch jener, nicht auf seine Fragen achtend, Fragt’ uns nach unserm Leben, unserm Land. Und: "Mantua"--begann nun mein Begleiter; Da hob der Schatten, erst in sich gewandt, Sich schnell vom Sitz und ward teilnehmend heiter. "Sordell bin ich, dein Landsmann!" rief er aus, Und, selbst umarmt, umarmt’ er meinen Leiter-- Italien, Sklavin, Schlund voll Schmerz und Graus, Schiff ohne Steurer auf durchstürmten Meeren, Nicht Herrscherin der Welt, nein, Hurenhaus; Wie sah ich jenen Schatten dort, den hehren, Beim süßen Klange seiner Vaterstadt Hereilen, um den Landsmann froh zu ehren. Doch deine Lebenden sind nimmer satt, Im tollen Kampf sich wechselweis zu morden, Selbst die umschlossen eine Mauer hat. Elende, such’ an deinen Meeresborden, Im Innern such’ und keinen Winkel letzt Des Friedens Glück im Süden und im Norden. Was hilft dir’s, da dein Sattel unbesetzt, Daß Justinian die Zügel dir erneute? Ohn’ ihn wär’ minder deine Schande jetzt. Ihr hattet längst mit frommem Sinn, ihr Leute, Zu Cäsars Sitz den Sattel eingeräumt, Verstündet ihr, was Gottes Wort bedeute. Seht, wie das wilde Tier sich tückisch bäumt, Seit niemand es die Sporen fühlen lassen, Und ihr es, die ihr’s zähmen wollt, entzäumt. O deutscher Albrecht, der dies Tier verlassen, Das drum nun tobt in ungezähmter Wut, Statt mit den Schenkeln kräftig es zu fassen, Gerechtes Strafgericht fall’ auf dein Blut Vom Sternenzelt, auch sei es neu und offen, Dann ist dein Folger wohl auf seiner Hut. Was hat dich und den Vater schon betroffen, Weil ihr, verödend diese Gartenau’n, Nach jenseits nur gestellt das gier’ge Hoffen. Komm her, der Philipeschi Stamm zu schau’n Leichtsinniger, komm, sieh die Cappelletten, Die schon gebeugt, und die voll Angst und Grau’n! Komm, Grausamer, die Treuen zu erretten! Sieh, ungestraft drängt sie der schnöde Feind! Sieh Santafior in wilder Räuber Ketten! Komm her und sieh, wie deine Roma weint, Und höre Tag und Nacht die Witwe stöhnen: Mein Cäsar, ach, warum nicht mir vereint? Komm her und sieh, wie alle sich versöhnen, Komm her, und fühlst du dann auch Mitleid nicht, So schäme dich, daß alle dich verhöhnen. Verzeih, o höchster Zeus im ew’gen Licht, Der du für uns gekreuzigt wardst auf Erden, Ist anderwärts gewandt dein Angesicht? Wie? oder soll aus schrecklichen Beschwerden, Ein neues Heil, von keinem Aug’ entdeckt, Nach deinem tiefen Rat bereitet werden? Wie voll Italien von Tyrannen steckt! Will sich ein Bauer der Partei verschwören, Gleich heißt’s von ihm, Marcell sei auferweckt. Du, mein Florenz, du kannst dies ruhig hören, Da dieser Abschweif nimmer dich berührt. Nie ließ sich ja dein wackres Volk betören. Gerechtigkeit hegt vieler Herz, nur spürt Man etwas spät, wie sehr es ihr gewogen, Indes dein Volk sie stets im Munde führt. Wenn Bürgerämtern viele sich entzogen, Nimmt sie dein Volk freiwillig an und schreit: Seht her, mich hat die Bürde krumm gebogen! Nun freue dich, wenn du verdienest Neid, Du Reiche, du Friedselige, du Weise-- Ich red’ im Ernst, die Wahrheit liegt nicht weit. Man spreche von Athen und Sparta leise! Sollt’ ihr Gesetz wohl wert der Rede sein, Wie sehr man’s anpreist, neben deinem Preise? Das, was du vorkehrst, ist gar dünn und fein; Denn wenn du’s im Oktober angesponnen, Zerreißt es im November kurz und klein. Wie oft hast du geendet und begonnen, Hast über Münz’ und Art, Gesetz und Pflicht, Und Haupt und Glieder anders dich besonnen; Bist du nicht völlig blind für jedes Licht, So mußt du dich gleich einer Kranken sehen. Ruh’ findet sie auf ihren Kissen nicht Und wendet sich, den Schmerzen zu entgehen.

Siebenter Gesang