Die Göttliche Komödie

Chapter 11

Chapter 114,079 wordsPublic domain

"Uns naht des Höllenköniges Panier! Schau’ hin, ob du vermagst ihn zu erspähen." So sprach mein edler Meister jetzt zu mir. Und wie, wenn dichte Nebel uns umwehen, Wie in der Dämmerung, vom fernen Ort Windmühlenflügel aussehn, die sich drehen; So sah ich jetzo ein Gebäude dort-- Nichts fand ich sonst, mich vor dem Wind zu decken, Drum drängt’ ich fest mich hinter meinen Hort. Dort war ich, wo--ich sing’ es noch mit Schrecken-- Die Geister, in durchsicht’ges Eis gebannt, Ganz drin, wie Splitterchen im Glase, stecken. Der lag darin gestreckt, und mancher stand, Der aufrecht, jener auf dem Kopf; der bückte Sich sprenkelkrumm, das Haupt zum Fuß gewandt. Als hinter ihm ich so weit vorwärts rückte, Daß es dem Meister nun gefällig schien, Mir den zu zeigen, den einst Schönheit schmückte. Da trat er weg von mir, hieß mich verzieh’n, Und sprach zu mir: "Bleib, um den Dis zu schauen, Und hier laß nicht dir Mut und Kraft entfliehn." Wie ich da starr und heiser ward vor Grauen, Darüber schweigt, o Leser, mein Bericht, Denn keiner Sprache läßt sich dies vertrauen. Nicht starb ich hier, auch lebend blieb ich nicht. Nun denke, was dem Zustand dessen gleiche, Dem Tod und Leben allzugleich gebricht. Der Kaiser von dem tränenvollen Reiche Entragte mit der halben Brust dem Glas, Und wie ich eines Riesen Maß erreiche, Erreicht’ ein Riese seines Armes Maß. Nun siehst du selbst das ungeheure Wesen, Dem solch ein Glied verhältnismäßig saß. Ist er, wie häßlich jetzt, einst schön gewesen, Und hat den güt’gen Schöpfer doch bedroht, So muß er wohl der Quell sein alles Bösen. O Wunder, das sein Kopf dem Auge bot! Mit drei Gesichtern sah ich ihn erscheinen, Von diesen aber war das vordre rot. Anfügten sich die andern zwei dem einen, Gerad’ ob beiden Schultern hingestellt, Um oben sich beim Kamme zu vereinen; Das Antlitz links weißgelblich--ihm gesellt Das links, gleich dem der Leute, die aus Landen Von jenseits kommen, wo der Nilus fällt. Groß, angemessen solchem Vogel, standen Zwei Flügel unter jedem weit heraus, Die wir den Segeln gleich, nur größer, fanden, Und federlos, wie die der Fledermaus. Sie flatterten ohn’ Unterlaß und gossen Drei Winde nach verschiedner Richtung aus. Dadurch ward der Kozyt mit Eis verschlossen. Sechs Augen waren nie von Tränen frei, Die auf drei Kinn’ in blut’gem Geifer flossen. Und einen armen Sünder malmt’ entzwei Und kaute jeder Mund, daher zerbissen, Flachsbrechen gleich, die scharfen Zähne drei. Der vordre Mund schien sanft in seinen Bissen, Verglichen mit den scharfen Klau’n, zu sein, Die oft die Haut vom Fleisch des Sünders rissen. Da sprach Virgil: "Sieh hier die größte Pein! Ischariots Kopf steckt zwischen scharfen Fängen, Und außen zappelt er mit Arm und Bein. Zwei andre sieh, den Kopf nach unten hängen; Hier Brutus an der schwarzen Schnauze Schlund Sich ohne Laute winden, dreh’n und drängen; Dort Cassius, kräftig, wohlbeleibt und rund-- Doch naht die Nacht, drum sei jetzt fortgegangen, Denn ganz erforscht ist nun der Hölle Grund." Jetzt winkte mir, den Hals ihm zu umfangen, Und Zeit und Ort ersah sich mein Gesell, Und, als sich weit gespreizt die Flügel schwangen, Hing er sich an die zott’ge Seite schnell, Griff Zott’ auf Zott’, um sich herabzusenken Inmitten eis’ger Rind’ und rauhem Fell. Dort angelangt, wo in den Hüftgelenken Des Riesen sich der Lenden Kugeln dreh’n, Eilt’ er, mit Müh’ und Angst, sich umzuschwenken. Wo erst der Fuß war, kam das Haupt zu stehn; Die Zotten fassend, klomm er aufwärts weiter, Als sollten wir zurück zur Hölle gehn. "Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter Entkommt man nur so großem Leid," so sprach Tiefkeuchend, wie ein Müder, mein Begleiter. Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach, Dann setzt’ er mich auf einen Rand daneben Und streckte mir den Fuß behutsam nach. Ich blickt’ empor und glaubte, wie ich eben Den Dis gesehn, so stell’ er noch sich dar. Doch seine Füße sah ich sich erheben. Wie ich erschrak, bedenk’, o dumme Schar, Der’s nottut, daß sie erst erkennen lerne, Durch welchen Punkt ich jetzt gedrungen war. Da sprach Virgil: "Jetzt auf, das Ziel ist ferne, Der Weg auch schwierig, den du vor dir hast; Und Sol, aufsteigend. scheucht bereits die Sternen Nicht war’s ein Gang durch einen Prachtpalast, Der vor mir lag; er lief auf rauhem Grunde Durch eine Felsschlucht, völlig dunkel fast. Ich, aufrecht stehend, sprach: "Eh’ aus dem Schlunde Der Weg, den du mich leitest, mich entläßt, Reiß aus dem Irrtum mich und gib mir Kunde: Wo ist das Eis? Wie steckt Dis köpflings fest? Und wie hat Sol so schnell aus solchen Weiten Die Überfahrt gemacht zum Ost vom West? "Du glaubst dich auf des Zentrums andern Seiten, Wo du am Wurme, der die Erde kränkt Und sie durchbohrt, mich sahst herniedergleiten. Du warst’s, solang’ ich mich hinabgesenkt; Allein den Punkt, der anzieht alle Schwere, Durchdrängest du, da ich mich umgeschwenkt. Jetzt kamst du zu der andern Hemisphäre, Entgegen der, die großes trocknes Land Bedeckt, und unter deren Zelt der Hehre So fehllos lebt’ und starb, wie er entstand. Du stehest jetzo auf dem kleinen Kreise, Der hier Judokas andre Seit’ umspannt. Und hier beginnt der Sonne Tagesreise, Wenn sie dort endet, und im Brunnen steckt Noch immer Luzifer nach alter Weise. Vom Himmel ward er hier herabgestreckt. Das Land, das erst hier ragte, hat sich droben Aus Furcht vor ihm im Meeresgrund versteckt Und sich auf jenem Halbkreis dort erhoben. Um ihn zu flieh’n, drang auch die Erde vor Aus dieser Höhl’ und drängte sich nach oben." So sprach Virgil--und sieh, vom Dis empor Ging eine Schlucht, tief wie die ganze Hölle, Zwar nicht erkannt vom Auge, doch vom Ohr; Denn rauschend lief ein Bach, des rasche Welle Sich Bahn durch Felsen brach, mit sanftem Hang Und vielgewunden, bis zu jener Stelle. Nun trat mein Führer auf verborgnem Gang Den Rückweg an entlang des Baches Windung; Und wie ich, rastlos folgend, aufwärts drang, Da blickte durch der Felsschlucht obre Rundung Der schöne Himmel mir aus heitrer Ferne, Und eilig stiegen wir aus enger Mundung Und traten vor zum Wiedersehn der Sterne.

Das Fegefeuer

Erster Gesang

Zur Fahrt in bess’re Fluten aufgezogen Hat seine Segel meines Geistes Kahn, Und läßt nun hinter sich so grimme Wogen. Zum zweiten Reiche hin geht seine Bahn, Wohin zur Reinigung die Geister schweben, Um würdig dann dem Himmelreich zu nah’n. Doch hier mag sich die tote Dichtung heben, O heil’ge Musen, da ich euer bin! Hier mög’ empor Kalliopeia streben! Sie folge mir mit jenem Ton dahin, Des Streich, die armen Elstern einst erschreckend, Verzweiflung bracht’ in ihren stolzen Sinn. Des Saphirs holde Farbe, ganz bedeckend Des reinen Äthers heiteres Gebäu Und bis zum ersten Kreise sich erstreckend, Erschuf vor mir der Augen Wonne neu, Sobald ich jetzt der toten Luft entklommen, Die Aug’ und Brust getrübt in Nacht und Scheu. Der schöne Stern, der Lieb’ erregt, entglommen Im Osten, hatt’ in Lächeln ihn verklärt, Die Fisch’ umschleiernd, die mit ihm gekommen. Dann rechts, dem andern Pole zugekehrt, Erblickt’ ich eines Viergestirnes Schimmer, Des Anschau’n nur dem ersten Paar gewährt. Der Himmel schien entzückt durch sein Geflimmer. O du verwaistes Land, du öder Nord, Du siehst den Glanz der schönen Lichter nimmer. Als ich darauf vom Viergestirne fort Ein wenig hin zum andern Pole sah, Da war verschwunden schon der Wagen dort. Und einen Greis, allein, sah ich mir nahe, Der Ehrfurcht also wert an Mien’ und Art, Daß mir, als ob’s mein Vater sei, geschähe. Lang war, mit weißem Haar vermischt, sein Bart Und gleich dem Haar des Haupts, das, niedersinkend Als Doppelstreif, der Brust zur Hülle ward. Sein Angesicht, die heil’gen Strahlen trinkend Des Viergestirnes, war so schön und klar, Als sah’ ich es, vom Schein der Sonne blinkend. "Wer seid ihr, die ihr fortflieht, wunderbar, Aus ew’ger Haft, dem blinden Strom entgegen" Er sprach’s, bewegt des Bartes greises Haar, "Wer leitet’ euch? Wer leuchtet’ euren Wegen, Daß ihr entstiegt den Schatten tiefer Nacht, Die, ewig achwarz, der Hölle Täler hegend Verlor des Abgrunds Satzung ihre Macht? Hat neuer Ratschluß durch der Hölle Pforte Verdammt’ in meine Grotten hergebracht?"-- Hier fühlt’ ich mich erfaßt von meinem Horte, Und ehrerbietig macht er Brau’n und Knie Mir alsogleich mit Hand und Wink und Worte Und sprach: "Nicht durch mich selber bin ich hie; Ein Weib kam bittend aus den höchsten Sphären, Darob ich diesem mein Geleit verlieh. Doch da’s dein Will’ ist, daß ich dich belehren Von unserm wahren Zustand soll, wie mag Mein Will’ ein andrer sein, als zu gewähren! Nicht sahe dieser noch den letzten Tag, Doch war er nah ihm, so vom Wahn verblendet, Daß er gewiß in kurzer Frist erlag. Um ihn zu retten, ward ich abgesendet, Und hierzu fand ich diesen Weg nur gut, Auf welchem ich mich jetzt hierher gewendet. Ich zeigt’ ihm schon der Sünder ganze Brut, Nun aber ist er die zu sehn bereitet, Die hier sich läutern unter deiner Hut. Lang wär’s zu sagen, wie ich ihn begleitet. Kraft kam von oben, helfend, daß ich ihn, Um dich zu hören und zu sehn, geleitet. Laß dir’s gefallen, daß er hier erschien. Er sucht die Freiheit--wie sie wert zu halten, Weiß, wer um sie des Lebens sich verzieh’n. Du weißt’s, du ließest gern sie zu erhalten, In Utica die Hülle blutbenetzt, Die hell am großen Tag sich wird entfalten. Nicht ward der ew’ge Schluß von uns verletzt. Er lebt und mich hält Minos nicht gefangen. Ich bin vom Kreis, wo deine Martia jetzt, Noch keuschen Aug’s, dir ausspricht das Verlangen, O heil’ge Brust, als dein sie anzusehn, Drum woll’ uns, ihr zuliebe, wohl empfangen. Laß uns durch deine sieben Reiche gehn, Dann grüߒ ich sie von dir in jenen Hallen, Willst, dort erwähnt zu sein, du nicht verschmäh’n." "Gefiel auch", sprach er, "Martia mir vor allen, Da ich gelebt, so daß ich ihr erwies, Wodurch ich irgend wußt’, ihr zu gefallen, Doch jetzt nicht mehr bewegen darf mich dies, Da sie dort wohnt jenseits der nächt’gen Wogen, Wie festgesetzt ward, als ich sie verließ. Doch hat ein Himmelsweib dich hergezogen, Wie du gesagt, was braucht’s da Schmeichelei’n? Sie will, dies g’nügt, und treulich wird’s vollzogen Drum geh, zum weitern Weg ihn einzuweih’n. Ihn muß ein Gurt von glatter Bins’ umschnüren, Dann wasch ihm das Gesicht vom Schmutze rein. Das Aug’ umnebelt, will sich’s nicht gebühren, Zum ersten Diener, der vom sel’gen Land Herabgekommen ist, ihn hinzuführen. Rings trägt der kleinen Insel tiefster Strand, Wo Wog’ und Woge sich im Wechsel jagen, Viel Binsen am morastig weichen Rand. Die andern Pflanzen, welche Blätter tragen Und sich verhärten, kommen da nicht auf, Wo’s gilt, sich schmiegen, wenn die Wellen schlagen. Doch kehrt von dort nicht rückwärts euren Lauf; Die Sonne zeigt--seht, dort ersteht sie eben!-- Euch dann den leichtern Weg den Berg hinauf." Hier sah ich ihn vor meinem Blick verschweben; Stumm stand ich auf und sah auf meinen Hort, In seinen Schutz und Willen ganz ergeben. Er sprach: "Sohn, folge mir jetzt rückwärts. Dort Neigt mehr und mehr die Ebene sich immer Nach ihren letzten tiefsten Grenzen fort." Schon trieb das Morgenrot mit lichtem Schimmer Die Frühe vor sich her, und vom Gestad Erkannt’ ich weit hinaus des Meers Geflimmer. Nun gingen wir dahin auf ödem Pfad, Wie wer, verirrt, zum rechten Wege schreitend, Sein Gehn umsonst glaubt, bis er ihn betrat. Wir sahn den Tau bald, mit der Sonne streitend, Doch, weil er dort an schatt’ger Stelle war, Sich minder schnell in leichtem Dunst verbreitend. Worauf mein Hort mit seiner Hände Paar Sanft die zerstreuten, weichen Gräser deckte, Drob ich, denn seinen Vorsatz nahm ich wahr, Ihm die betränte Wang’ entgegenstreckte. Rein wusch er mir die Farbe der Natur, Die erst der Schmutz der Hölle ganz versteckte. Nun gingen wir dahin auf öder Flur Am Strande fort, der nie ein Schiff erblickte, Das wieder heim zum Vaterlande fuhr. Dort, so wie der geboten, der uns schickte, Umgürtet er mit schwachen Binsen mich, Und wo er nur die niedre Pflanze knickte, Erhob sie neu aus ihrer Wurzel sich.

Zweiter Gesang

Sol war zum Horizont herabgestiegen, Des Mittagskreis, wo er am höchsten steht, Sieht unter sich die Feste Zions liegen. Nacht, welche sich ihm gegenüber dreht, War mit der Wag’ am Ganges vorgegangen, Die, wenn sie zunimmt, ihrer Hand entgeht. Drum hatten Eos weiߒ und rote Wangen Dort, wo ich war, weil ihre Jugend schwand, In hohem Gelb zu schimmern angefangen. Wir waren noch am niedern Meeresstrand, Und gingen, ob des fernen Wegs in Sorgen, Im Herzen fort, indes der Körper stand. Und wie in trüber Röte, wenn der Morgen Sich nähert, Mars, im Westen, nah dem Meer Sich zeigt, von dichten Dünsten fast verborgen, So sah ich jetzt ein Licht--o säh’ ich’s mehr! Und eilig, wie kein Vogel je geflogen, Glitt’s auf des Meeres glattem Spiegel her. Als ich von ihm die Augen abgezogen Ein wenig hatt’ und zu dem Führer sprach, Schien’s heller dann und größer ob den Wogen. Dann auf des Lichtes beiden Seiten brach Ein weißer Glanz hervor, und er entbrannte, Wie’s näher kam, von unten nach und nach. Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte, Solang der Flügel erstes Weiß erschien, Rief, wie er nun den hehren Schiffer kannte: "O eile jetzt, o eile, hinzuknien! Sieh Gottes Engel! Falte deine Händel Nun siehst du solche Gottes Wink vollziehen. Sieh, er verschmäht, was Menschenwitz erfände. Nicht Segel, Ruder nicht--sein Flügelpaar Braucht er zur Fahrt ans ferneste Gelände. Sieh, wie’s gen Himmel strebt so schön und klar! Die Luft bewegt das ewige Gefieder, Das nicht sich ändert wie der Menschen Haar." Und wieder naht’ er sich indes und wieder In hellerm Glanz, daß näher solchen Schein Mein Auge nicht ertrug, drum schlug ich’s nieder. Und leicht und schnell sah ich durch ihn allein Das Schiff des Eilands niedern Strand gewinnen, Auch drückt’ es kaum die Spur den Fluten ein. Und als ein Sel’ger stand vor meinen Sinnen Am Hinterteil des Schiffes Steuermann, Und mehr als hundert Geister saßen drinnen. "Als aus Ägypten Israel entrann"; Die Schar, gewiß, das Ufer zu erreichen, Fing diesen Psalm einstimm’gen Sanges an. Er macht’ auf sie des heil’gen Kreuzes Zeichen, Drum warf sich jeder hin am Meeresbord, Dann sah man ihn schnell, wie er kam, entweichen. Fremd schienen alle, welche blieben, dort, Und um sich blickend sah ich sie verweilen, Wie den, der Neues sieht am fremden Ort. Von allen Seiten schoß mit Feuerpfeilen Den Tag die Sonne, die vom Meridian Den Steinbock schon gezwungen, zu enteilen Da hoben, die wir eben kommen sahn, Nach uns die Stirn empor mit diesem Worte: "Zeigt uns, dafern ihr könnt, zum Berg die Bahn." Erwidert ward darauf von meinem Horte: "Wißt, wenn ihr wähnt, wir wüßten hier Bescheid; Wir sind so fremd wie ihr an diesem Orte. Denn kurz vorher, eh’ ihr gekommen seid, Sind auf so rauhem Weg wir angekommen, Daß hier zu klimmen Spiel, nicht Müh’ und Leid." Wie jene nun am Atmen wahrgenommen, Daß ich noch lebe, schienen sie bewegt, Ja, vor Erstaunen ängstlich und beklommen. Und wie dem Boten, der den Ölzweig trägt, Die Menge folgt, voll Neubegier sich pressend, Und Tritt’ und Stöße sonder Scheu erträgt, So drängten jetzt, mich mit den Augen messend, Zu mir die hochbeglückten Seelen sich, Beinah den Gang zur Reinigung vergessend. Hervor trat eine jetzt, so inniglich Mich zu umarmen, mit so holden Mienen, Daß mein Verlangen ganz dem ihren glich. Leere Schatten, die Gestalt nur schienen! Dreimal halt’ ich die Hände hinter ihr, Und dreimal kehrt’ ich zu der Brust mit ihnen. Das Antlitz, glaub’ ich, malt’ Erstaunen mir, Und jenen sah ich lächelnd rückwärts schweben, Doch folgt’ ich ihm mit liebender Begier. Und lieblich hört’ ich ihn die Stimm’ erheben: "Sei ruhig!" Da erkannt’ ich ihn und bat, Er möge weilen und mir Antwort geben. "Dich lieb’ ich," sprach er, als ich ihn genaht, "Wie einst im Leib, so jetzt der Haft entbunden, Drum weil’ ich--doch was gehst du diesen Pfad?" "O mein Casella, hier nur eingefunden Hab’ ich mich, um zur Welt zurückzugehn. Doch wie bist du beraubt so vieler Stunden?" Und er: "Drob ist kein Unrecht mir gescheh’n. Mußt’ er auch öfters mich zurückeweisen, Der mit sich fortnimmt, wann er will und wen. Denn sein Will’ ist nur der des Ewig-Weisen. Und seit drei Monden hat er gern gewährt, Wenn irgendwer verlangt hat, mitzureisen. Auch mich, der ich mich zu dem Strand gekehrt, Wo salzig wird der Tiber süße Welle, Empfing er liebevoll, da ich’s begehrt. Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle, Wo er vereint mit freudigem Empfang Die, so nicht Sünde stürzt zur Nacht der Hölle." Und ich: "Hat dir nicht jenen Liebessang, Den du geübt, ein neu Gesetz entrissen, Der öfters mir gestillt des Herzens Drang, So laß mich jetzt nicht seinen Trost vermissen; Denn meine Seele, die der Leib umflicht, Schwebt, da sie hier erscheint, in Kümmernissen." "Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht Begann er jetzt, und ach, die süße Weise Verklingt noch jetzt in meinem Innern nicht. Mein Herr und ich, wir standen still im Kreise Der andern dort und alle so beglückt, Als kennten wir kein andres Ziel der Reise, Nur seinen Tönen horchend, hochentzückt. Da sieh bei uns den ehrenhaften Alten: "Was, träge Geister, ist’s, das euch berückt? Nachlässige, so lang’ euch aufzuhalten! Zum Berg hin, wo man frei der Hüllen wird, Die Gottes Anblick noch euch vorenthalten! Wie wenn, von Weizen oder Lolch gekirrt, Die Tauben still im Stoppelfelde schmausen Und keine mehr umherstolziert und girrt, Dann aber, wenn erscheint, wovor sie grausen, Sie alle jäh, mit größrer Sorg’ im Sinn, Von ihrer Weid’ empor im Fluge brausen; So lief die Schar der Seelen jetzt dahin, Vom Sange fort, zum Berge sonder Weile, Wie wer da läuft, allein nicht weiß wohin; Wir aber folgten mit nicht mindrer Eile.

Dritter Gesang

Trieb jähe Flucht auch alles, was vereinigt Beim Sänger war, zerstreut jetzt durch den Plan Dem Berge zu, wo die Vernunft uns peinigt, Doch drängt’ ich mich dem treuen Führer an. Wie könnt’ ich ihn auch bei der Reife missen? Wie kam ich wohl ohn’ ihn den Berg hinauf? Er schien gepeinigt von Gewissensbissen. würdig reine Seele, wie empört, Wie quält der kleinste Fehler dein Gewissen! Als seines Laufes Eil’ nun aufgehört, Bei welcher Würd’ im Anstand nimmer waltet, Da ward mein Geist, verengt erst und verstört, Zum Streben neu erweitert und entfaltet, Und, das Gesicht dem Berge zugewandt, Sah ich, dem Himmel zu, ihm hochgestaltet. Die Sonne, hinter mir in rotem Brand, War vor mir, nach Gestaltung und Gebärde, Gebrochen, da mein Leib ihr widerstand. Und bang, daß ich allein gelassen werde, Kehrt’ ich mich schleunig seitwärts, da ich sah, Beschattet sei vor mir allein die Erde. "Was argwöhnst du" begann mein Tröster da, Zu mir gewandt, erratend, was ich dachte, "Glaubst du, ich sei dir nicht, wie immer, nah? Dort liegt der Leib, in dem ich Schatten machte, An Napels Strand, den jetzt schon Nacht umflicht, Wohin man einst von Brindisi ihn brachte. Beschatt’ ich jetzt vor mir die Erde nicht, So staune nicht darum--deckt doch der Schimmer Des einen Himmels nie des andern Licht. Dergleichen Körper schafft der Herr noch immer, Damit sie dulden Hitz’ und Frost und Pein, Doch wie er’s macht, entschleiert er uns nimmer. Tor, wer da hofft, er dring’ in alles ein Mit der Vernunft, selbst in endlose Sphären, Wo er, der Ew’ge, einer ist in drei’n. Strebt, Menschen, doch das Wie nicht aufzuklären; Denn wär’s gestattet, alles zu erschau’n, Nicht brauchte dann Maria zu gebären. Wohl mancher dürft’ auf seinen Geist vertrauen, Dem noch die Sehnsucht, alles zu erkunden, Geblieben ist zu ewiglichem Grau’n. Du weißt, wo wir den Plato aufgefunden Und manchen sonst." Er schwieg, die Stirn geneigt, Und alle Heiterkeit schien ihm geschwunden. Wir kamen hin, von wo man aufwärts steigt. Dort oben ist der Fels so steil gelegen, Daß sich kein Raum zu einem Dritte zeigt. Der rauhste von den öden Felsenwegen Inmitten Lerci und Turbia schmiegt Sich sanft und leicht, stellt man ihn dem entgegen. "Wer weiß, zu welcher Hand der Hang sich biegt." Der Meister sprach’s und hielt jetzt ein im Schreiten, "So daß auch der hinauf kann, der nicht fliegt?" Er ließ indes den Blick zum Boden gleiten Und nahm im Geist des Pfades Prüfung wahr. Doch ich sah aufwärts nach des Berges Seiten, Und da erschien mir linksher eine Schar, Die schien so langsam zu uns her zu schweben, Daß kaum Bewegung zu bemerken war. "Laß," sprach ich, "Meister, deinen Blick sich heben, Die Rat erteilen können, nahen schon, Dafern du nicht vermagst, ihn selbst zu geben." Frei schaut’ er auf, und alle Sorgen floh’n. "Nur langsam". sprach er, "geht ihr Gang vonstatten, Drum gehn wir hin. Getrost jetzt, süßer Sohn!" Wir waren noch entfernt von jenen Schatten Und ihnen etwa steinwurfweit genaht, Als wir getan an tausend Schritte hatten. Da drängten alle sich ans Felsgestad Und standen still und dicht, uns zugewendet, Wie wen Bedenken hemmt auf seinem Pfad. "O Auserwählte, die ihr wohl geendet," Begann Virgil, "wie einst euch Friede jetzt, Den, wie ich glaube, Gott euch allen spendet, So zeigt uns des Gebirges Abhang jetzt Und laßt uns einen Weg nach oben sehen, Denn Zeitverlieren schmerzt den, der sie schätzt." Gleichwie die Schäflein aus dem Stalle gehen, Eins, zwei und drei, indessen noch verzagt Die andern mit gebeugten Köpfen stehen, Bis was das erste tat, nun jedes wagt, Wenn jenes harrt, geduldig die Beschwerde Des Drangs erträgt und nach dem Grund nicht fragt; So sah ich jetzt von der beglückten Herde Die vordem sich bewegen und uns nah’n, Das Antlitz züchtig, ehrbar die Gebärde. Wie sie das Licht zur Rechten meiner Bahn Geteilt und, als des Erdenleibes Zeichen, Die Felsenwand von mir beschattet sahn, Sah ich sie stehn und etwas rückwärts weichen. Die andern wußten zwar nicht, was gescheh’n, Doch alle taten sie sofort desgleichen. "Ohn’ eure Frage will ich euch gestehn, Noch einem Menschen ist der Körper eigen, Von welchem ihr das Licht geteilt gesehn. Doch laßt Verwunderung und Staunen schweigen; Nicht ohne Kraft, die Gott nur geben kann, Sucht er die schroffe Wand zu übersteigen." Mein Hort sprach’s, und die würd’ge Schar begann, Uns mit der Hände Rücken Zeichen gebend: "Kehrt wieder um und schreitet uns voran!" Und einer drauf, zu mir die Stimm’ erhebend: "Wer du auch seist, blick’ um, mich anzuschau’n, Besinne dich: Sahst du mich jemals lebend`?" Ich wandt’ auf ihn die Augen voll Vertrau’n. Blond war er, schön, von würdigen Gebärden, Doch war gespalten eine seiner Brau’n. Demütig sagt’ ich, daß ich ihn auf Erden Niemals gesehn; da aber hieß er mich Aufmerksam auf die Wund’ am Busen werden, Und lächelnd sprach er dann: "Manfred bin ich! Wenn dich zur Welt zurück die Schritte tragen, Zu meiner Tochter geh, ich bitte dich, Die unterm Herzen jenes Paar getragen, Das Aragonien und Sizilien ehrt, Ihr Wahres, wenn man andres sagt, zu sagen. Als zweimal mich durchbohrt des Feindes Schwert, Da übergab ich weinend meine Seele Dem Richter, der Verzeihung gern gewährt. Oh groß und schrecklich waren meine Fehle, Doch groß ist Gottes Gnadenarm und faßt, Was sich ihm zukehrt, so daß keiner fehle. Und wenn Cosenzas Hirt, der sonder Rast, Wie Clemens wollte, mich gejagt, dies eine Erhabne Wort der Schrift wohl aufgefaßt, So lägen dort noch meines Leibs Gebeine Am Brückenkopf bei Benevent, vom Mal Geschützt der schweren aufgehäuften Steine. Nun netzt’s der Regen, dorrt’s der Sonnenstrahl, Dort, wo er’s hinwarf mit verlöschten Lichten, Dem Reich entführt, entlang dem Verdetal. Doch kann ihr Fluch die Seele nicht vernichten, Aus welcher nicht die frohe Hoffnung weicht, An ew’ger Liebe neu sich aufzurichten. Wahr ist’s, daß, wer im Kirchenbann erbleicht, War’ auch zuletzt in ihm die Reu’ entglommen, Doch dieser Felswand Höhe nicht erreicht, Bis dreißigmal die Zeit, seit ihm genommen Der Kirche Segen ward, verflossen ist, Kürzt diese Zeit nicht ab das Fleh’n der Frommen. Sieh, ob du mir zum Heil gekommen bist, Wenn du Konstanzen, wie du mich gesehen, Entdeckst und ihr verkündest jene Frist, Denn viel gewinnt man hier durch euer Flehen."

Vierter Gesang