Die Göttliche Komödie

Chapter 10

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Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte Und beide Wangen überzog mit Rot, War’s, die mich dann mit Arzeneien letzte. So, hör’ ich, hat der Speer Achills gedroht, Und seines Vaters, der mit einem Zücken Verletzt’ und mit dem andern Hilfe bot. Wir kehrten nun dem Jammertal den Rücken, Den Damm durchschneidend, der es rings umlag, Um, schweigend, mehr nach innen vorzurücken. Dort war’s nicht völlig Nacht, nicht völlig Tag, Daher die Blicke wenig vorwärts gingen; Doch tönt’ ein Horn--der stärkste Donner mag Bei solchem Ton kaum hörbar noch erklingen-- Drum sucht’ ich nur, entgegen dem Gebraus, Mit meinem Blick zu seinem Quell zu dringen. Nicht tönte nach dem unglücksel’gen Strauß, Der Karls des Großen heil’gen Plan vernichtet, Des Grafen Roland Horn mit solchem Graus. Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet, Glaubt’ ich, viel hohe Türme zu ersehn, Und sprach: "Ist eine Feste dort errichtet?" Mein Meister drauf: "Weil du zu weit zu späh’n Versuchst in diesen nachterfüllten Räumen, Mußt du dich selber öfters hintergehn. Dort siehst du, daß, wie oft, zu eitlen Träumen Aus der Entfernung das Geschaute schwoll, Drum schreite vorwärts, ohne lang zu säumen." Dann faßt’ er bei der Hand mich liebevoll Und sprach: "Ich will dir die Bewandtnis sagen, Weil’s nah dann minder seltsam scheinen soll. Ob’s Türme wären, wolltest du mich fragen? Nein, Riesen sind’s, die rings am Brunnenrand Vom Nabel aufwärts in die Lüfte ragen." Wie wenn der Nebel fortzieht, der das Land In Dunst gehüllt, allmählich unsre Blicke Das klar erkennen, was er erst umwand; So, bohrend durch die Luft, die trübe, dicke, Und mehr und mehr genaht dem tiefen Schlund, Scheucht’ ich den Wahn, doch kam die Furcht zurücke Wie um Montereggiones Zinnenrund Rings eine Krone hohe Türme machen, So türmten sich, mit halbem Leib im Grund, Mit halbem Leib rings um des Brunnens Rachen Giganten, Kämpfer jenes großen Streits, Sie, welchen nach die Donner Jovis krachen. Von einem sah ich das Gesicht bereits Und Schultern, Brust und großen Teil vom Bauche, Herabgestreckt die Arme beiderseits. Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche Dergleichen Wesen schafft, so tut sie recht, Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche. Schafft sie den Walfisch auch und das Geschlecht Der Elefanten noch, doch sicher findet, Wer reiflich urteilt, sie hierin gerecht, Weil, wenn die Überlegung sich verbindet Mit bösem Willen und mit großer Macht, Jedwede Schutzwehr dann dem Volke schwindet. Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht, Dem Turmknopf von Sankt Peter zu vergleichen, Und jedes Glied nach solchem Maß gemacht. Es mochten wohl vom Strand, der von den Weichen Ihn abwärts barg, der oberen Gestalt Drei Friesen ausgestreckt nicht dahin reichen, Wo seine Stirn das borst’ge Haar umwallt, Denn aufwärts maß er dreißig große Palmen, Bis zu dem Ort, wo man den Mantel schnallt. Raphegi mai amech itzabi Almen! So tönt’ es aus den dicken Lippen vor, Für die sich nicht geziemten sanftre Psalmen. Mein Führer rief: "Nimm doch dein Horn, du Tor, Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden, So sprudl’ ihn flugs durch seinen Bauch hervor. Du kannst an deinem Hals den Riemen finden, Verwirrter Geist, der’s angebunden hält. Sieh doch ihn dort die dicke Brust umwinden!" Darauf zu mir: "Sich selbst verklagt der Held; Der Nimrod ist’s, durch dessen toll Vergehen Man nicht mehr eine Sprach’ übt in der Welt. Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen! Kein Mensch versteht von seiner Sprach’ ein Wort, Und er kann keines andern Wort verstehen." Wir gingen nun zur Linken weiter fort, Und fanden schon in Bogenschusses Weite Den zweiten größern, wilden Riesen dort. Nicht weiß ich, wem’s gelang, daß er im Streite Ihn fing und band, doch vorn geschnürt erschien Sein linker Arm und hinter ihm der zweite; Denn eine Kett’ umwand vom Nacken ihn, Um, was von seinem Leib nach oben ragte, Nach unten hin fünf Male zu umzieh’n. Da sprach mein Meister: "Mit dem Donnrer wagte Sein kühner Stolz des großen Kampfes Los. Hier aber sieh den Preis, den er erjagte. Ephialtes ist’s. Sein Tun war kühn und groß Im Riesenkampfe, zu der Götter Schrecken; Nun ist sein droh’nder Arm bewegungslos." Und ich zu ihm: "Den ungeheuern Recken, Den Briareus, wenn dies geschehen kann, Möcht’ ich wohl gern in diesem Tal entdecken." Mein Führer drauf: "Du siehst hier nebenan Antäus stehn. Er spricht, ist ungebunden Und setzt uns nieder in den tiefsten Bann. Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden, Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schau’n, Allein wie er mit Ketten fest umwunden." Hier schüttelt’ Ephialtes sich, und traun! Kein Erdenstoß, von dem die Türme schwanken, War heftiger, erregte tiefres Grau’n. Ich glaubte schon dem Tode zuzuwanken, Und sah ich nicht, wie ihn die Kett’ umschloß, So genügten, mich zu töten, die Gedanken. Wir gingen weiter, ich und mein Genoß, Und sahn Antäus, der dem tiefen Bronnen, Zehn Ellen bis zum Haupte hoch, entsproß. "Der du im Tal, das ew’gen Ruhm gewonnen, Weil Hannibal in ihm, der kühne Feind, Mit seiner Schar vor Scipios Mut entronnen, Einst tausend Löwen fingst, wenn du, vereint Mit deinen Brüdern kühn den Arm geschwungen Im hohen Krieg, so hätten, wie man meint, Die Erdensöhne doch den Sieg errungen. Jetzt setz’ uns dort hinab, wo, fern dem Licht, Die starre Kälte den Kozyt bezwungen. Zu Tiphöus oder Tityus schick’ uns nicht. Das, was man hier ersehnt, kann dieser geben, Drum wende nicht so mürrisch dein Gesicht. Er kann auf Erden deinen Ruf erheben. Er lebt und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit Die Gnade zu sich ruft, noch lang zu leben." Er sprach’s, und jener, schnell zum Griff bereit, Streckt’ aus die Hand, um auf ihn loszufahren, Die Hand, die Herkul fühlt’ im großen Streit. Virgil, kaum konnt’ er sich gepackt gewahren, Rief: "Komm hierher, wo dich mein Arm umstrickt!" Drauf macht’ er’s, daß wir zwei ein Bündel waren. Wie Carisenda, unterm Hang erblickt, Sich vorzubeugen scheint und selbst zu regen, Wenn Wolken ihr den Wind entgegenschickt, So schien Antäus jetzt sich zu bewegen, Als er sich niederbog, und großen Hang Empfand ich, fortzugehn auf andern Wegen. Doch leicht zum Grund, der Luzifern verschlang Und Judas, setzt’ er nieder unsre Last, Und, so geneigt, verweilt’ er dort nicht lang Und schnellt’ empor, als wie im Schiff der Mast.

Zweiunddreißigster Gesang

O hätt’ ich Reime von so heiserm Schalle, So rauh, wie sie erheischt dies Loch voll Graus, Auf welchem ruh’n die andern Felsen alle, Dann drückt’ ich, was ich will, vollkommner aus, Doch, sie nicht habend, geh’ ich nur mit Bangen Jetzt an die Rede, wie zum harten Strauß. Denn nicht ein Spiel ist ja mein Unterfangen, Den Grund des Alls dem Liede zu vertrau’n, Und nicht mit Kinderlallen auszulangen. Doch fördern meine Reim’ itzt jene Frau’n, Amphions Hilf an Thebens Mau’r und Toren, Dann wohl entspricht mein Lied der Tat an Grau’n. O schlechtster Pöbel, an dem Ort verloren, Der hart zu schildern ist, oh wärst du doch In unsrer Welt als Zieg’ und Schaf geboren. Wir waren nun im dunkeln Brunnenloch Tief unterm Riesen, näher schon der Mitte, Und nach der hohen Mauer sah ich noch. Da hört’ ich sagen: "Schau’ auf deine Schritte, Daß du den Armen nicht im Weiterzieh’n Die Häupter stampfen magst mit deinem Tritte." Drum wandt’ ich mich, und vor mir hin erschien Und unter meinen Füßen auch ein Weiher, Der durch den Frost Glas, und nicht Wasser, schien. Die Donau bleibt im Frost vom Eise freier, Und nah dem Pol, selbst in der längsten Nacht, Deckt nicht den Sanais ein so dichter Schleier. Und wäre Tabernik herabgekracht Und Pietrapan, nicht hätte nur am Saume Bei ihrem Sturz das Eis krick krick gemacht. Wie abends, wenn die Bäuerin im Traume Noch Ähren liest--die Schnauze vorgestreckt, Der Frösche Volk quäkt aus dem nassen Raume; So bis dahin, wo sich die Scham entdeckt, Fahl, mit dem Ton des Storchs die Zähne schlagend, War elend Geistervolk im Eis versteckt, Zur Tiefe hingewandt das Antlitz tragend, Vom Froste mit dem Mund und von den Weh’n Des Herzens mit den Augen Zeugnis sagend. Als ich ein Weilchen erst mich umgesehn, Schaut’ ich zum Boden hin und sah von oben Zwei, eng umfaßt, vermischt das Haupthaar, stehn. "Ihr, die ihr drängend Brust an Brust geschoben, Wer seid ihr?" sprach ich--dann, als sie auf mich, Die Hälse rückend, ihre Blick’ erhoben, Sah ich die Augen, feucht erst innerlich, Von Tränen träufeln, die, noch kaum ergossen, Zu Eis erstarrten; und sie schlossen sich, Fest, wie nie Klammern Holz an Holz geschlossen, Drum stießen sich im Grimme wilden Streits, Gleich zweien Böcken, diese Qualgenossen. Und einer, der sein Ohrenpaar bereits Durch Frost verlor, brach, stets gebückt, das Schweigen: Was hängst du so am Schauspiel unsres Leids? Soll ich, wer diese beiden sind, dir zeigen? Das Tal, das des Bisenzio Flut benetzt, War ihnen einst und ihrem Vater eigen. Ein Leib gebar sie, und durchsuche jetzt Kaina ganz, du findest sicher keinen Mit besserm Grund in dieses Eis versetzt; Nicht ihn, des Brust und Schatten einst durch einen Stoß seines Speers durchbohrt des Artus Hand; Focaccia nicht, noch ihn, des Kopf den meinen So deckt, daß mir die Aussicht gänzlich schwand. Den, hörst du Sassol Mascheroni nennen, Du, ein Toskaner, sicher leicht erkannt. Jetzt hör’, um mir nur schleunig Ruh’ zu gönnen, Ich, Camicion, erwarte den Carlin Und werde neben ihm mich brüsten können:" Noch sah ich viele Hundesfratzen zieh’n Vor großem Frost in diesem tiefen Kreise, Und schaudre noch vor dem, was mir erschien. Und weiter ging zum Mittelpunkt die Reise, Auf welchem ruht des ganzen Alls Gewicht, Und selber zittert’ ich beim ew’gen Eise. War’s Vorsatz, war’s Geschick--ich weiß es nicht, Genug, es stieß mein Fuß beim Weitergehen Durch viele Häupter, eins ins Angesicht. "Was trittst du mich?"--so hört’ ich’s heulend schmähen, "Rächst du noch schärfer Montapert an mir? Wenn aber nicht, weswegen ist’s geschehen?--" "Mein Meister," sprach ich, "harr’ ein wenig hier, Denn gern belehrt’ ich mich von diesem näher, Dann folg’ ich, wie dir’s gut dünkt, eilig dir." Still stand, wie ich gewünscht, der hohe Seher, Und jener fluchte noch so wild wie erst, Da sprach ich: "Wer bist du, du arger Schmäher?" "Und du, der du durch Antenora fährst," Sprach er, "wer du, der so stößt andrer Wangen, Daß es zu arg war’, wenn du lebend wärst?"-- "Ich lebe", sagt’ ich. "Hättest du Verlangen Nach Ruf, so wird er dir durch mich zuteil, Drum wirst du wohl mit Freuden mich empfangen." Drauf er: "Ich wünsche nur das Gegenteil, Drum packe dich--in diesen Eisesmassen Verspricht solch Schmeichelwort ein schlechtes Heil." Da griff ich nieder, ihn beim Schopf zu fassen, Und sagt’ ihm: "Nötig wird’s, daß du dich nennst, Soll ich ein Haar auf deinem Kopfe lassen." Und er: "Ob du mich zausen magst, du kennst Mich dennoch nicht--nichts sollst du hier erkunden, Wenn du mir tausendmal ins Antlitz rennst." Ich hielt sein Haar um meine Hand gewunden, Und ob schon ausgerauft manch Büschel war, Schaut’ er hinab und bellte gleich den Hunden. Da rief ein andrer: "Bocca, nun fürwahr, Du ließest schon genug die Kiefern klingen, Jetzt bellst du noch? Plagt dich der Teufel gar?" "Dich", rief ich, "mag ich nicht zum Reden zwingen, Verräter du, allein zu deiner Schmach Will ich zur Erde wahre Nachricht bringen." "Erzähle, was du willst, doch hintennach", Rief Bocca, "magst du diesen nur nicht schönen, Der eben jetzo so geläufig sprach. Sieh ihn für’s Gold der Franken hier belohnen Und sage, daß Duera da nicht fehlt, Wo ziemlich kühl und frisch die Sünder wohnen. Und fragt man noch, wen sonst dies Eis verhehlt, Dort siehst du Becherias Augen triefen, Den jüngst die Florentiner abgekehlt. Auch wohnt Soldanier jetzt in diesen Tiefen, Gan, Sribaldello, der Faenzas Tor Den Feinden aufschloß, da noch alle schliefen." Wir gingen fort, und, etwas weiter vor, War, Haupt auf Haupt gedrückt, ein Paar zu finden, Das fest in einem Loch zusammenfror. Wie man aus Hunger nagt an harten Rinden, So fraß der Obre hier den Untern an Da, wo sich Nacken und Gehirn verbinden. Wie in die Schläfe Menalipps den Zahn Einst Sydeus voll von wilder Wut geschlagen, So ward von ihm dem Schädel hier getan. "O du, der du mit viehischem Behagen Den Haß an diesem stillst, an dem du nagst, Weshalb", begann ich, "magst du dich beklagen? Und hör’ ich, daß du dich mit Recht beklagst, Und wer er sei, und was dein Nagen räche, So sollst du dort erstehn, wo du erlagst, Wenn diese nicht verdorrt, mit der ich spreche."

Dreiunddreißigster Gesang

Den Mund erhob vom schaudervollen Schmaus Der Sünder jetzt und wischt’ ihn mit den Locken Des angefress’nen Hinterkopfes aus. Er sprach: "Du willst zum Reden mich verlocken? Verzweiflungsvollen Schmerz soll ich erneu’n, Bei des Erinnrung schon die Pulse stocken? Doch dient mein Wort, um Saaten auszustreu’n, Die Frucht der Schande dem Verräter bringen, Nicht Reden werd’ ich dann noch Tränen scheu’n. Zwar, wer du bist, wie dir hierherzudringen Gelungen, weiß ich nicht, doch schien vorhin Wie Florentiner Laut dein Wort zu klingen. Du höre jetzt: Ich war Graf Ugolin, Erzbischof Roger er, den ich zerbissen. Nun horch, warum ich solch ein Nachbar bin. Daß er die Freiheit tückisch mir entrissen, Als er durch Arglist mein Vertrau’n betört, Und mich getötet hat, das wirst du wissen. Vernimm darum, was du noch nicht gehört, Noch haben kannst--den Tod voll Graus und Schauer, Und fass es, wie sich noch mein Herz empört. Ein enges Loch in des Verlieses Mauer, Durch mich benannt vom Hunger, wo gewiß Man manchen noch verschließt zu bittrer Trauer, Es zeigte kaum nach nächt’ger Finsternis Das erste Zwielicht, als ein Traum voll Grauen Der dunkeln Zukunft Schleier mir zerriß. Er jagt’, als Herr und Meister, durch die Auen Den Wolf und seine Brut zum Berg hinaus, Der Pisa hindert, Lucca zu erschauen. Mit Hunden, mager, gierig und zum Strauß Wohleingeübt, entsendet er Sismunden, Lanfranken samt Gualanden sich voraus. Bald schien im Lauf des Wolfes Kraft geschwunden Und seiner Jungen Kraft, und bis zum Tod Sah ich von scharfen Zähnen sie verwunden. Als ich erwacht’ im ersten Morgenrot, Da jammerten, halb schlafend noch, die Meinen, Die bei mir waren, und verlangten Brot. Teilst du nicht meinen Schmerz, so teilst du keinen, Und denkst du, was mein Herz mir kundgetan, Und weinest nicht, wann pflegst du denn zu weinen? Schon wachten sie, die Stunde naht’ heran, Wo man uns sonst die Speise bracht’, und jeden Weht’ ob des Traumes Unglücksahndung an. Verriegeln hört’ ich unter mir den öden, Grau’nvollen Turm--und ins Gesicht sah ich Den Kindern allen, ohn’ ein Wort zu reden. Ich weinte nicht. So starrt’ ich innerlich, Sie weinten, und mein Anselmuccio fragte: Du blickst so,--Vater! Ach, was hast du? Sprich! Doch weint’ ich nicht, und diesen Tag lang sagte Ich nichts und nichts die Nacht, bis abermal Des Morgens Licht der Welt im Osten tagte. Als in mein jammervoll Verlies sein Strahl Ein wenig fiel, da schien es mir, ich fände Auf vier Gesichtern mein’s und meine Qual. Ich biß vor Jammer mich in beide Hände, Und jene, wähnend, daß ich es aus Gier Nach Speise tat’, erhoben sich behende Und schrien: Iß uns, und minder leiden wir! Wie wir von dir die arme Hüll’ erhalten, Oh, so entkleid’ uns, Vater, auch von ihr. Da sucht’ ich ihrethalb mich still zu halten; Stumm blieben wir den Tag, den andern noch. Und du, o Erde, konntest dich nicht spalten? Als wir den vierten Tag erreicht, da kroch Mein Gaddo zu mir hin mit leisem Flehen: Was hilfst du nicht? Mein Vater, hilf mir doch! Dort starb er--und so hab’ ich sie gesehen, Wie du mich siehst, am fünften, sechsten Tag, Jetzt den, jetzt den hinsinken und vergehen. Schon blind, tappt’ ich dahin, wo jeder lag, Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen, Bis Hunger tat, was Kummer nicht vermag." Und scheelen Blickes fiel er, dies gesprochen, Den Schädel an, den er zerriß, zerbrach, Mit Zähnen, wie des Hundes, stark für Knochen. Pisa, du, des schönen Landes Schmach, In dem das Si erklingt mit süßem Tone, Sieht träg dein Nachbar deinen Freveln nach, So schwimme her, Capraja und Gorgone, Des Arno Mund zu stopfen, daß die Flut Dich ganz ersäuf und keiner Seele schone. Denn, wenn auch Ugolinos Frevelmut, Wie man gesagt, die Schlösser dir verraten, Was schlachtete die Kinder deine Wut? Oh neues Theben, war an solchen Taten Nicht ohne Schuld das zarte Knabenpaar, Das ich genannt? nicht Hugo samt Brigaten?-- Wir gingen nun zu einer andern Schar, Die, statt wie jene, sich hinabzukehren, Das Antlitz aufwärts, eingefroren war. Die Zähren selber hemmen hier die Zähren, Drum wälzt der Schmerz, der nicht nach außen kann, Sich ganz nach innen, um die Angst zu mehren. Denn, was zuerst dem trüben Aug’ entrann, Das war zum Klumpen von Kristall verdichtet Und füllte ganz die Augenhöhlen an. Und ob vom Frost, der solches Eis geschichtet, Mein Antlitz wie bedeckt mit Schwielen schien, Und deshalb jegliches Gefühl vernichtet, Doch fühlt’ ich, schien’s mir Luft entgegenzieh’n, Drum sprach ich: "Herr, wie mag hier Luft sich regen, Wo nie die Sonne, dunstentwickelnd, schien?" Und er: "Du gehst der Antwort schnell entgegen Und siehst, wenn wir noch weiter fortgereist, Aus welchem Grund die Lüfte sich bewegen." Da rief ein eisumstarrter armer Geist: "Grausame Seelen, ihr, die jetzt vom Lichte Zu dieser letzten Stelle Minos weist, Hebt mir den harten Schleier vom Gesichte, Damit ich lüfte meines Herzens Weh’n, Eh’ neu die Träne sich zu Eis verdichte." Ich sprach: "Soll dir’s nach deinem Wunsch geschehn, So nenne dich, und wenn ich’s nicht erzeige, So will ich selbst zum Grund des Eises gehn." Drauf er: "Ich bin’s, der Frucht vom bösen Zweige Als Bruder Alberich dort angeschafft, Und speise hier die Dattel für die Feige." "Oh," rief ich, "hat der Tod dich hingerafft?" Und er zu mir: "Ob noch mein Leib am Leben, Davon bekam ich keine Wissenschaft. Denn Ptolommäa hat den Vorzug eben, Daß oft die Seele stürzt in dies Gebiet, Eh’ ihr den Anstoß Atropos gegeben. Und daß du lieber mir vom Augenlid Verglaste Tränen nehmest sollst du wissen: Sobald die Seele den Verrat vollzieht, Wie ich getan, wird ihr der Leib entrissen Von einem Teufel, der dann drin regiert Bis an den Tod, indes in Finsternissen Des kalten Brunnens sie sich selbst verliert. Vielleicht ist oben noch der Körper dessen, Der hinter mir in diesem Eise friert. Kommst du von dort, so magst du’s selbst ermessen. Herr Branca d’Oria ist’s, der jämmerlich Schon manches Jahr im Eise fest gesessen." "Ich glaube," Sprach ich, "du betrügest mich, Denn Branca d’Oria ist noch nicht begraben Und ißt und trinkt und schläft und kleidet sich." Und er darauf: "Es konnte jenen Graben, An dem beim Pech die Schar von Teufeln wacht, Noch nicht erreicht Herr Michel Zanche haben, Da war sein Leib schon in des Dämons Macht. So ging’s auch dem von d’Orias Geschlechte, Der den Verrat zugleich mit ihm vollbracht. Jetzt aber strecke zu mir her die Rechte Und nimm das Eis hinweg!--doch tat ich’s nicht, Denn gegen ihn war Schlechtsein nur das Rechte. Genua, Feindin jeder Sitt’ und Pflicht, Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen, Was tilgt euch nicht des Himmels Strafgericht? Ich fand mit der Romagna schlimmsten Sprossen Der euren einen, für sein Tun belohnt, Die Seel’ in des Kozytus Eis verschlossen, Des Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt.

Vierunddreißigster Gesang