Chapter 1
Produced by Mike Pullen
This Etext is in German.
We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- which requires a binary transfer, or sent as email attachment and may require more specialized programs to display the accents. This is the 8-bit version.
This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
Die Göttliche Komödie
Dante Alighieri
Inhalt:
Die Hölle Das Fegefeuer Das Paradies
Die Hölle
Erster Gesang
Auf halbem Weg des Menschenlebens fand ich mich in einen finstern Wald verschlagen, Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt. Wie schwer ists doch, von diesem Wald zu sagen, Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not; Schon der Gedank erneuert noch mein Zagen. Nur wenig bitterer ist selbst der Tod; Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu künden, Sag ich, was sonst sich dort den Blicken bot. Nicht weiß ich, wie ich mich hineingewunden, So ganz war ich von tiefem Schlaf berückt, Zur Zeit, da mir der wahre Weg verschwunden. Doch bis zum Fuß des Hügels vorgerückt, Der an dem Ende lag von jenem Tale, Das mir mit schwerer Furcht das Herz gedrückt, Schaut ich empor und sah, den Rücken male Ihm der Planet, der uns auf jeder Bahn Gerad zum Ziele führt mit feinem Strahle. Da fingen Angst und Furcht zu Schwinden an, Die mir des Herzens Blut erstarren machten, In jener Nacht, da Grausen mich umfahn. Und so wie atemlos, nach Angst und Schmachten, Schiffbrüchige vom Strand, entflohn der Flut, Starr rückwärts schauend, ihren Grimm betrachten; So kehrt ich, noch mit halberstorbnem Mut, Mich jetzt zurück, nach jenem Passe sehend, Der jeglichem verlöscht des Lebens Glut. Und, etwas ausgerastet, weitergehend, Wählt ich bergan den Weg der Wildnis mir, Fest immer auf dem tiefern Fuße stehend. Sieh, beim Beginn des steilen Weges schier, Bedeckt mit buntgeflecktem Fell die Glieder, Gewandt und sehr behend ein Panthertier. Nicht wichs von meinem Angesichte wieder, Und also hemmt es meinen weitern Lauf, Daß ich mich öfters wandt ins Tal hernieder. Am Morgen wars, die Sonne stieg itzt auf, Von jenen Sternen, so wie einst, umgeben, Als Gottes Lieb aus ödem Nichts herauf Die schöne Welt berief zu Sein und Leben; So ward mir Grund zu guter Hoffnung zwar Durch jenes Tieres heitres Fell gegeben Und durch die Frühstund und das junge Jahr Doch so nicht, daß in mir nicht Furcht sich regte, Als furchtbar mir ein Leu erschienen war. Es schien, daß er sich gegen mich bewegte, Mit hohem Haupt und mit des Hungers Wut, So daß er Schrecken, schiens, der Luft erregte. Auch eine Wölfin, welche jede Glut Der Gier durch Magerkeit mir schien zu zeigen, Die schon auf viele schweren Jammer lud. Vor dieser mußte so mein Mut sich neigen Aus Furcht, die bei dem Anblick mich durchbebt, Daß mir die Hoffnung schwand, zur Höhn zu steigen. Wie der, der eifrig zu gewinnen strebt, Wenn zum Verlieren nun die Zeit gekommen, In Kümmernis und tiefem Bangen lebt; So machte dieses Untier mich beklommen; Von ihm gedrängt, mußt ich mich rückwärts ziehn Dorthin, wo nimmer noch der Tag entkommen. Als ich zur Tiefe niederstürzt im Fliehn, Da war ein Wesen dorten zu erkennen, Das durch zu langes Schweigen heiser schien. Ich rief, sobald ichs nur gewahren können In großer Wildnis: "O erbarme dich, Du, seist du Schatten, seist du Mensch zu nennen." Und jener sprach: "Nicht bin, doch Mensch war ich; Lombarden waren die, so mich erzeugten, Und beide priesen Mantuaner sich. Eh, spät, die Römer sich dem Julius beugten, Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron, Zur Zeit der Götter, jener Trugerzeugten. Ich war Poet und sang Anchises Sohn, Der Troja floh, besiegt durch Feindestücke, Als, einst so stolz, in Staub sank Ilion. Und du--du kehrst zu solchem Gram zurücke? Was bleibt die freudge Höhe nicht dein Ziel, Die Anfang ist und Grund zum vollen Glücke?" "So bist du," rief ich, "bist du der Virgil, Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?" Ich sprachs mit Scham, die meine Stirn befiel. "O Ehr und Licht der andern Kunstgenossen, Mir gelt itzt große Lieb und langer Fleiß, Die meinem Forschen dein Gedicht erschlossen. Mein Meister, Vorbild! dir gebührt der Preis, Den ich durch schönen Stil davongetragen, Denn dir entnahm ich, was ich kann und weiß. Sieh dieses Tier, o sieh michs rückwärts jagen, Berühmter Weiser, sei vor ihm mein Hort. Es macht mir zitternd Puls und Adern schlagen." "Du mußt auf einem andern Wege fort," Sprach er zu mir, den ganz der Schmerz bezwungen, "Willst du entfliehn aus diesem wilden Ort, Denn dieses Tier, das dich mit Graun durchdrungen, Läßt keinen ziehn auf seines Weges Spur, Hemmt jeden, bis es endlich ihn verschlungen. Es ist von böser, tückischer Natur Und nimmer fühlts die wilde Gier ermatten, Ja, jeder Fraß schärft seinen Hunger nur. Mit vielen Tieren wird sichs noch begatten, Bis daß die edle Dogge kommt, die kühn Es würgt und hinstürzt in die ewgen Schatten. Nicht wird nach Land und Erz ihr Hunger glühn, Doch wird sie nie an Lieb und Weisheit darben; Inmitten Feltr und Feltro wird sie blühn, Zu Welschlands Heil, des Ruhm und Glück verdarben, Obwohl vordem Camilla für dies Land, Eurialus, Turnus und Nisus starben. Nicht wird sie ruhn, bis sie dies Tier verbannt; Sie wird es wieder in die Hölle senken, Von wos zuerst der Neid heraufgesandt. Du folg itzt mir zu deinem Heil--mein Denken Und Urteil ists--ich will dein Führer sein, Und dich durch ewgen Ort von hinnen lenken. Dort wirst du hören der Verzweiflung Schrein, Wirst alte Geister schaun, die brünstig flehen Um zweiten Tod in ihrer langen Pein. Wirst jene dann im Feur zufrieden sehen, Weil sie verhoffen, zu dem selgen Chor, Seis wann es immer sei, noch einzugehen. Und willst du auch zu diesem dann empor, Würdger als ich, wird eine Seel erscheinen, Die geht, schied ich, als Führerin dir vor. Denn jener, der dort oben herrscht, läßt keinen Eingehn, von mir geführt, in seine Stadt, Weil ich mich nicht verbunden mit den Seinen. Er herrscht im All, dort ist die Herrscherstatt, Sein Thron und seine Burg in jener Höhe. Heil dem, den er erwählt dort oben hat" "O Dichter," Sprach ich jetzt zu ihm, "ich flehe Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt, Daß diesem Leid und schlimmerm ich entgehe, Bring an die Orte mich, die du genannt, So, daß ich Petri Tor erschauen möge Und jene, wie du sprachst, zur Qual verbannt." Da schritt er fort, ich folgte seinem Wege.
Zweiter Gesang
Der Tag verging, das Dunkel brach herein, Und Nacht entzog die Wesen auf der Erden All ihren Mühn; da rüstet ich allein Mich zu dem harten Krieg und den Beschwerden Des Wegs und Mitleids, und jetzt soll ihr Bild Gemalt aus sicherer Erinnrung werden. O Mus, o hoher Geist, jetzt helft mir mild! Erinnrung, die du schriebst, was ich gesehen, Hier wird sichs zeigen, ob dein Adel gilt! "Jetzt, Dichter," fing ich an, "bevor wir gehen, Erwäge meine Kraft und Tüchtigkeit, Kann sie die große Reise wohl bestehen? Du sagst, daß Silvius Vater in der Zeit, im Körper noch und noch ein sterblich Wesen, Sei eingedrungen zur Unsterblichkeit. Doch da der ewge Gegner alles Bösen in seinen Empiren zum Stifter ihn Der Mutter Roma und des Reichs erlesen, Kann jeder, dem Vernunft ihr Licht verliehn, Beim hocherhabnen Zweck es wohl ergründen, Daß er nicht unwert solcher Huld erschien. Denn Rom und Reich, um Wahres zu verkünden, Gestiftet wurden sie, die heilge Stadt Zum Sitz für Petri Folger zu begründen. Durch diesen Gang, den du ihm nachrühmst, hat Er Kunde des, wodurch er siegt, empfangen Und Grund gelegt zur heilgen Herrscherstatt. Ist das erwählte Rüstzeug hingegangen, So stärkt es in dem Glauben dann die Welt, In dem der Weg des Heiles angefangen. Doch ich? Warum? Wer hat mirs freigestellt? Äneas nicht noch Paul, ich, dessen Schwäche Nicht ich, noch jemand dessen würdig hält, Wenn ich dorthin zu kommen mich erfreche, So fürcht ich, daß mein Kommen töricht sei. Du, Weiser, weißt es besser, als ich spreche." Und wie wer will und nicht will, mancherlei Erwägt und prüft und fühlt im bangen Schwanken, Mit dem, was er begonnen, seis vorbei; So ich--das, was ich leicht und ohne Wanken Begonnen hatte, gab ich wieder auf, Entmutigt von den wechselnden Gedanken. "Verstand ich dich," so sprach der Schatten drauf, "So fühlst du Angst und Schrecken sich erneuen, Und Feigheit nur hemmt deinen weitern Lauf. Das Beste macht sie oft den Mann bereuen, Daß er zurückespringt von hoher Tat, Gleich Rossen, die vor Truggebilden scheuen. Doch hindre sie dich nicht am weitern Pfad, Drum höre jetzt, was ich zuerst vernommen, Da mirs um dich im Herzen wehe tat. Mich, nicht in Höll und Himmel aufgenommen, Rief eine Frau, so selig und so schön, Daß ihr Geheiß mir wert war und willkommen. Mit Augen, gleich dem Licht an Himmelshöhn Begann sie gegen mich gelind und Ieise, Und jeder Laut war englisches Getön: O Geist, geboren einst zu Mantuas Preise, Des Ruhm gedauert hat und dauern wird, Solang die Sterne ziehn in ihrem Kreise, Mein Freund, doch nicht der Freund des Glückes, irrt In Wildnis dort, weil Wahn im Weg ihn störte, So daß er sich gewandt, von Furcht verwirrt. Schon irrte, fürcht ich, also der Betörte, Daß ich zu spät zum Schutz mich aufgerafft, Nach dem, was ich von ihm im Himmel hörte. Du geh; es sei durch deiner Rede Kraft, Durch das, was sonst ihm Not, sein Leid geendet, So sei ihm Hilf und Ruhe mir verschafft. Beatrix; bin ich, die ich dich gesendet; Mich trieb die Lieb und spricht aus meinem Wort. Vom Ort komm ich, wohin mein Wunsch sich wendet. Und steh ich erst vor meinem König dort, So werd ich oft dich loben und ihm preisen-- Sie sprachs und schwieg, und ich begann sofort: O Weib voll Kraft, du Lehrerin der Weisen, Durch das die Menschheit alles überragt, Was lebt in jenes Himmels kleinern Kreisen! Spät dächt ich, wie mir dein Befehl behagt, Zu tun, tat ich sogleich, was du gebietest. Wohl deutlich haft du deinen Wunsch gesagt, Doch sage mir, warum du dich nicht hütest Herabzugehn zum Mittelpunkt vom Licht, Wohin du schon zurückzukehren glühtest. Willst du es denn so tief ergründen, spricht Die Hohe darauf, so will ichs kürzlich sagen. Ich fürchte mich vor diesem Dunkel nicht. Vor solchem Übel ziemt sich wohl zu zagen, Das mächtig ist und leicht uns Schaden tut, Vor solchem nicht, bei welchem nichts zu wagen. Gott schuf mich so, daß ich in seiner Hut Frei von den Nöten bin, die euch durchschauern, Und nicht ergreift mich dieses Brandes Glut. Ein edles Weib im Himmel sieht mit Trauern Das Hindernis, zu dem ich dich gesandt, Drum kann der harte Spruch nicht länger dauern. Sie flehte, zu Lucien hingewandt: Dein Treuer braucht dich jetzt im harten Streite, Darum empfehl ich ihn in deine Hand. Lucia, die sich ganz dem Mitleid weihte, Bewegte sich zum Orte, wo ich war, In Ruhe sitzend an der Rahel Seite. Sie sprach: Beatrix, Gottes Preis fürwahr! Hilfst du ihm nicht, ihm, der aus großer Liebe Für dich entrann aus der gemeinen Schar, Als ob dein Ohr taub seinen Klagen bliebe, Als sähest du ihn nicht im Wirbel dort, Bedroht, mehr als ob Meeressturm ihn triebe? Nicht eilt so schnell auf Erden einer fort, Den Gier nach Glück und Furcht vor Leid betören, Wie ich herabgeeilt bei solchem Wort, Von meinem Sitz in jenen selgen Chören, Vertraund auf deiner würdgen Rede Macht, Die Ruhm dir bringt und allen, die sie hören-- Als nun Beatrix solches vorgebracht, Da wandte sie die Augenstern in Zähren, Und dies hat mich nur schneller hergebracht. So komm ich denn daher auf ihr Begehren, Das Untier von dir scheuchend, dems gelang, Den kurzen Weg des schönen Bergs zu wehren. Was also ist dir? Warum weilst du bang? Was herbergst du die Feigheit im Gemüte? Was weicht dein Mut, dein kühner Tatendrang, Da sich drei heilge Himmelsfraun voll Güte Für dich bemühn und dir mein Mund verspricht, Daß ihre treue Sorge dich behüte?" Gleichwie die Blum im ersten Sonnenlicht, Beim nächtgen Reif gesunken und verschlossen, Den Stiel erhebt und ihren Kelch entflicht; So hob die Kraft, erst schmachtend und verdrossen, In meinem Herzen sich zu gutem Mut, Und ich begann, frohsinnig und entschlossen: "O wie ist sie, die für mich sorgte, gut! Wie freundlich bist auch du, der den Befehlen Der Herrlichen so schnell Genüge tut l Schon fühl ich mich zu heißer Sehnsucht stählen Von deinem Wort, schon fühl ich, nicht mehr bang, Vom ersten Vorsatz wieder mich beseelen. Drum auf, in beiden ist ein gleicher Drang, Herr, Führer, Meister, auf zum großen Wege!" Ich sprachs zu ihm, und, folgend seinem Gang, Schritt ich daher auf waldig rauhem Stege.
Dritter Gesang
Durch mich gehts ein zur Stadt der Qualerkornen, Durch mich gehts ein zum ewgen Weheschlund, Durch mich gehts ein zum Volke der Verlornen. Das Recht war meines hohen Schöpfers Grund; Die Allmacht wollt in mir sich offenbaren; Allweisheit ward und erste Liebe kund. Die schon vor mir erschaffnen Dinge waren Nur ewige; und ewig daur auch ich. Laßt, die ihr eingeht jede Hoffnung fahren. Die Inschrift zeigt in dunkler Farbe sich Geschrieben dort am Gipfel einer Pforte, Drum ich: Hart, Meister, ist ihr Sinn für mich. Er, als Erfahrner, sprach dann diese Worte: "Hier sei jedweder Argwohn weggebannt, Und jede Feigheit sterb an diesem Orte. Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt, Hier wirst du jene Jammervollen schauen, Für die das Heil des wahren Lichtes schwand." Er faßte meine Hand, daher Vertrauen Durch sein Gesicht voll Mut auch ich gewann. Drauf führt er mich in das geheime Grauen. Dort hob Geächz, Geschrei und Klagen an, Laut durch die sternenlose Luft ertönend, So daß ich selber weinte, das begann. Verschiedne Sprachen, Worte, gräßlich dröhnend, Handschläge, Klänge heiseren Geschreis, Die Wut, aufkreischend, und der Schmerz, erstöhnend-- Dies alles wogte tosend stets, als seis Im Wirbel Sand, durch Lüfte, die zu schwärzen Es keiner Nacht bedarf, im ewgen Kreis. Und, ich vom Wahn umstrickt und bang im Herzen, Sprach: Meister, welch Geschrei, das sich erhebt? Wer ist doch hier so ganz besiegt von Schmerzen? Und er: "Der Klang, der durch die Lüfte bebt, Kommt von den Jammerseelen jener Wesen, Die ohne Schimpf und ohne Lob gelebt. Gemischt find die Nicht-Guten und Nicht-Bösen Den Engeln, die nicht Gott getreu im Strauß, Auch Meutrer nicht und nur für sich gewesen. Die Himmel trieben sie als Mißzier aus, Und da durch sie der Sünder Stolz erstünde, Nimmt sie nicht ein der tiefen Hölle Graus." Ich drauf: Was füllt ihr Wehlaut diese Gründe? Was ist das Leiden, das so hart sie drückt? Und er: "Vernimm, was ich dir kurz verkünde. Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrückt. Im blinden Leben, trüb und immer trüber, Scheint ihrem Neid jed andres Los beglückt. Sie kamen lautlos aus der Welt herüber, Von Recht und Gnade werden sie verschmäht. Doch still von ihnen--Schau und geh vorüber." Ich schaute hin und sah im Kreis geweht, Ein Fähnlein ziehn, so eilig umgeschwungen, Daß sichs zum Ruhn, so schien mirs, nie versteht. In langer Reihe folgten ihm, gezwungen, So viele Leute, daß ich kaum geglaubt, Daß je der Tod so vieles Volk verschlungen. Und hier erblickt ich manch bekanntes Haupt, Auch jenes Schatten, der aus Angst und Zagen Sich den Verzicht, den großen, feig erlaubt. Ich war sogleich gewiß, auch hört ich sagen, Dies sei der Schlechten jämmerliche Schar, Die Gott und seinen Feinden mißbehagen. Dies Jammervolk, das niemals lebend war, War nackend und von Flieg und Wesp umflogen, Und ward gestachelt viel und immerdar. Tränen und Blut aus ihren Wunden zogen In Streifen durch das Antlitz bis zum Grund, Wo ekle Würmer draus sich Nahrung sogen. Drauf, als ich weiter blickt im düstern Schlund, Erblickt ich Leut an einem Stromgestade Und sprach: "Jetzt tu, ich bitte, Herr, mir kund, Von welcher Art sind die, die so gerade, Wie ich beim düstern Dämmerlicht ersehn, So eilig weiterziehn auf ihrem Pfade?" Und er darauf: "Dir wird genug geschehn Am Acheron--dort wird sich alles zeigen, Wenn wir am traurgen Ufer stillestehn." Da zwang mich Scham, die Augen tief zu neigen, Aus Furcht, daß ihm mein Fragen lästig sei, Und ich gebot mir bis zum Strome Schweigen. Und sieh, es kam ein Mann zu Schiff herbei, Ein Greis, bedeckt mit schneeig weißen Haaren. "Weh euch, Verworfne!" tönte sein Geschrei. "Nicht hofft, den Himmel jemals zu gewahren. Ich komm, euch jenseits hin an das Gestad In ewge Nacht, in Hitz und Frost zu fahren. Und du, lebendge Seele, die genaht, Mußt dich von diesen, die gestorben, trennen!"-- Dann, da er sah, daß ich nicht rückwärts trat: "Hier kann ich dir den Übergang nicht gönnen, Für dich geziemen andre Wege sich, Ein leichtrer Kahn nur wird dich tragen können." Virgil drauf: "Charon, nicht erbose dich. Dort, wo der Wille Macht ist, wards verhangen; Dies sei genug, nicht weiter frage mich." Hierauf ließ ruhen die bewollten Wangen Des fahlen Sumpfs erzürnter Steuermann, Des Augen Flammenräder rings umschlangen. Da hob graunvolles Zähneklappen an, Und es entfärbten sich die Tiefgebeugten, Seit Charon jenen grausen Spruch begann. Sie fluchten Gott und denen, die sie zeugten, Dem menschlichen Geschlecht, dem Vaterland, Dem ersten Licht, den Brüsten, die sie säugten. Dann drängten sie zusammen sich am Strand, Dem Schrecklichen, zu welchem alle kommen, Die Gott nicht scheun, und laut Geheul entstand. Charon, mit Augen, die wie Kohlen glommen, Winkt ihnen und schlug mit dem Ruder los, Wenn einer sich zum Warten Zeit genommen. Gleich wie im Herbste bei des Nordwinds Stoß Ein Blatt zum ändern fällt, bis daß sie alle Der Baum erstattet hat dem Erdenschoß; So stürzen, hergewinkt, in jähem Falle Sich Adams schlechte Sprossen in den Kahn, Wie angelockte Vögel in die Falle. Durch schwarze Fluten geht des Nachens Bahn, Und eh sie noch das Ufer dort erreichen, Drängt hier schon eine neue Schar heran. "Mein Sohn," sprach mild der Meister, "die erbleichen In Gottes Zorne, werden alle hier Am Strand vereint aus allen Erdenreichen. Man scheint zur Überfahrt sehr eilig dir, Doch die Gerechtigkeit treibt diese Leute Und wandelt ihre bange Furcht in Gier. Kein guter Geist macht diese Fahrt; und dräute Dir Charon, weil du hier dich eingestellt, So kannst du wissen, was sein Wort bedeute"-- Hier wankte so mit Macht das dunkle Feld, Daß mich noch jetzt Schweißtropfen übertauen, Sooft dies Schreckensbild mich überfällt. Ein Windstoß fuhr aus den betränten Auen, Und blitzt ein rotes Licht, das jeden Sinn Bewältigte mit ungeheurem Grauen, Und, wie vom Schlaf befallen, stürzt ich hin--
Vierter Gesang