Die Gotischen Zimmer: Roman

Part 9

Chapter 93,847 wordsPublic domain

»Ich hatte gerade an dem Abend drinnen die Ronde, und ich sah sie um den Weihnachtsbaum tanzen, an dem ein Kruzifix hing, das sie von den Elisabethschwestern bekommen hatten. Sie zeigten die gleiche ungeheuchelte Freude über den Gekreuzigten wie über die Pfefferkuchenmänner. Sie nannten den Gekreuzigten Erlöser, nicht Christus, und den Namen Jesus sprechen sie nie aus. Sie glauben an den Erlöser und sprechen von ihm wie kleine Kinder; hören sie einen Freidenker lästern, so schaudern sie und drücken ihren Abscheu aus. Können Sie diese Menschen erklären?«

»Nein, das kann ich nicht!« antwortete der Graf; »und deshalb behandle ich sie stets mit einer indifferenten Achtung als Mitmenschen. Ist Ihnen übrigens aufgefallen, daß man an ihren Wänden nie ein unanständiges Bild sieht, fast nie aus ihrem Munde ein plumpes Wort hört ...«

»Ja, ich als Arzt und (hier stockte Esther vor dem Wort, sprach es aber aus) -- und Frau höre ja nicht ...«

»Ich auch nicht,« antwortete der Graf.

Nun lachte Esther:

»Das hängt vielleicht davon ab, mit wem sie sprechen.«

Der Graf errötete wie ein Mann, dem von einer Frau eine Schmeichelei gesagt wird, und um seine Verlegenheit zu verbergen, fuhr er mit großem Eifer fort:

»Aber das Charakteristischste an diesen Mädchen ist ihre Freude am Lachen; es soll lustig sein, alles soll lustig sein, nicht, wie wir früher glaubten, weil sie vergessen oder das Gewissen betäuben wollen; man nennt sie ja Freudenmädchen, und das ist das rechte Wort. Was ist dies eigentlich für eine natürliche Auslese von Menschen? Was sagt Ihre Wissenschaft über die Sache?«

»Sie kann nichts sagen, denn sie weiß nichts. Möglich ist, daß sie nahe Nachkommen von Wilden sind, da sie ein anderes Gewissen haben als -- wir, denn es ist fast unmöglich, ihr Schamgefühl zu wecken; sie wollen nichts davon hören, verstehen es nicht, schlagen es in den Wind, und die größte Furcht haben sie vor ernsten Männern.«

»Ja, das weiß ich,« antwortete der Graf; »mich hassen sie, weil ich so langweilig bin, und ich habe doch nie versucht, vernünftig mit ihnen zu reden; aber ich kann nicht lachen ...«

»Nicht? Es ist doch so gesund!«

»Wenn ich einmal etwas zu lächeln habe, werde ich lächeln, das ist menschlich; aber lachen ist immer boshaft und wird vom Barocken, Verzerrten, vom Bösen hervorgerufen; deshalb löst es sich gewöhnlich in tränende Augen auf und hat oft ein Gefühl der Leere zur Folge, das in wirklichem Weinen, Weinen ohne Ursache endet.«

Jetzt erst bemerkte Esther, daß der junge Graf im Frack war. Das sah er und fuhr fort:

»Sie sehen meinen Frack an! Ja, ich war bei Professor X. zum Abendessen.«

»Nun?«

»Es ist schauderhaft, aber vielleicht nützlich. Die Jungen üben sich im Schweigen und die Älteren im Verschweigen; alle gehen wie mit Halftern umher, um nicht zu beißen; und heute abend war die Gesellschaft so, daß keiner ein vernünftiges Wort zu äußern wagte; alle schwiegen. Das nennt man Meinungen austauschen. Wissen Sie, nach einer solchen Maskerade sehnt man sich förmlich danach, hierherzugehen. Sonst pflegen alle Gäste ins Café zu eilen, um dort aussprechen zu können, was in der Gesellschaft nicht gesagt wurde.«

»Finden Sie es amüsant zu leben?« fragte Esther ganz schnell.

»Zu leben? Ist das: leben? Hier ist doch nur die Rede von töten, alle gesunden, starken Triebe zu töten, die das Leben erhalten sollten; und tötet man sie nicht durch Entsagung, sondern macht ihnen Luft, so stirbt man im Krankenhause oder verendet später im heiligen Ehestande am kalten Brand. Die Sache mit der Lebensfreude in den achtziger Jahren war ein furchtbarer Schwindel; die Propheten nahmen ein trauriges Ende, und alles ging wieder in die alten Gleise zurück. Wissen Sie, daß ich einen Freund habe, der im Krankenhause liegt und ganz sacht und allmählich stirbt?«

»Ich kenne ihn; Sie meinen den Dichter?«

»Ja, wollen wir hingehen, im Mondschein? Er nimmt die Sache ganz ruhig.«

»Gern,« antwortete Esther, und sie brachen auf.

Die Herbstnacht war mondhell und lau; sie gingen stille kleine Gassen, breite, grüne Straßen und kamen in den Park des Krankenhauses. Unter den riesigen Bäumen waren Zelte aufgeschlagen für die Kranken, die dort schliefen oder wachten, je nachdem. Unter einem Ahorn aber saß der Unterarzt mit einem Kandidaten und trank Whisky. Esther und der Graf, die beide kannten, traten heran und fragten nach dem Dichter.

»Ja,« antwortete der Unterarzt, »er liegt hier ganz in der Nähe und ist wach; aber er macht es wohl nicht mehr lange, da er zu Professor X. geschickt hat.«

»Was? Zu dem Theologen?« fragte Esther erstaunt.

»Ja, der Alte und Axel verkehrten ja in aller Freundlichkeit, um sich zu streiten, in aller Freundlichkeit, und der Dichter hat uns gebeten, ihrer letzten Schlacht beizuwohnen, um falsche Berichte über deren Verlauf unmöglich zu machen.«

»Können wir denn inzwischen zu ihm gehen?«

»Bitte; er liegt und liest Andersens Märchen.«

Esther und der Graf gingen ins nächste Zelt; da lag Axel E. und las beim Schein einer Laterne.

Es war eine kleine, abgezehrte Gestalt mit schwarzem Vollbart, von exotischem, französischem oder italienischem, Aussehen; seine Augen waren groß, glänzend, und er forschte eine Weile, bis er die Eintretenden erkannte, denn seine Augen begannen zu versagen wie sein Gehör. Dann lächelte er, reichte jedem eine Hand und bat sie mit flüsternder Stimme, Platz zu nehmen. Er wußte wohl, daß er sterben würde, aber er verschwieg es sich selbst und wollte nicht, daß ein anderer es sagte. Bisweilen aber fuhr der Hochmut in ihn, und dann pflegte er mit seiner Furchtlosigkeit zu prahlen.

»Ja, Kinder,« flüsterte er, »jetzt erlösche ich; das Auge verliert sein Licht, das Ohr sein Gehör und die Stimme ihren Klang.«

Jetzt hustete er, unheimlich, denn er hatte Kehlkopfschwindsucht.

»Aber seht ihr, noch ist keine Gefahr, denn der Puls geht in den Nächten auf achtunddreißig Grad herunter; und die Nächte sind das schlimmste. Freilich wäre es schade, wenn ich jetzt wegmüßte, wo ich von Tabak, Alkohol und all dem andern gereinigt bin. Ich fühle mich wie innerlich gewaschen. Ja, es ist häßlich zu leben. Hört einmal, dieser Ephraim ist ein komischer Kerl. Er hat mir aus Norrbotten einen Brief geschrieben und fängt so an: Wenn dieser Brief dich noch am Leben trifft. -- So schreibt man nicht an einen kranken Menschen. Ja, das Leben! Wißt ihr, was das schlimmste ist, was ich erlebt habe? Setzt euch, dann sollt ihr es hören! ... Esther, du besinnst dich auf das Mädchen mit dem roten Haar, nicht wahr! mit dem ich mich verheiraten wollte. Ja, wir reisten nach Petersburg, und nach dem ersten Glück kam die Langeweile. Wißt ihr, was Langeweile zu Zweien ist? Allein kann sie schlimm sein, ist aber ganz erbaulich; zu zweien jedoch ist sie grauenvoll; ist sie der Tod; man ist aneinander gebunden, aber man haßt sich, grenzenlos, weil man einander bindet. Nun, sie hatte in aller Heimlichkeit Papiere beschafft, die auch mich durch die Trauung binden sollten. Als ich entdeckte, wer sie war, machte ich meine Armut gegen die Eheschließung geltend, doch da antwortete sie: ich habe Geld. Wir bewohnten in einem einfachen Hotel ein Zimmer. Aber eines Tages -- sie war halbe Tage fort -- führte sie mich in ein Restaurant, das erste in Petersburg. Dort stellte sie mich einem Freunde vor, der uns zu einem Hundertfrankendiner einlud. Ich brauchte ja nur die Augen aufzumachen, um zu begreifen; und als sie beim Champagner einen Blick wechselten, faßte ich einen Entschluß. Also gut, nachdem wir in der Nacht nach Hause gekommen waren, stellte ich mich schlafend. Als ich merkte, daß sie schlief, stand ich auf, nahm ihr Portemonnaie, denn mein Geld war zu Ende, ergriff meine Kleider und Schuhe und schlich auf den Flur hinaus; und im eiskalten Winter kleidete ich mich auf dem steinernen Hausflur an. Daran lief ich zum Bahnhof. Doch es fuhr erst sechs Stunden später ein Zug ab. Kinder! Ich lief sechs Stunden auf dem Bahnhof umher! Und in der Angst, als Dieb festgenommen zu werden! -- Aber es gelang mir zu fliehen! -- -- Als Dieb! Was sagt ihr dazu? -- Und wie würdet ihr gehandelt haben?«

»Ebenso,« antwortete der Graf, sei es, um einen Sterbenden zu trösten, sei es, weil er sich der Tat fähig glaubte.

»Dieb!« wiederholte Axel E.

»Nun, hast du es dir später zum Vorwurf gemacht?« fragte Esther.

»Nein,« antwortete der Dichter, »könnt ihr euch das vorstellen? Ich habe mir keine Vorwürfe gemacht; aber ich bin wütend gewesen, weil ich mich in eine so schmutzige Situation hatte hineinziehen lassen. Ich handelte in gutem Glauben, in Begeisterung, und in ... aber auf wen ich böse sein soll, weiß ich nicht. Zufall, Schicksal, Umstände sind für mich Personen, die ich nicht definieren kann, die ich aber als lebende Wesen anerkenne.«

»Warum hast du den Professor rufen lassen?« schnitt jetzt Esther ab, die mehr für Wirklichkeiten war.

»Den Professor? Ach so, das hatte ich vergessen! Ja, ich war allein und wollte mit ihm streiten.«

»Willst du nicht lieber Morphium haben und schlafen?«

»Morphium wirkt nicht bei mir; nein, ich will wach sein und reden; ich will meine Stimme hören, so lange sie zu hören ist!«

Jetzt zeigte sich in der Tür des Zeltes ein weißer Greisenkopf, der nicht vom gewöhnlichen Schlage war. Es war kein Pauluskopf, auch kein Petrus, aber etwas von beiden. ~En face~ leuchtete Wohlwollen, Ergebung in das Schicksal, christliche Demut daraus; im Profil aber zeigte sich ein Druide, ein Odinspriester, der nach dem Flintmesser sucht, um den Gefangenen das Herz auszuschneiden. Man dachte an die Galgen von Upsala, an die Äste des Odinshaines, wo die Geschlachteten als Opfer für den unversöhnlichen Versöhner aufgehängt wurden.

Axel E. aber, der die kolossale Silhouette des Alten sah, die der Laternenschein auf die Zeltleinwand warf, fand in dieser Zeichnung einen Wolkengreis, wie man ihn nach dem Gewitter sieht, etwas von Zeus oder Moses, und er wurde unwillkürlich eingeschüchtert, wie alle, die in die Nähe dieses Beichtvaters der Jugend kamen.

»Nun, mein lieber Axel,« begann der Alte, »wie geht es dir jetzt?«

»Recht schlecht, Onkel,« antwortete Axel E., der schon bereute, in seiner Schwäche diesen robusten Kämpen herausgefordert zu haben.

»Wie steht es denn mit deiner Seele?«

»Ja, siehst du, Onkel, an die habe ich in diesen neunzig Tagen gedacht, aber ich komme nicht zur Klarheit.«

»Nicht? Nicht? Bist du dir deiner Schuld nicht bewußt geworden?«

»Nein, das bin ich nicht. Daß ich ein Sünder bin, weiß ich, denn wir sind in Sünde geboren; da wir aber alle Sünder sind, so bin ich keine Ausnahme und brauche meine Sünden nicht einem andern Sünder zu bekennen, der ebensogut mir beichten müßte, da wir ja Geschwister sind ...«

»Du bist noch weit entfernt, mein Junge ...«

»Warte ein wenig, dann will ich alles im Zusammenhang sagen, und meine Freunde hier sollen meine Zeugen sein ...«

Hier hustete er, und seine flüsternde Stimme bekam ihren Klang wieder, als er sich in sitzende Stellung aufrichtete.

»Ich war zwölf Jahre alt, als meine Mannbarkeit sich zeigte. Aus reinem Unverstand, im Spiel, wurde ich von einem älteren Kameraden verlockt, den ich später als den Verführer meiner Jugend verflucht habe, viel später, als ich ihn wiedersah und er seinen Verführer namhaft machte. Ich wurde von einem Buch eingeschüchtert, das mich fast ins Irrenhaus gebracht hätte, weil es mir Furcht vor den ewigen Strafen einflößte. Ich wurde Pietist und glaubte, jetzt würde ich Frieden finden; aber den Gemütszustand, den die Religion mit sich bringt, möchte ich Unseligkeit nennen; alles wurde schwarz um mich her, Welt und Menschen, und das schlimmste waren die Askese und die Quälerei. -- Ich lag auf dem bloßen Bettboden, die Gurten schnitten in meinen Körper, und ich fror unter dem dünnen Laken; ich sprach mein Abendgebet auf den Fliesen vor dem Kachelofen; ich hungerte; ich demütigte mich vor den Menschen, so daß ich in den Rinnstein hinunterging und jedem auswich, weil ich mich für schlechter hielt als alle andern und nicht würdig, auf dem Trottoir zu gehen. Als ich mich nun selbst überwunden hatte, wurde ich im Schlaf von Träumen überfallen; und das neue Unerklärliche erschreckte mich so, daß ich nicht zu schlafen wagte; der heilige Schlaf war mir zum Fluch geworden; aber meine Seele war rein, denn ich dichtete nur Schönes, das wißt ihr alle, die ihr meine Jugendgedichte gelesen habt. Als ich nun sah, daß der gute Wille, daß alle Anstrengungen vergeblich seien, als ich dachte, mein Leben werde entschwinden, als ich erkannte, daß meine Gebete zu Gott nur mit Hohn beantwortet wurden, da glaubte ich in der Hölle zu sein, glaubte, Gott habe mir den Rücken gekehrt. Da las ich Stagnelius und erhielt von ihm eine Art Erklärung des Elends. Die Seele sei in das Gefängnis des Körpers eingesperrt und könne sich nur dadurch frei erhalten, daß sie dann und wann dem Tiere in Form eines Opfers ein Stück Fleisch hinschleudere. Ich tat das -- und immer, wenn ich es getan habe, hat meine Seele den Anker gelichtet, und ich bin über den Sumpf weggeflogen. Sobald ich aber wieder in Askese verfiel, beschäftigten sich meine Gedanken nur mit sensuellen Dingen, so wie der Hungrige stets an Essen denkt. Dann bekam ich diese Krankheit! -- Da fragt man sich, warum nicht alle sie bekommen, und warum nicht zuerst die davon ergriffen werden, die Unzucht als einen Sport betreiben, was ich nicht getan habe. Antwortet darauf! Die Ärzte sagen, einige Individuen seien immun, weil ihre Eltern verseucht gewesen sind ...«

Jetzt erhob sich der Alte zornig und warf das Druidenhaupt herum:

»Hast du mich rufen lassen, damit ich hier sitzen soll und so eine Schweinerei anhöre?«

»Ja, Alter, du sollst mich anhören,« schrie der kleine Mann im Bett und faßte dem andern in das weiße Barthaar, als wolle er einen falschen Bart herunterreißen. »Du sollst mich anhören, du sollst wissen, bevor du richtest. Du sollst wissen, daß meine Gefühle drauf und dran waren, auf Abwege zu geraten, als ich mich durch Enthaltsamkeit von dem Höllenbrand zu befreien suchte; du sollst wissen, daß mir von dem Hausarzt meines Vaters befohlen wurde, Weiber aufzusuchen und daß es mit Willen und Wissen meines Vaters geschah.«

»Das lügst du,« antwortete der Menschenopferer.

»O schäme dich! Schäme dich! Du Alter, der du im Ehebett mit einer Frau geschlafen hast, die du liebst, ein Glück, das einem jungen Manne nie beschert wird, weil er kein Brot hat: du solltest bedauern, du solltest trösten, aber du hast nur Steine und Schlangen, wo du Brot und Fisch geben solltest.«

Der Alte griff nach dem Buch auf dem Nachttisch, und als er Andersens Märchen sah, legte er es mit einer nachsichtigen Miene der Enttäuschung zurück.

»Ja, wettere über die Märchen, aber lies das von den bösen Träumen des Priesters, wenn er über die ewigen Strafen gepredigt hat. Kennst du das?«

»Hier ist meine Rolle ausgespielt,« verhaspelte sich der Druide.

»Du sagst es selbst: deine Rolle,« fuhr der Sterbende fort. »Besinne dich auf die Regungen der Weltlust in dir selbst, der du der Jugend predigst, denke an die ganze ›Freiheit des inneren Sinns von den Verlockungen dieser Welt‹, wenn die Welt dich das nächste Mal verlocken will, du Hofprediger! ›Wehe dem, der in diesem Kampf unterliegt und die Waffen streckt,‹ ~Principiis obsta!~ Du kennst die Versuchungen der Jugend, Alter, aber du kennst nicht die des Alters, wenn weltliche Ehre und Auszeichnung dich zum Abfall locken; dein Tag wird kommen, da du deinen Heiland dreimal verleugnen wirst, Petrus, da du dich verleiten läßt, den Antichrist zu rühmen, der mit seinen Schleichlehren die Sünde entschuldigt, da Gott dich mit Blindheit schlägt, so daß du dich bemühen wirst, den Thron dessen einzunehmen, der unsern Heiland in die Ferse gestochen hat! Gib acht, wenn dieser Tag kommt, und denke dann an mich, der nicht mehr ist ...«

Hier erlosch die Stimme des Kranken, und er sank zum Schlummer auf das Kissen zurück.

Der Hofprediger -- denn in diese Haut war er jetzt geschlüpft, und er hatte viele zur Verfügung -- wurde groß, bei dem Gedanken, vor der studierenden Jugend, die die erhaltene Lektion angehört hatte, seine Würde wahren zu müssen; und als wolle er den Fall dem zuständigen Arzt überlassen, grüßte er zum Abschied mit der Hand und warf eine Phrase hin:

»Sie sorgen wohl dafür, daß er schlafen kann, Herr Doktor.«

Jetzt entwickelte sich der Wolkengreis an der Zeltdecke und wurde erschreckend groß, der Kopf eines Riesen, des Urmenschen, der nach Kirchen mit Steinen warf, Glocken nicht vertragen konnte und vor dem Geruch von Christenblut schauderte. Dann schrumpfte der Riese zusammen und kroch durch die Zeltöffnung hinaus.

Der Nachtwind von der Ebene schüttelte die großen Ahorne, die wie ein Bach zwischen Kieseln rauschten und rieselten; die Zeltleinwand wellte, und die vier Eckpfosten der Laterne warfen ihr Schattenbild wie einen Käfig, in dem der Kranke lag mit dem weißen Gesicht, das den unendlichen Schmerz eines Menschen ausdrückte, der unverdient zu leiden glaubt.

»Er schläft ohne Morphium,« sagte der Unterarzt, nachdem er den Puls gefühlt hatte.

Die drei jungen Menschen gingen hinaus und setzten sich unter den Ahorn an den Whiskytisch. Der Mond hatte sich gesenkt und leuchtete weiß auf die Zelte; ein Zeltlager, das für Verwundete und Sterbende aufgeschlagen war.

»Ja, Kinder,« begann der Unterarzt, »werdet ihr klug aus dem Professor? Ich als Theosoph und Martinist neige zu der Annahme, daß irgend eine fremde Seele sich früh als Pfropfreis an diesem wilden Stamm festgesetzt hat und parasitisch auf ihm weiter lebt. Dieser Großinquisitor ist im Grunde ein anderer, als er scheint; wenn ich ihn rasieren und scheren könnte, würdet ihr wahrscheinlich einen Typ aus Lombrosos Album vor euch haben: ich meine, er ist ein böser Mensch, der zum Bewußtsein seiner Bosheit gekommen ist und deshalb diesen Pfahl im Fleisch hat, den man Religion nennt; oder er hat sich selbst die Kandare angelegt, um nicht zu beißen. Habt ihr nicht bemerkt, daß gute Menschen nie Pietisten sind? Und daß Pietisten auf uns gewöhnliche Sünder immer einen boshaften Eindruck machen? Ich war Pietist, als ich jung war, und ich nahm die Religion hin wie bissige Hunde das Nagelhalsband. Ohne die strenge Religion meiner Jugend wäre ich ein Unmensch gewesen, denn ich war von Natur nicht gut. Pietismus ist ein Gemütszustand, der sich einstellt oder ausbleibt; es ist also idiotisch, einen Menschen wegen seiner Gemütsverfassung zu hassen oder ihm einen Vorwurf daraus zu machen; Pietismus ist ein Pönitenzzustand, ein Streben nach der Erziehung zum Übermenschen; es mißlingt freilich oft, deshalb erscheinen die Pietisten als Heuchler, sind es aber nicht; ein religiöser Mensch ist immer ein wenig schlechter als andere, weil er die Geißel braucht, und ein wenig besser als andere, weil er sie anwendet. Denkt euch einen Oftedal ohne Religion! Das wäre wahrscheinlich ein Caligula gewesen; jetzt wurde er nur ein kleiner Ludwig XV.; das ist immerhin ein Gewinn. Was Axels Bekenntnis betrifft, so weiß ich, daß es wahr ist; und es war schrecklich, mit anzuhören, daß der Alte ihn zum Lügner machte; aber er versteht es am Ende nicht besser, denn er hat das Leben wohl nie gelebt. Und das ist die große Frage, seht ihr, ob man durch den Sumpf hindurch oder um ihn herumgehen soll. Ich weiß es nicht; manche tauchen einmal unter und schwimmen weiter; andere bleiben auf dem Grunde. Das scheint jedem einzelnen vorausbestimmt zu sein, und der Gnostizismus, den Axel von Stagnelius bekam, scheint ihm das Bedürfnis eingegeben zu haben, die materielle Basis zu vernichten, um das Geistige zu befreien. Wenn die Religion im Großen genommen Anknüpfung an das Oben ist, so war Axel religiös, denn er befand sich ständig auf dem Fluge, suchte stets hinter dem Phänomen, faßte das Leben auf als etwas Provisorisches, Vorübergehendes, ein Gastspiel auf der Durchreise, litt unter dem Dasein und sehnte sich heim. Er war kein böser Mensch, eher das Gegenteil ...«

Hier wurde der Sprecher von Esther unterbrochen, die erregt war:

»Warum sagst du, er war?«

Der Arzt schien sich verbessern zu wollen, aber es war zu spät:

»Ich sage _war_, weil er nicht mehr ist. Das habe ich schon eine ganze Weile gewußt.«

»Ist er tot?«

»Ja!«

Es wurde still, und die drei Gesichter wurden weiß. Keiner wollte angesichts des großen Rätsels etwas Banales sagen. Aber sie standen auf und gingen ins Zelt, um Abschied zu nehmen.

Der Morgen dämmerte und die Laterne war erloschen.

Die Zeltleinwand war von außen schwach rosenfarben, und der Tote lag mit nach hinten geworfenem Kopf da, den Mund wie in Ekstase geöffnet und die Augen nach oben gerichtet; das ganze Gesicht strahlte in Verzückung, als habe er etwas übermäßig Schönes gesehen, vielleicht das Land seiner Träume.

* * * * *

Nach einem langen Winter in Upsala wurde es wieder Frühling, und Esther kam zu den Eltern nach Hause. Storö hatte sich zum Badeort entwickelt und ein Kurhaus bekommen; dahin kamen mancherlei Leute, Segler, Sommergäste. Und Esther mußte als Dame gekleidet gehen, was ihr höchst kurios vorkam; besonders erschien ihr das Weiß, als ginge sie in ihren Bettüchern umher; es erinnere an Laken und Kopfkissenbezug, meinte sie. Alles saß ihr schlecht, machte sich nicht, und da sie das wußte, hielt sie sich fern. Doch Frau Brita zwang sie, ins Kurhaus zu gehen, denn sie dürfe nicht vergessen, daß sie Frau sei. Diese Stunden, wenn getanzt wurde, waren ihre bittersten. Dann mußte sie an der Wand sitzen und stundenlang warten, aufgefordert zu werden; aber es kam kein Herr; und erschien wirklich einer, so sah sie das Mitleid mit dem häßlichen Mädchen, und das kränkte sie im Innersten. Dann blieb sie weg und ging in den Wald, fuhr auf die See hinaus, wurde aber bei der nächsten Gelegenheit wieder in den Tanzsaal geschickt. Diese Zurschaustellung ihrer Weiblichkeit, dieser Wettbewerb in einem ungleichen, unwürdigen Kampf zerriß sie, und sie verwünschte das grausame Vergnügen, bei dem die von der Natur Vernachlässigten öffentlich gezeichnet wurden.

Es war an einem solchen Tanzabend im Vorsommer. Die Eltern gehörten zur Direktion, und Esther war aus Rücksicht auf sie und auch in dem Gedanken an den wohltätigen Zweck mitgegangen. Aber sie war nicht in den Saal getreten, sondern hatte auf der Veranda Platz genommen, wo sie die Paare vorübergleiten sah, vorüber. Die schlimmste Qual für sie war, den Ausdruck von Enttäuschung und Kummer in ihrem Gesicht zu verbergen, und diese gewaltsame Beherrschung verlieh ihren Mienen Wildheit und Trotz.

Wie sie da saß, kam ein Mediziner aus Upsala, etwas angeheitert, von einer Segeljacht.

»Ach, Pelle,« entfuhr es ihm. »Ist Saul auch unter den Propheten? Du gehst doch wohl nicht auf solche Ausstellungen von Reproduktionstieren?«

Esther blieb die Antwort schuldig, und der Kamerad ging in den Saal, ohne sie aufzufordern. Daß er gar nicht fragte, ob sie tanzen wolle, kränkte sie besonders, trotz der Schmeichelei in den zweideutigen Worten des Mannes, nach denen er sie für diesen Aufzug zu gut fand.

Nach einer Weile erschien der junge Graf aus Upsala mit der Ballkönigin, der Schönheit des Ortes, die an seinem Arm hing und seine Blicke trank. Esther sah sie den Saal betreten, tanzen und darauf sich unterhalten. Alle Badegäste verfolgten die beiden mit bedeutungsvollen Blicken, und eine ältere Dame, die aus dem Saal kam, äußerte:

»Die wird Gräfin werden! Viel Glück! ein Graf, dessen Vater Kassierer und der selber Sozialist ist, das ist eine feine Partie.«

»Aber er sieht gut aus!« antwortete die andere Dame.

Esther hatte hingehört; und als sie nun diesen neuen Ausdruck im Gesicht des Grafen sah, der den der jungen Schönheit widerstrahlte, da wurde es düster in ihr, und sie begriff, warum sein Gesicht in ihrer Gegenwart nie diesen Glanz bekommen hatte.