Die Gotischen Zimmer: Roman

Part 21

Chapter 213,666 wordsPublic domain

»Ich leide für die Missetaten meines Vaters; er hat keine Zeit, seine Strafe zu leiden, denn er muß für die Familie arbeiten. Und ich habe zu Gott gebetet, mich für ihn leiden zu lassen. Da ich unschuldig bin, sind meine Qualen größer, als die seinen wären, deshalb ist die Zeit verkürzt. Aber wehe ihm, wenn er undankbar ist oder sich nicht bessert, dann kommt es über ihn selbst! Das weiß er, und deshalb nimmt er sich in acht. Er weiß auch, daß ich ihm überall folge und ihn überwache. -- O es ist schwer, aber es nimmt ein Ende. -- In drei Jahren werde ich zu Weihnachten nach Hause kommen!«

Sie gingen weiter.

»Meinst du,« fragte Max, »daß dieser Engel nicht weiß, was er tut? Glaubst du, sie ist nicht bei Verstand? Mache dir die Mühe, in aller Heimlichkeit ihren Vater auszuforschen und zu erkunden, ob sie die Wahrheit spricht!«

»Dazu haben wir keine Zeit!«

»Du hast recht! -- Aber ist dir aufgefallen, wem sie ähnlich sieht?«

»Ja, jetzt weiß ich, wen du meinst ...«

»Nun? Wenn es seine Schwester ist, dann kennst du den Vater! -- Aber wohin führt diese Treppe?«

»Zu den Allerschlimmsten! Da wohnen ...«

»Ich weiß; das ist Swedenborgs Dreckhölle für die Wollüstigen ...«

»Sagt Swedenborg das ...?«

»Ja, stimmt es?«

»Es stimmt! Jetzt fange ich an, mich zu fürchten!«

»Höre zu! In Dantes Inferno ist von Dieben gesagt, daß sie in Ermangelung anderer Dinge einander das Aussehen stehlen. Erinnerst du dich des nie entschiedenen Prozesses des norrländischen Diebes, des kombinierten Mordes und des Traums der Frau von etwas in einem Eisenbahnkupee ... daran denke! Denke auch an die beiden geheimnisvollen Prozesse in Norrland und Östergotland, wo kein Verbrechen begangen zu sein schien, kein materielles wenigstens ... und doch soviel gelitten werden mußte ... außergerichtlich; ›schuldig und nicht schuldig‹ scheint das einzige Urteil zu sein ... Ja, wenn wir alle unsere Gedanken aussprechen sollten ... Rousseau war so unklug, das zu tun ... wie wir innen aussehen! Und unser inneres Leben tritt bisweilen ans Licht, verwirrt die Begriffe, macht klare Aussagen unglaubhaft, dann wird der Ankläger der Schuldige. Deshalb sollten wir erst das Trinkgefäß inwendig rein machen ... Was für eine schauerliche Maskerade ist das Leben! Ich kann nie in Gesellschaft gehen, denn ich höre Gedanken, lese Gesichter und bin so streng gegen mich selbst, daß ich meine heimlichen Gedanken strafe, die bisweilen ganz furchtbar sind, so daß ich mich nicht zu ihnen bekennen will ... In schlechter Gesellschaft kann ich bisweilen immun sein, gewissermaßen geschützt, bisweilen aber kommt ihre Bosheit über mich, und sie sprechen durch meinen Mund ... Dann haben sie den Eindruck, ich sei ein roher Mensch ...«

Sie wanderten weiter und kamen schließlich an den großen Sitzungssaal, wo ein kleines Fest veranstaltet war.

Max wollte nicht hineingehen, sondern blieb an der Tür stehen.

»Dies erinnert mich an das Grauenvollste, was ich je gesehen habe. Es war ein sogenannter Wiener Ball für perverse Männer und Weiber in Berlin. Ich war mit dem Polizeikommissar und einem Arzt zusammen da. Stelle dir nur vor: ein junger Mann ist verliebt in einen Kerl von vierzig Jahren, mit rotem, grobem, häßlichem Gesicht, Schnurrbart und Kneifer, und macht ihm den Hof. Der sollte die Geliebte vorstellen. Wer hatte sein Gesicht geblendet? Was liegt dahinter? Es muß einen Grund geben! -- Nein, ich will nicht hineingehen! Ich habe Angst vor Irren; sie wirken wie Dämonen, denn sie sprechen sofort all meine Geheimnisse aus, sogar all meine ungeborenen Gedanken. Und da hast du die Gleichung des Irren: er lebt in einem stummen Unterbewußtsein, nimmt einen auf Vorschuß, ist so scharfsichtig, daß er boshaft erscheint. Er hört an unglaublichen Orten alles, was noch nicht lautbar geworden ist; er sieht Gedanken und Gefühle; seine seelischen Kräfte stehen in gewisser Weise über unsern gewöhnlichen, deshalb paßt er nicht in die Maskerade des Lebens hinein ... Ach, da ist ja der Dichter!«

»Ja, er predigt jetzt Sittlichkeit gegen sich selbst!«

»Und weiß nicht, daß die Schöne Helena mit seinen banalen Liedern die Runde macht?«

»Nein, das weiß er nicht!«

»Wenn er es erfährt, was wird dann geschehen? Seine Person scheint freilich bereits gespalten zu sein, aber wenn er mit seinem früheren Ich in Disharmonie kommen sollte, wird er die Dissonanz durch Kompromiß oder Kampf gegen sich selbst lösen? ... Weißt du ... diese Sittlichkeit, richtig aufgefaßt, hat mehr für als gegen sich. Mit der gewaltigen Schöpferkraft zu spielen ist ein Greuel, und er wird am schlimmsten und häufigsten in der Ehe betrieben, wo er ein Zeitvertreib geworden ist. Deshalb will ich aus sittlichen Gründen die Auflösung der Ehe. Im zweischläfrigen Bett verliert man seine Persönlichkeit, seine Selbstachtung, seinen Menschenwert. Da verkauft man seine Seele, lernt das Verschweigen, sich versöhnen nennt man das. Es ist das Grab, in das das Ebenbild Gottes gelegt wird, und aus dem das Tier aufersteht! Da wird die grenzenlose Verachtung seiner selbst, der Liebe, der Gattin und des Heims geboren! Ich hörte kürzlich, wie ein Mann, in dessen Küche sich die Bräutigams ablösten, nach dreijähriger Ehe endlich aufwachte und ausrief: ›Ich halte es nicht mehr aus, Bordellwirt zu sein.‹ Nein, jetzt gehen wir auf die Schanze. In einer Stunde ist Mitternacht!«

* * * * *

Die Gäste aus den Gotischen Zimmern gingen in kleinen Trupps durch die Nacht und plauderten; Alte und Junge, Väter und Söhne, Onkel und Neffen als gleichaltrige Kameraden; das war die Losung der Zeit: »Der Tod ist keine Entschuldigung, und das Alter hat keinen Rang. Die Vaterschaft läßt sich nicht beweisen, deshalb sind wir alle Brüder.«

Der alte Gustav ging mit Isak an der Spitze:

»Kannst du dir vorstellen, Anders schrieb auch einen Sermon über amerikanische Familienverhältnisse, aber das wollte ich den Jungen nicht vorlesen. Er sagt, das Heim löse sich auf und die Familien wohnten im Boardinghouse. Ich gebe zu, es ist eine Verschwendung mit unseren Familienhaushalten, und der Altar des Hauses ist eigentlich der Küchenherd. Essenkochen und Aufwaschen ist ja vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang im Gange. -- Und dann sagt er, Scheidungen seien ebenso üblich wie Hochzeiten, und es habe den Anschein, als sei das Leben durch diese Erneuerung der Persönlichkeit reicher geworden.«

Isak, der solche Fragen nicht gern behandelte, lenkte ab und nahm ein anderes Thema auf:

»Nobel ist ja jetzt gestorben und hat einiges hinterlassen; dreißig Millionen oder so.«

»Dann bekommt ja die Akademie etwas Geld zur Verfügung; wenn es nur nicht ein Reptilfond wird, mit dem politische Gegner gekauft werden.«

»Etwas Amtliches wird es sicher ...«

Kurt und der Doktor im zweiten Gliede hatten eine Weibergeschichte vor. Kurt führte das Wort.

»Da ist sie mit dem Kind ihrer Wege gegangen, um mir den Todesstreich zu versetzen; aber ich lief ihr nicht nach, sondern ließ sie sitzen, und das hatte sie nicht in Rechnung gezogen. Da sagte sie, ich sei kein Gentleman; und dann lief sie zum Rechtsanwalt und beantragte die Scheidung, weil ich ›sie nicht glücklich gemacht hätte‹. Weißt du, was das heißt, eine Frau glücklich machen?«

»Ja, gewiß weiß ich das: wenn sie dich ruinieren, dich entehren, dich erniedrigen darf, dann hast du sie glücklich gemacht; und gelingt ihr das, ohne daß du klagst, dann bist du ein Gentleman!«

Holger und Sellén im dritten Glied sprachen über die Zeitung: Sellén war mit den Rezensionen und den Persönlichkeiten nicht einverstanden.

»Aber das Leben ist öffentlich geworden, ganz wie im alten Athen: Ephoren und Zensoren durchforschen das Privatleben des einzelnen; darein muß man sich finden, muß es zu seiner Erziehung nutzen; im übrigen, wenn alle das Persönlichkeitsprinzip predigen, sind die Persönlichkeiten einer Kritik ausgesetzt, die persönlich werden muß. Aber als Korrektiv hat sich das Interview eingestellt. Früher konnte man auf eine unwahre Anschuldigung nicht antworten; das Urteil der Zeitung war drakonisch. Jetzt darf der Geringste antworten und sich erklären. Das ist ein großer Fortschritt.«

»Ja, aber wenn sie ungerecht sind ...«

»Es gibt nichts Dümmeres, als ungerecht zu sein. Der Betroffene wird zum Märtyrer und erringt oft unverdiente Sympathien ... Hier im Lande ist es schwer für ein Talent, hochzukommen, denn man nimmt lieber eine Unfähigkeit, die Bein vom eigenen Bein ist, und kreiert sie; aber es geschieht oft, daß man durch den Neid anderer auf einen Konkurrenten vorwärts kommt, und das ist der gewöhnliche Weg ... Wollen sie einen Beneideten stürzen, müssen sie einen andern emporheben ... Doch Reklame ist das Schlimmste, worauf man bauen kann, und ich begreife nicht, warum die Leute annoncieren! Wenn ich eine große Annonce sehe, bekomme ich Angst und denke, es ist Schwindel! Nein, die mündliche Propaganda durch einen Käufer, der eine gute Ware bekommen hat, das ist der einzige Weg! -- Unser Freund Lundell, der Maler, hat sein ganzes Leben hindurch Reklame gemacht, ist aber nie etwas geworden, ist namenlos gestorben und jetzt nach einem Jahr vergessen!«

Isak war in edelmütiger Stimmung und spielte aus Trümpfe und Stiche nacheinander.

»Man mag sagen, was man will, aber ohne die Heilsarmee und die Guttempler wäre Schweden in Trunksucht verfallen. Angenehm sind sie ja nicht, indessen ...«

»Als Vorschule für Amerika haben sie allerdings ihre Rolle gespielt, und für das Publikum ... Jedenfalls sind die größten Reformen in unserm sozialen Leben auf privatem Wege durchgeführt worden, ohne den Reichstag; die Regierung hat ja nie etwas anderes getan als gehemmt. Das Ritterhaus stürzen war keine Kunst, und der Adelsalmanach ist noch vorhanden, aber die Fräuleinreform des Abendblattes, die hat dem Adel den Todesstoß gegeben. Das war eine Guillotine. Auf dieselbe Weise haben die Guttempler die Nüchternheit geschaffen und die Pietisten die Staatskirche vernichtet, hat die Literatur die Sitten umgebildet, haben die Privatbanken das ökonomische Leben reformiert.«

»Apropos Ökonomie! Weißt du, daß das beste Geschäft in Schweden die Lebensversicherung ist? Nicht weil die Leute an den Tod denken, sondern weil die Versicherungspolicen als Hypotheken für Darlehen benutzt werden, und da alle pumpen ... Aber der größte Gewinn resultiert aus den verfallenen Versicherungen; wie schwedisch das ist! Um zu zweihundert Kronen zu kommen, bezahlen sie sechshundert an Prämien, und dann lassen sie die Versicherung verfallen!«

Der Doktor im zweiten Gliede war bei seinem Thema:

»Eines Nachts kam sie aus dem Theater und wollte ein Butterbrot mit Kalbsbraten und Gurken haben. Der Braten fand sich, nachdem sie mich schimpfend geweckt hatte, aber als die Gurken fehlten, wurde sie böse und drehte die ganze elektrische Beleuchtung an, die bis zum Morgen mit voller Kraft brannte. Als ich ihr dann die Leviten las, sagte sie, ich sei kein Gentleman, und als ich ihr schließlich wenigstens bewies, daß ich ein Mann bin, lief sie zum Advokaten und sagte, ich machte sie nicht glücklich, ganz wie deine. Kann man als gesunder Mann mit einem wahnwitzigen Kinde zusammenleben? Kann man seinen Namen und seine Ehre seinem schlimmsten Feinde geben? Den Mann, den sie liebt, haßt sie! -- Brunst und Haß, das ist die Liebe der Frau! -- Der Mann liebt und sie haßt! -- Alles Schöne, das wir in ihr sehen, sind nur Projektionen auf ihr weißes Tuch, auf dem sich nichts befindet. -- Die Welt wird in Haß vergehen! Die Kinder werden in Haß geboren, in Haß erzogen! Es ist widerlich, in einer perversen Zeit zu leben, in der alles auf den Kopf gestellt ist. Sehen sie einen Mann mit einem männlichen Willen, so sagen sie, er ist ein Weib; sehen sie einen Alphons, der im Namen der Frau spricht und seinen Willen einer Frau unterstellt, so heißt es: Seht, das ist ein Mann! So muß ein Mann sein! Der Dichter Grönlund, der sich gegen Bezahlung prostituiert und ein Entretenu ist, das ist der Dichter der Frauen! Er schreibt gegen sein eigenes Geschlecht und verleumdet es ... Gynolatrie!«

Sie hatten die Insel passiert und waren an die Floßbrücke gekommen. Jetzt tauchte plötzlich der Schanzenberg im Licht der Feuerzeichen auf, und der Feuerkranz von Bredablick hing in der Dunkelheit ...

Sie blieben einen Augenblick schweigend stehen, dann wurde der Marsch fortgesetzt, und die sechsstimmige Fuge kam wieder in Gang.

»Sellén und das Rote Zimmer haben 1870 die Schanze erfunden; das ist ja köstlich; bevor der Aussichtsturm da war; damals diente der Hügel als Motiv für Maler, auch als eine Art Luginsland ...«

»Ich vergesse nie den Franzosen vom Geschwader, der mich zwei Tage lang mit seinem ›Es lebe die Akropolis‹ verfolgte, sogar bis in den Opernkeller.«

* * * * *

»Die Ursachen der Auswanderung? Sieh dir den Staatskalender und die Landsturmrolle an.«

* * * * *

»Jetzt ist alles in so raschem Fluß, und man kann eine Erklärung, die zehn Jahre alt ist, nicht benutzen, weil sie nicht mehr stimmt. Wo ist Panslawismus? Pangermanismus? Borussianismus? -- Nirgends! Wo ist der amerikanische Weizen geblieben, der Europa in Angst versetzte? Und die Reblaus? Tot, und Frankreich weiß nicht, wo es seinen Überfluß an neuem Wein absetzen soll.«

»Alles scheint sich schließlich zurechtzuziehen, aber man kann das Eingreifen einer gewissen Vorsehung nicht leugnen. Damit Dreyfus frei werden konnte, mußte Bismarck sterben. Als er gestorben war, kam der Erlaß des Zaren, und damit war der Revanchegedanke erledigt, damit konnte China geöffnet und Dreyfus begnadigt werden, wodurch die Kampflust der französischen Armee beschnitten wurde ...«

* * * * *

»Man mag sagen, was man will, aber der deutsche Kaiser (der in Berlin) ist ein Mann; er ist der einzige Monarch, der seine gesetzlichen Rechte und seinen persönlichen Einfluß zu benutzen wagt. Sein Telegramm an die Transvaaler erforderte Mut!«

»Konstitutionelle Monarchen, das ist doch nichts. Konnte nicht der Reichsmarschall den Reichstag eröffnen und die Bahnen einweihen? Die Orden könnte man ja streichen, dann brauchten sie nicht ausgeteilt zu werden.«

* * * * *

»Wenn man Mark Twains Gleichung geben wollte, wäre es die: Die Umwertung aller alten verfallenen Werte durch den Menschen der Gegenwart! Das Verflossene in elektrischer Beleuchtung gesehen; alte Kultur auf der Auktion, wo kein Respekt, keine Liebhaberwerte mehr mitsprechen, außer dem Zwangswert, den sie jetzt hat; sie muß zu jedem Preise realisiert werden ... zum ersten-, zum zweiten- und zum drittenmal! Bibliotheken müßten dann und wann verbrannt werden, sonst wird das Gepäck, das man mitzuschleppen hat, zu groß. Chinesen und Araber haben das durchgeführt, und Japan hat eine ganze Kultur auf einmal beiseite geworfen ... Japan, ja!«

* * * * *

»Man sagt, Holger habe im Gefängnis Dinge erlebt, über die er nicht sprechen will ... daß er aber seinen alten Glauben an den Affen und an den Mechanismus ohne Mechanikus verloren hat, ist sicher. So weit wie Max ist er noch nicht gekommen ...«

»Ja, Max und Esther! Da darf man sich nicht einmischen; das muß geheim bleiben und respektiert werden. In das Seelenleben zweier Menschen darf und kann niemand mit rauhen Händen eingreifen ...«

* * * * *

»Warum wächst Stockholm nicht aufs Meer hinaus, sondern nach den Tümpeln zu? Wie kann man mit Bauplätzen auf dem Leibgedinge spekulieren, die nur auf Lebenszeit, die unbestimmt ist, Dispositionsrecht gewähren? Nein, ein Strandweg, eine lange Linie wie in Kopenhagen von der allgemeinen Gasse bis zum Blockhauszoll; die Industrie auf der Insel Sickla, die Flotte auf Vaxholm und für die Stadt Stockholm die Insel Liding ... hinaus ins Meer!«

* * * * *

»Pastor Alroth liegt im Krankenhaus, um aufgeschnitten zu werden. -- Es ist ein schauerlicher Tempel, in dem die Menschen von einer unbekannten Göttin geschlachtet werden, die den Blinddarm sehen will. Sie werden dahingebracht, um getötet zu werden, wie die Hunde zum Tierarzt!«

»Apropos Hunde! Es ist doch schändlich, daß sechstausend Hunde in Stockholm den Kindern Brot und Milch wegnehmen ... Und die Hauswirte, die ihre feinen Wohnungen an Tiere und ähnliches vermieten ... ist das gesetzlich? Es steht doch im Kontrakt, man soll ein stilles und ruhiges Leben führen ... Die Tiere haben jetzt größere Rechte als der Mensch, dann ist der Mensch reif! -- Streikten die Dienstboten und weigerten sie sich, frierend auf der Straße zu stehen, wenn die Hunde sich und andere soulagieren, dann würden wir bald eine zivilisierte Gesellschaft haben. -- Wenn man sich vorstellt: man läßt einen Dienstboten vor der Haustür stehen und sich schämen! Pfui, was für Menschen ... Barmherzigkeit gegen das Tier! Aber zunächst gegen den Menschen!«

* * * * *

Die Fuge fugierte sich den Schanzenberg hinauf.

»Akropolis, der Heilige Berg, das Kapitol!«

»Weltbürger bedeutet nicht, daß der Norweger von Blasieholm aus Schweden regieren soll; nein, nationale und kommunale Selbstverwaltung bei allen Föderativstaaten!«

»Selbst Talmud verflucht den Mann, der seinen Willen seiner Frau unterwirft.«

»So, da fangen die Hunde an zu kläffen, weil sie den Gesang vom Turm hören; nichts kann ohne Hunde vor sich gehen. Da lobe ich mir die Türken ... und die Japaner! Bei ihnen ist das unreine Tier unrein ... aber bei uns ... jeder Hundebesitzer ist ein ~cynêde~ ... schlagt das Wort bei Lombroso nach ...«

»Seht, da in dem Hause steht Grönlund, der Anführer der Teufelsanbeter ... jawohl alle, die Karl XII. anbeten, sind Teufelsanbeter, und alle, die Gustav Adolf anbeten, müßten auch Swedenborgs ~Diarium Spirituale~ lesen ...«

* * * * *

»Die Mitternacht kommt von Osten her,« sagte Max; »in diesem Augenblick steht sie über der Ostsee und hat das neue Jahrhundert in ihrem Arm.«

Sie standen vor dem Swedenborgpavillon, und Esther glaubte etwas über den großen Schweden sagen zu müssen, der jetzt aus hundertjähriger Vergessenheit und unverdienter Geringschätzung emporgestiegen war.

»Du glaubst doch nicht, daß Swedenborg mit andern Welten in Verbindung stand; man kann nicht in Verbindung mit andern Welten stehen, die es nicht gibt.«

»Gibt es sie nicht? Blicke zum Himmel auf und zu den Sternen! Siehst du jetzt nicht andere Welten?«

»Doch, aber ...«

»Siehst du da nicht Capella, den großen, weißen Stern?«

»Nun?«

»Da du ihn siehst, so ist dein Auge durch das von ihm ausstrahlende Licht getroffen, und du stehst in einer Art Verbindung mit ihm, da du etwas von ihm bekommen hast.«

»Ja, einen Lichtstrahl ...«

»Jawohl, einen Lichtstrahl, den du aufnimmst. Nun weißt du doch, daß man auf einem Lichtstrahl eine Tonwelle senden kann?«

»Nein, das weiß ich nicht.«

»Kennst du Bells Photophon nicht, durch das man mittels eines Lichtstrahls fernsprechen kann? Nun, das gibt es, wenn du es auch nicht kennst. Jedenfalls kannst du auf dem Lichtstrahl der Capella eine Tonwelle aussenden. Nun weißt du, daß eine Tonwelle einen Gedanken fortzupflanzen vermag; du schickst mir ja jeden Tag einen Gedanken durchs Telephon. Stimmt meine Beweisführung?«

»Ja ...«

»Also der Schlußsatz: Andere Welten existieren, weil du sie siehst, und du könntest auf einer Lichtwelle durch eine Tonwelle einen Gedanken aussenden und umgekehrt auf dem gleichen Wege von dem gleichen Ort einen Gedanken empfangen.«

»Die Beweisführung ist richtig ...«

»Dann sind wir einig, und Swedenborg kann mit andern Welten in Verbindung gestanden haben.«

»Das fasse ich nicht ...«

»Soll ich die Beweise noch einmal wiederholen? Nein, das willst du nicht! -- Jedenfalls hat Holger im Gefängnis eine Menge Erlebnisse gehabt, die er nicht erklären konnte, die ihn aber beunruhigt haben. Solange wir etwas nicht erklären können, nennen wir es Mystik. Nun hatte er Swedenborg nie gelesen; als er aber wieder herauskam, geschah ihm das Folgende, das du kontrollieren kannst, wenn du willst. Nach seiner Befreiung lebte er in Grübeleien und glaubte natürlich auf dem Wege zum Wahnsinn zu sein. Da kommt eines Tages auf die Redaktion ein armer Jugendfreund und will Swedenborgs Arcana Coelestia, die schwedische Ausgabe verkaufen, besaß aber nur Teil 6, 7 und 8. Um ihm zu helfen, kaufte Holger sie, ohne die Absicht, sie zu lesen. Als er jedoch, nachdem er allein geblieben war, darin blätterte, fand er in dem Buche -- seine Erlebnisse im Gefängnis, und die Erklärungen dafür stimmten. Da wurde er nachdenklich, versuchte Geister zu beschwören mit den Formeln Hypnotismus, Suggestion, Zwangsvorstellungen und andern. Jedenfalls war auf seine Vergangenheit und seine Gegenwart ein neues Licht gefallen. Vierzehn Tage später war er in Upsala und ging zum Antiquar, um das Gesetzbuch von 1734 zu kaufen. Er muß selbst in den Regalen suchen und findet nun Teil 1, 2 und 3 der Arcana; aber natürlich nicht die gleiche Ausgabe wie die seine. Als er nach Stockholm zurückkam, wollte er sofort das ganze Werk kaufen, doch es war nirgends zu haben. Er wollte eben von dem letzten Antiquar fortgehen, da fällt ihm ein, zu fragen: Aber Sie haben vielleicht einzelne Bände? -- Ja, die hatte er; und gerade Teil 4 und 5, die fehlten; und wieder eine andere Ausgabe als die seine. Wenn du das als Zufall hinstellen willst, so kannst du auch Lotterie spielen und voraussagen, ob du gewinnen wirst oder nicht. Dennoch ist er nicht Spiritist und hat keine Visionen -- aber er nimmt wahr, er bekommt Eindrücke, Warnungen, ganz wie der nüchterne Sokrates von seinem Daimon. Seine Person scheint mir unter der höchsten Temperatur des Leidens in einer Retorte sublimiert zu sein; er hat sich gespalten in einen Alltagsmenschen, der unten in der Materie lebt, und einen Feiertagsmenschen, den er nach gut verrichteter Pflicht ausschlüpfen läßt.«

»Hast du Swedenborg gelesen?« fragte Esther, die sich bei diesem Gespräch nicht wohl fühlte.

»Ja, ich habe ihn gelesen, und ich glaube, kein Mensch hat so viele Geheimnisse ergründet wie er ... Es ist kein Zufall, daß sein Haus hier auf dem Berge steht, gerade jetzt, wo er gebraucht wird ... Höre an dem Namen Sweden borg, was er für unser Schweden bedeutet. Ich möchte ihn da in der Türöffnung sitzen sehen wie Abraham, als er im Haine Mamre Besuch von dem Herrn bekam ... Er kehrt wieder, aber um zu erlösen und Gericht zu halten; um zu befreien, nämlich den Geist; um zu binden, nämlich das Tier! Ich habe nicht recht begriffen, warum all diese Tiere mit ihrer Unreinlichkeit hier auf dem Berge eingesperrt gehalten werden, aber das hat vielleicht den Grund, daß wir den Unterschied zwischen ihnen und uns sehen, daß wir durch Vergleich den Menschen entdecken sollen! Jetzt ist die Mitternacht da, und ich höre das Jahrhundert kommen, von Osten her; jetzt steht es über Värtan, es läutet in Vaxholm ... Birgt es Frieden unter seinen Schwingen, Frieden durch Kampf? Die Menschen wollen keinen Frieden! Heute werden im Haag von sechsundzwanzig Staaten die Verhandlungen des Friedenskongresses unterzeichnet! Aber niemand glaubt an den Frieden; alle rüsten! ... Wenn du gut von den Menschen sprichst, lachen sie dich aus; sie kennen sich, wir kennen uns; sprichst du aber schlecht von ihnen, von uns, dann werden sie böse. Etwas schlechter als ihr Ruf und etwas besser sind die Menschenkinder!«

* * * * *

Jetzt läutete es von den beiden Glockentürmen, und von der Stadt erhob es sich wie eine Wolkensäule von hallendem Geläut, so daß der Berg bebte. Es ging ein Erschauern durch die Volksmassen, die verstummten und den Kopf entblößten, ohne daran zu denken, wem sie huldigten. Die Tiere in Käfigen und Grotten krochen hinein und versteckten sich, erschrocken wie Heiden beim Klang der geweihten Glocken; es ging ein Rauschen durch die Kiefern, das das Rauschen des Nachtwindes sein konnte, aber auch das Rauschen des durch die Bronze erschütterten Luftmeeres.