Part 20
»Der Fall ist nicht klar, das gebe ich zu,« nahm er das Wort. »Für mich sind drei dunkle Punkte da, die mir absolut unerklärlich sind. -- Der erste ist: Warum verlangte Dreyfus Zyankali, als er von der Revision erfuhr? Warum freute er sich nicht? Der zweite: Er glaubte damals sofort, die Generale hätten seine Partei genommen, und bat seine Frau, zu Boisdeffre zu gehen und um Hilfe zu bitten. Wie konnte er von Boisdeffre, den er kannte, so gut denken? Das ist doch eine infernalische Situation. Drittens: Als ich die Anklage der Generale in Rennes las, ja, meine Herren, da war ich überzeugt von Dreyfus' Schuld; was gebt ihr mir dafür? Besonders als die Generale erklärten, der Bordereau sei nicht entscheidend, da war ich durch all ihre Indizien, vor allem aber durch ihre klaren Worte und ihren noblen Ton in solchem Maß überzeugt, daß ich zu mir selbst sagte: Erschieße dich, Labori! Als dann Labori angeschossen wurde und sich weigerte, seinen eigenen Pariser Arzt zu Hilfe zu rufen, als keine Nachforschungen nach dem Mörder angestellt wurden, als man die Kugel aus der Wunde nicht untersuchte, da dachte ich: hier ist etwas faul! Die Sache ist unklar.«
Jetzt geschah das, was so oft geschieht, wenn ein Mensch andern Edelmut zeigt: die andern beginnen vor Edelmut überzufließen. Holger schnappte sofort zu, und das Rad des Edelmuts begann sich zu drehen.
»Was Isak sagt, habe ich auch gedacht; Meister Demanges Verteidigung, die eintrocknete, beruhte auf dem Entsetzen, das ihn überfiel, als er seinen Klienten in Rennes sah. Labori und Picquart sollen ihn jetzt im Stich gelassen haben ...«
Die Auktion hatte begonnen, und die Eitelkeit, neue Gesichtspunkte zu einer alten Sache zu zeigen, griff um sich:
»Ja,« unterbrach Kurt, »ich habe auch einige dunkle Punkte gefunden. Besonders finde ich die Logik, die man anwendet, höchst betrüblich. Der Kanzler des Deutschen Reiches hat im Reichstage erklärt, er wisse von Dreyfus' Spionage nichts. Ja, Teufel auch, wie sollte er, wenn er in Berlin sitzt, wissen, was in Paris geschieht? Daß aber Bülows einfältige Äußerung, die völlig nichtssagend ist, als ein Beweis genommen wird, das ist sublim! Ferner, wenn Sergeant Depert im Gefängnis Dreyfus erklären hörte: ›Ich bin schuldig, aber ich nicht allein,‹ so wird diese Aussage verworfen, weil der Gefängnisdirektor sie nicht gehört hat. Ist nur das wahr, was ein Gefängnisdirektor hört? Wer eine solche Verwerfung anerkennt, muß im Kopf nicht ganz richtig sein. Denkt euch: weil der Direktor es nicht gehört hat, darum ist es falsch. Ferner sagt man und beansprucht bindende Kraft für diese Äußerung: ›Dreyfus war nicht erfreut über die Revision! Aus Stolz nicht!‹ -- Könnt ihr diesen Stolz begreifen? -- Wenn er sich geweigert hätte, um Gnade zu bitten, dann wäre er stolz gewesen! Aber sich zu weigern, Gerechtigkeit zu empfangen?«
Die Feuerung wurde verstärkt und die Hitze steigerte sich. Sellén wollte auch ein Scheit hineinwerfen:
»Jawohl, Logik, jawohl! Weil Henry als Berufsspion ein Dokument gefälscht hat, schließt man, daß auch die nachweislich echten gefälscht sind. Ist das Logik? Im übrigen muß ich gestehen, daß ...«
»Na, hört einmal, wenn wir so fortfahren,« unterbrach der Doktor, »so erklären wir Dreyfus für schuldig, und das war doch nicht die Absicht. Oder was meint Max?«
»Ich kann nicht leugnen,« antwortete der Graf nachdenklich, »daß die Sache dunkel ist. Es wurde doch ein Dreyfusministerium mit Waldeck-Rousseau eingesetzt zu dem Zweck, Dreyfus zu befreien; dieses Ministerium ernennt einen Regierungskommissar namens Carrière, der nicht General war und der Dreyfus befreien wollte, weil er fest an seine Unschuld glaubte. Nachdem er die Generale und Zeugen in Rennes gehört hat, trotz Esterhazys Bordereau und Henrys Fälschung, bekehrt er sich im Laufe des Prozesses. Das ist sonderbar! Weiter hat man auf den Bordereau hingewiesen, ganz wie der Zauberkünstler nach der Decke deutet, während er etwas unter dem Tischtuch hervorholt. Der Bordereau ist als Beweis wertlos, ebenso wie Esterhazys Zeugenaussage; obwohl Sachverständige jetzt geschworen haben, der Bordereau weise keine Spur von Dreyfus' Handschrift auf, hat Dreyfus selbst die Ähnlichkeit zugegeben, indem er ausrief: ›Sie haben mir meine Handschrift gestohlen!‹ Wir sehen so viele Widersprüche, daß wir kaum das Recht haben, uns eine Ansicht zu bilden. Daß Dreyfus, der zu einem Engel gemacht wurde, keiner war, da er ein Mensch ist, das hat nichts zu sagen, aber Zola und Björnson hätten nicht auf seine Ehre schwören sollen. Dreyfus hat zehn Unwahrheiten ausgesprochen, auf denen er ertappt ist. Er leugnete zunächst, die Organisation der Ostbahn zu kennen! Er kannte sie! Er leugnete, den Konzentrationsplan zu kennen! Er kannte ihn! Er leugnete, auf General Ransons Konferenz anwesend gewesen zu sein! Er war anwesend! Er behauptete, Picquart nie gekannt zu haben! Er kannte ihn! Er sagte früher, er sei nie in Mülhausen gewesen! Jetzt gibt er zu, daß er jeden Sommer dort gewesen ist! Er behauptet, das Schießhandbuch nie gesehen zu haben! Er hat es gesehen! Er beteuerte, das Artilleriegewehr 120 nicht gekannt zu haben! Er hat es gekannt. Er bestritt, bei Bodsons ausländische Militärattachés getroffen zu haben. Er hatte sie getroffen! Björnson, dieser, dieser ... schwor auf Dreyfus' Sittlichkeit. Dreyfus gibt zu, als verheirateter Mann Geliebte gehabt zu haben, das gehe aber niemanden etwas an, da er die Mittel dazu besitze. Das mag sein, und das kümmert niemanden! Aber Björnsons Aussage! ~La vérité!~ Zola beschuldigte die Generale der Schurkerei! Dreyfus aber läßt den Generalen, da er besser von ihnen denkt, seinen Dank aussprechen! ~La vérité~, Zola! Aber es kommen noch andere unheimliche Details im Prozeß vor. Dreyfus ruft Major Curé zu Hilfe. Dieser kommt und sagt gegen ihn aus. Dreyfus vertraut auf Oberst Cordiers Dazwischentreten! Dieser hat nichts zu sagen. Doch weiter: Oberst Munier, der wichtige Telegramme zu überbringen hatte, starb im Zuge. Chaulain-Sauviniere starb im Zuge, Major d'Attel starb im Zuge. Und diese geheimnisvollen Todesfälle: Lemercier-Picard, Guenée, Reßmann und andere! Und jetzt ist Schneider in Wien gestorben, Scheurer-Kestner ist gestorben, der Chef des Generalstabs ist gestorben! Das geht nicht mit rechten Dingen zu, und dieser Lügnerkrieg weckt in einem fast die Sehnsucht nach Pulver und Blei. Aber in all dem scheint mir die göttliche Gerechtigkeit gesprochen und das Urteil gefällt zu haben. Dreyfus wurde in Rennes zu zehn Jahren verurteilt, weil er nicht verschwiegen gewesen war und dadurch sein neues Vaterland verraten hatte; aber er wurde mit Recht begnadigt auf Grund mildernder Umstände: seine berechtigten Gefühle für sein altes Vaterland, das Land seiner Kindheit. Henry mußte Hand an sich legen als Fälscher der Gerechtigkeit, Esterhazy wurde ehrlos und geächtet als Lügner; Felix Faure bekam eine Verwarnung, eine Sache zu drehen und zu wenden, die Generale eine Ermahnung, sich nicht aus Ungeduld und Kleinmütigkeit auf Fürsten und ihresgleichen zu verlassen. Und die Nation erfuhr, daß sie bereits so viele fremde Elemente in sich habe, daß sie nicht an Revanche denken dürfe, die ein Bruderkrieg werden könne; und als die Armee ihr Prestige verlor, hat sie mit einer neueren Aufgabe ein neues bekommen. Sie dient in diesem Augenblick im fernen Osten Schulter an Schulter mit den Deutschen, was sie nicht getan haben würde, wenn der ›Prozeß‹ nicht gewesen wäre! Frankreich ist geöffnet! ebenso wie China! Doch mit dem ›Prozeß‹ wurde auch die religiöse Frage aktuell, obwohl ich nicht begreife, was sie damit zu tun hat; aber sie tauchte auf, weil Dreyfus Jude war. Und jetzt sind Protestanten und Juden dabei, die Klöster zu öffnen und ein paar hunderttausend lebenslänglich Gefangene herauszuholen. Das ist ja ganz wie bei Krönungen oder bei dem Regierungsantritt eines neuen Königs; aber es ist auch ein Gegenstück zur Bartholomäusnacht, wenn auch ein sehr gesittetes; es sind ja nur Wohltaten als Lohn für Untaten; es ist reine christliche Liebe, obwohl der Wille wohl nicht gut ist; doch wir sehen ja oft, wie das Böse zum Guten dienen muß; und Dreyfus war kein untadeliger Mann, aber er hat gedient, wie wir alle!«
»Ja,« nahm Doktor Borg wieder das Wort, »nach all unsern Zugeständnissen, die wohl zunächst der Oppositionslust entsprangen oder der Neugier, die Kehrseite der Sache zu sehen, finde ich es leichtsinnig, dies Schreiben an Zola abzuschicken, der allein glaubt, die Wahrheit gefunden zu haben. Einige Körner hat er gefunden, aber noch mehr Spreu, und etwas beschmutzt hat er sich den Rücken dabei. Wenn wir statt dessen ihm gratulierten als dem wiedergeborenen Gläubigen, dem an die Zukunft glaubenden Verfasser von ›Arbeit‹ und ›Paris‹; dem Sozialisten Emile Zola? Wollen wir das tun?«
Alle außer dem alten Borg sagten ja; und dabei blieb es.
Esther, die im Irrenhause Dienst hatte, entfernte sich, von Max begleitet.
Sie gingen lange schweigend durch die Straßen, schließlich sagte Max:
»Ist dir aufgefallen, daß er der antiken Statue ›Der Schleifer‹ ähnlich ist?«
»Ja, da hast du recht; vor allem das Kinn, das bei den Ohren anfängt.«
»Erinnerst du dich jetzt des Zyklons in Paris im Jahre 1896, der bei Saint Sulpice einsetzte, La Revanche ertränkte, den Justizpalast verwüstete und am Hospital Saint Louis endete, nachdem er zuvor die Sainte Chapelle Saint Louis erschüttert hatte? Glaubst du jetzt an symbolistische Zyklone?«
»Was in Gottes Namen soll man glauben? Ich bekomme Angst!«
»Aber ein anderer okkulter, das heißt noch unerklärlicher Umstand ist dieser: Bei der großen Revolution, am Tage vor der Erstürmung der Bastille, wurde der Tuileriengarten vom Royal Allemand gereinigt. Unter den Offizieren befanden sich ein Reinach und ein Esterhazy. Glaubst du an Zufälle?«
»Nein! Aber der Zusammenhang?«
»Weiß ich nicht! Der Zusammenhang wäre ja die Erklärung, und die finden wir nicht. Deshalb wird jede Erklärung lächerlich. Weiter aber: Baedeker, der doch kein okkultes Buch ist, berichtet ganz unschuldig: Als man 1869 die Königsgräber in Speyer plünderte, wurde das Manöver von einem angeführt, der Hinz hieß. Als die Königsgräber in Saint Denis 1789 geplündert wurden, hieß der Anführer auch Hinz.«
»Was könnte das bedeuten?«
»Weiß nicht!«
»Sag einmal, hast du Dreyfus gekannt?«
Da blieb Graf Max stehen und betrachtete Esther, als wolle er sehen, ob sie scherze:
»Nein, ich habe ihn nicht gekannt ... aber wenn wir uns in vielen Jahren einmal unter vier Augen treffen und du dann noch ebenso interessiert bist wie jetzt, dann will ich dir eine Geschichte erzählen ... Ja, er war ein Mann der Vorsehung, aber ein leidender Christus war er nicht.«
»Bist du Christ?«
»Ja, ich bin ein christlicher Freidenker ... Und seltsam ist: als wir das Christentum geschleift haben, da ist soviel Weisheit und soviel Humanität mit verlorengegangen. Wir sind roher und dümmer geworden ... Will man jetzt einen feinen Menschen finden, muß man ihn unter den Pietisten suchen, wenn sie nur nicht von Jesus reden und nach deiner Seele fragen. Willst du einen Menschen sehen, der sich beherrscht, der Sprache und Gedanken pflegt, der human im Urteil, resigniert im Leid ist, stets die Blicke emporrichtet, alles vergeistigt, was er anrührt, der es vermeidet, anzustoßen und zu verletzen, der seinen Körper diszipliniert, dann sieh dir einen Pietisten an! Er strebt zum Übermenschen, allerdings mißlingt ihm das oft. Doch das Streben ist es, siehst du ... Wenn er nur nicht darüber reden möchte. Religion für den eigenen Gebrauch, innerlich, doch nicht ...«
»Aber die Freude am Leben?«
»Was ist das für eine Freude?«
»Siehst du, da trennen sich unsere Wege.«
»Wieso? Ich habe meine stille Freude auf meine Art, aber ... Du erinnerst mich an Chopins zweites Nocturno und unsere erste Begegnung bei den Mädchen, die in Freude lebten ... das war ihr Surrogat für ...«
»Was ist deine größte Freude?«
»Einen neuen Gedanken zu gebären! Dann bin ich Vater und Mutter zugleich und brauche die Ehre nicht mit einer Frau zu teilen, die mit meinem Kinde ihrer Wege geht und sagt, es sei ihrs ...«
»Max, ist es dir ein Genuß, daß ich leide?«
»Nein, ich leide unter dem Leid, das ich zufüge, aber ich höre an deiner Frage, daß es bei dir umgekehrt ist ...«
»Wenn ich dich leiden sehe, liebe ich dich; es steht dir. Aber wenn du froh bist, hasse ich dich; du wirst banal, übermütig, laut. Im übrigen ist mir immer bange vor einem frohen Menschen; wer lacht, zeigt die Zähne und ist nicht weit vom Beißen ...«
Sie verstummten beide, Esther, weil sie merkte, daß sie sich ins eigene Fleisch geschnitten hatte, Max, weil er sie nicht durch eine Enthüllung ihres Fehlhiebs verletzen wollte.
* * * * *
In den Gotischen Zimmern war man in lebhaftere Stimmung gekommen. Gustav Borg hatte einen Brief von seinem Sohn Anders aus Amerika, aus dem er Stücke vorlas:
»Das Charakteristischste in dem neuen Leben hier in Amerika ist die allgemeine Beweglichkeit, Unstetigkeit. Man hat keine Ruhe; alles verändert sich so schnell; Wohlstand und Armut wechseln, so daß keine Klassen und Geschlechter sich bilden können; der Reiche ist arm gewesen und kann es wieder werden, das weiß er; der Arme ist reich gewesen und kann es auch wieder werden. Deshalb verstehen sie sich; sind vorsichtig und handeln mit Vorbedacht. -- -- Der Tag ist zu kurz, und man eilt zur Ruhe der Nacht als dem einzigen großen Genuß, der nichts kostet; und man erwacht zum Ernst der heiligen Arbeit, von deren gewissenhafter Ausführung die Existenz abhängt. Hier ist es eine Gnade, Arbeit zu bekommen, und man wird stündlich daran erinnert, daß man kein Recht an das Leben hat, sondern daß alles Gnade ist. -- -- Diese harte Schule zieht eine Generation groß, die furchtbar sein mag, wenn sie dereinst Schwärme aussenden wird. Ich blicke bereits auf Europa wie auf ein verblühtes Hellas: viel Schönes, aber geschwächt und wahrscheinlich erschöpft; philosophiert über das Leben, lebt es aber nicht ...«
»Ja, der Junge hat recht,« unterbrach der Doktor, der seiner Gewohnheit getreu das Wort führen wollte. »Ihr wißt, daß die letzte Statistik seit 1890 250000 Auswanderer aus Schweden anführt; und die meisten zwischen 15 und 35 Jahren. Das Land wird schließlich von Kindern und alten Leuten bevölkert sein ...«
»Ist es da ein Wunder, daß die Frauen heran mußten und arbeiten?« fiel Gustav Borg ein, der gern die Gelegenheit abpaßte.
»Da hast du ein wahres Wort gesagt. Ja, in einem Staat von Kindern und Pensionierten müssen sie heran und arbeiten, da keine Männer da sind, von denen sie leben könnten ... Das ist ein neuer Gesichtspunkt! Wenn sie aber auch herrschen sollen, dann möge doch Asien über uns hereinbrechen und wir lieber von barbarischen Männern als von Damen der Gesellschaft, von Aspasien und Emanzipierten beherrscht werden.« -- --
»Jetzt brechen wir nach der Schanze auf,« kommandierte Gustav Borg.
»Ja, gehen wir aufs Kapitol und danken wir den Göttern für das vergangene Jahrhundert, das mit Dreyfus endete und mit Napoleon begann, dessen Brüder zum mindesten zu den Kindern Israel zu gehören scheinen.«
* * * * *
Esther und Max waren zum Zoll hinausgekommen, wo im Halbdunkel das einsame Schloß, hinter dessen hohen Fenstern Licht brannte, sich weiß erhob.
Max sprach wie für sich selbst:
»Es gibt ein Wort, das unter Gebildeten außer Gebrauch gekommen ist, und man schämt sich, es auszusprechen; das ist das Wort Sünde. Man hat den Begriff Schuld wegphilosophiert, aber das Schuldgefühl ist noch vorhanden. Ich bin mit einem bösen Gewissen geboren und hatte als Kind Angst davor, entdeckt zu werden. Das kann man nur damit erklären, daß etwas Unbekanntes vorangegangen ist.«
»Das sind krankhafte Empfindungen, und wir haben viele solche Fälle hier in der Anstalt,« erklärte Esther. »Wir haben zum Beispiel einen, der glaubt, den Bordereau geschrieben zu haben.«
»Ja, was weißt du davon?«
»Nein, höre, jetzt kann ich dir nicht länger folgen.«
»Das weiß ich, und ich verlange es auch nicht. Du bist immer im Ton mit mir, aber mindestens eine Oktave tiefer. -- Aus nichts wird nichts, und alles hat einen hinreichenden Grund; wenn er also glaubt, der Schuldige zu sein, ist ein logischer Grund dafür da. Die Einbildungen haben eine höhere Wirklichkeit, deren Zusammenhang mit dem Wirklichen ich nicht verstehe, aber nicht zu leugnen wage. Die Wirklichkeit kann ja nicht in mein Inneres eindringen und wieder zum Ausdruck kommen, ohne es als Vorstellung oder Einbildung passiert zu haben. Die Wirklichkeit kennen wir also nur durch unsere Vorstellungen von ihr; deshalb variieren unsere Vorstellungen von einer aufgefaßten Wirklichkeit so unendlich. Übrigens kann eine Seele ohne das Zusammenwirken mit andern Seelen nicht existieren. Nun habe ich Anlaß zu glauben, daß alle Seelen miteinander in Beziehung stehen; und es gibt Menschen mit so empfindlichen Empfangsapparaten, daß sie mit der ganzen Menschheit fühlen und folglich mit ihr leiden. Aber es gibt auch Menschen, die aus der Ferne Einfluß auf andere ausüben, sogar auf Unbekannte; das weißt du.«
»Ja, das stelle ich nicht in Abrede!«
»Nun gut, woher weißt du, daß nicht ...«
Graf Max hatte die Gewohnheit angenommen, Meinungen nicht ganz auszusprechen, weil er wußte, daß Esther sie vollendete oder seine Gedanken hörte, und er brach immer ab, wenn der unausgesprochene Gedanke etwas Unausgereiftes besser ausdrückte, als das banalisierende Wort es tun würde.
»Ich wagte das Wort Sünde auszusprechen; ich glaube, alle Krankheiten sind die Folgen von Sünden. Die körperlichen Krankheiten werden ja auch analog den geistigen geheilt. Zunächst ist man zu den demütigenden Bekenntnissen vor dem Arzt genötigt (die Beichte). Dann wird man von ihm zur Buße verurteilt; bittere Kräuter, Fasten, strenge Disziplin, Entsagung; und oft wird einem vorgeschrieben, Gewohnheiten, Laster abzulegen, Gemütserregungen zu vermeiden, an freundliche Dinge zu denken. Wenn man dann geheilt ist, muß man zum Priester (zum Arzt) gehen, um zu danken und zu opfern. Und dann bekommt man den Rat: ›Hüten Sie sich jetzt vor Rückfällen; das heißt in der Übersetzung: Geh, aber sündige hinfort nicht mehr!‹ -- Ist das nicht dasselbe? -- Aber wie behandelt ihr die Gemütskranken hier drinnen, die Seelenkranken, denen Seelsorge not tut? Ja, ihr gebt ihren Körpern kaltes Wasser und Morphium! -- Erinnerst du dich, wie Hanne Joel in ihrem merkwürdigen Buche ›Jenseits‹ ihre Genesung schildert? Nachdem sie lange auf die Ärzte und ihre Umgebung geschimpft hatte, kam schließlich an einem Weihnachtsabend die Krisis: Sie brach in Tränen aus und rief: Ich bin dumm und hochmütig gewesen! Und damit war sie geheilt. Frau Schram war härter, aber sie beugte sich schließlich und wurde durch die Freundlichkeit einer Pflegerin gesund. So wenig kann bisweilen helfen -- ein gutes Wort! das man so selten hört! -- Dies Schloß ist kein Krankenhaus, es ist wohl ein Inferno oder eine Strafanstalt, und das schlimmste an der Strafe ist vielleicht, daß der Arzt den Kranken ›nicht versteht‹; unverstanden oder mißverstanden zu sein, das ist ja die Hölle.«
»Wir haben doch auch Priester oder Seelsorger.«
»Kann man nicht sagen, daß die meisten hier einen Widerwillen gegen Priester und Religion hegen? Sie sollen ja lästern und schmähen.«
»Das ist verschieden, denn einige kommen gerade infolge religiöser Grübeleien hierher.«
»Ja, sie wollen den Vorhang durchdringen, und dann sehen sie das Theater mit den umgekehrten Kulissen ... das ist die Strafe. Ihr habt doch den Dichter X. hier?«
»Ja, der ist hier!«
»Nun, der forderte den Herrn heraus und zitierte ihn auf den Walplatz in Hinnoms Tal! Wer hat gesiegt?«
»Meinst du, das war es?«
»Ja, was sollte es anders sein? Tabak- und Alkoholvergiftung ist doch leicht geheilt. Deliranten gehen selbst ins Krankenhaus und kommen in acht Tagen wieder heraus. Daß du einen Kausalzusammenhang, der so schlagend ist, nicht sehen kannst!«
»Zwangsvorstellungen ...«
»Ein neues Wort im Wörterbuch; aber die Sache und die Ursache? Wer ist der Zwingende? Wer zwingt den Mörder, an sein Verbrechen zu denken? Das Gewissen! Und hinter dem Gewissen? -- Der Dichter endete in einer religiösen Krisis ...«
»Da siehst du, was Religion ist!«
»Hüte dich! Hüte dich! Aber ich glaube nicht, daß man ein Recht hat, hier über die ärztliche Behandlung zu klagen. Der Kranke soll wohl durch die Verständnislosigkeit der Umgebenden vollständig isoliert werden; er soll allein mit seinem Gewissen seine Angelegenheiten abmachen; keine Möglichkeit haben, sich zu beklagen und ein falscher Märtyrer zu werden. Hast du nie Angst, wenn du hier bist?«
»Nein, ich nicht, denn ich beobachte mich. Aber es gibt Kandidaten, die sich durch liederliches Leben in einen Schwächezustand versetzen, und die graulen sich, obwohl sie an nichts glauben als an die Physiologie. Man hat ja hier Professoren gesehen, die befallen wurden; und Wärter hatten wir mehrere ...«
Sie betraten das Schloß. Abstrakt, streng, trübselig wie das Selbstmordzimmer im Hotel, das Zimmer, das man stets dem Gast gibt, der am unglücklichsten aussieht, das Zimmer mit drei Türen und einem Fenster; in dem das Bett vor der einen verschlossenen Tür steht, deren Schlüsselloch sich neben dem Kopfkissen befindet, und das Sofa, das extra so gemacht ist, daß man weder darauf sitzen noch liegen kann, vor der andern Tür; dies Zimmer mit Aussicht auf den Hof und unaufgeräumte Zimmer gerade gegenüber, dieses Zimmer, das für den Selbstmörder reserviert zu sein scheint.
Graf Max fühlte sich beklommen; Esther aber, die zu spät kam, mußte sofort ihre Ronde machen, und der Freund ging mit ihr. Ein langer Korridor und eine Treppe hinunter; Feuerlöschapparate mit Schläuchen, die sich wie lange schwarze Schlangen an den weißen Wänden entlang schlängelten, Gasflammen gleich Schmetterlingen aus Feuer; schließlich ein vergittertes Fenster, vor dem sie stehenblieben.
Mitten in einem Raume, der wie ein Stall aussah, stand ein alter Mann, völlig nackt auf dem Steinfußboden, und streckte die Arme empor wie ein antiker Adorant oder ein Säulenheiliger.
»Warum ist er nackt?« fragte Max.
»Weil er sich die Kleider auszieht und vierzig Grad Fieber hat; das hat er drei Jahre lang gehabt, und so steht er seit drei Jahren. Er glaubt in einer Schlangengrube zu sein.«
»Dann ahne ich, wer es ist. Es ist der Mann, der Witwen und Waisen betrügerisch um ihren Besitz gebracht, sie ausgezogen hat, aber mit gesetzlichen Mitteln! Siehst du, daß es andere Gesetze gibt als die des Gerichts? Aber, Esther, warum glaubt er in der Schlangengrube zu sein? Er hat doch nicht den vierundzwanzigsten Gesang von Dantes Inferno gelesen, wo Diebe von Schlangen geplagt werden.«
»Was du sagst! Dante hat er sicher nicht gelesen!«
»Nun, wie meinst du, ist Dante darauf gekommen? Hat er es erfunden oder hat er einen Grund dafür gehabt? Gibt es in diesen Strafformen, die ihr Krankheiten nennt, etwas Objektives, Festes, das als Anhalt dienen kann? Ich sage ja, und mit gutem Grund ... Ich glaube auch, daß sich in den Religionen Andeutungen darüber finden ... Hättest du Swedenborg gelesen, so würdest du erkennen, daß seine Beschreibung der Höllen, die Gemütszustände, keine Orte sind, mit den Einbildungen zusammenfallen, mit denen du es hier zu tun hast. Es gibt also eine Konstante: suche sie, und du wirst die Lösung vieler Rätsel haben ... wenn du willst oder kannst!«
Sie gingen weiter. Esther flatterte voran mit ihrem großen Pelerinenmantel und ihrem wirbelnden Haar, das in dem durchfallenden Licht der Gasflammen wie Gold leuchtete. Der Graf, schlank, dunkel, blaß, folgte.
Wieder blieben sie vor einem Gitter stehen. Da drinnen saß ein junges Mädchen auf einem Stuhl und tat nichts.
»Sprich mit ihr!« sagte der Graf.
»Was machen Sie denn, Fräulein?« fragte Esther, nur um Max den Willen zu tun.
»Ich leide,« antwortete das Mädchen, das von einer Schönheit war, bei der die Seele bis in die äußerste Haut drang.
»Warum leiden Sie denn?«