Part 2
Redakteur Gustav Borg, der ältere Bruder des Doktors, saß bei seiner Morgenzigarre im Büro und besichtigte den Briefkasten. Der Briefkasten ist ein wunderliches Ding: es ist die Post, die in einem geschlossenen Blechkasten, zu dem der Redakteur den Schlüssel hat, abgeholt wird. Dieser kleine Kasten enthält die Geheimnisse der Redaktion: Erwiderungen, Eingesandtes, Bittschriften, die anonymen Briefe, die groben Postkarten; dieser Kasten war gerade infolge der offenen Postkarten aufgekommen, die von dem Boten und andern Untergebenen gelesen wurden, was ihnen Mißachtung vor dem Redakteur und der Zeitung beibrachte und ihnen ein auf Vertraulichkeit beruhendes Übergewicht verlieh.
Der Chefredakteur hatte lange gebraucht, bis er soweit war, nicht jedesmal, wenn er den Kasten öffnete, in Wut zu geraten. Ein Schweißbad kostete es freilich, aber er hatte schließlich eine solche Technik in der Kunst des Brieföffnens erlangt, daß er sofort an Handschrift, Unterschrift und ähnlichem sah, ob er das Schriftstück lesen mußte oder es in den Papierkorb werfen konnte.
Heute ging es jedoch etwas langsamer, denn zum erstenmal seit Bestehen der Zeitung bekam der Redakteur offene Postkarten mit Lobesworten und Danksagungen von Konservativen, Familienvätern und Staatserhaltern, weil er in der gestrigen Nummer gegen den Sozialismus zu den Waffen gegriffen hatte.
Gustav Borg war nämlich um die Mitte des Jahrhunderts geboren und hatte bis 1890 von den liberalen Idealen der vierziger Jahre gelebt, als da sind: konstitutionelle Monarchie (oder am liebsten Republik), Religionsfreiheit, allgemeines Wahlrecht, Frauenemanzipation, Volksschulen, Russenhaß und dergleichen. Er hatte die Repräsentationsveränderung 1866 miterlebt und an das Kommen des Tausendjährigen Reiches geglaubt. Aber es kam nicht. Was man gemeint hatte, berechnen zu können, erwies sich als falsche Rechnung. Bei den Neuwahlen 1867 ergab sich nämlich das folgende bizarre Resultat: der Adel, der früher ein Viertel der Volksvertretung ausmachte, hatte gewonnen und bildete jetzt ein Drittel, obwohl das Ritterhaus gestürzt war. Der geistliche Stand war von einem Viertel auf ein Dreißigstel reduziert worden. Das Papsttum Schwedens hatte also seine weltliche Macht verloren. Die Zahl der Vertreter des Bürgerstandes war von einem Viertel auf ein Sechstel herabgesetzt, und der Bauernstand behielt sein Viertel, hatte aber durch das Zweikammersystem doch an Macht gewonnen.
Das Ritterhaus war freilich gestürzt, aber die Majorität der ersten Kammer wurde dennoch von Beamten und außerdem von Rittergutsbesitzern, meistens Edelleuten, gebildet.
Es war also im großen und ganzen ein Reichstag wie im alten Rom mit Patriziern und Plebejern. Bei genauerem Hinsehen schienen freilich die Plebejer das Übergewicht zu haben, und das mußte einen Liberalen freuen; doch bei noch näherer Betrachtung stellte sich heraus, daß die Plebejer konservativ waren.
In dieser babylonischen Verwirrung verlor Gustav Borg den Kopf. Seine etwas abstrakten Vorstellungen von Politik verleiteten ihn zu dem Glauben, der Reichstag werde sich mit staatsrechtlichen Theorien beschäftigen, während er doch die Aufgabe hatte, für die momentanen Bedürfnisse der Mitbürger zu sorgen. Er hatte den Kopf in seine eigene Schlinge gesteckt, da er stets das Recht der Mehrheit verfochten hatte und nun die vom Volk gewählte Mehrheit am Ruder sah. Schweden war damals ein Ackerbauland, deshalb hatten die Landwirte die Majorität. Das war logisch; und die Bauern waren jetzt an der Reihe: ihre älteren Klagen wurden aufgenommen, alte Ungerechtigkeiten vor Gericht gezogen. So weit konnte er mitgehen. Aber als diese selbe Majorität in Kulturfragen Gesetze aufstellen, bestimmen wollte, was die Nation glauben und denken, wie die Jugend erzogen werden solle, als sie diejenigen, die an der Zukunft arbeiteten, ins Gefängnis zu werfen beabsichtigte, da mußte er eingreifen und gegen seine Plebejer blank ziehen. Damit kam er in Streit mit sich selbst und begann zu schwanken.
Die Mannigfaltigkeit der Faktoren machte die Berechnungen kompliziert; denn wenn er sah, wie die Königsmacht durch die neue Staatsform geschwächt wurde, konnte er nicht unterlassen, die Plebejer zu stützen, trotz ihrem Geiz, ihrer Unduldsamkeit und Trägheit. Es gab Augenblicke, in denen er die Zeit der Freiheit wiederkehren sah. Der Reichstag stürzte ja die Ratgeber des Königs, die Bauern setzten Ausschüsse ein, bevor die Wahl in der Kammer vor sich ging; häufig wurden Anträge eingebracht, die Apanage des Königs einzuziehen, und man diskutierte den Hofhalt der Prinzen.
»Jetzt sind wir nicht weit vom Namenstempel!« sagte der Redakteur in einem Augenblick der Hellsichtigkeit
Alle älteren politischen Begriffe lösten sich auf, es wurde große Wäsche gehalten, bei der Wergleinwand und feines Tuch zusammentrafen; und es war fast unmöglich, schwarz und weiß, mein und dein zu unterscheiden. Man stand dem großen Paradoxon gegenüber: die konservativen Plebejer haben die Königsmacht gestürzt; und dieser dreifache Selbstwiderspruch wirkte wie ein elektrischer Aal: man konnte ihn nicht mit Händen greifen, teils, weil er glatt war wie ein Aal, teils weil er geladen war. Man bekam einen Schlag, wenn man ihn anrührte, und er schlug nach allen Richtungen aus, nach rechts und links, nach oben und unten.
Nun kam das Neue und veranlaßte die Menschen, von etwas anderm als von Bauern zu sprechen. Das war die sogenannte soziale Frage; die Grundfesten der Gesellschaft wurden untersucht und vor Alter und Feuchtigkeit baufällig befunden, so daß man auf ihnen nicht weiter zu bauen wagte, in der Befürchtung, das Haus möchte einstürzen.
Die Panik, die jetzt entstand, ergriff zuerst die Oberen. Die Oberen, die Leichtesten, die deshalb oben schwammen; die Oberen, die Schwächsten, die deshalb da oben Schutz und Halt suchten, waren natürlich die Ängstlichsten. Aber die Furcht verbreitete sich, und eines schönen Tages wurde den Kämpfenden, den Wachsenden, den Liberalen auch bange. Man hatte nämlich begonnen, die Familie zu diskutieren, und hatte sie für individuell und persönlich wachsendes Leben zu eng befunden. Da die Alten der Ansicht waren, die Gesellschaft sei auf die Familie gegründet, so glaubten sie die Gesellschaft bedroht. Nun basiert aber weder der Staat noch die Gesellschaft auf der Familie; denn der Staat hat gar keine Ähnlichkeit mit der Ehe, sondern die Staaten sind aus dem Zusammenschluß freier Männer zu gemeinsamem Schutz entstanden. Das machte nichts, man blieb dabei, die Familie sei das Fundament der Gesellschaft. Und es war nutzlos, einzuwenden: mag immerhin die Familie das Fundament sein, wenn aber dies Fundament nicht mehr hält, so müssen wir an anderer Stelle neuen Grund legen und Neues bauen.
Bei der Untersuchung des Begriffs Familie machte man ausfindig, daß zwei Menschen bei der jetzt so raschen Entwicklung keine dauernde Sympathie, ohne die das Zusammenleben der Ehegatten unerträglich ist, fürs ganze Leben schwören könnten. Das stark hervortretende Streben nach Persönlichkeit widersprach gegenseitiger Unterwerfung; das Hinaustreten der Frau in Arbeit und öffentliches Leben hinderte die Entwicklung des Familienlebens und die häusliche Erziehung der Kinder. Die Erfahrung zeigte ja, wie sich die Zahl der Ehescheidungen erhöhte; und diese tief schmerzliche Operation wollten die Alten in ihrer verständnislosen Art dem Leichtsinn zuschreiben, obwohl die prozessierenden Parteien genau wußten, daß sie dem schlimmsten, was es gab, der Sklaverei, nur entflohen, um ihre Persönlichkeit zu retten. Als dann Kindergärten und Schulen die Erziehung der Kinder in die Hand nahmen, fiel die Erziehung im Hause weg. Die Häuslichkeit war ja im übrigen nur ein Zufluchtsort gewesen, wo alle Untugenden blühten; die Erziehung fing erst in der Schule an, wurde in der Kaserne fortgesetzt und begann von neuem ernstlich draußen im Leben.
So ungefähr wurden die Anklagen gegen die Familie formuliert. Und da ergriff die Panik auch einen so starken Mann wie Gustav Borg.
Gestern hatte er selbst einen Leitartikel gegen die Auflöser der Gesellschaft geschrieben; und heute nahm er zum Dank für die Hilfe die Händedrücke der Konservativen entgegen.
Mit seinem Sohn Holger, dem Hilfsredakteur, hatte er am Tage vorher eine stürmische Auseinandersetzung gehabt, in der dieser drohte, abzugehen. Doktor Borg, der Bruder, hatte ihm telephonisch seinen Besuch angekündigt; und den erwartete er jetzt, nicht ohne eine gewisse Unruhe, die auch dadurch hervorgerufen wurde, daß zahlreiche Abonnenten die Zeitung zurückgeschickt hatten.
* * * * *
Der Erwartete kam; der Doktor trat unangemeldet bei seinem Bruder ein und legte sofort los:
»Was hast du getan?«
»Ich habe nach meiner Überzeugung gegen eure Predigten der Unsittlichkeit geschrieben.«
»Deine Überzeugung müßte sich auf bestehende Tatsachen gründen und auf Erfahrungen beruhen, aber das ist nicht der Fall; Predigten oder Prediger existieren gar nicht, denn alle, die über die Familie schreiben, teilen nur ihre Entdeckungen und Erfahrungen mit; sie sagen zum Beispiel: so und so geht die Entwicklung vorwärts, so und so ist das Familienleben im letzten Menschenalter entartet, und das Heim ist eine Schule des Despotismus, der Selbstsucht, der Heuchelei geworden. Sie teilen also nur tatsächliche Verhältnisse mit und predigen keine Theorien.«
»Und du, der du selbst Töchter hast, sympathisierst mit diesen Lehren?«
»Ich bin ebenso besorgt um meine Töchter wie du, und ich lehre sie nichts; denn ich weiß in diesem Punkte nichts; aber ich verhalte mich abwartend und beobachtend; ich glaube schon bemerkt zu haben, daß meine Kinder mit andern Ideen geboren sind als ich; die Schamhaftigkeit verbietet uns, darüber zu sprechen; deshalb ist es gut, daß es geschrieben wird; das gedruckte Wort ist still und verletzt niemanden. Aber das eine sage ich dir, ich bin gleich dir auf -- alles gefaßt! Da ich einsehe, daß ich nichts dabei tun kann, denn du weißt, was Ratschläge wert sind, so schweige ich und denke: vielleicht muß es so sein; vielleicht verstehen sie es besser; vielleicht ist dies der Weg zu der neuen Gesellschaftsform. Die Jungen, die für ihre neuen Ideale kämpfen, müssen für die ersten Versuche wohl leiden; viele werden fallen und deshalb viele abfallen; aber der Strom der Zeit fließt, ohne uns um Rat zu fragen, und ich werde keine verzweifelten Versuche machen, ihn aufzuhalten. -- Aber da du dich jetzt gegen uns gewendet hast, hast du die Zeitung ruiniert. Als Aktionär und Direktor ersuche ich dich, abzugehen und deinem Sohn Holger deinen Posten zu überlassen.«
»Ich, abgehen? -- Nie!«
»Gut! Dann gründen Holger und ich eine neue Zeitung!«
»Eine neue Zeitung geht nicht!«
»Doch, eine neue Zeitung, die bei der Farbe bleibt und die von dir verlassenen Traditionen aufnimmt, die geht.«
»Du meinst eine einseitige Parteizeitung, die ihre Gegner als Verbrecher behandelt.«
»Nein, als Feinde! Solange die Schlacht im Gange ist, erschießt man den Soldaten, der Unterhandlungen beginnt. -- Hast du nie bemerkt: wenn man dem Feinde ein Zugeständnis macht oder ihm ein gutes Wort gibt, so jubelt er über die Unterwerfung. Gute Worte und Höflichkeiten kommen hinterher, beim Friedensschluß. -- Betrachte dich jetzt als einen erschossenen Deserteur und geh!«
»Nie!«
»Dann ruinieren wir dich durch Konkurrenz!«
»So spricht ein Bruder!«
»Ja, ein ehrlicher Bruder, der nicht dem Nepotismus oder der Parteilichkeit huldigt, der die Gerechtigkeit über die Bruderliebe und das allgemeine Wohl über das private stellt.«
»Du vergißt, daß du dein Geld verlierst, wenn du mich stürzt!«
»Das vergesse ich nicht; aber ich habe mehr Geld, als du glaubst, also bin ich nicht zu ruinieren. Du hast bis morgen um zwölf Bedenkzeit. Adieu! ...«
Der Doktor fuhr zur Tür hinaus, und der Redakteur blieb mit seinen schweren Gedanken allein.
Abgesetzt, als Ausgedienter auf den Kehricht geworfen, er, der die große materielle Neubildung nach 1850 mitgemacht hatte. Er erinnerte sich der ersten Eisenbahnstrecke 1852; erinnerte sich der Eröffnung der Telegraphen 1853, der ersten Gaslaterne 1854; der ersten Briefmarke 1855, und er hatte in den achtziger Jahren das Telephon und das elektrische Licht mit erlebt. Aber von den politischen Idealen seiner Jugend hatten sich wie gewöhnlich nur wenige realisiert, die meisten waren zerstört und verschwunden und als Afterkorn in den Graben gefallen; einige waren auf andere Weise, als er erträumt hatte, verwirklicht worden, und die Folgen waren das Gegenteil von dem gewesen, was man erwartet hatte. Unterdes waren neue Ideale aufgetaucht, die er nicht verstand und die er fürchtete. Zum Beispiel verstand er die große Arbeiterbewegung nicht, denn er hatte nicht bemerkt, daß das Land in diesen vierzig Jahren aus einem Bauernlande ganz allmählich ein Industrieland geworden war; er nannte die Führer der Arbeiterpartei Agitatoren und Anarchisten, obwohl sie gerade für Gesetzgebung und Ordnung in den noch ungeordneten Massen wirkten. Er verstand das Streben der Jugend nach Freiheit und Verantwortung, nach Selbstbetätigung und Selbstbestimmungsrecht nicht, deshalb fiel er. Das war tragisch, denn es war unabänderlich, daß die Zeit der Wachstumsfähigkeit des Menschengeistes eine Grenze setzte; und er fiel nicht durch eigene Schuld, sondern infolge der Gesetze des Lebens.
Daß der Sohn sein Nachfolger werden würde, hatte er sich ja immer gedacht; aber daß er ihn verdrängte, und auf diese Art, das war schlimmer als alle Bitterkeit des Lebens.
* * * * *
Er verschloß seinen Schreibtisch und ging fort, um aufs Land zu reisen und über den Entschluß, den er fassen mußte, nachzudenken. Seit einigen Jahren hatte er nämlich einen Landbesitz draußen auf den Schären, wo er den größeren Teil des Jahres mit seiner Familie lebte.
Drittes Kapitel
Die Storöer
Redakteur Gustav Borg stand auf dem Vorderdeck des kleinen Schärendampfers, der nach Storö fuhr, wo er sein Besitztum hatte; aber in seiner erregten Gemütsstimmung hätte er sich am liebsten unsichtbar gemacht oder im Notfall blind und taub.
Zwei fremde Herren befanden sich in seiner Nähe, und er mußte ihr Gespräch mit anhören.
»Eine hübsche Stadt ist Stockholm auf jeden Fall; aber sie wirkt doch wie eine Dekoration, denn sie ist zu groß und glänzend, um ein ödes Land zu repräsentieren.«
»Ödes?«
»Ja, ich habe kürzlich eine Inspektionsreise durch ganz Schweden gemacht, ich bin nämlich Inspektor einer Lebensversicherungsgesellschaft; und ich bin durch ganze Provinzen gezogen, ohne Menschen zu sehen; in dem Zug waren fünf Leute, auf den Bahnhöfen war es totenstill. Kam ich in eine große Stadt, so war sie von Beamten bevölkert: ein Landeshauptmann, ein Bischof, ein Oberst, dazu ein Stab von Bürgermeistern, Ratsherren, Postmeistern, Telegraphenkommissaren -- und ein paar Kaufleute.«
»Aber die Bevölkerungszahl ist doch auf fünf Millionen angewachsen?«
»Allerdings; doch unter diesen fünf Millionen ist nur eine Million Männer zwischen zwanzig und fünfundfünfzig Jahren. Zweiundeinehalbe Million sind Kinder und Frauen ohne Beruf. Aber jene Million erwachsener, arbeitsfähiger Männer muß die zweieinhalb Millionen Unproduktiver versorgen, muß außerdem 170000 Beamte ernähren, abgesehen vom Militär, das 133000 ausmacht. -- Du hörst, ich weiß als rechter Lebensversicherer über meine Leben Bescheid.«
»Haben wir 170000 Zivilbeamte?«
»Ja, wir haben 67000 Post-, Telegraphen- und Eisenbahnbeamte, 27000 Regierungsbeamte, 28000 Geistliche mit Gehilfen, 38000 Lehrer, 17000 Kommunalbeamte.«
»Das ist ja unsinnig.«
»Ja, aber es ist so! Ich kann es nicht ändern; und es ist kein Geheimnis, denn es steht in der offiziellen Statistik Schwedens gedruckt. Das schlimmste aber ist die Auswanderung! Seit ich 1866 in die Gesellschaft eingetreten bin, sind 780000 Menschen ausgewandert.«
»Siebenhunderttausend?«
»Ja; in den vier Jahren zwischen 66 und 70 wanderten hunderttausend aus. Als die Zahl später sank, schrien die Patrioten und sagten: Seht ihr jetzt, daß es nicht gefährlich war! Aber dann kamen die Jahre 81 bis 85, als 175000 auswanderten. Und dann 86 bis 90 mit 200000 Auswanderern.«
»Was sagten die Patrioten da?«
»Nichts! Doch, sie begannen auf der ›Schanze‹ ihre Erinnerungen zu sammeln und bauten im Vorgefühl des nahen Endes ein Museum.«
»Warum wandert man aus; ist die Armut schuld?«
»Nein, die Armut soll es nicht sein.«
»Was ist es denn?«
»Die Volkshochschullehrer -- das sind sonderbare Leute, mußt du wissen -- behaupten, es sei Mangel an Vaterlandsliebe; wie aber dieser Mangel entstanden ist, sagen sie nicht. Ich habe einmal so einem Erzieher geantwortet: wie kann man ein Land lieben, dessen Grund und Boden dem Ausländer gehört? Du weißt doch, daß der schwedische Grund und Boden für 226 Millionen dem Auslande verpfändet ist, daß die Kommunalschulden sich auf 175 Millionen belaufen und daß die staatliche Obligationsschuld 287 Millionen beträgt. Das Land verpfändet, und wird's auch bleiben, singt man jetzt in gewissen Klubs. Nun stellt man gewöhnlich den Hypothekenschulden die Sparkassengelder entgegen. Aber die Sparkassengelder sind an ebensoviele Pumper ausgeliehen und werden nach und nach von Auswanderern abgehoben, die sie für das Schiffsbillett reserviert hatten. Die Staatsobligationen sind durch das Eisenbahnmaterial gedeckt; das ist jedoch eine falsche Buchführung, denn Schienen und Lokomotiven müßten im Inventarverzeichnis stehen.«
»Aber die Verkehrsmittel sind produktive Kräfte.«
»Jawohl, das sind die Landstraßen auch, und die Wasserwege ebenfalls, doch sie sind kein Kapitalvermögen. Das Unglück ist, daß sich unter unsern siebenundzwanzigtausend Regierungsbeamten nicht ein Buchhalter befindet; allerdings, was sollte das in einem Staat nützen, wo dieser selbst und die einzelnen über ihre Verhältnisse leben? Der Staat müßte nach Vermögen und nicht nach Gutdünken Steuern ausschreiben. Jetzt aber sagt man nur: wir müssen ein Heer haben, und dann fordert man eine halbe Milliarde. Denke dir, eine halbe Milliarde, die in zehn Jahren bezahlt sein soll!«
»Aber die Auswanderung? Was meinst du über die Ursachen?«
»Die Schweden fühlen sich nicht wohl; alles ist dumpfig; es ist ihnen langweilig, allein in den einsamen Dörfern zu sitzen; sie haben kein Zusammengehörigkeitsgefühl, weil die Nation nicht gleichartig ist. Der ganze Adel, die oberen Klassen und der Mittelstand sind zum größten Teil eingewanderte Ausländer, die sich unter schwedischen Namen verbergen. Diese bilden einen Feudalstaat von Beamten, die ihre Gehälter von den Heloten einziehen. Beamter zu werden und Pension zu bekommen ist ja das Ideal jedes ›besseren Menschen‹. Die Universitäten sind nur Schulen für Beamtenexamina, und eine der Universitäten hat in einer Fakultät ebensoviele Dozenten wie Studenten. Die Studenten sind noch ein privilegierter Stand von konservativen Burschen, die die Nation bei Saufereien repräsentieren (von Ausnahmen abgesehen). Aber es gibt noch anderes, was trennend wirkt. Das ist der alte Provinzpartikularismus, und der macht sich noch in den Landsmannschaften an der Universität geltend, wo aller alte Bodensatz sich aufsammelt. Sie beneiden und hassen einander, und besonders die Geistlichen sind bei Beförderungen durch das Indigenatsrecht an die Provinz gebunden. In den Ämtern siehst du, daß sofort eine Invasion von Smaaländern in das Amt stattfindet, wenn der Präsident zum Beispiel ein Smaaländer ist; und in der Hauptstadt gibt es Vereine, in denen die Provinzialen sich zusammenrotten, um ›gemeinsame Interessen zu fördern‹; im Reichstag sitzt man nach Provinzen geordnet, und in die Schwedische Akademie wurde man eine Zeitlang nach südschwedischem Indigenatsrecht aufgenommen, so daß man das erhabene Institut, im Scherz natürlich, Schonensche Akademie nannte. Ja, es ist so viel Unrat da, der hier das Leben unleidlich macht. Keiner fühlt sich zu Hause; jeder einzelne ist Feind in Feindesland; etwas auszurichten wagt keiner, denn er wird gehindert; die einzige Energieäußerung spürt man, wenn etwas verhindert werden soll. Die etwas tun wollen, müssen sich ein anderes Land suchen, deshalb wandern die Energischen aus, die Hinderer aber bleiben! Das ist verteufelt!«
* * * * *
Beim Blockhauszoll begann es windig zu werden, und der Redakteur begab sich in den Achtersalon. Da fand er einen schlafenden Herrn, der ihm den Rücken zukehrte; an der kolossalen Breite sah er sofort, daß es der Schwager war, der Pfarrer von Storö, den er jetzt nicht gern treffen wollte. Deshalb folgte er dem Beispiel, warf sich auf das andere Sofa gegenüber und drehte dem Pfarrer den Rücken zu.
* * * * *
Während die Schwäger im Achtersalon schliefen, saßen Doktor Borg und seine Schwägerin Brita, die Frau des Redakteurs, oben im Rauchsalon und plauderten. Sie wußten freilich von der Anwesenheit der andern auf dem Schiff, aber es lag ihnen nichts daran, mit ihnen zusammenzutreffen.
»Es muß zum Krach kommen,« fuhr der Doktor fort, »und du, Brita, wirst die Bombe werfen!«
»Ja, lieber Freund,« antwortete die Frau mit höchst wohlwollendem Entgegenkommen, »ich habe meine Bomben jetzt so viele Jahre lang geworfen, daß ich nun wohl zum Dynamit greifen muß. Gustav mit seinen altliberalen Ansichten ist unser schlimmster Feind; er versteht nichts von dem Großen, das jetzt in der Welt geschieht; er hat freilich einmal die Theorien gebilligt, aber wenn es darauf ankommt, einen einzigen Gedanken, ein einziges von seinen Jugendidealen zu verwirklichen, dann versagt er.«
»Vollkommen: deshalb müssen wir ihm den Schwanz hochbinden; er soll abgehen und deinem Holger gegen eine gewisse Pachtsumme die Leitung überlassen; will er weiter für die Zeitung schreiben, so mag er das tun, aber unter Zensur des Chefredakteurs.«
»Wenn Holger nur nicht zu weichherzig ist! Trotz seinem Ingenieurkopf hat er noch ererbte Schwächen ...«
»Die werde ich ihm schon austreiben, und da du absolut gefühllos bist, kannst du dabei helfen. Wir wollen uns verbünden, du und ich, dann wird etwas ausgerichtet.«
»Ja,« antwortete Brita mit ihrer sorglosen, menschenfreundlichen Miene, »aber dann müssen wir ein Kompromiß schließen. Du mußt für meine Frauensache eintreten.«
»Du weißt, das tue ich, soweit die Gerechtigkeit geht, nur bei Ungerechtigkeiten mache ich nicht mit. Ich billige deinen Kampf für die Menschenrechte der Dienstboten, für die Lohnbedingungen der Arbeiterinnen, für Befreiung der Mädchen von Untätigkeit und Tand; ebenso bin ich für freie Verbindungen mit gesetzlicher Verantwortung, aber ich bin nicht für freie Liebe in der Ehe, denn das ist die Sklaverei des Mannes, besonders wenn er falsche Kinder im Kirchenbuch stehen hat; ich bin nicht für das Eigentumsrecht der verheirateten Frau, das den Besitz der Frau vom Beitrag zum Unterhalt der Familie befreit, das Vermögen des Mannes jedoch als gemeinsamen Besitz beibehält.«
»Und die häusliche Arbeit der Frau? Soll die nicht bezahlt werden?«
»Was ist das für Arbeit? Hast du je im Hause gearbeitet? Du hast Befehle gegeben, die von Dienstboten ausgeführt wurden, die Gustav bezahlte: Er aber hat dich und deine Kinder und deine Dienstboten ernährt und gekleidet. Du redest Unsinn!«
»Sollen denn arme Waschfrauen, die selbst verdienen, ihr Geld nicht behalten, soll der Mann das vertrinken dürfen?«