Part 19
»Wer hat die Büste gemacht?«
»Eine Frau, das ist aber seltsam.«
»Nein, wieso? er hat doch immer Beziehungen zu Frauen und Kindern gehabt,« antwortete Esther. -- »Aber was ist das auf dem Sockel?«
»Das sieht aus wie Feuersflammen. Soll das den Schwefel vorstellen, den er analysiert haben will, oder das Inferno, das er jetzt durchmacht?«
»Er sieht nicht bange aus, eher strahlt er von dem göttlichen Übermut, den die Götter hassen.«
»Meinst du, daß einer diesen Mann verstanden hat? Er behauptet, keiner habe das getan, weil er sich selbst nicht verstand; aber er scheint bisweilen sein Lebensrätsel zu ahnen und faßt sich als eine Aufgabe auf. Er ist für mich so etwas wie Balzacs Louis Lambert, einer, der hier nicht zu Hause ist. Sein Mißvergnügen mit allem hienieden will er seinen latenten Erinnerungen an ein Besseres zuschreiben; er sieht in allem schlechte Kopien des Originals, auf das er sich dunkel besinnt. Und sein Schwanken zwischen asketischer Frömmigkeit und sinnlicher Gottlosigkeit deutet an, daß er das irdische Leben als eine Strafe betrachtet und inzwischen einmal ein Schlammbad als Pönitenz nehmen muß.«
»Hast du ihn gekannt?«
»Nein, ich glaube, kein Mensch hat ihn gekannt. Er hat die Fähigkeit, sich im Verkehr zu kaschieren, indem er sich dem Sprechenden anpaßt, so daß sein Zuhörer nur den Eindruck gewinnt, sich gespiegelt oder mit sich selbst gesprochen zu haben. Deshalb gibt es so viele sonderbare Charakteristiken von ihm, bei denen man das Gefühl hat, daß die Porträtisten ihr eigenes Bild, nicht seins, wiedergegeben haben! Kürzlich hat eine Frau in einem Essay ihn zu erläutern versucht, gibt aber zu, gescheitert und nahe daran gewesen zu sein, den Verstand zu verlieren.«
»Warum wird er denn so gehaßt?«
»Wenn Ihr nicht von dieser Welt seid, haßt die Welt Euch!«
Im selben Augenblick fühlte Graf Max etwas wie eine warme Stelle auf seinem Rücken; und als er sich umdrehte, sah er einen Mann unbestimmten Alters vor der Büste stehen und sie mit einem ironischen, fast verächtlichen Lächeln betrachten.
Der Graf hätte fast einen Ruf ausgestoßen, wendete sich aber statt dessen zu Esther und sagte ihr etwas mit den Augen.
Der Unbekannte ging in die Halle hinein.
»War er das?«
»Ich glaube.«
»Hast du sein Gesicht gesehen? Er blickte auf sich selbst herab und sagte mit den Mienen: Damit sind wir fertig!«
»Was sollte das bedeuten?«
»Er hat ja immer über sich selbst gestanden, und mit dem stärksten Selbstgefühl vereinigte er die aufrichtigste Selbstverachtung. Vielleicht ist er auf neuen Bahnen und blickt jetzt auf seine alte Reinkarnation herab!«
»Glaubst du, daß er es war? Er ist doch in Paris!«
»An Doppelgänger im Sinne des Pöbels glaube ich nicht; aber es könnte ja unsere Projektion der Büste gewesen sein. Wir, du und ich, ›sehen‹ uns doch bisweilen, und das sind doch nur Projektionen plus etwas, was ich noch nicht kenne. Die Theosophen haben das Faktum beobachtet, können es jedoch nicht erklären; sie nennen es ›gelegentliche Materialisierungen der Halbmaterie des Gedankens‹.«
»Aber seine Schritte waren so schwer?«
»Ja, er soll so schwer auftreten, als hielte er sich am Boden fest, um nicht hochgehoben zu werden. -- Weißt du, was Levitation ist?«
»Ja! Aber willst du nicht die Kunstwerke ansehen?«
»Ich bin blind auf den Augen, ich kann äußere Dinge nicht sehen; ich will nur an deiner Seite gehen, denn dann ist es hell in mir, -- kannst du das erklären? Obwohl ich oft, wenn ich über dich nachdenke, meine, daß du aus dem Dunkel bist. Dann hasse ich dich wie das Böse; aber sofort wird es dunkel. Was ist das? -- Nun, jetzt, da die Zeit der Versöhnung da ist, glaubst du, daß auch Mann und Weib sich versöhnen werden und daß der Kampf der Geschlechter sich beilegt?«
»Nein,« antwortete Esther, »das glaube ich nicht, denn würden sie nicht durch Differenzen aufrechterhalten, würde die ganze Welt pervers. Du weißt ja, daß alle Frauenfreunde sonderbar sind. Sie haben Damenseelen, deshalb ehren sie sich selbst in der Frau. Jünglinge, die noch sexuell unbestimmt sind, beten doch die Frau an. Aber hast du bemerkt, daß unsere Herren aufgehört haben, von ihren Verhältnissen zu sprechen ...«
»Ich hörte nicht, was du sagtest.«
»Nein, du hast ein Talent, dich gegen fremde Einflüsse immun zu machen.«
»Wenn sie herabziehen! -- Jetzt wirst du wieder dunkel!«
Sie gingen weiter, hielten sich aber ein Stück voneinander entfernt, und Max sah aus, als wolle er in die nächste Tür hineinlaufen und sich verstecken.
»Wir wollen uns für eine Weile trennen,« sagte Esther, »dann treffen wir uns in einer Stunde am Ausgang wieder.«
»Danke, daß du so intelligent bist!« antwortete Max; »aber wir trennen uns als Freunde, sonst laufen wir sofort hintereinander her.«
»Als Freunde!«
Die weiße Stadt der Ausstellung lag unter dem drohenden Zyklonhimmel, der sich gar nicht auftun wollte.
Es war eine improvisierte Architektur, die nicht an Schweden, eher an den Orient erinnerte. Wo nahmen die Baumeister diese Inspiration her? Von den Ländern des Sonnenaufgangs, wohin jetzt die Blicke der Welt sich mit Erwartung und Zittern wenden, nachdem Japan einen Stoß gegeben hat, der die Bewegung nach Westen weiterpflanzt und vielleicht eine neue Epoche in der Weltgeschichte einleiten wird, so neu, daß die Geschichtsschreiber sie die neuere Zeit nennen werden und alles Vorangegangene, unsere Zeit einbegriffen, die ältere. Man hat in das große Wespennest dahinten im Osten hineingestochen, und nun sind die Gelben und Schwarzen ausgeschwärmt. Aber der ferne Westen im Sonnenuntergang hatte sich auch gerührt. Alle Völker der Erde waren dahinten zusammengemaischt und hatten eine neue Brut erzeugt, die schließlich ihre Weltbürgerschaft empfand, die die Markscheide des Atlantischen Ozeans nicht anerkannte, sondern bei der Teilung der Welt dabei sein, zu den europäischen Großmächten gerechnet sein wollte. Das alte Spanien, der Hidalgo, der erste Eroberer Amerikas, war hinausgeworfen worden, und Columbus hatte aus seinem ersten Grabe auf Haiti die erlittene Unbill gerächt. In dieser gespenstischen Umarmung von Osten und Westen fühlte Europa sein Dasein bedroht, und verschüchtert wie Vögelchen scharten die Völker sich in erzwungener Freundschaft zusammen, die ihren ersten Ausdruck in dem Erlaß des Zaren fand, diesem Erlaß, der später der Anlaß zu dem Friedenskongreß im Haag wurde, der wohl zunächst bedeutete: Zusammenschluß der europäischen Mächte zu gemeinsamer Verteidigung gegen gemeinsame Feinde, also nicht Weltfrieden. Die gepanzerte Faust hatte die Tore der chinesischen Mauer eingeschlagen, und die Revanchemänner von Sedan gaben die Revanche auf, um mit den Preußen zusammen zu fechten. Die Europäer hatten aufgehört, Provinzpatrioten zu sein, und ihre Nationen waren Erinnerungen geworden, ähnlich den Landsmannschaften der Studenten, die bei festlichen Gelegenheiten eigene Fahnen trugen, für gewöhnlich aber Mitglieder der Studentenschaft waren. Im Vorgefühl seines Untergangs als Korporation hatte Schweden sich auch aufgerafft, hatte sich zurückgewandt, um seine Erinnerungen zu sehen, hatte die Büroschränke aufgeräumt und das sortiert, was aufbewahrt, und das, was verbrannt werden sollte. Kirchen, Schlösser und Hütten waren durchsucht worden und alle Erinnerungen auf dem heiligen Berge, der Schanze, gesammelt.
Über der weißen Kosmopolis der Ausstellung erhob sich der Schanzenberg mit seinem schwarzen Kiefernwald und seinen ländlichen, altmodischen Glockentürmen. Sie läuteten eine Vergangenheit zu Grabe, die nach dem Glauben vieler jetzt eine Zeit der Auferstehung werden würde. Und die Dichter riefen die Schatten auf, beschworen Karl XII. und seinesgleichen. Wege und Pfade auf dem heiligen Berge trugen alle große Namen, um das Selbstgefühl der Nation zu wecken und den Zusammenhang zwischen den gespaltenen Parteien zu stärken, die sich jetzt in dem Vergangenen einen sollten.
Im Pressepavillon saßen Doktor Borg und Redakteur Holger in einem Privatzimmer und tobten fürchterlich. Der Doktor war rasend.
»Dies ist ja eine Maskerade, und du darfst der Eitelkeit deiner Landsleute nicht schmeicheln, so daß sie die Besinnung verlieren und alle Karl XII. zu sein glauben. Wir können uns in der Jetztzeit nur aufrichtig für die Zukunft sammeln. Die Dynastie stammt ja erst von 1809 und kann ihre Ahnen nicht von Lützen und Narwa her rechnen; der halbe Adel ist exotisch, und ganz Schonen ist ja erst nach der Schlacht bei Lund schwedisch geworden; du kannst von den Bewohnern Schonens nicht verlangen, daß sie für Breitenfeld, wo sie nicht dabei waren, hurra schreien; der Kommissar der Ausstellung, unser Freund Isak, ist ein Fremdling aus dem Orient und kann wohl weder Luther, noch Karl XI. feiern; ihr seid taktlos, und ihr verletzt, ohne es zu wissen! Der Schanzenmann selbst ist ein Exot, darauf schwöre ich, und ich als Negerknabe kann ebensowenig wie Syrach und Isak den Enthusiasmus Grönlunds für schwedische Bauernmädchen und Volkstänze teilen. Dies hier ist nicht aufrichtig, und du müßtest vor allem kommandieren: Vorwärts sehen! -- Du hast die berechtigten Angriffe des Rabbiners auf unsere Anbetung der schäbigen Vergangenheit nicht beachtet, als er gestern auf dem Kongreß gegen unsere auf Hellas und Rom fußende Bildung loszog. Er machte einen dicken Kreidestrich durch Platos Idealstaat, den er -- mitten im Ritterhause -- einen Päderastenstaat nannte! Wäre ich dagewesen, hätte ich ihn auf die Schultern gehoben. -- Was Satan haben wir mit Griechenland und Rom und Karl XII. zu tun? Ihr lebt unten in den Gräbern mit Leichen, während Gegenwart und Zukunft an euch vorbeirauschen. Aber das ist diese schauerliche Erziehung, die wir in den Schulen und auf der Universität bekommen, und das ist das Abiturientenexamen, das jetzt einem Magisterexamen der dreißiger Jahre entspricht.«
»Was soll man denn aber tun?«
»Fachschulen und Ausbildung für den Beruf! Laßt die Juristen mit vierzehn Jahren als Schreiber und Laufjungen bei den Advokaten anfangen; schickt die Mediziner im selben Alter als Wärter in das Krankenhaus; laßt die Ingenieure als Feiler in der Werkstatt, die Pfarrer, wenn es welche geben muß, als Küster beginnen, laßt sie die Gesangbuchnummern aufstellen und bei einem Standesbeamten Büroarbeiten lernen. Schließt die vier Fakultäten und konfirmiert die Kinder von der Volksschule aus mit Lesen, Schreiben und den vier Spezies: dann hinaus mit ihnen, damit sie sich in ihrem Fach ausbilden. Heutzutage muß man sein Handwerk verstehen, sonst geht man in der Konkurrenz unter; und wir können nichts, nur konversieren in Salons, Wirtshäusern und Versammlungen. Wir sollen versiert sein und mit den Damen über alles sprechen können, aber wir sind auf allen Gebieten nur Dilettanten. Wo sollen wir Staatsmänner herbekommen, wenn keine Staatswissenschaft gelehrt wird? Unsere Regierung ist doch auch ein Theater. Im Sommer sieht man einen Marineminister Kirche und Schule verwalten, ein Gardeoffizier leitet die Landwirtschaft, und ein früherer Assessor dirigiert Heer und Flotte. Ist das Staatskunst? Und der Minister kommt nicht dazu, von seinem Ressortchef die Elemente zu lernen, bevor er pensioniert wird. Deshalb ist das ganze Land von diesen Staatsräten überlaufen, und wenn man einen Schuljungen fragt, was er werden will, so antwortet er: Ich will Staatsrat außer Diensten werden! Um Landrichter zu werden, muß man die Gesetze kennen, aber um Departementschef und Minister zu werden, braucht man überhaupt nichts zu können. Ich will nicht von den votierenden Reichstagsabgeordneten sprechen, die haben so viel Schamgefühl, daß sie sich meistens die Verfassung kaufen, aber die Ausschußmitglieder, die tatsächlich die Gesetze geben, müßten alle Gesetze des Landes kennen und ausgebildete Staatsmänner sein. Bestände der Ausschuß aus Staatsmännern, so würden sie in Permanenz tagen und mit den Ministerien zusammenarbeiten, nicht wie jetzt einige Monate lang störend auftreten, auf gut Glück und stets als Feinde der Regierung eingreifen. Warum müssen Regierung und Reichstag stets als Feinde auftreten, stets einander zu ducken suchen? Einen Antrag durchbringen heißt doch einen Rekord schlagen, und wenn ein Minister die Majorität hat, so hat er einen Preis gewonnen -- den Preis, nicht weggejagt zu werden, im Amt bleiben zu dürfen. -- Und worüber wird im Reichstag gesprochen? Über Sch...; über Varietés und Opernkeller, über Pensionen und Brückenbauten; sogar über polizeiliche Angelegenheiten, über Soldatenexzesse, Pferdefütterung, Dünnbierbehandlung und Besichtigungsabenteuer, über die Toiletten der Damen und das Rauchen der Schuljungen. Ist das Staatskunst? -- Der Reichstag hat ja seine Inkompetenz bewiesen, da er alle wichtigen Angelegenheiten an Kommissionen von Sachverständigen verweist; der Reichstag selbst aber sollte doch aus Sachverständigen bestehen! -- Ist das Regierung, sind das Gesetzgeber?«
»Was kann man da tun?«
»Nichts! Doch, schleifen, schleifen! Unterm Schnee kann nichts wachsen; man kann nichts bauen, ohne das alte Haus niedergerissen zu haben. Geht nur negativ zu Werk; kommt nie mit einem positiven Vorschlag, der ist nur lächerlich; hebt alte Gesetze auf, gebt Freiheit und laßt die Kräfte wirken! Du sollst ein Wecker sein, nicht ein Einschläferer! Und jetzt adieu, die Uhr hat sieben geschlagen!«
* * * * *
Am Fuße des Schanzenberges, ganz als gehöre es dahin, erhob sich ein schwarzes Haus, das in der Hauptsache aus einem drückenden Dach bestand; altes morsches Holz, das besonders präpariert war, damit es morsch aussehen sollte; eine Reihe kleiner Fenster dicht über dem Erdboden deutete Abneigung gegen Licht an. Es sah wie eine Scheune aus, konnte aber eine Kirche sein.
Doktor Borg und Isak Levi standen davor und betrachteten es, und der Doktor sprach selbst wie gewöhnlich:
»Da hast du Norwegen, schwarz und morsch wirft es seinen Schatten über unsere helle Stadt. Das hohe Dach ist nur Prahlerei, es ist nichts darunter; keine Kammern und kein Boden, es hat gar keinen Zweck, bloß Bauernprotzerei!«
»Bist du jetzt Norwegerhasser?«
»Ja, ganz verd...! -- Warum sollte ich meinen Feind nicht hassen? Warum sollte ich die Norweger nicht hassen, wenn sie mit ihrem Schwedenhaß prahlen? Ich kann mir wohl meine Antipathien und Sympathien selbst aussuchen wie andere Sterbliche auch. Hast du etwas dagegen einzuwenden?«
»Aber du arbeitest für ein freies Norwegen!«
»Jawohl, ich erkenne seine berechtigte Forderung an, aber ich will auch frei werden von diesem schwarzen Unfug, der über uns gekommen ist wie eine Geisteskrankheit. Sollen wir den Dovrealten und seine alberne Nora anbeten? Weißt du, wie Zola ihn nennt? ›Die letzte Frucht aus den verdorrten Lenden unserer guten George Sand.‹ Sardou nennt ihn ›einen Narren‹ und Tolstoi, sagt ›er sei gestört‹. Der wird in Schweden angebetet! Nun, er ist noch der Pfarrer! Aber der Küster ist noch schlimmer! Wie alte Gorillas wirken die beiden, und findest du nicht, Isak, daß der Pfarrer aussieht wie einer von unsere Leut?«
»Ja, da kannst du recht haben,« antwortete Isak. »Er ist wohl nicht nur Germane. In den Fliegenden wurde er Froschmaul genannt.«
»Und die ganze norwegische Befreiungspolitik ist unter Karolines grober Hand zu einem Kampf um die norwegische Gesandtschaft ausgeartet, von wo Norwegen die schwedische Gesellschaft zu beherrschen glaubt. Ich gehe nie mehr in die Gesandtschaft; ich habe es satt, auf die Dovrealten und die Boheme von Kristiania anzustoßen, und ich will nichts von ihrem Gehechel über Andrés Ballonfahrt hören. Weißt du, was für ein Unterschied zwischen Schweden und Norwegen ist? Derselbe Unterschied wie zwischen Nordenskjöld und Nansen. Nordenskjöld fand die versprochene nordöstliche Durchfahrt, wurde aber nicht Nationalheld; Nansen fand den verheißenen Nordpol nicht, wurde aber Nationalheld. Schweden ist ein Stiefmutterland, deshalb macht es gewöhnlich seine Größen aus Nichts, es stöbert Nullen auf und erhöht sie zu Potenzen ...«
»Ja, aber du hast an der Heiligsprechung des Dovrealten mitgewirkt!«
»Du weißt ja, wie das zugeht: man wird nicht in Ruhe gelassen, bis man dem Haufen einen Knochen hinwirft. Auf die Weise bin ich auch Wagnerianer geworden, obwohl ich finde, daß er nur unmusikalische und häßliche Musik geschrieben hat; ›geschrieben‹ ist das richtige Wort, denn sie ist weder gehört noch komponiert; sie ist geschrieben. Aber wir leben in einer perversen Zeit, und in einer demokratischen. Ich frage mich auch bisweilen, ob diese Demokratie, für die wir uns abmühen, nicht etwas Falsches ist: wo der Unwissende Kenntnisse mitteilen, der Ratlose raten, der Schwache herrschen, der Unterdrückte unterdrücken und die Masse es machen soll. In einem Staat aber wie dem unsern, wo die eine Hälfte der Nation aufschreibt, was die andere tut, wo der Staatskalender so groß ist wie die Kirchenbibel, wo die Beamtengehälter ein Nationalvermögen ausmachen, die Ämter feudal und die Beamten Vasallen geworden sind, da ist vielleicht eine ständige Demagogie als Gegengewicht erforderlich. Aber das Kuriose ist nun, daß der Demos royalistisch, akademisch, aristokratisch, sportsnobistisch, Karl der Zwölftisch, schanzpatriotisch, der Hof hingegen demokratisch, demagogisch, demütig ist. Der Demos hat es übernommen, an die prätorianische Garde zwölf Jahre lang eine halbe Milliarde zu zahlen; wenn sie sich jedoch außerstande sehen, zu bezahlen, reißen sie aus nach Amerika. Aber die Schuldenlast des Reiches besteht nicht nur aus Hypotheken und den Zehnten der Gemeinden, sie besteht auch aus Wechseln der Banken. Aller Handel vollzieht sich auf Kredit und Wechsel; das ist Vorschuß; und Vorschuß ist ungeleistete Arbeit. Die ganze Nation lebt von sechsmonatigem Vorschuß; man stellt für die Miete einen Wechsel aus, einen Wechsel für die Steuer, einen Wechsel für den Haushalt. Aber man löst den Wechsel nach sechs Monaten nicht ein, sondern erneuert ihn und bezahlt die Zinsen mit einem neuen Wechsel. Man lebt also -- von ungeleisteter Arbeit. Und die ganze Berechnung des Nationalvermögens ist falsch. Ausgesogener Boden ist nichts wert; verfallene Schlösser kosten nur Unterhalt; rostige Eisenbahnschienen und benutzte Lokomotiven können nur als altes Eisen verkauft werden, stehen aber trotzdem noch im Hauptbuch des Reiches als Vermögen; Wasserfälle haben keinen Wert, bevor nicht die Fabrik daneben steht, die Fabrik hat keinen Wert, bevor nicht die Arbeiter da sind, und der Arbeiter ist nichts wert, wenn er nicht tüchtig ist; aber das Fabrikat ist auch nichts wert, bevor es nicht Absatz gefunden hat. Das Eisen in Norrland sollte uns retten, aber Rückschrittler haben das verhindert. Wohin treiben wir? Die Entwickelung geht sprungweise vorwärts und mit Überraschungen. Es ist ja möglich, daß die norrländischen Goldgerüchte sich eines schönen Tages bestätigen! Stelle dir dann ein Schweden als Sammelplatz aller Nationen der Welt vor. Die Volksmenge vermehrt sich, Norrland wird dicht mit Städten besiedelt, der Acker wird im Stich gelassen, und die Ureinwohner saufen sich zu Tode wie die Rothäute. Nach einem Menschenalter ist eine neue kosmopolitische Rasse Besitzer des alten Schwedens und der Reichstag ist mit Farbigen bevölkert ...«
»Glaubst du daran?«
»Nein, das tue ich freilich nicht, aber möglich ist alles. Es kann ja auch anders kommen, -- auf diese Art geht es jedenfalls nicht länger! Und es ist deine Pflicht, das tagaus, tagein zu sagen, zu schreiben, herauszuschreien! Auch vor tauben Ohren.«
Er verließ den Pavillon und ging in das Menschengewimmel hinaus, in dem die Gesichter der Fremden ihn erfreuten, wie weitgereiste Gäste den Einsiedler in der Wildnis erfreuen, und wo der Klang der ausländischen lebenden Sprachen ihn daran erinnerte, daß seine eigene zu den toten Sprachen gehörte, da sie außerhalb seiner Landesgrenzen niemand verstand.
Achtzehntes Kapitel
Die Neujahrsnacht
Jahre waren vergangen; das Jahrhundert war wirklich zu Ende; nur noch wenige Stunden waren übrig. Die Familie Borg wollte sich in den Gotischen Zimmern versammeln und gegen Mitternacht nach der Schanze hinausziehen. Das Leben läuft schnell, und dies Lokal war nicht mehr in Mode, sondern das literarische Hotel Rydberg hatte die Oberhand; und wenn einer vom Roten Zimmer sprechen wollte, so klang es wie Vergangenheit, und wurde mit der »Grünen Raute« und ähnlichem verwechselt.
Die Gesellschaft hatte sich eingefunden, und der alte Redakteur Borg, der jetzt über sechzig war, war auch da. Eine improvisierte Versöhnung war, zu Ehren des Tages, zustande gekommen. Esther, die im Begriff stand, ihr Examen zu beenden, war die einzige Dame; alle andern waren ins Versteck gekrochen und wieder ins Haus verwiesen, nachdem das kameradschaftliche Leben in den Kneipen sich als unhaltbar erwiesen hatte. -- »Sie liefen mit ihren gegenseitigen Frauen herum, so daß man nicht wußte, mit wem sie verheiratet waren.« Die Sachlage war so, daß sie sich scheiden ließen und sich unmittelbar wiederverheirateten, unmittelbar, so daß man schließlich dahin kam, daß die Damen ihren Mädchennamen behielten. Die Biographen erwähnten nicht mehr, mit wem die berühmten Leute verheiratet waren, und der Adelsalmanach erfand als Euphemismus für Geschiedene, die sich wieder verheiratet hatten, die Bezeichnung: »Zum zweitenmal verheiratet.« Schließlich wurde in einem Nachbarlande vorgeschlagen, daß auch die Mädchen Frauen genannt werden sollten, da sie meistens nicht mehr Mädchen seien, sondern auf den Promenaden mit ihren Kindern spazieren gingen.
Auf einem Tisch in den Gotischen Zimmern lag eine Liste zum Unterzeichnen. Alle hatten ihre Namen unterschrieben, außer Doktor Borg, der doch selbst diese Adresse an Zola aufgesetzt hatte, in der die Bewunderung für seinen Mut im Dreyfusprozeß ausgedrückt wurde und die Hoffnung, daß das neue Jahrhundert die völlige Rehabilitierung seines Schützlings erleben werde. »Gerechtigkeit, aber nicht Gnade!«
»Nun, Doktor,« sagte Isak Levi, »willst du nicht unterschreiben? Vielleicht glaubst du, daß er schuldig ist?«
Das Thema war noch so explosiv, daß man Dreyfus' Namen nicht gern nannte, diesen Namen, der in den letzten Jahren die Menschheit in zwei Hälften gespalten hatte.
Der Doktor nahm die Feder und unterschrieb seine eigene Adresse mit einigen raschen Strichen.
»Wenn ich mich nur nicht um Ehre und Gewissen geschrieben habe,« sagte er.
»Aha!« rief es im Chor.
»Ja, Kinder,« sagte der Doktor, »ich habe viermal während des Prozesses meine Ansicht ändern müssen, und ich weiß noch heute nicht, ob ich nicht Dreyfusard geworden bin, wie ich Wagnerianer wurde.«
Alle schlugen die Augen nieder, einige um zu verbergen, andere um zu demonstrieren, und in der Stille, die entstand, hörte der Doktor eine Anklage, die er beantworten mußte.
»Seht einmal, in einem Spionageprozeß die Wahrheit an den Tag zu bringen, ist erstens fast unmöglich, weil alle Parteien Spione gewesen und also mit Lügen, Betrug und falschen Papieren immer umgegangen sind. Zweitens ist es ganz abnorm, nach drei Jahren einen Prozeß zu revidieren, da das menschliche Gedächtnis so gebrechlich ist, da die Jahre die Standpunkte verändern, neue Interessen neue Leidenschaften geweckt haben; nachdem die Zeugen verschwunden, Papiere gestohlen oder abhanden gekommen sind ...«
»Ja, aber es war ein geheimes Gericht,« wendete der alte Gustav Borg ein.
»Jaa, warum nicht? Unsere freisinnige Jury ist doch auch geheim ...«
»Ich glaube, du stehst auf Seite der Generale?« brauste Gustav auf.
»Da haben wir es!« antwortete der Doktor. »Es ist doch des Teufels, daß die Menschen den Verstand verlieren müssen, sobald man nur von diesem verdammten Prozeß spricht.«
Isak tat es leid um den Doktor, der sich unschuldigerweise in einer falschen Lage befand, und mit einem menschlichen Zug der Teilnahme suchte er ihm zu helfen, falls es dies Motiv war: