Die Gotischen Zimmer: Roman

Part 18

Chapter 183,683 wordsPublic domain

Das ist die Aufgabe des Verneiners, die Berechtigung des Bösen in der Ökonomie des Lebens. Da hast du die Gleichung unseres Doktors; der Widersacher, der Fehlersucher, der seine Aufgabe wie ein Mann versieht, und der sehr nützlich ist in diesen Zeiten, da die Versöhnten einander in Schmeicheleien und gegenseitigem Lob überbieten. -- Jetzt müssen wir gehen; die Kirche soll geschlossen werden!«

Sie gingen, und wie in schweigendem Einverständnis lenkten sie die Schritte nach den Inseln. Das waren ihre besten Stunden, wenn sie zusammen wanderten. Wenn sie sich im gleichen Takt vorwärtsbewegten, waren sie ja gezwungen, gleichen Schritt zu halten und sich einander anzupassen; dadurch entstand eine Harmonie, die sich auf gegenseitiges Nachgeben gründete; die Blicke der Menschen bewahrten sie vor zudringlicher Annäherung, und dadurch, daß fortwährend neue Gegenstände defilierten, wechselten die Stimmungen und damit die Unterhaltung.

Als sie sich müde gelaufen hatten, wollte Esther auf der neuen Opernterrasse sitzen. Nach einigem Zögern ging Max mit. Und nun saßen sie sich an einem Tisch gegenüber; es wurde intimer, und sie blickten sich in die Augen.

»Wie sollen wir aus dieser Sache herauskommen, Esther?« fragte Max.

»Ich weiß es nicht! Ich wünsche es, und wünsche es nicht.«

Ein plötzliches Verlangen, von etwas anderm zu sprechen, überfiel beide; sie sehnten sich wahrscheinlich nach einem Aufschub der schmerzhaften Operation. Esther sah sich um unter den vielen Menschen, um einen zu finden, der Stoff liefern, eine Vorstellung von etwas Entlegenem wecken konnte. Da saß ein Hauptmann in Artillerieuniform, und sofort hatte sie einen Anhalt, um sie beide der Verstimmung zu entreißen:

»Erinnerst du dich,« begann sie, »im vorigen Jahr des französischen Artilleriehauptmanns, der als überführter Spion deportiert wurde?«

»Ja,« antwortete Max zerstreut.

»Es beginnt jetzt das Gerücht zu gehen, daß er unschuldig war; was glaubst du von der Sache?«

Max liebte solche Sprünge in der Unterhaltung nicht; es erschien ihm wie ein Versuch, ihn zu betrügen, seine Gedanken in Bahnen zu locken, in die er nicht wollte. Er antwortete aber, um nicht unhöflich zu sein.

»Ich war damals gerade in Paris und hatte den Eindruck, daß er schuldig sei, was ich sehr natürlich fand, da er als deutschsprechender Elsässer geboren ist und seine Heimat 1871 annektiert wurde.«

»Warum glaubst du denn, er sei schuldig gewesen?«

Der Graf suchte im Gedächtnis nach einer ihm gleichgültigen Sache und entgegnete:

»Der Hauptmann blieb Franzose, seine Verwandten in Mülhausen aber wurden Deutsche; und wenn Dreyfus, so hieß er ja wohl, sie jeden Sommer besuchte, so war es ja klar, daß er manches ausplauderte. Ich hörte auch, er habe in Fontainebleau oder irgendwo anders den Besuch eines deutschen Bruders bekommen und ihm eine Reihe neuer Erfindungen gezeigt, sofern daran überhaupt etwas zu zeigen war.«

»Nun, woraufhin wurde er denn aber verurteilt?«

»Auf Grund von Indizien; übereinstimmende Zeugenaussagen und belastende Umstände; die moderne Beweisführung nimmt auf diese Dinge mehr Rücksicht als auf materielle; und Zeugenaussagen sind ja immer falsch infolge der Unvollkommenheit des menschlichen Gedächtnisses, infolge der Abhängigkeit des vulgären Urteils von Interessen und Leidenschaften.«

»Ja, aber ich glaube mich zu erinnern, daß er auf Grund eines zweifelhaften Dokuments verurteilt wurde.«

»Du meinst den sogenannten Bordereau. Den habe ich autographiert gesehen neben einem Brief von Dreyfus, dazu das Schreiben, das der Oberst -- wie hieß er doch noch -- Dreyfus nach Diktat schreiben ließ. Aus diesen Schriftproben kann man nichts beweisen, denn Dreyfus hatte zwei Handschriften, eine deutsche, aus der Kindheit, und eine französische, die er in Frankreich gelernt hatte. Der Bordereau weist französische Handschrift auf, das sieht man besonders an den Ziffern, an der 4, die so, $4$, geschrieben ist, wie nur ein Franzose sie schreibt; ebenso an der 5.«

Er zeichnete mit seinem Bleistift auf der Marmorplatte.

»Aber in der Probeschrift nach dem Diktat des Obersten hat Dreyfus deutsche Ziffern und deutsche Datumsbezeichnung angewendet. Zum Beispiel beginnt die Schrift: Paris, 15. Octobre 1894.«

Esther machte große Augen:

»Du scheinst diesen Prozeß gründlich studiert zu haben.«

»Ja, genauer, als ich dir gegenüber zugeben darf; und ... Also hier sind die Ziffern deutsch; doch er hat das Datum geändert, die 15 aus einer 13 gemacht. Warum hat er zuerst 13 geschrieben, da er doch beim Diktat leicht den Unterschied zwischen fünfzehn und dreizehn hören konnte? Ja, weil am dreizehnten etwas geschehen ist, was du nicht weißt! Die Schrift des Bordereaus ist also als Beweis wertlos, da der Mann zwei Handschriften hatte, von denen die Kindheitsschrift bei gewissen Gelegenheiten hervortrat.«

»Glaubst du denn nicht, daß er den Bordereau geschrieben hat?«

»Das weiß ich nicht! Aber da er nicht auf Grund dieses Schriftstücks verurteilt ist, sondern auf Grund einer Menge Indizien, ist es gleichgültig. Sonderbar ist, daß man eine Abschrift des Bordereaus in Dreyfus' Weste gefunden hat, als er nach der ~Ile de Rez~ gebracht werden sollte. Wo hatte er die her, da er im Gefängnis keinen Zugang zum Original hatte; und was wollte er mit ihr, da sie ihn zu Fall brachte? Weiß man, ob die Kopie das Original war oder nicht?«

»Woher weißt du das?«

»Das steht doch in den Prozeßberichten, und er hat die Existenz der Kopie in der Weste nie abgeleugnet, da sie einmal gefunden worden war. Warum interessierst du dich so sehr für diesen Prozeß?«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Jetzt sitzt er jedenfalls auf der Insel, die von manchen ~du Diable~, von andern ~du Salut~ genannt wird. Es ist kurios. Und man spricht von vorbeifahrenden Jachten, die ihn befreien wollen.«

»War er Jude?«

»Ja gewiß; aber das sprach nicht gegen ihn in dem aufgeklärten Frankreich, wo das Heer schon sechsunddreißig jüdische Offiziere hatte und wo Dreyfus, trotz seiner deutschen Herkunft, in den Generalstab aufgenommen wurde, eben weil er Jude war. Man wollte nämlich aufgeklärt und vorurteilsfrei erscheinen. -- Daß aus diesem Ei etwas herauskommt, glaube ich zu wissen. Es ist wohl ein Basiliskenei!«

»Glaubst du denn, daß er schuldig ist?«

Max betrachtete Esther, und er fühlte in ihrer Frage einen Stachel des Hasses, eine Herausforderung, eine Schlinge. Er antwortete deshalb kalt:

»Ich glaube, daß er geklatscht hat, und das finde ich verzeihlich; ob er den Bordereau geschrieben hat, weiß ich nicht; ich halte es für unwahrscheinlich, daß man ein Verzeichnis seiner Verbrechen mit sich herumträgt. Wahrscheinlich ist er schuldig, aber nicht der Dinge, derentwegen er angeklagt ist. Und das ist seine Stärke. Deshalb konnte er auf dem Marsfelde bei der Degradierung freimütig ausrufen: ›Ich bin unschuldig!‹ (Im Sinne eurer dummen Anklage!)«

Es entstand eine Verstimmung, und Esther begann zu frösteln. Graf Max wurde nervös und fand die Gesellschaft am Nebentisch zu lärmend; ein unerzogener Hund ging umher und fegte die Tische mit seinem Schwanz ab; der Kellner puffte jedesmal, wenn er vorbeiging, Esther in den Rücken.

»Ich glaube, die Séance ist zu Ende,« sagte Max. »Hier ist Unlust, und das ist immer so, wenn gewisse Gespräche über niedrige Dinge zu wirken beginnen. Es ist etwas Böses in der Luft; die Toten hier in der Nähe berühren mich unangenehm, und ich sehne mich fort, hinaus; ich wünschte nur, ich könnte aus dem Körper herauskriechen und mit den Möwen ans Meer fliegen, mich in einer großen, grünen Woge baden, auf dem Rücken liegen und nur den Himmel sehen, ein Riesenwalfisch sein und mich draußen im Ozean abspülen, mit Fregatten um die Wette schwimmen und in Tangwälder hinuntertauchen.«

Jetzt begann es vom Kirchturm zu läuten.

»Und dann diese Glocken! Diese Kirche ist mir immer vorgekommen wie eine Nebenkapelle zum Opernkeller, das Portal ist in der Oststraße, der Turm über dem Salon auf den ~Champs de Mars~. Wenn sie da oben läuten, dann klappern alle Groglöffel auf der Terrasse, und die Punschgläser klirren gegen die Tablette, die Lorbeerbäume rascheln und riechen, wie Quecksilber schmeckt; diese Terrasse erinnert übrigens an einen französischen Kirchhof, mit seinen bepflanzten Gräbern und den gestutzten Bäumen. Hu, wie mich friert; wollen wir gehen?«

Esther wußte, daß es bedeutete, sie wollten voneinander gehen; denn jetzt begann die Repulsion, der Haß, ohne bestimmte Ursache, und wenn sie darauf bestand, bei ihm zu bleiben, so würde das mordende Schweigen eintreten, oder das unvernünftige Gezänk ausbrechen.

Sie gingen ohne Abschied auseinander, nach stillschweigendem gegenseitigem Übereinkommen, aber in der Überzeugung, sich früher oder später wiederzutreffen.

Siebzehntes Kapitel

Das Versöhnungsfest

Esther und Max gingen den Strandweg entlang, um die Ausstellung zu besuchen, die sie noch nicht gesehen hatten. Da sie beide in Stockholm geboren waren, hatten sie die Umrisse ihres alten Tiergartens so sicher im Auge, daß sie sie im Dunkeln hätten zeichnen können. Jetzt, da sie in ihr Gespräch versunken, mit in sich gekehrten Blicken dahingingen, blieben sie plötzlich stehen und blickten auf. Vor ihnen lag eine weiße, schimmernde Stadt, wie zum Fest gekleidet.

Max blieb stehen und blickte vorwärts, aufwärts, wie in einer Ekstase:

»Das Licht ist wiedergekommen!«

Und sie gingen weiter, während er sprach:

»Die Furcht vor dem Weißen ist verschwunden. Die Augen konnten keine weißen Häuser ertragen, deshalb verbot die Hygiene Kalkputz, und die Fassaden unserer Jugend waren mit Ruß und Rost gestrichen; die Behörden schrieben Kienruß oder Eisenocker in der Tünche vor. Und das Grün, das Grün der Hoffnung, das die Ästhetik in den Bann getan hatte, darum und darum ... das Grün hat seine Wiederkehr gefeiert; das Weiße grünt und das Grün vergoldet sich. Selbst die Nationalflagge ist von dem stumpfen Indigo zu dem milden Kobalt übergegangen, vom schweren Eigelb zum blassen Gold. -- Wir sind im Dunkel gewandert, aber es war nur eine Sonnenfinsternis, die ihre Zeit dauern mußte. Ich erinnere mich meiner Kindheit, als die kleinen Schwestern weiße Strümpfe trugen wie ihre Mütter, und wie dann ihre Beine schwarz wurden; ich fand, sie sahen aus wie Dämonen, die aus Schornsteinen herunter kommen; das Weiße wurde schwarz, und es gab gewisse Frauen, die mit Trauerkleidern kokettierten, obwohl sie keine Trauer hatten. Jetzt tagt es wieder; die Strümpfe haben wieder Farbe bekommen, und der Stiefel hat seine Schwärze verloren, die Frau hat ihr langes Haar wieder, hat Hals und Brust befreit -- jetzt bekommen wir wieder Mütter, -- mit Kindern als Halsband.«

Sie hatten den Brückenkopf erreicht und wanderten in die weiße Stadt hinein. Sie sahen die Menschen nicht; sie waren von ihrer eigenen schützenden Aura umgeben, die sie gewissermaßen unsichtbar machte. Die Gebäude und Gegenstände betrachteten sie nicht, sondern behandelten sie als Dekorationen zu ihren Gedankenbildern. Sie tändelten an Maschinen, Mineralien, Waffen, Möbeln und Handelsgegenständen vorbei. Sie stürzten sich in Alt-Stockholm hinein, ließen sich's eine Weile in der vergessenen Vergangenheit wohl sein, spürten aber bald eine Beklommenheit und rissen sich wieder zur Gegenwart empor! Jetzt leben, nicht damals! Nicht einen Tag früher, lieber später, sich selbst und seiner Zeit voraus.

Schließlich setzten sie sich in die blaue Grotte. Max sprach unaufhörlich.

»Jetzt denke ich blau, jetzt sehe ich blau; ich weiß, wo ich bin, aber ich habe es vergessen, und ich bin nicht hier. Ich weiß, wie du heißt, aber ich will deinen Namen nicht nennen, denn du bist nicht die, die du bist. Weißt du, was die Gevatterschaft war? Das war eine geistige Verwandtschaft, die zwischen den Paten des gleichen Kindes vorhanden sein sollte. Ich glaube an so etwas, an die selbständige Existenz der Seelen außerhalb der Körper; und an geistige Blutschande. Wir müssen auf irgendeine unbekannte Art Geschwister sein, deshalb bekommen wir kein Kind; deshalb tragen wir an einer Schuld und an einem Schamgefühl, das wir nicht erklären können. Du bist nicht die, die du bist, denn wenn du abwesend bist und ich dich mir vorzustellen versuche, wirst du eine andere.«

»Wer bin ich dann?«

»Bisweilen meine Mutter, bisweilen meine Schwester, bisweilen ... Weißt du, ich glaube, die Seelen leben so unabhängig von den Körpern, daß sie in fremde Rinde einen Schößling senken und saprophytisch darauf leben können. Die Flechte, die auf Bäumen und Steinen wächst, ist eine Vereinigung von Alge und Pilz, eine Gemeinschaft, die man Symbiose nennt. Das ist die Ehe, die geistige meine ich, und die Ähnlichkeit von Ehegatten ist die noch unerklärte Bildkraft der Seele, die Materie umzukneten. Ich hatte deinen Vater gesehen, aber nie deine Mutter, als ich einmal im Theater einige Reihen vor mir den Nacken einer Dame sah, der meine Aufmerksamkeit erregte. Ich wendete mich zu meiner Gesellschaft und sagte unwillkürlich: ›Der Nacken dieser Dame erinnert mich an Gustav Borg!‹ ›Ja, das ist seine Frau,‹ sagte man mir! Wenn es das Gesicht gewesen wäre, hätte man die Wirkung der Anpassung im Verkehr begreifen können, aber ein Nacken! Das klingt ja wie eine Fabel.«

»Es werden allerdings Zwillinge geboren,« begann Esther, »aber man kann auch dazu werden. Meine Mutter hatte eine Zwillingsschwester, und als die sich einmal in die Hand schnitt, fühlte meine Mutter, die weit entfernt war, den Schmerz. Du und ich, wir sind Zwillinge geworden, aber wir müssen aufhören, es zu sein.«

»Ich glaube, wir sterben im selben Augenblick, da das Band zerschnitten wird. Der Trennungsschmerz ist das größte aller Leiden, aber wir müssen dahin!«

»Kannst du dir ein Ende denken?«

»Nein! Und das, was man sich nicht denken kann ... das existiert nicht.«

Sie gingen wieder weiter, um den Platz zu wechseln, und kamen auf die Schanze.

Kläffende Hunde begrüßten sie, und Max schrumpfte vor Schmerz zusammen.

»Diese Tiere hier? Gibt es denn keine Menschen in Schweden?«

»Du bist kein Tierfreund?«

»Nein, ich hasse alles Tierische, wie du weißt, besonders an mir selbst. Und diese Tierfreunde -- ja, du weißt, die Vorsitzende selbst hätte ihre Kinder mit Rosinen und Mandeln beinahe umgebracht (sie war Vegetarianerin), aber sie konnte nicht hören, daß man einen Hammel schlachtete. Alle, die auf der Tierskala so tief stehen, daß sie mit Tieren, aber nicht mit Menschenkindern Mitgefühl haben, sollte man ohne weiteres zum Tierarzt schicken und Zyankali riechen lassen. Die Abgründe, die eine solche menschenähnliche Seele birgt, sollte sie lieber zu verbergen suchen. Ich habe gehört, daß Kavalleristen und Hirten ... Nein, jetzt wollen wir hier weggehen! Hier ist es böse, und es ist überall böse, wo man Tiere eingesperrt hält! Wir wollen nach dem Swedenborgpavillon gehen.«

»Hast du Swedenborg gelesen?«

»Man liest Swedenborg nicht, man empfängt ihn oder man empfängt ihn nicht. Man kann ihn nur verstehen, wenn man dasselbe erlebt hat wie er. Deshalb ist es nicht gefährlich, ihn zu lesen, denn für die Uneingeweihten ist er ein verschlossenes Buch.«

Sie gingen und gingen.

* * * * *

Vor dem Zentralrestaurant saß Konsul Levi mit Doktor Borg.

»Nun, du Nörgler, was sagst du zu all diesem?«

»Ich möchte am liebsten schweigen und meinen schönen Eindruck vom Fest behalten.«

»Nein, du sollst bewundern, schwedische Industrie und Erfindungen bewundern.«

»Was für Erfindungen?«

»Aha!«

»Kleine Anwendungen älterer Ideen, die Themen anderer, eigene Variationen!«

»Nun, aber der Separator? Schwedens Ehre und Reichtum.«

»Ja, der! Erz, Zucker und Melasse abzusondern, ist immer die Aufgabe der Zentrifuge gewesen; jetzt sondert sie Sahne ab, das ist alles!«

»Du redest! Gerade die Anwendung bei Milch ist neu.«

»Nein, die Milchzentrifuge ist 1864 von Prandtl in Bayern erfunden, ist aber in Schweden vervollkommnet.«

»Potztausend! Aber die Dampfturbine? Ist die was wert?«

»Ja, doch sie ist alt! Dampf einzulassen statt Wasser, siehst du, das ist das ganze! Die Axe ist neu! Nein, wer in die Dampfmaschine eine andere Flüssigkeit als Wasser hineinbringt, eine Flüssigkeit mit einem niedrigeren Siedepunkt, zum Beispiel Äther mit fünfundvierzig Grad Siedepunkt, der hat Kraft gespart; der ist ein Erfinder. Wenn man eine Lokomotive mit einer Spirituslampe heizen kann, dann will ich dabei sein und Preise austeilen. Oder wenn man einen Ballon steigen läßt, mit Stickstoffgas gefüllt, das von einem Petroleumofen erwärmt wird.«

»Stickstoffgas?«

»Ja, Stickstoff, der das gleiche spezifische Gewicht wie Leuchtgas hat, nämlich 0,9, muß natürlich einen Ballon heben können. Da Stickstoff sich weder entzündet noch explodiert, kann er erwärmt werden, entweder durch Benzinlampe, Petroleumofen oder Acetylen. Dann sitze ich in der Wärme und bediene eine Schraube, steige oder falle nach Bedarf und kann aussteigen, ohne meinen Ballon zu leeren, kann höher und tiefer gehen und neue, passende Winde aufsuchen.«

»Aber die Feuersgefahr?«

»Stickstoff ist nicht feuergefährlich und imprägnierte Leinwand fängt nicht Feuer. Das kannst du bei einem Ingenieur bestellen, ebenso wie den Regulator zu meiner Äther- oder Benzin-Dampfmaschine!«

»Hast du noch mehr Erfindungen?«

»Ja, wir müssen Wasser verbrennen. Du weißt, daß Koks mit Wasser besser brennt als ohne! Mache dir also ein poröses Koksstück aus feuerfestem Lehm oder Gußeisen und feuchte es unaufhörlich mit überhitztem Dampf an, nachdem du mit gewöhnlichem Koks ein Initialfeuer gemacht hast, das den Dampf liefert.«

»Das klingt gut; hast du auf deiner Ausstellung noch mehr auszustellen?«

»Doch, wir haben ein Teleskop. Diese alten großen Ungeheuer sind ganz unnötig. Ich sah neulich durch das Fernrohr eines magnetischen Theodolits, bei dem das Rohr nicht länger war als einen halben Fuß und das Glas nicht größer als ein Zweipfennigstück. Das war ein Fernrohr, das was taugte. Nun ist das Köstliche, daß man für die Planeten nicht zu starke Vergrößerungen nehmen darf. Mars verträgt nur eine fünfzigfache Vergrößerung. An den Sternen ist nichts zu sehen, denn sie werden kleiner, je stärker die Vergrößerung ist, also kuriose Lichtquellen. Bleiben Sonne und Mond, und die sieht man ebensogut mit einem Opernglas. Dann müßten wir ... Da kommt Kurt!«

Kurt Borg trat heran. Er sah feierlich aus, aber auch zerstreut:

»Wo kommst du her?« grüßte der Doktor.

»Ich komme von etwas Großem und Schönem; ich war im Ritterhaus auf dem Religionskongreß und habe gehört, wie ein Bischof einem Rabbiner Schmeicheleien sagte.«

Isak Levi schien weniger begeistert, als der Architekt erwartet hatte, denn Isak zählte die religiösen Dinge zu dem, worüber man nicht spricht.

Der Doktor dagegen nahm das Thema auf:

»Ja, auch das ist Nachklang! Das Religionsparlament in Chikago 1893 war viel größer. Da waren alle Völker und Religionen der Erde vertreten, und die Versammlung nahm jeden Morgen den Segen des jeweiligen Präsidenten entgegen, mochte er nun Mohammedaner, Buddhist, Katholik oder Protestant sein, und der Papst selbst sandte seinen Glückwunsch ... In unserm Kongreß fehlt etwas Wesentliches, und zwar ein Katholik.«

»So, bist du auch Katholik geworden?« erwiderte Kurt.

Der Doktor antwortete auf die dumme Frage nicht.

»Es liegt etwas so exklusiv, lutherisch Alleinseligmachendes in dieser Versammlung; deshalb ist sie borniert wie alles Lutherische. Im übrigen erinnert ihr euch wohl nicht, daß Pius IX. 1868 ebenfalls Griechen, Protestanten und andere Nichtkatholiken zu dem vatikanischen Konzil zusammenberief, um zunächst einmal einen Kompromiß zwischen den Christen zustandezubringen. Die eingeladenen Ketzer kamen nicht, und so wurde es, wie es wurde!«

»Ja, das kann sein,« entgegnete Kurt, »aber hier ist Großes im Werden, und im neuen Jahrhundert werden wir etwas Neues sehen.«

»Die französische Aufklärung bei der Revolution war viel weiter vorgeschritten als wir jetzt sind; sie rissen alles nieder, und was der Kongreß jetzt langsam abträgt, ist nur das, was ihr eigener Widerstand aufgebaut hat.«

Es hatte sich bewölkt und der Himmel war mit sepiafarbenen Wollkämmen gestreift, die auf dem Kopf standen. Es dunkelte oben, aber die weiße Stadt stand nur noch weißer da und lächelte den schwarzen Himmel an.

»Das sieht nach einem Zyklon aus,« sagte der Doktor.

»Apropos Zyklon, erinnert ihr euch des Zyklons in Paris?« fiel Kurt ein. »Es war am 10. September im vorigen Jahr, ich war da und habe ihn miterlebt. Es war schauerlich anzusehen, so daß viele vor Schreck den Verstand verloren haben. Er verheerte den Platz Saint Sulpice vor dem Jesuitenseminar ... ging nach der Seine und zerschmetterte ein Kohlenschiff, das La Revanche hieß ...«

»Das war ein symbolistischer Zyklon,« fiel Isak ein.

»Dann fuhr er nach der Sainte Chapelle Ludwigs des Heiligen und riß die Gerüste herunter, darauf brauste er in den Justizpalast hinein. Da saß ein Richter und führte eine Verhandlung, als plötzlich die Fenster aufsprangen und ein großer Baum mit Wurzeln und allem in den Gerichtssaal geschleudert wurde; ein Posten draußen wurde mit dem Schilderhaus hochgehoben und durch einen langen Korridor geschleift. Der Justizpalast schien am schlimmsten heimgesucht zu sein. Dann aber fuhr der Wirbel nach dem Saint-Louis Hospital und riß fünfzig Meter des eisernen Stakets nieder, das einen Mitarbeiter des Courrier de Paris um ein Haar erschlagen hätte.«

»Denkst du dir das aus? Freund Max würde eine Wahrzeichengeschichte daraus machen, aber glücklicherweise ist es seit einem Jahr in Paris ruhig; und Wahrzeichen pflegen doch nicht erst nach Jahr und Tag zu versagen?«

»Ausdenken? Du kannst einen Ausschnitt aus der Vossischen Zeitung lesen, den ich bei mir habe!«

»Nein, danke schön! ich erinnere mich noch; Jesuitenseminar, Saint Louis zweimal, La Revanche und der Justizpalast ...«

»Behalte das also im Gedächtnis,« sagte Kurt mit einem scharfen, fast fanatischen Ton; »und wenn in Paris etwas passiert, in diesem Jahr oder im nächsten, so ...«

»Bist du auch Okkultist geworden?« parierte der Doktor.

»Okkultist oder nicht, aber es liegt etwas in der Luft! Ich habe in Paris einen Traum gehabt ...«

»Den mußt du mit dem Traumbuch deuten!«

»Scherze nur, doch nimm diesen Zeitungsausschnitt und hebe ihn auf, versuchsweise, auf jeden Fall. Du bist ja für Experimente. Es ist die Vossische Zeitung vom 15. September 1896. Jetzt haben wir 1897!«

»Gut,« sagte der Doktor. »Wollen wir wetten, daß diese Legende nichts zu bedeuten hat?«

»Wir halten die Wette! Hundert Kronen!« sagte Kurt. »Isak ist Zeuge!«

Isak hatte mit großer Aufmerksamkeit die Geschichte angehört, und als er die Wette bezeugt hatte, holte er sein Notizbuch heraus, suchte ein Zeitungsblatt hervor und legte es auf den Tisch.

»Hier ist wirklich eine französische Schilderung des Zyklons, und sie stimmt mit der Kurts überein. Ob er etwas zu bedeuten hat? Ja, wir müssen abwarten!«

»Was zum Teufel soll er bedeuten? Man kann doch nicht Zyklone machen, nicht einmal wenn man Jesuit oder Okkultist ist, und an übernatürliche Zyklone glaubt kein Mensch.«

»Wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!«

* * * * *

Esther und Max gingen vor der Kunsthalle auf und ab. Max redete:

»Mir kommt es vor, als wenn die Menschen hier einander nicht lieben, sondern mehr zusammengescheucht werden, von der Furcht vor einer unbekannten Zukunft; es ist wie das Bedürfnis des Kranken, sich mit dem Feind zu versöhnen; wird er aber gesund, so ist die Feindschaft wieder da.«

Sie blieben stehen und betrachteten zuerst die Zyklonwolke am Himmel, dann warfen sie ihre Blicke auf die Loggia der Kunsthalle, als wollten sie dort Schutz suchen.

»Siehst du,« begann der Graf wieder, »siehst du die Büste da drinnen?«

»Das ist Arvid Falk! Lebt er noch?«

»Ja, er lebt!«

»Komm, wir wollen ihn uns ansehen!«

Sie gingen in die Veranda hinein, und Graf Max begann wieder:

»Das hatte ich nicht erwartet, ihn hier zu sehen, aber er wird ja als tot und ungefährlich betrachtet.«