Part 16
»Was haben Sie denn gehört?« fragte die Frau unvorsichtigerweise; aber jetzt sollte es lustig werden, einerlei um welchen Preis.
»Nun, also ...«
Hier suchte der Herr des Hauses abzulenken, aber es war zu spät.
»Ja, ich hörte, der Dichter Grönlund sei eine halbe Stunde zu spät zum Diner gekommen, und als er kam, sei er so betrunken gewesen, daß er den Fleischkloß vor sich aufs Tischtuch legte!«
»Es war freilich kein Fleischkloß!« rief die Frau.
»Nun, so war es ein Lungenragout ... und als man zu den Omeletten kam, hat er die gnädige Frau auf den Schoß genommen, mit dem Erfolg, daß er hinausgeworfen wurde. Stimmt das, Holger?«
»Daß er hinausgeworfen wurde, ist wahr!« antwortete der Herr des Hauses, »und daß das jedem passieren kann, der sich schlecht benimmt, das steht fest.«
Die letzte Spur von Verstellung war verschwunden; man saß da als das, was man war, als geborene Feinde, erzogene Feinde, und nun brach es los. Der Offizier zog blank:
»Meinst du, ich, der ich dein Haus mit meiner Gegenwart beehre, würde aufs Hinauswerfen warten? ich würde beim ersten Wink diesen Staub von meinen Füßen schütteln und einer Gesellschaft den Rücken kehren, in die ich nie meinen Hintern hätte setzen dürfen ...«
Die Frau lief weinend hinaus, ihr Mann folgte ihr. Die Gäste standen auf und gingen in den Korridor hinaus. Der letzte Kämpe, der Hauptmann, schenkte sich ein Glas Madeira ein, trank es ruhig aus, und deutete damit an, daß er nicht floh, sondern auf den Kampf gefaßt war. Aber als niemand kam, steckte er sich eine Zigarre an und ging in den leeren Korridor hinaus, wo das Dienstmädchen ihm in den Überrock half. Nachdem er sie unters Kinn gefaßt und gefragt hatte, wie sie heiße, rasselte er hinaus.
Unterdes hatte die Frau sich rasend auf ihr Bett geworfen.
»Ja, warum lädst du solche Vagabunden in Uniform ein?« tröstete der Mann.
»Ach, das sind keine Vagabunden, aber du schreibst wie ein Vagabund in der Zeitung, und deshalb will kein ehrenhafter Mensch mehr zu uns kommen.«
Das war die ganze Ansicht der Frau über seine Tätigkeit. Er hatte das schon lange gefühlt, aber die Frau hatte sich so oft als sein guter Genius feiern hören, daß sie der Rolle zuliebe gern seine Artikel inspiriert haben wollte, wenn sie mit Beifall begrüßt wurden. Das offene Eingeständnis, daß sie seine Anschauungen verachte, traf ihn gerade jetzt, wo er Anerkennung brauchte, wie ein Schlag ins Gesicht, aber er konnte nicht böse auf sie werden, obwohl sie ihn in diese Kreise hineingebracht hatte, in die er nicht gehörte.
Er ging in das Eßzimmer, das er mit der geplünderten Tafel leer fand; die Diener standen wartend da, und er schämte sich vor ihnen. Die Gäste waren ohne Abschied gegangen. Das Heim war beschmutzt, und er selbst beschimpft, gedemütigt. Aber in diesem Augenblick beschloß er, das Haus zu reinigen und nicht mehr der Eitelkeit seiner Frau zu erliegen. Es würde ihn sein zerbrechliches Glück kosten, das nur eingebildet war, aber es mußte geschehen.
Er zog sich an, um in die Redaktion zu gehen. Da bekam er die Nachricht, daß die Klage erhoben sei, und das klärte plötzlich seine Stellung. Es war die Kriegserklärung, und in den Abendzeitungen wurde bereits der Aufmarsch vollzogen. Kein Kompromiß mehr, keine Illusionen hinsichtlich der Versöhnung zwischen den Klassen; die oberen hatten das Obergewicht, und nachdem sie vom außerordentlichen Reichstag die Armee bekommen hatten, eröffneten sie den Kampf.
* * * * *
Am Tage bevor er ins Gefängnis mußte, hatte er eine Szene mit seiner Frau, die sie entzweite. Sie verlangte, er solle um ihretwillen ein Gnadengesuch einreichen. Als er sich weigerte, erklärte sie, er sei kein Mann, denn ein Mann müsse sich für seine Frau opfern.
Er war so verstrickt in seine Theorien, daß er keine Erwiderung fand; aber in diesem Gefühl der Wehrlosigkeit wurde jetzt zum erstenmal der Widerstand geboren, der die Befreiung werden sollte.
Warum konnte er nicht antworten? Weil ihr Verlangen so dumm war, daß es keine passende Antwort darauf gab.
Er ging am Abend aus, entschlossen, nicht zurückzukommen. Um halb elf hatten seine Freunde ein Abschiedsfest für ihn in den Gotischen Zimmern veranstaltet. Vorher ging er mit seinem Onkel Doktor Borg in die Oper. Sie saßen im Parkett und warteten auf die Ouvertüre. Das Publikum war festlich gekleidet, aber die königliche Loge war leer, so daß ihm die Situation nicht klar wurde.
Das Orchester versammelte sich und begann zu stimmen. Der Kapellmeister stand auf; klopfte ... aber im selben Augenblick wendete er sich mit einer Verbeugung zu der königlichen Loge; und jetzt wurde gespielt »Aus dem schwedischen Herzen«.
Das Publikum stand auf; alle erhoben sich, außer Holger und dem Doktor.
»Verbeugt man sich vor Geßlers Hut?« fragte er den Onkel.
»Es muß Namenstag oder Geburtstag sein ...«
»Ja, aber vor der leeren Loge? Das ist doch Unsinn!«
Plötzlich hörten sie eine befehlende Stimme: »Aufstehen!«
Holger drehte sich um, doch da wurde er am Kragen gepackt und von seinem Platz hochgezogen. Da er nie andere Waffen gebraucht hatte als Wort und Feder, ging er, und der Doktor folgte.
»Was bedeutet dies?« fragte er, als sie auf der Straße waren.
»Das ist der schwedische Lakai! Seinen Monarchen grüßen, gewiß, aber Stühle und Tische grüßen! Jetzt weißt du, was die Neue Oper bedeutet!«
»Ich hatte also recht, dreinzuschlagen! Wir haben jetzt wohl ein schönes Dezennium vor uns!«
»Ich will dir etwas erzählen, was ich heute gehört habe, aber du mußt mir das Versprechen geben, darüber zu schweigen. Ein Landarzt, ein Freund, der nie lügt, hat mir erzählt, er sei von der Militärbehörde gefragt worden, ob er im Falle eines Krieges gegen Norwegen als Chirurg mitgehen wolle!«
»Das habe ich schon von anderer Seite gehört, aber es wird von oben offiziell in Abrede gestellt.«
»Die lügen natürlich.«
»Das glaube ich nicht, aber es könnte ja sein, daß sie sich orientieren wollen.«
»Die da oben lügen nicht? Dann kennst du die Diplomaten nicht. Es ist ja übrigens die alte Staatskunst, aufrichtig zu erscheinen, aber falsch zu sein. Der ehrliche Makler hatte doch die Emser Depesche redigiert. Ja, Norwegen, das Schweden zwanzig Jahre Denkarbeit gekostet, das uns zerrissen und unsere Gedanken von unseren eigenen Interessen abgelenkt hat. Verdient das kleine Land soviel Aufmerksamkeit? Ein Volk von Fischern, Schiffern und Hirten, das für den Tag lebt und verschuldet ist wie wir. Ein Touristenland mit Hotelwirten; berühmter wegen seiner Fernsichten, als wegen seines Ackerbodens; exportiert gedörrte Fische und gefrorenes Wasser. Was haben wir mit ihnen zu schaffen? Hochmütiges Gesindel, die ein Weiberregiment wollen! Pfui Teufel!«
»Du Weiberhasser!«
»Dummkopf! Ich bin gerade im Begriff, mich zum drittenmal zu verheiraten.«
»Es gibt keine Frauenfrage für mich! Ich sehe nur Menschen.«
»Wenn du den Unterschied zwischen Mann und Frau nicht sehen kannst, bist du pervers wie all die andern. Aber da du morgen ins Gefängnis mußt, so wollen wir von etwas anderm sprechen! -- Hast du gehört, daß die gelbe Brigade degradiert worden ist?«
»Ja, man sagt es, aber sie sollen auch die Kirche verspielt haben.«
»Das Monument der Niederlage bei Lützen. Die Leute sind köstlich bei uns zu Lande, sie feiern ihre Niederlagen; sie werden nächstens auch noch Pultawa feiern.«
»Übrigens die Gelben, da sollen auch falsche Ahnen sein, denn die gelbe Brigade bei Lützen wurde von Deutschen gebildet und stand im Zentrum; im übrigen bestand eine Brigade aus mehreren Regimentern, und _diese_ gelbe Brigade stammt erst aus der Freiheitszeit.«
»Ja gewiß, aber kommen diese Kassenverwalter ins Gefängnis?«
»Nein, sie werden befördert; wer jedoch darüber zu sprechen wagt, kommt sicher ins Gefängnis! Ich hatte diese Geschichte in meinen Artikel einflechten wollen, besann mich aber; jetzt bereue ich es.«
Sie gingen an dem Kleinen Theater vorbei, das zur Galavorstellung hell erleuchtet war.
»Das Repertoire des Volkstheaters und die Prätentionen eines Nationaltheaters, Königliches Theater, begründet von dem Majestätsbeleidiger Anders Lindeberg; beginnt und endet mit einer Majestätsbeleidigung! Welch ein Paradoxon!«
»Ein Nationaltheater, das von einer Bordellwirtin vom Strandweg geleitet wird und sich rekrutiert aus ... nun ja; aber die Großen werden ausgeschlossen; Antigone und Julia sind geflüchtet, Hamlet und Horatio gehen müßig auf dem Markt spazieren und warten auf das Ende. Der Geschmack ist auf den Höhen nicht auf der Höhe. ›Lustig und schmutzig!‹ das ist ihr Ideal. Vor dem Ernst haben sie Angst.«
»Es ist köstlich mit den alten Idealisten; die Zeitung ›Allerlei‹ proklamiert Paul de Kock als unschuldig, und die Postzeitung beschützt den ›liederlichen und gottlosen‹ Anatole France! Was bedeutet das?«
»Das ist Barrabas! Jeder Beliebige wird freigegeben, selbst Barrabas, nur nicht der große Zola! Sie haben ein Grauen vor allem Großen und Starken, weil sie klein und schwach sind. -- Weißt du, vorhin in der Oper, als sich die Hand von hinten schwer auf mich legte, da fragte ich mich, was der Unbekannte eigentlich wolle. -- Ein armer Tropf ohne Selbst, der keine Gewalt über mich hat, erweitert seine unbedeutende Person, indem er sich zu einem Teil des Hofes macht. Er will, ich soll seinen Gott anbeten, weil es sein Gott ist, dann fühlt er sich einen Augenblick mir überlegen. Es ist eine Art Kolonietier, Korallen, die in Klumpen leben und wachsen. Sie haben keine Gedanken, sondern nur Erinnerungen an das, was sie in Zeitungen, Büchern gelesen, was sie haben erzählen hören; wenn sie lesen, assimilieren sie alles ungereinigt, Korn und Steine, Blutklöße und Dreckklumpen; und wenn sie reden, öffnen sie den Sphinkter und lassen alles zum Munde hinaus, der ihr Anus ist. Das ist die Majorität, das treue Volk, der gesunde Verstand, der nur Unverstand ist; das sind die Rechtdenkenden, die Stillen im Lande, der Kern der Bevölkerung. Und sie alle sind herrschgierig, können aber nur durch den Herrscher herrschen, der ihr Werkzeug wird, während er durch sie herrscht. -- Weißt du, ich werde Anarchist gegen meinen Willen!«
»Wer wird das nicht! -- Nachdem Leben und Entwicklung das Tempo gesteigert haben, so daß man jetzt in zehn Jahren eine weltgeschichtliche Epoche durchläuft, wird es für die Wachsenden immer qualvoller, von einer veralteten Regierungsform niedergedrückt zu werden, die von ihrer Zeit nichts versteht. Die Sitten verändern sich, aber die alten Sittengesetze bleiben; die Rechtsbegriffe erneuern sich, aber das Gesetzbuch steht noch bei 1734 und 1866. Wenn wir nach Metern und Kronen rechnen, messen die Alten mit Ellen und Talern. Diese Mißverhältnisse im Gesellschaftsbau machen das Leben zu einer Hölle oder einem Irrenhaus. Weißt du was: ein Land, das seine Revolution nicht gehabt hat, kann nicht wachsen. Sieh, im Adelsalmanach wirst du finden, ob wir ein Stockholmer, ein Linköpinger Blutbad und eine Reduktion Karls XI. nötig haben. Bist du in Lund gewesen und hast den Park von Lund gesehen? Da kann nicht ein junger Baum wachsen, denn die alten stehen im Wege und schatten; hohl und morsch sind sie, und Eulen nisten in ihnen. Fällen darf man sie aber nicht! Warum zum Teufel darf man es nicht? ... An dem Tage, da sie von selber stürzen, ist der ganze Park eine Sandwüste, und man muß Menschenalter warten, bis Neuwuchs da ist. Nein, man muß lichten und verjüngen!«
»Möchtest du am Schafott stehen?«
»Ich? Wie gern! Ich bin an die Leiden Unschuldiger bei Operationen gewohnt; und ich würde neben ihnen stehen und ihnen im letzten Augenblick ein gutes Wort geben, nachdem ich sie chloroformiert hätte. Ich bin ein Wilder, obwohl ich in Schweden heimatberechtigt bin; und ich glaube, daß den Wilden die Zukunft gehört. Du weißt ja, daß alle gebildeten Nationen sterben, an Bildung, an Verweichlichung, an Tierschutz und ethnographischen Museen. Wer sich umdreht, um seinen Dreck anzusehen, wird des Todes sterben. Und das tut die Nation jetzt, wenn sie zurückblickt, auf Lützen und Narwa, auf Gustav III. und die Schwedische Akademie, auf Wanzenhäuser und Glockentürme, auf Kummethölzer und Trinkschalen, sie drehen sich nur um, deuten auf den Dreckhaufen und sagen: Seht, das haben wir gemacht! -- Ja, und wenn sie nicht bald fertig sind, dann kommt für uns nie die Gelegenheit, _unsere_ Notdurft zu verrichten!«
»Stehst du noch auf deinem früheren Standpunkt, daß alles Unsinn ist?«
»Ja, wenn ich müde bin, dann finde ich, daß alles Unsinn ist; aber wenn ich ausgeschlafen habe, dann bin ich bereit, wieder dem großen Unbekannten entgegenzutanzen.«
* * * * *
Sie wanderten straßauf, straßab.
»Siehst du,« fing der Doktor wieder an; »der Zustand jetzt ist umso unleidlicher für mich und meine Altersgenossen, als wir in den sechziger Jahren in der Vorstellung erzogen wurden, die Monarchie sei etwas Ungesetzliches, Usurpiertes; der Fürst sei der natürliche Feind des Volkes, und der Mann, der Brutus sein wolle, verdiene großen Triumph. Wir hörten ja Freiheitssänger wie Talis Qualis und Snoilsky die Republik als das höchste Gut besingen. So kam es, daß wir Republikaner auf das neue Jerusalem warteten, und 1866 glaubten wir es gekommen. Aber es kam nicht. Jetzt mit deiner Verurteilung sind wir in die vierziger Jahre hinuntergestürzt. Ich finde, es riecht heute nach Karl Johann, nach Crusenstolpe und Anders Lindeberg, am meisten aber nach Karl Johann. Der ist für mich der Inbegriff alles Modrigen: Rekrutierungsgewalt und Stadthaus, Festung Vaxholm und Feldlager; mit einem Wort: was vor mir war, war tot, war Erdboden, in dem wir schon wuchsen; der wird jetzt aufgegraben und stinkt. Nun, aber hast du Angst vor dem Gefängnis?«
»Nein! Im Gegenteil! Es wird für mich eine Rekreation sein, und ich will meine Erziehung von vorn anfangen.«
»Ja, damit ist nicht zu spaßen; ich habe als Militärarzt sechs Tage gesessen, und es drohte im Gehirn eine Überproduktion zu entstehen.«
»Was hattest du denn getan?«
»Ich hatte mich gegen die ungesetzliche Behandlung der Wehrpflichtigen aufgelehnt. Die Ärzte benutzten die Mannschaften zu idiotischen Experimenten, zum Beispiel maßen sie den Inhalt des Magensacks, den jedes Lehrbuch auf drei Liter angibt. Sie mußten den Schlauch hinunterschlucken, und wenn sie es nicht konnten oder wollten, wurden sie wegen Insubordination bestraft. Was sagst du dazu? Nun, ich verteidigte sie, weil ihnen Unrecht geschah, und bekam sechs Tage Gefängnis. Das ist Schweden, das Land, das in meiner Jugend durch Gesetz aufgebaut werden sollte! -- Diese neue Armee bedeutet den kleinen Belagerungszustand! Eine konstitutionelle Monarchie mit einer prätorianischen Garde, die den höchsten Willen bestimmt. Willkür, Parteilichkeit, Gesetzlosigkeit, da hast du es ...«
Sie gingen noch eine halbe Stunde, schweigend, und warteten auf den Glockenschlag, mit dem das Abschiedsfest beginnen sollte.
Da tauchte plötzlich ein Koloß hinter ihnen auf, und sie hörten Pastor Alroth mit milder, teilnehmender Stimme sagen:
»Was geht ihr hier so betrübt umher?«
Der Pastor war nämlich in die Stadt gekommen, um seinen Neffen Holger zu begrüßen und ihm seine Teilnahme auszudrücken. Er war freilich ein loyaler Untertan, konnte aber gleich den Geistlichen im allgemeinen nicht leiden, daß das Oberhaupt der lutherischen Kirche ein Admiral war. Diese Sachlage, daß der Landesvater der ~Summus episcopus~ der Kirche war, hatte die Reformation mit sich gebracht; und ein weltlicher Papst über dem Erzbischof erinnerte etwas an die Hierarchie des Garderegiments, wo der Oberst doch stets nur der zweite Chef ist. Daß Holger auf diese alte Unsitte hinwies, hatte dem Pastor gefallen, und er war deshalb eitel Freundlichkeit, als sie in die Gotischen Zimmer hinaufzogen.
Die alte Garde war da; Konsul Levi, der Architekt Kurt, der sonst seine eigenen Wege ging und nicht von sich reden machte; Sellén, der unsichtbar und viel auf Reisen war.
Die Stimmung war gedrückt. Der Ernst war schließlich gekommen, und die Flegeljahre waren vorbei. Jetzt mußte man seine Lehren durch Leiden besiegeln und ohne Klagen die Folgen auf sich nehmen.
»Wo ist Professor Lundell?« fragte der Doktor, der einen Sündenbock haben wollte.
»Er kommt nicht,« antwortete Sellén. »Er ist Ritter hoher Orden und liebt keine Majestätsbeleidigungen!«
»Da habt ihr den Orden! Das Zeichen, das beweist, daß man seinen äußeren Menschen abgelegt, seine Haut verkauft hat! Er ist nicht so unschuldig, wie man sagt!« rief der Doktor.
Der Pastor nahm Holger beiseite in eine Fensternische.
»Ich soll von deinem Vater grüßen!«
»Was macht er? Wie lebt er?«
»Er sitzt wieder zu Hause bei den Kindern, ist aber nicht mehr der Alte. Der unverdiente schlechte Ruf, in den er gekommen ist, und der entsetzliche Verdacht, der beim Tode deiner Mutter entstand, scheinen so in ihn eingedrungen zu sein, daß er sich einbildet, schuldig zu sein.«
»Ein nicht unerwarteter Fall,« antwortete Holger. »Damals als ich die Beschimpfungen meiner Person in den Zeitungen las, begann ich schließlich allmählich zu glauben, ich sei wirklich der Schuft, den man schilderte. Nun, wie geht es Bruder Anders auf Langvik?«
»Weißt du das nicht? Er will nach Amerika, sobald die Pacht abgelaufen ist.«
»Nach Amerika? Nach Neuschweden? Nun, dort werden wir uns wohl alle einmal treffen.«
Die Bowle war aufgetragen, und der Doktor rief:
»Ja, liebe Freunde,« begann er, »in diesem Raum feierten wir Ende der achtziger Jahre die französische Revolution. Bruder Alroth war freilich damals nicht dabei, denn er ist nicht Revolutionär, und daß er heute hier ist, hat seine intimen Gründe, die wir respektieren wollen. Die Türen zum Musiksaal sind auch seinetwegen geschlossen, aber er gestattet wohl, daß wir sie einen Augenblick aufmachen, da ich zu Ehren des Tages die Marseillaise spielen lasse.«
Der Pastor nickte zustimmend, wenn auch nicht ohne eine gewisse Furcht.
»Was wir Holger heute abend sagen möchten,« fuhr der Doktor fort, »weiß er im voraus; wir rühmen weder seine Tat, noch beklagen wir sein Schicksal, denn der Krieger tut seine Pflicht, ohne Lohn oder Lob zu verlangen.«
»Nur keine Politik!« flüsterte Holger mit einem Blick auf den Pastor, mit dessen Gefühlen er trotz allem Mitleid hatte.
»Nein, keine Politik, nur etwas Musik, um uns aufzumuntern!«
Er gab dem Kellner einen Wink, die Türen im Hintergrunde, die zum Saal führten, zu öffnen, und trat auf den Balkon, wo er mit der Serviette nach dem Musikpodium winkte. Es entstand eine Pause. Und dann spielte das Orchester: »Aus dem schwedischen Herzen.«
Scharren von Tischen und Stühlen war von unten zu hören, wo das Publikum aufstand und in das Lied einstimmte.
»Auch eine Antwort, Kinder,« resignierte der Doktor.
Der Pastor verstand die Situation nicht, sondern glaubte, das ganze sei ein Scherz gewesen, so daß er von dem Gegenhieb unberührt blieb, der die andern verstimmte. Und er begann über alle möglichen Dinge zu sprechen, über gleichgültige Kleinigkeiten, denen die andern zuhörten, während sie ihre unausgesprochenen Gedanken dachten.
Das Souper ging schnell vorbei, und man brach bald auf, denn man fühlte das vielköpfige Wesen unten im Saal als etwas Drohendes, Erstickendes.
Doktor und Neffe gingen allein in ein Hotel, denn Holger wollte sein Heim nicht mehr sehen, bis er aus dem Gefängnis kam.
»Heute Minorität, morgen Majorität!« sagte der Doktor. »Im übrigen lehrt die Erfahrung, daß einer, der im Wald wandert und sich verirrt zu haben glaubt, oft plötzlich am Ziel ist. Die französische Revolution konnte nur nach der Regierung eines Ludwig XV. kommen. Je schlimmer, desto besser! Übrigens ist dies hier nur eine Essenspause; man schnallt den Riemen weiter, und der Appetit ist wieder da ... Das Segel schlägt um, wenn man wendet, und du sollst sehen, daß wir bald über Stag sind. Es kommt mir vor, als ginge man umher und nähme Abschied von allem Alten, von dem man sich bald trennen muß; dann wird einem alles so teuer, auch das, was man weniger geschätzt hat. Das neue Jahrhundert kommt mit einem neuen Geschlecht und neuen Gedanken, und dann ist dies alles von selbst verwelkt. Kriech jetzt hinein, Holger, und verpuppe dich. Komm wieder heraus mit Flügeln, dann fliegen wir! -- Und jetzt! Laß dich umarmen und gute Nacht!«
Sie trennten sich, ohne Schmerz, ohne große Worte, aber mit einem Ernst, den sie früher nicht gekannt hatten.
Fünfzehntes Kapitel
Im Opernkeller
Ein paar Jahre waren wieder vergangen. Doktor Borg und Redakteur Holger saßen eines Nachmittags im neuen Opernkeller. Holger Borg war nicht mehr der Alte; die drei Monate im Gefängnis hatten einen merkwürdigen Einfluß auf ihn ausgeübt. Etwas war geschehen, worüber er nicht sprechen wollte; und sein Gesicht war erstarrt, so daß er nicht lächeln konnte; innerlich war etwas erfroren, und ein Nerv schien zerrissen zu sein. Aber er hielt an seinem Vorwärtsstreben fest; doch war ein Unterschied in seiner Behandlung der Religiösen zu bemerken. Er höhnte nicht mehr, lästerte auch nicht mehr, sein freudiger Glaube an den Weltmechanismus ohne Mechaniker war verflogen, und er konnte das Schicksal der Menschen nicht mehr mit der Zoologie erklären.
Im selben Jahre begann es in der Welt zu spuken. Zeichen und Wunder geschahen, geheimnisvolle Todesfälle, Ferngesichte, Prophezeiungen. Und Frontveränderungen traten ein; die Gläubigen wurden ungläubig, und die Männer der Aufklärung wurden gläubig. Die Wissenschaften selbst machten Fiasko; Kochs Millionenlymphe versagte; keine Erfindungen, keine Fortschritte, nur Kleinarbeit; aber da hörte man aus Amerika, daß man aus Silber und Kupfer Gold mache und unter dem Schutz der großen Namen Edison und Tesla eine Gesellschaft gegründet habe. Damit war ja die Chemie bankrott und die Alchimie kam auf.
In Paris sollten Hexenprozesse bevorstehen; man hörte von Bekehrungen zum Katholizismus; die schönen Künste hatten den Naturalismus aufgegeben und gingen wie die Literatur zum Mystizismus über. Es war ein Wallen, eine Bewegung in der Welt, die Neues verkündete.
Die Freunde saßen gerade und diskutierten die Zukunftsaussichten, als Holger zufällig seinen Blick auf die berühmten Deckengemälde richtete:
»Etwas Unsittliches kann ich nicht darin sehen; solche Bilder haben sie in Mengen im Museum und im Stockholmer Schloß auch.«
»Ja, aber das Kostbare an der Sache ist, daß der große Faustübersetzer, der im Jahre 84 Sittlichkeitsfreund und Antinaturalist war, jetzt zur Verteidigung der Nacktheit aufgetreten ist, mit einer Energie, die man an rechter Stelle vergebens von ihm erwartet hatte.«
»Er ist jetzt tot und wird morgen begraben. Das wird interessant werden.«
Da kam die Abendzeitung. Holger mußte einen Blick hineinwerfen.
Der Doktor hörte ein Schnaufen und Knistern und merkte, daß Holger schmal um die Nase wurde.
»Hast du etwas verloren?« fragte er.
Die Zeitung raschelte in der Hand des Lesenden, und er ließ sie auf den Tisch fallen.
»Was ist passiert?«
»Lies!«
Der Doktor las, las und blähte sich, las und strahlte.
Er las, die Oberpriesterin der schwedischen Frauenemanzipation habe den ganzen Kitt hingeworfen, da sie entdeckt habe, daß es Torheit sei. Und sie forderte ihr Geschlecht und die Mütter auf, an der Entwicklung des Weibes zur Frau, zur Mutter und Gattin zu arbeiten.
»Endlich!« rief der Doktor aus. »Pfannkuchen war es und blieb es, weil es von einer falschen Voraussetzung ausging. Wenn man sich vorstellt, wieviel Arbeit, wieviel Haß, wieviel Sch... aufgerührt ist. Sie wollten Falk ja ermorden, weil er die Finessen der Verrücktheit nicht begreifen konnte. Wenn ich gläubig wäre, würde ich den Göttern eine Hekatombe opfern.«
Holger konnte nicht teilnehmen, denn ihm war, als habe er seine Religion, den Glauben an die Frau, verloren! Und einen Irrtum einzugestehen, hatte er nicht die Kraft. Er wurde böse, wie es üblich ist, und nachdem er sich erholt hatte, sträubte er die Haare.
»Weil sie erlahmt ist ...«
»So? Sprechen wir von etwas anderm! Wie geht es Esther und Max?«