Part 15
Ingenieur Borg kannte die Verhältnisse an den Theatern nicht, aber es hatte ihn gereizt, daß das schlechtere sich einer Protektion erfreute, die das bessere hinderte, emporzukommen. Daß da manche häßliche Dinge vorgekommen waren, wußte er, aber darum kümmerte er sich nicht, und von der intimen Rolle, die sein Kritiker in dem königlichen Lustgarten spielte, ahnte er nichts. Deshalb schlug er los mit einem Artikel gegen »ungesetzliche Protektion« und trat damit in den Kohlgarten seines Rezensenten. Darauf folgte die Entlarvung, bei der herauskam, daß gerade seine Zeitung die Misere unterstützt hatte. Das war ärgerlich, und Ingenieur Holger war weitergegangen, als er wollte, hatte an ein faules Ei gerührt und sich einer Majestätsbeleidigung schuldig gemacht.
Die Klage war noch nicht erhoben, aber man sprach in den höheren Kreisen darüber, und auf der Redaktion rüstete man sich zum Kampf.
Während dieser allgemeinen Aufregung kamen Max und Esther in die Redaktion, um Holger aufzusuchen.
Dieser war in sprühender Stimmung und freute sich über das Ereignis, das Anlaß geben würde, allerlei alten Kram zu ordnen. Er begrüßte die Schwester und Max, den er schon Schwager nannte und als solchen betrachtete, denn in den Vorstellungen der Jüngeren stand fest, daß eine Verlobung die Veröffentlichung einer erlaubten Verbindung sei.
»Also ihr wart auf dem Pfarramt und habt Schelte bekommen! Was wolltet ihr da auch? Die eigenen Kinder der Kirche sind die Stiefkinder; Israeliten, Freikirchler und Mormonen werden aufgeboten, wir aber, die zu dem rechten Schafstall gehören, werden es nicht. Hört einmal, wenn ihr Lust habt, so will ich selbst Hochzeit halten und euch in der Zeitung aufbieten, zum ersten, zweiten und dritten Mal.«
»Wir hätten alle Formalitäten übergangen,« antwortete Esther, »wenn Mutter uns nicht gezwungen hätte.«
»Mutter, ja? Wie geht es ihr?«
»Sie sagt, sie sei krank, und hat sich nach einem Auftritt zu Bett gelegt ...«
»Ja, das mit dem Alten war ja furchtbar, aber in diesen Zeiten muß man um seine persönliche Existenz kämpfen, und wer fällt, bleibt ungerächt liegen.«
Jetzt klingelte im Zimmer nebenan das Telephon.
»Entschuldigt!« Und Holger verließ die jungen Leute. Durch die halbgeöffnete Tür hörte man einige abgerissene Ausrufe.
»Was sagt ihr? Herr du meine Güte! -- Das ist unglaublich. -- Ja, sie sitzen hier in meinem Zimmer, und ich werde sie sofort hinausschicken! -- Das ist zu gemein! -- Vater, Vater sollte ...? Ach, Unsinn! -- Und der Pastor glaubt es? -- Herr des Himmels! -- Wißt ihr ... Wißt ihr ... Hallo! ... Ist der Arzt draußen gewesen? ... Was hat er denn gesagt? ... Keine äußere Beschädigung! ... Ja, adieu einstweilen; sie kommen mit dem nächsten Dampfer!«
Holger kam heraus, weiß um die Nase, die schmal war wie ein Messer.
»Herr des Himmels, ist das eine Geschichte! ... Mutter ist tot! in ihrem Bett gestorben!«
»Mutter ist tot?«
»Ja, und das schlimmste ist: die Leute sagen ... Vater stehe im Verdacht ... weil sein Prozeß ... nur auf diese Weise beigelegt werden konnte!«
»Das ist entsetzlich!« rief Esther, die in diesem Augenblick nicht recht wußte, welche Richtung ihre Sympathien nehmen sollten. »Und was sagt der Arzt?«
»Er kann keine andere Todesursache finden als Herzschlag.«
»Dann müssen wir sofort hinausfahren!«
Keine Träne wurde vergossen, keine andere Gemütsbewegung äußerte sich als ernstes Erstaunen. Man kannte das Leben und seine brutale Art; man war von Anfang an auf alles gefaßt, und in dem Kampf, dem ewigen Kampf um alles, mußte ja einer unterliegen.
* * * * *
Als Esther und Max in der Villa auf Storö anlangten, sahen sie weiße Laken vor den Fenstern hängen. Auf dem Flur kamen ihnen die kleinen Kinder entgegen, die schwarz gekleidet waren. Sie hatten keine Vorstellung vom Tode und schienen sich in dem Frieden und der Stille, die nach den Stürmen herrschten, wohl zu fühlen.
»Mama ist tot!« sagte der Knabe, als berichte er irgend etwas Beliebiges, und mit einem kleinen Anflug von Stolz, als erster eine Neuigkeit überbringen zu können.
Als Esther mit der Wirtschafterin in das Zimmer der Mutter trat, erinnerte sie sich sofort daran, daß sie Ärztin war, und untersuchte den toten Körper, der wirklich als tot befunden wurde. Der Gesichtsausdruck war genau der gleiche, den sie bei ihrem letzten Zusammensein bemerkt hatte, als das Brüllen des Vaters aus dem Garten ertönt war, und das veranlaßte sie, an eine psychische Todesursache zu denken. Es gab also etwas, was Seele hieß, es existierten Gefühle und ähnliche Dinge, die nicht aus Zellen und Geweben hergeleitet werden konnten.
Als sie das, was sie wollte, konstatiert hatte, fragte sie die Wirtschafterin:
»Hat der Herr, hat mein Vater sich hier im Hause sehen lassen, nachdem er es verlassen hat?«
»Nein, das hat er nicht; aber ... aber er ist wohl gemütskrank, denn man hat ihn gehört ... die ganze Nacht und den Tag über hier draußen im Walde.«
»Gehört?«
»Ja, er hat geschrien, so daß die Frau nicht schlafen konnte. Aber als die Frau tot war, wurde er still.«
»Wie seltsam! Wo ist er denn jetzt?«
»Es heißt, daß er in der Pfarre wohnt.«
Esther ging zu Max hinunter, der am Klavier saß und tat, als spiele er, ohne aber die Tasten niederzudrücken.
»Glaubst du,« fragte sie, »daß Mutters Gewissen erwacht ist?«
»Nein, das glaube ich nicht.«
»Was glaubst du denn?«
»Ja, wenn ich Theosoph wäre, würde ich vermuten, sie sei an seinem Kummer gestorben. Seine Seele, die auf ihre gepfropft war, wurde ja weggerissen, und es fehlte die Zeit für eine sanfte Loslösung; daher wurde ihr Herz zerstückelt. Es ist nicht so leicht, sich zu trennen, wie die Leute glauben, und es ist nicht ungefährlich. Wenn eine Frau ihrem Mann untreu ist, auch wenn er nichts davon weiß, fühlt er es telepathisch und wird von Selbstmordzwang ergriffen. Merkwürdig ist, daß die Mordlust des betrogenen Mannes meistens im Aufhängen ihren Ausbruch sucht. Daß er sterben will, hängt damit zusammen, daß seine Seele durch die Frau in unerlaubte Verbindung mit den niedrigeren Sphären eines Mannes gebracht wird; und der Selbsterhaltungstrieb der Seele ist so stark, daß sie lieber stirbt, als sich verunreinigen läßt. Wenn die Männer wüßten, wie gefährlich es ist, anderer Frauen zu berühren, lebensgefährlich; und wenn sie wüßten, wie geringe Lust ihnen zuteil wird, wenn sie die Frau eines andern besitzen! Sie suchen _sie_ und finden ihn, denn er ist in ihr und versperrt den Weg. Vor kurzem ist ein junger Millionär mit der Frau eines andern durchgebrannt. Sie sind genügend weit gereist, bis in den Orient. Als sie sich nun hatten, konnten sie sich doch nicht kriegen. Deshalb hat er erst sie und dann sich selbst erschossen.«
»Konnten nicht?«
»Nein! So stand es in seinem letzten Brief an -- den Mann, der sein Freund gewesen war und es jetzt in der Todesstunde wieder wurde! -- Ein anderer Fall! Ein Mann verließ seine Frau, weil nicht mit ihr auszukommen war. Nach einem Jahr verheiratete er sich mit einem jungen Mädchen. Als er in das Brautgemach trat, fand er seine erste Frau im Brautbett. Sie war es natürlich nicht, aber die Ähnlichkeit war so täuschend, daß er von Entsetzen gepackt wurde und vor dem Spuk davonlief. Da hast du die Lösung der rätselhaften Geschichte. Nach ein paar Jahren verheiratete er sich wieder, bekam Kinder und lebt noch jetzt.«
»Das sind unheimliche Geschichten!«
»Aus dem Alltagsleben. Beobachte jetzt deinen Vater, wenn er wieder heimkommt, denn das tut er, aber erst, wenn Mutter in der Erde ist. Er ist gesund. Er vermißt sie nicht, im Gegenteil; er trauert nicht, im Gegenteil; aber er hat Leichenfarbe und leidet besonders an Frost; er friert so entsetzlich, und weinen tut er auch, ohne traurig zu sein. Er magert zugleich ab, und seine körperliche Abnahme steigert sich ungeheuer. Das ist die Loslösung von ihr. Das pflegt ein Jahr zu dauern.«
»Wo hast du das gelesen?«
»Ich habe es nicht gelesen, ich habe es beobachtet, an Alltagsmenschen. -- Und wenn ein Mann von Liebe erfaßt wird, von großer Liebe zu einer Frau, so hast du wohl seine Transformation gesehen. Das erste ist, daß er abmagert, aber in schöner Art. Alle Gewebe werden subtiler während der Verlobung, er ändert, ohne sich dessen bewußt zu sein, seine Diät. Bevorzugt Obst, Milch und Wein; verträgt nichts Scharfes oder schlecht Riechendes. Der Körper bereitet sich auf die neue Geburt vor, um die Emanationen ihrer Seele aufzunehmen; er bewacht seine Handlungen und Gedanken, denn er weiß, daß jetzt alles von ihm abhängt. Er will sie nicht von weitem besudeln, und er weiß, daß sie leidet, wenn er böses denkt. Ist dir aufgefallen, wie sein Äußeres sich vergeistigt, wie ein Leuchten von ihm ausgeht, wie er phosphoresziert; wie der Einfältige scharfsinnig, der Dumme geistreich, der Häßliche schön wird? Das ist die Vermählung der Seelen!«
»Das verstehe ich nicht!« unterbrach Esther.
»Nein, das weiß ich,« antwortete Max, »und deshalb ist unser Verhältnis zu Ende!«
»Zu Ende!«
»Ja, zu Ende! Denn ich bin schon von dir gelöst!«
Jetzt sprang Esther zornig auf:
»Ich habe dich nie besessen!«
»Nein, du konntest mich nicht bekommen! Du gehörtest nicht meinen Regionen an.«
»Und das sagst du so kalt!«
»Es ist nicht kalt, aber du empfindest es so! -- Frierst du jetzt nicht?«
»Ja, ganz furchtbar!«
»Siehst du, es gibt andere Wärmequellen als mechanische Arbeit und chemische Verwandtschaft. -- Findest du nicht, es zieht hier im Zimmer?«
»O, es weht.«
»Das bin ich, ich nehme meine Aura zurück; weißt du, was Aura ist? Nein, das steht nicht in deinen Veterinärbüchern. -- Hast du mich wirklich nie besessen?«
Esther wurde rot und flüsterte, als schäme sie sich:
»Doch, einmal ... im Traum!«
»Das wußte ich,« antwortete der Graf; »und ich weiß wann! Siehst du, mein Kind, ich glaube, daß unsere Körper sich hassen, und das ist so oft der Fall in der Ehe ... Jetzt aber hast du den Beweis für die Ausdehnungsfähigkeit der Seele oder ihre anscheinende Kraft, aus sich selbst herauszugehen. -- Weißt du, was der nächtliche Alp ist? Das ist die Seele deines Feindes, die dich besucht. Deshalb, siehst du, soll man sich mit Menschen nicht allzu intim einlassen, denn dann kommen sie in Kontakt mit einem und gewinnen dadurch Einfluß oder die Fähigkeit, mit dir in Rapport zu treten. Ich kenne zwei Neuvermählte, die mitten in der Nacht von Herzklopfen und Angst geweckt wurden. Sie konnten es nicht erklären. Aber dann wurde festgestellt, daß das Phänomen mit einem Traum im Zusammenhang stand, den sie gemeinsam gehabt hatten, wenn auch sehr dunkel, so dunkel, daß er nur den Eindruck einer bestimmten Person hinterlassen hatte. Er, der Mann, wollte nicht gern den Namen nennen, denn es war ein Kurmacher seiner Frau vor der Verlobung. Aber als die Frau diesen Namen aussprach, fühlte sich der Mann auch nicht mehr behindert, und siehe da, ihre Gedanken und Träume waren von dem nächtlichen Besuch des Verschmähten gestört worden. Denke dir, wie sorglich man seine Gedanken hüten muß, um nicht ein Verbrechen zu begehen ... Jünglinge und Jungfrauen, die im Schlaf gestört werden, werden meistens nicht von _ihren_ Phantasien beunruhigt, wie man glaubt, sondern von den Phantasien anderer, Schlafender oder Wachender. Ich kann mich nicht erinnern, als Jüngling von wollüstigen Träumen gestört worden zu sein, wohl aber von Empfindungen, die von außen heranzudrängen schienen und mir handgreiflich vorkamen. -- Um nun aber wieder von deinem Vater zu reden, so ist meine Überzeugung, daß er deine Mutter getötet hat, ohne es zu wissen. Sie ist an ihm erfroren, und wenn du nachsiehst, so ist sie den Tod des Erfrierens gestorben.«
Esther begann im Zimmer auf und ab zu gehen und nahm einen Schal vom Riegel:
»Ich fürchte mich vor dir,« sagte sie. »Ich friere an dir auch zu Tode!«
»Leg den Schal deiner Mutter fort,« sagte der Graf ruhig. »In ihm steckt soviel von ihrer Aura; und das kann dich beunruhigen! Du kannst in krankhafte Stimmungen kommen ...«
Esther warf den Schal weg und sagte:
»Es brennt wie Nesseln auf dem Körper!«
»Das Nessusgewand! da hast du es! -- Siehst du, wie empfindlich das Seelenleben ist. Du siehst es im Mikroskop nicht, aber mit deinem wachen inneren Auge siehst du es!«
»Warum hast du mir so etwas früher nie gesagt?«
»Wenn ich es gesagt hätte, wäre unser Verhältnis zu Ende gewesen; denn es beruhte ja darauf, daß ich dich in dem Glauben ließ, ich sei dupiert. -- Aber mein Kind, du hast nie Geheimnisse für mich gehabt. -- Als du das letzte Mal ohne mich auf den Ball gingst, warst du böse auf mich und hattest beschlossen, dich zu rächen. Ich saß zu Hause und begleitete dich in meinen Gedanken. Als du mich verrietest, als du meinen Kopf und meine Ehre einem Kavalier ausliefertest, dessen Persönlichkeit ich errate, da weinte meine Seele wie über ein Verbrechen gegen die Gesetze des Himmels. Und als du dich hinter einer Tür von ihm küssen ließest ...«
Esther stand stumm vor Entsetzen da, und ihr Gesicht fragte: »Wie kannst du das wissen?« Max aber, der nur auf diese Bestätigung gewartet hatte, fuhr fort:
»Da hatte ich ein Gefühl von Schmutz auf meiner ganzen Haut, so intensiv, daß ich alle meine Kleider abwerfen und mich in meiner Badewanne abspülen mußte. Du siehst also, daß wir nicht zusammen leben können, da du kein Geheimnis vor mir haben kannst! Nachdem ich also die Gesetze der Ehre erfüllt und dir die Trauung angeboten habe, sage ich dir lebewohl. -- Lebwohl! Jetzt nehme ich das meine zurück!«
Er ging, und Esther blieb mitten im Zimmer stehen, starr wie eine Bildsäule.
Vierzehntes Kapitel
Majestätsbeleidigung
Die Anklage war erhoben und hatte viel Aufsehen erregt. Man fragte sich, ob es ein Ausdruck des Übermuts oder der Furcht sei. Die Königsmacht war ja so geschwächt, daß ihr Inhaber die großen Rechte, die die Verfassung bewilligte, zum Beispiel seine Ratgeber frei zu wählen, nicht zu benutzen wagte. Und in Norwegen wurde tatsächlich mit dem Namensstempel regiert. Der Monarch war nur eine Art Repräsentant des Reiches in der Heimat, wie die Gesandten das Reich im Auslande repräsentierten. Regieren tat der Reichstag, und der Monarch war nicht mehr Regent. Beim Empfang einer Deputation, die seine Unterstützung in einer wichtigen Gesetzgebungsfrage erbat, hatte Seine Majestät bedauert, nichts in der Sache tun zu können, da seine Macht nicht so groß sei, wie sie glaubten. Aber je schwächer die Stütze dort oben wurde, desto ängstlicher wurden all diese Hilflosen, die bei ihr Schutz suchten; sie rotteten sich zusammen wie zornige Schafe und gingen Richtpfade, um früher anzukommen, Wege, die nie gerade waren und deshalb oft für die von unten sich Verteidigenden recht schwierig zu verfolgen waren.
Zu den unschuldigeren Verteidigungsmitteln der Monarchie gehörte der Besitz der Hegemonie in der Theaterwelt. Im Theater traf das Volk seinen Monarchen, nur da; und dort hielt er seinen Empfang ab, wurde von seinen Getreuen begrüßt, gab durch Zusammenschlagen der Hände einen Wink, was beifällig aufgenommen und was totgeschwiegen werden sollte. Es war ein »Maifeld« und ein Volksthing, deshalb war diese Position nicht unwichtig. Nun hob der Reichstag die Subvention auf, in einem Anfall von Sparsamkeit oder in der Erkenntnis, daß die Theater, in denen zuweilen bestellte Stücke in leichtsinniger Weise die Gesetzgeber im Reichstag karikierten, als eine außerordentliche Reichsversammlung eine Bedeutung hätten. Da entstand Unruhe im oberen Lager.
Das Privattheater, das mit der Zeit gegangen war und die große Kunst pflegte, hatte eine schwere Konkurrenz mit dem staatlichen Theater zu bestehen gehabt, und die Mittel, das freie Theater zu hindern, waren nicht immer gewählt gewesen. So hatten die Königlichen, die selbst in einem absolut feuergefährlichen Haus saßen, die Behörden veranlaßt, dem Privattheater gegen dessen geringere Feuersgefahr so kostspielige Schutzmaßregeln vorzuschreiben, daß es in drückende Schulden geriet.
Jetzt, als das Königliche Theater geschlossen werden sollte, entstand die Befürchtung, das Privattheater könne die tonangebende Nummer eins werden, und das mußte man verhindern. Da rotteten sich Adel und Bürger zusammen und bildeten ein Theaterkonsortium, das unter der Maske vaterländischer Aufopferung ein Lotterietheater startete, das später der Nation als Königliches Nationaltheater oktroyiert werden sollte, alles unter der Voraussetzung, daß der Reichstag dies trojanische Geschenk annehmen werde. Das heißt, man wollte ein Hoftheater haben, das der Reichstag unterhielt, trotz dessen bestimmter Weigerung, Theater- und Kneipenwirtschaft zu betreiben.
Dies betrügerische und etwas einfältige Vorgehen hatte die Demokraten gereizt und den Ausgangspunkt für Holger Borgs Artikel gebildet, die schließlich in Majestätsbeleidigung ausliefen.
Der Artikel hatte im Auszug folgenden Inhalt:
Über den Fürsten
von
Anti-Macchiavelli.
Solange die Völker noch einen Herrn wünschen, soll dieser sich stets erinnern, daß er auf Wunsch des Volkes seinen Platz innehat; aber auch wenn er durch Gottes Gnade da zu sitzen glaubt, muß er bedenken, daß es eine Gnade Gottes ist, daß er da sitzt, und darf sich nicht dem Irrtum überlassen, daß er als Gottes Vorsehung regieren darf.
Der Fürst soll zum Staatsmann erzogen werden, nicht zum Offizier, denn der Staat ist kein Heer, sondern der Staat ist ein Staat.
Der Fürst ist auch der ~Summus Episcopus~ der Kirche, deshalb braucht er aber im Staatsrat nicht mit Mitra und Krummstab aufzutreten, was ebenso unschicklich ist, als wenn er fremde Botschafter in Admiralsuniform empfinge.
Der Fürst soll sich von allen mitbürgerlichen und kleinbürgerlichen Interessen fernhalten, denn seine Person gehört dem Staat; er soll in seiner Person das Ansehen des Staates, das er repräsentiert, würdig aufrecht erhalten.
Der Fürst soll keine Geschäfte treiben, nicht in Kunst, Wissenschaft und Literatur konkurrieren, denn seine ganze Zeit gehört dem Staat. Der Mann, der die Arbeit von acht Staatsministerien und zwei Repräsentantenkammern überwachen soll, darf zu etwas anderm keine Zeit haben. Hat er Zeit zu anderm, so füllt er seinen Posten nicht aus.
Der Fürst muß gerecht sein wie die Allmacht, an die er glaubt; fest, aber nicht grausam; nachsichtig, aber nicht schlapp; untadelig, aber nicht scheinheilig; er soll den Mut haben, auf die Gunst des wankelmütigen Haufens zu verzichten und im Bewußtsein der Erfüllung höherer Pflichten allein zu stehen wagen, wenn es darauf ankommt.
Auf seinem erhöhten Platz, befreit von der Berührung mit den Lappalien des Lebens, der Sorge um sein Auskommen enthoben, soll er in Schönheit leben und mit weisen und guten Männern verkehren, nicht mit Gecken und Spielern; dann kann er mit größerem Blick über die Dinge als andere Sterbliche das Reich überschauen; dann wird sein Rat ins Gewicht fallen und sein Wort Geltung haben.
Der Fürst darf kein Standesbewußtsein besitzen. Er soll nicht das Oberhaupt des Adels, nicht des Hofes, nicht des Fürstenhauses sein, sondern soll sich als Vorsehung des Staates fühlen, als Schutz der Nation und als Vater des Landes.
Der Fürst soll nicht auf Kleinigkeiten achten, über so etwas muß er erhaben sein; seine Gnade soll die Würdigen treffen, nicht die Unwürdigen; denn Gnade wird leicht Unrecht.
Der Fürst soll die Schwachen schützen, nicht weil sie schwach sind, sondern wenn sie unterdrückt werden, sonst nicht.
Allgemeine Worte, die auf besondere Fälle angewendet werden konnten, bildeten den Inhalt des Artikels. Das Urteil war aber gefällt worden und lautete auf drei Monate Gefängnis. Man fragte sich, wie das möglich sei.
Es war in den letzten Jahren viel geschehen: durch die Schutzzölle hatte das Reich sich isoliert; durch die Annäherung der Regierung an das Deutsche Reich hatte sich in den oberen Schichten ein gewisser Junker- und Militärgeist der Gemüter bemächtigt; und jetzt nach dem außerordentlichen Reichstag, als die Armee in die Erziehung der Nation eingriff, wurde die Luft dick. Die Kriegsdrohungen und Rüstungen der Norweger erschreckten die Stillen im Lande; das Vorrücken der Sozialdemokratie bedrohte die Grundfesten der Gesellschaft; deshalb sammelte sich alle Hilflosigkeit, alles, was müde und faul war, unter dem höchsten Schirm, und in dieser hochbürgerlichen Majorität wurde Anklage und Urteil mit einstimmiger Befriedigung begrüßt.
Holger Borgs Heim hatte mit dem wachsenden Einfluß der Zeitung den Charakter geändert und war eine Zuflucht für mancherlei Leute geworden. Die Frau des Hauses aber, die die Einladungslisten aufstellte, merkte bald, daß sich die Zahl der Absagen erhöhte, so daß man die Einladungen nach Klassen oder Klubs ergehen lassen mußte. So wurden besondere Gesellschaften für höhere Offiziere, ehemalige Staatsräte und Ausschußmitglieder veranstaltet; das war das Aufgebot erster Klasse. Viele kamen, weil sie nicht wegzubleiben wagten, und alle, die gezwungen worden waren, zeigten unverhohlen, daß sie nicht freiwillig gekommen seien. Sie beobachteten nicht die gewöhnliche Höflichkeit, sie unterhielten die Wirtin nicht, sie schwiegen und aßen, ließen aber wohl ein paar Gerichte unberührt vorbeigehen, weil sie schon vorher satt waren. All dies demütigte den strammen Ingenieur, aber seine Frau wollte es, und da er die Rechte der Frau vertrat, durfte sie bestimmen.
Gerade so ein Diner fand statt, als man die Anklage erwartete. Die höheren Offiziere waren weggeblieben, und es war nur ein Hauptmann anwesend. Er war da, teils weil er Wechselschulden hatte, teils weil er kleine Notizen aus dem Generalstab in die Zeitung brachte, anscheinend unschuldige Notizen, die aber einen recht gediegenen Inhalt hatten. Heute saß er auf hohem Pferd, weil seine Vorgesetzten abwesend waren und er die Ungnade witterte. Er stocherte mit dem Dessertmesser in den Zähnen, schenkte sich selbst ein und steckte sich Zigaretten an. Die Frau des Hauses war nervös, und da sie die häßliche Gewohnheit angenommen hatte, ihren Mann zu korrigieren, tadelte sie alles, was er tat, mehr aus Gedankenlosigkeit und mangelnder Beherrschung als aus Bosheit. Der Mann, der einerseits durch die Frau, andererseits durch das ungehobelte Benehmen des Hauptmanns gereizt war, verstummte völlig, und sein Schweigen wirkte auf die Gesellschaft. Man beugte die Köpfe über die Teller und wagte sich nicht anzusehen.
Die gemütliche Verzauberung, die bei einem festlichen Mahl zu herrschen pflegt, wo man aus den funkelnden Gläsern Vergessenheit getrunken zu haben scheint, wo man einige halbe Stunden miteinander verlebt in der vollständigen Illusion, befreundet zu sein und keinen Streit miteinander zu haben, war gebrochen. Alle waren erwacht und bewußt und saßen wie entkleidet einander gegenüber; sie hörten die verschwiegenen Gedanken des andern, sie sprachen mit den Mienen die Geheimnisse aller aus; alle Interessen und Passionen, die sie hier zusammengeführt hatten, schienen bloßgelegt zu sein, und sie schämten sich voreinander und vor sich selbst. Die Wirtin, die für diese Gelegenheit die Bohêmemanieren abgelegt hatte und steif und feierlich gewesen war, schlug jetzt um und nahm einen andern Ton an, da sie sah, daß das Feld aufgegeben war; in reiner Verzweiflung leerte sie ein volles Glas, um sich Mut zu machen, und dedizierte dann das Glas dem Hauptmann, der sofort die Situation erfaßte und beschloß, die Gesellschaft aufzuheitern. Eine Erinnerung daran, daß die Zeitung die »unanständige Literatur«, die er nie las, in Schutz und Schirm nahm und gewisse Gerüchte über die Feste dritter Klasse für die Künstlerbohême, auf denen es so lustig zugehen sollte, tauchten vom Grunde des letzten Glases auf; er vergaß die grauen Köpfe der weisen Männer und legte sich ins Zeug.
»Nun, es soll auf Ihren Künstlerfesten ja so lustig hergehen,« sagte er, »ich habe saftige Sachen erzählen hören, und ich möchte gern nächstes Mal mit dabei sein.«