Part 14
Und im selben Augenblick zerbrach etwas; und eine Flamme loderte auf. Zum erstenmal in ihrem Leben tauchte der Kampf der Geschlechter auf. Die Frage existiere nicht für sie, hatten sie gedacht, hatten ohne einen Gedanken an den natürlichen Unterschied der Geschlechter gelebt. Jetzt saßen sie da als Mann und Weib, nackt nach dem Sündenfall, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten.
Nach einer entsetzlichen Pause nahm Max das Gespräch wieder auf:
»Merkst du, daß wir uns jetzt hassen?«
»Als Mann und Weib, ja.«
»Also müssen die Geschlechter Feinde sein?«
»Gewiß, wie Nord- und Südpol am Magnet.«
»Dann ist die Liebe Haß, und die Gattung besteht durch Haß fort, nicht durch Liebe.«
Merkwürdig war, daß immer, wenn sie haßerfüllte Worte sprachen, die Anziehungskraft sich erhöhte, als habe die Stromstärke durch die Umschaltung zugenommen; und sie wurden mächtig zueinandergezogen in etwas, das der Liebe glich, sich aber als ein rasender Haß offenbarte. Jetzt suchte er sie mit brennenden Blicken und näherte sich ihr, als wolle er ihr weh tun, sie versengen, vernichten. Nicht um etwas zu bekommen, sondern um zu geben, etwas Furchtbares zu geben, vom Wesen des Urfeuers, sie antezipierte Geburtswehen leiden zu sehen.
Sie aber, die durch das vorhergehende Gespräch aufgeweckt worden war, wollte nicht empfangen; sie erinnerte sich jetzt ihrer Stellung als Frau, ihrer demütigenden Stellung, die nichts zu geben hatte und das unter der Redensart verbarg, »sie habe ihm alles gegeben, sie habe sich gegeben«; sie sprang auf wie eine wilde Katze, nahm das Papiermesser vom Tisch und schrie:
»Ich hasse dich!«
Das konnte bedeuten: »Ich fürchte dich in diesem Augenblick, denn wenn du jetzt meinen Willen unterjochtest, würde ich neun Monate wie ein Vogelnest für dein Junges, für deins, umhergehen! Das will ich nicht! Ich will nicht dein Ei ausbrüten! Ich will nicht dein Acker sein, in den du säst ...«
Er folgte ihren unausgesprochenen Gedanken und antwortete ihr innerlich: »Du erntest, wo ich gesät habe; du gehst mit meinem Kinde fort, wenn ich es von dir gebären lasse; du Diebin, die du mich und mein Werk ausstreichen willst, wenn du mein Kind geboren hast (denn mein ist es, weil ich ihm Leben und Bewegung gebe). Ich lese in deinen Augen, daß du imstande wärst, meine Vaterschaft zu verleugnen und dich selbst zur Dirne zu machen, nur um mein Eigentum an dich reißen zu können, voll Mutterstolz mein Kind auf den Straßen spazieren zu führen und mit deinem Werk zu prahlen. Einen Mann erniedrigen zu können, ist das letzte Ziel für den Ehrgeiz eines Weibes!«
Nun schämten sie sich; sie saßen jeder in einer Sofaecke und haßten.
Dann fing es wieder an. Der Graf begann:
»Ja, jetzt schlägst du meine Bitte ab, und ich darf nicht böse sein; wenn ich aber deinem Befehl trotze, so glaubst du ein Recht zu haben, böse zu werden, ja ... Wenn man denkt, daß vernünftige Menschen sich wie Katzen balgen! Brunst und Haß! Siehst du, das ist die Liebe, das höchste, was es geben sollte, und doch gehört sie den niedrigsten Regionen an. Du bist ja Ärztin, was ist die Liebe in ihrem tatsächlichen Ausdruck?«
»Eine Sekretion!«
»Bravo! Und so etwas soll unsere meiste Zeit und unsere besten Gedanken in Anspruch nehmen! Weißt du, Esther, Idealist war ich nie, aber doch ist die Wirklichkeit eine Karikatur unserer Ideen von den Dingen. Alles ist herabgezogen und auf den Kopf gestellt; es gibt Augenblicke, wo ich eine Wahrheit in den Worten der alten Sage höre: Verflucht sei die Erde um deinetwillen! Es gibt Augenblicke, in denen ich glaube, daß der verrückte Stagnelius recht hatte, als er darüber klagte, daß unsere Menschenseelen in Tierkörper gekrochen seien. Wir benehmen uns ja wie Tiere, wir küssen uns mit demselben Munde, der die Speisen einnimmt, und wir lieben mit den Abführungsorganen! Ist es da ein Stolz, ein Mensch zu sein? Nein, demütigend ist es, und wir müßten uns alle schämen. Die Darwinisten haben schon recht, daß der menschliche Körper sich aus dem Tierkörper entwickelt hat, aber sie vergessen, daß die Seele ein selbständiges Dasein führt mit Ahnen von oben, mit Erinnerungen an die Sterne, und daß das Fleisch nur ein Futteral ist, das stremmt. Die Seelenwanderung der Ägypter ist schon richtig, aber ich glaube, wir sind in dieser affenähnlichen Hülle bereits auf der Wanderung begriffen. Weißt du, ich habe einmal in der Schwimmschule die weißgelbroten Menschenkörper gesehen und war frappiert von der Ähnlichkeit mit -- nicht mit Affen, sondern mit jungen Schweinen, die auch rosenrot und haarlos sind. Weißt du, ich habe Augenblicke, in denen ich buchstäblich nicht Platz in meiner Haut habe, wo ich meine Hülle abwerfen und meines Weges fliegen möchte. Ich beginne an alte Märchen zu glauben; ich glaube an den Sündenfall, denn seit wir gefallen sind, du und ich, haben wir uns nur verachtet. In der ersten Zeit, als ich dich liebte, sah ich deinen Körper nicht; ich sah nur deine Seele, und die war schön und gut. Dann kam der Teufel und das Tier. Neulich sah ich das Tier in dir, in deinen Augen. Es war auf einmal wie totes bemaltes Porzellan, sah aus wie ein Emailauge auf dem Schild eines Optikers. Da bekam ich Angst. Und trotzdem müssen wir uns aufbieten lassen! müssen hinunter in den Morast der Küche und des Kinderzimmers; du und ich wie alle andern. Der heilige Ehestand, an dem die Liebe keinen Teil hat, in dem auf den schönen Augenblick der Empfängnis immer Scheltworte folgen, in dem alle Laster blühen und die Tugend, wenn sie sich als guter Geschmack offenbart, ein Fehler ist, der ein Scheidungsgrund werden kann. Ich habe einen verheirateten Freund, der der Kälte gegen seine Frau beschuldigt wurde. Vor dem Richter äußerte er sich vorsichtig ungefähr so: Meine Frau klagt mich der Kälte an. Wir haben nach einjähriger Ehe nur ein Kind, aber wenn wir in Konstantinopel verheiratet gewesen wären, hätte ich jetzt zweihundert Kinder haben können; und trotzdem klagt sie! Zweihundert! Doch du weißt, die Menschen lieben es nicht, daß man sich verteidigt ...«
Jetzt klingelte es zum Abendbrot, und sie mußten hinuntergehen. Es ging kalt und steif bei Tisch zu. Die Kleinen waren auch da. Irrtümlicherweise hatte der Knabe des Vaters Serviettenring bekommen. Er spielte damit und las den Namenszug; seine Lippen bewegten sich, aber man hörte nicht einen Laut. Doch Frau Brita hörte und verstand; und mit einem Ruck nahm sie ihm den Ring weg.
Der Knabe errötete, schlug die Augen nieder und äußerte nach einer Weile:
»Kann der eine Mensch dem andern verbieten zu denken?«
Keine Antwort erfolgte; denn in diesem »der eine Mensch und der andere« lag ein starkes persönliches Selbstgefühl, das andeutete, daß das Kind sich mit der Mutter auf gleichem Niveau fühle; diese war ergriffen, vor allem deshalb, weil sie die Stimme des Vaters aus dem Kinde hörte. Dieser Mann, den sie aus der Welt ausgerottet zu haben glaubte, stand wieder auf und saß am Tisch, redend, vorwurfsvoll. Sollte er sich durch die Kinder rächen, sollte seine Seele noch in diesem Hause weilen, von dem er ausgeschlossen war? Sie fühlte in diesem Augenblick einen grenzenlosen Haß gegen das Kind, und als der Knabe aus Gedankenlosigkeit oder in unbewußtem Willen den Serviettenring wiedernahm, stand die Mutter rasend auf und packte das Kind am Ohr. Ruhig, kalt, beherrscht und mit der Überzeugung eines erwachsenen Menschen sagte der Knabe die folgenden Worte, die er nicht zu Ende gedacht hatte:
»Rühr mich nicht an, Mama, denn dann stirbst du!«
Was meinte er? Meinte er etwas? Wer weiß? Alle Kinder sind Wunderkinder insofern, als ihr intuitiver Verstand in dem kleinen unvollendeten Körper fertig dazuliegen scheint. Aber auch der Kinderkörper scheint fertig zu sein; er erscheint nur in verkleinertem Maßstab, und man hat oft den Eindruck, einen Miniaturmenschen zu sehen, wenn man ein Kind sieht. Die naiven Ausbrüche, die man von einem Kinde hört, sind nicht naiv, sie sind ebenso tief gedacht wie bei einem Älteren. Wir haben ja kürzlich in den Bekenntnissen eines großen Staatsmannes gelesen, er erinnere sich, in seinen Knabenjahren ebenso klug gewesen zu sein wie im Alter. Wenn das so ist, was für einen Zweck hat dann die Erziehung? Soll sie unterdrücken?
Als der Knabe schwieg, sollte er in ein dunkles Zimmer gesperrt werden, weil er bei Tisch gesprochen hatte. Die Mutter hatte ihn am Arm gefaßt, die Verstimmung war allgemein, und Graf Max stand bereit, zu vermitteln, als plötzlich alle aufhorchten.
Vom Garten her hörte man einen heulenden Laut, vielleicht das Brüllen eines Haustiers ...
»Das Vieh ist doch im Winter nicht draußen!« unterbrach der Graf das unheimliche Schweigen.
Keine Antwort erfolgte, die Mutter aber stand bleich da und hielt in ihrer Bewegung inne, während das Gesicht des Knaben ein inneres Licht und einen Frieden wie bei einem Sterbenden ausstrahlte. Die Mutter und er allein hatten den Laut verstanden. Es war der Vater! Ein Mann, der keine Tränen weinen kann, brüllt vor Schmerz. Er hatte also an dem dunklen Winterabend vorm Hause gestanden, um einen Schimmer von den Kindern zu sehen!
Frau Brita machte mit der Hand eine Bewegung nach der Brust und verließ das Zimmer, ohne ein Wort zu sagen.
Als die Kinder später nach ihr fragten, sagte das Mädchen, die gnädige Frau sei zu Bett gegangen und sei krank.
* * * * *
Am nächsten Morgen war die Frau noch krank; aber sie wollte keinen Arzt haben und wollte niemanden sehen. Sie schrieb ihre Anordnungen auf Zettel. Die jungen Leute bekamen den folgenden Befehl: »Ihr fahrt sofort in die Stadt und bestellt das Aufgebot.«
Und sie fuhren.
Als sie nach einer Hetzjagd beim Standesbeamten die Papiere in Ordnung hatten, wie sie glaubten, fanden sie sich im Amtszimmer eines Pastors ein, um das Aufgebot zu bestellen.
Sie kamen durch ein Vorzimmer, das wie ein kleinerer Flur aussah, und traten in das Kontor, das einem größeren Flur glich. Schnee und Schmutz auf dem Fußboden, die Fenster ohne Gardinen, Holzbänke längs der Wände, Pulte, Ungemütlichkeit, schwere Luft, unfreundlich, unschön. Hier standen und saßen Sünder, die das Leben beginnen wollten, Männer und Frauen zum Beisammenleben für die ganze Zeit der Wanderung; hier standen und saßen Eltern, die das Neugeborene für den Kampf weihen und ihm einen Namen geben wollten; hier standen und saßen Menschen, die einen Anverwandten zu begraben hatten, was auch nicht so leicht ist. Nichts ist leicht, weder der Eingang, noch der Ausgang. Und das spürten sie, als sie hier saßen und warteten.
Sie sahen düstere Männer in großen Büchern schreiben, schreiben und ausstreichen, offen die indiskretesten Fragen stellen. Der Name des Vaters? Unbekannt? Schon einmal verheiratet gewesen? Etwa geschieden? Die Scheidungsurkunde vorzeigen! Ist nicht vorhanden! Ist das Kind getauft? Ja, aber nicht hier. Wo? Ganz weit in Amerika! Müssen hinschreiben!
Schreiben, schreiben, schreiben!
»Dieser Teil der Seelsorge ist etwas sonderbar,« begann der Graf flüsternd. »Kontorarbeiten, Buchführung, Kladde. Das sind ja Standesbeamte! Onkel Henrik nennt es ein Pfarramt, aber es ist ja ein öffentlicher Beichtstuhl. Sind Sie zum Abendmahl gewesen? Was geht das euch an! Und sie sind nicht freundlich. Es klingt so hart, wenn die Diener des Herrn sprechen.«
Der Saal leerte sich für einen Augenblick, und einer, der der Bürochef zu sein schien, schnaufte und wischte sich die Brille ab. Es war ein weltlicher Priester, schien es, denn er erzählte laut eine Anekdote von einer Frau, die am vorigen Sonntag von der Kanzel mit einem Verrückten aufgeboten worden war. Als er sich im Zimmer umsah und die Tochter der bekannten Frau Brita bemerkte, diese Tochter, die in Upsala ebenfalls von sich reden gemacht hatte, wurde er rot bis an die Haarwurzeln; und als der Kirchendiener im selben Augenblick vorbeiging, um das Kaminfeuer zu schüren konnte er den Mund nicht halten.
»Nachheizen, Söderström, daß der Kamin rot wird; rot muß er sein, rot für die Roten!«
»Schilt er uns aus?« flüsterte der Graf.
Aber das Büropersonal belohnte den Chef mit einem erstickten Kichern, und dieser, dem der Erfolg zu Kopf stieg, trachtete nach neuen Lorbeeren.
»War nicht vorhin ein Lümmel hier, der die Einzelheiten der letzten Scheidung wissen wollte?« fragte er den Küster.
Dieser murmelte etwas, was nur dazu dienen sollte, den derben Witz hervorzurufen, der jetzt abgefeuert wurde.
»Das ist ja wie im Volkstheater,« flüsterte der Graf. »Und ich habe es so ernst genommen! Wollen wir unserer Wege gehen? Esther?«
»Nein! Denke an Mutter!«
»Aber dies ist ja Schwindel! Ich gehe!«
Der Kirchendiener kam wieder herein, in der Hand einen Wacholderbusch, den er im Kamin anzündete und im Saal umherschwenkte. Es herrschte nämlich eine Epidemie, und alle öffentlichen Lokale mußten ausgeräuchert werden.
Das war Wasser auf die Mühle des Geistlichen.
»Recht so, Söderström, räuchern Sie die Nihilisten aus!«
»Das ist unglaublich,« flüsterte der Graf. »Das sind ja Landstreicher! Landstreicher! Wenn man sich vorstellt, solche versoffenen Studenten; wenn sie die Landwirtschaftliche Hochschule nicht absolvieren können, werden sie Seelsorger, und dann haben sie das Recht, ihren Mitmenschen die Leviten zu lesen; man nimmt den Zehnten, und dann kann man die Seelen lösen und binden. Nein, weißt du, dies ist faul, und ich sorge für meine Seele selbst besser.«
Nun kam der Pfarrer. Er war ein gebildeter, würdiger Mann, jedoch ein höherer Beamter, kein Hirt und kein Hoherpriester. Er las in den Papieren und sagte mit freundlicher Miene, durchaus nicht herablassend:
»Hier steht Herr Adelstorm, da muß doch Graf stehen.«
»Ja, das müßte es, aber mein Vater, der Bankkassierer ist, hat einen Titel abgelegt, der nur falsche Prätentionen mit sich bringt ...«
Der Geistliche machte ein anerkennendes und fast bewunderndes Gesicht.
»Und ich,« fuhr der Graf fort, »bin dem Beispiel meines Vaters gefolgt, besonders weil das ganze Titelwesen veraltet ist.«
Der Geistliche wurde finster, denn er witterte einen dieser modernen Angriffe auf die Gesellschaft, die doch ihre Mitglieder nicht nach dem eigentlichen Gewicht ordnete. Aber er war ein humaner Mann und ging weiter.
»Sind Sie, Herr Graf, Verzeihung, ich kann nämlich Ihre Ansicht über die Wertlosigkeit der Titel nicht teilen, da der Staat selbst durch sie bürgerliche Verdienste einschätzt ... Sind Sie nicht getauft, Herr Graf? Ich sehe keinen Taufschein.«
»Getauft? Nein, das glaube ich nicht.«
»Glauben Sie nicht? Dann kann ich nicht aufbieten.«
»Dann stehen wir da! Esther! Aber seltsam ist es jedenfalls, Herr Pastor; wenn man nicht heiraten und sich nicht trauen lassen will, dann wird man in Acht und Bann getan; und will man heiraten und sich trauen lassen, dann werden Hindernisse aufgerichtet, über die alle Verheirateten sich beschweren. Warum wollen Sie eine so einfache Sache hindern? Sie verlangen ja unter anderm den Beweis, daß man für die Ehe frei ist! Wie soll man das beweisen können!«
»Meine Instruktion ist das einzige, worauf ich Rücksicht nehme ...«
»Aber das ist mir nicht möglich, und deshalb ... deshalb gehen wir jetzt unserer Wege, _unserer_ Wege.«
»Warten Sie einen Augenblick,« fing der Pastor wieder an. »Wir wollen uns die Papiere des Fräuleins ansehen! Hier steht -- unkonfirmiert! Ja, dann geht es nicht. Ich bedaure, aber ich kann nichts dazu tun.«
Jetzt war an Esther die Reihe zu reden, denn sie hatte ihrer Mutter das Versprechen gegeben, und in ihr erwachte auch eine Erinnerung an den Vater, wie er sie draußen am Strande bei der Verlobung, die doch die Einweihung einer neuen Familiengründung war, in die Arme geschlossen hatte. Damit war das Bündnis doch gewissermaßen etwas anderes geworden als eine Bekanntschaft.
»Können Sie uns nicht helfen, Herr Pastor?« sagte sie in halber Verzweiflung, die sie anziehend machte.
»Nein, meine Freunde, das kann ich nicht. Denn ich setze voraus, daß Sie, Herr Graf, sich nicht taufen und Sie, mein Fräulein sich nicht konfirmieren lassen wollen.«
»Nein,« antwortete Esther und wurde zu einem ganz kleinen Mädchen, »denn wir glauben nicht an die Lehre. Aber sollen wir deshalb ausgestoßen und von Eltern und Geschwistern verachtet werden? Das ist doch zu streng!«
Der Pastor war gegen seinen Willen gerührt, als er sah, daß sie bei dem wichtigen Schritt doch gleichsam einen höheren Schutz in den schlimmsten, verhängnisvollsten Kämpfen des Lebens suchten. Er fand auch in ihrer Opferwilligkeit den Wünschen der Eltern gegenüber etwas Schönes, obwohl sie streng genommen ihr Gewissen opferten.
»Ich gebe zu,« begann er ...
Jetzt hustete der Bürochef, und das bedeutete: »Gib nichts zu!«
»Ich gebe allerdings zu ...«
»Herr Pastor,« unterbrach der Buchhalter ... Und diesmal wurde nichts aus dem Zugeben.
Als die jungen Leute das Haus der Sünder verließen, konnte der Graf nicht mehr an sich halten:
»Pfui!« sagte er, »dies ist ja alles verrückt.«
Im selben Augenblick stand der Pastor an ihrer Seite; und mit einer freundlichen, menschlichen Miene faßte er Esthers Boa, als wolle er sie am Schwanz festhalten oder sie schelmisch zausen:
»Mein Fräulein,« sagte er, »lassen Sie sich konfirmieren; es ist ja nur eine Formalität; und Sie, Herr Graf, lassen Sie sich taufen, es ist ja nicht gefährlich; nur etwas Wasser!«
»Sind es nur Formalitäten,« antwortete Graf Max, »und nur etwas Wasser? Ja, dann ... danke für die Aufklärung, Herr Pastor ... Aber denken Sie, wir Dummköpfe dachten, es sei etwas anderes! Komm, Esther!«
Sie gingen.
»Glaubst du, es ist seine Überzeugung, daß es nur Formalitäten sind?« fragte Max.
»Nein,« antwortete Esther, dem Weinen nahe; »er ist ein netter Mann, der uns trösten und helfen wollte. Deshalb hat er das gesagt.«
»Jetzt küsse ich dich in Gedanken, Esther, hier mitten auf der Straße, weil du gut von den Menschen denkst!«
»Es kann doch auch um einen Pfaffen schade sein!«
»Sogar um einen Pfaffen! Ja, jetzt sehen wir aber, daß die Kirche schuld ist, wenn die Ehen ab- und die freien Verbindungen zunehmen. Geschehe ihnen nach ihrem Willen.«
»Was machen wir jetzt?«
»Wir gehen zu Holger in die Redaktion und reden uns dies von der Seele.«
»Ja, das tun wir.«
* * * * *
Die Zeitung hatte einen gewaltigen Aufschwung genommen, seit sie in ihrem jungen Redakteur einen neuen Motor bekommen hatte. Kühn, vorurteilsfrei hatte er in seinem Akkumulator alle Ströme gesammelt. Liberalismus, etwas Sozialismus, die ganze Frauenfrage, etwas Theosophie, Tierschutz, Sport, ein wenig Verteidigungsfreundlichkeit neben sukzessiver Abrüstung, Weltbürgerschaft auf patriotischer Basis, prinzipieller Freihandel mit Schutzzoll, wenn die Gefahr es verlangte. Dieser Eklektizismus konnte so aussehen, als sei er durch den Wunsch nach Erhöhung des Abonnentenkreises geboten, aber er hatte wohl andere Gründe. Als die schwedische Landwirtschaft sich Ausgangs der achtziger Jahre in wirklicher Gefahr befand, wurde die Zollfrage in den Kammern aufs Tapet gebracht und versetzte das Land in vollständigen Aufruhr. Wie gewöhnlich wurde die Proposition falsch gestellt: Schutzzoll oder Freihandel; und die ganze Nation teilte sich in zwei Lager: Bauch und Glieder, obwohl keiner recht wußte, wer Bauch war. Die Schutzzöllner siegten, und die Bauern hielten sich für gerettet. Aber im Jahr darauf war eine Mißernte in Rußland, und die schwedischen Bauern, die auch Saatgetreide kaufen mußten, fürchteten Hungersnot. Da wurde der Schutzzoll auf Getreide wieder aufgehoben, der ganze schreckliche Zollkrieg erwies sich als eine Zeit- und Kraftverschwendung, und die Siegenden waren die Verlierer. Wir, die wir im neuen Jahrhundert gesehen haben, wie die alten Freihandelstheorien Englands aufgegeben wurden, haben wohl unsere Begriffe korrigiert und erkennen, daß das ökonomische Leben sich nicht so mathematisch abwickelt, wie man geglaubt hat. Freihandel bedeutet, daß mehrere Staaten frei ihre Produkte austauschen. Man verliert dann vielleicht an einem Posten, gewinnt aber an einem andern, und allmählich findet zum Vorteil aller ein Ausgleich statt. Daß aber ein Staat sagt: Jetzt bin ich Freihändler, während die andern Schutzzöllner sind, das heißt ja sich selbst plündern und ist im übrigen etwas Unsinniges, da das ganze einen Vertrag zwischen mehreren voraussetzt. Das ist, als wolle man in Kriegszeiten abrüsten.
Alle aber, die den Zollkrieg erlebt und gesehen hatten, daß Recht und Unrecht nicht auf einer bestimmten Seite lag, wurden etwas vorsichtiger; und das ist das Charakteristische in der Physiognomie des Jahrhundertendes: Vorsicht, Bedachtsamkeit. Das hätte man früher Kompromiß genannt im boshaften Sinne oder Krämertum, Skeptizismus in der Bedeutung von Schlappheit des Charakters und der Ansichten. Jetzt trat dieser Ausgleich ein, bei dem der eine tatsächlich von dem andern empfing; man lernte voneinander; der eine tauschte einen Vorteil gegen einen andern ein; die Gesellschaftsklassen vermischten sich, man brauchte nur im Adelsalmanach nachzusehen, wie viele bürgerliche Namen sich mit hochadeligen verbunden hatten und wie viele geringe Posten mit Trägern der größten Namen besetzt waren; der Staat unterstützte den Sozialismus, und die Sozialisten bekämpften den Anarchismus. Die Zeit der Zersplitterung begann in die der Konzentrierung überzugehen, und die Menschen gaben sich Mühe, einander zu verstehen. Manches von dem Neuen hatte sich als ein mißglücktes Experiment erwiesen, doch auch Experimente mit negativem Resultat sind nützlich und erzielen Nebenprodukte; die Alchimisten fanden freilich das Gold nicht, dafür aber entdeckten sie die Schwefelsäure, die viel nützlicher ist.
Als Ingenieur Borg zur Macht gekommen war, hatte er sofort entdeckt, daß es nicht lohne, danach zu streben, eine Meinung zu beherrschen und die andern zu verfolgen, denn dann zeigte sich sofort beim Quartalsende ein Rückgang. Der Kassierer war das Barometer; er sah in seinen Büchern, wie der Wind wehte. Und wenn auch der Redakteur den Mut gehabt hätte, dem wirtschaftlichen Verlust zu trotzen, so sah er doch durch die abgehenden Abonnenten den Einfluß der Zeitung sich verringern. Er verlor also schnell seinen frohen Glauben an die Allmacht der Presse und fand sich allmählich darein, Diener zu sein statt Herr; daher blühte das Geschäft.
Das junge Paar hatte jetzt eine große Wohnung mit drei Dienstboten, und die Redaktion hatte ihr Lokal erweitert. In ihren Räumen gingen Minister, Bauern, Arbeiter, Generale, Schauspieler und Künstler aus und ein. Einfluß hatte man, aber die Macht stand im umgekehrten Verhältnis zu der Abhängigkeit, der man sich unterwerfen mußte. Gehorchen und herrschen!
Heute war Sturm auf der Redaktion. Es gab nämlich Mitarbeiter, die in der verflossenen Zeit lebten und die Zeitung für ihre privaten Interessen benutzten. Jede Notiz, auch die unschuldigste, hatte einen geheimen Sinn: einen Vorteil, einen Nutzen zu erringen, einen Groll zu befriedigen. Besonders hatte der Theaterkritiker sich eine Machtstellung angemaßt, die er mißbrauchte, um zu herrschen und sich als jemand zu fühlen, obwohl er nichts war. In Verbindung mit weiblichen Favoriten bestimmte er über die Schicksale der Menschen, stürzte und lancierte ganz nach Belieben. Besonders hatte er sich des Theaters angenommen, das aus leicht erratbaren Gründen den Namen »Hoflieferant« führte. Es bot schlechtere Dinge als das zweite Theater, genoß aber Protektion und Staatsunterstützung, während das Personal sich zu den höheren Hofbeamten zählte.