Part 12
Pfarrer Alroth auf Storö hatte aber ein Auge auf diese Bewegung gehabt; seine Schwester, Frau Brita, hatte versucht, seine eigene Frau aufzuhetzen und sie mit Sitzungen und ähnlichem aus dem Hause zu locken; deshalb konnte er von seinen brüderlichen Gefühlen nicht geblendet werden, sondern sah die peinliche Stellung seines Schwagers im Hause sehr wohl ein. Auch gefiel es ihm, daß der Schwager nicht Vergehen gegen Vergehen quittieren wollte, indem er die letzte Geschichte mit den Kindern und was mit Zustimmung der Frau im Hause geschehen war, Dinge, die er von seinem Standpunkt aus verabscheuungswürdig fand, vorbrachte.
Als nun der Rat gegangen und Frau Brita nach Hause geeilt war, blieben die Schwäger allein zurück.
Der Pfarrer gehörte zu der Art von Menschen, die ihren Vorteil darin sehen, durchzustreichen und weiterzugehen. Er hatte vom Leben gelernt, daß der Schimpf, den man nicht beachtet, nicht existiert, und daß die Rache Zeit kostet und Revanche hervorruft. Er hatte deshalb die letzten schimpflichen Schmähungen des Schwagers aus seinem Gedächtnis gestrichen, wenn auch der Eindruck noch in ihm haftete. Noch etwas anderes machte ihn sanft; eine gewisse natürliche und unerklärliche Sympathie für Gustav Borg bewirkte, daß er ihm nicht richtig böse sein konnte; ein sehr gewöhnlicher Fall, der erklärt, warum man gewissen Menschen gegenüber so schwer recht bekommt, auch wenn sie überführt und auf frischer Tat ertappt sind.
Man beklagt sich einem Freunde gegenüber über das häßliche Benehmen eines Abwesenden.
»Das kann ich nicht von ihm glauben! Das ist ihm so unähnlich!« antwortet der Freund.
Man kommt nicht vom Fleck, sondern sitzt wie ein armer Sünder da, der mit einem mißtrauischen Gemüt behaftet ist; die deutlichsten Beweise, die glaubwürdigsten Zeugen helfen nichts.
Also die Schwäger waren allein.
»Das ist eine leidige Geschichte,« begann der Pastor. »Und du hast vor Gericht keine Aussichten; der Richter ist besessen und gibt jeder Frau recht gegen einen Mann, trotz klaren Beweisen. Das ist der Geist der Zeit, siehst du! Hast du nicht neulich von der englischen Dame gelesen, die ihren Mann vergiftet hat? Zweiundfünfzig Ärzte schwuren, sie sei unschuldig; sie aber saß im Gefängnis und legte mittlerweile ein Geständnis ab! Tableau! Jetzt war es aus, sollte man denken! Nein, jetzt kamen Massenpetitionen, die den Giftmord verteidigten, unter dem Vorgeben, der Mann sei ein Schwein gewesen. Von meinem Standpunkt, wohlgemerkt, würde ich es so erklären, daß die Vorsehung die Männer wegen ihrer Unmännlichkeit und Charakterschwäche straft, indem sie die Frauen losläßt. Diese Kreaturen, die nicht die Wahrheit sagen können und deshalb nicht zeugen dürfen, sollen Advokaten und Richter werden. Gott bewahre uns davor! Neulich hat das Postfräulein in großer Gesellschaft erzählt, sie öffne und lese alle Briefe auf der Post. Was soll man dazu sagen? Ich sprach darüber mit einem modernen Herrn, und der sagte, das sei Lüge! Ich wollte ihn zuerst schlagen, aber er erschien mir so interessant, daß ich über ihn nachzudenken anfing. Er wurde böse über meine Geschichte, als sei er eine Frau und fühle sich getroffen. Oder er hatte sich der Frauenfrage verschworen und war böse auf sich selbst, weil er unrecht gehabt hatte. Dies ist das wahrscheinlichste. Deine Aussichten, lieber Schwager, bei Gericht sind klein: denn wenn eine Frau heutzutage einem Mann unrecht tut, so hat sie die Sympathien der ganzen Welt für sich. Und Brita hat dir unrecht getan, das weiß ich, das wissen wir alle! Was kann man dabei tun? Nichts! Aber höre auf meinen Rat! Nimm einen Winkeladvokaten, einen Schuft, der eine große Schnauze hat, und geh nicht selbst hin. Das ist etwas besser als selber da stehen und sich zanken; freilich, sicher bist du trotzdem nicht, denn wenn ein Mann einen Weiberrock sieht, wird er feig. Ich hatte neulich einen Prozeß gegen die Lehrerin hier. Und ich wählte aus dem Haufen eigens einen Advokaten, der unglücklich verheiratet war. Jetzt, dachte ich, kriegt sie es! Jawohl! Kannst du dir denken, dies bezahlte Vieh steht da und verteidigt meine Gegenpartei!«
Gustav Borg hatte nicht ungern diesen tröstenden und teilnehmenden Worten gelauscht, aber er konnte es nicht über sich bringen, zuzugeben, daß der Pfarrer recht habe, denn das hieße einen Irrtum wiedergutmachen. Er fühlte sich im Gegenteil einen Augenblick herausgefordert, zu widersprechen, die Frauen in Schutz zu nehmen, wie er sie stets in seiner Zeitung verteidigt hatte.
Als er nun ging und auf die Landstraße kam, erwachte in ihm ein Nachgefühl des Geschehenen, und er fand, daß die letzten tröstlichen Worte eine Demütigung gewesen seien. Das setzte ihn in Trab, und während er weiterschritt, in die Welt hinaus, faßte er den Entschluß, in die Stadt zu fahren, da seine Anwesenheit hier draußen überflüssig war. Er lenkte deshalb die Schritte nach der Dampferanlegebrücke.
Wie er nach der Uhr sah, fand er, daß bis zur Ankunft des Dampfers noch drei Stunden blieben.
Das war lange, aber er hatte ein neues Leben vor sich und ein altes hinter sich.
Anlegebrücken sind außerordentlich geeignet, um darauf Betrachtungen anzustellen; da ist ebener Boden unter den Füßen, so daß man auf und ab gehen und denken kann; da hört das Land auf und das große, einsame Wasser beginnt; da ist es regungslos still, und man geht und wartet auf etwas, das neue Bewegung in einen bringen, einen an einen andern Ort versetzen, die Anschauungen ändern und das Schicksal umgestalten soll.
Gustav Borg ging auf und ab und dachte. Er war jetzt an dem Punkt im Leben angekommen, den man die Zeit des »Ausessens« nennt. »Das mußt du einmal ausessen,« hatte er so oft sagen hören, ohne es zu verstehen, ohne es zu glauben, in dem rastlosen Vorwärtsschreiten des Lebens. Jetzt verstand er es, aber gleich so vielen andern zog er die falsche Schlußfolgerung, er müsse bereuen und die Lehren zurücknehmen, die durch ihn verbreitet worden waren und nicht ganz zu dem beabsichtigten Ergebnis geführt hatten. Er glaubte seine Arbeit an Irrtümer verschwendet zu haben, die jetzt bekämpft werden mußten, erkannte aber nicht, daß in seinem sogenannten Irrtum ein Teil der Wahrheit lag, die nur unter dem Zusammenwirken der feindlichen Plus- und Minusposten ans Tageslicht kommen konnte. Die Verbesserungen hatten schon die Gegner gemacht, er brauchte sie also nicht von neuem zu machen. Nun grämte er sich über vergeudete Mühe, ärgerte sich, daß er wie ein Narr reaktionär gewirkt hatte, während er Vorspann zu sein glaubte. Und die Leiden, die er jetzt durchmachte, sah er als eine Strafe für das Böse an, das er getan hatte, obwohl sie auch Prüfungen sein konnten.
Diese Abrechnung, die jeder Mensch in einem gewissen Alter durchmacht, ist jedoch nur ein Bücherabschluß der Persönlichkeit, bei dem eine genauere Untersuchung zeigt, daß das relative Böse, das man zwecks Durchführung einer guten Sache andern zufügen mußte, ein notwendiges Böses war. Andererseits aber scheint eine immanente ewige Gerechtigkeit zu fordern, daß auch unschuldig zugefügte Leiden in der Weltordnung neutralisiert werden durch entsprechende Schmerzen bei dem, der sie hervorgerufen hat. Wenn ein in der höheren Buchführung Erfahrener in diesem Augenblick der Abrechnung neben einem Menschen stände, würde er alle Siegel lösen und zu dem vom Stachel der Reue Verwundeten sagen: »Sei getrost! Sieh hier das Gute, das du ausgerichtet hast, und hier das Böse! Jetzt wollen wir Posten gegen Posten quittieren, dann bleibt doch noch ein Saldo zu deinen Gunsten; denn schon daß du dein Leben so gut du vermochtest gelebt hast, ist eine Heldentat; und jeder Mensch, der sich zu einem natürlichen Tode durchgearbeitet hat, ist ein Held; jeder Gestorbene verdiente ein Denkmal, so schwer und mühselig ist es, das Leben zu leben. Und der Elendeste ist nicht weniger bewundernswert, denn seine Last war schwerer als die anderer, sein Kampf größer, sein Leiden tiefer; und warum er ein Elender war, das weiß kein Sterblicher, kann kein Mensch erklären, weder mit Statistik, noch mit Nationalökonomie.«
Gustav Borg konnte die Synthese seines Lebens noch nicht vollenden, sondern befand sich in voller Krisis, da er in das Reich eintrat, das Swedenborg die Vernichtung nennt. Und das schlimmste von allem war: er hatte die Hand gegen sich selbst erhoben; denn er, der Gegner der freien Sittengesetze, war wegen eines Unsittlichkeitsverbrechens angeklagt. Diese Disharmonie war nicht leicht zu lösen.
Von der Brücke sah er die Schornsteine seines Hauses. Gerade jetzt stiegen zwei blaue Rauchwolken empor. Es brannte im Herde, da verbrannte alles und das beste: Gattin und Kinder.
Elftes Kapitel
Der neue Redakteur
Holger Borg war ein Kind seiner Zeit; Ingenieur und Elektrotechniker, lebte er das Leben einfach, ohne Reflexionen, praktisch. Verheiratete sich früh mit einem kleinen Mädchen vom Theater, dem er nach der Sitte der Zeit die Rolle des Kameraden einstudierte. Die Ingenieurwissenschaft sich in der Eile anzueignen, war ja für sie etwas schwierig, aber einige Ausdrücke wie Kontakt und Kurzschluß mußten genügen; sie posierte als Ingenieur und entwickelte sich zu einer Tendenzfrau, die der Welt zeigen wollte, daß die Frau in allen Dingen dem Manne gleich sei. Diese Gleichheit sollte sich auch im Verkehr äußern; der Mann durfte nicht allein ins Café gehen, sondern sie mußte mit; vormittags freilich ging sie allein in die Konditorei; und als der Mann im Anfang die mathematische Ungerechtigkeit konstatieren wollte, wurde er mit der Frage zum Schweigen gebracht, ob sie ein freier Mensch, oder ob sie eine Sklavin sei. Um des Hausfriedens und der Gemütlichkeit willen ließ er die Frage unbeantwortet, gab nach, ordnete sich unter, anfangs mehr im Scherz, immer aber mit Rücksicht darauf, daß es sich gut machen sollte. Er mußte ja die modernste Frau haben, und er wollte nach seinen Lehren leben. Auf diese Art bekam er ganz allmählich eine Gouvernante über sich, eine, die ihn in Gesellschaft korrigierte und ihn schließlich alles lehren wollte, alles, was er besser wußte als sie. Doch er klagte nicht und merkte nicht, daß sich unter ihrer Mütterlichkeit Verachtung verbarg. Ihm ging aber eine Ahnung davon auf, als er sah, daß seine Freunde seine Frau wie ein höheres Wesen, ihn selbst aber wie einen Tropf behandelten. Andererseits schmeichelte es ihm, daß er die stilvollste Frau gefunden hatte; und wenn sie den Mittelpunkt des Kreises bildete, war sein Platz anscheinend darüber.
Zu Beginn der Ehe hatten die Neuvermählten es recht knapp; sie lebten außer dem Hause, weil es billiger war, und manchmal war zu Hause ein Bohêmeleben. Dann kam das Kind. Da bekamen sie es zu spüren. Die Einkünfte des Mannes, die bisher von zwei Personen geteilt worden waren, mußten jetzt von vier geteilt werden. Das war Entsagen, und das liebte man nicht, sondern pumpte und setzte das alte Leben fort. Aber als das Kind drei Jahre alt war, wurde das Kindermädchen verabschiedet, und die Gatten besorgten das Kind selbst. Die Frau, die nichts anderes zu tun hatte, verlangte trotzdem, daß der Mann, der seine Arbeit in der Fabrik und in den Zeitungen hatte, bei der Pflege des Kindes helfe. Es sollte gleich sein, natürlich. Er, der Esel, wagte nicht nein zu sagen, wollte es auch nicht, weil er ihre Arbeit zu adeln wünschte, merkte aber nicht, welche Ungerechtigkeit er unterstützte, und wie er an seinem Untergang arbeitete. Um sich schadlos zu halten, machte er es wie andere Ehemänner: er erfand das geheime Frühstück außer dem Hause; er schützte Sitzungen am Abend vor und kam schließlich in einen Kreis gesetzter Ehemänner, die ihren Punsch zwischen sechs und sieben Uhr abends tranken, um dann zum Abendbrot zu Hause zu sein. Kam er hierauf nach Hause und roch nach Punsch, so wurde die Frau böse; und bei solchen Gelegenheiten hatte das Kind immer keine Strümpfe. Dann half er sich gewöhnlich damit, »er sei eingeladen gewesen«, und nun hätte die Strumpffrage erledigt sein müssen, aber das war nicht der Fall; sie blieb eine stehende.
Er war zum Abendbrot immer zu Hause und war langweilig. Bei Tisch, wenn er das trockene Essen kaute, erinnerte er sich wohl des wollüstigen Frühstücks im Opernkeller; und dann flog bisweilen ein schwaches Leuchten über sein Gesicht, der letzte Wiederschein eines inneren Lächelns, den die Erinnerung an eine lustige Geschichte aus dem Zwischenregister hervorrief. Dann wurde seine Frau finster und merkte, daß er sich ohne sie amüsiert hatte, und sie ärgerte sich, daß er ein Vergnügen haben könne, ohne daß sie dabei sei. Und dann mußte er die lustige Geschichte erzählen. Das war ihr eheliches Recht.
Eines Abends saßen die Gatten wie gewöhnlich zu Hause. Die Frau war angegriffen vom Kindergeschrei, vom Abwaschen, vom Aufdecken.
Auf dem Tisch stand das harte Brot, Margarine und eine geöffnete Konservendose, deren Boden von drei elenden Fischen kaum bedeckt war, die seit mehreren Tagen niemand hatte anrühren mögen und die deshalb trocken waren wie Juchtenleder. Eine Rinde von einem falschen Schweizerkäse und einige Scheiben roher Speck, der geräucherten vorstellen sollte, bildeten die Basen einer Triangulation. Ungemütlichkeit, Nachlässigkeit, Unlust lag in allem, und es wich sehr von dem ab, was man sich unter Heim und heimischem Behagen vorstellte. Dazu dies heimliche Lauern auf die Schwächen des andern, dies Spionieren nach den unausgereiften Gedanken des andern. Sie waren wie zwei Gefangene, die sich heimlich gegenseitig bewachten.
Der Mann sah mit düsteren Blicken die Gerichte an, und beim Betrachten der Anchovis spürte er den schrecklichen Zinngeschmack, das ranzige Öl ... Plötzlich kam ihm ein Gedanke.
»Wenn wir ausgingen und kneipten! Wir sind so lange nicht mehr ausgewesen!«
»Ja, aber Ragnar? Das Kind?«
»Ja, das ist wahr!«
Die Frau grübelte:
»Es ist jedenfalls entsetzlich, daß ein Kind die Eltern kommandieren soll! Umgekehrt müßte es doch sein!«
»Natürlich müßte es das! Wir haben unsere ganze Jugend hindurch entbehrt, und jetzt, wo wir anfangen müßten, das Leben zu genießen, sind wir Sklaven!«
»Und jetzt, wenn er schläft, braucht er uns ja nicht.«
»Er schläft doch immer, wenn er erst eingeschlafen ist?«
»Wir haben ihn verwöhnt, das ist alles! Denke an all die armen Kinder, die morgens eingeschlossen werden und bis Mittag allein bleiben ... Weißt du was, Holger; wir sagen der Portierfrau, sie soll achtgeben, ob er schreit ...«
»Ja, das finde ich akzeptabel,« antwortete Holger.
Gesagt, getan! Eine Weile später waren die Herrschaften auf dem Wege nach der Stadt. An der Neuen Brücke trennten sie sich; der Mann mußte in die Redaktion, und die Frau sollte im Grand Hotel auf ihn warten, dem klassischen Grand Hotel, das die Männer der siebziger Jahre gegründet, die der achtziger als Erbe übernommen und die der neunziger später dem reformierten Hotel Rydberg zu Liebe verlassen hatten.
Als die Frau ins Hotel kam, ging sie hinein und setzte sich an ihren gewöhnlichen Tisch, nahm eine Zeitung und wartete.
Gleich darauf trat der Schauspieler ein, ein intimer Freund, und suchte Gesellschaft.
»Ach sieh da, Marta,« grüßte er, »wo hast du Holger?«
»Er kommt gleich,« antwortete Marta, die sofort in strahlender Stimmung war.
»Darf ich hier Platz nehmen?«
»Ja, das denke ich,« antwortete die Frau, ohne zu zögern.
Sie kamen schnell ins Gespräch, und in einem Augenblick stand ein Punschtablett nebst Zigaretten auf dem Tisch.
Die Bestellung hatte der Schauspieler so schnell gemacht, daß die Frau es nicht bemerkt hatte, und nun saßen die beiden da und wollten nicht anfangen, ehe der Mann kam. Sie plauderten von allen möglichen Dingen, und die Zeit verging.
Ohne weiter zu überlegen, was er tat, füllte der Freund, da er das Warten lang fand, zwei Gläser, sagte Prosit und sie tranken.
Die Zeit verging wieder, und sie zündeten sich Zigaretten an.
»Es ist ja schrecklich, wie lange Holger ausbleibt,« sagte die Frau, »wir hätten nicht anfangen sollen.«
»Jetzt ist es zu spät,« antwortete der Freund.
Da trat eine Gesellschaft ein, die wußte, wer sie waren, ohne sie zu kennen. Diese Leute warfen natürlich verwunderte Blicke auf die beiden, und ihre Blicke wurden spöttisch, als sie sich ihnen gerade gegenüber niedergelassen hatten.
Im selben Moment kam Holger herein, übersah mit einem Blick die Situation, die er sich erklären konnte, und war vorurteilsfrei genug, sie nicht zu mißbilligen; dann aber gewahrte er die spöttischen Blicke, und das verletzte ihn, so daß er finster wurde.
Als er an dem Tisch angelangt war, grüßte er so ungezwungen er vermochte:
»Das ist recht, daß ihr angefangen habt. Ich bekam ein Telegramm und mußte ein paar Zeilen schreiben.«
Da er in die frisch aufgebaute Stimmung der andern hineinplatzte und sie Vorsprung hatten, fiel es ihm schwer, sofort mit ihnen auf das gleiche Niveau zu kommen. Und er, der etwas von dem lastenden Ernst der Arbeit aus der Redaktion mitbrachte, wirkte niederdrückend auf sie. Es entstand eine Reibung, und die Verlegenheit der Langeweile legte sich über die Gesellschaft.
Die Frau, die sich amüsieren wollte, kam auf den unglücklichen Gedanken, den Mann aufheitern zu wollen; aber da verstummte er ganz.
Ihr nächster Versuch lief noch unglücklicher ab, als sie, um die Sache in Ordnung zu bringen, die plumpe Frage hinwarf:
»Was ist mit dir?«
Das wirkte, als wühle sie in seinem Innern, und er zuckte zusammen, wurde böse auf sich selbst, weil er sich nicht beherrschen konnte, wurde wütend auf die Gesellschaft mit den Blicken, wütend auf die ganze Situation.
Sein gequältes Aussehen verriet ja Eifersucht; aber er war nicht eifersüchtig, ihm ekelte nur vor dem Gedanken, dessen verdächtigt zu werden, und er sah sich lächerlich gemacht. Sie hatte ihn durch ihre Frage lächerlich gemacht, diese Frage, die er nicht beantworten konnte. Da entstand dies Schweigen, das niemand zu brechen wagt, weil alle wissen, daß der, der zuerst spricht, eine Dummheit sagen, das Geheimnis verraten muß, an das alle denken.
Es war eine Minute von der Länge einer Ewigkeit. Aber dann kam die Rettung: Zwei Künstler ihres Kreises stürzten herein, stellten den Strom um und leiteten die konträren Ströme ab. Und dann verlief der Abend in munterem Geplauder.
Nach Theaterschluß vergrößerte sich die Gesellschaft. Alle diese Menschen, die Kinder des gleichen Geistes waren, fühlten eine Zusammengehörigkeit, als seien sie eine Familie. Und sie hatten einen Instinkt, einen Freund zu ahnen; es waren keine Erklärungen nötig, und obwohl sie Verfolgungen ausgesetzt waren, waren sie sorglos, hoffnungsvoll, überzeugt, sich auf dem rechten Wege zu befinden.
Es hatte halb zwölf geschlagen, und die Freude war auf ihrem Höhepunkt, als plötzlich eine schwarzgekleidete Frau an den Tisch trat und Frau Marta sprechen wollte.
Die fremde Unbekannte wirkte wie eine schwarze Fahne, und der Jubel verstummte.
»Frau Borg,« begann sie; »ich wohne in Ihrem Hause und ging zufällig an ihrem Kinderzimmerfenster vorbei, als ich ein einsames, eingeschlossenes Kind schreien hörte. Nein, glauben Sie nicht, daß ich Ihnen Vorwürfe machen will! Aber da das Geschrei verzweifelt klang, ging ich zum Portier, um mir den Schlüssel geben zu lassen und zu dem Kinde hineinzugehen. Bei dem Portier war niemand zu Hause. Ich schickte einen barmherzigen Menschen zum Schlosser, während ich dem eingesperrten Kinde durch das verschlossene Fenster gut zuredete ... beruhigen Sie sich nur, kleine Frau, Sie haben Pech gehabt und haben sich auf eine unzuverlässige Portierfrau verlassen. Als ich hineinkam, beruhigte ich das arme Kind und habe drei Stunden bei ihm gesessen; jetzt schläft es unter Aufsicht der wiedergefundenen Portierfrau. Ja ...«
Herr und Frau Borg stürzten hinaus ...
So war es, wenn man Kinder hatte! Jajaja, und sie machten sich Vorwürfe, versprachen sich, nie wieder auszugehen. Sie dachten daran, was für tendenziöse Geschichten jetzt verbreitet werden würden; sie liefen nach Hause, da sie keine Droschke fanden.
In der Neuen Brückenstraße, als sie eben keuchend die Steigung überwunden hatten, stießen sie auf einen riesenhaften Herrn, der sie in seine gewaltigen Arme nahm und rief:
»Hallo, da habe ich euch endlich!«
Es war Doktor Henrik Borg.
»Du, Holger, bist Redakteur der Zeitung mit sechstausend Kronen Gehalt; und trittst morgen ein. Einverstanden?«
Frau Marta weinte an der Brust des Riesen. Und dann liefen sie dem Onkel weg, lachten und weinten.
»Wir werden zwei Mädchen haben,« rief die Frau.
»Und eine Wohnung am Strandweg!«
Auf dem Markt tanzten sie um einen Laternenpfahl und liefen dann wie bei »eins, zwei, drei, das letzte Paar herbei« jeder an einer Seite der Verkaufsstände herum.
So wurde Holger Borg Redakteur, und so endete ein qualvoller Tag in Freude.
Zwölftes Kapitel
Doktor Borg
Doktor Borg war zweimal verheiratet gewesen; das erste Mal mit einer einheimischen Närrin, die er wegen ihrer Schönheit und Jugend liebgewonnen hatte. Aber sie war sich dieser Schönheit so bewußt, daß sie ihr einen wahren Kult widmete. Sie konnte stundenlang halbangezogen vorm Spiegel sitzen und sich bewundern; ihre runden Arme küssen, ihren Busen modellieren, sich selbst die Zähne zeigen, ihre Nase kneten, um die schönste Wölbung an der richtigen Stelle hervorzubringen. Als der Doktor sie einmal unbemerkt bei dieser Beschäftigung sah, erschrak er, denn der Ausdruck ihres Gesichts war nicht der eines Menschen, sondern eines albernen Tieres, eines Vogels, der sich in einer Quelle spiegelt und seine Federn zupft. Es kam ihm so unheimlich vor, nicht mit einem Menschen zusammenzuleben, daß er bei all seinem Freimut die Sache in den Sack stopfte und den zuknotete.
Trotz ihrer Schönheit verstand sie sich nicht anzuziehen, und wenn er eine Bemerkung machte, wurde das als Majestätsbeleidigung angesehen. Sie zog sich dann geknickt zurück, verhöhnte ihn, daß er sie nicht zu schätzen vermöge, zählte in ihrer Einfalt alle ihre Bewunderer auf, zitierte deren Urteil. Der Doktor setzte nach der Heirat seine Rauchopfer in Form von Blumen und Sekt fort; aber die Blumen paßten nie.
»Ich habe von Leutnant X. Orchideen zu sieben Kronen das Stück bekommen. Und richtiger Champagner muß elf Kronen kosten.«
Sie liebte sich selbst und ihre Schönheit so objektiv, daß sie auf den Doktor eifersüchtig war, weil er sie gekriegt hatte.
»Du hast Glück gehabt! Du weißt nicht, wie gut du es hast. Denke, wie viele dich beneiden.«
Aber diese Selbstliebe ging so weit, daß sie sich dem Mann nicht hingeben konnte; sie gönnte ihm ihre Liebe nicht, sondern war noch in den Momenten der Zärtlichkeit so neidisch kühl, daß sie nichts empfangen konnte. Und dann klagte sie.
Anfangs kümmerte sich der Doktor nicht darum, denn er wußte, wer er war. Aber bald ging sie zu ihrer Mutter, beklagte sich und sagte, sie betrachte sich nicht als verheiratet. Die Mutter verstand nichts und wollte nichts wissen.
Der Doktor, der ein junger Arzt war, verstand auch nicht, was die Frau meinte, wurde aber unruhig und fragte einen älteren befreundeten Kollegen um Rat.
»Ja, mein Junge,« sagte der Alte, »jetzt stehst du vor einem Problem, an dem ich noch heute buchstabiere. Aber ich habe kürzlich eine bestimmte Äußerung unseres größten Gynäkologen über diese Frage gelesen. Er sagt, das Freudenmädchen suche die Freude, die Gattin aber suche das Kind; und er erklärt entschieden, das Kind müsse keusch in einer liebevollen Umarmung erzeugt werden, nicht in einer wollüstigen. Das ehrbare Mutterweib wird keusch in der Ehe, gegen ihren Willen, und was sie sucht, findet sie nicht; deshalb klagt sie. Aber, lieber Freund, ich bin so weit gekommen, daß ich finde, auch des Mannes Begierde wird in der Ehe geadelt, gewissermaßen neutralisiert oder vergeistigt; deshalb habe ich ebensoviele Klagen von männlicher Seite gehört. Du siehst ja an Neuvermählten, wieviel Enttäuschung ... übrigens, ist deine Frau schwanger?«
»Ja, nach zweimonatiger Ehe!«
»Da kannst du ja ruhig sein!«