Die Gotischen Zimmer: Roman

Part 11

Chapter 113,747 wordsPublic domain

Und jetzt auf einmal stand seine ganze Lage klar vor ihm. Ein Mann in seiner Stellung, in seinem Alter, aus seinem Heim vertrieben, von seinem Posten abgesetzt; ohne Mittag gegessen zu haben, wie ein Landstreicher, hungrig und frierend, ein unwillkommenes Anhängsel, das man weit weg wünschte ... Die ganze Erniedrigung des Auftritts zu Hause, da er vor seinen Kindern bloßgestellt wurde, das Grauen vor dem, was seiner wartete ... vor Prozessen und Skandalen.

Er lag da und blickte auf den Lichtstumpf, wußte, wenn er zu Ende war, würde die Dunkelheit kommen. Da er nicht zu den Leuten gehörte, die den Menschen Mühe machen mögen, fiel es ihm nicht einen Augenblick ein, einen Dienstboten zu wecken, um sich Licht, Feuer und Wasser zu verschaffen. Gelähmt von dem Schicksalsschlage wagte er sich nicht einmal zu rühren, sondern lag da wie festgenagelt, frierend, als seien alle Säfte des Körpers tatsächlich erstarrt.

Immerfort betrachtete er das Abnehmen des Lichts und hatte jetzt das Gefühl, als hinge sein Leben davon ab, werde erlöschen, wenn das Licht erlosch. Er wurde durstig vor Hunger und fror vor Hunger, aber Kummer und Sehnsucht, Scham und Zorn mischten sich hinein und klangen zu einem Akkord von Qual zusammen. Alle Bitterkeit des Lebens zugleich erstand in ihm, ohne die Möglichkeit, Trost in Klagen zu finden, denn er war zu aufgeklärt, um über undankbare Kinder oder eine treulose Gattin zu jammern. Er hatte das Leben mit harten Handschuhen angegriffen und war nicht an Verzärtelung gewöhnt, dies aber überstieg seine Kräfte; und als der Lichtrest zischend in die Tülle sank, sprang er auf, um sich gegen die Finsternis zu schützen. Er ging leise in den Eßsaal hinüber und nahm sich Streichhölzer mit; und als er anzündete, sah er, daß die Uhr erst fünf Minuten über elf war. Er zog die Hängelampe herunter und steckte sie an; ging an das Büfett und fand etwas abgestandenes Wasser in einer gelb gewordenen Karaffe; auf dem Büfett lagen die Fahrhandschuhe des Sohnes aus grauer Kastorwolle; der eine Handschuh lag mit geballten Fingern da wie eine harte, drohende Faust, der andere lag auf dem Rücken, die Handfläche ausgestreckt, als bitte ein Bettler um ein Almosen; beide grob, mit Anschwellungen an den Gelenken, wie abgehauen, liegen geblieben, innen noch mit Menschenfett getränkt.

Er öffnete die Büfettür; als er sich bückte, schien sein großer, schwarzer Schatten mit hineinzukriechen. Ein hartes Stück Brot war das einzige, was er fand; aus der Menage nahm er gelben Senf und strich ihn aufs Brot, dazu etwas Salz; aber als er es zum Munde führte, roch es nach Petroleum, weil er die Lampe angefaßt hatte, und er legte das Brot auf ein Brett, dessen gemustertes Papier an die Streifen erinnerte, die kleine Kinder um den Hals tragen. Da dachte er: wenn man das Brot mit dem Senf darauf findet, könnte eins von den Kindern morgen Schläge bekommen, weil es unschuldig dieser Untat beschuldigt wird. Er nahm das Brot in die eine Hand und die Lampe in die andere, blieb aber unentschlossen mitten im Zimmer stehen, da er nicht wußte, wo er den lästigen Zeugen seiner seltsamen nächtlichen Expedition verstecken sollte. Wenn ich es in den Ofen lege, wird es morgen früh vom Mädchen gefunden werden; sie bringt es sofort zur Hausfrau und beschuldigt natürlich die Kinder oder das Kind, das sie am wenigsten mag, und dann gibt es Prügel, zunächst wegen des Vergehens, dann wegen des Leugnens. Das habe ich selbst erlebt. Es mußte aber entfernt werden, und er machte schließlich ausfindig, daß die einzige Möglichkeit sei, es in Papier zu wickeln, in die Tasche zu stecken und den morgigen Tag abzuwarten. Er ging nun an den Zeitungsständer, um sich das nötige Papier zu holen, und sein Riesenschatten erhob sich vom Fußboden, kroch die Wand hinauf und nahm die runde Wanduhr auf die Schultern, wo sie wie ein Kopf sitzen blieb, in dem die beiden Löcher zum Aufziehen die Augen bildeten und der Name des Uhrmachers den Mund. Als er vor dem Zeitungsständer stand, besann er sich, denn, dachte er, wenn eine Zeitungsnummer vermißt wird, können die Mädchen unschuldig Schelte bekommen. Es war ein schwieriger Fall. »Ich nehme die Annoncenbeilage,« sagte er, zögerte aber wieder, denn »auf dem Lande liest man die Annoncen, und habe ich Pech ... und das habe ich seit einiger Zeit, ohne zu wissen, warum ...« Er hatte aber doch ein Blatt ergriffen, und als er es entfaltete, knisterte es und machte solchen Lärm, daß er Angst bekam. Auf der ersten Seite des Blattes stand eine Riesenannonce: Frische Austern. Austern, gerade jetzt, im Metropol, um halb zwölf, bevor zugemacht wurde, das wäre etwas! Er näherte sich dem Fenster und wollte das Stück Brot durch die Lüftungsklappe werfen, aber kein Tier würde den Senf fressen, und es wäre wieder dieselbe Geschichte.

Jetzt stand er am Fenster; und als er in die Nacht hinausblickte, sah er in dem rechten, vorspringenden Flügel Licht; er stieg auf einen Stuhl, nachdem er die Lampe unter dem Klavier versteckt hatte, und jetzt konnte er sehen ... In der guten Stube saß das Ehepaar am Kaminfeuer; der Mann bei einem Grog und einer Zigarre, munter plaudernd. Ein kleiner Tisch stand hinter ihnen, gedeckt und mit den Resten eines netten Soupers; die leuchtend rote Schale eines Hummers stach in die Augen, daß es weh tat ...

Gustav Borg hatte nie Mitleid mit König Lear gehabt; hatte gefunden, er liege, wie er sich gebettet habe, da er als Schwiegervater sich bei Neuvermählten niederließ und eine Garnison von hundert Mann mitbrachte. Er hatte auch Vater Goriot gut bezahlt gefunden durch die Zärtlichkeit, die er seinen Kindern schenken durfte, denn nicht alle Kinder nehmen Zärtlichkeit an. Trotz all dem fühlte er einen Stich im Herzen, stieg vom Stuhl herunter und ging mit seiner Lampe in das anstoßende Zimmer, das das Kontor war. Da stand eine Rasiertoilette, und als wisse er, was er suche, zog er die Schublade auf, nahm das Rasiermesser heraus und den Streichriemen und begann es abzuziehen.

»Das beste ist, Schluß zu machen! das beste ist, Schluß zu machen!«

Aber dann besann er sich; erst mußte das Brot weg, zuerst; unbedingt. Er warf es oben auf den Ofen, und im gleichen Augenblick fühlte er sich befreit, erlöst von etwas.

Und dann nahm er das Fell, das unter dem Schreibtisch lag, und legte es über sich, als er auf das Ledersofa niedersank.

Seine letzten beiden Gedanken, ehe er einschlief, waren diese:

»Hier ist es jedenfalls warm und schön. Und: sie mögen ja Abendbrot und Kognak haben holen lassen, als ich mich schon zu Bett gelegt hatte. Vielleicht sind sie auch bei mir gewesen, um mich einzuladen, haben mich aber schlafend gefunden. Man verurteilt ja so oft Menschen zu Unrecht.«

* * * * *

Als Gustav Borg am nächsten Morgen aufwachte, hatte sein Körper durch die Ruhe die Kraft zu leiden wiedergewonnen; denn ein Geschwächter hat nur die Fähigkeit, sich stumpfer Gleichgültigkeit hinzugeben. Er sprang völlig wach vom Sofa auf und übersah die ganze Situation. Hier konnte er nicht bleiben, das war das erste; in der Stadt wollte er nicht wohnen, von Hause war er vertrieben, aber in diesem Kirchspiel mußte er sich des Prozesses wegen aufhalten. Ihm fiel ein Bauer ein, der ein Zimmer an Sommergäste zu vermieten pflegte. Zu diesem wollte er jetzt fahren; und da er am liebsten ohne Abschied abreiste, ging er in den Stall hinunter, um sich Pferd und Schlitten geben zu lassen.

Der Stallknecht, der seinen Lohn nicht erhalten und am Abend vorher vom Herrn Schelte bekommen hatte, war heute besonders mitteilsam. Und als der Redakteur den Pferdestand leer sah, erzählte der Knecht sofort, das Pferd sei verkauft, ebenso der Schlitten; er war auch nicht faul, zu erzählen, daß der Speicher leer, der Hof verfallen und der Boden ausgesogen sei.

Das war ein neuer Schlag für ihn, da er für die Pacht Bürgschaft geleistet hatte; und er war eben im Begriff, nach dem Hause zurückzugehen, als eine kleine, windige Figur an ihn herantrat und fragte, ob er Redakteur Borg sei. Nachdem er sich zu erkennen gegeben hatte, wurden ihm zwei gestempelte Schriftstücke eingehändigt, die er durchflog und in die Tasche steckte.

Statt zusammenzuschrumpfen, schien er zu wachsen, denn er hatte nun etwas, gegen das er reagieren konnte, etwas, was zu fassen war.

Er wendete sich zu dem Polizeidiener und fragte: »Glauben Sie, daß man bei dem nächsten Nachbarn Fuhrwerk bekommt? Ich muß nämlich um elf auf dem Pfarrhof sein.«

»Der Nachbar pflegt immer Fuhrwerk zu haben,« antwortete der Polizeidiener und damit ging er.

Gustav Borg sah nach seiner Uhr und konstatierte, daß er mit Pferd und Schlitten rechtzeitig zu der Sitzung des Kirchenrats kommen werde, zu der er zwecks Entgegennahme der Verwarnung geladen war. Er knöpfte den Rock wieder zu, begann zu marschieren und fühlte sich wie ein Soldat, der zu einem Feldzug aufbricht.

Aber der Schnee war tief, der Weg ungebahnt, und das Gehen wurde bald beschwerlich.

Er hatte gute Zeit, über seine Lage nachzudenken.

Von den beiden barbarischen Arten, ein vieljähriges Zusammenleben zu lösen, hatte man also die demütigende und schamlose gewählt, die Gatten dem Gerichtshof, der Kirchenrat hieß, auszusetzen. Da würden sie sitzen und einander bloßstellen, sich gegenseitig anklagen und wie Unmündige Ermahnungen entgegennehmen. Ein ganzes langes Zusammenleben würde aufgerollt werden, obwohl mein und dein ihre Wurzeln so verflochten hatten, daß das eine nicht abgetrennt werden konnte, ohne daß das andere zerriß; wo Schuld und Nichtschuld unmöglich abzuwägen war, wo Ursache mit Wirkung verwechselt wurde und umgekehrt, wo alles Alte, das vergeben und vergessen war, ausgegraben und in neue Beleuchtung gesetzt werden sollte; was in Liebe vergeben war, sollte jetzt in Haß angeklagt werden.

Diese Art hatte man gewählt, um die entehrende, obligatorische Flucht zu vermeiden, wo der Zurückbleibende die Schande des Verlassenseins trägt und der Weglaufende die Schande der Untreue auf sich lädt; und trotzdem stimmte die Flucht mehr mit menschlichen Begriffen von Scham überein, da man den Schauplatz verließ und sein Elend vor neugierigen Blicken versteckte.

Die Verwarnung des Kirchenrats war aber nur eine Formalität, die den Gerichtsverhandlungen voranging, und er war vor den ersten Frühjahrsting bestellt worden, angeklagt nach Paragraph so und so des Gesetzes, das seine Verurteilung wegen Ehebruchs unter Verlust aller ehelichen Rechte forderte.

Als er die schweren Schritte gegangen war und das Haus des Nachbars sah, war er fast entschlossen, sich vor dem Rat nicht einzufinden, teils um die entsetzliche Szene zu vermeiden, bei der er seiner Gattin begegnen würde, teils weil er alle Verteidigung für nutzlos hielt.

Als er zu dem Bauern kam, erfuhr er, daß alle Pferde fort seien. Das war ihm wie eine Befreiung, und er setzte sich zum Ausruhen auf eine Bank. Aber der Bauer war zufällig Schöffe und interessierte sich für die Angelegenheiten des Kirchspiels.

»Wollen Sie zum Kirchenrat?« fragte er.

»Ja, da Sie es ja wissen!« antwortete der Redakteur.

»Den darf man nicht versäumen,« fing der Bauer wieder an; »denn der Ting urteilt nach dessen Protokoll, und hat einer etwas zu seiner Verteidigung anzuführen, so muß es jetzt gleich geschehen.«

Diese einfache Mitteilung setzte den Unentschlossenen in Flammen; er sprang von der Bank auf, sah auf seine Uhr und fragte:

»Kann ich zu Fuß gehen?«

»Ja, aber dann müssen Sie rasch gehen und noch dazu über die Kirchbucht.«

»Hält die Kirchbucht denn?«

»Ja, gestern hat sie gehalten, heißt es.«

»Also dann leben Sie wohl, Schöffe. Aber richtig: kann ich hier für den Winter das Sommerzimmer mieten?«

»Ja, das wird wohl gehen!«

»Ich komme zurück, dann sprechen wir darüber.«

Und nun begann der Marsch wieder. Jetzt wußte er, daß er hin mußte, hin mußte, um sich zu verteidigen, falls die Angabe von Motiven wenigstens als mildernder Umstand gelten konnte, da das Gesetz private Abmachungen, die zu der geltenden Verfassung im Widerspruch standen, nicht anerkannte.

Als er eine halbe Stunde gegangen war, kam die Sonne hervor, und da sie tief stand, brannte sie. Er machte den Rock auf und nahm den Hut in die Hand. Der Schnee schmolz halb, wurde feucht und ballte sich unter den Stiefeln. Die Schritte wurden immer schwerer, die Atemnot wuchs und die schweißigen Unterkleider brannten wie Nesseln.

Aber er mußte vorwärts. Wie er sich nach einer neuen halben Stunde umdrehte, sah er seine Fußspuren eine krumme Linie von Vertiefungen bilden.

Nach abermals einer halben Stunde kam er an die Landstraße; mit wiedergewonnenen Kräften marschierte er, wie befreit von Fußfesseln, und als er auf eine Höhe gelangte, sah er in der Ferne die Kirche. Doch die Bucht trennte, und die sah man nicht von seinem Beobachtungspunkt. Dann ging es abwärts, und er lief zu den Fischerhäusern hinunter. Da blieb er stehen und sah -- die Bucht offen liegen, blau, satirisch lächelnd, zwischen sich und dem Walplatz, wo die Schlacht stattfinden sollte; als er auf die Uhr blickte, sah er, daß zehn Minuten an elf fehlten. Er stürzte zum Fischer hinein und fragte nach einem Boot.

»Das Boot ist versenkt, weil es gedichtet werden soll.«

»Kommen Sie mit und schöpfen Sie es aus!«

»Nee, was hätte das für einen Zweck?«

»Helft mir, Leute, ich muß um elf in der Kirche sein.«

Nein, man hatte gar keine Lust dazu.

Da lief er nach dem Boot hinunter und sah es unter Wasser liegen. Es war ein alter Kahn ohne Ruder und Schöpfkellen. Er lief umher, um die Ruder zu suchen, fand aber keine; er suchte einen Eimer zum Schöpfen und fand keinen; an einer Wand aber stand eine etwas gewölbte Schaufel. Die nahm er, kehrte nach dem Boot zurück und warf den Rock ab; und während er in Hemdsärmeln breitbeinig auf den Bootsrändern stand, schöpfte er das Boot mit der Schaufel halb leer. Darauf stieß er ab, und wie ein Kanuführer paddelnd, rettete er sich über die Bucht, während der Kahn Wasser schöpfte. Als er das andere Ufer erreichte, sank das Boot. Er ließ es liegen, warf die Schaufel hinein und lief nach dem Pfarrhause hinauf.

Er hatte nicht Zeit gehabt, sich die Szene, die ihn erwartete, auszumalen; er hatte nur das bestimmte Gefühl, daß der Pastor ihm nach dem letzten Auftritt feindlich gesinnt sei, und daß der Kirchenrat, der aus Pietisten bestand, ihm hart zusetzen werde. Als er den Saal betrat, fand er seinen Schwager als Wortführer dasitzen, ruhig, würdig, mit fast freundlichem Ausdruck.

Frau Borg saß kalt, abwartend auf einem Sofa.

Als der Redakteur gegrüßt hatte und aufgefordert worden war, Platz zu nehmen, eröffnete der Geistliche die Verhandlung mit einem Hammerschlag und fragte den Rat, ob man ihn als Schwager des Ehegatten und als Bruder der Gattin für befangen erklären wolle.

Niemand wollte Einspruch erheben, und so begann der Vorsitzende.

»Meiner Pflicht gemäß und nach den Instruktionen des Kirchenrats frage ich hiermit meine Schwester, ob sie die Ehe mit Gustav Borg fortzusetzen gedenkt?«

»Nein!« antwortete Frau Brita, kurz, überlegt.

»Dann will ich Gustav fragen, ob er die Absicht hat, die Ehe fortzusetzen?«

»Nein,« antwortete der Gefragte ebenso bestimmt.

»Nun muß ich meine Schwester fragen, welchen Grund sie für Auflösung der Ehe anführt?«

Frau Brita antwortete:

»Den Ehebruch des Mannes.«

Die Sache war ja bekannt, aber trotzdem wirkte das ausgesprochene Wort wie ein Schuß; die Greise am Tisch schüttelten sich, und der Vorsitzende, der es anständig und nett haben wollte, war vor den Kopf gestoßen. Er wendete sich deshalb mit einer gewissen Teilnahme an seinen alten Gegner, und da er die ganze Sachlage im voraus kannte, suchte er sofort auf die mildernden Umstände zu kommen:

»Kannst du den dir zur Last gelegten Fehltritt ungeteilt auf dich nehmen, Gustav Borg?«

»Ein Verbrechen habe ich nicht begangen, denn ich habe mein Ehegelübde nicht gebrochen, da ich von ihm entbunden worden war, und zwar von dem einzigen Menschen, der das Recht hatte, mich davon zu entbinden, nämlich von meiner Frau.«

Neues Schaudern am Ratstisch; und gleich darauf die Stimme des Wortführers:

»Ist das wahr, muß ich meine Schwester fragen?«

»Das ist Lüge!« antwortete Frau Brita.

»Da haben wir es,« fiel Gustav Borg ein. »Mit einem Menschen, der nicht die Wahrheit sagen _kann_, will ich nicht verhandeln und bitte mir deshalb die formelle Verwarnung zu erteilen, die nach dem Gesetz der gerichtlichen Verhandlung des Falles vorangehen muß.«

»Meine Herren,« nahm der Pfarrer das Wort, »die Ursache des ehelichen Unglücks liegt gewöhnlich so weit zurück, daß (hier warf er einen Blick nach der Tür zu seinem Innendepartement) man sie nicht genau feststellen kann. Ich bin daher der Meinung, daß wir, da man nicht wissen kann, wer angefangen hat oder wer schuld an dem ist, was später geschah, zu der gesetzlichen Verwarnung übergehen. Hat einer von den Mitgliedern eine Einwendung zu machen?«

Hier bat der freikirchliche Hofbesitzer Lundström ums Wort.

»Gegen die Erteilung der Verwarnung habe ich nichts einzuwenden, aber gegen die Auffassung des Herrn Redakteurs, als sei die Ehe nur eine private Abmachung, möchte ich opponieren. Staat und Kirche treten doch als Autoritäten auf, um Garantien zu erhalten, was daraus hervorgeht, daß der Scheidungsprozeß vorm weltlichen Gerichtshof verhandelt und die Scheidungsurkunde vom geistlichen Gericht oder Konsistorium ausgefertigt wird. Die Ehefrau kann also den Gatten nicht von seinem Treuschwur entbinden, noch ihn von dem Vergehen freisprechen.«

Redakteur Borg bat antworten zu dürfen:

»Die Ehe gründet sich zunächst auf eine private Abmachung, die in der Verlobung mündet. Und das Gesetz erkennt private Abmachungen hinsichtlich der Treue an, auch wenn die Ehe geschlossen ist. Zum Beispiel: die Frau ist untreu und gebiert in der Ehe das Kind eines andern Mannes. Hier liegt doch ein Ehebruch vor, aber er darf nicht vom öffentlichen Ankläger verfolgt werden. Wenn der Mann verzeiht, schweigt das Gesetz und erkennt damit die private Abmachung an; das Gesetz drückt ein Auge zu, und das Vergehen scheint damit einer objektiven Basis zu entbehren. Ist aber der Mann unvorsichtig genug gewesen, zu verzeihen, bereut dies später, nach der Geburt des unehelichen Kindes und beantragt Scheidung auf Grund des Ehebruches der Frau, so wird er abgewiesen, weil er verziehen hat. Und was schlimmer ist: das Kind des Fremden steht auf dem Kirchenschein des Mannes, trägt seinen Namen, beerbt ihn, nur weil er verziehen hat. Da sehen wir also, daß die private Abmachung Staats- und Naturgesetze bricht. Ich erhalte deshalb mein Verlangen aufrecht, die Anklage meiner Frau für ungültig zu erklären, da sie vier Jahre lang den Prozeß nicht anhängig gemacht hat. Nun möchte ich hinzufügen; daß ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Ehebruch des Mannes und dem der Frau besteht, ein Unterschied, den die Natur selbst angeordnet hat; denn die Untreue des Mannes kann nie die Einführung falscher Kinder in die Familie oder auf den Kirchenschein der Frau zur Folge haben (wenn sie Witwe wird und ihre eigenen Dokumente bekommt); deshalb ist das Gesetz mangelhaft, da es summarisch urteilt, als seien Mann und Frau gleich, und es ist ungerecht gegen den Mann; ja, ich kenne einen Richter, der einem Manne ein Kind zugesprochen hat, das nicht seins war, obwohl er rechtzeitig die Scheidung beantragt hatte. Dies Kind, dessen Vater offen genannt wird, steht in den Kirchenakten des Mannes, trägt seinen Namen, wird von ihm unterhalten und soll ihn beerben. Das ist doch ungeheuerlich; aber der Richter sagt, kein Mann habe das Recht, ein Kind zu verleugnen, das in seiner Ehe geboren ist.«

Frau Britas Hutfeder zitterte vor Wut, denn sie war aus dem Holz, daß sie glaubte, ihre »Ansichten« in der Frauenfrage ständen über allen Tatsachen. Was sie »finde«, sei das richtige; Gesetze hätten keine Gültigkeit mehr, wenn sie etwas »meine«, und sie konnte nie eines Irrtums überführt werden, weil sie Beweise nicht verstand und Gründen nicht zugänglich war.

Sie explodierte deshalb und plapperte über die Gleichheit von Frau und Mann, daß die Natur sie gleich gemacht habe (das weiß der Teufel), wenn auch der Mann die Frau als Sklavin behandle (als Herrin des Hauses) und diesen ganzen Unsinn, den auch die dekadenten Männer der Zeit wiederkäuten.

Schließlich schlug der Vorsitzende mit dem Hammer auf den Tisch und erklärte, das Gericht sei das rechte Forum für den Scheidungsprozeß, der Frauenklub aber das Forum für Weibergezänk.

Darauf verwarnte er die Gatten und erklärte die Sitzung für aufgehoben.

Dies war der gewöhnliche Ausgang der Gespräche zwischen Mann und Frau am Ende des Jahrhunderts: die Sitzung wurde aufgehoben.

Die Frauenfrage, das größte und schwierigste Problem der damaligen Zeit, war wohl sozusagen die letzte Deduktion der Demokratie ~in absurdum~. Alle Menschen seien gleich (obwohl sie so ungleich sind); das war die falsche These. Die Demokraten mußten sie beibehalten oder ihre Grundsätze verleugnen. Die Aristokraten machten mit, teils um Stimmen zu bekommen und die Taschen der Demokratie zu bestehlen, teils weil sie in der Frau nach ihrer veralteten Weltanschauung ein höheres Wesen sahen.

Da war so viel Scheinbares und so viel Wirkliches. Die Frau, die ein Mann liebt, ist ihm anscheinend überlegen, so lange er sie liebt, aber nur ihm, und sie erscheint nur ihm so, denn es gehört zur Liebe des Mannes, daß er sie über sich stellt und auch über andere. Nun aber wurde dies in ein System gebracht und der Mann dankte ab. Nie hat man den Mann so auf dem Bauch kriechen und den Boden unter den Füßen der Frau fressen sehen wie damals. Männer, von denen man Besseres geglaubt hatte, ergötzten sich daran, auf Salonteppichen zu den ungewaschenen Füßen der häßlichsten Frauen zu liegen. Statt daß wie früher auf der Straße der Mann der Frau den Arm bot, was schön wirkte, weil es richtig war, sah man jetzt die dekadenten Männer von ihren Frauen geführt werden.

Die Frauen kleideten sich wie Männer und die Männer wie Frauen; das Armband ging auf den Mann über. Das war Perversität, und man begann unangenehme Verwechselungen der Geschlechter wahrzunehmen; während aber die perversen Männer ausgesprochene Frauenfreunde waren, sei es, weil sie ihr Gebrechen vertuschen wollten, sei es, daß sie etwas Weibliches in ihrer eigenen Natur sich regen fühlten, wurden dagegen die perversen Frauen ausgesprochene Hasser des männlichen Geschlechts, woraus sie kein Hehl machten; und ihre Lebensaufgabe war, die Ehe zu sprengen, -- natürlich um die Frau zu befreien.

Das Problem, das von Kreti und Pleti durcheinandergewirrt worden war, konnte jedoch auf die eine Formel reduziert werden: Die Befreiung der Frau sollte Befreiung von Kindergebären und Kindererziehen sein. Glaubt ein vernünftiger Mensch an ein solches abnormes Verhalten der Natur? Und wer soll Kinder gebären, wenn nicht die Frau? Das war ja alles Unsinn! Aber auch im Staat der Zukunft, in dem die Frau arbeitete, mußte die Frau doch in der Regel Kinder haben, so daß eine Emanzipation im eigentlichen Sinne wohl nie zustande kommen konnte. Warum also um einiger hysterischer Frauen willen die Gesellschaft um und um kehren?

Indem sie den Männern die Stellen wegnahmen, wurde ja für jeden brotlosen Mann eine Ehe unmöglich; dadurch wurden die Ehen vermindert und die Prostitution erhöht! Und dafür arbeiteten Staatserhalter und Sittlichkeitsfreunde.

Es war die reine Verrücktheit!