Part 10
Sie ging direkt nach Hause und setzte sich in ihr Zimmer. Es war Nacht, aber hell, und vereinzelte Töne der Kurhausmusik drangen bis zu ihr. Da fiel ihr das Chopinsche Nocturno ein, das er ihr in der seltsamen Gesellschaft dort in Upsala vorgespielt hatte. Mit ihrem kalten nüchternen Temperament hatte sie geglaubt über so kindliche Gefühle wie Erotik erhaben zu sein; doch jetzt war sie gefangen, da war kein Zweifel. Und da saß sie und weinte, vor Schmerz, verschmäht zu sein.
Da sie nicht einschlafen konnte, ging sie hinaus; kam an den Strand hinunter und nahm sich ein Boot; setzte sich an die Riemen und steuerte über den Fjord auf eine kleine Schäre zu, die ihr Ziel zu sein pflegte.
Sie mußte an dem Kurhaus vorbei, und da ertönte noch die Musik; die erblassenden Lichter leuchteten durch die Fenster. Sie wollte fliehen, wurde aber dahin gezogen, als triebe sie die Strömung. Da holte sie mit den Rudern aus und wendete, direkt auf die hinterste Landzunge zu, so daß sie das Land im Rücken hatte, und dann steuerte sie hinaus.
Doch die Klaviermusik folgte ihr mit dem schwachen Landwind. Und sie wurde gezwungen, die Ruder im Takt des Walzers zu bewegen, eins, zwei, drei, und das war, als würde sie von drinnen kommandiert, von da hinten, wo die beiden Körper sich im gleichen Rhythmus bewegten. Da wendete sie wieder; aber sie kam nicht los davon, kam nicht aus diesem Zauberkreis heraus. Plötzlich verstummte der Walzer und es entstand eine Stille, die nur von Möwen und Wellengeplätscher gestört wurde. Dann begann die Stille vernehmlich zu werden, und in ihrer Erinnerung hörte sie das Nocturno, vernahm es vielmehr, wie man innerlich sich an, Musik erinnern kann. Doch, dies waren ja wirkliche Töne, ~G~-dur, wie moll klingend; es war sein Anschlag, seine Art zu spielen! Welch ein Verrat! Er spielte ihren Chopin der andern vor, zog sie unter diese Decke, unter der sie beide sich einmal verborgen hatten.
Jetzt floh sie im Ernst aufs Meer hinaus und versuchte durch das Geräusch der Ruder die Musik zu übertönen; das Rauschen des Wassers am Kiel half mit, und sie war schließlich außer Hörweite, als sie an einer kleinen Schäre mit einer Kiefer vorbeifuhr. Da aber, als sie das Tempo verlangsamte und die Ruder einzog, hörte sie ein leises Knarren von Riemen in den Dollen von der andern Seite der Schäre. Im nächsten Augenblick schoß der scharfe Kiel eines weißen Kahnes über den niedrigen Felsen, ein Kopf wurde sichtbar und der an den Rudern sitzende Graf tauchte auf.
»Bist du es, Esther?« fragte er ganz ruhig.
Das Mädchen antwortete ohne ein Zeichen des Erstaunens.
»Ja, und bist du hier?«
Was sie hinter sich zu haben geglaubt hatte, war vor ihr; der Stromwechsel vollzog sich so plötzlich, daß sie sofort normal funktionierte.
»Das war ja eine schreckliche Sitzung!« fuhr der Graf fort.
Jetzt erst kam Esther in die qualvolle Stimmung zurück, die sie hinter sich hatte:
»Ich dachte, du seist noch da und tanztest mit der Schönen!«
»Nein, danke vielmals! das ist so eine, die einen Schweif hinter sich haben muß; eine kokette Kokotte! Sie bandelte mit mir an, um den Seeoffizier zu bekommen; und dann nahm sie den Seeoffizier, um den Postmeister zu ärgern; und daß sie bei dem Apotheker enden würde, war vorauszusehen.«
»Soo?« wendete Esther ein, »sie wurde schon Gräfin genannt!«
»Ach, sie hat mich ausgenutzt? So sah sie aus, und sie wird wohl mit einer Hundehochzeit enden.«
»Was ist das?«
»Wollen wir an Land gehen und uns den Sonnenaufgang ansehen?«
Sie gingen an Land, und da die Ursache zu Esthers Kummer beseitigt war, verfiel sie in ihren alten gewöhnlichen Humor voll stiller, indolenter Skepsis und ohne eine Spur von Erotik.
Und dann fuhren sie im Sonnenaufgang nach Hause.
* * * * *
Graf Max blieb acht Tage im Hotel auf Storö, und in der ganzen Zeit verkehrte er vertraulich mit Esther. Sie segelten und machten Spaziergänge, gingen aber nie ins Kurhaus; ihr Verhältnis war unverändert, mit dem kleinen Unterschied, daß Esther ihr Äußeres zu pflegen begann, mit der weiblichen Kleidung weibliche Manieren annahm und gewisse Züge einer wilden, gesunden Schönheit verriet. Die Eltern sagten nichts, denn sie wußten, daß hier nichts half. Aber eines Abends -- eines Abends waren die jungen Leute weit in den Wald gegangen, um das Meer anzuschauen. Sie hatte sich auf einen Stein gesetzt und er hatte sich neben ihr ausgestreckt. Es sah intimer aus, als es war, besonders da er gerade ihre Hand gefaßt hatte und fragte, woher sie den Ring habe, den sie trug.
Da trat plötzlich Vater Borg, der Redakteur, vor, und zitternd brachte er nur die gewöhnlichen Worte heraus:
»Sind die Herrschaften verlobt?«
Die Situation war peinlich, und der Graf mußte zuerst sprechen:
»Daran haben wir nie gedacht,« antwortete er und erhob sich langsam; dabei betrachtete er Esthers Gesicht, das einen neuen Ausdruck angenommen hatte, einen Ausdruck von Schüchternheit, Scham und kindlicher Furcht vor dem Vater, und entdeckte mit einem Schlage die Art ihrer Intimität. Deshalb fuhr er, jedoch in verändertem Ton, fort:
»Das hängt übrigens von Esther ab.«
Das Mädchen wechselte bei diesem Zugeständnis wieder die Farbe, und der Vater hatte unfreiwillig den Funken entzündet, der noch kurz vorher nicht geboren war.
»Wenn Max das für möglich hält und ...«
Hier brach sie in Tränen aus und warf sich dem Vater in die Arme, als wolle sie da die Gefühle verbergen, deren sie sich selbst schämte.
Es war lange her, seit Gustav Borg so etwas miterlebt hatte; und als er Esther in seinen Armen hielt, war es ihm, als sei sie wieder Kind, und seine väterlichen Gefühle strömten auf den jungen Mann über, dessen Hand er faßte.
»Viel Glück denn!« sagte er und raffte seine Männlichkeit zusammen. »Jetzt verlasse ich euch; aber ich erwarte die Herrschaften zum Abendessen in meinem Hause.«
Und dann ging er.
Die Verwandlung hatte sich vollzogen, die Transfiguration; und die beiden jungen Menschen standen da nicht als Kameraden und Freunde, sondern als Mann und Weib; sie gewahrten gewissermaßen ihre Nacktheit, wurden schüchtern und sprachen mit neuen Stimmen neue Worte, sie wanderten Hand in Hand wie kleine Kinder unter zitternden Bäumen; und als sie Menschen trafen, schämten sie sich nicht, sondern waren stolz wie junge Götter und meinten, alle beugten sich und grüßten sie mit Ehrfurcht.
* * * * *
Das war der Sommer 1890. Das folgende Jahr verging auf die gleiche Weise mit Lernen zum Examen und Zukunftsplänen. Die Eltern wollten gern das Gespräch auf die Heirat bringen, aber die Jungen antworteten nicht. Manchmal erregte dies Schweigen Beunruhigung. Aufgehobene Verlobungen waren sehr häufig, aber unangenehm; man hatte sich als Verwandte gefühlt, hatte die Interessen vereinigt, Vorschuß auf Gefühle genommen und vielleicht materielle Werte vermengt.
Frau Brita war ruhiger als Gustav.
»Laß sie; wir dürfen uns nicht einmischen.«
Dann kamen die Weihnachtsferien 1892. Da hatte Frau Brita, ohne ihren Mann zu hören, den Bräutigam eingeladen, bei ihnen auf Storö zu wohnen. Gustav war in Wut geraten, doch vor der vollendeten Tatsache mußte er sich beugen.
Weihnachten war vergangen, und es war an einem der letzten Tage des Jahres.
Es war grau und trüb, und Gustav Borg wollte eine Partie Brett spielen. Zu dem Zweck ging er ins Turmzimmer hinauf, um seinen Schwiegersohn zu suchen. Als er sah, daß der Schlüssel abgezogen war, klopfte er. Niemand öffnete, und er hörte zwei Stimmen, die flüsternd das Wort »still« aussprachen.
Da verstand er und ging hinunter, um seine Frau aufzusuchen. Da er wußte, wie schnell sie mit Antworten bei der Hand war, legte er sich in Gedanken eine Auswahl von Fragen zurecht, mehr in behauptender Form; denn es war schwerer, einer Beschuldigung auszuweichen, als eine Frage mit nein oder ja abzufertigen. Er schlug also wie ein Blitz in Frau Britas Schreibküche ein und rief:
»Seit wann weißt du, daß die jungen Leute sich auf seinem Zimmer einschließen?«
»Seit wann? Seit sie hier sind!« antwortete Frau Brita, die gerade einen Aufsatz über die neuen Formen der Ehe schrieb.
»Es geschieht also mit deinem Wissen und deiner stillschweigenden Zustimmung!«
»Mit meiner offenen Zustimmung.«
»Kupplerin!« schrie der gereizte Vater und ließ einen Stuhl um vier Axen rotieren.
»Schäme dich!« antwortete die Frau.
»Du hast unser Haus zu einem Bordell gemacht!«
»Das ist es wohl immer gewesen!«
Damit war ja alles gesagt, aber der Vater sprach in diesem Augenblick von seinem Standpunkt als Vater und nicht als Gatte, deshalb ging er seinen Weg weiter:
»Jetzt gehe ich hinauf und schlage die Tür ein, dann jage ich die beiden mit dem Stock hinaus und beantrage die Scheidung ...«
»Mit welcher Begründung?«
»Mit der Begründung, daß die Frau als Kupplerin ihrer Tochter auftritt.«
»Und die minderjährigen Kinder?«
»Die nehme ich, da du als Mutter unwürdig befunden wirst.«
»Du willst mich fortjagen?«
»Ja!«
»Hör einmal, Gustav, um der Kinder willen, willst du dies nicht im Guten abmachen?«
»Nein!«
»Dann verlange ich Aufschub!« antwortete Frau Brita; »ich muß die Angelegenheiten des Hauses ordnen, verstehst du, und dann verlasse ich dies Haus in Frieden.«
Das klang aufrichtig und war es auch teilweise als Ausdruck des Schmerzes, der immer den Gedanken an Scheidung begleitet. Der Mann, der dasselbe empfand, ließ sich täuschen und versprach, drei Tage lang nichts zu unternehmen, gegen die Zusicherung, daß der Graf das Haus verlassen werde.
Darauf zog er sich in seine Zimmer im ersten Stock zurück und bat, bei Tisch nicht auf sein Erscheinen zu rechnen.
* * * * *
Am Abend nach diesem Auftritt hörte Gustav Borg ein eifriges Telephonieren, ein Vorfahren und Abfahren von Schlitten, ein Tappen auf Treppen und Korridoren; aber da das Haus sehr groß war und er keine Neugier zu zeigen wagte, blieb er im Unklaren über das, was vorging. Diese Ungewißheit wirkte jedoch beunruhigend, besonders da sein Entschluß ja von den Angriffsplänen der andern abhing. Seine Vermutungen begannen ihr Spiel, und er stellte eine Kombination nach der andern auf, verwarf sie aber immer wieder, wenn der lose Sand seiner Vermutungen nicht stand hielt.
Die Einsamkeit in dieser Lage wurde ihm unerträglich; doch er wagte seine Zimmer nicht zu verlassen. Er wollte seiner Gewohnheit getreu ins Kinderzimmer hinuntergehen und den kleinsten Kindern gute Nacht sagen, einem Knaben von sechs und einem Mädchen von vier Jahren; aber sie schliefen nicht allein, sondern das Kinderfräulein war bei ihnen, und heute war der Augenblick nicht gut gewählt, sich bei ihr zu zeigen, aus den Gründen, die Frau Brita bei einem früheren Anlaß angedeutet hatte. Da war sein schwacher Punkt, den er bisher verborgen gehalten hatte und der jetzt drohend hervortrat.
Er war langsam hineingeglitten in dies Verhältnis, das nicht auffiel und geheim gehalten wurde, das man beargwöhnte, aber doch duldete, das auf die Physiognomie des Hauses keinen Einfluß hatte, das fast respektiert wurde, weil die Frau des Hauses sich nicht darum kümmerte. Nach fünfundzwanzigjähriger Ehe hatte Frau Brita vor vier Jahren bei der Geburt des letzten Kindes erklärt: mehr Kinder wolle sie nicht haben, und den Rest ihres Lebens wolle sie dem Dienst der Allgemeinheit und der Menschheit widmen. Das war nichts Neues, denn sie hatte schon bei der Ankunft des ersten Kindes erklärt, mehr wolle sie nicht haben. Und dann kamen sie doch, kamen infolge eines unglücklichen Zufalls, wie ja die meisten Menschenkinder zur Welt kommen. Doch jetzt war ihr Entschluß so unerschütterlich, daß sie ihren Mann von dem Versprechen der Treue entband, als er erklärte, als verheirateter Zölibatär nicht leben zu können. Sie wollte nur »in Frieden gelassen werden« und »nichts davon erfahren«. Es ist ja nicht so leicht für einen Mann, seine Neigung zu ändern; man hat nicht gleich eine neue bei der Hand, wenn der Zufall nicht günstig ist. Der Zufall bot sich in Gestalt des Kinderfräuleins. Als Frau Brita ihr Haus dem siebenundzwanzigjährigen Fräulein überließ, tat sie das ohne Bedauern. Das Fräulein war verständig und unterwürfig, suchte nicht die Macht, nahm aber die Arbeit auf sich. Sie und der Mann besorgten Kinder und Haushalt; und da die Frau meistens fort war, wenn sie nicht schrieb, so entstand in der Einsamkeit ein natürliches Freundschaftsverhältnis zwischen dem Mann und der Pflegerin seiner Kinder; und bald nahm ihre Verbindung den angedeuteten intimen Charakter an, ohne jedoch eine merkliche Änderung im Zusammenleben der Ehegatten herbeizuführen, das im Gegenteil achtungsvoller und weniger stürmisch als früher wurde.
Die Maschinerie des Hauses ging lautlos und würde auch weiter so gegangen sein, wenn nicht die Frau ihre Stellung bedroht gefühlt und vor allem gefürchtet hätte, von den Kindern getrennt zu werden, die vielleicht, nachdem sie selbst aufs Trockene gesetzt war, eine Stiefmutter bekommen würden.
In dem Gefühl des Bevorstehenden hatte sie in aller Eile Anhänger und Waffen gesammelt, entschlossen, den Kampf aufzunehmen und den Feind zu töten, lieber als getötet zu werden.
* * * * *
Nach einer schlaflosen Nacht voller Zweifel und Ungewißheit erwachte Gustav Borg und kleidete sich an. Darauf ging er ganz einfach hinunter an den Kaffeetisch, wo er Frau und Kinder traf. Alles war wie sonst, aber doch etwas verändert. Esther war kalt und verschlossen, und als der Vater mit einem Blick nach Graf Max suchte, hatte die Mutter sofort eine Erklärung bereit:
»Max läßt vielmals grüßen; er wollte dich nicht stören.«
Diese einzige Antwort machte das ganze Geheimnis des Familiengebäudes aus: Hingehen lassen, abfließen lassen, Kompromisse schließen, stillschweigen und weiter gehen. Das wirkte befreiend, so daß Gustav Borg sich wiederfand und dachte, alles sei vergessen; er gab sich der Freude hin, unter den Seinen zu sein, und fühlte sich stark, da er von seiner natürlichen Leibwache umgeben war.
Er ließ jeden Gedanken an Anfall und Verteidigung fallen, der Friede war geschlossen, und das Geschehene war nie geschehen; er ging hinaus in den Wald mit den beiden Kleinsten, deren Gesellschaft ihn verjüngte. Sie kamen auf eine Waldwiese, wo Eichhörnchen im Schnee sprangen, um sich nach dem langen Schlaf Bewegung zu machen. Beim Anblick der Spaziergänger eilten die flinken Tiere eine Eiche hinauf, um sich in einem Loch zu verstecken. Der jüngste Knabe, der Liebling, verlangte sofort, der Vater solle auf den Baum steigen und ein Eichhörnchen fangen. Alle Vorstellungen halfen nichts, und wenn der Knirps mit den Augen bat, war er unwiderstehlich. Der Vater warf den Rock ab und enterte die Eiche, aber ohne ein anderes Resultat, als daß er schwitzend und mit zerschrammten Händen wieder herunterkam.
Das erinnerte an eine Szene im vorigen Sommer, als der Vater sehr früh an den Strand gegangen war, um allein zu baden. Er hatte seine Schwimmtour gemacht, war wieder angezogen und freute sich innerlich auf den wartenden Kaffee, als das Bürschchen an den Strand kam, um dem Schwimmen zuzusehen. Die Enttäuschung des Kleinen, als er zu spät kam, war groß, und er begann zu weinen. Um schnell seine Tränen zu trocknen, zog der Vater sich wieder aus, sprang ins Wasser und schwamm hinaus, was nicht nach seinem Geschmack war; doch er fühlte sein Opfer belohnt in der unermeßlichen Freude, die seine Mühe und Selbstüberwindung hervorriefen.
Nun besuchten sie zusammen alle alten Spielplätze, Grotten und Fuchslöcher, seltsame Strandsteine, Ameisenhaufen, umgewehte Bäume; und der Vater sah das alles wieder, als sei es verloren gewesen und wiedergefunden. Sie suchten Hasenspuren auf, und er lehrte die Kinder sie von Fuchsspuren unterscheiden; sie studierten Vogeltritte und die langen Linien der Ratten; sie sahen Birkhühner in Birkenwipfeln und Dompfaffen in Fichten ...
In dieser stillen, unschuldigen Freude wurde er plötzlich von einem Gefühl überfallen, wie es einen bei einem Abschiedsbesuch überkommt. Und er ging wieder nach Hause, unruhig, beklommen, ahnungsvoll.
Darauf hielt er sich in seinen Zimmern auf und horchte auf jeden Laut. Aber es war meistens still, und diese dumpfe Stille quälte ihn.
Gegen Abend war er so von Unruhe erfüllt, daß er mit jemandem sprechen mußte, wenn er nicht zerspringen wollte. Mit seiner Familie konnte er nicht sprechen, denn sie mußten ja schweigen, sonst zerbrach die spröde Kette.
Er wußte wohl, wo er Auskunft bekommen würde, aber zur Freundin wagte er nicht zu gehen. Da klopfte es an die Tür, und als er öffnete, stand das Kinderfräulein draußen, glitt schnell ins Zimmer hinein und verschloß die Tür.
»Ich muß mit Ihnen sprechen, Gustav!« rief sie. »Hier geschieht so vieles im Hause, was ich nicht verstehe ...«
»Setzen Sie sich, liebe Freundin, und sagen Sie mir, was Sie wissen.«
»Ja, ich weiß nichts Bestimmtes; aber oben auf dem Boden wohnt jemand, der sich nicht zeigt. Es wird ihm Essen hinaufgetragen, und die gnädige Frau geht dorthin ...«
»Was sagen Sie?«
»Und unten im Flügel sind auch Gäste; die Mädchen antworten mir nicht und behandeln mich wie eine Feindin ...«
»Was hat man vor? Was glauben Sie?«
Da begann das Fräulein zu weinen, und Gustav Borg, der den ganzen Zusammenhang ahnte, ging an den Schreibtisch, um zu telephonieren, was, wußte er selbst nicht; es war wohl ein Ausdruck der Sehnsucht, hinauszukommen.
Da wurde zweimal an die Tür geklopft, und auf dem Korridor erklangen Schritte.
Im nächsten Augenblick hatte Gustav Borg das Fenster geöffnet, um die Tiefe zu messen; aber im Schneelicht sah er zwei Männer, die er nicht kannte.
Das Klopfen an der Tür wurde wiederholt, und jetzt hörte man eine Stimme:
»Bitte aufmachen. Der Amtmann ist hier!«
Die beiden Eingeschlossenen erstarrten, als plötzlich das Telephon zu läuten begann. Von der Macht der Gewohnheit getrieben, ging Gustav Borg an den Apparat und rief hallo!
Da hörte man, wie ein Instrument ins Türschloß geschoben wurde; der Schlüssel auf der Innenseite wurde umgedreht, ins Zimmer gestoßen und die Tür geöffnet.
Draußen standen in einer Gruppe der Amtmann, Frau Brita, Doktor Henrik Borg und alle Dienstboten.
Als habe er diese Lösung erwartet, ging der auf frischer Tat ertappte Mann geradeswegs hinaus, die Treppen hinunter. Auf dem Flur zog er sich an, lief nach dem Stall, wo er sich Pferde und Schlitten geben ließ; befahl dann: nach Langvik! und fuhr davon, um ein Obdach zu suchen bei dem Sohn, der ihm immer ergeben gewesen war und für den er bedeutende Opfer gebracht hatte.
Zehntes Kapitel
Vorm Rat
Als Gustav Borg in Langvik ankam und den Sohn abwesend fand, war er zuerst verzagt, denn er liebte die Frau des Sohnes nicht und sah an ihrer Verlegenheit, daß er unwillkommen war, weil er Forderungen hatte und weil er der Schwiegervater war. Deshalb war ihr Gespräch sehr kurz, und er schloß sich im Fremdenzimmer ein.
Warum er hierhergekommen war? Ja, er konnte sich doch nicht seinem Sohn gegenüber beklagen, denn der stand natürlich auf Seite der Mutter; und im übrigen hatte er sich ja durch seine Unvorsichtigkeit im Hause Hände und Zunge gebunden. Er mußte irgendwo in dem Bezirk bleiben, wo die Scheidung verhandelt werden würde, und hier war doch eine Art Heim, wo er mit einigem Recht sich aufhalten konnte.
Als nun Anders gekommen war und seine erste Verzweiflung sich gelegt hatte, ging er zum Vater hinein; und da er ein einfaches Gemüt hatte und verzweifelt war, konnte er weder Freude über das Wiedersehen an den Tag legen, noch ihn willkommen heißen, besonders da er von der bevorstehenden Scheidung wußte.
»Guten Tag, mein Junge,« sagte der Vater, der sofort in den leichtverständlichen Mienen des Sohnes las. »Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, denn ich werde weder lange bleiben, noch die Pacht von dir verlangen.«
Anders kaute auf dem Schnurrbart und zwinkerte mit den Augen, denn die bloße Erinnerung an die Schuld war ihm eine Qual. Dieses Schweigen machte den Vater nervös, und er mußte selber sprechen.
»Du weißt vielleicht, welche Veränderungen in meinem Hause bevorstehen -- hm! -- aber es wird bald entschieden sein.«
Anders' Gedanken waren so fern. Er hatte auf einen angenehmen Abend mit seiner Frau gehofft, an dem er unter dem sichern Schutz des erworbenen Geldes seine Reiseabenteuer erzählen wollte, und nun saß er hier und zitterte vor unangenehmen Fragen hinsichtlich des leeren Speichers und ähnlichem. Der Vater merkte wohl an seinen nach innen gekehrten Augen, daß er abwesend war; doch er verstand die Situation nicht recht.
Daß er ungelegen gekommen war, begriff er; aber er mußte aus der Verlegenheit heraus, und als er keine Antwort erhielt, wurde er selbst vernagelt und begann mit den Augen zu blinzeln wie einer, der nach einem neuen Gesprächsthema sucht. Ebenso unglücklich war die Wahl des Stoffes, den er in geheimem Gedankenlesen aus dem Bewußtsein des Sohnes schöpfte. Die Furcht, daß der wunde Punkt berührt werden könne, machte gerade diesen Stoff frei. Er mochte in den leeren Augen des Sohnes den leeren Speicher gesehen haben und wurde gegen seinen Willen dahin getrieben.
»Nun, du hast die Bücher abgeschlossen, und du bist mit deinem Jahr zufrieden? Volle Scheunen und Speicher?«
Anders wurde von der Wut übermannt, sich bloßgestellt zu sehen, wurde vor Zorn noch stummer, wollte aufstehen, um den unsichtbaren Faden abzuschneiden, suchte einen Vorwand, hätte gern von draußen gehört, daß die Frau polterte oder die Kinder sich prügelten; er war in kalten Schweiß gebadet, saß aber fest auf dem Stuhl.
»Bist du taub oder bist du betrunken?« schrie der Vater, der nicht ein Wort aus dem Angeredeten herausbekam.
Dadurch wurde Anders aus seinem wachen Schlaf aufgeweckt; wollte in einen Strom von Worten ausbrechen, erfror aber wieder vor der unüberwindlichen Kraft der väterlichen Macht. Er war nur vernichtet, fühlte sich beschämt, so daß der Vater seinen Ausfall bereute und die Szenerie zu ändern beschloß, um eine andere Stimmung zu schaffen. Er stand auf und warf eine einfache Alltagsfrage hin:
»Wann eßt ihr zu Abend? Ich bin um mein Mittagessen gekommen und habe Appetit auf etwas Warmes.«
»Wir essen nie zu Abend,« antwortete Anders. »Wir haben uns das seit einem Jahre abgewöhnt.«
»So setzt mir Butter und Brot vor,« erwiderte der Vater, »ich bin auch mit wenigem zufrieden.«
»Ja, ich weiß nicht, ob wir etwas im Hause haben.«
»So schicke doch zum Kaufmann,« half der Vater nach, da er Unrat zu ahnen begann.
»Wir haben kein Pferd im Stall.«
»Wo ist es denn?«
»Fort, nach der Stadt.«
Der Vater sah an den flackernden Blicken, daß der Sohn log, und begriff den ganzen Zusammenhang; aber jetzt vom eigenen Elend in das anderer untertauchen wollte er nicht.
»So laß uns einen Grog trinken und den Abend verplaudern,« schlug er vor.
»Wenn ich etwas im Hause hätte,« lautete die tonlose Antwort, die zur Beendigung der Unterhaltung aufforderte.
Der Vater verließ das Zimmer, mehr erstaunt über die Entdeckungen, die er gemacht hatte, als traurig; er war keine gefühlvolle Natur, hatte früh seine Ansprüche an die Menschen herabgeschraubt und liebte Abrechnungen und Erklärungen nicht. Als er in das Fremdenzimmer kam, das man zu heizen vergessen hatte, wurde er von einem solchen Frösteln befallen, daß er in Kleidern zu Bett ging; denn er wollte keinen Lärm im Hause machen. In der Karaffe war kein Wasser, ein Lichtstumpf verhieß nur für eine Stunde Licht, und das leere Fenster ohne Rouleau fraß das meiste von dem Lichtschein auf; die grauen Speisekammertapeten sahen wie die ewige Langeweile und Eintönigkeit aus, die spärlichen Möbel sprachen von Armut und Ruin.
Er war so überwältigt von den aufregenden Erlebnissen des Tages, daß er sofort in einen todesähnlichen Schlaf fiel.
Als er aufwachte, dachte er, es sei Morgen; doch im selben Augenblick schlug die Eßzimmeruhr, und er zählte elf Schläge. Elf! Er hatte sich um neun Uhr hingelegt, und nun sah er die lange schlaflose Nacht vor sich, denn er war vollkommen munter.