Die Gnadenwahl: Erzählung

Part 3

Chapter 32,083 wordsPublic domain

Heinrich beharrte: »Das war auf der Landstraße. Du nahmst dich gut aus als Soldat. Ich hätte wer weiß was für dich getan.« Und plötzlich, als habe er mit diesen Sätzen nur einen Anlauf gemacht: »Aber jetzt? -- was willst du eigentlich von mir? Was wollt ihr alle von mir? Wozu soll ich dienen?«

Christianus schwieg. Er sah den Fragenden mit einem langen, leeren Blick an und wandte sich ab.

»Ich habe da zwei merkwürdige Briefe erhalten,« sprach Heinrich hinter ihm her. »Der eine von diesen Leuten -- wie fremd man ihnen doch geworden ist! --: nun, ich wußte ja, wozu ich kommen sollte. Aber sag einmal selber: meinst du, das sei eine Sache für mich? Du hast den Waffenrock hinter dir gelassen; ich bin darin stecken geblieben, und ich soll urteilen? Du habest einen hohen Auftrag, schreibt man. Davon verstehe ich nichts; was soll ich dazu sagen? Vielleicht dies: bleibe, wie du bist, bleibe, wo du bist, solange es dir gefällt und gut geht. Einmal muß ja das Ende kommen. Und der Ausgang sagt am besten, was der Anfang wert war.«

Christianus warf sich über einem Fuß herum: »Du weißt sehr gut, daß ich nicht bleiben kann, wenn du --«

Er schwieg mit einer Stimme, die er in der Schwebe hielt. Aber während Heinrich wartete, bedachte Christianus, daß es gut sei, Heinrich den Rest erraten zu lassen. Es gibt leisere Mittel, etwas zu sagen, als Worte.

Unter diesem Gedanken her flatterte tiefgeduckt der Schrecken, etwas so frech Überlegenes in sich zu haben: so etwas zu denken.

Heinrich lachte: »Das, -- das weiß ich. Und ich weiß auch, daß du mir deshalb den andern Brief hast schreiben lassen. Klug! geschickt! überlegen! Und ich der liebe Heinrich! Aber wenn du durchaus für das Weib einen Mann brauchst -- da du es nicht selber sein kannst -- warum gehst du nicht zu einem der Alten, am besten zu dem Blinden? Es wird dir nicht schwer fallen. Klug! geschickt! überlegen!«

Christianus hob sich in Empörung auf; da verfing sich sein Hirn in dem Sonderbaren, daß er gerade selbst dies Überlegene in sich bedacht hatte. Er begann, sich vor sich selbst zu fürchten. Was war das, daß er hier stand, unbeweglich in einer Menge von Bewegungen? Da war ein Strudel von Menschen, die ihn alle angingen; da war ein Weib, mit dem er in Berührung gekommen war und das ertrinkend aufquoll; da war ein Mensch, nach dessen Hand er griff und der sich fortwährend von ihm abstieß.

Er sah weithin, und unfähig, sich im Gegenwärtigen zu sammeln, faßte er sich in der Entfernung.

»War ich nicht Soldat wie du und ihr alle? Hielt der Waffenrock meine Rippen nicht genau so steif wie eure? Brach ich nicht wie wir alle auf und in den Garten und faßte an? Und da kam es. Plötzlich war es da. Es war da, und ich durfte den Schlag nicht tun. Es warf mich hin und besprach mich -- lähmend, angreifend, beschwichtigend.«

Heinrich war aufgestanden. Er schien in den Irrsalen irgendeiner Rührung bewegt zu werden; aber während seine Arme aufgingen, sich nach Christianus' Schultern hinüberzubrücken, schreckten seine Hände vor der Berührung zurück. Er schrie auf:

»Ja! -- Es besprach dich -- lähmend, angreifend, beschwichtigend: geh hin zu Maria! vertreib dir die Zeit mit ihr! mach Narren! Sag mir doch einmal, wie es aussah, und -- mein lieber Christianus -- vielleicht hat manch einer damit zu tun gehabt, ohne es ganz so ernst zu nehmen.«

»Wie -- es -- aussah? -- Mein Gott!« Er hatte es laut hervorgestoßen, und es hatte doch nur ein Anruf innen sein sollen: mein Gott! nur nichts merken lassen! Das ist ja fürchterlich: er kann sich wirklich nicht entsinnen, wie es möglich gewesen ist, daß er hierher kam. Er erinnert sich dunkel einer Gestalt und denkt in demselben Atemzug: nur keine Pause machen! reden, reden! damit der andre nicht merkt -- Was nicht merkt? denkt er und macht nun doch eine Pause. Daß er selbst gar nicht an solche Dinge glaubt, von denen er eben gesprochen hat; daß es gar keinen Sinn hat, von solchen Dingen vor vernünftigen Menschen zu sprechen; daß er genarrt, vom Höchsten, Heiligsten, was er im Leben erwartete, genarrt ist: »-- So etwas gibt es ja gar nicht!«

Das hatte er geschrien. Und gerade, als habe nicht er, sondern der andre es geschrien, faßt ihn eine unausrottbare Wut gegen diesen andern, der da sitzt, durch seine bloße Gegenwart ihn verdrängend, und es schlägt kalt in ihm auf: dieser Mensch darf nicht bleiben; dieser Mensch darf nicht recht behalten; denn -- du -- hast -- doch -- recht!

Er richtete sich auf, sank aber mithin zusammen, und von dieser unerwarteten Bewegung zu kurzer Besinnung gebracht, fragte er, die Laute unter zähen kleinen Bläschen bildend, die im Gaumen aufquollen:

»Fühlst du nicht, wie entsetzlich das ist: daß ich hier sitze, daß alles einmal geschehen ist und ich nun in Worte verfalle und mich vergeblich bemühe, aus ihnen herauszukommen und zu fassen, wie das alles geschehen ist?«

Die Schwäche und Verwirrung, mit der dies Mühsame gesagt wurde, machte, daß in Heinrich sich ein Ekel wie vor einer schweißdurchtropften Maske aufspannte.

»Sagst du's selbst, daß du aus Worten nie herauskommst? Laß! laß sie!«

Christianus schrie scharf und lauter als das erste Mal. Er sah, wie die Worte übersprangen, im Hirn des andern festen Fuß faßten, sich umwandten und sich gegen ihn kehrten. Er wollte neue vorschicken.

Sie prallten vor dem wahnsinnigen Schatten, der aufgerichtet war, zum Munde zurück: Heinrich stand vor ihm und reckte, von Hohn gebläht, zwischen dürren Sehnen den Hals: »Geh! geh! Ich nehm dir die Dirne. Und die Brut dazu. Aber geh!«

»Wohin?« fragte Christianus sinnlos.

Heinrich lachte, riß das Rockstück über der linken Brust zurück und schoß mit spitzem Finger in die Mitte der Lache, die vom Halse herab bis unter die Herzgrube das Leinen durchblutet hatte. »Dahin!« sagte er.

Christianus ging in Gedanken nach. Dann stockte er: »Ich darf nicht.« Und zitternd unter den Brauen des Feindes -- der sich unheimlich aus dem Freund herausverwandelt hatte -- suchend: »Warum setzt du mir mit deiner Verlockung zu? Soll ich schwach werden? Soll ich diese Tage und Nächte ausgehalten haben, um in dieser Nacht feige zu werden und umzukehren?«

»Mußt du feige werden, um umzukehren? Mutig, mutig bist du doch damals umgekehrt, als es galt, durch den rechten Glauben in die -- Seligkeit -- dieser -- Tage -- und -- Nächte zu kommen!«

Christianus' Arme flackerten durch die Luft: »Nicht! nicht! nicht an meinen Glauben!«

Heinrich lächelte: »Wie klug du bist, deinen Glauben vor deine Feigheit zu hängen!«

»Schleichende Kröte du! Krötenschale! Schales Hirn du, das mit seiner Klugheit nur Klugheit begreift! Klügeln, zweifeln, fragen -- ich will nicht! Raum will ich dem Glauben geben, Raum dem ungeheißen Aufsteigenden: kein Schatten des Hirns soll das Heilige streifen.«

»Es ist das Klügste.«

»Ich darf nicht anders.«

»Das lügst du dir ein.«

»Ich will dir beweisen --«

»Selbst zu beweisen, gibt dir die Absicht und die Feigheit ein.«

Christianus wankte. Wieder: diese Worte! Wie sie nur in den Dunstkreis des andern geraten, werden sie schon Verräter, tragen die Farbe des andern, richten sich gegen den, der sie ausschickt, starr, bajonettfrech. Er muß hinüber! diesen schurkischen Worten Richtung weisen, nachhelfen!

Er bog sich vor, streckte die Hand aus.

Der Hals, den er umkrampfte, erhob sich. Er schwang die Hand mitsamt der Schwere, die über ihr hing, durch die Luft abwärts in die Ecke zwischen Fußboden und Wand.

Es war ihm nicht, als ob er etwas Tatsächliches täte: er führte einen Beweis; jeder Schlag war ein Argument; die Argumente waren unabweisbar.

Sonderbar kam es ihn an, daß geschrien wurde. Der im Begriff war, ermordet zu werden, schrie nicht; er stöhnte. Aber es waren Schreie da; Schreie, die von Wand zu Wand wankten, Schreie, die aus allen Ecken zurückschreckten, Schreie, die durch die Decke brachen: ja: die Decke war durchbrochen von Schreien.

Als er die Haut seiner innern Handfläche kalt werden fühlte, -- ein Zeichen, daß das, was er gewollt hatte, beendet war -- hörte er auf zu schlagen, und im selben Augenblick gingen die Schreie ein.

Es war still. Es war Zeit zum Nachdenken. Er stand neben dem Toten, und alles um ihn herum war ganz nachdenklich geworden.

So weit kann es ein Mensch bringen. Man kann seinen Gegner von der Wahrheit überzeugen; am besten überzeugt man ihn, indem man ihn totschlägt und die Wahrheit allein glaubt. Es ist traurig, allein zu glauben. Aber weiter kann es ein Mensch nicht bringen.

Er wandte sich ab und zum Fenster, öffnete es, kam zurück und stellte sich wieder neben den Toten.

Was war das? Mit Grauen ging ihm auf, daß der Tote ihm mehr zu beweisen begann, als er dem Lebenden hatte beweisen können. Der -- Tote -- hatte -- doch -- recht!

Unbeherrschbar wuchs das Ungeheure auf. Es drängte seine Füße beiseite und weiter: er mußte gehen. Aus dem lautlosen Luftkreis hatte er die Antwort herausgeschlagen. Es war entschieden; sein Glaube hatte ihn betrogen. Warum war ihm das geschehen?

Er brach weinend neben dem Toten zusammen und lag lange bis zum frühen Morgen.

Dann stand er auf, hob sich durch die Tür und über kleine Stiegen zu der Kammer hinauf, aus der -- wie ihm jetzt deutlich war -- die Schreie gerufen hatten.

Er lehnte sich in die offne Tür und sah hin.

Über leblos gestreckten, steif eingefallenen Falten, die sich inmitten des Bettes über gewundenen, im Sterben stehengebliebenen Knien zu einem fürchterlichen Wirbel emporzogen, saß ein weißes Kind mit weitgeöffneten Augen.

Der Schmerz, diese Augen auf sich gerichtet zu sehen, war unhaltbar. Er näherte sich, wuchs auf das Unendliche zu; der Atem verging ihm im Auf und Nieder der Tränen. Während er sich bewegte, fühlte er, wie ihm die Stimme versagte: er hatte geredet.

Es tat ihm weh, den Schwung der Decken -- der ihm wie eine Weihe war -- zu zerstören; aber er öffnete das Bett, legte das Kind beiseite, umhüllte die lebendige Wärme und breitete über den kalten Mutterleib das Leinen; versah so seine ganze Barschaft.

Als es getan war, wandte er sich ab und ging die Treppe abwärts über Gänge, in denen schon das Tageslicht aufkeimte, hinaus auf die Straße -- die Tür verschließen? Sie soll offen bleiben! Es soll alles offen bleiben! Die Fenster, die Türen, weit offen: damit die Menschen kommen. Die Menschen sollen kommen und sich an dem Kinde versuchen: auch an dem Kinde.

* * * * *

Die weite Heerstraße verging in einem Himmel voll Licht. Weißüberglänzte Vögel sprangen den Weg voran über Bäume von Ast zu Ast; wo er ging, sangen sie.

Sie sangen noch vor der Holzbaude, unter deren Dach er sich ermüdet setzte. Er streckte den Fuß aus und wartete, bis einer der Vögel kam und sich darauf niederließ. Er sang; er neigte den Kopf und lauschte.

Wie schön war es, daß er sang! Auch, daß ein Mensch auf ihn zukam, um mit ihm zu lauschen: wie schön war das! Er brauchte sich durch die Schritte des Nächsten nicht stören zu lassen: er hielt den Kopf geneigt und horchte.

Er möge sich beim General melden; sein Gesuch sei genehmigt; er möge kommen.

Da fiel ihm ein, daß er gebeten hatte, man möge ihn beim nächsten Sturm vor den Feind schicken.

Ein Sturm war für den Morgen des nächsten Tages angesetzt. Christianus wurde eingereiht.

Die Nacht verbrachte er bis zum Morgengrauen in heftigen Erschütterungen unter Anrufung eines Namens.

Als man zum Angriff aufsprang, war er der erste, der den feindlichen Graben erreichte, von mehreren Kugeln durchbohrt, hineindrang und den nachfolgenden Kameraden den Weg bahnte.

Außer ihm war niemand getroffen; man konnte sich sogleich um ihn bemühen.

Aber während man das Blut, das aus seinen vielen Wunden pulste, zu stillen versuchte, richtete er sich auf, breitete die Arme rückwärts gegen die Grabenwand und zitterte einem Gesicht entgegen.

Eine weiße Gestalt war hervorgetreten, hatte ihm die Hände gereicht und gesprochen:

»Gib mir deine Hand; ich will aus dem Licht mit dir in die Finsternis scheiden. Gib mir deine Hand; ich will dich führen. Gib mir deine Hand; ich will.«

Als strömten die breithin über die Erde gelagerten Lichtringe auseinander und aufwärts und ergösse sich, von allen Seiten her mündend, Erleuchtung in ihn, läßt er, was über ihm ist, aufschwimmen, läßt die Hände unanhänglich schwinden, gibt die Glieder unendlicher Erweiterung hin. Nach und nach tut es ihm wohl, dies und jenes zu vergessen. Er sieht nur hin, wie ihn die weiße Gestalt hält.

Er ist zufrieden: es ist deutlich genug.

Wie die letzte hohe Befriedigung über ihn kommt, glaubt er, auch dies letzte vergessen zu können: daß sein letzter Ruf oben im Licht gewesen ist: »Für der Maria Kind!«

Anmerkungen zur Transkription

Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.