Die Gnadenwahl: Erzählung

Part 2

Chapter 23,799 wordsPublic domain

Sie versammelte täglich die Gemeinde; sie ließ nicht ab, die bestimmte Voraussage des Ereignisses zu wiederholen. Er befragte sie endlos und eindringlich, um aus der Summe ihrer Beobachtungen seine Einstellung zu finden. Sie gab ihm die Ergebnisse von Experimenten an die Hand. Etwa: sie hatte auf die Frage, wann sie meine, daß der Meister auferstehen würde, überrascht gezögert. Oder: sie hatte in einem Augenblick nachdenklicher Stille halbhin gesagt, manchmal sei ihr doch, als ob sie sich täusche -- Mißmut, Verzweiflung, ekelhafte Zerfällnis mit allem, was Gott, Glaube, Zukunft heißt, sei hereingebrochen. Peinlich zu denken, daß dieser Verdruß sich dem Volke, dem näheren, am Ende selbst dem weiteren Lande mitteilen könne. Es war keine Frage: hier war er berufen einzugreifen. Er sah sich mit einer Aufgabe in den Ring der Gemeinschaft gestellt, sah den Horizont seines abgeschlossenen Daseins sich lichten und dehnen. Es waren Bedenken da. Aber sie versicherte ihn: diese Köpfe waren wunderbedürftig und durchaus bereit, ihn aufzunehmen. Allerdings; aber -- Sie bedeutete ihm: dies waren nicht allein wunderbedürftige Köpfe, dies waren auch wundergläubige Herzen; würden diese wundergläubigen, diese nach der Erfüllung ihres Wunsches kindlich frohen Herzen ihr Erlebnis unter die Menge tragen, ihren Glauben von den Blöden, den Nichtbegnadeten zerstören lassen? Das würde nicht geschehen; nur die Zuversicht würde sich überall wohltätig ausbreiten.

Sie ließ Christianus in Ungeduld aufgehen.

Sie bestätigte die Gemeinde in der Hoffnung auf die Wiederkunft des Meisters.

Sie legte ihre Erwartung ineinander.

* * * * *

Als die ersten Hyazinthen blühten, brachte sie brennend rote Stöcke herein. Die Sonne zitterte blaß, wie eben genesen, durchs Zimmer und trug den kranken Duft der Blumen an sich. Durch dieses Spalier üppiger Blüten und spitzer Sonne lief der Weg, den Christianus zu den Menschen ging.

Die Sonne machte ihn hell. Alles strahlte an ihm. Er begegnete Maria und lächelte; ging durch viele Zimmer, kam ihr wieder entgegen und lächelte wieder.

Nur, daß er nicht jeden der Freunde einzeln begrüßen sollte -- er fühlte sich so gemeinsam mit jedem einzelnen, fühlte die Hände in jedes einzelnen Händen, den Kopf jedes einzelnen Kopf ganz nahe -- nur, daß er warten sollte, bis alle versammelt wären und dann -- dies dann lag matt, zog ihn nicht, lag ihm entgegen.

Aber es mußte auch so gehen. Gewiß, Maria hatte recht. Es würde auf ihre Art sogar noch besser gehen.

Er wendete sich wieder in ein Nebenzimmer, wandelte hindurch, bog um Ecken, Türen, lief durch Zimmerfluchten, Gänge -- seltsam! -- es war hell, warm, fast heiß, und es war gar kein Geschrei da, und doch schrie -- nein, es war unendlich leise, fern und verloren -- schrie es -- Flucht; er sah sich um: war er diese Gänge nicht schon einmal gegangen? Nur war etwas Fertiges, Ausgemachtes an ihnen: als wäre alles fest geworden. Er versuchte, sich zu entsetzen, und es gelang ihm nicht -- Flucht; er bog um Ecken, hob sich durch Türen -- Fahnenflucht; bewegte sich vorüber an hundert mitziehenden Wänden: Fahnenflucht.

Ach, das war ein Wort, von Menschen gefunden, die nicht seines Sinnes waren. Von dem Sinn, der ihn über die Menschen hob, lag dies Wort so weit ab wie ein kleines Sandkorn, das ein Engel, aufsteigend, vom Fuß fallen läßt. Für seinen Sinn gab es kein Wort. Aber für das, was er getan hatte, gab es ein Wort: jenes. Liegt denn etwas zwischen dem Sinn, in dem eine Tat getan wird, und dem Sinn, in dem sie betrachtet wird? Ja: die Tat selber. Die Tat ist das Urteil. Aber ich kann das Urteil, das nur meinen Fuß streift, beiseitetreten.

Es klirrt, klingt zu seinen Füßen; das Haus hat sich geöffnet: die Menschen kommen.

Der Gedanke läuft aus und reißt wie ein dünn ausgezogener Glasfaden ab; das Hirn tropft zusammen zu einem Klumpen Menschen.

Aus dieser Menge stellt er sich einzeln vor: hier diesen, dort jenen; hebt ihn auf, betrachtet ihn, sieht ihm in die Augen: oh! überall glänzt dieses selbe frohe Auferstehungslächeln, in tausend Augen leuchtet es, Laute, unerhörte, läuten von Herzen zu Herzen hinüber, herüber; er breitet die Arme, zieht alle an sich, nahe, näher; er ist ganz erfüllt von ihnen.

Da stehen sie.

Sie haben alle die flachen Augen auf ihn gerichtet.

»Fahnenflucht.«

Eben hat einer gesagt: »Fahnenflucht.«

Ehe er sie begrüßt hat, hat einer das gesagt.

Er spannt die Arme heftig an, will sie erheben; sie sinken an ihm ab; er fühlt, wie seine Gebärde in Hilflosigkeit verfällt. Der entstellte Blick Mariens greift ihn an.

Sie weichen von ihm zurück wie Wasserkreise vom eingefallenen Stein.

Er drängt nach.

»Hört doch, ihr Feiglinge! Ihr tauben Fische und blinden Maulwürfe, hört und seht! Was ist es, wovor ihr zurückweicht? Sollte ich als unbeschwerlicher Sonnenstrahl vor euch hintreten? Da: da steht solch eine Gestalt Sonne. Hat die euch getröstet? Hat die Laute zu euch gesprochen, wie ich sie spreche? Hätte das laue Flämmchen, das mir ähnelnd über euer schwaches Gehirn hinschwankte -- hätte das auferstehen können? so viel Leiden übernehmen können, daß es zu euch kam? Mußte ich nicht -- da ich es in Wirklichkeit bin -- mit Fleisch und Blut herausgerettet werden, um zu euch zu kommen? Und nun weicht ihr vor diesem selben Fleisch und Blut zurück?«

»Feiglinge« hätte er gesagt, begann unentschlossen eine Stimme; mit diesem Argument begann sie; im Verlauf der weitern wurde sie seltsam eindringlich.

Christianus hörte nicht zu. Es kam ihm bemerkenswert vor, daß er diesen ganzen Auftritt früher, ehe er sich darin befand, auch nur als Licht, gefügiges, wandelbares Licht gesehen hatte. Er war befremdet, die Wirklichkeit jener Körper hinnehmen zu müssen; versuchten jene vielleicht vergeblich, die Wirklichkeit des seinen zu vertilgen?

Er wußte nicht, ob sein Gegner geendet hatte; er fuhr fort:

»Was ist dies, was hier vor euch steht? Steht ihr etwa vor mir wie durchschauliches Licht? Kenne ich, wenn ich eure Leiber, eure verrotteten Bärte, eure zerrunzelten Stirnen, eure triefäugigen Gesichter ansehe -- kenne ich dann die Klagen, die euch in wortlosen Nächten durchklungen haben? Wenn ich eure steifhäutigen Hände, eure überlederten Füße betrachte -- kenne ich dann eurer Gebete Bewegungen und die Verzweiflungen eurer Wege? -- Ja! ja! _ich_ kenne sie! Aber kennt _ihr_ durch meinen Anblick _mich_?«

Der weißbärtige Alte trat vor und legte erschüttert die Hand auf die Brust: Sie wüßten ja, daß er ein andrer als sie sei; gewiß, es sei wahr, er sei anders als sie; aber schuldig machten sie sich doch, wenn sie ihn nicht anzeigten; gewissermaßen machten sie sich doch schuldig?

»Ja! geht, geht! zeigt an! Wißt ihr, auf wen ihr zeigt? Auf mich nicht. Wißt ihr, auf wen ihr zeigt? Gebt acht, daß euch die Finger, daß euch der Arm nicht verbrennt bis zur Achselhöhle: habt ihr jemals auf den gezeigt, der dem Propheten im feurigen Busch erschien, und habt geschrien: den greift! der ist's! Hebt eure Arme! schreit! Kennt ihr die Verdammten, die mit ihrem Geschrei sich das Gericht sprachen? Ihr seid's! An mir fahren eure Schreie vorbei wie Wind, und eure Arme schlag ich beiseite wie klappernde Bretter; denn in mir ist die Kraft jenes, der seine Erwählten durch das Geheul der innern Einöde, ja, durch die Wüste voller Menschen sicher hindurchführt! Er sprang vor mich hin, als ich den Kolben zum Kainshieb hob: Halt ein! Da brannte der Busch auf, und seine Stimme rief: Geh zu ihnen! Ich will, daß deine Gabe an sie komme! Und der das sprach, der steht seitdem in meiner Brust, hochaufgerichtet, brandhell! Hebt die Arme! den greift! der ist's!«

»Oh! Woher? Wo?« Zwei Arme erhoben sich vor allen und griffen in die Luft; wie die Klage eines Tieres breiteten sich Worte, vielfach von Weinen geschlagene Worte aus: »Wo stehst du, Herr, den meine Arme suchen? den der Herr über alle Herren hergesandt hat, uns dem Tal des Jammers zu entführen? Wo finde ich dich, dir zu Füßen Dank, Lob, Lobpreisung --«

An dem tastenden Blinden vorüber sperrte sich eine spitze, bestimmte Bewegung.

Das sei eine wunderbare Geschichte. Darüber könne unsereins nicht urteilen. Oder ob einer urteilen wolle?

Nein, allerdings, das sei schwer; darüber sei nicht leicht ein Wort zu sagen. Man verstummte eine Weile. Da hob sich aus dem Hintergrunde hell, fast singend, eine hohe, anfragende Stimme: »-- Heinrich?«

Das sei wahr: Heinrich! Der verstünde das wohl. Man wolle warten, bis Heinrich komme. Der solle der Richter sein. Und bis dahin wolle man sich jeden Schritts enthalten.

Sie traten zusammen und versprachen sich ihr Gelöbnis in die Hand.

In diesem Augenblick glitt die Sonne, die rückwärts und rückwärts gewichen war, von Christianus ab. Sie hoben die Augen auf und sahen ihn nicht. Langsam entgraute er dem Dämmer; seine Augen standen glanzlos vor dem Gemäuer; er sah verstorben aus.

Es ging etwas wie die Scheu vor einem Toten durchs Zimmer; mit kalten Schultern drängte sich die Menge und bewegte sich hinaus; es wurde leer; leerer: das Zimmer war leer.

Plötzlich fühlte er den Boden zu seinen Füßen in die Tiefe stürzen, sah ihn drüben gegen die Wand sich langsam heben und hoch an die Wand gelehnt Maria. Die Kehle hell -- uneinhaltsam hört er ihre hohe Stimme -- Heinrich? fragen -- das Kinn nachlässig verachtend gereckt, den Blick abfällig auf ihn gesetzt, stand sie ihm gegenüber.

Er hob die Arme auf, und so verwilderten seine Gebärden an der Luft, in der sie stand, daß sie wie Flammen gegen sie auszuschlagen schienen; er schrie, und immer wachsend, verfingen sich die Schreie in hohen Anrufungen, und angreifend: Mein Gott! Mein Gott! weinend, sank er in sich zusammen.

So verfallen, fühlte er seine Füße plötzlich umrafft von zwei Armen. Er sah sich wundernd um und fand es natürlich, daß der Boden ringsum sich steifte, aber seltsam, daß die weite Fläche leer war. Wo er noch eben über einer andringenden Flut aufgebraust war, kreiste Leere, Öde, nichts als dies sanfte, umwogende Plätschern der Arme, dies Geringe, dem er sich nicht entziehen konnte.

Er sah nieder zu dem Weibe: »So allein, Marie!«

Da öffnete sich unter ihm ein Blick voll Tränen; er beugte sich nieder und hob sie auf.

Sie schloß unter seinen Griffen die Augen und schauderte zusammen.

Ihm war wohl dabei; es schien ihm, als sei alles recht so, überaus gerecht; er faßte mit zärtlich gestreckten Fingern -- Mariens Kopf ruhte in seiner Hand, ihr Leib auf seinem Arm -- nach den langen, weichen Wimpern ihrer Lider -- nicht, als ob er sie zurückstreifen, gewaltsam öffnen wollte: es war ihm, als streichelte er über einen Traum hin.

»Laß!« bat er. »Laß, Liebe!«

Langsam schlug sie die Lider zurück, warf aber den Kopf beiseite; er bog sich nach und über sie; das Weiß ihres Auges spreizte sich ihm entgegen; Duft und Hauch von Mund und Haar verwuchsen; unter dem Schatten seiner Stirn blühte ihr Auge, das volle Dunkel inmitten auf; ihre Sinne gingen ineinander.

* * * * *

Die Lockerungen und Eröffnungen dieser Stunde nahm Gott von Natur als eine Gelegenheit, aus der Entfernung näher zu treten.

Christianus bemerkte die väterliche Gegenwart durchaus nicht sofort.

Er wandelte unbekümmert im hellen Mittag und verlachte sich, als ihm war, als ob ihn eine fremde Stimme gerufen hätte.

»Du bleibst? Und wie lange?« hatte die Stimme gefragt.

Er wandte sich um und erschrak heftig.

Es war niemand im Zimmer als Maria. Halb saß, halb lag sie auf einem Diwan, und von den heißen Wänden strahlte viel Licht in die großen Falten ihres Kleides. Es war wirklich außer ihr niemand zu sehen. Aber im Hintergrund ihrer unheimlich gebauschten Hüllen, im Schutz ihrer weitgesetzten Gliedmaßen, über denen die sonst liebreich sprießende Brust zusammengeschrumpft schien, verbarg sich, erwartete ihn etwas. Er hatte vorübergehend die Empfindung, als stellte sich ihm gegenüber im Schatten des Begreiflichen etwas der weißen Gestalt Ähnliches, Unbeherrschbares, Zwingendes auf; er wagte nicht zu atmen und geriet über dem Gedanken, zum ersten Mal vor der weißen Gestalt Angst empfunden zu haben, in wachsende Angst.

Marie sah ihn mit einem unverwandten Lachen an.

Er fragte erschüttert: »Ist jemand hier, Marie? Oder warst du das, der das sagte?«

Sie lachte auf, sprang auf und ging im Zimmer herum:

»Ja, ja. Hattest du Angst? Ich wollte dich nur fragen, wie lange du noch bleiben wirst. Bleibst du noch lange?« Und plötzlich in sich hinein mit abgefallener Stimme und ganz verändert: »Himmel! So weit! so weit!« Sie zitterte und legte die Finger an die Lippen wie in Entsetzen vor ihren eignen Lauten.

Sie schien wahnsinnig zu sein. Er war ihr unendlich fern und gab sich Mühe, sich einzustellen. Darum näherte er sich ihr, sie zu umfassen.

»Nicht an mich!« rief sie und entsprang ihm. Er drang ihr nach: »Liebe, sind wir nicht eins? und haben dies eine gemeinsam?« fragte er mit großem Unbehagen, aber in der Hoffnung, sie zu beruhigen.

Sie versank: »Daß ich dich geliebt habe! Daß ich dich geliebt habe! Aber ich sah dich so verlassen, so los, so -- hin, fort, nichts von dir übrig -- und da! -- Geh doch! geh doch!« schrie sie auf, »daß ich dich wieder lieben kann.«

Daran war ihm nicht gelegen; auch schien es ihm unmöglich, ihr noch ferner zu sein, als er schon war. Er stand ihr gegenüber und blickte gleichmütig auf sie hinab. Was bewegte sie? Je mehr sich in seinen Augen der Grund ihrer Erregung verringerte, desto unmäßiger erschien ihm das Meer von Bewegungen, das darüber hinging; und ihm wurde um so übler, je tiefer er einsah, daß sie ihn mit dieser wilden Flut von Gebärden aus ihrem Innern verwarf. Er gewöhnte sich an den Gedanken, in ihrem Herzen keinen Raum zu haben, und alsbald dünkte ihn dies Herz winzig und er sich dafür zu groß. Sie war fortan Rest für ihn. Wieviel hatte er ihr geben wollen! Er fand es erbärmlich, so beherrscht vom eignen Wesen zu sein, und unverzeihlich, nicht am andern teilnehmen zu können. Aber was hatte man schließlich miteinander zu tun? Nichts. Er wünschte nur noch, daß sie das einsähe.

Im Gegenteil kam sie auf ihn zu und legte sich an seine Brust. Sie weinte.

»Das Kind --« sagte sie. »Siehst du: was soll aus mir und dir werden? Er muß kommen. Und wenn er kommt, darfst du nicht mehr hier sein. Mit ihm allein will ich schon alles ins Reine bringen. Aber bleiben kannst du nicht« -- sie streifte ihn mit gespreizten Fingern von sich -- »Du bist ja tot.«

Er war ratlos. Das Kind -- er sah ein, das war ein Ding, mit dem zu rechnen war. Er war in eine sonderbare Lage geraten; es war nicht abzusehen, wie er gegen das Kind aufkommen sollte. Da flog ihm die Erinnrung zu, daß man von Müttern gehört hatte, die unter Einsatz des Kindes bei der Geburt geschont wurden, und während dieser Gedanke keulenhaft wuchs: konnte hier nicht unter Einsatz von Mutter und Kind --? und er ihn aufhob, bereit, ihn in die Tat fallen zu lassen, kam es ihm vor und hemmte ihn, daß sie seltsam von dem Kind gesprochen hatte. Er fragte besinnungslos, vorerst sich zu vergewissern: »Du sagst er. Weißt du, daß es ein Junge ist?«

Da lachte sie und -- widerwärtig, wie sie gleich Weibern, die haltlos lachen, den Schoß vorstreckte! -- dies Lachen umschallte ihn, daß er aus ihm heraus nur begriff, sie müsse von jemand anders als dem Kinde gesprochen haben. Aber ehe er das ganz faßte, kam sie zu Atem: »Heinrich? Der ist Manns genug, dich für ein Weib zu halten.«

Heinrich. Sie hatte Heinrich gemeint. Er stürzte sich, ohne an dem Hohn zu haften, mit dem sie ihm nachsetzte, durch die einströmenden Gedanken ihrer Absicht zu. Sie wollte jemand kommen lassen: sie wollte Heinrich kommen lassen. Sie wollte etwas mit ihm ins Reine bringen: mit Heinrich -- was? Alsbald stand ihm fest, und er glaubte, guten Grund zu haben, darauf weiterzugehen: sie wollte Heinrich vor die verhohlene Finsternis stellen, in der sie und das Kind lagen, um den heranwuchernden Gerüchten zu wehren. Heinrich -- unendlich erhellt und lieblich erschien ihm dies Waffentum -- sollte an Vaterstelle neben das Kind und die Ehre der Mutter treten. Er bewunderte die Gewandtheit, mit der sie auf diesen Gedanken gekommen war, und erstarrte vor den Untiefen der Heimtücke, über die der Weg dahin führte. So raubtierhaft eingezogen kann nur ein Weib über seiner Brut den andern ins Auge fassen; so kaltherzig bedächtig nur ein Weib dem andern die Schlinge legen. Er ruhte auf der Höhe dieser Betrachtung aus und atmete mit Behagen. Letzthin: wenn Heinrich als Vater des Kindes galt, konnte er nicht seinen Nutzen daraus ziehen? Er würde bleiben -- unverraten, ungefährdet. Seine Zähne lichteten sich und lachten: wie abgefeimt hatte sie das alles bedacht! -- er sprang von seinen Gedanken ab und an Maria und packte sie wie mit Krallen: »Ja ja, Maria! Geh! schreib ihm! ganz sanft, ganz gelind, ganz verschlagen! Du kannst es! Du kannst es! Er soll kommen; ich will es. Du hast recht; anders kann ich nicht bleiben.«

Sie sah ihn lange und groß an. Dann sagte sie: »Ich _habe_ an Heinrich geschrieben.«

Er erstarrte. Kälte durchsprang ihn. Er schlug zusammen.

»Ach! -- Geht es mir auf! Seid ihr einig miteinander? Sind meine Tage schon gezählt? Drückt ihr mich heraus wie ein Giftgeschwür?«

Sie wandte sich leichthin ab: ob er denn vom ersten Tag an oder selbst, ob er vom ersten Schritt an, den er hierher gegangen sei, geglaubt habe, sich halten zu können?

Das bringt ihn hindurch. Er atmet sogar wieder. Er sagt:

»Ich _werde_ bleiben, Liebe.«

»Ich _werde_ auferstehen!« hallt es ihm da entgegen -- nein, keine menschliche Stimme hat das gesagt! -- und ein fremdes Gelächter läßt ihn hinter sich zurück.

* * * * *

Decken! Decken! Warme, dunkle Decken! Schlafen!

Mit gebreiteten Armen tanzt die weiße Gestalt durch ihn hin. »Gib mir deine Hand!« -- Schlafen! »Ich will dich führen!« -- Schlafen! »Ich will!« -- Schlafen! nur schlafen!

* * * * *

An der Tür rütteln verworrene Stimmen; er ist aufgewacht; er wagt nicht, sich vom Bett zu erheben; er horcht. Eine weinende Stimme will etwas Unabwendbares beschwichtigen: das ist sie! oh, das ist sie!

Sie steht Rede und Antwort auf viele Fragen; er horcht. Sie bleibt standhaft bei einer immer wiederkehrenden letzten Frage: ob Er --? ob Er --?

»Wartet! ihr habt versprochen zu warten! Wartet, bis Heinrich kommt!«

Nein, sie wollten nicht warten. Immer wieder diese flammenspitze, schlangenhaft zustoßende Stimme. Sie wollten nicht warten. Sie wollten ihn sehen.

Da brach er auf. Er griff nach seinen Kleidern; er war machtlos über sie; sie flogen ihn an.

Er war draußen. Er war über einen gekommen wie über ein Nichts. »Hund! Was willst du? Mit wem sie es gehalten? Fragt Heinrich!« Er schlug und peitschte es in sie hinein: »Fragt Heinrich! Heinrich!«

Er blickte um sich. Das Gelichter! Verschrien spritzte es auseinander, rollte in Ecken zusammen, tropfte vom Geländer, stockte die Treppe abwärts.

Er versuchte, sich zu sammeln. Er sah seine Hände an, die schwer und noch erfüllt vom Zustrom des Blutes an ihm hingen, -- was hatte er getan? Schändlicher als die roten, feuchten Hände, die er nicht ablegen konnte, -- er hatte gelogen. Am Pfosten der Tür, von Ekel durchstiegen, stand Maria. Er schämte sich an ihr vorbei und schloß die Tür.

Sein Kopf -- das fühlte er -- verstand nicht mehr genug, um zu entscheiden, was zu tun war. Das immerwährende Frage- und Antwortspiel hatte ihn matt gemacht, und schwachsinnig hingegeben, schwang er zwischen dann und wann auftönender grundloser Ruhe und dem Gekreisch eisscharf klirrender Stimmen her und hin.

Nach langem Schlaf, beim Erwachen -- die Sonne schien dazu -- gelang ihm dies: man muß nicht ängstlich werden; man muß der Welt zusetzen, bis sie das letzte Wort spricht: Leben oder Tod.

Von diesem Gedanken an empfand er sich tief im Urteil und beruhigt wie ein ergebener Gefangener.

Aber er vermochte sich nicht in dieser Ruhe zu halten. In den Füßen fing es an: irgendeine Sehne beherrschte ihn; er entzog sich ihr, indem er den Fuß krümmte; eine andre trat an; er wand sich unter unerlassener Strenge. Dann verzog sich die Steifung in den Brustkorb; er legte sich mit der Brust auf einen Bettpfosten und drehte sich darauf, oder er ging hinaus in das Treppenhaus und zwängte sie in die Ecke des sich aufwendenden Geländers.

Diese letzte, eigenartige Berührung war es besonders, die ihm wohltat, und er pflegte sie noch, als er das krankhafte Bedürfnis danach längst nicht mehr empfand. Durch den niederstürzenden Gitterschacht, der hinab bis auf die Diele langte, vertrieb man sich die Zeit; da sah man die blanken Fliesen glänzen; hörte das alte Weib Gemüse und Neuigkeiten hereinbringen; fand selber mit vieler Aufmerksamkeit als Neuigkeit heraus, daß es die Frau des Starblinden und Hebamme sei; bemerkte zum ersten Mal, daß Mittwoch und Sonnabend wässrig riechen, und vergaß dabei sich selbst.

* * * * *

Plötzlich versuchte er vergeblich, die Brust von dem schmalen Geländerholz abzuheben; seine Augen rissen ihn immerfort hin, hefteten seinen ganzen Körper fest.

Er hatte nach dem Klingen der Türglocke Marie unbeschwert von ihrer Bürde über die Diele hüpfen sehen.

Er wollte ihr nach; ihm wogte der Atem, als höbe er ihn durch Unermeßlichkeiten, und doch lag die Brust quer und fest auf dem Geländerstreifen.

Eine hohe Stimme, entfesselt durch das ältliche Gebälk heraufspringend, rief: »Heinrich!«

Darauf nichts. Nur daß er sich von dem Geländer los und bewegt fühlte.

Lange Schritte warfen ihren Schatten die Treppe hinab. Heinrich sah sich um und stieß Maria, die an seinem Halse hing, von sich.

Christianus stand erbost über diese Bewegung, deren Roheit ihm erst daran aufging, daß der andre sie ihm vorweggenommen hatte. Maria lag an eine Bank hingeschleudert, und während Christianus betrachtete, wie das schräg einfallende Licht des gelben Dielenfensters sie mit einer eklen Haut überzog und die Schatten der Gitterstäbe, kreuzweis übereinandergelegt, sich ihr aufdrückten, begann ein Krampf sie zu biegen; Kopf, Hals und Brust streckten sich zum Schoß nieder, und ehe sie, von der Welle losgelassen, die Antwort auf einen Blick hilflosen Erschreckens fassen konnte, rollte der Krampf sie zum andern, zum dritten Mal zusammen. Die Männer sahen sich an. Dann traten sie zu ihr, griffen ihr unter die Arme und trugen sie die Treppe hinauf in ihre Kammer.

»Heinrich!« bat sie, als beide sie gelagert und beengender Kleider entledigt hatten.

Heinrich schrie, und erst jetzt bemerkte Christianus, wie mager und verfallen sich Hals und Hände des Schreienden in die Luft streckten; er schrie und entriß sich den weißen Armen, die an ihm aufgingen, und floh. Noch ganz in das peinliche Gefühl dieses Schreies verstrickt, hörte Christianus Marie ermattet sagen: »Niemand!« und so voll Weinens war ihre Stimme, daß ihm die Tränen unhaltbar entbrachen. Er beugte sich nieder und küßte sie: »Marie!«

»Hilf!« flog sie auf, »hilf mir! Hole sie! Links aus der Tür, Gasse links, Gasse rechts, erstes, drittes, viertes, ja viertes Haus!«

Er rannte schon eine ganze Weile durch die Räume, ohne Heinrich gefunden zu haben.

Da, an der Tür zum großen Versammlungszimmer, hielt er inne. Auf einer Bank, die in einem Erker halb im Dunkel stand, saß Heinrich -- ruhig, selbst auf die eindringenden Worte und hastigen Bestimmungen Christianus' ohne Bewegung.

Schließlich, als Christianus ratlos schwieg, ließ er den vorgeschobenen Kiefer fallen und sagte: »Wann war es doch, daß wir uns zum letzten Mal sahen, Doktor?«

Christianus blieb nichts übrig, als sich der heimtückischen Vertraulichkeit zu nähern.

»Mein lieber Heinrich,« sagte er, »du bist zu uns gekommen und zur rechten Zeit. Willst du uns helfen?«