Die Gnadenwahl: Erzählung

Part 1

Chapter 13,549 wordsPublic domain

HANS ARTHUR THIES

DIE GNADENWAHL

ERZÄHLUNG

LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG

BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 70

GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER IN WEIMAR

DEM GEIST DER VOR DEN GROSSEN STELLUNGEN IN BLUT FLOSS

Gegenüber dem Fenster, so tief in der Gasse, daß der Blick, es zu fassen, sich aufheben mußte, wurde von lautlosen, in der Dämmrung kaum sichtbaren Reitern ein weißes Blatt angeschlagen; die Reiter saßen auf; die Pferde flohen wie in stummem Entsetzen über ihren eigenen Weg die Straßenzeile hinab.

Das weiße Blatt, über eine Tafel geschlagen, die jahrelang mundtot das Publikum angestarrt hatte, warf von dem Strebepfeiler des Doms herrisch, selbstsicher, ansammelnd das Wort -- Krieg! herab; viele andre dazu, aber dies vernehmlicher als die andern.

Dem Pfeiler gegenüber, oben am Fenster, hob sich der Blick eines Mannes über das weiße Blatt hin; atmend überholte seine ganze Gestalt den Blick; er drängte sich in den umdämmerten, einsamen Lichtstrahl ein; stachelte sich an ihm auf; warf sich zurück.

Als habe sich um die trocknen, wie entzündet brennenden Augen ein Schwarm Fliegen gesammelt, so empfand er es, daß um das weiße Blatt eine schwärzliche Menge Menschen zu wimmeln begann. Er drückte mehrmals schmerzlich die Lider zu und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Zu ihm, dem Doktor Christianus, würden diese Menschen kommen; satt, übersatt von jener weißen Speise würden sie heraufkommen: was sollte er ihnen geben? Er würde nach seinen Worten greifen, Worte leerer als Oblaten austeilen -- selbst hungrig, überhungrig nach Sättigung von jenem Gericht, aus dem kolossische Laute, die Kehle ungewohnt füllend, aufquollen.

Eine heftige Gebärde des Mannes am Fenster schlug mit dem Klingen der unteren Türglocke zusammen. Er wandte sich um und wankte ein wenig zurück, von zwei Augen gefaßt, die ihn in der Tiefe des Zimmers auffingen. Er war erstaunt und leicht erschreckt: nur langsam gewann der dunkle Samt, der sich in die gleichmäßig dunkle Täflung der Wand einließ, von entblößten Armen her zu einem hellen Hals und Kopf mit blondem Scheitel und perlhellen Augen anwachsend, die Gestalt einer Frau. »Marie!« Es klang in seiner Stimme etwas, als sprängen hinter dem Bewußtsein, jahrelang diesen unbestimmt verlangenden Blicken widerstrebt zu haben, die leichten Tore des Abschieds auf, und wie nie, solange er den Umgang dieser Frau empfunden hatte, begann er jetzt, wo er entschlossen war, sie zu verlassen, ein Spiel mit ihr, lässig und gewagt: er stellte sich vor sie, nah und breit, wiegte die Schenkel leichthin, scherzte mit ihr: »Liebe --? Marie, was ist das? Aber das Ineinander der Leiber und Kugeln, Leiber und Bajonette, das ist Einigung allen Ernstes, das ist ein Kräftevergeben verschwenderischer als Liebe: das geht bis ans Ende.« Sie lächelte.

Von Geräuschen, die die Treppe heraufschäumten, hoben sich standhafte Schritte ab, betraten das hartschallende Holz des Flurs und kamen nahe.

»Guten Abend, Doktor! Morgen früh melde ich mich beim Regiment. Ihr andern? Ach, die Alten! Ich -- wie froh bin ich, mich durch diese Nacht zu diesem Morgen hinwachen zu können!«

Der Jüngling, braune Locken von der schwitzenden Stirn schlagend, kreuzte seine Blicke mit denen des Älteren wie zum Gefecht; aber lächelnd entzogen, wandte sich Christianus zu Maria:

»Werde ich mich nicht auch melden?« Und zu dem braunlockigen Freunde, der knabenhaft aufleuchtete: »Hol die Lichter, Heinrich!«

Der Jüngling verließ die Stube, lachend, mit der Hand durchs Haar wirbelnd: »Ich habe ihn untergekriegt!« dachte er, »den Immerfertigen -- ich habe ihn untergekriegt!«

Einige alte Männer traten ins Zimmer.

Der erste alte Mann verbeugte sich schwer vor Christianus und legte erschüttert seine breite Hand über den weißen Bart auf der Brust: Was der Doktor meine; ob man die Prüfung bestehen würde? -- Gewiß würde man sie bestehen; jeder würde sein Teil tun. Die Erschütterung des alten Mannes schien zu wachsen.

Ein andrer trat heran. Er bewegte sich auf unentschlossenen Füßen zwischen dem Doktor und Maria, bis er in die Nähe der Frau verfiel und sich sogleich zu ein paar Worten faßte: »Wir werden doch hoffentlich, gnädige Frau, unsre Versammlungen auch während des Krieges fortsetzen, und ich meine, Sie werden das Haus, in dem Sie uns zusammenführten, als der Doktor seines Predigeramtes enthoben wurde, weiterhin unsrer kleinen Gemeinde zur Verfügung stellen, auch wenn der Doktor ins Feld ausziehen sollte.« Es war der Mietherr des Hauses. Er wartete keine Antwort ab, sondern wandte sich einem Herrn zu, der sich am Türpfosten stieß.

»Ich bin heute wieder schlecht sichtbar,« sagte der alte Herr und gab ein schluchzendes Gelächter von sich. Er rieb seine vom Star blinden Augen mit klagend gebreiteter Hand und trat rasch, fast fallend auf Maria zu, die einen Fuß zurückwich. »Welch ein Elend!« züngelte er, von einem Fehler behindert, »gnädige Frau können sich freuen, daß Ihr Gemahl tot ist,« und zog sich im Gefühl, eine Dummheit gesagt zu haben, zurück.

Mit schmerzlich gereckter Schulter schob sich Christianus an ihnen vorüber. Heinrich kam mit einem Bündel brennender Kerzen im Arm herein und ließ es auf dem Tisch nieder. Abwechselnd nahm er und die blonde Frau ein Licht; sie zogen eine Lichterreihe aus dem Bündel heraus lang über die Tafel. Der Saal entdeckte sich als weit und erfüllt von Menschen; offne Zimmerfluchten verdämmerten an beiden Enden.

Es seien wohl alle Brüder zugegen? fragte Doktor Christianus. Ob man beginnen könne?

Nein, man könne noch nicht beginnen. Man könne überhaupt nicht beginnen. Ob der Meister ins Feld ziehe?

Sich überrascht vertiefend -- was zweifeln sie? -- gebot der Doktor Ruhe.

Maria ließ sich auf ihrem Sitz neben ihm nieder; Heinrich lehnte sich zurück und betrachtete am Doktor vorbei Maria.

Nein, man könne nicht beginnen. Der Meister dürfe nicht ins Feld ziehen.

Der Lärm hatte sich noch nicht gelegt, als er sich schon wieder aufzuregen begann.

Von dem Platz dem Doktor gegenüber erhob sich der Starblinde, drängte die Tische, die vor ihm zusammenfaßten, auseinander, so daß ein Durchgang von ihm zu Christianus entstand, ließ sich vor dem Doktor auf ein Knie nieder und -- wie ebbte der Lärm! wie beugten sich die Leiber über die Tische! -- redete, von seinem Zungenfehler behindert: der Meister dürfe nicht mitziehen; sie müßten ihren Meister behalten; was aus ihnen werden sollte, wenn er sie verließe; es müsse ein Nachfolger gewählt werden, der das Amt versähe, bis der Meister wiederkäme; ja, das sei das Entsetzliche: ob er wiederkäme; man hörte im Kriege so oft, daß einer der bedeutendsten Köpfe fiele; nein, er dürfe nicht mitziehen; er müsse bleiben!

»Lieber,« -- der Meister legte die Hand auf des Knienden Kopf -- »das sind doch Dinge, die bei Gott stehen,« -- nicht, als ob er hier eine Pause gemacht hätte, aber ein Gedanke schien liegen zu bleiben, die Worte hängten sich aus, schwebten ungefaßt und kamen darauf hinaus, daß man diesen Abend, wenn es auch der letzte sei, unausgezeichnet, den andern gleich begehen wollte.

Nein, man wollte nicht. Der Meister wolle nur über das Entsetzliche hinwegkommen.

Da erhob sich der Unentschlossene, und seine Frage hatte etwas seltsam Bestimmtes: Der Meister beabsichtige doch wohl gar nicht, ins Feld zu ziehen? Soldat gewesen sei er doch nicht?

Gewiß würde er mitziehen; als Freiwilliger. Er würde Soldat sein wie jeder andre. Ja: wie jeder andre.

Das gab dem Weißbärtigen, der bis dahin erschüttert gelauscht hatte, einen Gedanken: Nein, wie jeder andre nicht. Jeder andre könne fallen. Wenn der Meister fiele, so sei damit ein Zeichen gegeben: Gott habe alsdann seine Hand von ihnen gezogen.

Jawohl: das wollten sie zum Zeichen nehmen: der Meister dürfe nicht fallen; sonst sei die Zeit noch nicht reif für das Höchste, nicht reif für seine Lehre; wenn er fiele, sei der ganze Kampf vergebens.

Sie möchten sich beruhigen: er würde nicht fallen, und wenn er fiele: er würde wiederkommen, wenn die Zeit reif wäre.

Jawohl: er würde wiederkommen! War das nicht ein großartiger Gedanke? Der Starblinde meinte sogleich, er dürfe auf Grund dieses Wortes erneut seinem Gefühl Ausdruck geben, daß der Messias gekommen sei.

Man stutzte. Nicht dieses Einfalls wegen; dieser Einfall fand in der Gesellschaft offne Herzen. Aber Heinrich, der bis dahin lautlos und verloren dagesessen hatte, war aufgebrochen und hatte des Meisters Schultern umschlungen:

»Wir wollen zusammenbleiben. Wir wollen uns helfen. Wir werden heimkehren.«

»Wir werden heimkehren, mein lieber Heinrich,« sagte der Meister, drängte den Jüngling sanft von sich, kehrte sich ab und ging, ohne einen Blick an die Versammlung zu wenden, in eins der Nebenzimmer.

-- Immerhin: es war so: er konnte fallen. Wie jeder andre. Wie viel mehr aber fiel mit ihm als mit jedem andern! Feigheit? Dieser Vorwurf läßt sich zurückgeben. Niemand würde einem Heerführer, einem berühmten General zumuten, mit seiner Stirn ein Schrapnell aufzufangen; was gibt dem General das Recht, einen Volksführer, einen berühmten Prediger vor die Gewehrläufe zu stellen?

Plötzlich erschrak er über einer Spur, die ihn in seinen Gedankengängen aufhielt, einem Zeichen, das ihm sagte, daß Menschen vor ihm diese Gänge durchrannt haben mußten; sie waren mit einem Namen bezeichnet; dieser Name kehrte wieder an allen Wänden; jede Ecke, um die er bog, trug dasselbe Wort -- Flucht; alle Winkel, alle Straßen, die er durchjagte -- Fahnenflucht; er stürzte in eine entlegene Gasse -- Fahnenflucht; zitterte zurück auf einen Gemeinplatz: an allen Ecken: Fahnenflucht.

Er entsetzte sich; fühlte sich erst nach einigen Atemzügen erholt; stand im Raum.

Er zog sich gewaltsam in die Dunkelheit zurück, zog das Dunkel über sich, um unerhellt in die Helligkeit des Saals zu starren.

Sein Blick fiel auf Heinrich, der mit Maria plauderte. Er schien im Anblick des Freundes zu versinken; nach und nach faßte er sich an den harten, steilen, lichtumstrahlten Gebärden wieder; sein Auge weitete sich; das Bild löste sich zum Gedanken, und er entsann sich immer mehr:

-- Wie feig, wie feig, zu fragen und zu denken! Kann es nicht sein, daß du so sicher wie der deinen Weg gehst? Vielleicht ist der da draußen schon ein abgemoderter Schädel, nur du siehst es nicht; vielleicht bist du selbst ein Gerippe mit ein paar faulen Lappen, nur du weißt es nicht. Das bißchen Zeit, bis du's weißt: was tut das? Aber wenn es der Ewigkeit gefällt, dich noch eine Weile über der Erde zu halten, wird sie dann nicht aus der Tiefe heraufgreifen können, dich tragen, dich heraustragen? Oh wie unendlich würde mein Tag sein, wie voll dankbarer Festigkeit mein Schritt, wenn ich nur einmal die Nähe Gottes erlebte! Wie anders als jetzt! Wie ich jetzt bin, zweifelnd, bedenklich, von Unruhe voll -- es ist gleich, ob ich stehe oder falle.

Er schien ihnen größer, als er, von vielen Kerzen erleuchtet, in den Saal trat. Er übermannte Heinrich mit diesem kurzen: »Morgen früh, Lieber,« und der Jüngling wagte nicht, seinen Blick, in dem ein großer Triumph zertreten war, hinüberzusenden zu Maria.

* * * * *

Daß es Nacht ist, daß Reihen rechts, Reihen im Rücken, Reihen vorn verlaufen, daß man einen Weg geht, über den feindliche Witterung streicht: woraus ist das alles geworden? In welch winzigem Gelenk dreht sich der Arm des Schicksals, der uns über die Erde hebt!

Ein Gewitter ist im Aufkommen. Windstöße spalten sich an ihnen vorüber. Die Schollen, die am Tage wie gebrannter Ton dagelegen haben, sind bleigrau geworden; es ist um ihre Füße herum alles wie gegossenes Blei, das sich am Horizont zu Spitzen aufzackt: der Stadt.

Man hat sich durch die Dämmrung in den Abend geflüstert. Jetzt in der Nacht -- o Erinnrung an jene schlummervolle Untätigkeit des nächtlichen Menschen! -- wird man stille und schläft über marschierenden Füßen.

Nur Heinrich, der neben Christianus Schritt hält, spricht hie und da ein Wort, heiter fast; denn er hat Christianus den Tag über fröhlich gesehen. Sie schauen beide zur Erde: wie beruhigend liegt doch die Erde unter unsern Füßen: nicht allzuhart verschließt sie sich den todgeneigten Gliedern; nicht allzutief läßt sie den sich im Tod Erholenden versinken.

Jetzt: ein Wind. Wind hat einen Ast von einem Baum gebrochen. Christianus blickt auf. Die ersten Häuser leuchten weiß durch die Nacht. Nein, es ist still; durchaus still. Nicht einmal in den Vorgärten irgendein Laut.

Hagel? Es kann doch -- wir sind mitten im Sommer -- es kann doch nicht Hagel geben? Aber es hagelt. Christianus lauscht auf. Es klopft an den Stämmen wie Spechthämmern. Er fährt herum. An seinem Nebenmann hat es einen Klang gegeben, als schlüge einer mit einem Klöppel einmal auf die Trommel. Es bricht aus den Häusern. Der Tod trommelt. Er lockt zum Avancieren in die Gärten. Sie verhäkeln sich im Gedörn und sinken lautlos zusammen.

Christianus steigt einem Staket entgegen, langt über einfallenden Grund nach Spitzen, kommt hinüber, hebt den Kolben auf: »Hund!« und fällt zurück.

Vor seinen Augen ist es hell geworden; ein Busch ist vor ihm aufgeflammt -- er sieht deutlich, wie er brennt und doch nicht verbrennt -- eine weiße Gestalt ist auf ihn zugetreten, hat die Arme gebreitet und sagt:

»Gib mir deine Hand; ich will deine Gabe annehmen und dich erretten um meinetwillen. Gib mir deine Hand; ich will dich führen. Gib mir deine Hand; ich will.«

-- Dies ist alles sehr deutlich gewesen. Er hätte sich unterstehen können, es wie einen transparenten Pergamentstreifen zwischen Hirn und Stirnschale hervorzuziehen. Er hätte es tun können. Er sah nicht ein, warum er nicht liegen bleiben sollte, wie er lag. Er würde herausgeführt werden; irgendwie würde er herausgeführt werden. Zweifel? -- es war über allem Zweifel; es war deutlich genug gewesen.

* * * * *

In der Stille erwachend, im Gefühl, als höbe der leichte Wind, der vor Sonnenaufgang aus weißem Himmel heraufweht, ihn auf, hängt er die Arme zwischen Baum und kleine Felsen und blickt um sich. Unter Bewaffneten, die in groben Arbeitskitteln müde daliegen -- er weiß, es sind Tote -- ist er der einzig Lebendige. Er steht auf, geht lächelnd auf einen zu, an ihm vorüber, an andern vorüber, wieder lächelnd auf einen zu. Muß es sein? Er hebt ihn mit einem Arm hoch, streicht dem zurückhangenden Kopf das Haar aus der Stirn, drängt einen Ärmel über die Schulter und -- oh! es ist schwer, unendlich schwer -- nimmt Stück um Stück, bis an dem Toten sich etwas regt: er strafft erschreckt das auflebende Hemd der Leiche in seinen Waffenrock und überwirft sich mit dem grauen Kittel. Als es getan ist, verfallen seine Glieder in Wanken; aber die Brust, atemvoll tragend, fängt ihn auf. Er tritt auf die Landstraße und geht mit den Blicken in sie hinein, sucht wundernd. Daß ich suchen muß! denkt er. Da beginnen die Blätter der Bäume sich zu kräuseln, sie werfen sich begeistert um und ins Ende der Heerstraße hinein; weißüberglänzte Vögel streichen endlos wegabwärts; hinreißend zieht alles durch seinen Kopf -- eben noch lehnte der Kopf an einem Baumstamm -- jetzt bewegt er sich mit dem bewegten Gelände wegabwärts.

Ans Ohr, das sich der lautlosen Luft, der Fülle schweigsamen Lichts hingab, klangen vom Blutstrom her -- seltsam untertöntes Stillegefühl! -- die letzten leichten Herzschläge der nächtlichen Erweckung; so weitausgreifend wurde sein Schritt, so nachlässig ließ er alles Auf- und Entgegenkommende gewähren, daß er nicht einmal widerstrebte, als ihm plötzlich als das Ziel seines Weges Maria voranging.

Er erstaunte über nichts; Begegnungen erschreckten ihn nicht; es war ihm, als habe er alles überholt, ehe es ihn ankam.

Maria war über allem; im Wasser seiner Augen, in Tränen tanzte ihr Licht vor ihm her, wachsenden Glanzes, bald unerträglichen Feuers, bis sie am Wegende erloschen, jedes Licht mit stumpfem Grauen austupfend, vor ihm stand.

Auch das erstaunte ihn nicht. Kräftigend ging der Schlag durch ihn. Es würde einen Kampf gelten. Er würde an einen Widerstand geraten, der so groß wie die Welt werden und nur eine Grenze haben würde: den engen Raum, den seine sieben Rippen umschlossen und in dem die weiße Gestalt stand. Dagegen würden sie anrennen; anrennen, unwissend, gegen wen.

Vorerst hatte er das Bedürfnis zu schlafen. Er fragte Maria nach nichts, sondern stieg, sich mit keinem Blick umwendend, die Treppe hinauf in die Dachkammer. Da legte er sich neben das Bett auf den Fußboden, streckte sich wie ein Hund aus, den Hals zurückgedehnt: schlafen!

* * * * *

Immer mehr wurden ihm die Stunden des Schlafs glückselige Stunden und die des Wachens peinvoll erregte.

Er hängte, wenn er wachte, die Arme durch die Dachluke auf die heißen und rauhen Ziegel und starrte die Spitzen drüben des Doms an, um die die Dämmrung aufkam und der Abend einfiel. Die Speiteufel schrumpften bläulich zusammen, blähten sich rötlich an ihn heran. Darunter brodelten mit gurgelnden und platzenden Schaumbläschen die Geräusche der Stadt.

Das Fürchterlichste war, in der Nacht zu erwachen. Unmöglichkeit, etwas zu unternehmen, Lähmung, gebundene Glieder hingen da an einem, daß ein Wünschen nach Tag, Tätigkeit, Lärmen in Schweiß ausbrach.

Plötzlich war er bei Maria: als habe er Wand, Decken, alles Räumliche durchbrochen. Und dann haftete sein Blick, sein Wort, seine Gebärde so heftig in ihr, daß sie sich im Schmerz wand.

Sie verstand ihn nicht; sie wollte ihn nicht verstehen. Wenn sie in dem allen nur eine Faser Gefühl für sich, für ihre Demut, für ihre Hingabe entdeckt hätte, sie hätte sich daran geklammert; aber er redete -- halb schien es, ohne sie anzusehen. Sie war ihm gegenüber immer in einem Wunsche befangen und sie empfand: sich die Hand geben, bei jedem Vorübergehen Worte sprechen, sich anblicken -- bei andern Menschen sind die Tage ausgefüllt von solchen Dingen; bei uns sind sie durch solche Dinge leer.

Er wiederum nahm ihre Sorgfalt um die Sachen seines Alltags als nichts. Gewiß: sie tat alles -- sie verbarg ihn; er erkannte das an; aber seine Dankbarkeit war nichts als ein Verzeihen. Sie ist ein Weib, sagte er sich; sie versteht mich nicht; also soll sie mir dienen.

Da geschah es eines Tages, daß dies alles anders wurde.

Maria teilte Christianus mit, daß Heinrich käme, die letzten Wochen heilender Wunde bei ihr und der Gemeinde zu verbringen.

Von dieser Wunde konnte Christianus nicht sprechen hören. Ein Widerstand, ihm selber unbehaglich, wehrte sich wie mit tausend Armen gegen ihre Nähe, und wie mit tausend Armen griff eine Begierde kalt und angst aus ihm heraus nach Maria.

Er saß neben ihr; er suchte Worte, tiefe, tiefere Worte; er versuchte, diese granitnen Blöcke, die Stirn, Kopf, Leib heißen, wegzuwälzen, wegzubrechen von seinem Gedanken, von der weißen Gestalt, die innerst in ihm leuchtet: plötzlich warf er sich steil zurück.

Eine Kraft durchstemmte seine Glieder, daß alles Steinerne, Versteinte an ihm aufsprang: seine Mienen begannen zu flattern, daß sie nur noch wie Schatten über einem aufgedeckten Gesichte schwammen; er hob die Arme: »Es ist wie ein Ungeborenes und doch Empfangenes« und legte sie an Mariens Brust und ihr Gesicht in beide Hände: »Hilflos.«

Dies Weibverwandte hatte sie von je an ihm geliebt; aber dies Neue, Übermannende war hinzugekommen: es war das erste Mal, daß er sie leiblich berührte; seine Hände lagen warm und dicht von ihren Schläfen herab zu den Wangen; wie sollte da ihr Kopf nicht alles umdeuten, was ihm und ihr bis jetzt entgegen gewesen war!

Sie war zufrieden; sie hatte ihn begriffen. Sie hatte ihn begriffen, trotzdem er nichts gesagt hatte.

Er liebt mich, dachte sie.

Und: es ist geschehen! jauchzte in ihm jeder Atemzug. Die weiße Gestalt ist ihr aufgegangen; ich trage sie nicht mehr allein in mir. Das Unüberwindbare ist überwunden; der Anfang alles Geschehens ist geschehen. Was hindert noch, daß die Dämme aufbrechen allerorts? Daß alle erkennen, was mich berufen hat? Es wird geschehen.

* * * * *

Geduldig überstand er die Hölle unter seinen Füßen, die Versammlungen, deren Geräusche allabendlich zu ihm heraufschlugen.

Heinrich machte die Zusammenkünfte zu Gedächtnisfeiern für den Toten.

Rührend und furchtbar, wenn Maria erzählte, wie der Harte, Verschlossene aufgegangen war in Liebe zu dem gefallenen Freunde, wie er den Lebenden vertilgte, indem er den Toten erweckte!

Christianus bemerkte, daß Maria mit ihrem Gefühl viel weniger als er in dem Entsetzlichen stand, wie hier ein Mensch den andern mit Erinnrungsherzblut erstickte, und viel mehr in dem Entzücken über die Kraft und Heftigkeit dieser Hingabe. Er begann, diese Freundschaft zu fürchten.

Zwar, wenn Maria heraufkam und die Gespräche halber Nächte vorbrachte, die Lippen mit einem verwegenen Lächeln bewegend, und doch wie in einem Märchen befangen, das Christianus wie ein großer Zauberer beherrschte, wußte er: er war ihrer sicher.

Aber eines Abends trat sie herein und hatte einen entlegenen Glanz im Auge.

Christianus fragte.

Sie erzählte.

Der Starblinde habe gegen alle Tröstungen Heinrichs prophezeit, der Meister werde auferstehen. Da habe Heinrich geantwortet: »Blinder, du hast recht; nur willst du mit tausend Schritten ermessen, was wir Sehenden mit einem Blick erfassen: er ist auferstanden; er ist in uns, für die er gestorben ist, auferstanden.«

Damit schwieg sie. Christianus wartete.

Aber sie hielt es für besser, jene wunderbaren Worte für sich zu behalten, die Heinrich danach mit einer deutlichen kleinen Wendung zu ihr hinüber gesprochen hatte -- wobei er seine Stimme hatte metallner und seine Schritte straffer werden lassen --: »Das könnt ihr nicht nachdenken, dies: daß ich, der ich genesen -- wie ihr sagen würdet, auferstanden -- bin, mich wie von Licht und Luft begraben fühle; daß ich sagen möchte, ich sei auferstanden, wenn ich in der Erde läge.«

Christianus begriff immerhin. Er richtete sich auf und befahl ihr, den Versammelten und Heinrich -- auch Heinrich! Heinrich besonders! -- zu sagen: der Blinde habe recht; er _werde_ auferstehen.

* * * * *

Heinrich erhob sich eben, um auf den prophezeienden Blinden einzureden: da hörte er Mariens Stimme. Er wandte den Kopf.

»Der Blinde hat recht,« hörte er sie sagen. Und dann mit einem Atem, der fast die Worte verschlug: »Der Meister _wird_ auferstehen.«

Erst als sie ausgesprochen hatte, wagte sie, zu ihm aufzusehen. Ihre Blicke legten sich lange ineinander. Dann drehte ein Krampf dem Jüngling Brust, Nacken und Kopf herum. Sie sah fort.

Als sie wieder aufblickte, hatte er das Zimmer verlassen.

* * * * *

Seit diesem Abend bestand Maria darauf, daß Christianus ihr Versprechen einlöste.

Er mußte auferstehen.

Sie leitete alles.