Die Glücklichen

Part 8

Chapter 83,232 wordsPublic domain

»Und jetzt dies noch -- dies letzte -- dies gebrochene Wort -- eine Behandlung, die ein unmündiges Kind kaum ertragen könnte, wieviel weniger eine verzweifelte Mutter, ... nein, nein, ich kann es nicht länger tragen. Gott selbst zeigt mir den Weg, er hat mir Ihren herrlichen Bruder geschickt, der mein Kind retten wird, er hat mir _Sie_ geschickt, und Sie werden mir helfen!«

Charlotte trocknete sich die überfließenden Augen.

»Mein Liebling, mein armes Herz, wie gern -- wenn ich nur kann! Was wollen Sie --«

Wieder horchte die junge Frau mit verhaltenem Atem nach der Thür hin; es blieb alles ruhig.

»Sehen Sie,« begann sie in fliegender Hast aufs neue und drückte Fräulein Charlottes Hand mit aller Kraft, »ich habe ja oft schon gedacht, ich ertrage es nicht länger und wie ich es anfangen würde, für mich und Erna zu sorgen, wenn ich fortginge. Ich habe ein kleines Kapital von einem Onkel meines verstorbenen Vaters geerbt, über das ich frei verfügen kann. Es sind nur ein paar tausend Mark, aber damit kann ich ein oder ein paar Jahre hindurch ein Konservatorium besuchen und Musik studieren, für die ich immer viel Begabung und Neigung gehabt habe. Reicht mein Können nicht zur Konzertspielerin aus, so hoffe ich bestimmt, ich werde Klavierunterricht erteilen können -- ich will gern und freudig arbeiten, nichts soll mir zu viel und zu schwer sein, wenn ich mit allem Luxus, der mich jetzt umgiebt, zugleich alle Fesseln von mir werfen und frei sein -- -- frei sein kann -- --«

Die Brust dehnte sich ihr, sie sprach und blickte wie im Rausch. Dem alten Fräulein schnürte sich angstvoll das Herz zusammen.

»Und Sie meinen, _er_ -- Ihr Mann -- werde Sie gutwillig gehen lassen?«

»Nicht gutwillig -- nein! Aber kann er mich bei sich halten, wenn ich gehen will?«

»Und das Kind -- wird er Ihnen das Kind lassen, falls -- --«

Charlotte war im Begriff, zu sagen: »Falls es am Leben bleibt« -- sie unterdrückte das und setzte stockend hinzu: »Falls es zur Trennung kommt?«

»Er liebt das Kind nicht -- sein Herz hängt nicht an ihm, ebensowenig, wie an mir. Was ihn so an mich fesselt, ist -- ist -- nicht Liebe in dem Sinn, wie Sie und ich Liebe auffassen. Wäre ich nicht mehr jung und gut aussehend ... keinen Augenblick würde er sich besinnen, mich von sich gehen zu lassen, denn ich bin ihm mit der Zeit eine immer unbequemere Frau geworden. Die Liebe, mit der eins das andere stützt und veredelt und immer tiefer verstehen lernt, die kennt er nicht und wird sie nie kennen.«

Draußen vom Flur her klang eine Thür, es kamen Schritte näher.

»Ich darf auf Sie zählen, nicht wahr?« flüsterte Melitta in fliegender Hast, während sie Charlottes Hand ergriff und, ehe diese es zu hindern vermochte, an die heißen Lippen führte. »Sie werden mich nicht mißverstehen und, wenn ich Sie bitte, mir eine hilfreiche Hand zu reichen, dann werden Sie mich nicht von sich stoßen!«

Die alte Dame konnte nur bestätigend nicken und sich rasch die Thränen aus den Augen wischen -- zum Antworten blieb ihr keine Zeit mehr. Sie sah mit einem Blick, daß die beiden Herren keine friedliche Auseinandersetzung gehabt hatten -- freilich hätte sich das voraussagen lassen können. Des Doktors stark gerötetes Gesicht war finster wie eine Gewitterwolke anzusehen, und den Ausdruck in ihres Walters Mienen kannte die Schwester ganz genau -- diese leicht vorgeschobene Unterlippe, diesen geraden, festen Blick, der deutlicher als tausend Worte sagte: »was ich einmal für richtig erkenne, davon lasse ich nicht -- das setze ich durch!«

»Sie verzeihen, gnädige Frau,« begann der Professor jetzt mit seiner tiefen, gedämpften Stimme, »wir haben Sie lange warten lassen, Sie werden sich beunruhigt haben. Ihr Herr Gemahl und ich hatten eine ausführliche Auseinandersetzung, die bedauerlicherweise dennoch zu keinem Resultat geführt hat. Herr Doktor Schott ist mit den von mir getroffenen Maßregeln in keiner Weise einverstanden und wünscht eine total veränderte Behandlungsweise einzuschlagen ...«

»Ich wünsche, in diesem speciellen Fall, _dir_ die Entscheidung zu überlassen!« fiel der Doktor dem Redenden ins Wort. »Ich darf dich wohl nicht an meine jahrelangen eifrigen Studien auf medizinischem Gebiet, sowie an den Umstand erinnern, daß ich die Konstitution und Beanlagung unseres Kindes von seinem ersten Tag her kenne, mithin in der Lage bin, ein eingehenderes Urteil darüber zu fällen als ein Fremder, der es vor zwei Stunden zum erstenmal gesehen hat.«

Die junge Frau sah ihm ruhig ins Gesicht.

»Ich wünsche, daß Herr Professor Hartwig die Behandlung des Kindes in seinem Sinn weiterführt -- ich bitte ihn darum!«

»Melitta -- es ist nicht möglich, daß -- du könntest in der That --«

»Ich bitte Herrn Professor Hartwig, die Behandlung des Kindes in seinem Sinn weiterzuführen!« wiederholte sie noch einmal deutlich und fest.

»Soll das heißen, daß du mich in den Augen dieses Herrn und seiner Schwester für einen Ignoranten erklärst, daß du mir nicht zutraust, diesen Fall zu übersehen?«

»Ich will dir meine Meinung darüber später sagen, es wundert mich, daß das noch notwendig ist, nach dem, was vorangegangen. Du hast in dieser Sache mir die Entscheidung überlassen ... dies _ist_ meine Entscheidung! -- Ob wir Erna die Medizin eingeben, Herr Professor? Zeit wäre es dazu, aber es scheint mir, sie schläft jetzt!«

Ohne sich nur noch nach ihrem Gatten umzuwenden, trat Melitta neben Hartwig und blickte vertrauensvoll mit ihren sprechenden Augen zu ihm auf.

»Es wird kein gesunder Schlaf sein, mehr ein Hindämmern, aber selbst wenn sie schliefe: die Medizin ist zu wichtig, wir müssen sie geben!«

Hartwigs Stimme klang ganz ruhig, er war anscheinend nur bei dem kranken Kinde, nur bei seinem Beruf. Aber Charlotte mußte wohl noch etwas anderes aus den sachlich klingenden Worten herausgehört haben, sie musterte den Bruder verstohlen mit einem aufmerksam prüfenden Blick.

»Dann wäre ich wohl hier am Bett meines Kindes vollkommen überflüssig!« bemerkte Doktor Schott bitter.

Es antwortete ihm niemand. Melitta und der Professor waren um das Kind bemüht, das die Medizin nicht gutwillig nehmen wollte; die Mutter hielt es im Arm und redete ihm sanft zu, der Arzt benutzte einen Augenblick, bog Ernas Kopf zurück und goß ihr geschickt den Inhalt des Löffels in den Mund.

»Das wäre geschehen!« sagte er tief aufatmend. »Nun wollen wir einmal stark die Füße frottieren. Liebe Charlotte, bitte, die Bürste, die dort liegt, und du könntest gleich hierhertreten und die Kleine halten, sie wird nicht gutwillig still liegen. Nein, du mußt an dieser Seite stehen, und sieh nur zu, daß die Eisblase an ihrer Stelle bleibt. Wollen Sie die Füße frei machen, gnädige Frau!«

Hinter den drei emsig Beschäftigten wurde eine Thür geschlossen. Keiner von ihnen wandte den Kopf zurück.

6.

Es war etwa zwei Stunden später.

Erna hatte noch mehrmals Medizin bekommen, danach war endlich etwas Schweiß eingetreten, was der Arzt sehnlichst gewünscht hatte, und sie schlief jetzt wirklich. Ihre Mutter ebenfalls zum Schlafen zu bewegen war völlig nutzlos, sie lächelte nur immer, schüttelte stumm den Kopf und rührte sich nicht von ihrem Sessel neben dem kleinen Bett. Man mußte sie gewähren lassen. Keinen Augenblick schien ihr mehr der Gedanke zu kommen, daß für ihr Kind noch Gefahr sei, daß es ihr doch noch entrissen werden könne. Als sei mit Professor Hartwig die Hilfe, die Rettung in Person über ihre Schwelle getreten, so zuversichtlich, so gläubig blickte sie zu ihm empor. Er hatte ihr noch kein erlösendes Wort gesagt, nur angedeutet, daß er mit dem bisherigen Verlauf der Krankheit nicht unzufrieden sei, daß die Medizin gute Wirkung zu haben scheine ... Melitta war sichtlich damit beruhigt.

Von Doktor Schott hatte man nichts weiter seitdem gesehen. Ob er seine Freunde im »schwarzen Lamm« aufgesucht oder einen weiteren Gang angetreten hatte -- niemand wußte es zu sagen.

In Charlotte Hartwigs Stübchen saß diese neben ihrem Bruder auf dem braunen Ledersofa vor einem sehr reichhaltigen und einladenden Frühstück. Die besorgte Schwester nötigte ihren Walter unausgesetzt zum Zulangen.

»Es ist doch nicht möglich, daß du schon satt sein kannst -- du wirst überhungert haben, das ist das Ganze. So iß doch wenigstens noch eine Kleinigkeit!«

»Keinen Bissen mehr, Lottchen, ich bin tüchtig dabei gewesen, und hab' mir's redlich schmecken lassen -- jetzt muß ich aber endlich die Waffen strecken!«

»Aber noch einen Schluck Wein!«

Der Professor deckte die Hand über sein Glas.

»Ich habe eine reichliche halbe Flasche getrunken, das ist mehr wie genug. Mit Essen und Trinken hab' ich dir nun deinen Willen gethan -- jetzt thu' du mir den meinen!«

»Aber natürlich, Walter -- wenn ich nur weiß -- --«

»Du weißt nicht? Hast du mir nicht zuvor versprochen, mir ganz ausführlich alles zu erzählen, was du über diese -- diese Leute -- dies Ehepaar meine ich -- und ihr Verhältnis zu einander weißt?«

»Ja so! Soll ich von Anfang an ausholen?«

»Bitte!«

»Und wird dich das auch nicht ermüden?«

»Du bist komisch, Lottchen! Wenn ich dich extra um eine Sache ersuche --«

»Sonst sagst du doch immer gleich, ich erzähle viel zu weitläufig!«

»Heute werde ich das nicht sagen!«

Und er sagte es auch nicht, trotzdem Fräulein Charlotte in der That weitläufig erzählte. Ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen, die Augen gesenkt, mit einem Tischmesser emsig an einer Äpfelschale herumschnitzelnd, hörte er alles mit an, von dem ersten Auftreten des Ehepaars Schott, von Fräulein Hesses und der übrigen Pensionäre Bezeichnung »die Glücklichen,« der Scene, die Charlotte damals im Garten belauscht, der Unterredung, die sie mit der jungen Frau gehabt, bis zu Ernas Erkrankung -- Resis Bericht über des Doktors Auftrag an Peterl und endlich Melittas Beichte an Charlotte. Als dies letzte zur Sprache kam, legte der Professor das Messer und die Äpfelschale weg und sah seiner Schwester gespannt ins Gesicht.

»Also das sagte sie? Und ganz bestimmt? Sie will fort von ihm -- -- meinst du, daß sie es durchsetzt?«

»Ich müßte mich gewaltig irren, wenn nicht! Das ist ja kein Mißverständnis und kein Zerwürfnis von heute -- das arbeitet schon jahrelang in ihr, und die jetzigen Erlebnisse haben eben das Maß voll gemacht. Wenn sie Resis Erzählung mit angehört hat -- und sie hat es, meinen Kopf zum Pfande! -- dann war das eben der Tropfen, der das volle Gefäß zum Überlaufen brachte. Und überhaupt ... ich habe sie beobachtet und es mehr als einmal wahrgenommen -- sie hat ein Grauen vor ihm! Seine Leidenschaft widert sie nur noch an -- ich kann dir das nicht so sagen --«

Er bewegte ein wenig die Hand. »Das ist nicht nötig!«

»Nun eben, siehst du! Und wenn er sie nicht freiwillig losläßt ... sie ist imstande, ihn böswillig zu verlassen, um einen Scheidungsgrund zu haben -- und unüberwindliche Abneigung kommt gleichfalls ins Spiel -- aus dem Kinde macht er sich nichts, meint sie, und ich glaube, sie hat recht. Wie könnte er sonst das arme Geschöpfchen so hart behandeln? Wäre Erna ein Junge, dächte er vielleicht anders, aber so ...«

»Und was sagtest du, wollte sie anfangen? Musik? War es nicht so?«

»Ja! Sie scheint sehr musikalisch zu sein, sie erwähnte einmal früher, wie weit sie in ihrem Studium gekommen, was sie alles gespielt und auswendig gewußt habe -- Chopinsche Impromptus und Schumanns Phantasiestücke und Bachsche Fugen -- sie hat heimlich doch immer fortstudiert. Nun möchte sie auf ein Konservatorium, von da entweder in den Konzertsaal oder an irgend ein Institut als Lehrerin -- so hab' ich sie verstanden. Was willst du sagen?«

Der Professor nahm seine Schnitzelei wieder auf.

»Ich meine, es -- es -- wäre noch nicht das schlechteste, wenn sie -- falls alles so kommt, weißt du -- nach Stettin herüberkäme. Ich könnte ihr doch da ... ich meine, wir könnten ihr doch da -- erheblich von Nutzen sein -- wenn sie doch, wie du meinst, nicht viel Anhang hat in der Welt und er, dieser -- dieser -- Mensch, sie so absichtlich von allem Verkehr isoliert hat! Ich -- in meinem Patientenkreis -- mir wär es ein Leichtes, sie da einzuführen, zu mir haben die Leute wirklich viel Vertrauen -- und eine Dame, für die ich mich warm interessiere ...«

»Ja, Walter, interessierst du dich denn warm für sie?«

Er ließ das Messer unter den Tisch fallen, bückte sich danach, ließ nunmehr die Äpfelschale fallen und bückte sich noch einmal -- er war von dem mehrmaligen Bücken ganz rot im Gesicht geworden.

»Warum soll ich nicht, Lottchen?« fragte er herausfordernd. »Findest du etwas dabei, wenn ich mich für eine Dame, die so -- so tapfer und -- und energisch sich benimmt und am Krankenbett so gut zu brauchen und die Mutter eines so -- so -- niedlichen kleinen Mädchens ist, die außerdem ein so schweres Schicksal hat ... wenn ich mich für die interessiere?«

Fräulein Charlotte lächelte.

»Gott bewahre, nein, Walter, ich finde nichts dabei! Interessiere du dich in Gottes Namen. Aber weißt du, was deine Patienten sagen werden, wenn du ihnen diese musikalische Kraft zuführst? Sie werden weder denken, daß diese Dame sich so tapfer und energisch benimmt, noch daß sie am Krankenbett zu brauchen ist, weder daß sie ein niedliches Töchterchen und ein schweres Schicksal hat -- sondern -- sie werden einfach sagen --«

»Was denn, Lottchen?«

»Sie werden einfach sagen: sie ist eine reizende junge Frau, und unser lieber Hausarzt, Professor Hartwig, hat sich in sie verliebt!«

Der Professor klopfte ein paarmal mit der flachen Hand auf den Tisch und goß sich dann, trotz seines vorherigen Protestes, in aller Geschwindigkeit ein frisches Glas Wein ein -- alles, ohne zu sprechen. Als er das Glas zum Munde führen wollte, hielt Charlotte ihm die Hand fest. In ihren Augen glänzte es feucht.

»Hätten die Leute recht, wenn sie so sagten, Walter?«

Seine klugen, guten Augen gaben Antwort, indes sein Mund stumm blieb. Da goß sie sich ebenfalls mit etwas zitternder Hand ein Glas Wein ein und stieß es mit hellem Klang an das seine.

»Sie heißt Melitta!« sagte sie dazu.

Ein leichtes Rauschen von Frauenkleidern wurde vor der Thür hörbar, leise, leise klopfte es an.

Der Professor fuhr empor, wie wenn man ihn bei einem Verbrechen ertappt hätte.

»Um Gottes willen, Lottchen!« flüsterte er in Hast. »Kein Wort -- keinen Laut von dem, was ich eben -- was du eben -- es ist ja noch alles im Monde, man weiß ja nicht -- es ist so über mich gekommen -- alles, wie ein Traum --«

Die Schwester nickte ihm beruhigend und herzlich zu.

»Auf mich kannst du dich verlassen -- ich denke, das wissen wir! -- Herein!«

Auf der Schwelle stand Melitta, die Augen leuchteten ihr groß und glückselig, um den süßen Mund bebte es.

»Ach, Sie verzeihen mir gewiß -- bitte, bitte! Aber ich mußte kommen und es Ihnen sagen: soeben ist Erna aufgewacht, und sie hat mich erkannt und ist ganz bei Besinnung! Das ist doch gewiß ein gutes Zeichen, und ich muß, ich muß Ihnen jetzt endlich danken!«

Leicht, leicht, wie von ihrem dankbaren Glück auf Flügeln getragen, kam sie herbei und nahm des Professors Rechte in ihre beiden Hände.

»Solange ich lebe, will ich Ihnen das nicht vergessen, was Sie heute gethan haben, und solange ich lebe, will ich Ihnen dafür danken!«

Seine Schwester verstand den eigentümlichen Blick zu deuten, mit dem er auf die blonde, schöne Frau hinsah. »Ich werde dich beim Wort nehmen!« stand in diesem Blick zu lesen. Im übrigen aber verriet nichts an ihm die plötzliche Wandlung in seinem Innern, diese rasche Liebe, die dem gesetzten, verständigen Arzt beim ersten Begegnen gekommen war. Sie war die Frau eines anderen, noch hatte sich nicht das mindeste in Bezug auf die Lösung dieses Bundes entschieden, noch konnte niemand wissen, ob in Melittas Herzen neben der begeisterten Dankbarkeit für den Retter in der Not irgend ein persönliches wärmeres Gefühl sich regte ... so blieb der Professor streng sachlich, fragte, ob Erna noch im Schweiß liege und ob Aussicht vorhanden sei, daß sie bald von neuem einschlafe -- am Ende erklärte er, selbst nachsehen zu wollen und ging den beiden Damen voraus in das Krankenzimmer.

Melitta zögerte einen Augenblick, ehe sie ihm folgte. Sie zog aus ihrer Kleidertasche einen zusammengelegten Zettel, den sie in Charlottens Hand drückte -- ein Knabe hätte ihn vor einer halben Stunde gebracht.

Es stand folgendes darauf zu lesen: »Ich halte es für das beste, angesichts deines nichtachtenden, mich vor diesen fremden Leuten total kompromittierenden Wesens, ähnlichen Vorkommnissen, wie denjenigen von heute früh, durch mein einstweiliges Fernbleiben vorzubeugen. Ich bin im »schwarzen Lamm« zu finden, falls Ernas Zustand sich verschlimmert und du meiner bedarfst. Im anderen Fall bitte ich, mich erst dann zu benachrichtigen, wenn ich sicher bin, Professor Hartwig nicht mehr in deiner Umgebung anzutreffen, da dieser Herr sich erlaubt hat, mir Dinge zu sagen, die mir ein nochmaliges Zusammentreffen mit ihm nicht wünschenswert erscheinen lassen. Was dein heutiges Benehmen mir gegenüber betrifft, so bin ich bereit, es mit deiner, wie damals, als Siegmund starb, bis zur Sinnlosigkeit gesteigerten Angst und Aufregung entschuldigen zu wollen, falls du diese Thatsache mir gegenüber ohne weiteres einräumst und meine Verzeihung dafür erbittest. Daß ähnliches sich niemals wiederholt, soll fortan meine Sorge sein!

Udo Schott.«

Fräulein Hartwig hatte das Briefchen hastig mit den Augen überflogen und gab es jetzt zurück.

»Was werden Sie thun?« fragte sie besorgt.

»Warten, bis Ihr Bruder mir Ernas Zustand aus freien Stücken als gänzlich gefahrlos bezeichnet -- dann ihn hierherrufen und ihm sagen, was ich zu sagen habe!«

Die junge Frau sprach das so einfach und ruhig aus, als sei es die selbstverständlichste Sache von der Welt -- in ihren Augen stand ein klares Licht, das nicht von bevorstehenden, sondern von überwundenen Kämpfen zeugte.

»Sie sind ganz mutig, ganz mit sich einig?« fragte Charlotte.

»Vollkommen! Ich weiß es selbst nicht, woher diese stille Zuversicht stammt. Es ist wie eine fremde Kraft in mir -- sie weist mir den Weg, den ich zu gehen habe!«

Das alte Fräulein seufzte recht aus tiefster Seele.

»Gott wolle alles zum besten lenken!« sagte sie inbrünstig. -- -- --

Im »schwarzen Lamm« gab es große Aufregung. Landrat Rothe hatte eigentlich schon heute mit seiner Frau abreisen wollen, sie fühlten sich aber allesamt von der »Parforcetour« in die Berge zu angegriffen und hatten beschlossen, noch einen Tag zuzugeben. Nun war ihnen ganz unerwartet Doktor Schott ins Hotel hineingeschneit und schien sich wunderbarerweise fürs erste da festsetzen zu wollen. Die ausgiebigen Fragen nach seiner Gattin beantwortete er sehr obenhin -- die Kleine sei nicht ganz wohlauf, es sei aber nicht schlimm, seine Frau natürlich wäre nicht vom Krankenbett fortzubringen. Die Freunde mußten aber sehr bald merken, daß die Sache keineswegs so einfach sei, wie er sie darzustellen wünschte, denn Schott war von einer immer sich steigernden Unruhe ergriffen, die sich kaum unterdrücken ließ und der Umgebung je länger je deutlicher wahrnehmbar wurde. Er saß entweder teilnahmlos da, ohne ein Wort zu äußern, oder seine Beredsamkeit hatte etwas geradezu fieberhaft erregtes, in seinen Augen funkelte ein grelles Feuer -- dazu lief er in immer kürzeren Zwischenräumen zum Portier des Hotels, fragen, ob keine Nachricht für ihn gekommen sei -- und als es Abend wurde und immer noch keine Botschaft da war, ging es mit dem Rest seiner Selbstbeherrschung zu Ende. Er konnte die Gesellschaft der Freunde und ihr harmloses Gespräch nicht länger ertragen, er ließ sich ein Zimmer anweisen und verbrachte dort einsam den Abend, nur wenige Bissen genießend, in ruhelosem Hin- und Herwandern.

Am nächsten Tage gegen Mittag reisten die Freunde fort. Der Abschied von Doktor Schott fiel nach dem so herzlich gefeierten Wiedersehen, ziemlich erzwungen und förmlich aus, und nur das allseitige Bedauern, seine reizende Frau nicht mehr sehen zu können, kam echt heraus. Für den Zurückbleibenden hatte sich die Situation nicht geändert -- es war noch immer aus Pensionat Klinger keine Nachricht für ihn da.

Endlich, am Morgen des nächsten Tages wurde für Doktor Schott ein Briefchen abgegeben.

»Erna gänzlich fieberfrei und auf dem besten Wege vollständiger Genesung. Professor Hartwig und Schwester heute früh nach G... weitergereist.«

Weiter kein Wort -- keine Bitte, kein Versprechen, kein Zeichen der Verabredung.

Des Doktors Gesicht sah sehr düster aus, als er das Hotel zum »schwarzen Lamm« verließ, aber noch unendlich viel düsterer war es anzusehen, als er, nach etwa zweistündiger Abwesenheit, wiederkam.

* * * * *