Part 6
»Nur bis der Arzt kommt! Daß sich der Anfall nicht wiederholt!« -- -- Sie sah nicht seinen Gesichtsausdruck, nicht sein Achselzucken -- -- -- bei ihr ging jetzt alles unter in der bebenden Angst um das Kind. Ihm allein wollte sie die Kleine nicht anvertrauen, aber so viel verstand er doch von der Heilkunde, um ein Linderungsmittel zu finden, das dafür sorgte, daß dieser entsetzliche Anfall nicht wiederkam ... so war Melittas Gedankengang; sie folgte ihrem Gatten mit den Augen, als er zu der kleinen Hausapotheke ging, die er auf Reisen immer mit sich führte, und sie zählte angstvoll die dunkeln Tropfen, die er aus einem Fläschchen in den halb mit Wasser gefüllten Löffel fallen ließ.
»Es kann ihr bestimmt nicht schaden -- nein?« flüsterte sie.
In seinen Augen flammte es auf.
»Du mußt wahrlich deiner Sinne nicht mächtig sein, um an mich ... an _mich_ -- eine solche Frage stellen zu können!«
Sie wehrte seine Worte gleichsam mit einer gleichgültigen Handbewegung ab. Was galt ihr jetzt die verletzte Eitelkeit, das gesteigerte Selbstbewußtsein ihres Mannes -- hier, wo es sich um Leben und Tod handelte? -- -- -- Das Kind war von dem Krampf so erschöpft, daß es alles mit sich geschehen ließ. Die Mutter stützte das matt zurückgesunkene Köpfchen und goß den Inhalt des Löffels in den geöffneten Mund. Fürs erste hatten die Phantasien nachgelassen, aber wie verändert war das kleine runde Gesicht!
Die nächste halbe Stunde schlich so hin, dann ging das Phantasieren von neuem an, nur hatte es eine andere Gestalt angenommen. Erna erzählte nicht mehr, was sie, nach ihrer Meinung, deutlich vor sich sah, wollte kein Spielzeug, wünschte auch nicht mehr, daß Mama ihr vorsang oder mit ihr betete ... sie hatte offenbar schreckliche Wahnvorstellungen, sah Dinge, die ihr kindliches Gemüt aufs äußerste entsetzten, war aber nicht imstande, sich darüber zu äußern oder um Hilfe zu bitten. Die kleine Brust flog vor Angst, der Atem krachte, die weitgeöffneten Augen sahen starr auf einen Punkt, und dazu stieß das kleine Geschöpf Schrei auf Schrei aus, als wenn es gefoltert würde. Kein Zureden, kein Bitten half, Erna kannte die Mutter und deren Stimme nicht mehr, sie stieß sie mit aller Kraft von sich -- -- und da war auch der fürchterliche Krampf wieder, der die Glieder starr und steif werden ließ und das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrte! Die Tropfen wurden von neuem gegeben, aber sie thaten keine Wirkung, der Zustand blieb derselbe! --
Melitta kannte sich kaum vor Angst. Sie stürzte zum Fenster und riß den Vorhang hoch, um zu sehen, ob sich kein Schimmer von Morgendämmerung am Himmel zeige, sie warf sich neben dem kleinen Bett auf die Kniee und stammelte unzusammenhängende Worte, halb Gebete, halb Drohungen: »Das kann doch dein Wille nicht sein? Dies eine -- mein letztes -- was würde mir bleiben, wenn ... Ist es nicht genug an dem einen? Du darfst es -- darfst es nicht geschehen lassen« -- --
Sie war taub für jeden Zuspruch -- was ihr Gatte zu ihr redete, wurde überhaupt nicht von ihr verstanden! Sie zählte die halben, die Viertelstunden an der Uhr -- es konnte doch nicht erst Drei geschlagen haben, es mußte Vier gewesen sein! Und noch immer Nacht, noch immer nicht hell! Ihre Lippen murmelten immer in Zwischenräumen: »Ein Arzt! Ein Arzt! Es muß doch endlich ein Arzt kommen!« und der Fenstervorhang durfte nicht mehr heruntergelassen werden, damit sie es sofort sah, wenn der Tag kam! Draußen funkelten am nachtdunkeln Septemberhimmel die Sterne, die Luft ging frisch und kühl!
Und endlich! Die leuchtende Pracht droben fing an, zu erblassen, die schwarzen Schatten wurden grau, in unbestimmten, verschwommenen Umrissen begann es zu dämmern -- der erste vereinzelte Hahnruf ließ sich hören.
Sie wollte selbst hinunter, den Boten wecken, ihm Eile einschärfen, ihm Geld geben -- aber eben war wieder ein Anfall gewesen, schlimmer als zuvor, das Kind lag im Arm der Mutter in einem leichten Halbschlaf -- oder war es nur völlige Erschöpfung? -- Sie wagte es nicht, sich zu rühren. Ihr Gatte flüsterte ihr zu, er selbst wolle gehen, den Boten ein Stück begleiten, sie könne sich mit eigenen Augen überzeugen, in zehn Minuten spätestens werde sie beide vom Fenster aus fortgehen sehen. Sie nickte zu allem, es war ihr lieb, daß sie mit dem Kinde allein blieb, seine Gegenwart regte sie nur noch mehr auf.
Sie hörte ihn die knarrende Treppe hinuntergehen, hörte unten im Hause Thüren öffnen und schließen, es war ihr auch, als vernehme sie gedämpfte Stimmen. Das Kind regte sich in ihren Armen, sie wagte kaum zu atmen, sie winkte Friederike, zum Fenster zu gehen. Schon sah die Morgendämmerung durch die Glasscheiben, die Lampe brannte wie in einem trüben Dunstkreis, von unten herauf tönte Hundegebell und ein beschwichtigender Zuruf -- das Leben des Tages erwachte.
Friederike machte am Fenster ein Zeichen -- es litt Melitta nicht länger -- sie mußte sehen, selbst sehen. Leicht, wie eine Flaumfeder, ließ sie das Kind in die Kissen zurückgleiten und schlich auf den Fußspitzen zum Fenster. Da sah sie im fahlen Zwielicht, das vor Sonnenaufgang herrscht, zwei männliche Gestalten zum Hofthor hinausschreiten -- die größere Gestalt wandte sich nach dem Fenster zurück, hob grüßend den Hut und winkte mit der Hand; die kleinere sah sich nicht um. Zwanzig -- dreißig Schritte, und die beiden Wanderer waren in dem jetzt mit Macht aufqualmenden Frühnebel verschwunden. --
Die junge Frau am Fenster atmete auf, tief, tief, wie wenn die Bergeslast auf ihrer angstbeklommenen Seele ein klein wenig leichter geworden wäre. -- Wieviel Stunden jetzt noch? -- Drei Stunden zum Aufstieg, zwei mindestens, allermindestens für den Abstieg ... im allergünstigsten Fall konnten sie in fünf Stunden hier sein! Würde ihr Mann die ganze Tour mit dem Boten zugleich machen? Mochte er immer! Helfen konnte er hier nicht, und er mußte es ja sehen, daß er ihr vollkommen überflüssig war -- -- wenn nicht schlimmer noch als das! Wieder mit ihm am Krankenbett eines Kindes, das ihm und ihr gehörte! Die Erinnerung packte die junge Frau wie mit schaudernden Händen und schüttelte sie wie ein Laub im Winde! Was hatte sie leiden müssen -- was litt sie wieder! --
Draußen bebten die Bäume im Morgenhauch! Jenes Säuseln und Raunen, das das Nahen der Sonne verkündet, strich feierlich durch die Wipfel, die Nebel ballten sich zusammen und rollten sich auf, nur die Gebirgshäupter steckten noch tief in ihren dichten Schleierhüllen. Der Nachtthau fiel in schweren Tropfen von den Blättern, und nun flog ein unsicheres, rosiges Dämmerlicht um die Baumkronen, zuckte stärker auf, vertiefte sich zu strahlendem Rot, goß eine verschwenderische Fülle strömenden Goldes über die erwachende Welt ... die Sonne! -- -- Ihr siegender Strahl traf auch in das kleine Krankenstübchen, erzitterte wider in funkelnden Thränen, die rasch und unaufhaltsam aus den Augen der jungen Frau herabtropften. Sie hatte nicht weinen können, solange ihr Mann neben ihr stand! Aber jetzt! Alles, was sie vom Leben noch erwarten durfte, verkörperte sich in dem Kinde! Für sich selbst hoffte sie nichts mehr -- aber für Erna, mit Erna zu hoffen, zu kämpfen, zu leiden, das war der Zweck ihres Daseins -- ihr einziger! Wurde er ihr genommen ... sie konnte den Gedanken nicht zu Ende denken! Wie oft hatte sie in wehmütig-süßen Zukunftsträumen auf das zu ihren Füßen spielende Kind herabgesehen! Wie mußte es schön sein, eine Tochter neben sich aufwachsen zu sehen, sich nach und nach eine Freundin in ihr heranzuziehen, die Teilnahme, Verständnis hat auch für die Dinge, die unausgesprochen bleiben müssen, selbst zwischen den Nächststehenden! Welch eine Quelle des Trostes -- -- Ein neuer Krampfanfall des Kindes schnitt jäh und schrecklich den Gedankengang seiner Mutter entzwei! -- Wer hat nicht schon ein geliebtes Wesen müssen leiden sehen, machtlos, Abhilfe zu schaffen? Wer kennt nicht den Jammer, der uns das Herz in der Brust gleichsam umwendet, den Jammer menschlicher Ohnmacht gegenüber dem Tode, der seine eisige Hand nach unserem Liebsten ausstreckt? Und nun ein Kind, ein wehrloses, kleines Geschöpf, das mit den Augen flehentlich um Hilfe bittet, das es nicht anders kennt, nicht anders erwartet, als daß die Mutter ihm beisteht, wie sie bisher alle Last und Mühe bereitwillig auf sich genommen! Ein Herz, so ganz erfüllt von Liebe -- ein Wille, so stark, daß er einer Welt Trotz bieten möchte, ein Opfermut, dem nichts -- nichts zu schwer fiele ... und machtlos -- machtlos!! --
Charlotte Hartwig hatte an der Thür gelauscht und kam nun leise herein -- sie fand das Kind verändert und entstellt, die junge Frau verzweifelt. Sie schickte Friederike hinunter und ließ Decken und Tücher wärmen, das Kind darin einzuwickeln; es wollte ihr nichts anderes einfallen -- sie stand diesem Fall ratlos gegenüber -- mit dem Bruder hatte sie ähnliches nie durchgemacht, und er, seitdem er Arzt war, sprach mit ihr niemals über seine ärztliche Thätigkeit, über die Mittel, die er etwa anwandte und deren Erfolge; es gehörte dies zu seinen Grundsätzen ... der Arzt dürfe seinen Beruf nicht noch in seine Familie tragen, um seiner selbst und der Angehörigen willen! --
Das alte Fräulein hielt ihre junge Freundin im Arm und sprach mit ihrer weichen Stimme gute, warme Worte zu ihr -- aber hörte, verstand sie Melitta auch? Immer derselbe starre, abwesende Blick, dasselbe einförmige Kopfschütteln, das heftige Zittern, das den schlanken Körper durchlief! Wahrlich, ein Anblick zum Erbarmen! -- -- -- Die warmen Decken schienen dem Kinde wohlzuthun, es streckte sich darin aus, dehnte die kleinen Glieder, bekam einen Hauch von Farbe in das arme, bleiche Gesichtchen; die nächste Stunde verging ohne Anfall. Eine strahlende Morgensonne lachte zum Fenster herein, draußen vor den Scheiben glitzerten die im Frühwind sanft bewegten Blätter der Bäume vom frischen Morgenthau, die Vögel lärmten in den Zweigen, ein herber Duft stieg von der Erde auf.
Die zwei Frauen saßen still neben dem Bettchen, Friederike machte sich leise im Nebenzimmer zu schaffen. Noch zwei gute Stunden, dann konnte der Arzt da sein! --
Resi schlich sich mit einem Tablett herein, auf dem zugedeckte Teller und einladend dampfende Kännchen und Tassen standen -- Frau Eigener habe sie heraufgeschickt und ihr verboten, bei Strafe der Entlassung, früher herunterzukommen, als bis sie mit ihren eigenen Augen gesehen habe, daß Frau Doktor esse und trinke. Für Fräulein Hartwig habe sie drüben in Fräuleins Zimmer alles zurechtgestellt. -- -- -- Alles dies wurde mehr pantomimisch als mit Worten ausgedrückt -- die junge Frau weigerte sich anfangs standhaft, etwas zu sich zu nehmen, endlich setzte sie die Tasse an die Lippen, bat aber nun ihrerseits Fräulein Charlotte, in ihr Zimmer zu gehen und ihr Frühstück zu genießen ... thäte sie das nicht, so werde auch sie -- Melitta -- keinen Bissen mehr essen. Das alte Fräulein stand eine kleine Weile zögernd da, zuletzt gab sie nach, deutete an, sie werde bald wieder da sein und ging leise über den schmalen Korridor in ihr Stübchen. -- Eben goß sie sich die zweite Tasse des ungewöhnlich starken und heißen Kaffees ein, als die Thür sich sacht öffnete und Resi auf der Schwelle erschien.
»Was ist?« fuhr Charlotte erschreckt auf. »Hat Erna wieder -- --«
»Nix und gar nix is!« winkte Resi ab und kam näher heran. »Die Frau Doktorin trinkt ganz brav ihr' Kaffee, und's Kindl schlaft -- -- oder wenigstens liegt's da, als wenn's schlaft! Wegen dem können gnä' Fräul'n in Ruh' weiter frühstück'n! 's is bloß« -- -- offenbar hatte Resi etwas auf dem Herzen, sie fältete an ihrem Schürzensaum, hustete ein paarmal kurz hinter der vorgehaltenen Hand und trat unschlüssig von einem Fuß auf den anderen.
»Ja, Resi, was giebt es denn? Wollen Sie mir etwas sagen?«
»Das möcht' i schon -- gnä' Fräul'n sind gar so viel klug und doch auch alt eben, da weiß ma' schon, was ma' zu thun hat! Unserer Frau -- was d' Frau Eigener is -- trau' i mir's nimmer z' sagen, i weiß nimmer, was das abgeben thät!«
»Haben Sie einen Schatz, Resi?« fragte Fräulein Charlotte mit einem halben Lächeln.
»O mein -- gnä' Fräul'n -- wie's aber auch fragen! Nu freili hab' i ein'! Wie wär's denn bestellt mit unserein', wenn's _kein_ Schatz hätt'! Und das weiß auch d' Frau -- wegen dem is' nimmer!«
»Also weswegen sonst?«
»Ja -- das is« -- Resi nahm einen förmlichen Anlauf, um sprechen zu können -- »i bin heut' in aller Herrgottsfruha aufg'standen und bin zum Ziehbrunnen 'gangen wegen kalt' Wasser, war schier noch stickdunkel -- gnä' Fräul'n werden wissen, wo der Brunnen liegt, ganz dicht unter grüne Bäum', g'rad' so umstellt, daß ka' Mensch ein'sehen kann, wenn er nit hat was z'schaffen selber am Ziehbrunnen. Und da, wie i den Eimer will heben, da hab' i g'hört, wie der Herr Doktor hat zum Peterl g'redt, leis' g'nug, ob der Peterl auch schweigen könnt' -- und wie der hat »Ja« g'sagt -- und wahr is schon, der Peterl kann's Maul halten, bei uns im Haus heißt man's alleweil »der Stumme!« -- da hat der Herr Doktor ihm Geld 'geben und hat g'sagt, er braucht nimmer gehen bis Leuten, 's wär bloß so Spiel -- oder wie -- für d' junge Frau, weil die sich so viel verängst'gen thät'. Aber kein' fremden Doktor braucht's nimmer, und er allein könnt's Kindl g'sund machen und woll's auch g'sund machen, er wüßt' eben mehr als zehn so Dorfärzt' z'sammen. Und's Peterl sollt' eben gehen und e paar Stund' fortbleiben und sagen, er wär' droben g'wesen, und der Herr Doktor sei schon fortg'wesen -- -- und das sollt' a G'heim's bleiben, kein Mensch dürft' nicht kein Sterbenswörtl davon wissen -- und später, wenn's Kindl g'sund daherspräng', woll' er's selber der Gnäd'gen sag'n ... aber für jetzt sei das g'fehlt: sie _woll'_ e' zweit'n Arzt, und er woll'n _nicht_ -- und weil sie so anstellig wär' -- so wild, hat er g'moant, vor Furcht -- d'rum müßt' man 's eben anlüg'n -- und er wollt' auch so thun, als wär' er droben ... ja, ja, um Gott's will'n -- was bedeut' denn das?«
Hinter Resi, die eifrig auf Fräulein Charlotte einsprach, hatte sich die Thür aufgethan ... Melitta stand im Rahmen derselben. Hatte sie Resis Bericht gehört oder nicht? Sie war erschreckend blaß, ihre großen Augen hatten einen seltsamen Ausdruck. Sie sprach kein Wort, sie sah nur Fräulein Charlotte an.
»Steht es mit Erna schlechter?«
»Ja!« sagte die junge Frau tonlos. »Sie hat eben wieder einen Anfall gehabt!«
»Um Gottes willen! Ich komme sofort!«
Das alte Fräulein lief in ihrer raschen Bereitwilligkeit beinahe Resi um, die mit herabhängenden Armen, einen Ausdruck hilflosen Schreckens im Gesicht, gleich einer ertappten Sünderin dastand. Jetzt aber galt es nur das Kind, das starr und steif in Friederikens Armen lag, die Zähne fest aufeinandergebissen, die Lippen bläulich-weiß, die Augen nach oben gekehrt.
»Wir wollen noch einmal die Decken wärmen!« sagte Charlotte, mit Thränen in den Augen auf das gequälte kleine Geschöpf blickend. »Warten Sie, ich gehe selbst und sage es Frau Eigener, ich bleibe dabei, bis die Sachen durchwärmt sind, Sie können sich auf mich verlassen! Es schien mir doch, als thäte die Wärme unserem armen Liebling gut!«
Melitta nickte ein paarmal, ohne ein Wort zu erwidern. Fräulein Hartwig sah sie in großer Besorgnis an -- -- wenn sie doch nur um Gottes willen Resis unglückselige Erzählung nicht mit angehört hätte! Und wenn der alte Gebirgsdoktor wirklich kein sehr gescheiter Arzt war und Doktor Schott mehr, zehnmal mehr wußte, als er ... die junge Frau wartete auf diesen Arzt wie auf den Heiland, sie brachte ihm Glauben und Vertrauen entgegen -- -- und, vor allen Dingen, ihr ohnehin schwer erschüttertes Verhältnis zu ihrem Gatten würde einen bedenklichen Stoß erleiden, wenn sie erfuhr, wie eigenmächtig er in dieser Angelegenheit gehandelt hatte. Wer konnte wissen, wie lange die Frau in dem kleinen Korridor vor der Thür gestanden -- wieviel oder wie wenig sie von Resis Bericht vernommen hatte! Durfte man sie danach fragen -- sich in eine so unendlich peinliche Sache mischen? --
Fräulein Charlotte entschied bei sich diese Frage mit »Nein,« und suchte nochmals ihre junge Freundin mit der Versicherung zu beruhigen, sie selbst werde das Erwärmen der Decken beaufsichtigen. -- Melitta nickte wieder nur, ohne zu sprechen.
Um zur Küche zu gelangen, mußte Charlotte die Runde um das ganze Haus machen. Als sie eben in die halbgeöffnete Thür hineinschlüpfen wollte, wurde sie von Fräulein Rosa Hesse festgehalten, die eben in kleidsamer Morgentoilette die Stufen der Veranda herabkam -- sie hätte gehört, die kleine Erna Schott sei erkrankt -- merkwürdig, daß den »Glücklichen« hier, während der Sommerfrische, ein solches Malheur passieren müsse! -- und der Doktor sei schon vor mehreren Stunden, mit Peterl als Führer, hinauf nach Leuten gegangen, um den Gebirgsarzt zu holen, auf Wunsch seiner Frau! _Das_ sei noch ein Mann! Da sähe man wieder den eklatantesten Beweis für das ideale Verhältnis der »Glücklichen!« Sicherlich würde das so bald kein Mann thun -- zu einem ganz obskuren, vielleicht sogar sträflich unwissenden Gebirgsdoktor zu gehen, bloß auf Verlangen der Frau, wenn man selbst ein eminent bedeutender Arzt sei ...
»Woher wissen Sie, daß Doktor Schott ein eminent bedeutender Arzt ist?« konnte Fräulein Charlotte nicht umhin, zu fragen.
Die schöngeistige Dame sah halb geringschätzig, halb beleidigt drein.
»Woher ich das weiß? Aber, mein Himmel, das weiß doch hier ein jeder!«
»So?« sagte Fräulein Hartwig trocken.
»Ja -- natürlich! Ein Mann, wie dieser, von solcher Begabung, solchem Wissen, muß ja ein bedeutender Arzt sein -- er ist auf allen Gebieten zu Hause, so auch auf diesem. -- Sie scheinen große Eile zu haben, verehrtes Fräulein.«
»In der That!« warf Charlotte ein.
»Wie geht es denn jetzt dem Kinde?«
»Schlecht! Es liegt in Krämpfen!«
»O, o -- wie schrecklich! Und der Vater nicht da! Wie blind muß er diese Frau lieben, daß er jetzt das Kind allein läßt, um nur ihren Ideen zu folgen! Was haben Sie denn in der Küche zu thun?«
»Frau Eigener eine Bestellung zu machen!«
»So komme ich mit Ihnen! Ich weiß gar nicht, wo Resi heute steckt! Sonst hat sie mir um diese Zeit schon lange meinen Kakao gebracht -- ich trinke nämlich des Morgens immer Kakao, ich halte das für weit bekömmlicher als Kaffee, und meine Gesundheit ist ein wenig zart.«
Mit Fräulein Rosa Hesse im Schlepptau betrat Charlotte die Küche und fragte nach Frau Eigener. Dieselbe mußte aus der Vorratsstube geholt werden -- sie war ganz Teilnahme und Bereitwilligkeit ... wenn gnä' Fräul'n ein fünf, sechs Minuten warten wollten, dann könnte sie die Decken schon mitgeben. Damit wischte sie eilfertig einen Küchenstuhl ab -- »bitte, sich nur zu setzen!«
Unterdessen war Resi langsam, Schritt vor Schritt setzend, aus Fräulein Hartwigs Zimmer gekommen und stieg jetzt ebenso bedächtig die Treppe hinunter. Ihr ahnte nichts Gutes. Wenn die Frau Doktor die ganze Geschichte, die sie, die Resi, dem alten Fräulein erzählt, mit angehört hatte -- und warum sollte sie das nicht gethan haben? -- dann konnte das unangenehme Dinge nach sich ziehen! Für nichts und wieder nichts hatte der Herr Doktor den Peterl wohl nicht immer von neuem beschworen, reinen Mund zu halten und ihm Geld noch extra dafür gegeben -- gefallen hatte es ihr, der Resi, gar nicht, daß der Herr Doktor so sein Spiel trieb mit der jungen Frau; Resi fand, wenn er ihr's versprochen hatte, den Leutener Arzt zu holen, so mußte er ihn eben holen, ob ihn das nun ärgerte oder nicht. Sie hatte ein ziemlich hartes Urteil für des Doktors Handlungsweise, und sie sagte sich, daß des Doktors eigene Frau, die Mutter des kranken Kindes, noch ein ganz anderes Urteil fällen dürfte als sie, das einfältige Zimmermädel. O je, o je, das konnte noch eine böse Geschichte geben! Hätte bloß die junge Frau nichts gehört. Aber sie hatte so »wüste« Augen gehabt -- zehn gegen eins zu wetten, ihr war kein Wort entgangen! --
In ihre trübseligen Gedanken über die Folgen ihrer Schwatzhaftigkeit verloren, fuhr Resi erschreckt zusammen, als sie sich am Fuß der Treppe von einer fremden Männerstimme angeredet hörte. Vor ihr stand ein Herr im Reiseanzug, er hatte eine etwas lässige Haltung, ein blondbärtiges, stubenblasses Gesicht und sehr kluge und gute Augen. In der Hand trug er einen Schirm und einen kleinen Koffer.
»Guten Morgen, Fräulein! Um Verzeihung -- dies ist doch Pensionat Klinger?«
Resi knickste. »Ei ja freilich schon -- z' dienen!«
»Ich habe meinen Wagen vor einer Viertelstunde fortgeschickt und bin das letzte Stückchen Weg durch den schönen Bergwald zu Fuß gekommen. Auch habe ich meine Schwester gern überraschen wollen -- Sie werden sie ja gut kennen -- Fräulein Charlotte Hartwig! Ich bin Professor Hartwig aus Stettin -- können Sie mir sagen, wo -- --«
Weiter kam er nicht. Die steile Treppe herab flog eine weibliche, weißgekleidete Gestalt mit offenem Blondhaar -- er hielt sie für ein junges Mädchen -- umklammerte seine freie Linke mit ihren beiden zitternden Händen und stammelte kaum verständlich: »Helfen Sie -- um Gottes willen -- helfen Sie mir --«
»Meine Gnädigste -- mein Fräulein -- ich --«
»Aus Erbarmen! Helfen Sie -- um Ihrer Schwester willen, die mich liebt, die ich liebe! Das Kind muß -- muß sterben, wenn nicht -- wenn nicht -- und es ist kein Arzt -- keiner ...« -- Sie fiel in ihrer Aufregung und Verzweiflung vor ihm auf die Kniee, sie haschte nach seinen Händen, um sie an die Lippen zu führen.
»Nicht doch -- um Himmels willen -- wo ist das Kind? Führen Sie mich!«
Professor Hartwig gab Schirm und Koffer an Resi ab.
»Tragen Sie das einstweilen fort, und sagen Sie, bitte, meiner Schwester noch nichts, ich suche sie später auf. -- Diese Treppe hinauf?«
»Ja!«
Resi sah den beiden, wie sie nebeneinander die Treppe hinaufstiegen, mit offenem Munde nach. Diesmal faßte sie den festen Vorsatz, zu schweigen.
Professor Hartwig warf einen kurzen prüfenden Blick auf seine Begleiterin, er sprach kein Wort weiter. Im Krankenzimmer angekommen, legte er seinen Hut auf das Fensterbrett und streifte die Handschuhe ab. Dann trat er an das kleine Bett. -- »Wie lange ist das Kind schon in diesem Zustand?«
Melitta schöpfte zitternd Atem. Die Stimme wollte ihr nicht gehorchen.
»Ich -- ich kann es nicht genau sagen. Wir hatten eine weite -- eine weite Gebirgspartie unternommen, waren zwei Tage und eine Nacht unterwegs. Als ich mein Kind verließ, war es gesund gewesen -- gestern des Abends sagte mir Ihre Schwester, es wäre ihr bald -- bald nach unserem Aufbruch verändert erschienen -- still und apathisch. Wir fanden es in hohem Fieber!«
»Und es ist kein Arzt hier?«
»Er ist nach München zu einer Versammlung, und bis nach Leuten hinauf sind es mehr als drei Stunden -- ein beschwerlicher Aufstieg ... in der Nacht wollte ihn niemand unternehmen!«
»Haben Sie gar kein Mittel bei dem Kinde angewendet?« »Doch!« Die junge Frau wurde rasch nacheinander rot und blaß. »Wir -- ich -- mein Mann weiß einiges -- hat einige medizinische Kenntnisse -- wenigstens interessiert er sich -- --«
»Gut also! Was haben Sie gegeben?«
»Zuerst ein weißes Pulver -- es sollte fieberstillend sein -- dann diese Tropfen« -- sie nahm das Fläschchen vom Tisch und reichte es dem Professor.
Dieser zog den Kork heraus, roch an dem Fläschchen, goß sich ein paar Tropfen in einen bereit liegenden Theelöffel und kostete. Ohne etwas Weiteres zu sagen, schloß er das Fläschchen wieder und setzte es beiseit.
»Wollen Sie jetzt das Kind aus dem Bett heben, ich muß es genau untersuchen. Haben Sie einen Thermometer zum Messen der Temperatur hier? Gut. Bitte, setzen Sie sich hierher neben das Bett, ich gebe Ihnen die Kleine auf den Schoß.« Er hatte gesehen, daß Melittas Hände stark zitterten.
»Wenn -- wenn Erna bei Besinnung ist, wird sie sich nicht von Ihnen berühren lassen -- sie wird sich sehr aufregen --«
»Ich hoffe nein! So, meine kleine Erna, komm zum Onkel Doktor -- er bringt dich zu Mama!«