Die Glücklichen

Part 5

Chapter 53,826 wordsPublic domain

»Ich sehe keine Veranlassung dazu! Du hast auf vielen Gebieten Studien gemacht, eifrige Studien, ich will es zugeben, aber um etwas Tüchtiges zu leisten, gehört mehr als bloßes Theoretisieren: dir fehlt die Erfahrung, ohne die man auf keinem Gebiet wirksam sein kann -- und diese Thatsache, die du in deiner blinden Selbstüberschätzung geflissentlich ignoriert hast, hat meinem Knaben das Leben gekostet!«

Der Doktor war weiß geworden bis in die Lippen hinein, seine Hände ballten sich, er trat ganz dicht an seine Frau heran. Sie wich nicht zurück und sah ihm furchtlos in die Augen.

Es trat eine Pause ein.

»Und du glaubst« -- seine Stimme klang heiser -- »irgend ein Charlatan, der vor seinen Professoren die Prüfung bestanden hat und auf seinem Schild den Titel »praktischer Arzt« führt, hätte unseren Knaben gerettet?«

»Ich weiß das nicht -- Gott allein ist Herr über Leben und Tod ... ja, Gott allein, ob du noch so verächtlich den Kopf dazu schüttelst! Die klügsten, besten Ärzte werden oft daran erinnert -- es ist unrecht von dir, sie Charlatane zu nennen, weil ihre Wissenschaft noch in der Entwickelung begriffen ist und sie für viele Krankheiten noch kein Heilmittel gefunden haben -- vielleicht auch nie eines finden werden. Aber in all' dem Schmerz wünscht der Mensch das eine: sich sagen zu können, er habe nichts versäumt, er habe alles das gethan, was in seinen Kräften stand, und kein Vorwurf kann ihn treffen. Ich aber mache mir Vorwürfe, Tag für Tag, nun schon seit mehr als einem Jahr -- bittere, bittere Vorwürfe, daß ich nicht that, was einfach meine Pflicht war gegen meinen Knaben! Weh' mir, daß ich ihn vor mir sehe, beinahe jede Nacht im Traum, wie er seine kleinen Hände nach mir ausstreckte und um Atem rang -- und wie er dann hintenüberfiel und steif und leblos ausgestreckt blieb -- tot -- mein Glück, mein Stolz, meine Zukunft! Und jetzt, da mein letztes auf dem Spiel steht, soll ich fragen, wie die Leute sich alles zusammenreimen werden und welches Licht auf dich fällt? Damals hab' ich auf den Knieen vor dir gelegen und um Hilfe gefleht für mein Kind -- ich weiß es noch, daß ich, ehe die lange und tiefe Ohnmacht sich über mich erbarmte, ohne Aufhören geschrieen habe: »Ein Arzt! Ein Arzt!« Es war da freilich schon zu spät, das Kind lag schon im Todeskampf. -- Jetzt werde ich nicht mehr knieen vor dir und dich bitten -- ich erwarte von dir, daß du dein Wort hältst -- erwarte es als mein gutes Recht!«

»Und wenn ich deinen Willen nicht erfüllen kann?«

»Setz' deine Worte anders! Du meinst, wenn du wortbrüchig wirst? Dann bist du ehrlos in meinen Augen, und ich werde nicht eine Stunde länger neben dir leben. Ich werde mein Kind nehmen und gehen!«

»Du willst es machen wie Ibsens Nora, für die sich deine überreizte Phantasie --«

Sie war an ihm vorüber zur Thür gegangen und hatte die Hand auf dem Drücker. Noch einmal wandte sie sich zu ihm zurück.

»Ich habe keine überreizte Phantasie, und hätte ich mir Ibsens Nora, die ich freilich gut genug verstehe, zum Vorbild genommen, dann wäre ich lange schon gegangen, denn ich weiß seit Jahren, daß unsere Seelen einander fremd sind und sich nie zusammenfinden können. Aber dir meine Kinder lassen, wie Nora es thut -- von ihnen fortgehen ... nein, das konnte ich nicht! Ich habe Komödie vor fremden Leuten gespielt und mehr gelitten innerlich, als du ahnst und jemals ahnen wirst ... thust du mir dies letzte aber an, dann _kann_ ich nicht mehr neben dir weiterleben!«

Die Augen flammten aus dem blassen, reizenden Gesicht heraus, die Lippen waren dunkel gerötet. Seltsam und schön war die junge Frau in dem malerischen Nationalkostüm der bayerischen Tracht, das sie auf der Gletschertour getragen und noch nicht Zeit gefunden hatte, abzulegen. Die zerzausten blonden Löckchen hingen ihr wirr in die schmale, feine Stirn, ihre biegsame, elegante Gestalt trat plastisch hervor in dem dunklen, knappen, mit Silberketten verschnürten Mieder und dem hellgeblümten Brusttuch.

Doktor Schott fixierte das reizvolle Bild unter halbgesenkten Lidern; um seine Lippen vibrierte es.

»Gut!« sagte er langsam, in einem völlig veränderten Ton. »Hab' denn deinen Willen!«

Sie sah ihn mißtrauisch an, aber es war keine Zeit mehr zum Überlegen. In der nächsten Sekunde stand sie in dem kleinen Hausflur, erschrocken, zu bemerken, wie rasch die Dunkelheit eingefallen war. Das kleine Flurlämpchen war noch nicht angezündet -- kaum sah man in dem matten Dämmerlicht noch die Stufen der steilen Treppe, die nach unten führte.

Es dauerte eine Weile, bis Frau Eigener zu finden war. Soeben war sie doch noch in der Leuteküche gewesen -- nein, in der Herrenküche! Bewahre, Resi hatte sie in der Milchkammer gesehen -- da war sie eben fort -- ob sie nicht im Vorratsraum steckte? Zuletzt kam sie gemächlich, einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand, die Kellertreppe heraufspaziert. Atemlos stürzte die junge Frau ihr entgegen.

Frau Eigener sah sehr mitleidig und bekümmert drein, als sie hörte, um was es sich handelte -- aber noch während Melitta sprach, schüttelte sie bedauernd den Kopf.

»Heut' Abend noch? Und 'nauf bis Leuten? Aber nein, aber nein, um 's Herrgotts willen, das ist ja rein unmöglich! Das ist ja ein Weg -- ja, so ein Weg, da muß man beim Tag schon gut zusehen -- alleweil hoch hinauf und steilzu, und g'fährliche Brucken hat's von Baumstämmen und Wildbäch' und schlimme Stiegen -- und sehn's eben, Frau Doktorin, wen sollt' ich schicken? Meine beiden Leut', wo sicher sind, der Alois und der Pauli, die sind zur Stadt mit 's Getreid' -- und 's Peterle -- du liebe Zeit, das ist noch so jung und so dumm, das könnt' ich nicht 'mal beim Tag da hinaufkraxeln lass'n, und ich hab' die Verantwortung, 's Peterle hat noch ein' Mutter und ist ihr einz'ger -- no, und von die Weibsleut' kann gar schon nimmer die Red' sein, hinauf nach Leuten!«

»Aber -- aber ...« die junge Frau faßte flehentlich die Hände der Hauswirtin ... »Jemand aus dem Dorf wird doch -- muß doch -- ich will zahlen soviel wie« --

»Ja wär' schon ganz recht, Frau Doktorin, bei Nacht thut's keiner und wenn's ihm wollten beid' Händ' voll Gold füllen. Schaun's auch, was hätt's für Vernunft? Wer mit Vorsicht geht -- und die braucht's bei so an Gebirgsweg! -- der wandert bei Nacht mit Latern' und allem gut seine fünf, sechs Stund'n, und bei Tag thut sich's in drei! 's ist egal dieselbe Zeit, und man hat kein' Angst auszusteh'n, daß sich selbiger thut versteig'n oder 'nunterrutschen. Nu mein' ich _so_, Frau Doktorin: allsowie 's Frührot dämmert, bloß ein Schimmer und ein Flimmer, geht's Peterle los, da ist es um acht Uhr für's spätest' beim Medikus -- und der hat ein Wägele und kann halt ein Stückl fahren, freilich bloß bis zum nächsten Dörfl, aber Zeit sparen thut's doch -- und da is er eben um halb Elf, hin zu Elf, da. Das ist das best', ist das einzigst', was wir thun können, und thun will ich's und 's Peterle treiben, als wenn mein eigenes Mädel daliegen und warten thät'! Und Frau Doktorin müssen jetzt hübsch 'naufgehen und was bequemes auf sich ziehen, statt dem Zeug, und ein festes, warmes Abendbrot müssen's essen -- ich schick's nachher gleich 'nauf mit der Resi -- und 's Erna-Schätzel wird 'leicht kaum so viel krank sein, Frau Doktorin sind so in Angst, weil's bloß das eine haben -- aber 's Mäderl ist so rund und so schön immer g'wesen, wie'n Apferl, das kommt wieder zuweg. Und der Herr G'mahl, der Herr Doktor« -- hier stockte die zungenfertige Rede, Frau Eigener machte große, runde Augen und schlug sich dann mit der flachen Hand schallend auf den Mund. »Nu, dös is aber -- aber dös is kurios! Der Herr Doktor sind doch _selber_ 'n Herr Doktor -- jetzt dieselbig' Minut' fallt mir's ein! -- der muß doch am besten wissen, was 'm Kindl fehlt, so grausam g'scheit, wie er thut -- wegen was wollen denn Frau Doktorin den alten Medikus holen lassen aus Leuten?«

»Ist er kein tüchtiger Arzt? Haben Sie kein Zutrauen zu ihm?«

Frau Eigener kehrte die Handflächen nach außen.

»Ich kenn' ihn wenig, hab' ihn nie beim Krankenbett g'sehen -- wenn bei uns eins siech g'wesen ist, haben wir unseren eigenen Herrn Doktor, der in München jetzt ist, holen lassen -- der ist sehr brav und g'scheit!«

»Und die Leute? Was sagen die?«

»Heil'ger Vater Joseph -- die Leut'! Soviel Köpf', soviel Sinne! Der sagt eins so und der zweit' anders -- und der dritt' wieder so! Mag schon ein guter Herr sein -- aber eben alt doch und bissel für sein' Bequemlichkeit und 's gute Leben!«

Die junge Frau seufzte aus tiefster Beklommenheit.

»Will denn der Herr G'mahl für G'walt ein' zweiten Arzt?«

Melitta blieb die direkte Antwort schuldig. Sie faßte noch einmal bittend die beiden Hände der Frau und fragte mit Thränen in den Augen: »Sie können nicht noch heute Abend schicken? Wirklich nicht?«

»Bei Nacht wahr und wahrhaftig nimmer, so bitterlich leid mir's ist! 's hat ka Sinn und ka Zweck, der Bot' braucht dieselbig' Zeit, wie wenn er bei der Fruha geht, da verschwör' ich mein ewig's Heil dabei! 's ist mir so herzlich leid -- bitte, bitte, nit weinen, Frau Doktorin!«

Die junge Frau senkte das Köpfchen und ging langsam, langsam wieder der Treppe zu; es war, als hoffe sie, die Hauswirtin würde sie doch noch einmal zurückrufen.

Aber das geschah nicht.

Auf der obersten Stufe stand Charlotte Hartwig und wartete. Sie legte einen Arm um Melitta und zog sie sanft an sich. »Nicht wahr, mein liebes Kind,« flüsterte sie, und ihre Stimme klang liebkosend und weich, wie die einer Mutter, »Sie sind mir nicht böse über das, was ich zuvor sagte, und Sie beurteilen mich nicht falsch, wenn ich jetzt nicht mit Ihnen komme und Ihnen für die Nacht meine Dienste anbiete? Gott weiß es, ich thäte es herzlich gern, und wer weiß, ob ich mich Ihnen nicht doch ein wenig nützlich machen könnte; ... aber, wie die Dinge liegen, ist es am Ende besser, ich bleibe in meinem Stübchen. Meine Anwesenheit könnte die Situation vielleicht verschlimmern. Sollte es sich aber ereignen, daß Sie allein sind und mich brauchen können ... ich habe einen sehr leisen Schlaf und bin in fünf Minuten bei Ihnen! Was meinen Sie?« -- Statt aller Antwort umfaßte Melitta das alte Fräulein und drückte ihre frischen, weichen Lippen auf die welke Wange. Es machte keinen Eindruck auf sie, daß sich die Thür geräuschlos öffnete und ihr Mann heraussah. Er maß die beiden eng umschlungenen Frauengestalten mit einem kalten, spöttischen Blick, aber Melitta ließ Fräulein Charlotte nicht los, sie fragte nur mit gedämpfter Stimme: »Ist Erna wieder wach?«

»Nein -- hast du mit Frau Eigener gesprochen?«

»Für heute ist es unmöglich, morgen mit dem frühesten will sie einen Boten nach Leuten schicken!«

»Wie -- Sie wollen einen anderen Arzt zuziehen?« fragte Charlotte erstaunt.

Doktor Schott zuckte zusammen und sah sie über die Schulter hochmütig an, als wolle er fragen: was geht dich das an? während Melitta erwiderte: »Ja, es geschieht auf meine Veranlassung!«

Offenbares Erstaunen spiegelte sich in Charlottens Mienen wieder -- wie kam ein so selbstherrlicher, geistesstolzer Mann wie Doktor Schott dazu, einen alten, obskuren Gebirgsarzt zu Rate zu ziehen? Ohne ihrem Befremden Worte zu verleihen, zog sich das alte Fräulein, mit einem letzten Händedruck für Melitta, auf ihr Zimmer zurück.

Die junge Frau fand Erna, wie sie sie verlassen hatte: in unruhigem Halbschlaf, den Kopf zwischen den Kissen hin- und herdrehend, die Löckchen feucht und heiß um die Schläfen geklebt. Ab und zu lallte der kleine, halboffene Mund einen einzelnen Laut, die Hände ballten sich, lösten sich wieder, und der Atem ging kurz und laut.

Melitta hatte lange über das Bettchen geneigt gestanden, jetzt schlich sie auf den Fußspitzen zum Nebenzimmer, dessen Thür sie offen ließ, um die Kleider zu wechseln. Sie zog die Nadeln, die sie drückten, aus dem Haar und war in dem weißen Morgenkleide mit dem offenen, seidenweichen Blondhaar um die Schultern reizender denn je.

Es klopfte kaum hörbar an die Thür -- Resi brachte das Abendessen herauf. Mit einem mitleidigen Seufzer blickte sie nach dem kleinen Bett hinüber und ging rückwärts auf Strümpfen zur Thür hinaus. Das gesamte Hauspersonal liebte Erna und schwärmte für die junge Frau.

»Möchtest du nicht etwas essen, Melitta?« fragte der Doktor. Sie schüttelte stumm den Kopf und rückte ihren Stuhl dicht neben das Kinderbett.

»Du solltest doch. Trink wenigstens ein Glas Wein!«

Erneutes Kopfschütteln ... dann, da er mit dem gefüllten Weinglas dicht vor ihr stehen blieb und sie seine Beharrlichkeit, die sie oft bis zur Verzweiflung getrieben, genügend kannte, setzte sie mit Überwindung das Glas an die Lippen und gab es ihm geleert zurück. Noch immer blieb er dicht vor ihr stehen und sah sie unverwandt an -- ihr stieg eine fliegende Röte in das weiße Gesicht, und halb mechanisch griffen ihre Hände in das offene Haar, um es zusammenzuflechten.

»Laß doch -- bitte -- laß!« sagte seine flüsternde Stimme. »Du bist am schönsten so!« Seine Hand suchte die ihre zurückzuhalten und geriet in das üppige, weiche Haar. Mit einem gestammelten Laut brachte er es an seine Lippen.

Im Nu war Melitta auf den Füßen, in ihren Augen flammte es; sie wollte reden, der Zorn raubte ihr die Sprache. Sie schüttelte ihr Haar, als habe ein giftiges Tier es berührt. Das Kind in seinem Bettchen stöhnte lauter. Es hatte jetzt die Augen groß offen und langte mit den Händen nach dem dunklen Schatten, der sich an der Wand bewegte.

»Nicht das -- nicht das!«

»Was denn, Liebling, Herzblatt? Mama ist ja bei dir!«

»Fort das -- nicht das!«

»Tritt zurück!« sagte Melitta. »Du siehst es doch, sie ängstigt sich vor dem Schatten!«

»Mama beten mit Erna!«

Die junge Frau faltete ihre Hände um die kleinen des Kindes.

»Hier knieen! Erna auch knieen!«

»Mein Kleines, du bist krank, du kannst leicht kalt werden!«

»Erna auch knieen!«

Melitta kniete und hielt das Kind aufrecht in ihren Armen; und nun sagten sie zusammen langsam und feierlich die zwei kleinen Gebetchen her, die Erna kannte. -- Aber zwischendurch lachte das Kind -- seine Gedanken wanderten; es wollte seinen Puppenjungen haben, Hansei hieß er, der den einen Arm verloren hatte -- Mama sollte Hansei bringen, aber fortgehen sollte Mama nicht, nein -- Erna fing bitterlich an zu weinen -- Mama sollte bleiben, und Hansei sollte kommen!

»Friederike ist doch da -- laß sie die Puppe suchen und herbringen!« sagte die junge Frau, ohne sich umzuwenden. Aber bis Hansei gefunden wurde, dachte Erna nicht mehr an ihn. Jetzt wollte sie Pferdchen spielen mit Mamas langen Haaren, das sollten die Zügel sein. Mit beiden Händen griff sie in die seidene Pracht und zerrte daran.

»Laß los, Erna, du thust Mama weh!« gebot ihr Vater in rauhem Ton mit finsterblickenden Augen.

Das Kind warf sich hintenüber und fing zu schreien an.

»Sie hat mir nicht weh gethan -- und wenn ... als ob es darauf ankäme! Ein krankes Kind, ein Kind, das phantasiert!«

»Papa fortgehen! Papa nimmer wiederkommen!«

»Nein, nein, mein Liebchen, er soll nicht kommen. -- So tritt doch zurück, daß sie dich nicht mehr sieht!«

»Ernas Ball, der rote, kleine -- der so hupft!«

»Gleich, mein Herzblatt, Friederike soll ihn suchen!«

»Ernas Ball -- und Ernas Bilderbuch, vom Schäfchen und von -- und von -- der Muh-Kuh!«

»Alles, alles soll das Kind haben!«

»Erna auf Mamas Schoß sitzen!«

Die Fieberunruhe packte und schüttelte das Kind gewaltig. Kaum hatte Melitta es in die Decke gewickelt und auf ihre Kniee genommen, da strebte es auch schon wieder ins Bett zurück -- dann war das Bett ein kleiner Kahn, der auf dem Wasser fuhr, und Mama sollte ihn rudern und Erna schaukeln ... aber tüchtig schaukeln, daß es spritzte! Und wo all die Vögelchen herkamen, die bunten, die immerfort um den Kahn flogen! Konnte Mama die denn nicht sehen? Aber sie kamen doch so dicht, so dicht an Ernas Kopf heran, rote und grüne und blaue, auch goldene, und wie sie sangen! Die Händchen griffen in die Luft, so hoch sie konnten, und faßten wieder Melittas Haar und verstrickten sich darin -- jetzt war es ein Netz, in dem Erna kleine silberne Fische fangen wollte -- dazu mußte sie doch ihr Netz auswerfen! Sie faßte das Haar mit aller Kraft und schleuderte es von sich, daß es wie ein Goldschleier über das weiße Bett gebreitet war.

Doktor Schott stand ganz zurück, so daß das kranke Kind ihn nicht sehen konnte; auf seiner Stirn waren finstere Falten, sein Atem kam gepreßt. Kaum konnte er dem Thun der beiden zusehen, es regte ihn namenlos auf. Er hatte die Kleine wohl lieb, wenigstens meinte er so, wenn er sich auch innerlich gestand, mit dem Sohn sei es anders gewesen. Den hatte er seinen »Kronprinzen« genannt, mit dessen Erziehung hatte er ein Meisterstück machen, hatte den Leuten zeigen wollen, wieviel, bei vernünftiger Leitung, aus einem geistig wie körperlich gut beanlagten Knaben werden könne. Das Töchterchen -- -- das blieb mehr der Frau überlassen, obgleich er selbstverständlich dafür Sorge tragen wollte, daß es die heutige verrückte Mädchenerziehung nicht bekommen dürfe ... in seinem Hause, unter seinen Augen mußte alles »rationell« angefangen werden! -- Jetzt, seit einem Jahr, da Erna sein einziges Kind geworden war, hielt der Doktor es für seine Pflicht, schärfer zuzufassen -- Melitta verstand sich ja unglaublich schlecht auf die Behandlung von Kindern, sie hatte es ihm schon bei dem Sohn schwer genug gemacht, der allerdings in allen Stücken seiner Mutter Ebenbild war und mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an ihr hing, ebenso, wie sie an ihm! Die leiblichen Mütter waren in des Doktors Augen die ungeeignetsten Erzieherinnen der Welt für ihre Kinder, fortwährend verloren sie das Ziel, um das es sich handelte, aus den Augen, begingen eine Inkonsequenz um die andere und ließen sich immer nur von ihren persönlichen Empfindungen leiten!

Auch jetzt wieder! Gewiß, das Kind war krank, das sah man ja, _sehr_ krank sogar -- aber mußte man ihm darum sklavisch jeden Willen thun? Es wäre viel nützlicher gewesen, ihm ernst zuzureden, es vielleicht, wenn das nichts half, tüchtig anzuschreien, es einzuschüchtern -- dann hätte es ruhig gelegen und sich besser befunden. Es war eine Schwäche von ihm, dem Vater, daß er diese Unvernunft ruhig mit ansah, nicht, wie sonst, seinen Willen durchsetzte! Es war ihm eben nicht behaglich zu Mut! Melittas Ton und Blick wollte ihm nicht aus dem Sinn, als sie ihm vor einer Stunde zugerufen: »Dann bist du ehrlos in meinen Augen, und ich werde nicht einen Tag länger neben dir leben. Ich werde mein Kind nehmen und gehen!«

Nun, das waren große Worte, die weiter keine Bedeutung hatten! Damit sind ja die Frauen so leicht bei der Hand! Ehrlos! Lächerlich! Weil er nicht gesonnen war, sich der Kontrolle, der Bevormundung irgend eines Dorfquacksalbers zu unterwerfen, sich zum Gespött der Leute machen zu lassen! Und gehen! Ja, wohin denn? Ihre nächsten Angehörigen waren tot, mit den entfernten Verwandten hatte sie keine Fühlung -- er hatte Sorge dafür getragen, er hatte sie gänzlich isoliert -- es »ging« sich nicht so ohne weiteres für eine Frau, die kein eigenes Vermögen besaß und, schön und verwöhnt wie sie war, vom wirklichen Leben und seinen Anforderungen so gut wie nichts wußte. Er glaubte auch keinen Augenblick ernstlich an solche Drohungen -- nur sah er, daß sie jetzt maßlos erregt war und daß er nichts thun durfte, sie noch mehr zu reizen. In ihren Augen hatte, als er ihr Haar küßte, ein Ausdruck gelegen -- -- er konnte ihn mit nichts anderem bezeichnen als mit Widerwillen. Und wenn ... Unsinn! Sie war außer sich vor Angst gewesen damals um den Knaben -- sie war außer sich vor Angst jetzt um das Mädchen -- doppelt weil es ihr letztes, ihr einziges Kind war! Frauen aber, die Furcht und Erregung halb von Sinnen bringt, darf man für ihre Blicke nicht verantwortlich machen, solche Blicke zählen nicht mit!

Und so sah denn Doktor Schott scheinbar ganz gelassen zu, wie seine Frau das Kind aus dem Bettchen nahm und wieder hineinlegte -- und nochmals aufnahm und von neuem in die Kissen bettete -- wie sie sich geduldig das Haar von den kleinen Händen zerraufen ließ -- wie sie niederkniete und betete, und die Puppe, den Ball, das Bilderbuch auf die Bettdecke legte und zehnmal wieder aufhob, wenn die unruhigen Händchen alles von sich schleuderten. Auch singen mußte Melitta von neuem: »Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt!« Und die Stimme war ihr so schwer von Thränen!

Friederike stand am Fußende des Bettes und wunderte sich in der Stille über den Herrn Doktor. Der ließ doch sonst nicht mit sich spaßen, und wenn Erna auch krank war -- lieber Gott, der kleine Siegmund war ebenso krank gewesen, noch kränker sogar, und der Herr Doktor hatte alles allein bestimmt und besorgt, niemand durfte an das Kind heran, und es gab doch tüchtige Ärzte genug in Augsburg. Und hier wollte er dulden, daß ein alter Doktor oben aus dem Gebirgsdorf, der wahrscheinlich gar nichts verstand, kam und das Kind behandelte! Und er blieb ganz gehorsam in dem breiten Schattenstreifen, den der große, alte Kleiderschrank warf, stehen und ließ alles gehen, wie die junge Frau es anordnete! Diese rief dann und wann Friederike zu einer Handreichung heran -- ihren Mann rief sie kein einziges Mal! Sie schien es nicht zu merken, daß er sie unausgesetzt beobachtete!

Wie sie doch schön war! Wie unter dem leichten, dünnen, in Hast übergeworfenen Morgenkleid die biegsamen Formen der anmutigen Gestalt so deutlich hervortraten! Wie das Haar, das sie so oft, als fiele es ihr lästig, mit einer ungeduldigen Bewegung zurückschüttelte, mattgolden schimmerte, und welch schwacher, lieblicher Duft davon ausströmte! Und diese feine Linie des herabgeneigten Profils, die schwarzen, aufwärts gebogenen Wimpern! Es brauchte kein Landrat Rothe zu kommen und aufgeregt zu versichern: »Aber Freundchen, deine Frau ist ja eine Schönheit, entzückend, wahr und wahrhaftig entzückend!« Es durfte kein Leutnant Rothe dastehen und sie mit bewundernden Blicken messen -- Udo Schott wußte genau, was er hatte, er war eitel _auf_ sie und _für_ sie -- ihm trug und kleidete sie sich viel zu einfach, er mußte ihr die kostbarsten Toiletten förmlich aufdrängen!

Indessen steigerte sich das Fieber bei Erna immer mehr -- kaum war sie noch im Bett zu halten; sie wollte durchaus heraus und im Freien mit Rino spielen. Das war doch Rino, der liebe, schöne Neufundländerhund aus Augsburg, mit dem sie so gern tollte, der es immer geduldig litt, daß sie sich auf ihm wälzte und seine langen, weichen Ohren um ihre Händchen wand. Und wie er bellen und sie in wilden Sätzen umkreisen konnte, wenn sie nach Hause kam! Zuweilen ritt sie auf ihm -- dann schritt er langsam und gravitätisch einher -- warum ließ man sie denn jetzt nicht auf Rino reiten? Und Erna weinte und warf sich ungestüm zurück, und dann mit einemmal klammerte sie sich an ihre Mutter fest, die Füße drehten sich umeinander, und das kleine Gesicht verzerrte sich ... es war ein Gehirnkrampf eingetreten.

Weiß wie ihr Kleid, zitternd am ganzen Körper hielt die junge Frau ihr Kind fest, bis der Anfall vorüberging. Mit ihren warmen Lippen küßte sie die kleinen, kalten Glieder, hauchte auf die zusammengekrampften Hände und Füße und warf verzweifelte Blicke auf die kleine Wanduhr, deren Pendel und Zeiger sich mit schauerlicher Langsamkeit weiterbewegten. Kein Gedanke an das Grauen des Morgens! Tiefe, tiefe Nacht. --

»Kannst du nicht helfen? Weißt du kein Mittel?« Melitta fragte es kaum hörbar, mit bebenden Lippen, während das Kind ihr matt und erschöpft im Arm lag.

»Gewiß, weiß ich! Wenn du mir die Behandlung überlassen willst« --