Part 4
Fräulein Hartwig wandte sich kopfschüttelnd von Friederike ab. Sie hatte die gemessene, kaltherzige Art des Mädchens nie gemocht und auch einmal zu der jungen Frau eine Bemerkung darüber gemacht. Diese hatte bekümmert ausgesehen und in gedrücktem Ton erwidert, ihr Mann habe Friederike gemietet, weil sie gute Zeugnisse besitze und ihm geeignet scheine.
»Thut dir etwas weh, Liebling?«
»Die Stirn ein bissel!«
»Willst du zu Tante auf den Schoß?«
Erna nickte und ließ sich willenlos emporheben. Sie lehnte das Köpfchen gegen Fräulein Charlottens Brust und schloß die Augen.
»Das ist doch kein gesunder Zustand bei einem Kinde, wie dies, das sonst lauter Lust und Lachen ist und aus dem Laufen und Springen nicht herauskommt! Wie heiß das Köpfchen sich anfühlt! Was meinst du, Mäuschen, möchtest du denn in dein Bett?«
»Weiß nimmer.«
Charlotte sah sich ratlos um. Gerade kam wieder die Hauswirtin eilfertig aus der Thür.
»Frau Eigener, auf einen Augenblick, bitte! Sagen Sie doch, giebt es hier im Ort einen Arzt?«
»Wir haben schon einen, gnä' Fräul'n, aber der ist jetzt nach München, da haben's ein Kongreß oder wie man's heißt. Vertreter hat er kein' g'funden -- bei uns kommt halt selten was von Krankheit!«
»Und wo wäre der nächste Arzt zu finden?«
»Der nächst'? Drei starke Stund'n droben im G'birg. Haben gnä' Fräul'n Schmerzen?«
»Ich nicht -- mir will scheinen, die Kleine ist krank!«
»O, die, das herzig' Hascherl! Was hast denn, Mädi, gelt? Wird sich haben 's Magerl bissel überladen -- aber wegen dem brauchen gnä' Fräul'n nicht sorgen: der Herr Papa sind ja selber ein Doktor! Und wann er heut' Abend noch nicht da ist -- ich koch' halt mein Thee, mein' Wurzenthee, der macht's Herzel wieder g'sund, der hilft für alles, 's ist schon wahr -- für alles!«
Diese treuherzige Versicherung sollte sich nicht bewahrheiten. Das Kind war matt und unlustig, weigerte sich, zu essen, gab kaum Antwort, wenn man zu ihm sprach, und zeigte nur Neigung, sich niederzusetzen und den Kopf anzulegen. Ab und zu öffnete es die heißen Augen und sagte kläglich: »Mama!« Von Friederike wollte es nichts wissen, es blieb beinahe den ganzen Tag bei Fräulein Charlotte. Den vielgerühmten Thee, den Frau Eigener selbst heraufbrachte, trank es, auf Charlottens freundliches Zureden, gehorsam aus, aber die kleinen Händchen fühlten sich brennend heiß an, und der Blick blieb trübe.
Am anderen Morgen hatte sich der Zustand wenig geändert. Friederike behauptete, die Kleine habe ganz gut geschlafen, und bestand darauf, sie aufzunehmen und anzukleiden -- niemals würde Herr Doktor erlauben, Erna wegen einer solchen Bagatelle im Bett zu halten. Charlotte schüttelte stumm den Kopf dazu, sie wußte sich keinen Rat. Nach ihrer Meinung war das Kind krank und bedurfte des Arztes -- vielleicht aber war sie zu ängstlich, und es handelte sich wirklich nur um eine Magenverstimmung, die ihre Zeit ausdauern mußte! -- Der schöne, goldene Sommertag schlich so hin. Das alte Fräulein hatte keinen Genuß und keine Ruhe bei ihrem interessanten Buch, sie mußte an das Kind denken. Von ihrem Spaziergang kam sie viel rascher als sonst zurück -- die Sorge um das Kind trieb sie heim. Das kleine Geschöpf saß im Garten, den Kopf gegen Friederikes Kniee gelehnt, die Augen geschlossen. Auf Fräulein Hartwigs Frage, warum das Mädchen die Kleine nicht auf den Schoß nehme, hieß es: »Herr Doktor haben das verboten -- -- das verweichlicht die Kinder!« -- Hier wurden die Vorschriften des Herrn buchstäblich befolgt, das sah man zur Genüge. -- Als Erna die bekannte Stimme hörte, schlug sie die Augen auf und murmelte wieder sehnsüchtig: »Mama!« Ohne ein Wort weiter an Friederike zu richten, setzte sich Charlotte neben sie auf die Bank, hob das Kind auf ihre Kniee und ließ es sein Köpfchen gegen ihre Schulter legen. Erna seufzte erleichtert auf, klammerte ihre heißen Fingerchen um Fräulein Hartwigs Hand und blieb regungslos sitzen.
So kam endlich der Abend heran, und die Gebirgswanderer stellten sich ein -- sichtlich sehr ermüdet und, wie es schien, ziemlich verstimmt. Frau Rothe stützte sich offenbar schwer erschöpft auf ihres Mannes Arm und erklärte, nichts mehr sehen und genießen zu wollen -- sie müsse nur Ruhe, endlich Ruhe haben! Diesmal stimmte ihr der Landrat ohne weiteres zu, augenscheinlich that ihm seine Frau leid, und er zeigte sich mit den eigenmächtigen Dispositionen seines Freundes Schott heute nicht so einverstanden wie sonst, denn sein Dank kam kurz und kühl heraus, und sein schwerfälliger hinkender Gang bewies zur Genüge, daß auch ihm die forcierte Fußtour schlecht bekommen war. Der Leutnant -- nicht mehr so kokett und adrett anzusehen, wie am gestrigen Morgen -- wich nicht von Melittas Seite und fragte immer wieder, ganz leise, damit es Schott nur ja nicht hörte, ob die gnädigste Frau sich auch wirklich wohl fühle -- die gnädigste Frau, das wisse er, könne ja außerordentlich viel leisten und habe einen ganz ungewöhnlich starken Willen, eine geradezu bewunderungswürdige Selbstbeherrschung -- aber die Gnädige sei so blaß, und das wäre am Ende nur natürlich, denn diese Parforcetour -- anders könne man sie in der That nicht nennen -- hätte auch robustere Konstitutionen als die einer Dame angreifen können. Immer wieder antwortete die junge Frau, ihr sei ganz wohl, es dürfe sich niemand um ihretwillen beunruhigen -- aber sie sprach schließlich ganz mechanisch dasselbe und wartete nur im stillen ungeduldig darauf, daß die Fremden endlich in ihr Hotel gingen -- es fiel ihr auf, daß ihr Töchterchen ihr nicht, wie sonst, entgegengesprungen kam -- hatte Friederike denn heute ausnahmsweise das Kind so früh zu Bett gebracht?
Doktor Schott stand mit seinem überlegenen Lächeln, sich den Bart streichend, da, er schien an der ganzen übermüdeten Gesellschaft recht seine Freude zu haben. Ihm fehlte nichts, er hielt sich aufrecht, wie immer, die ganze Tour war ihm ein Kinderspiel gewesen. Lächerlich, was das alles für weichliche, entnervte Menschen waren -- konnten nicht einmal ein paar Berge ersteigen! Da war er aus anderem Stoff, er kannte keine Nerven, hatte sich von früher Jugend an gehörig abgehärtet und machte sich einfach lustig über die Geschichte von der verschiedenen Beanlagung und körperlichen Differenz des Menschen. Sie sollten nur vernünftig leben, den Körper gehörig stählen, dann würde man schon sehen! Er hatte Medizin studiert und Naturheilkunde -- er mußte es doch wahrhaftig wissen! Nun, seine eigene Frau würde er sich allmählich noch zum Genossen heranziehen, sie war auf gutem Wege, das Klagen hatte sie sich schon vollständig abgewöhnt, mit der Zeit würde sich noch die Freudigkeit einfinden, die er vorläufig noch an ihr vermißte!
Er lächelte spöttisch auf das zusammengebrochene landrätliche Paar herab und hatte sein Vergnügen daran, die beiden immer wieder durch eine erneute Frage oder Beantwortung zurückzuhalten, sowie auch seine Frau, der die Ungeduld aus den Augen sah. Der Leutnant war ins Haus gestürzt und kam mit ein paar gefüllten Weingläsern heraus -- die Damen müßten sich durchaus vorerst ein wenig stärken, seine Schwägerin habe noch ein Stück zu gehen bis zu ihrem Hotel. Nach dem Doktor sah er sich kein einziges Mal um, während er seinen Labetrunk austeilte; der Mann war in seinen Augen roh und herzlos, ein paar harmlose Leute, die die Gegend nicht kannten, so ohne weiteres in die Berge zu schleppen und dann noch hier zu stehen und spöttische Mienen zu ziehen und so unausstehlich maliziös zu lächeln! --
Endlich verabschiedete man sich voneinander -- Melitta hastete die Treppenstufen empor und that, als hörte sie es nicht, daß ihr Mann in zurechtweisendem Ton ihren Namen rief.
In dem kleinen Hausflur trat ihr Charlotte Hartwig entgegen.
»Grüß' Sie Gott, liebste Frau Doktor -- wie gut, daß Sie wieder hier sind! Soeben habe ich Ihre Kleine ins Bett gelegt, sie kommt mir schon seit gestern nicht recht frisch vor -- nein, nein, Sie dürfen mich nicht so erschrocken ansehen! Friederike meint ja, es sei überhaupt gar nichts, und vielleicht hat sie auch recht, und ich bin zu ängstlich -- sehen Sie, es sind nun schon gar zu viele Jahre her, seit ich bei meinem Walter Kinderkrankheiten behandelt habe!«
Die junge Frau hatte gar nicht zu Ende gehört, sie ergriff Fräulein Charlotte bei der Hand und zog sie hinter sich her in das Stübchen, in dem Erna lag. Friederike saß mit dem Strickstrumpf programmmäßig neben dem kleinen Bett und begrüßte ihre Herrin mit pflichtgemäßer Höflichkeit.
»Das gnädige Fräulein hat angeordnet, daß Erna zu Bett soll -- ich habe mir nicht erlauben können, dem gnädigen Fräulein zu widersprechen. Erna hat gestern und heute sehr wenig gegessen und nicht viel Lust zum Spielen gezeigt -- ich nehme an, sie hat sich den Magen verdorben!«
Melitta beugte sich tief über das Bettchen des Kindes, das in einem unruhigen Halbschlaf lag.
»Der Atem kommt so stoßweise -- und wie heiß sie ist -- finden Sie nicht?« flüsterte Melitta.
»Mir kommt das Kind verändert vor, und wenn es nach mir ginge, so schickten Sie zum Arzt, und wäre es nur, um sich Beruhigung zu verschaffen. Freilich wird das bis morgen bleiben müssen, denn der hiesige Arzt ist in München, bis zum nächsten Flecken sind es mehr als drei Stunden, und in einer kleinen halben Stunde ist es finster. Bin ich aber einfältig!« unterbrach sich plötzlich Charlotte und zuckte, wie in Geringschätzung ihrer selbst, die Achseln. »Da rede und rede ich immer vom Arzt und vergesse ganz: Sie haben ja die beste Hilfe bei der Hand -- Ihr Herr Gemahl ist ja Mediziner und wird sicher --«
Hier verwirrte sich die Rednerin von neuem, denn aus Melittas Augen traf sie ein Blick, den sie sich nicht erklären konnte -- Furcht und Widerspruch lag darin, und über allem ein leidenschaftlicher Schmerz, wie er ein paarmal schon plötzlich und unvermittelt aus diesen schönen Frauenaugen gesprochen hatte.
Man hörte einen festen Schritt auf der Treppe.
»Ich bitte, bleiben Sie!« flüsterte die junge Frau und faßte Charlottens Hand noch fester. »Lassen Sie mich nicht allein -- ich bitte Sie!«
»Aber mein liebes Kind --«
»O, ich bitte Sie!«
»Nun, wo steckt denn Erna?« fragte Doktor Schott noch an der Thür. »Ah, Pardon -- ich wußte nicht, daß du hier Besuch empfängst, Melitta. Fehlt dem Kinde etwas? Warum liegt es im Bett?«
»Erna hat entschieden hohes Fieber -- sie ist seit gestern --«
»Nun, wir werden ja sehen! Wie war es, Friederike?«
Das Mädchen wiederholte Wort für Wort ihre Anrede an die junge Frau.
»Wahrscheinlich ist es so, wie Sie sagen. Etwas überladener Magen, weiter nichts! Diese übertriebene Ängstlichkeit hat gar keinen Sinn! Wenn man Kinder bei jeder Gelegenheit gleich ins Bett stecken wollte, hätte man nichts als eine Herde elender Schwächlinge!«
»Sie verzeihen, Herr Doktor!« sagte Charlotte ruhig. »Das Kind hatte weder zum Umherlaufen noch zum Essen die geringste Lust, es schlief fortwährend auf meinem Schoß ein. Offenbar ist ihm im Bett am behaglichsten, es war, meiner Ansicht nach, die einzige Wohlthat, die man ihm erweisen konnte!«
Der spöttische Zug in Doktor Schotts Gesicht trat stärker denn je hervor.
»Mein gnädiges Fräulein« -- er betonte das Wort »Fräulein« besonders scharf -- »Ihre sonstige Welt- und Menschenkenntnis in allen Ehren ... allein auf dem Gebiet der Kinderkrankheiten dürfte Ihnen am Ende die Erfahrung fehlen, und Sie verzeihen es mir daher, wenn ich mich Ihrer Autorität nicht blindlings unterwerfe, sondern es vorziehe, mir als Arzt ein eigenes Urteil zu bilden. -- Friederike -- die Lampe!«
Melitta war zusammengezuckt, wie wenn ein körperlicher Schmerz sie träfe.
»Du thust Fräulein Hartwig großes Unrecht an, Udo! Sie hat sich unseres Kindes so liebenswürdig, in bester Absicht angenommen -- -- wir sind ihr nur Dank schuldig --«
»Bemühen Sie sich nicht weiter, liebe Frau Doktor!« Charlotte sprach in demselben gelassenen Ton wie zuvor. »Es genügt mir, von _Ihnen_ verstanden zu werden; Sie wissen, wie herzlich lieb ich Sie und Ihre Kleine gewonnen habe. Ihren Herrn Gemahl zu überzeugen, kann mir nicht in den Sinn kommen, und, wenn ich offen sein darf -- es ist mir auch nicht viel daran gelegen!«
Sie wandte sich zur Thür und hörte noch, wie Doktor Schott, als habe sie gar nicht gesprochen, in geschäftsmäßiger Weise sagte: »Den Thermometer, Friederike!«
4.
Die Ehegatten waren allein. Die junge Frau hatte finster die Brauen gefurcht, ihr liebliches Gesicht sah überraschend ernst und streng aus. Mit offenbarer Mühe unterdrückte sie eine Bemerkung, die ihr auf den Lippen schwebte -- -- -- nein, sie mußte erst abwarten!
»Es scheint mir, Melitta,« begann Doktor Schott mit gedämpfter Stimme, »als suchtest du in letzter Zeit geflissentlich etwas darin, meinen sämtlichen Weisungen zuwiderzuhandeln. Ich habe dir gesagt, diese altjüngferliche Weisheit, diese Hartmann oder wie die Person heißt, sei mir unangenehm, und ich wünschte keinen Verkehr zwischen dir und ihr -- die Folge davon ist, daß ich sie heute bei dir im Zimmer finde! Was soll das bedeuten?«
»Einfach das, was ich dir schon oft gesagt habe: daß ich meine eigenen Sympathien und Antipathien habe, wie du die deinen, und daß ich mich in meinem Benehmen danach richten werde, ebenso, wie du es thust!«
»Das ist also offener Trotz!«
»Nennst du es Trotz gegen mich, wenn _du deinen_ Neigungen Raum giebst?«
»Ach -- ich und du! Glaubst du etwa, dieselbe Stellung einzunehmen, dieselben Rechte zu haben, wie ich?«
»Als Mensch gegen Mensch genommen -- ganz gewiß!«
Doktor Schott hob mitleidig die Schultern.
»Du hast dir von all' dem dummen Zeug, das heutzutage geschrieben wird, über allgemeine Menschenrechte und Frauenbewegung und Gleichstellung der Geschlechter den Kopf verdrehen lassen. Kann es dir im Ernst beikommen, dich mit _mir_ -- mit _mir_ -- in einen Kampf einzulassen?«
»Wenn du fortfährst, mich wie ein unmündiges Kind zu behandeln -- ja!«
»Nun gut!« Ein grausames Lächeln, das dies schöne Männerangesicht bös entstellte, zuckte um des Doktors Lippen. »Wir wollen sehen, wer der Stärkere ist und wer den Sieg behält!«
Sie hatten beide leise gesprochen -- Melittas Blick hatte keine Minute aufgehört, angstvoll das Kind zu beobachten, das von einem schweren Schlaf befangen dalag, hörbar atmete und die zu Fäustchen geballten kleinen Hände mehrmals rasch öffnete und schloß.
Friederike brachte die Lampe und den Thermometer.
»Gut -- nun decken Sie das Kind ab, und heben Sie es in die Höhe.«
Die Kleine fuhr mit einem lauten Schrei empor, als das Mädchen sie anrührte. Die junge Frau riß das Kind ungestüm aus Friederikes Armen, nahm es auf den Schoß und wickelte es in die Bettdecke ein. Sie sprach der Kleinen liebkosend und begütigend zu, aber ihre Lippen bebten, und ihr Atem flog.
Der Doktor machte ein Ärmchen frei und hielt den Thermometer in die Achselhöhle; als er ihn wieder hervorzog, las die Frau 40½ Grad. Sie wandte sich um.
»Gehen Sie hinunter, Friederike, und fragen Sie Frau Eigener, ob es nicht möglich wäre, noch heute einen Boten ins nächste Gebirgsdorf zum Arzt zu schicken, damit er wenigstens morgen in aller Frühe hier sein kann!«
»Friederike, Sie bleiben hier -- Sie werden diese Bestellung nicht ausrichten!«
Über dem Körperchen des Kindes trafen die Augen der Gatten ineinander.
»Ich befehle es Ihnen -- Sie gehen hinaus, Friederike -- Sie werden unten im kleinen Vorzimmer warten, bis Sie mich läuten hören!«
Es war Frau Melitta, die dies sagte -- mit einem Blick, mit einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Das Mädchen warf noch einen fragenden Blick auf den Doktor, dieser zuckte nur die Achseln, zog einen kleinen Schlüssel aus der Westentasche und schloß ein Tischchen in der Nähe des Fensters auf. Friederike ging geräuschlos aus dem Zimmer.
Melitta beugte sich tief über das leise klagende Kind, das sich mit beiden Händchen fest an ihre Kleider klammerte.
»Nur ruhig sein, mein Liebchen, Mama ist da, Mama bleibt bei dir -- nein, nein, niemand darf Erna anrühren, niemand wird Erna etwas thun! So leg' hier dein Köpfchen an -- was sagst du? Was soll Mama? Singen?«
»Ja, singen -- singen! Abend -- und -- Nacht!«
Die junge Frau holte einen tiefen Seufzer recht aus voller Brust. Am Ende ... sie war die erste Mutter nicht, die am Bettchen ihres kranken Kindes singen mußte:
»Guten Abend, gute Nacht, Mit Rosen bedacht« -- --
Sehr umflort und gepreßt klang ihre weiche Stimme -- aber über das heiße Kindergesichtchen ging es wie ein Lächeln.
»Morgen früh -- wenn Gott will, Wirst du wieder geweckt!«
Und noch einmal das Liedchen von Anfang und wieder von Anfang -- die Kleine schien ruhiger zu werden, die Händchen griffen nicht mehr so krampfhaft in das Kleid der Mutter.
Doktor Schott hatte ein Pulver in ein Glas mit Wasser geschüttet und brachte es herbei.
»Was willst du ihr geben?«
»Natürlich etwas Fieberstillendes! Komm, Erna, sei ein gutes Kind -- trink!«
Aber Erna wollte nicht! Sie warf den Kopf hintenüber, preßte die Zähne fest aufeinander und stieß mit den Händen nach dem Glase. Mehr als die Hälfte des Inhalts ging verloren, und nur während das Kind zum Schreien den Mund öffnete, gelang es, ihm etwas von der Flüssigkeit einzuflößen. Es dauerte diesmal lange, ehe Erna sich beruhigte. Der Anblick ihres Vaters schien sie ganz besonders aufzuregen, sie wurde erst still, als er ganz beiseite trat, sie ihn nicht mehr sehen konnte und die Mama ihr immer wieder sagte, Papa sei fortgegangen und werde nicht mehr hereinkommen.
Die junge Frau wiegte leise das aufgeregte Kind in ihren Armen hin und her, bettete das heiße Köpfchen bald so, bald so, sprach leise und beschwichtigende Worte, bis endlich, endlich Erna wieder einschlummerte. Die Mutter wagte es noch eine ganze Weile nicht, ihr Kind in das kleine Bett zurückzulegen -- dann that sie es mit äußerster Behutsamkeit, immer noch herabgeneigt, mit verhaltenem Atem lauschend. Zuletzt wandte sie sich von dem Bettchen zurück zu ihrem Gatten und winkte ihn in das Nebenzimmer.
»Ich werde jetzt selbst hinuntergehen und mit Frau Eigener wegen eines Boten zum Arzt sprechen!«
Doktor Schott vertrat ihr den Weg.
»Du wirst nicht! Sei verständig, Melitta! Was hätte es für einen Zweck, irgend einen ganz obskuren, ungebildeten Gebirgsarzt herzuholen, wenn ich da bin und die Behandlung des Kindes übernehme?«
»Du hast es mir damals feierlich gelobt und mir dein Ehrenwort gegeben, bei jedem ernsten Krankheitsfall einen Arzt zu Rate zu ziehen!«
»Arzt -- Arzt -- als ob ich keiner wäre!«
»Ist dies ein ernster Krankheitsfall oder nicht?«
»Wenn wir in einer großen Stadt wären, und ich könnte eine Kapazität heranziehen --«
»Ist dies ein ernster Krankheitsfall oder nicht?«
»Mein Himmel, Melitta, dies ewige Fragen ist fürchterlich! Ich muß es dir leider zugeben -- es _ist_ ein ernster Fall -- Erna scheint mir bedenklich krank!«
Die junge Frau wankte und hielt sich mühsam aufrecht.
»Darum brauchen wir noch nicht zu verzweifeln. Das Kind hat eine kräftige Konstitution, kann viel Widerstand leisten -- ist bisher nie krank gewesen --«
»Das kann sein -- kann alles sein -- aber ich -- ich sterbe vor Angst!«
»Sei nicht so einfältig, mein Kind! Vor Angst ist noch niemals jemand gestorben!«
»Ich kann nicht meine Worte wägen jetzt! Laß mir den Weg frei!«
»Du wünschest wirklich, daß ich irgend einen plumpen dörflichen Bader zur Konsultation heranziehe und ihn »Herr Kollege« nenne?«
»Ich wünsche« -- Melittas Stimme klang fest und kalt, obgleich die junge Frau am ganzen Körper zu zittern begann -- »daß du deine persönlichen Ansichten und deine Eitelkeit bei dieser Gelegenheit ganz aus dem Spiel läßt und nur an die Sache denkst, um die es sich handelt: um das Leben des Kindes! Ich wünsche, daß du dein mir heilig und teuer gegebenes Wort hältst, in jedem dringenden Krankheitsfall einen approbierten Arzt um Rat zu fragen!«
»Soll ich aus deiner Betonung des _approbierten_ Arztes vielleicht entnehmen, daß du es mir zum Vorwurf machst, mich nicht dem Humbug eines Examens unterworfen zu haben?«
»Entnimm daraus, was du willst, aber halte dein Wort!«
»Traust du mir und meinem Wissen nicht zu, einen Fall wie diesen zu übersehen?«
»Es handelt sich nicht um dein Wissen, sondern um meine Angst als Mutter und um dein mir gegebenes Versprechen. Haltet ihr Männer euch nur untereinander euer Ehrenwort -- und den Frauen gegenüber brecht ihr es, wenn es euch so besser paßt?«
»Melitta, das ist eine schwere Beleidigung!«
»Beweise mir das später -- laß mich zur Thür!«
Sie wollte an ihm vorüber -- er faßte sie bei beiden Handgelenken und hielt sie gewaltsam fest.
»Hör' mich an, Melitta -- du mußt mich anhören!«
Sie war gezwungen, ihm den Willen zu thun, sie hätte Stühle beiseite rücken müssen, um an ihm vorüberzukommen; jede unvorsichtige Bewegung konnte das Kind wecken. Der Blick aber, mit dem die junge Frau zu ihrem Gatten emporsah, hätte diesen warnen müssen -- es war offene Feindschaft darin, eine finstere Entschlossenheit, endlich ein Joch von sich abzuschütteln, das sie nicht länger ertragen wollte und konnte.
Auch Doktor Schott sah erregt aus. In sein dunkles, edelgebildetes Gesicht war eine jähe Röte gestiegen, auf der Stirn standen zwei tiefe Furchen. Diejenige Eigenschaft in ihm, die seinem ganzen Wesen die Richtung gab -- eine maßlose Eitelkeit! -- hatte einen empfindlichen Stoß erhalten. Seine Frau hatte in der ersten Zeit ihrer Ehe wohl oft widersprochen, sie hatte sich nicht willig in alles gefügt, es war zu sehr heftigen Scenen gekommen. Allgemach aber hatte das aufgehört -- das schrieb er selbstverständlich seiner Konsequenz, seiner Energie zu -- er war eben der Stärkere gewesen, er hatte ihr das nutzlose »Räsonnieren« abgewöhnt. Daß sie in der Stille noch hundertmal protestierte, daß sie mit eiserner Selbstbeherrschung schwieg, duldete bis zum äußersten, um des Kindes willen -- dieser Gedanke war ihm nie gekommen. Jetzt kam er ihm! Diese Frau, die ihn so schonungslos kritisierte, so scharf beobachtete, war nicht zum Schweigen und Nachgeben aufgelegt, hier, wo es sich um ihr wichtigstes, ihr Kind, handelte. Zum erstenmal sagte er sich, daß das Kind vielleicht das einzige Band sei, das diese Frau an ihn fesselte, und daß, wenn dieses Band zerriß ...
Er nagte die Unterlippe und starrte mit brennenden Augen nach dem kleinen Bett hinüber, zwischen dessen weißen Kissen das fieberglühende Köpfchen lag.
»So sprich!« drängte Melitta ungeduldig -- ganz mechanisch rieb sie ihre schmerzenden Handgelenke -- sie sah neben ihm weg nach der Thür.
»Du mahnst mich an mein Ehrenwort -- es ist wahr, ich gab es dir -- aber in welcher Situation? Du wirst kaum mehr wissen, _wie_ es damals um dich stand --«
»O ja,« unterbrach sie ihn, »ich weiß noch alles -- alles!« Sie schauderte in sich zusammen.
»Dein ganzes Sein war aus den Fugen, man mußte ernstlich für deinen Verstand fürchten. Als du damals jenes -- -- jenes -- Versprechen von mir fordertest, hielt ich mich, als Mensch sowohl, wie als Arzt, für verpflichtet, es dir zu geben; ich hätte dir damals, um dich einigermaßen zu beruhigen, _jedes_ Versprechen gegeben, das du verlangtest!«
»Das will ich dir glauben! Es ist ja so leicht, Versprechungen zu machen, wenn man nicht gesonnen ist, sie zu halten!«
»Es könnte eher die Rede davon sein, dies zu thun, ich sagte es dir schon, wenn wir etwa in einer größeren Stadt --«
»Du hast mir dein Wort ohne jede Bedingung gegeben, ich verlange von dir, daß du es hältst!«
»Melitta, ich bitte dich, bedenke: was würde man hier von mir sagen, in welchem Licht stände ich vor den Leuten da? Man weiß hier allgemein, daß ich Arzt bin --«
»Du bist kein Arzt, du hast Chemie studiert, hast als junger Mensch von dreiundzwanzig Jahren den chemischen Doktor gemacht, und dann, durch die Erbschaft deines Vetters unabhängig geworden, hast du in den verschiedensten Wissenschaften herumdilettiert ...«
»Du nimmst das Wort zurück, Melitta!«