Part 3
»Ja -- von seinem sechsten Jahre ab. Ich bin so sehr viel älter als er; mir sind drei Geschwister, die zwischen ihm und mir standen, jung weggestorben. Diesen Kleinen nahm ich so für mein Spielzeug, und die Mutter, die damals schon sehr leidend war, ließ das geschehen -- es kam nicht viel vernünftiges dabei heraus. Da kam eine Choleraepidemie und nahm uns in drei Tagen beide Eltern fort, und Vermögen war keines da, das wußte ich, denn meine Mutter war arm gewesen, und die Privatlehrer -- mein Vater war einer! -- haben niemals Schätze sammeln können. Was hatte ich nun gelernt, was konnte ich thun? Allerlei und doch nichts Rechtes, es war so viel halbes Wesen dabei, wie das so oft bei höheren Töchtern ist -- und damals war mit den Mädchenschulen nicht viel zu machen, und an Examen dachte kaum ein Mensch. Eine Stelle in irgend einem reichen Haushalt hätte sich am Ende für mich gefunden, aber dann hätte ich mich von dem kleinen Jungen trennen müssen -- und wohin mit ihm? Ich mußte das Leben jetzt ernst nehmen, an die Zukunft denken und auch den kleinen Bruder anders anfassen als bis dahin -- mit dem Spielzeug war es für mich vorbei! Also nahm ich nun in Gottes Namen alles an, was sich mir irgend bot, ich gab Klavierstunden, ich stickte für Fremde, ich unterrichtete ein paar kleine Mädchen im Lesen und Schreiben -- es wurde alles damals schlecht bezahlt, und es wollte und wollte nicht reichen! Mein Vater war ein vielseitig gebildeter Mann gewesen, er hatte sich viel um mich bekümmert und mir Geschmack für allerlei geistige Nahrung beigebracht, von der ich jetzt so gut wie nichts mehr zu kosten bekam. Es ist sehr, sehr schwer, gute Lektüre, anregende Unterhaltung und jeden, auch den bescheidensten, Kunstgenuß zu entbehren -- Sie sind sicher im Wohlleben aufgewachsen und werden das kaum verstehen können --«
Die junge Frau schüttelte den Kopf.
»Ich bin nicht im Wohlleben aufgewachsen!« sagte sie leise -- dann, mit einer leichten Handbewegung, wie um etwas Überflüssiges beiseite zu thun: »Ich bitte -- weiter!«
»Ja, und so wäre ich denn oft verzagt, wer weiß, gar zusammengebrochen, ohne den kleinen Bruder. Ein Geschöpf, das auf uns angewiesen ist! Ein Wesen, dem wir alles sein müssen, das ohne uns nicht bestehen kann! Sie sind Frau und Mutter, Sie werden mich begreifen können --«
Ein schwerer, nachdenklicher Blick aus den schönen, grauen Augen wanderte dort hinüber, wo das kleine Mädchen im Grase bei den Blumen kniete.
»Und er war so hilflos, so ganz allein nur für mich da, wie ich für ihn, wir hatten gar keine Verwandten. Ins Waisenhaus hätte er müssen, wäre ich nicht gewesen. Ich frage mich heute oft: war er wirklich so ganz anders als Kinder seines Alters sonst, oder kam er nur mir so vor? Er war ein fleißiges, ein, ich möchte sagen, rechtschaffenes Kind. Nie aß er unbekümmert das auf, was ich ihm vorlegte -- er beobachtete, ob auch ich genug hatte, dann erst langte er zu. In der Schule entwickelte er einen stillen Ehrgeiz, er hatte sich's von mir angewöhnt, schon als kleiner Junge, zu sagen: Ich muß vorwärts! Und vorwärts kam er. Gott, wenn ich an die stillen Winterabende zurückdenke -- draußen ein Schneesturm und pfeifender Wind, und wir beide in unserem niedrigen Stübchen bei der kleinen Lampe, ich mit meiner Weißstickerei, er mit seinem Cornelius Nepos, den er laut lernte -- und ich lernte mit!«
Das alte Fräulein sah mit feuchten Augen zu den sonnenbeschienenen Schneebergen hinauf.
»Da sind Sie wohl mit der Zeit eine sehr gelehrte Dame geworden?« fragte Frau Doktor Schott lächelnd.
»Ich habe viel vergessen seitdem! Damals aber -- ja, da konnte ich meinen Horaz brav übersetzen, und wenn mein Walter aus der Ilias vorlas, dann hab' ich alles gut verstanden! Das waren Zeiten! Arm, wie wir waren ... das waren doch Zeiten!«
»Und der Eindruck des Nathan?«
»O -- großartig, sage ich Ihnen! Wie die Erzählung von den drei Ringen kam -- _das_ Gesicht vergeß ich mein Lebtag nicht! Und dann Nathans Gespräch mit dem Klosterbruder -- Sie erinnern sich -- da haben wir beide geweint, nur daß _er_ sich schämte, es zu zeigen, und ich nicht! Wie ich nur Ihnen all' das so erzählen kann! Es muß Ihr Gesicht sein, das mir's vom ersten Tage angethan hat.« --
»Und ich freue mich dessen! Aber von dem Bruder will ich alles wissen, liebes Fräulein Hartwig! Jemand, der eines andern sympathischen Menschen ganzer Lebensinhalt ist, soll mich doch wohl interessieren dürfen!«
»Ganzer Lebensinhalt! Damit haben Sie es getroffen! Das ist das Wort! Als er ein Knabe war, habe ich das nicht so gefühlt, obgleich er mir immer mehr ins Herz wuchs. Es ist doch erst allmählich so gekommen, als _ich_ aufhörte, immer nur die Gebende, _er_ der Nehmende zu sein! Jetzt, seit Jahren schon, ist es umgekehrt: _er_ giebt, und _ich_ nehme, und muß immer nur abwehren, nicht zuviel nehmen zu müssen!«
»Was ist aus ihm geworden? Hat er studiert?«
»Ja, er ist Arzt geworden! Die Studienjahre waren wohl schwer -- pekuniär, meine ich -- aber dann ... seine Professoren haben sich alle für ihn interessiert, und wie ist er fleißig gewesen! Unvernünftig fleißig, sage ich Ihnen, Frau Doktor! Ich habe immer nur zu mahnen und zu bitten gehabt. Die Examina natürlich glanzvoll, die Dissertation Aufsehen erregend -- ich bei alledem wie im Fieber ... nicht, daß ich einen Augenblick am günstigen Ausgang zweifelte, aber nun war doch die Entscheidung über das ganze Schicksal da -- der Beruf, das wichtigste für einen Mann -- und ich hatte mich die ganze Zeit zuvor etwas überangestrengt, die Nerven spannten aus. Ich setzte all meine Kräfte ein, um ja nicht krank zu werden -- es half mir nichts, ich wurde doch krank, aber mein junger Doktor der Medizin hat mich kuriert!«
»Und jetzt, nicht wahr, ist er ein gesuchter und geachteter Arzt in Stettin?«
»Sehr gesucht und sehr geachtet -- zu sehr, möchte ich sagen. Schon Professor -- und nun die große Praxis! Wenn ich so zurückdenke und sehe mich jetzt um! Wir haben eine schöne große Wohnung mit Garten, in dem das chemische Laboratorium steht -- und prächtig alles eingerichtet -- viel zu viel Bedienung nur, aber er läßt es ja nicht anders! Ich soll absolut gar nichts thun, muß leben wie eine Prinzessin. Und jetzt hat er mich hierher geschickt, ganz diktatorisch, nur Arzt, nicht Bruder! Mein nervöses Kopfleiden brauche Gebirgsluft und damit Punktum. Mein Gott, ja, das Kopfleiden _habe_ ich, und ich fürchte, ich muß es auch behalten bis an mein seliges Ende -- was ist denn an mir alten Person noch viel herumzudoktern? Wenn er es aber für notwendig hält -- ich müßte nach China gehen, wenn er es für gut ansähe ... ja, solch einen eisernen Willen hat er!«
»Sieht er Ihnen ähnlich?«
»Walter -- mir? Ach, Gott bewahre, er sieht viel besser aus als ich! Das heißt, sie lachen mich oft in Stettin aus und sagen, hübsch könnte man ihn doch nicht nennen! Nun, ich weiß nicht! Soll denn ein Mann mit solch' großer, guter Figur, mit solchem bedeutenden Gesicht nicht hübsch sein? Es ist wahr, um die Schläfen herum wird er schon grau, und er ist kaum vierzig Jahre alt! Ich habe mein weißes Haar freilich noch früher bekommen -- das war im Jahr siebzig, als er, kaum von der Schulbank herunter, als Freiwilliger in den französischen Krieg mitging -- gar nicht zu halten, all' meine Angst und mein Flehen half nichts! Ich hab' ihn ja wieder bekommen, Gott sei ewig dafür gedankt, aber aus der Sorge um ihn werde ich zeitlebens nicht herauskommen! Er ist jetzt _auch_ angegriffen -- kein Wunder bei seiner Thätigkeit und den fachwissenschaftlichen Arbeiten, die er noch übernimmt -- und doch ist er dies Jahr nur vier Wochen in Norderney gewesen, das ist die ganze Sommerfrische, die er sich gegönnt hat! Wie hab' ich ihn gebeten, mich von hier abzuholen, ein paar Wochen noch hier zu verweilen! »Vielleicht!« sagte er, aber das kenne ich schon! Steckt er erst einmal wieder in seiner Arbeit, dann läßt sie ihn sobald nicht mehr los!«
»Und er hat nie daran gedacht, Ihnen eine junge Schwägerin ins Haus zu bringen?«
»Ob er daran gedacht hat, kann ich nicht sagen, er ist sehr zurückhaltend in der Beziehung ... _gethan_ hat er's wenigstens nicht. Ach, und ich wäre so glücklich! Denn was ist eine alte Schwester gegen eine junge Frau! Er lacht, wenn ich das zu ihm sage, er behauptet immer, wir wären ein höchst passendes Paar und sehr glücklich verheiratet. Ich quäle ihn jetzt nicht mehr damit -- wissen Sie, liebste Frau Doktor, vierzig Jahre sind bei einem Mann doch schon ein bedenkliches Alter! Ab und zu frag' ich ihn wohl noch einmal: »Walter, gefällt dir denn die und die nicht?« Dann nickt er ganz vergnügt und sagt: »Gewiß -- sehr gut --« aber wenn ich ihn dann bedeutsam ansehe, lacht er mich aus und sagt: »Lottchen, heiraten _ist_ nicht!« Er geht auch immer seltener zu Gesellschaften, obgleich er oft eingeladen wird. -- So nach und nach such' ich mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß das so bleibt, wie es ist, wenn's mir auch bitter leid thut -- auch um die Neffen und Nichten, die ich haben könnte! Ich habe solch' kleine Geschöpfe zu lieb, und mein Bruder ist ein vollständiger Kindernarr, er ist ja auch ein berühmter Kinderarzt, kein ernstlicher Fall von Kinderkrankheit, da man ihn nicht zu Rat zieht, und wie viele von den süßen kleinen Wesen hat er schon gerettet und von den Eltern überschwänglichen Dank geerntet!«
Fräulein Charlotte, die, von dem Gegenstand fortgerissen, immer eifriger und fließender gesprochen hatte, bemerkte hier zu ihrem Staunen, daß sich die schönen Augen ihrer Zuhörerin bei ihren letzten Worten mit plötzlichen schweren Thränen gefüllt hatten. Das alte Fräulein hielt bestürzt inne -- sie hätte sich gern entschuldigt, wußte aber nicht recht, wofür. Frau Melitta legte ihr leise die Hand auf den Arm.
»Nichts -- bitte beachten Sie das nicht! Ich danke Ihnen, daß Sie mir von Ihrem Leben erzählten -- ich könnte Sie beneiden -- schwer und sorgenvoll, wie es vielfach gewesen ist! Es war doch _Leben_, und Sie haben ein schönes Ziel erreicht! Ich hoffe, wir haben uns nicht zum letztenmal so eingehend unterhalten. Für jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen! Erna! Komm' zu mir, mein Kind, wir müssen gehen!«
Die Kleine kam herbeigesprungen, beide Fäustchen voll Blumen, wahllos abgerissen, die meisten mit zu kurzen Stielen. Sie legte ein Sträußchen in Fräulein Hartwigs, das andere in ihrer Mutter Schoß.
»Da!« sagte sie mit einem frohen Aufatmen. »Eins für Mutterle, eins für Tante!«
»Vielen Dank, kleine Erna!« Charlotte zog das Kind an sich und küßte es. »Pflückst du denn aber für deinen Papa kein Sträußchen?«
Das Kind schüttelte so energisch sein Köpfchen, daß ihm die dunklen Locken um die Stirn tanzten.
»Nie! Der mag das nimmer! Hat die Blumen nicht lieb. Gelt, Mama, jetzt kommt der Papa bald heim von dem Ding, was er trinken gegangen ist?«
Die beiden Damen lachten.
»Mein Mann ist zum Frühschoppen gegangen zu einem Universitätsfreund, den er gestern hier zufällig getroffen hat. Erna kann das Wort nicht behalten!«
»Schmeckt das schön -- der Frühschoppen? So wie Schokolade mit Schlagsahne?«
»Ganz anders, Herzblatt. Jetzt komm' aber, die fremden Onkel und Tanten wollen alle zum Frühstück zu uns herüberkommen, und wir müssen uns noch schön machen. -- Papa will das so!«
»Eins von meinen weißen gestickten Kleidern und die große rosa Schleife, gelt?«
»Ja, ja, du kleines Fragezeichen. Sag' Tante adieu!«
Erna stellte sich auf die Fußspitzen und hob beide Ärmchen zu Charlotte empor, um sich küssen zu lassen.
»Adieu, mein süßes Kind! Auf baldiges Wiedersehen!«
»Du kommst auch zum Frühstück, gelt?«
»Gewiß, komme ich!«
Es war dem alten Fräulein warm geworden bei den Erzählungen von ihrem Bruder, bei der herzlichen Teilnahme der schönen Frau und der Zutraulichkeit des Kindes. Sie blieb noch eine kleine Weile auf ihrer Bank sitzen, den zusammengeklappten »Nathan« auf den Knieen, und ließ ihre Augen gerührt und entzückt über die schöne Gebirgswelt, inmitten deren sie sich befand, hinwandern. Es war ihr so dankbar und glücklich zu Mut, das Leben war so schön, die Natur so köstlich -- und wie gut waren die Menschen! Hätte sie noch ihren Walter hier -- aber nein, das wäre zuviel Glück gewesen!
Langsam stand sie endlich auf und stieg abwärts. Sie hatte beschlossen, sonntägliche Toilette zu machen und sich ihr Frühstück im Speisesaal an einem Seitentischchen servieren zu lassen; es war doch kein Unrecht, wenn sie ihre Beobachtungen zu machen wünschte -- die reizende Frau, die so viel von Walter hören gewollt, hatte sich ihr förmlich ins Herz gestohlen.
Als Fräulein Charlotte eine knappe halbe Stunde später den Speisesaal betrat, waren die Fremden angekommen: Doktor Schotts Freund, Landrat Rothe, ein kleiner, runder, beweglicher Herr, ein wenig kahl bereits, ein vergnügliches, blondbärtiges Gesicht mit lustig zwinkernden Augen -- die Gattin hatte ein unbedeutendes Allerweltsgesicht, und ihre Eltern waren zwei behäbige, spießbürgerliche Provinzler, brav und bieder ohne Zweifel, aber ohne eine Spur von Interesse zu erregen. Rothe der jüngere war entschieden die repräsentabelste Figur von allen: fast so groß wie Doktor Schott -- stramme Haltung, der man den Militär augenblicklich ansah, ein gescheites, etwas spöttisch dreinblickendes Augenpaar, Hände und Bart sorgfältig gepflegt. Der Frühschoppen schien auf Leutnant Rothe nicht ohne Einfluß geblieben zu sein, ebensowenig auf Doktor Schott, dessen Stirn gerötet war und in dessen Augen ein eigenes Flackern glimmte -- oder kam es Fräulein Hartwig nur so vor? -- Ihr geräuschloses Eintreten wurde von niemand beachtet, alle standen in lebhaftem Gespräch bei einander. Resi hatte den Tisch aufs einladendste gedeckt und schleppte jetzt eben ein umfangreiches Tablett mit Flaschen und Gläsern heran.
»Ich habe sie an strenge Pünktlichkeit gewöhnt!« hörte Charlotte, die sich still im Rücken der Gesellschaft niedersetzte, den Doktor in seinem gewohnten diktatorischen Ton sagen. »Und ich bin überzeugt -- ah, hier ist sie schon! Du gestattest, liebe Melitta: Herr und Frau Landrat Rothe, Herr und Frau Kommerzienrat Brandt, Herr Leutnant Rothe!«
Der alte Herr stutzte sichtlich, der Landrat setzte sich den Zwicker mit offenkundiger Bewunderung über den zwinkernden Äuglein fest, der Offizier nahm die Hacken zusammen und stellte sich stramm in Positur -- Frau Melittas Erscheinung hatte Erfolg.
Aber sie verdiente ihn auch! In dem langschleppenden schwarzen Gewande, dessen Spitzenärmel und herzförmiger Ausschnitt den prachtvoll geformten Hals, die weißen Arme zum Teil frei ließen, leuchtete ihre blonde Schönheit so zart, zu gleicher Zeit so wirkungsvoll hervor, wie ein lichtes Kleinod in dunkler Fassung. Nur ein paar weiße Rosen hatte sie seitwärts am Kleide befestigt -- sie war so einfach, und in dieser Einfachheit so einzig schön!
»Ich bin hoch erfreut, meine verehrte gnädige Frau -- in der That hoch erfreut!« versicherte der Landrat im glaubwürdigsten Ton, um gleich darauf seinem Freund, dem Doktor, ein humoristisches: »Du Mordskerl du!« zuzuraunen.
Die Stimmung ging in hohen Wogen. Erna mußte ihren Knicks machen, wurde von den Damen nach Gebühr laut bewundert und reizend gefunden, von den Herren mit Kuchen beschenkt und endlich fortgeschickt. Das Gespräch war sehr heiter, der Leutnant sprach beinahe unausgesetzt und verwandte kein Auge von seiner schönen Nachbarin. Der Wein wurde nicht geschont, Resis Flaschen wurden schnell leer.
Als nach einer guten Weile die Gesellschaft zum Aufbruch rüstete und ein neues Beisammensein verabredet wurde, neigte sich Doktor Schott zu seiner Frau herab, um allem Anschein nach flüsternd mit ihr Rat zu halten. Niemand als Fräulein Charlotte auf ihrem unbeachteten Seitenplatz konnte den heißen verzehrenden Blick sehen, den er auf die schlanke Gestalt, das süße Gesicht richtete. Seine Augen loderten in einem wilden Feuer, während seine Hand sich so fest um die Taille der jungen Frau legte, daß die weißen Rosen unter seinem Griff auf einmal entblätterten. -- Und da sah die stille Beobachterin, wie das Gesicht, das eben noch so freundlich gelächelt hatte, blaß wurde bis in die Lippen hinein, wie es die schöne Gestalt gleich einem Schauer überlief und ein Ausdruck mühsam unterdrückten Widerwillens in den Augen erwachte, während Melitta rasch zurücktrat. --
Im Vestibül traf Charlotte auf Fräulein Rosa Hesse, die ihr voller Emphase entgegenrief: »Sie Beneidenswerte haben dabei sein können, und ich habe von nichts gewußt! Sie müssen mir genau, haarklein alles erzählen, wie es war, Sie kommen ja soeben von den Glücklichen!«
3.
Es vergingen ein paar Tage. Sie brachten köstliches, sommerwarmes Wetter und eine ganze Reihe von Ausflügen, die das Ehepaar Schott mit den Fremden unternahm. Rothes waren noch nie hier gewesen, sie wünschten in einem gedrängten Auszug alles schönste und sehenswerteste, was um den reizenden Gebirgsort herumlag, kennen zu lernen, und Doktor Schott machte den Cicerone. »Die Leute haben ein Glück, einen Treffer -- es ist zum Beneiden!« äußerte Fräulein Hesse mehr als einmal. »Einen besseren Führer als unseren Doktor kann es überhaupt nicht geben -- es muß ein idealer Hochgenuß sein, mit ihm Gebirgstouren zu machen. Wenn er mich nur ein einziges Mal dazu auffordern wollte -- mit Wonne ging ich mit ihm!« --
Es war richtig, Doktor Schott kannte die Gegend genau, er wußte die hübschesten Wege, die großartigsten Aussichtspunkte zu finden -- aber er wanderte so energisch und so ohne jede Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit seiner Mitmenschen darauf los, daß Rothes Schwiegereltern schon nach zwei Tagen dem »idealen Hochgenuß« entsagten, von ihm geführt zu werden. Sie erklärten, sie wären ältere Leute, die solche Parforcetouren nicht mehr leisten könnten, und wenn es keine Maultiere oder Sänften gäbe, um auf die gepriesenen Berggipfel hinaufzukommen, dann müßten sie ergebenst danken, und sie rieten ihren Kindern unter vier Augen an, das gleiche zu thun, denn mit dem Doktor mitzulaufen, das sei ein Ding der Unmöglichkeit, man könne mindestens eine Lungenentzündung davon haben!
Diese Mahnung zu befolgen, ging aber dem gutmütigen Landrat, der sich dem festen Willen seines Freundes gänzlich untergeordnet hatte, gegen den Strich. Er beschwichtigte seine, gleichfalls zur Opposition geneigte kleine Frau, rieb sich allabendlich die schmerzenden Kniee und Füße mit allerlei Salben und Wässern ein und that früh morgens tapferer, als ihm eigentlich zu Mute war, denn er war ein bequemer Herr, und Strapazen waren ihm sonst ein Greuel. Aber, lieber Himmel, Schott meinte es wirklich so gut und opferte sich auf für sie alle -- man konnte ihn doch zum Dank dafür nicht vor den Kopf stoßen und sich obendrein noch von ihm auslachen und verspotten lassen! Und wenn diese zarte, schöne Frau solche Anstrengungen aushalten könne -- zum Teufel, dann müßte man das doch auch fertig bringen! -- Der Bruder Leutnant sagte kein Wort, der stand jeden Morgen pünktlich um fünf Uhr im tadellosen Kostüm des Salontirolers, den gewaltigen Alpenstock in der Hand, bereit und bewunderte pflichtschuldigst mit Ausrufen, wie: »Erhaben -- in der That!« oder: »Einfach großartig!« alles, was ihm gezeigt wurde, obgleich der Sinn für Naturschönheiten nur schwach bei ihm entwickelt war -- seine Begabung lag nach einer anderen Seite! Er hatte sich mit dem ersten Blick in Melitta Schott verliebt, er wäre, um in ihrer Gesellschaft sein zu können, blindlings auf den Chimborasso geklettert, wenn selbiger gerade in der Nähe gewesen wäre. Die schöne Blondine munterte ihn zwar mit keinem Wort, mit keinem Blick auf, aber der Leutnant war jetzt gerade so lyrisch und anspruchslos gestimmt und begnügte sich mit ihrer gelassenen Freundlichkeit ... er hatte sehr verschiedene Stimmungen in seinem abwechslungsreichen Dasein zu verzeichnen.
Charlotte Hartwig sah jetzt wenig von ihrer jungen Freundin, nur des Abends traf man dann und wann, jedesmal im größeren Kreise, zusammen. Es bestand aber ein stilles Einverständnis zwischen den beiden Damen seit jenem eingehenden Gespräch am Sonntagmorgen. Sie nickten einander stets besonders freundlich zu, tauschten oft Blick und Lächeln, plauderten zusammen, und wenn es nur ein paar Minuten waren, und es focht das alte Fräulein nicht das mindeste an, als sie bemerken mußte, daß Doktor Schott den herzlichen Verkehr seiner Gattin mit ihr offenbar mißbilligte und denselben, sobald es nur irgend thunlich war, unterbrach oder verhinderte. Ihm schienen die klugen, stillen Augen der alten Dame unangenehm zu sein, er fixierte sie ein paarmal von seiner stattlichen Höhe herab mit einem hochmütigen Staunen, als wollte er sie fragen, was sie eigentlich von ihm wünsche -- ein Benehmen, das Charlotte keinen Augenblick aus der Fassung brachte. Sie beachtete den imposanten Doktor gar nicht und freute sich nur immer, ihren Liebling zu sehen, den sie von einem Tage zum anderen mit heimlicher Sorge musterte: das süße Gesichtchen sah so blaß und müde aus, und die dunklen Schatten um die Augen vertieften sich -- wie konnte denn auch dieser Mann das zarte Geschöpf so rastlos und rücksichtslos abhetzen, sie von einer Gebirgspartie zur anderen jagen, da er doch sehen mußte, daß es sie ersichtlich angriff? Charlottens nervöses Kopfweh hatte nachgelassen, aber in ihrem Gemüt konnte sie nicht zur Ruhe kommen -- ihr Walter schrieb auch so kurze Briefchen, herzlich zwar, und immer mit der Mahnung, sie solle sich recht pflegen und um Gottes willen nicht mit dem Gelde sparen -- aber von ihm selbst, von seinem Leben stand bitter wenig in den knappen Postkarten zu lesen, und die zärtliche Schwester, das wußte er recht gut, interessierte sich doch für alles, was ihn anging!
Ein herrlicher Vormittag! Die Touristen waren in aller Frühe aufgebrochen, sie hatten heute eine sehr ermüdende Gletscherpartie vor sich und wollten zur Nacht gar nicht heimkehren. Fräulein Charlotte freute sich des köstlichen Wetters und eines vorzüglich geschriebenen Buches, das sie im Garten las: Michelangelos Leben von Herman Grimm, eine anregende, höchst fesselnde Lektüre, in die sich die Dame mit der ihr eigenen »Andacht« vertiefte.
Ein Stückchen von ihr entfernt, gerade unter einem spätblühenden Rosenstrauch, saß Erna mit ihrer Puppe im Arm, von Friederike beaufsichtigt. Das Kind, in dessen Nähe Charlotte sonst schwer zum Lesen kam, weil es die Tante beständig etwas zu fragen hatte, saß heute still da, es plauderte und lachte auch nicht mit seiner Puppe, und der kleine Wagen, den es sonst nicht müde wurde, mit Sand und Steinchen zu füllen, stand leer im Wege.
Fräulein Hartwig sah gerade zufällig von ihrer Lektüre auf, als die Hauswirtin eilig bei der Kleinen vorüberkam, ihr mit einem freundlichen Scherzwort eine schöne, saftige Birne in den Schoß warf und dann rasch weiterging.
Erna hatte nur ein wenig das Köpfchen gehoben, ein leises: »Danke« gesagt und hielt jetzt die verlockende Frucht in der Hand, ohne hineinzubeißen, ohne sie auch nur weiter anzusehen.
Augenblicklich legte Charlotte das Buch hin und war mit wenigen Schritten neben dem Kinde.
»Nun, Mäuschen, freust du dich nicht über deine schöne Birne?«
Die Kleine wiegte wie zweifelnd den Kopf hin und her. »Magst du sie haben?« fragte sie zurück.
»Nein, ich dank' dir, Liebchen! Oder wollen wir sie zusammen verspeisen, was meinst du?«
Wieder Kopfschütteln.
»Sieh mich einmal an, Erna!«
Das Kind hob gehorsam sein Gesichtchen empor -- es war sehr rot, und die sonst leuchtenden Augen hatten einen stumpfen Blick.
»Friederike, was ist mit dem Kinde? Es sieht ja ganz verändert aus!«
Friederike strickte gleichmäßig an ihrem Strumpf weiter. »Ich finde nicht, gnädiges Fräulein. Erna ist wie immer!«
»Hat sie denn in der Nacht gut geschlafen?«
»Sehr gut!«
»Aber sie scheint keinen Appetit zu haben!«
»Sie wird gestern Abend zu viel gegessen haben!«