Die Glücklichen

Part 2

Chapter 23,486 wordsPublic domain

»Wenn du fortfährst, in diesem sentimentalen und weinerlichen Ton zu mir zu sprechen, müssen wir unser Gespräch abbrechen!« Die Stimme des Mannes wurde hart und kalt. »Ich meine, du müßtest mir Dank wissen und einsehen lernen, daß ich dein Bestes wünsche. Du hast normale Geistesgaben, die zu entwickeln mir ein Genuß sein würde, aber das Gefühlsleben überwuchert alles andere bei dir in einer Weise, daß es mir faktisch oft unmöglich ist, mit vernünftigen Begriffen dir gegenüber zu operieren. Was ich sagen wollte ... deine Thränen haben mich auf einen total anderen Gedankengang geführt ... ich komme dich abholen. Das ganze Haus ist wie ausgestorben, alle sind zum Spaziergang fort -- es ist prächtig draußen. Ich habe meinen alten Universitätsfreund Rothe zufällig auf meiner Wanderung getroffen, er ist seit heute früh mit Frau, Bruder und Schwiegereltern hier -- der alte Kerl freute sich wie ein Spitz, mich zu sehen. Wir haben im »schwarzen Lamm« ein fideles Beisammensein verabredet, werden eine Bowle aufsetzen -- es wird urgemütlich sein! Unser Abendessen hier im Pensionat habe ich schon bei der Hauswirtin abbestellt -- Friederike wird Erna allein abfüttern. Ich habe alles vorgesorgt -- du hast einfach deinen Hut zu nehmen und mitzukommen!«

Es trat eine Pause ein. Dann kam die weiche Stimme der jungen Frau schüchtern wieder.

»Es ist mir so leid, Udo, dir nicht den Willen thun zu können -- du weißt ja, ich füge mich immer sonst ... immer! Aber diesmal heute -- bitte, geh' allein! Ich kann heute nicht unter fremden Menschen sein -- kann auch nicht lachen und froh erscheinen; es wäre eine erbärmliche Komödie. Du hättest es bedenken können -- du weißt recht gut, daß heute der Tag ist, an dem« -- -- -- sie konnte nicht weitersprechen.

Doktor Schott bohrte mit dem Stock so heftig in den Boden, daß der Kies umherstob.

»Natürlich weiß ich es -- und glaubst du, ich hätte nicht daran gedacht? Es fiel mir sogar ein, während Rothe mich aufforderte, zum »schwarzen Lamm« zu kommen. Absichtlich habe ich auch für dich zugesagt -- ich habe es mir fest vorgesetzt, es soll endlich einmal bei dir aufhören mit dieser ewigen Gefühlsschwelgerei!«

»Ein seltsamer Name für die tiefste und naturgemäß berechtigteste Empfindung!«

»Der einzig richtige Name! Naturgemäß berechtigt, sagst du? Durchaus nicht! Unser Verhältnis zu Siegmund war genau dasselbe, und siehst du mich etwa, gleich dir, in diesen haltlosen Schmerz versinken? Hätte die Natur dies vorgeschrieben, ich würde es zugestehen -- so kann ich nur sagen: es ist ein individuelles Gefühl, das jeder von uns hegt --«

»Und wenn du _deiner_ Individualität Berechtigung zugestehst, warum nicht der meinen?«

»Laß mich ausreden, Melitta, du weißt, ich kann es nicht vertragen, unterbrochen zu werden! Individualität! Du meine Zeit!« Die Stimme des Mannes nahm wieder den Ton herablassender Milde an, wie wenn er ein unvernünftiges Kind zurechtzuweisen hätte, »du bist ja eine _Frau_ -- noch dazu eine junge und schöne Frau -- du stehst nicht im Kampf mit dem Dasein, wie leider heute so viele deines Geschlechtes. Ich habe dich gewählt, jung und bildungsfähig, wie du warst, ich sorge für dich, ich _war_ und _bin_ redlich bestrebt, deinem Wesen diejenige Form zu geben, die ich als richtige erkannt -- ein Streben, in welchem deine bisherige Erziehung mir leider nicht im geringsten vorgearbeitet hatte -- wie kann da von Individualität deinerseits die Rede sein? Eine Frau, die, wie du, so jung in die Hände eines Mannes gerät, wie ich, hat durch ihn allein ihr Gepräge zu empfangen, und sollte es dankbar empfinden, wenn er sich unermüdlich dieser Aufgabe hingiebt, obgleich die Resultate ungleich geringer sind, als sich vor Jahren annehmen ließ. -- Und jetzt genug davon. Erna, geh' zu Friederike hinein, sie soll dir dein Abendbrot geben.«

»Aber Mama hat doch erlaubt, ich darf noch dableiben, bis --«

»Noch ein Wort des Widerspruchs, und du gehst ohne Abendessen ins Bett. Ich denke, du weißt, wem du zu gehorchen hast. Küß' deiner Mutter die Hand und geh'!«

Wieder eine kurze Stille, dann wurde das bekümmerte, thränenschwere Stimmchen des Kindes laut, das, nach einem aus tiefster Brust hervorgeholten Seufzer: »Gut' Nacht, Mutterle!« sagte.

»Gute Nacht, mein Herzenskind, schlaf' süß!«

»Kommst du auch noch an mein Bett beten, gelt?«

»Gewiß, Liebling -- nun lauf' schnell zu Friederike!«

»Also doch noch! Trotz meines Verbots! Wie oft habe ich dir gesagt: ich wünsche nicht, daß mein Kind mit solchen Faseleien großgezogen wird! Gebete! Das sind Dinge, die ihm das Hirn umnebeln, es untüchtig fürs Leben machen, jeden klaren Begriff verwirren. Mein Kind soll einen gesunden Verstand haben. -- Du aber untergräbst ihn geflissentlich, wenn du ihn mit Vorstellungen nährst, die mit dem realen Leben kein Jota zu thun haben!«

»Müssen wir all' diese Dinge hier im Garten verhandeln? Es könnte uns doch jemand hören --«

»Unnötig, mich darum zu warnen! Ich sagte es dir schon zuvor: das ganze Haus ist wie ausgestorben, sie sind bei dem herrlichen Wetter alle noch zum Spaziergang hinaus, die Wirtin hat es mir selbst gesagt -- sie soll das Abendessen deshalb später auftragen. Morgen früh um fünf gehen wir mit Rothes zur Wendel-Alp hinauf, rüste nur dein Bergkostüm. Möchtest du dich jetzt fertig machen, und mit mir kommen?«

»Verzeih' mir, Udo -- -- nein! Ich muß wiederholen: ich bin es nicht imstande, heute unter fremden Menschen zu sein und ein fröhliches Gesicht zu zeigen!« Die Stimme Frau Melittas klang bei aller Sanftmut fest und sicher.

»Sagte ich dir nicht, ich hätte es Rothes versprochen, daß du mit mir kämest?«

»Ja, du hast es gesagt, aber du hättest dies in meinem Namen nicht versprechen dürfen. Entschuldige mich bei deinen Freunden, sage, mir sei nicht wohl! --«

»Das würde eine Lüge sein!«

»Doch nicht! Mir thut der Kopf weh vom Weinen!«

»Darf ich um deinen Puls bitten? -- Völlig normal! Dies Kopfweh kenne ich -- es hat seinen Sitz im Eigensinn!«

»Ich kann dich nicht hindern, das anzunehmen!« sagte die junge Frau müde. »Nenne es also Eigensinn; mit dir kommen kann ich nicht!«

»Melitta!«

»Ich kann nicht! Soll ich vor diesen fremden Leuten in Thränen ausbrechen?«

»Fremden Leuten! Rothe ist einer meiner ältesten Freunde!«

»Ich habe ihn nie gesehen!«

»Er freut sich, deine Bekanntschaft zu machen, er hat in Nürnberg durch Erlers viel von dir gehört. Genügt es dir nicht, daß ich den Mann kenne und schätze? Fühlst du dich nicht identisch mit mir? Sind wir nicht eins?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Du scheinst in der That in einer unqualifizierbaren Laune zu sein. Es ist dir also ganz gleichgültig, wenn ich allein dorthin gehe?«

»Es ist mir am liebsten, heute allein zu bleiben!«

»Es ist dir ganz gleichgültig, daß ich mich vor diesen Leuten blamiere?«

»Ich glaube nicht, daß jemand es so auffassen könnte, wenn du bittest, deine Frau zu entschuldigen, sie fühle sich nicht wohl.«

»Einerlei! Ich fasse es so auf. Du weißt, ich bin es nicht gewöhnt, mit mir scherzen zu lassen!«

»Ich war nie weniger zum Scherzen aufgelegt, als jetzt!«

»Dein letztes Wort also: Du weigerst dich, mit mir zu kommen?«

»Ja!«

Wieder spritzten die kleinen, scharfkantigen Kiesel über den Gartenweg. Gleich darauf fiel unten dröhnend eine Thür ins Schloß, und ungestüme rasche Schritte liefen die Treppe empor.

Fräulein Charlotte Hartwig stand immer noch neben dem geöffneten Fenster. Sie hatte Bange gehabt, es zu schließen -- wie unsagbar peinlich hätte es der jungen Frau sein müssen, bei _diesem_ Gespräch einen Zeugen zu wissen, und gerade weil Fräulein Charlotte aufgeregt war, hätte sie eine unvorsichtige Bewegung leicht verraten können. Mit einem tiefen Aufatmen trat sie in die Tiefe des Zimmers zurück -- da hörte sie schon wieder die laute, herrische Stimme des Mannes in ihrer unmittelbaren Nähe, und jetzt _wollte_ sie lauschen. Sie schlich bis zu ihrer Thür und drückte sie vorsichtig auf.

Jenseits des schmalen Korridors lag das Stübchen, in welchem das Kind mit seiner Wärterin schlief. Auch wenn die leichte Thür, die dort hineinführte, fest verschlossen gewesen wäre, hätte man jedes Wort verstehen können.

»Erna hat geweint, sie will ohne Mama nicht essen!« berichtete Friederike in dem gleichmäßigen, sachlichen Ton, dem man niemals anhörte, _ob_ und _für wen_ sie etwa Partei ergriff.

»Du weißt, Erna, daß Papa kein unartiges Kind duldet. Wirst du auf der Stelle essen?«

Die Kleine fing laut an zu schluchzen.

»Hör' auf zu weinen -- augenblicklich!«

Das Schluchzen wurde noch lauter.

»Wirst du auf der Stelle essen?« Das dumpfe Geräusch eines Schlages folgte auf diese Worte.

Das Kinderstimmchen erhob ein lautes, klägliches Geschrei, und die dumpfen Schläge kamen ununterbrochen dazwischen. Fräulein Charlotte fing an zu zittern und trat von der Thür zurück.

Jetzt flog ein leichter Schritt die Treppe herauf -- und nun eine bittende, angstvolle Stimme: »Udo, Udo, um Gottes willen, schlage das Kind nicht so!«

Die Mahnung schien nicht zu helfen. Das laute Jammern des Kindes dauerte noch eine Weile fort -- jetzt hatte sich das alte Fräulein in die entfernteste Ecke ihres Zimmers geflüchtet und hielt sich mit den flachen Händen die Ohren zu.

Endlich und endlich Stille. Dann das Knarren der Treppe unter den festen Männertritten -- unten das Zuwerfen der Hausthür. Die unfreiwillige Lauscherin richtete sich auf und sah sich im Zimmer um, als ob sie geträumt habe; darauf schlich sie vorsichtig zum Fenster und hakte es ein.

Und nun, ihrem Gefühl nach gesichert, seufzte sie beklommen auf und ließ die Hände erschöpft heruntersinken. Im Geist sah sie Fräulein Rosa Hesse vor sich und hörte sie begeistert das Los dieser beiden beneidenswerten Menschen preisen: »Ich bitte Sie -- so jung, so schön, gesund und reich, so begabt -- wie könnte ihnen etwas fehlen? Was auf der weiten Welt bliebe ihnen zu wünschen?«

Die alte Dame nickte kummervoll vor sich hin.

»Die arme, schöne Frau, das arme süße Kind, wie viel werden sie noch leiden müssen! Und hier nennt man sie ›die Glücklichen!‹« -- -- --

2.

Der folgende Tag war ein Sonntag. In der Nacht war ein heftiges Gewitter losgebrochen -- völlig unerwartet, wie das im Gebirge zu kommen pflegt. Abends hatten noch die Sterne geschienen, und das ganze Haus hatte auf andauernd gutes Wetter gehofft -- da kam aufs neue der böse Südwestwind auf, der tags zuvor das Gewitter gebracht, und er führte ein zweites Unwetter mit sich, schlimmer als das erste. Es tobte in den Lüften, es riß an Thüren und Fensterläden, es heulte um das Haus, als wäre die Hölle losgelassen -- und dann fuhr sausend ein Blitz nieder, der den nachtschwarzen Himmel spaltete und eine stolze, alte Buche in der Nähe des Hauses niederschlug, daß sie mit einem dumpfen Krachen zu Boden stürzte. Unmittelbar darauf setzte der Donner ein mit einem schweren, betäubenden Schütten, dem ein langer, langer Nachhall folgte. Und die Berge ringsum nahmen das Getöse auf und gaben es weiter und schickten es wieder zurück, bis neuer Donner einsetzte, so daß es klang, als nehme das zornige Brüllen in den Lüften überhaupt kein Ende.

Im Klingerschen Pensionat war alles auf den Füßen. Einige hatten sich unten im Speisezimmer zusammengefunden, sie hatten ganz regelrecht Toilette gemacht, saßen mit blassen, verstörten Gesichtern beisammen und bemühten sich, einer den andern zu trösten ... es müsse doch bald nachlassen -- und strenge Herren regierten bekanntlich nicht lange -- und wie das Gewitter so schnell habe wiederkommen können, nachdem die Luft sich doch so schön gekühlt habe ... und was der Tröstungen und Vermutungen mehr waren.

Die meisten waren in ihren Zimmern geblieben. So Fräulein Charlotte Hartwig. Sie hatte sich die Lampe angezündet und saß auf dem Sofa, ihr war unbehaglich zu Mute, obgleich jede Furcht ihr fern lag; ein Gewitter verstörte ihr allemal die Nerven. Der Boden unter ihren Füßen zitterte, und die Fenster klirrten heftig unter den unausgesetzten Donnerschlägen.

Im Hause hörte man Thüren zuschlagen, ein eiliges treppauf, treppab -- jenseits des kleinen Korridors erhob sich ein verängstigtes Kinderstimmchen in hellem Weinen, verstummte aber sehr bald. Im Geist hörte Fräulein Charlotte die junge Frau bitten: »Udo, um Gottes willen, schlage das Kind nicht so!«

Das alte Fräulein schüttelte wehmütig den Kopf. Zu ihrer Erholung war sie hierher geschickt worden, und jetzt regte sie sich um fremder Leute willen so auf! Ihr Beruhigungsmittel, ihr Talisman sollte ihr helfen! -- Sie öffnete die Tischschublade und holte ein flaches, schwarzes Lederkästchen daraus hervor; ein Druck mit dem Finger ließ die Feder springen -- das Bildnis eines sehr ernst und sehr klug aussehenden Mannes kam zum Vorschein. Das war ihr Bruder, ihr Arzt, ihr bester Freund auf der Welt, der Sonnenschein ihres ganzen Lebens.

»Du!« murmelte sie vor sich hin. »Du!« -- Zärtlich, wie eine Braut musterte sie das kleine Bild. »Wärest du sehr unzufrieden mit mir? Würdest du mich schelten? Scheinbar ja -- aber eben auch nur so! Denn du hast ja selbst ein Herz, und ein so weiches, mitfühlendes dazu, wenn du dich auch auf alle Weise bemühst, es zu verstecken. Hätt' ich dich nur hier! Ohne dich ist's ja doch nur ein halbes Leben -- aber freilich -- du hast mich hierhergeschickt, damit ich mich erhole! Da heißt es gehorchen! Erholen wir uns also nach Kräften!«

Ein halb wehmütiges, halb humorvolles Lächeln spielte um ihre Lippen, wie sie dem Bilde zunickte, wie einem lebenden Menschen, und es dann sorgsam verschloß. Draußen war eine kurze Pause in den Donnerschlägen eingetreten -- dafür raste der Sturm jetzt um das Haus, als wolle er es vom Erdboden wegfegen. Wieder kamen von drüben her ein paar vereinzelte Klagelaute, die bald verstummten. Charlotte sah im Geist das Kind zitternd und verängstigt in seinem Bette und die schöne Mutter darüber hingebeugt, bemüht, das kleine Geschöpf vor der Strenge des Vaters zu schützen. Mit einem Seufzer der Ungeduld darüber, daß die rebellischen Gedanken sich so wenig zügeln ließen, nahm sie ein Buch zur Hand und versuchte, zu lesen. --

»Schauen gnä' Fräul'n eben 'mal bloß die Sonn' an, was die für goldiges G'sicht macht und wie's lachen kann ... recht, als thät's sich was ausschämen!« sagte Resi, das rosige Zimmermädel, am folgenden Morgen, als sie Fräulein Hartwig das Kaffeebrett ins Zimmer trug. »Dös is a Graus g'west bei die Nacht! So hab'n mir alle Glieder 'zittert!« Resi stellte das sehr ausdrucksvoll dar. »Die Annamirl und die Zenzl haben g'weint! Und jetzt schaut der Himmel wunderblau, und die Sonn' lacht, und kein Wind und kein nix! Aber die Weg schwimmen wassernaß, und von die Bäum' und Sträuch' tropft's alleweg! Wissen gnä' Fläul'n« -- -- hier trat Resi zwei Schritt näher und machte sich allerlei unnötige Hantierungen beim Kaffeegeschirr -- »unser Herr Doktor Schott -- nein -- aber -- der ist schon ein Wunderlicher! Hat er nicht heut' in der Fruha wollen für G'walt auf die Wendel-Alp aufsteigen -- nach dem grauslichen Wetter und wo alles schwimmt -- und hat nicht eher Ruh gegeben, als bis die fremde Herrschaft vom »schwarzen Lamm« herschickt hat, sie wollten auch nimmer auf die Alp, die Weg' sei'n zu schlecht nach dem Gewitter!«

»Ja aber, Resi, woher wissen Sie denn das alles?«

»I hab' halt 'horcht!« erklärte Resi lachend, mit vollster Unbefangenheit. »Mir müssen halt auch in d' Fruha heraus, und i hab' droben z'schaff'n g'habt, und da hat er in einsfort g'sagt: Ich will aber! Und ich will! Und _sie_ hat einmal g'sagt: Ich thu's nimmer! Und wie er d'rauf ganz rabbiat worden ist, da hat's eben gar nix mehr g'sagt -- nicht an einz'gs Wörtl! Und all' die Fremden von »schwarzen Lamm,« die kommen heut' hier zu uns speisen, und i muß 's Frühstück richten!«

»Da müssen Sie sich tummeln, Resi!«

»Wird schon wahr sein! Aber die Annamirl und die Zenzl soll'n halt _auch_ was schaffen, zum Nixtum is ka einz'ger Mensch da!«

Mit dieser nützlichen Sentenz empfahl sich das Mädchen. Fräulein Hartwig lag es schwer in den Gliedern und im Kopf nach der schlecht verbrachten Nacht, sie beschloß darum, einen Spaziergang zu machen -- die frische Luft sollte ihr wohlthun.

Das that sie denn auch. Wie einen labenden Trank atmete die Menschenbrust diesen stählenden Hauch ein, der von den reinen Höhen herabwehte -- von dort herab, wo die Bergesgipfel gleich getriebenem Silber standen und das Gletschereis im Sonnenstrahl bläulich funkelte. Unten aber diese Pracht auf Bäumen und Büschen! Das waren doch zahllose Wassertropfen nur, die auf den Blättern lagen und beim leisesten Anrühren wie kleine Bäche niederrieselten, aber die Sonne machte Millionen der köstlichsten Juwelen daraus, wob feenhafte Spitzenschleier um die Astkronen und ließ ganze Kaskaden aus Diamanten von den sanft bewegten Zweigen sprühen.

Auf der letzten Terrasse des Gartens, da, wo er bereits auffällig zu steigen und sich an das Gebirge zu schließen begann, war es immer einsam. Charlotte klomm den von Regen durchweichten Weg nicht ohne Mühe aufwärts, sie wußte eine Bank hier in der Nähe, auf der wollte sie rasten. Ein kleines Buch hielt sie in der einen Hand, in dem wollte sie lesen -- Lessings »Nathan der Weise.« Tief und rasch atmend kam sie endlich an ihr Ziel. Über ihrem Haupt wölbten einige prachtvolle Buchen die schönen Wipfel zu einer natürlichen Schattenlaube -- ein paar Vögel schwatzten droben eifrig miteinander und warfen zuweilen beim Weiterhüpfen von Zweig zu Zweig einen Perlenregen von Tropfen herunter -- vom Thal klangen die Kirchenglocken herauf, ernst und volltönig, es klang immer, als riefen sie: »Kommt zu Gott! Kommt zu Gott!«

Fräulein Charlotte nickte, als habe sie jemanden, der sie angeredet, Antwort zu geben, und schlug ihren Lessing auf.

Seitwärts im Gebüsch raschelte es, leuchtete rot auf zwischen den biegsamen Zweigen -- ein kleines Menschenkind kam auf flinken Füßen näher -- stutzte -- blieb stehen -- dann, von Fräulein Hartwigs Lächeln ermutigt, trippelte es bis zu ihren Knieen heran.

»Bist du hier ganz allein -- gelt?«

»Ja, mein kleines Mädchen. Und du? Deine Friederike ist wohl mit dir?«

»Nein -- Mama! Ich bin vorausgelaufen. Kannst du meine Mama sehen? Da oben steht sie!«

Das deutende Fingerchen wies auf einen mäßigen Felsvorsprung. Dort stand eine einzelne Frauengestalt, regungslos, den Blick in die Weite gerichtet -- wie losgelöst von Welt und Menschen, wie schwebend über der grünen Tiefe zu ihren Füßen.

»Ruf' deine Mama nicht an, mein Kind! Sie könnte sich erschrecken und fallen. Wir wollen warten, bis sie von selbst aufmerkt und hierherkommt!«

»Ja, wir wollen warten!« wiederholte die Kleine altklug. Sie lehnte ihr zartes Körperchen zutraulich gegen Charlottes Kniee und sah ihr unverwandt mit forschenden, großen Augen ins Gesicht. Dies Gesicht war weder jung noch schön, aber dem Kinde mußte es gefallen, es lächelte und ließ sich willig von der sanften Hand des alten Fräuleins das krause, dunkle Köpfchen streicheln.

»Erna!« klang eine weiche Frauenstimme von oben. »Wo bist du? Erna!«

»Hier unten auf der Bank, Mutterle, bei Tante -- -- ja, wie heißt denn du?«

»Charlotte, mein Kind!«

»Bei Tante Charlotte. Komm' doch auch!«

Die helle Gestalt auf dem Felsen wandte sich und klomm langsam herab. Im Näherschreiten erkannte sie Fräulein Hartwig und lächelte ihr freundlich zu.

»Grüß' Gott! Sie genießen auch den köstlichen Morgen!«

»Und mit Entzücken; das ist eine schöne Entschädigung für das Unwetter in der Nacht. Sie werden wenig Schlaf gehabt haben, Frau Doktor, ich hörte die Kleine weinen --«

»Ach, das bissel!« unterbrach Erna beinahe geringschätzig. »Ich kann ganz viel anders schreien noch, aber Papa« -- --

Frau Melitta legte ihre Hand auf das Plaudermäulchen, »du darfst Blumen suchen gehen, Herzblatt, aber nicht zu weit fortlaufen -- immer so, daß Mama dich sehen kann. Wenn Sie gestatten, Fräulein Hartwig, setze ich mich zu Ihnen. Störe ich Sie bei Ihrer Lektüre?«

»Ich hatte noch nicht angefangen. Es wird Sie vielleicht befremden, daß ich am Sonntagmorgen kein Andachtsbuch in der Hand habe, aber, sehen Sie -- der Inhalt dieses Buches -- das ist nun so _meine_ Andacht!«

Fräulein Charlotte schlug die erste Seite auf, und die junge Frau las über dem Titel in einer festen Handschrift die Worte: »Seiner lieben Charlotte zum Andenken an den 11. Oktober 1866. Walter.«

»Er ist mein einziger Bruder,« -- eine schwache Röte trat in die feinen, welken Züge, und die Augen glänzten plötzlich auf. »Am 11. Oktober 1866 lasen wir zum erstenmal »Nathan der Weise« zusammen. Er war noch Gymnasiast damals und sehr jung -- den Jahren nach hätte er kaum Verständnis für dies Hohelied der Toleranz haben können. Aber ich war immer sehr stolz auf seine Begabung und fand ihn seinen Altersgenossen weit voraus -- wirklich, er war es auch! Und ich konnte kaum erwarten, zu sehen, welchen Eindruck mein Nathan auf ihn machen würde. Ich muß immer »mein« Nathan sagen, er ist für Kopf und Herz so ganz mein Eigentum geworden.«

»Nun -- und weiter? Entsprach der Eindruck Ihren Erwartungen?«

»Sie müssen verzeihen, gnädige Frau -- es kann Sie unmöglich interessieren -- in Stettin wissen es alle meine Bekannten: mein Bruder ist ein gefährliches Thema für mich; ich kann nicht zu Ende kommen, und je älter ich werde, desto mehr verschlimmert sich das!«

Das liebreizende junge Gesicht neben Fräulein Hartwig lächelte.

»Ich gehöre aber nicht in Ihren Stettiner Bekanntenkreis hinein, und ich möchte gern mehr hören. Wir schließen uns nicht näher an die Hausgenossen an, schon weil wir so viel Bergtouren unternehmen --« dies klang ein wenig verlegen -- »aber zu Ihnen hab' ich sehr bald, hab' ich gleich in den ersten Tagen einen stillen Zug gespürt, und es wollte mir scheinen, wenn es nicht anmaßend klingt, als wäre das gegenseitig!«

»Sie sind ein süßes, herziges Wesen, Frau Doktor, ich glaube, es wird mir so gehen, wie allen, die Sie nur sehen: man kann gar nicht umhin, sich für Sie zu interessieren, Sie reizend zu finden ... nein, nein, Sie dürfen nicht denken, daß ich Ihnen schmeicheln will! Das ist nicht mein Fehler -- wahrhaftig nicht! --«

»Wir wollen aber nicht von mir sprechen. Sie sollen mir von Ihrem Bruder erzählen. Sie haben ihn wohl erzogen?«