Die Geschichte meines Lebens

Part 9

Chapter 93,548 wordsPublic domain

Auf diese Weise schritt meine Vorbereitung für die Universität ohne Unterbrechung weiter fort. Ich fand es leichter und angenehmer, für mich allein unterrichtet zu werden als in der Klasse mit anderen zusammen. Es gab hier keine Überstürzung, keine Verwirrung. Mein Lehrer hatte vollauf Zeit, mir zu erklären, was ich nicht verstand, und daher machte ich raschere Fortschritte und hatte bessere Leistungen aufzuweisen als je auf dem Gymnasium. Ich fand jedoch noch immer mehr Schwierigkeiten bei der Lösung von mathematischen Aufgaben als in jedem anderen Unterrichtsfache. Ich wünschte, Algebra und Geometrie wären mir nur halb so leicht gefallen wie das Sprach- und Literaturstudium. Aber selbst die Mathematik machte mir Herr Keith anziehend; es gelang ihm, mir die Lehrsätze und Aufgaben so faßlich zu machen, daß ich dem Unterrichte mit Leichtigkeit folgen konnte. Er erhielt meine Aufmerksamkeit rege und lebendig und gewöhnte mich an klares Denken und ruhiges, logisches Schließen anstatt meiner früheren wilden, ziellosen Kreuz- und Quersprünge. Er war stets freundlich und zuvorkommend, wie ungeschickt ich mich auch mitunter angestellt haben mag, und man kann es mir glauben, meine Beschränktheit würde oft sogar eine Hiobsgeduld erschöpft haben.

Am 29. und 30. Juni 1899 legte ich die Schlußprüfung für das Radcliffe College ab. Am ersten Tage kamen die Anfangsgründe im Griechischen und lateinische Lektüre, am zweiten Geometrie, Algebra und griechische Lektüre an die Reihe.

Die Universitätsbehörden gestatteten Fräulein Sullivan nicht, mir die Prüfungsaufgaben vorzulesen; dafür wurde Herr Eugen C. Vining, einer der Lehrer des Perkinsschen Blindeninstituts, mit der Übertragung der Aufgaben für mich in amerikanische Brailleschrift betraut. Herr Vining war mir völlig fremd und konnte sich nur mittels der Brailleschrift mit mir verständigen. Auch der aufsichtführende Beamte war mir fremd und machte keinerlei Versuch, sich mit mir in Verbindung zu setzen.

Die Brailleschrift genügte zwar für die Sprachen vollständig; als aber Geometrie und Algebra an die Reihe kamen, ergaben sich Schwierigkeiten. Ich war schmerzlich überrascht und niedergeschlagen, da ich viel kostbare Zeit verlor, namentlich in der Algebra. Zwar war ich mit allen gewöhnlich zu literarischen Zwecken benutzten Braillesystemen vertraut -- dem englischen, dem amerikanischen und dem New Yorker; aber die geometrischen und algebraischen Zeichen sind in diesen drei Systemen sehr verschieden, und ich hatte in der Algebra nur das englische benutzt.

Zwei Tage vor dem Beginn der Prüfungen sandte mir Herr Vining die Braillekopie einer früher von der Harvard-Universität gestellten algebraischen Aufgabe. Zu meinem Schreck bemerkte ich, daß sie in der amerikanischen Notation gehalten war. Ich setzte mich unverzüglich hin und bat Herrn Vining in ein paar Zeilen um eine Erklärung der Zeichen. Umgehend erhielt ich eine andere Arbeit und eine Tabelle, in der die Zeichen erklärt waren, und setzte mich hin, um die Notation zu erlernen. Aber am Abend vor der Prüfung in der Algebra, während ich über einigen sehr verwickelten Aufgaben brütete, hatte ich keine Zeit, mir die Zusammenstellungen von Klammern, Haken und Wurzelzeichen einzuprägen. Sowohl Herr Keith wie ich waren niedergeschlagen und voll trüber Ahnungen für morgen; wir gingen aber ein wenig vor dem Beginn der Prüfung nach dem Universitätsgebäude und baten Herrn Vining, uns die amerikanischen Zeichen etwas eingehender zu erklären.

In der Geometrie bestand die Hauptschwierigkeit für mich darin, daß ich stets gewohnt gewesen war, die Sätze im Liniendruck zu lesen oder sie in die Hand buchstabiert zu bekommen, und obgleich die Sätze jetzt dicht vor mir lagen, fand ich doch die Brailleschrift einigermaßen verwirrend und konnte mir nicht klar vorstellen, was ich las. Als aber die Algebra an die Reihe kam, brach eine noch härtere Zeit für mich an. Ich konnte mich in die Zeichen, die ich so spät erlernt hatte und die ich zu kennen glaubte, nicht finden. Außerdem konnte ich nicht prüfen, was ich auf meiner Schreibmaschine geschrieben hatte. Ich hatte stets meine Arbeiten in Brailleschrift oder im Kopfe gemacht. Herr Keith hatte sich zu sehr auf meine Fertigkeit, die Aufgaben im Kopfe zu lösen, verlassen und hatte mich nicht im schriftlichen Anfertigen von Examensarbeiten unterwiesen. Infolgedessen ging meine Arbeit peinlich langsam von statten, und ich hatte die Aufgaben immer und immer wieder zu lesen, ehe ich begriff, was von mir verlangt wurde. In der Tat bin ich selbst jetzt noch nicht sicher, alle Zeichen richtig gelesen zu haben. Es fiel mir schwer, meinen Kopf beisammen zu halten.

Aber ich klage niemand an. Die Universitätsbehörde wußte nicht, wie schwer sie mir meine Prüfung machte, noch begriff sie die besonderen Schwierigkeiten, die ich zu überwinden hatte. Aber wenn sie mir unabsichtlich Hindernisse in den Weg legte, so habe ich die Genugtuung, zu wissen, daß ich sie alle überwunden habe.

Zwanzigstes Kapitel.

Eintritt in das Radcliffe College. -- Anfängliche Begeisterung und teilweise Enttäuschung. -- Übelstände des Universitatsstudiums. -- Erstes Studienjahr. -- Französisch, Deutsch, englische Stillehre, englische Literatur. -- Besuch der Vorlesungen. -- Schreibmaschine. -- Stunden des Unmuts. -- Zweites Jahr: englische Stillehre, Bibel, politische Verhältnisse Amerikas und Europas, horazische Oden, lateinische Komödie, Nationalökonomie, Shakespeare, Geschichte der Philosophie. -- Verknöcherung des Universitätswesens..-- Pein der Prüfungen. -- Enttäuschung.

Der Kampf um die Zulassung zur Universität war siegreich beendet, und ich konnte nun in das Radcliffe College eintreten, wann es mir beliebte. Bevor ich jedoch die Universität bezog, kamen wir überein, daß ich noch ein weiteres Jahr unter Herrn Keiths Leitung studieren sollte. Erst gegen Ende 1900 ging daher mein Traum, die Universität zu besuchen, in Erfüllung.

Ich erinnere mich heute noch meines ersten Tages im Radcliffe College. Es war ein interessanter Tag für mich. Ich hatte ihn jahrelang herbeigesehnt. Eine mächtige Kraft in mir, die stärker war als der Rat meiner Freunde, stärker selbst als die Warnungen meines eigenen Inneren, hatte mich dazu getrieben, meine Kräfte mit denen zu messen, die sehen und hören. Ich wußte, ich würde auf Hindernisse stoßen, aber ich war voller Eifer, sie zu überwinden. Ich hatte mir die Worte des weisen Römers zu Herzen genommen, der da gesagt hatte: „Aus Rom verbannt sein, heißt nur außerhalb Roms leben.“ -- Abgeschnitten von der großen Heerstraße des Wissens war ich genötigt, meine Reise quer durchs Land auf wenig besuchten Straßen zurückzulegen -- das war alles. Ich wußte, daß es auf einer Universität viele Nebenpfade gab, auf denen ich Hand in Hand mit Mädchen gehen konnte, die ebenso dachten, liebten und kämpften wie ich.

Ich begann meine Studien voller Eifer. Vor mir erblickte ich eine neue Welt, strahlend in Schönheit und Licht, und ich fühlte die Fähigkeit in mir, alles zu erkennen. In dem Wunderland des Geistes würde ich so frei sein wie jede andere. Seine Bewohner, seine Landschaft, seine Sitten, seine Freuden, seine Leiden sollten lebendige verkörperte Vermittler der realen Welt sein. Die Vorlesungssäle schienen mir mit dem Geiste der großen Weisen aller Zeiten erfüllt, und ich hielt die Professoren für Personifikationen der Weisheit selbst. Ich bin seitdem zu einer anderen Überzeugung gelangt, doch habe ich nicht die Absicht, irgend jemand mit Namen zu nennen.

Aber bald entdeckte ich, daß das College nicht ganz das romantische Lyceum war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Viele der Träume, die meine unerfahrene Jugend entzückt hatten, „verblaßten in dem grauen Lichte des Alltags“. Allmählich begann ich einzusehen, daß der Besuch der Universität auch seine Schattenseiten habe.

Die eine, deren ich mir am schmerzlichsten bewußt war und noch bewußt bin, besteht in dem Mangel an Zeit. Ich pflegte Zeit zum Denken, zum Sinnen zu haben, mein Geist und ich. Wir hatten manchen lieben Abend beieinander gesessen und der Melodie in unserem Innern gelauscht, die man nur in Mußestunden vernimmt, wenn die Worte eines Lieblingsdichters eine tiefe wohllautende Saite in unserer Seele anschlagen, die bis dahin noch nicht erklungen war. Aber auf der Universität hat man keine Zeit, mit seinen Gedanken zu verkehren. Man besucht, scheint es, die Vorlesungen, um zu lernen, nicht, um zu denken. Betritt man die Portale der Gelehrsamkeit, so läßt man die besten Freuden -- Einsamkeit, Bücher und Phantasie -- draußen bei den rauschenden Tannen. Ich glaube, ich müßte einige Beruhigung in dem Gedanken finden, daß ich Schätze für zukünftige Genüsse aufspeichere, aber ich bin zu unvorsorglich, um nicht den Genuß des Augenblicks der Ansammlung von Reichtümern für trübe Tage vorzuziehen.

Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre auf Französisch, Deutsch, Geschichte, englischen Stil und englische Literatur. Im Französischen las ich einige Werke von Corneille, Moliere, Racine, Alfred de Musset, Sainte-Beuve und im Deutschen von Goethe und Schiller. In der Geschichte verschaffte ich mir einen raschen Ueberblick über den ganzen Zeitraum vom Untergange des Römischen Reiches bis zum achtzehnten Jahrhundert, und in der englischen Literatur studierte ich kritisch Miltons Gedichte und »Areopagitica«.

Ich bin häufig gefragt worden, in welcher Weise ich die eigenartigen Schwierigkeiten, unter denen ich die Universität besuche, überwinde. Im Auditorium bin ich natürlich so gut wie allein. Der Professor ist so weit von mir entfernt, als ob er durch ein Telephon spräche. Die Vorlesungen werden mir so rasch wie möglich in die Hand buchstabiert, und in dem Bestreben, das Tempo innezuhalten, geht mir viel von der Individualität des Vortragenden verloren. Die Worte eilen durch meine Hand wie Hunde auf der Jagd nach einem Hasen, der ihnen aber oft entkommt. Aber in dieser Beziehung glaube ich nicht, daß ich viel schlechter daran bin als die Mädchen, die sich ihre Aufzeichnungen machen. Ist der Geist mit dem mechanischen Prozesse des Hörens beschäftigt und soll man zu gleicher Zeit das Gehörte in fliegender Eile zu Papier bringen, so kann man, glaube ich, weder dem behandelten Gegenstande noch der Art des Vortrags die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden. Ich kann während der Vorlesungen keine Aufzeichnungen machen, weil meine Hände mit Aufmerken beschäftigt sind. Gewöhnlich schreibe ich mir dann zu Hause das, was ich behalten habe, nieder. Ich fertige meine Exerzitien, Aufsätze, Kritiken, die Arbeiten zu den Semester- und Jahresprüfungen auf meiner Schreibmaschine an, sodaß die Professoren keine Schwierigkeit haben, herauszufinden, wie wenig ich weiß. Als ich das Studium der lateinischen Prosodie begann, schrieb ich meinem Professor eine Reihe von Zeichen auf, die die verschiedenen Metra und Quantitäten kenntlich machen sollten, und erklärte sie ihm.

Ich bediene mich der Hammond-Schreibmaschine. Ich habe viele Maschinen versucht, finde aber, daß die Hammondsche sich am besten für die Besonderheiten meiner Arbeit eignet. Bei dieser Maschine können Umschalttasten benutzt werden, und man kann deren mehrere haben, jede mit verschiedenen Typen -- Griechisch, Französisch oder Mathematik -- entsprechend der Art von Schrift, die man auf der Schreibmaschine hervorbringen will. Wenn ich die Hammondsche Schreibmaschine nicht hätte, so würde ich wohl schwerlich die Universität besuchen können.

Sehr wenige von den in den verschiedenen Kursen gebrauchten Bücher sind in Blindenschrift gedruckt, und ich muß sie mir in die Hand buchstabieren lassen. Infolgedessen brauche ich mehr Zeit zur Vorbereitung auf meine Lektionen als andere Mädchen. Die Handarbeit dauert länger, und ich habe mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die sie gar nicht kennen. Es gibt Tage, an denen die gespannte Aufmerksamkeit, mit der ich die Einzelheiten verfolgen muß, mein Blut in Wallung bringt und der Gedanke, daß ich stundenlang dasitzen muß, um ein paar Kapitel zu lesen, während andere Mädchen lachen, singen und tanzen, mich rasend macht; aber bald gewinne ich meinen Gleichmut wieder und lache mir die Unzufriedenheit vom Herzen herunter. Denn alles in allem muß jeder, der zur wahren Erkenntnis hindurchdringen will, den Berg Schwierigkeit allein erklimmen, und da für mich keine breite gerade Straße auf den Gipfel führt, so muß ich ihn eben auf dem für mich bestimmten Pfade im Zickzack zu erreichen suchen. Ich gleite häufig zurück, ich falle, ich stehe still, ich stoße gegen die Ecken verborgener Hindernisse, ich verliere meine gute Laune, bekomme sie wieder und halte sie von da an fester, ich schleppe mich weiter, komme eine kleine Strecke vorwärts, fühle neuen Mut, werde immer eifriger und klimme immer höher und höher, bis ich endlich den Horizont sich weiten sehe. Jeder Kampf ist ein Sieg. Noch eine letzte Anstrengung, und ich erreiche die leuchtende Wolke, die blauen Himmelstiefen, das Land meiner Sehnsucht da droben. Bei diesen Kämpfen stehe ich jedoch nicht stets allein. Herr William Wade und Herr E. E. Allen, der Leiter des pennsylvanischen Instituts für den Blindenunterricht, haben mir viele der erforderlichen Bücher in Hochdruck besorgt. Mit ihrer liebenswürdigen Aufmerksamkeit haben sie mir mehr Hilfe und Ermutigung gebracht, als sie es selbst je ahnen können.

Im vergangenen Jahre, dem zweiten, das ich im Radcliffe College zubrachte, beschäftigte ich mich mit englischer Stillehre, mit der Bibel vom literarischen Standpunkte aus, den politischen Verhältnissen Amerikas und Europas, den horazischen Oden und der lateinischen Komödie. Der Unterricht im englischen Stil war mir der liebste, weil er sehr lebendig war. Die Vorlesungen waren stets interessant und geistvoll; denn der Professor, Herr Charles Townsend Copeland, trägt die Hauptwerke der Literatur in all ihrer ursprünglichen Frische und Gewalt vor. Eine kurze Stunde darf man die ewige Schönheit der alten Meister ohne unnötige Erklärungen und Zergliederungen genießen und sich ihrer erhabenen Gedanken erfreuen; mit ganzer Seele kann man sich der milden Erhabenheit des Alten Testaments hingeben, ohne an das Dasein Jahwes und Elohims zu denken, und man geht nach Hause mit dem Bewußtsein, daß man einen Schimmer von jener Vollendung erhascht hat, bei der Geist und Form in ewiger Harmonie verschmolzen sind und Wahrheit und Schönheit dem alten Stamme der Zeit neues Wachstum bringen.

Dieses Jahr ist das glücklichste für mich, weil ich Gegenstände studiere, die mich besonders interessieren: Nationalökonomie, Literatur der elisabethanischen Zeit, Shakespeare unter Professor George L. Kittredge und Geschichte der Philosophie unter Professor Josiah Royce. Durch die Philosophie lernt man sich verständnisvoll in die Ueberlieferungen alter Zeiten und andere Denkweisen zu versenken, die einem vorher seltsam und unvernünftig vorgekommen sind.

Aber das College ist nicht das universale Athen, für das ich es gehalten habe. Man tritt hier nicht den großen, weisen Männern Auge in Auge gegenüber, man fühlt nicht ihren belebenden Hauch. Zwar sind sie gegenwärtig, das muß zugegeben werden, aber sie scheinen mumifiziert zu sein. Wir müssen sie von der sie umgebenden Hülle von Gelehrsamkeit befreien, sie zergliedern und analysieren, ehe wir sicher sein können, daß wir einen Milton oder Jesaias vor uns haben und nicht nur eine geschickte Nachahmung. Wie mir scheint, vergessen viele Gelehrte, daß unser Genuß an den großen Werken der Literatur mehr von der Tiefe unseres Mitempfindens als von der Schärfe unseres Verstandes abhängt. Der Hauptübelstand ist der, daß sehr wenige ihrer mühsamen Erläuterungen im Gedächtnis haften. Der Geist wirft sie ab, wie ein Baum seine reifen Früchte abwirft. Man vermag eine Blume zu kennen, Wurzel und Stengel und alles, ebenso den ganzen Wachstumsprozeß und ist vielleicht doch nicht imstande, die Schönheit der frisch im Tau des Himmels gebadeten Blume zu würdigen. Immer und immer wieder frage ich ungeduldig: „Was sollen mir all diese Erläuterungen und Hypothesen?“ Sie schwirren in meinem Geiste hin und her gleich blinden Vögeln, die die Luft mit ihren kraftlosen Schwingen zu zerteilen suchen. -- Ich wende mich nicht gegen eine gründliche Kenntnis der berühmten Werke, die wir lesen, sondern nur gegen die endlosen Kommentare und verwirrenden Kritiken, aus denen nur das eine hervorgeht, daß es mehr Ansichten als Menschen gibt. Wenn jedoch ein großer Gelehrter, wie Professor Kittredge erklärt, was der Meister sagt, so ist’s, „als werde dem Blinden ein neues Gesicht gegeben“. Er bringt uns Shakespeare, den Dichter, zurück.

Es gibt jedoch Zeiten, in denen ich wünschte, ich könnte die Hälfte der Dinge, die ich mir zu lernen vornahm, streichen; denn der überbürdete Geist kann sich der Schätze nicht erfreuen, die er sich unter den größten Anstrengungen erworben hat. Es ist unmöglich, glaube ich, an einem Tage vier bis fünf verschiedene Bücher in verschiedenen Sprachen und über ganz verschiedene Gegenstände zu lesen und nicht die wahren Zwecke, wegen deren man liest, aus den Augen zu verlieren. Liest man hastig und nervös und denkt dabei an Zeugnisse und Prüfungen, so wird das Gehirn mit einer durcheinandergewürfelten Menge von Eindrücken belastet, für die es wenig Verwendung besitzt. Gegenwärtig ist mein Geist so sehr mit ganz heterogenen Dingen angefüllt, daß ich beinahe daran verzweifle, je wieder Ordnung in ihm zu schaffen. So oft ich die Gegend betrete, die einst das Reich meines Geistes war, so komme ich mir vor, wie der Stier im Porzellanladen, wie das bekannte Sprichwort sagt. Wie Hagelkörner sausen mir Tausende von winzigen Kleinigkeiten um den Kopf, und wenn ich mich ihnen zu entziehen versuche, so verfolgen mich Aufsatzgespenster und Vorlesungskobolde aller Art, bis ich wünsche -- o möge mir dieser verruchte Wunsch verziehen werden! -- die Idole zerschmettern zu können, die anzubeten ich hierher kam.

Aber die Prüfungen sind doch die Hauptschrecken meines Collegelebens. Obgleich ich ihnen schon oft Auge in Auge gegenübergestanden, sie zu Boden geschmettert und in den Staub getreten habe, so erheben sie sich doch immer wieder von neuem und drohen mir bleichen Angesichts, bis ich mich ganz mutlos fühle. Die Tage, die diesen hochnotpeinlichen Verhören vorangehen, werden darauf verwandt, den Geist mit mystischen Formen und unverdaulichen Daten -- unschmackhaftem Zeuge -- vollzustopfen, bis man wünscht, daß Bücher, Wissenschaft und man selbst auf dem Grunde des Meeres läge, wo es am tiefsten ist.

Endlich naht die gefürchtete Stunde, und glücklich die, die sich gerüstet fühlt, und zur rechten Zeit imstande ist, Gedanken, die ihr in dieser höchsten Not von Nutzen sein können, zu ihrem Beistande herbeizurufen. Es kommt nur zu häufig vor, daß der Trompetenstoß ungehört verhallt. Es ist im höchsten Grade verwirrend und erbitternd, daß gerade in dem Augenblick, in dem man sein Gedächtnis und einen scharfen Unterscheidungssinn am nötigsten hat, diese beiden Dinge Flügel erhalten und davonflattern. Die Kenntnisse, die man sich mit so unendlicher Mühe angeeignet hat, lassen einem im Notfalle unfehlbar im Stich.

„Geben Sie mir einen kurzen Ueberblick über Huß und seine Bedeutung!“ -- Huß? Wer war denn das, und was hat er doch gleich getan? Der Name klingt so seltsam vertraut. Man wühlt seinen Vorrat historischer Kenntnisse um und um, genau so, als wollte man nach einem Stückchen Seide in einem Lumpensack suchen. Man ist überzeugt, es steckt irgendwo im Gedächtnisse ganz oben -- man weiß, man hat es erst ganz kürzlich gesehen, als man den Beginn der Reformation betrachtete. Aber wo ist es nun? Man fischt allerhand Wissensbrocken heraus -- Revolutionen, Schismen, Niedermetzelungen, Regierungssysteme -- aber Huß, wo steckt der? Man wundert sich über das, was man alles weiß, was aber jetzt nicht in Frage kommt. In der Verzweiflung packt man seinen Sack und schüttet ihn um, und dort in einem Winkel steckt der betreffende Mann und brütet unbekümmert über seinen Privatgedanken, ohne eine Ahnung von dem Unheil zu haben, das er über unsereinen gebracht hat.

Gerade in diesem Augenblick aber kündigt der Examinator an, daß die Frist um ist. Mit einem Gefühl des äußersten Ekels wirft man die Masse Gerümpel in eine Ecke und geht nach Hause, den Kopf angefüllt mit revolutionären Plänen, die die Abschaffung des göttlichen Rechtes der Professoren bezwecken, Fragen ohne die Genehmigung der Befragten zu stellen.

Es mag sein, daß ich auf den letzten zwei bis drei Seiten dieses Kapitels Redewendungen gebraucht habe, wegen deren man mich auslachen wird. Ach ja, hier sind sie -- die hinkenden Gleichnisse, die sich vor mich hinstellen und mich verhöhnen, indem sie auf den von Hagelkörnern umwirbelten Stier im Porzellanladen und die Schreckensgespenster mit bleichem Antlitz -- eine noch nicht analysierte Art -- hinweisen. Laßt sie höhnen! Die Worte schildern so getreu die Atmosphäre sich drängender und überstürzender Gedanken, in der ich lebe, daß ich sie mir später noch einmal vergegenwärtigen möchte, um dann eine ernste Miene anzunehmen und zu erklären, daß sich meine Ansichten über die Universität geändert haben.

Als mein Universitätsstudium noch im Schoße der Zukunft schlummerte, war es von einem Strahlenkranze von Romantik umwoben, den es jetzt eingebüßt hat; aber bei dem Uebergange von der Romantik zur Wirklichkeit habe ich vieles gelernt, was mir nie zum Bewußtsein gekommen sein würde, wenn ich dieses Experiment nicht unternommen hätte. Das eine ist die köstliche Wissenschaft der Geduld, die uns lehrt, daß wir unsere Bildung betreiben sollen, als wollten wir einen Spaziergang auf das Land machen, in voller Muße und mit Sinnen, die für die Eindrücke jeder Art ihre gastlichen Tore weit geöffnet haben. Solches Wissen überströmt unser innerstes Wesen mit einer unerschöpflichen Flutwoge tiefer Gedanken. Wissen ist Macht! Besser ausgedrückt: Wissen ist Glückseligkeit, denn der Besitz von Wissen -- umfassendem, tiefem Wissen -- ist gleichbedeutend mit der Fähigkeit, wahre Zwecke von falschen und erhabene Dinge von niedrigen zu unterscheiden. Die für den Fortschritt des Menschen entscheidenden Gedanken und Taten kennen, heißt den gewaltigen Pulsschlag der Menschheit über die Jahrhunderte hinweg fühlen, und wer in diesen Schlägen nicht ein himmelwärts gerichtetes Streben wahrnimmt, der muß in der Tat für die Harmonie des Lebens taub sein.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Bücherstudium. -- Rückblick. -- Bibliothek in Boston. -- Heißhunger auf Bücher. -- »~Little Lord Fauntleroy~«. -- Lafontaines Fabeln. -- Begeisterung für das griechische Altertum. -- Ilias. -- Aeneis. -- Bibel. -- Shakespeare: Macbeth, König Lear. -- Geschichte. -- Deutsche Literatur. -- Französische Literatur. -- Mark Twain. -- Scott.

Bisher habe ich die Ereignisse meines Lebens kurz skizziert, aber noch nicht davon gesprochen, wieviel ich den Büchern verdanke, nicht nur hinsichtlich des Genusses und der Belehrung, die sie allen bringen, die da lesen, sondern auch betreffs jener Kenntnisse, die andere durch Vermittelung ihrer Augen und Ohren erhalten. In der Tat haben Bücher in der Geschichte meiner Bildung eine soviel wesentlichere Rolle gespielt als bei anderen, daß ich bis auf die Zeit zurückgreifen muß, da ich lesen lernte.

Meine erste zusammenhängende Geschichte las ich im Mai 1887, als ich sieben Jahre alt war, und von jenem Tage an bis zum gegenwärtigen Augenblicke habe ich alles, was in der Gestalt eines Hochdruckes in den Bereich meiner heißhungrigen Fingerspitzen geriet, förmlich verschlungen. Wie ich bereits erwähnt habe, erhielt ich während der ersten Jahre meiner Erziehung keinen regelmäßigen Unterricht; auch las ich nicht regelmäßig.