Part 8
Fräulein Reamy, meine deutsche Lehrerin, verstand das Fingeralphabet, und nachdem ich mir einen kleinen Wortschatz angeeignet hatte, sprachen wir deutsch miteinander, so oft sich eine Gelegenheit dazu bot, und in wenigen Monaten konnte ich beinahe alles verstehen, was sie sagte. Vor Schluß des ersten Jahres las ich »Wilhelm Tell« mit dem größten Genusse. In der Tat glaube ich, daß ich im Deutschen größere Fortschritte gemacht habe als sonst in einem Fache. Das Französische fand ich viel schwieriger. Ich lernte es bei Frau Olivier, einer Französin, die das Fingeralphabet nicht kannte und die daher ihren Unterricht mündlich erteilen mußte. Ich konnte noch nicht geläufig von ihren Lippen ablesen, und meine Fortschritte waren infolgedessen bedeutend langsamer als im Deutschen. Ich versuchte jedoch abermals Molière: ~Le médecin malgré lui~ zu lesen. Das Stück war sehr lustig; es gefiel mir aber nicht annähernd so gut wie »Wilhelm Tell«.
Meine Fortschritte im Ablesen von den Lippen und im Sprechen waren nicht so groß, wie meine Lehrerin und ich gehofft und erwartet hatten. Mein Ehrgeiz ging dahin, so zu sprechen, wie andere Menschen, und meine Lehrer hielten dies für durchführbar; allein trotz aller angestrengten und gewissenhaften Arbeit erreichten wir unser Ziel nicht ganz. Ich glaube, wir hatten es zu hoch gesteckt, und eine Enttäuschung war daher unvermeidlich. Die Arithmetik betrachtete ich noch als ein System von Fallgruben. Ich hielt mich auf der gefährlichen Grenze des Erratens und vermied das breite Tal des Denkens, was meinen Lehrern und mir selbst unaufhörlichen Verdruß bereitete. Wenn ich mich nicht aufs Raten legte, so machte ich Sprünge in meinen Schlußfolgerungen, und dieser Fehler in Verbindung mit meinen körperlichen Gebrechen erhöhte die Schwierigkeiten mehr, als es notwendig und in der Ordnung gewesen wäre.
Obgleich aber diese Enttäuschungen mich zuweilen recht niederdrückten, setzte ich doch meine anderen Studien mit unermüdlicher Ausdauer fort, namentlich das Studium der physikalischen Geographie. Es gewährte mir hohe Freude, in die Geheimnisse der Natur einzudringen, zu lernen, wie -- um in der bilderreichen Sprache des Alten Testaments zu reden -- die Winde von den vier Ecken des Himmels her blasen, wie die Dünste von den Enden der Erde aufsteigen, wie die Flußläufe zwischen den Felsen ausgeschnitten sind und Berge niederstürzen, und auf welche Weise der Mensch viele Kräfte überwinden kann, die stärker sind als er selbst. Ich verlebte zwei glückliche Jahre in New York, und noch jetzt blicke ich mit aufrichtiger Genugtuung auf sie zurück.
Namentlich erinnere ich mich der Spaziergänge, die wir alle zusammen jeden Tag in den Zentralpark unternahmen, den einzigen Teil der Stadt, in dem ich mich heimisch fühlte. Mein Entzücken über diesen großen Park blieb immer das gleiche. Ich hätte gewünscht, ihn jedesmal schildern zu können, wenn ich ihn betrat, denn er war in jeder Hinsicht schön, und seine Reize waren so mannigfaltiger Art, daß er an jedem Tage in den neun Monaten, die ich in New York verlebte, neue Schönheiten enthüllte.
Im Frühjahr unternahmen wir Ausflüge nach verschiedenen interessanten Orten. Wir segelten auf dem Hudson und wanderten an seinen grünen Ufern entlang, die Bryant mit Vorliebe in seinen Liedern verherrlicht. Unter den Orten, die wir besuchten, befand sich auch Tarrytown, die Heimat von Washington Irving, wo ich durch die »Schlafhöhle« wanderte.
Die Lehrer an der Wright-Humason-Schule waren stets darauf bedacht, ihren Zöglingen alle Annehmlichkeiten zu verschaffen, deren sich diejenigen, die hören können, erfreuen; die wenigen Anlagen und passiven Erinnerungen, die in ihnen schlummern, soviel wie möglich zu wecken und sie aus den beengenden Verhältnissen, in die sie die Ungunst des Schicksals versetzt hat, zu befreien.
Bevor ich New York verließ, wurden diese heiteren Tage durch den größten Schmerz verdunkelt, den ich je seit dem Tode meines Vaters erlebt habe. Im Februar 1896 starb Herr John Spaulding in Boston. Nur diejenigen, die ihm am nächsten standen, können ermessen, was seine Freundschaft für mich bedeutete. Er, der jedermann in zartfühlender, unaufdringlicher Weise beglückte, war gegen Fräulein Sullivan und mich äußerst gütig und liebevoll gewesen. Solange wir seine Augen auf uns gerichtet sahen und wußten, daß er den regsten Anteil an dem Gelingen unseres Werkes nehme, das mit so vielen Schwierigkeiten umgeben war, so lange konnten wir nicht verzagen. Sein Abscheiden ließ eine Lücke in unserem Dasein zurück, die nie ausgefüllt worden ist.
Achtzehntes Kapitel.
Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der Vorbereitung für das Radcliffe-College. -- Wunsch, eine Universität zu besuchen. -- Schwierigkeit, dem Unterricht zu folgen. -- Befriedigende Fortschritte, namentlich im Deutschen: »Lied von der Glocke«, »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« u. s. w. -- Shakespeare, Burke, Macaulay. -- Zusammensein mit sehenden und hörenden Altersgenossinnen. -- Mildreds Aufnahme in die Schule. -- Prüfungen.
Im Oktober 1896 trat ich in das Mädchengymnasium in Cambridge ein, um mich für das Radcliffe College vorbereiten zu lassen.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, besuchte ich einmal Wellesley und überraschte meine Freundinnen mit der Ankündigung: Später gehe ich auf die Universität, aber auf die Harvard-Universität. -- Auf die Frage, warum ich nicht nach Wellesley gehen wolle, antwortete ich, dort studierten nur Mädchen. Der Gedanke, die Universität zu besuchen, schlug in meinem Herzen Wurzel und wurde zum ernstlichen Verlangen, mit sehenden und hörenden Mädchen in den Wettbewerb um einen akademischen Grad einzutreten trotz des entschiedenen Widerspruchs von seiten vieler aufrichtiger und verständiger Freunde. Als ich New York verließ, war der Gedanke zur feststehenden Absicht geworden, und es wurde in der Familie beschlossen, daß ich nach Cambridge gehen sollte. Dies war ein Schritt, der mich der Harvard-Universität und der Erfüllung meiner kindlichen Erklärung nahebringen sollte.
Auf dem Gymnasium in Cambridge sollte Fräulein Sullivan die Unterrichtsstunden mit mir besuchen, um mir die Vorträge durch das Fingeralphabet zu vermitteln.
Natürlich hatten meine Lehrer nur Erfahrung im Unterrichte normaler Zöglinge, und mein einziges Verständigungsmittel bildete das Ablesen von den Lippen. Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre auf englische Geschichte, englische Literatur, Deutsch, Latein, Arithmetik, lateinischen Aufsatz und gelegentliche Übersetzungen. Bis dahin hatte ich nie einen wissenschaftlichen Kursus in der Absicht, mich auf die Universität vorzubereiten, durchgemacht; aber ich war im Englischen durch Fräulein Sullivan gut eingeübt worden, und meine Lehrer sahen bald, daß ich in diesem Fache außer einem kritischen Studium der vom College vorgeschriebenen Bücher keiner weiteren Unterweisung bedürfe. Außerdem hatte ich gute Fortschritte im Französischen gemacht und sechs Monate lateinischen Unterricht erhalten; das Fach aber, in dem ich am bewandertsten war, war das Deutsche.
Trotz dieser Vorteile gab es doch andererseits ernstliche Hindernisse, die meine Fortschritte verlangsamten. Fräulein Sullivan konnte mir nicht alles, was die Bücher verlangten, in die Hand buchstabieren, und es dauerte sehr lange, bis meine Lehrbücher in Hochdruck für mich hergestellt waren, obgleich meine Freunde in London und Philadelphia es sich angelegen sein ließen, die Arbeit zu beschleunigen. Eine Zeitlang mußte ich in der Tat meine lateinischen Aufgaben in Brailleschrift übertragen, wenn ich mit den übrigen Mädchen mitkommen wollte. Meine Lehrer wurden mit meiner unvollkommenen Sprache bald genügend vertraut, um meine Fragen rasch zu beantworten und Fehler zu verbessern. In den Stunden konnte ich keine Aufzeichnungen machen, noch mich an den schriftlichen Aufgaben beteiligen; aber ich schrieb alle meine Aufsätze und Übersetzungen zu Hause mit der Schreibmaschine nieder.
Jeden Tag begleitete mich Fräulein Sullivan in die Klassenräume und buchstabierte mir mit nimmermüder Geduld alles, was die Lehrer sagten, in die Hand. In den Arbeitsstunden hatte sie auf alle Wörter zu achten, die mir noch unbekannt waren, und Notizen und Bücher, die ich nicht in Hochdruck besaß, zu lesen und immer wieder zu lesen. Das Lästige einer solchen Arbeit ist schwer zu begreifen. Frau Gröte, meine deutsche Lehrerin, und Herr Gilman, der Direktor der Anstalt, waren die einzigen Lehrer am Gymnasium, die das Fingeralphabet erlernt hatten, um mich direkt unterrichten zu können. Niemand wußte besser als die liebe Frau Gröte selbst, wie langsam und mangelhaft ihr Buchstabieren war. Nichtsdestoweniger buchstabierte sie mir in ihrer Herzensgüte mühsam ihre Unterweisungen zweimal wöchentlich in besonderen Unterrichtsstunden her, um Fräulein Sullivan ein wenig Ruhe zu verschaffen. Obgleich aber jedermann freundlich und gefällig gegen uns war, so gab es doch nur eine Hand, die die Plage in Genuß verwandeln konnte.
In jenem Jahr absolvierte ich die Arithmetik, repetierte die lateinische Grammatik und las drei Kapitel aus Caesars »Gallischem Kriege«. Im Deutschen las ich, teils mit Hilfe meiner Finger, teils unter Fräulein Sullivans Beistande, Schillers »Lied von der Glocke« und den »Taucher«, Heines »Harzreise«, »Aus dem Staat Friedrichs des Großen« von Freytag, Riehls »Fluch der Schönheit«, Lessings »Minna von Barnhelm« und »Aus meinem Leben« von Goethe. Ich fand den größten Genuß an diesen deutschen Büchern, namentlich an Schillers wundervoller Lyrik, an der Erzählung von Friedrichs des Großen Heldentaten und an Goethes Selbstbiographie. Es tat mir leid, als ich mit der »Harzreise« fertig war, einem Werke, das soviel glücklichen Witz und soviel reizvolle Schilderungen von Rebenhügeln, murmelnden, im Sonnenschein dahineilenden Bächen und wilden Gebirgsgegenden, dem Schauplatz alter Sagen und Legenden, den grauen Zeugen einer lange dahingeschwundenen, phantasiebegabten Zeit enthält -- Schilderungen, wie sie nur denen gelingen, für die die Natur „Gefühl, Liebe, Verlangen“ ist.
Herr Gilman unterrichtete mich einen Teil des Jahres in englischer Literatur. Wir lasen zusammen »Wie es euch gefällt«, Burkes »Rede über die Versöhnung mit Amerika« und Macaulays »Leben Samuel Johnsons«. Herrn Gilmans umfassende Ueberblicke über Geschichte und Literatur und seine trefflichen Erläuterungen machten mir die Arbeit leichter und angenehmer, als sie es gewesen sein würde, wenn ich nur mechanisch die Anmerkungen samt den im Klassenunterricht gegebenen notgedrungen kurzen Erläuterungen hätte nachlesen müssen.
Burkes Rede war interessanter als irgend ein anderes Buch politischen Inhaltes, das ich je gelesen hatte. Ich war selbst aufgeregt, als ich von den aufgeregten Zeiten las, und die Charaktere, die im Mittelpunkt des Kampfes der beiden Nationen standen, schienen sich leibhaftig vor meinen Augen zu bewegen. Ich wunderte mich immer mehr und mehr, je weiter Burkes meisterhafte Rede in den mächtigen Wogen seiner Beredsamkeit dahinrollte, wie es habe kommen können, daß König Georg und seine Minister für die warnende Prophezeiung unseres Sieges und ihrer Demütigung taube Ohren hatten. Dann wurde ich in die traurigen Einzelheiten über das Verhältnis eingeführt, in dem der große Staatsmann zu seiner Partei und der Volksvertretung stand. Ich mußte daran denken, wie seltsam es war, daß so kostbare Samenkörner von Wahrheit und Weisheit mitten unter das Unkraut von Unwissenheit und Korruption fielen.
In ganz anderer Art interessant war Macaulays »Leben Samuel Johnsons«. Mein Herz flog dem einsamen Manne zu, der das Brot der Trübsal in der Grubstraße aß und doch inmitten aller Mühseligkeit und der furchtbarsten körperlichen und seelischen Leiden doch stets für die Armen und Verlassenen ein freundliches Wort und eine offene Hand hatte. Ich freute mich über all seine Erfolge, ich schloß die Augen vor seinen Fehlern und wunderte mich, nicht daß er deren hatte, sondern daß seine Seele dabei nicht verkrüppelte. Aber trotz Macaulays glänzender Darstellung und seiner bewundernswürdigen Fertigkeit, Gemeinplätze frisch und bedeutungsvoll erscheinen zu lassen, ermüdete mich doch zuweilen seine kühle Verstandesmäßigkeit, und seine häufige Hintansetzung der Wahrheit zugunsten des Effekts erregte in mir ihm gegenüber sittliche Bedenken, die weit von dem Gefühl der Verehrung abstachen, mit der ich dem Demosthenes Großbritanniens gelauscht hatte.
Auf dem Gymnasium in Cambridge hatte ich mich zum ersten Male des Umgangs mit sehenden und hörenden Mädchen meines Alters zu erfreuen. Ich wohnte mit mehreren anderen zusammen in einem der hübschen mit dem Gymnasium in Verbindung stehenden Häuser, dem Hause, in dem Herr Howells wohnte, sodaß wir alle die Vorteile eines Familienlebens genossen. Ich beteiligte mich an vielen Spielen meiner Schulfreundinnen, selbst an Blindekuh und Schneeballwerfen; ich unternahm lange Spaziergänge mit ihnen; wir besprachen unsere Studien und lasen laut vor, was uns interessierte. Ein Teil der Mädchen erlernte das Fingeralphabet, sodaß Fräulein Sullivan mir ihre Worte nicht zu wiederholen brauchte.
Zu Weihnachten besuchten mich meine Mutter und meine kleine Schwester, um die Feiertage mit mir zu verleben, und Herr Gilman erbot sich in liebenswürdiger Weise, Mildred in seine Schule aufzunehmen. So blieb Mildred bei mir in Cambridge, und sechs glückliche Monate hindurch waren wir fast stets zusammen. Am glücklichsten macht mich die Erinnerung an die Stunden, in denen wir uns gegenseitig bei unseren Studien unterstützten und uns gemeinschaftlich von unserer Arbeit erholten.
Meine erste Prüfung für das Radcliffe College legte ich in der Zeit vom 29. Juni bis zum 3. Juli 1897 ab. Die Fächer, die ich angegeben hatte, waren Deutsch, Französisch, Latein, Englisch, sowie griechische und römische Geschichte, was neun Stunden zusammen ausmachte. Ich bestand in allen Fächern, -- im Deutschen und Englischen „mit Auszeichnung“.
Vielleicht dürfte hier eine Schilderung der Art und Weise, in der ich geprüft wurde, am Orte sein. Für die Prüfung standen sechzehn Stunden zur Verfügung, zwölf für die Elementarkenntnisse und vier für die weiter fortgeschrittenen Studien. Die Prüfungsarbeiten wurden um neun Uhr auf der Harvard-Universität ausgegeben und durch einen besonderen Boten nach dem Radcliffe College gebracht. Die zu Prüfende war nicht ihrem Namen nach bekannt, sondern erhielt eine Nummer. Ich hatte Nr. 233, da ich aber eine Schreibmaschine benützen mußte, so konnte kein Zweifel über meine Person obwalten.
Man hielt es für rätlich, mich in einem besonderen Zimmer zu prüfen, weil das Geräusch der Schreibmaschine die anderen Mädchen gestört haben würde. Herr Gilman teilte mir alle Aufgaben vermittelst des Fingeralphabets mit. An die Türe wurde ein Mann gestellt, um jede Störung zu verhindern.
Am ersten Tage hatte ich Deutsch. Herr Gilman saß neben mir und las mir die Aufgabe erst im Zusammenhange vor, dann noch einmal Satz für Satz, wobei ich die Worte laut wiederholte, um ihm zu zeigen, daß ich ihn vollkommen verstanden hatte. Die Aufgaben waren schwer, und ich fühlte mich sehr ängstlich, als ich die Antworten auf der Schreibmaschine niederschrieb. Herr Gilman buchstabierte mir in die Hand, was ich geschrieben hatte, ich machte die mir notwendig scheinenden Verbesserungen, und er fügte sie ein. Ich möchte hier erwähnen, daß mir eine solche Erleichterung bei keiner meiner weiteren Prüfungen mehr gewährt wurde. Im Radcliffe College liest mir niemand meine Antworten vor, nachdem ich sie niedergeschrieben habe, und ich finde somit keine Gelegenheit, Fehler zu verbessern, wenn ich nicht fertig bin, bevor die Zeit um ist. In diesem Falle verbessere ich nur solche Versehen, auf die ich mich in den mir gestatteten paar Minuten entsinnen kann, und schreibe diese Verbesserungen am Schlusse meiner Arbeit nieder. Wenn ich die erste Prüfung besser bestanden habe als die zweite, so liegen dafür zwei Gründe vor. Bei der zweiten las mir niemand meine fertigen Arbeiten vor, und in der ersten gab ich Fächer an, mit denen ich schon vor meinem Besuche des Gymnasiums in Cambridge einigermaßen vertraut war; denn zu Anfang des Schuljahrs hatte ich Prüfungen im Englischen, in Geschichte, im Französischen und Deutschen nach Aufgaben abgelegt, die in früheren Jahren von der Harvard-Universität gestellt worden waren.
Herr Gilman sandte meine schriftlichen Arbeiten an die Prüfungskommission mit einer Bescheinigung, daß ich, Kandidatin Nr. 233, die Arbeiten angefertigt hätte.
Auch in den anderen Fächern ging die Prüfung in derselben Weise von statten. In keinem wurden mir so schwere Aufgaben gestellt wie im ersten. Ich erinnere mich, daß an dem Tage, an dem uns die lateinischen Aufgaben zugestellt wurden, Professor Schilling ins Zimmer trat und mir mitteilte, daß ich im Deutschen das Examen bestanden hätte. Dies gab mir neuen Mut, und ich ging mit leichtem Herzen und sicherer Hand an den übrigen Teil der hochnotpeinlichen Prüfung.
Neunzehntes Kapitel.
Beginn des zweiten Schuljahres. -- Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch, Latein. -- Anfälle von Kleinmut. -- Abgang vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht. -- Rückkehr nach Boston (Oktober 1898). -- Schlußprüfung für das Radcliffe College (Juni 1899).
Bei Beginn des zweiten Schuljahres war ich voller Hoffnung und Vertrauen auf einen endgültigen Erfolg. Aber in den ersten paar Wochen stellten sich mir unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg. Herr Gilman hatte seine Einwilligung dazu gegeben, daß ich in diesem Jahre hauptsächlich Mathematik treiben sollte. Ich erhielt Unterricht in Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch und Latein. Leider waren viele von den Büchern, deren ich bedurfte, zu Beginn des Unterrichts noch nicht im Hochdruck fertig, und es fehlten mir daher wichtige Hilfsmittel zu einigen meiner Studien. Die Klassen, die ich besuchte, waren sehr groß, und es war unmöglich für die Lehrer, mir besondere Unterweisung zu erteilen. Fräulein Sullivan mußte mir alle Bücher vorlesen und mitteilen, was die Lehrer vortrugen, und zum erstenmal in elf Jahren hatte es den Anschein, als sei ihre liebe Hand der Aufgabe nicht gewachsen.
Ich mußte in der Klasse beim algebraischen und geometrischen Unterricht nachschreiben und physikalische Aufgaben lösen, und dies war mir unmöglich, ehe wir eine Brailleschreibmaschine gekauft hatten, mittels deren ich die nötigen Aufzeichnungen machen konnte. Mit meinen Augen konnte ich den auf die Wandtafel gezeichneten geometrischen Figuren nicht folgen, und das einzige Mittel, mir eine klare Vorstellung von ihnen zu machen, bestand darin, daß ich sie auf einem Kissen mit Hilfe von geraden und gekrümmten Drähten mit spitzen, umgebogenen Enden nachmachte. Ich hatte, wie Herr Keith in seinem Berichte sagte, die Buchstabenbezeichnung der Figuren, die Voraussetzung und Schlußfolgerung, die Konstruktion und den Gang des Beweises im Kopfe zu behalten. Mit einem Worte, in jedem Fache zeigten sich Schwierigkeiten. Zeitweilig verlor ich allen Mut und verriet meine Empfindungen in einer Weise, deren ich mich noch jetzt schäme, wenn ich mich daran erinnere, namentlich da die Äußerungen meines Kleinmuts später zu Angriffen auf Fräulein Sullivan benutzt wurden, der einzigen von all den lieben Freundinnen in Cambridge, die imstande war, mir meine Pfade zu ebnen und meine Aufgabe zu erleichtern.
Allmählich begannen jedoch die Schwierigkeiten zu schwinden. Die in Hochdruck hergestellten Bücher und andere Hilfsmittel langten an, und ich machte mich mit neuem Mute an die Arbeit. Algebra und Geometrie waren die einzigen Fächer, die nach wie vor allen Anstrengungen meinerseits, in sie einzudringen, spotteten. Wie ich schon erwähnt habe, besaß ich keine besondere Beanlagung für Mathematik; die einzelnen Punkte wurden mir nicht so klargemacht, wie ich es gewünscht hätte. Die geometrischen Zeichnungen waren teilweise völlig unverständlich für mich, da ich selbst auf dem Kissen das Verhältnis der verschiedenen Teile zu einander nicht erkennen konnte. Eine klarere Vorstellung von der Mathematik erhielt ich erst, seit Herr Keith mich darin unterrichtete.
Ich war auf dem Weg, alle diese Schwierigkeiten zu überwinden, als ein Ereignis eintrat, das einen vollständigen Umschwung herbeiführte.
Unmittelbar bevor die Bücher eintrafen, hatte Herr Gilman Fräulein Sullivan Vorstellungen darüber gemacht, daß ich zu angestrengt arbeitete, und trotz meiner eifrigen Proteste setzte er die Zahl meiner Unterrichtsstunden herab. Anfangs waren wir dahin übereingekommen, daß ich nötigenfalls fünf Jahre auf meine Vorbereitung für die Universität verwenden sollte; am Ende des ersten Jahres aber überzeugte der Erfolg meiner Prüfungen Fräulein Sullivan, Fräulein Harbaugh (Herrn Gilmans erste Lehrerin) und noch eine andere Lehrerin von der Möglichkeit, daß ich ohne allzugroße Anstrengung meine Vorbereitung in zwei weiteren Jahren beenden könne. Herr Gilman erklärte sich anfangs damit einverstanden; als aber meine Ausgaben etwas verwickelter wurden, bestand er darauf, ich sei überarbeitet und solle noch drei weitere Jahre auf dem Gymnasium zubringen. Mir gefiel dieser Plan nicht, denn ich wollte mit meiner Klasse zugleich die Universität beziehen.
Am 17. November fühlte ich mich nicht ganz wohl und konnte den Unterricht nicht besuchen. Obgleich Fräulein Sullivan sah, daß es sich nur um eine leichte Unpäßlichkeit handle, erklärte Herr Gilman als er davon hörte, doch, ich stehe im Begriff, zusammenzubrechen, und traf Änderungen in meinem Studienplan, die es mir unmöglich machten, meine Abgangsprüfung zugleich mit meiner Klasse abzulegen. Schließlich führte die Meinungsverschiedenheit zwischen Herrn Gilman und Fräulein Sullivan dahin, daß meine Mutter meine Schwester Mildred und mich von dem Gymnasium in Cambridge wegnahm.
Nach einiger Zeit wurde beschlossen, daß ich meine Studien unter der Leitung eines Hauslehrers, Herrn Merton S. Keith aus Cambridge, fortsetzen sollte. Den Rest des Winters verlebten Fräulein Sullivan und ich bei der uns befreundeten Familie Chamberlin in Wrentham, einer fünfundzwanzig Meilen von Boston entfernten Stadt.
Vom Februar bis Juli 1898 kam Herr Keith wöchentlich zweimal nach Wrentham und unterrichtete mich in Algebra, Geometrie, Griechisch und Latein. Fräulein Sullivan übersetzte mir seine Erläuterungen.
Im Oktober 1898 kehrten wir nach Boston zurück. Acht Monate hindurch erteilte mir Herr Keith wöchentlich fünfmal Unterricht, jedesmal ungefähr eine Stunde lang. Er erklärte mir stets, was ich in der vorhergehenden Unterrichtsstunde nicht begriffen hatte, stellte mir neue Aufgaben und nahm meine griechischen Exerzitien, die ich während der Woche auf meiner Schreibmaschine angefertigt hatte, nach Hause, korrigierte sie sorgfältig und gab sie mir das nächstemal zurück.