Part 7
Fräulein Sullivan hatte nie von den »Frostelfen« oder dem Buch, in dem das Märchen erschienen war, gehört. Mit ~Dr.~ Alexander Grahams Hilfe untersuchte sie die Sache gründlich, und schließlich stellte es sich heraus, daß Frau Sophia C. Hopkins im Jahre 1888 ein Exemplar von Fräulein Canbys »Birdie und seine Freunde« besaß, als wir den Sommer mit ihr in Brewster zubrachten. Frau Hopkins konnte das Buch nicht mehr finden, sie hat mir aber erzählt, daß sie, während Fräulein Sullivan auf einer Ferienreise begriffen war, versucht habe, mir durch Vorlesen aus verschiedenen Büchern die Zeit zu vertreiben, und obgleich sie sich nicht deutlicher als ich erinnern konnte, die »Frostelfen« gelesen zu haben, war sie doch ganz sicher, daß sich ein Exemplar von »Birdie und seine Freunde« unter diesen Büchern befunden habe. Sie erklärte sich das Fehlen des Buches dadurch, daß sie vor kurzem ihr Haus verkauft und dabei verschiedene Jugendschriften, sowie alte Schulbücher und Märchen verschenkt hatte, und daß sich die betreffende Erzählung wahrscheinlich unter diesen befunden hätte.
Erzählungen hatten damals wenig oder gar kein Interesse für mich; aber das bloße Buchstabieren der seltsamen Worte genügte, einem kleinen Mädchen die Zeit zu vertreiben, das selber beinahe nichts zu seiner Unterhaltung beitragen konnte, und obgleich ich mich keines einzelnen Umstandes bei dieser Lektüre entsinne, kann ich doch nicht umhin zu glauben, daß ich mir die größte Mühe gegeben habe, die Worte zu behalten, in der Absicht, sie meiner Lehrerin nach ihrer Rückkehr zu wiederholen. Das eine ist unzweifelhaft, die Sprache war mir unauslöschlich eingeprägt, obgleich dies lange Zeit niemand wußte, am wenigsten ich selbst.
Als dann Fräulein Sullivan zurückkam, sprach ich mit ihr nicht über die »Frostelfen«, wahrscheinlich, weil sie sofort begann, mir den »Kleinen Lord Fauntleroy«[7] vorzulesen, der mich so begeisterte, daß ich an nichts anderes denken konnte. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß mir Fräulein Canbys Märchen früher vorgelesen worden war und daß es sich mir, lange nachdem ich es vergessen hatte, mit solcher Ursprünglichkeit wieder aufdrängte, daß ich nie auf den Verdacht geriet, es könne das Geisteskind einer anderen sein.
Mitten in meinem Schmerze erhielt ich viele Beweise der Liebe und Teilnahme. Alle Freunde, die ich am meisten liebte, sind mir damals bis auf einen treu geblieben. Fräulein Canby selbst schrieb mir freundlich: Eines Tages werden Sie ein Märchen eigener Erfindung schreiben, das viele aufrichten und erheben wird. -- Aber diese Prophezeiung ist nie in Erfüllung gegangen. Ich habe nie mehr zum Zwecke der bloßen Unterhaltung mit Worten gespielt. In der Tat bin ich seitdem stets von dem Gedanken gequält worden, daß das, was ich schreibe, nicht mein geistiges Eigentum ist. Lange Zeit wurde ich, wenn ich einen Brief schrieb, selbst an meine Mutter, von einem plötzlichen Angstgefühl befallen und ich zergliederte meine Sätze auf das genaueste, um sicher zu sein, sie nicht in einem Buche gelesen zu haben. Ohne den unausgesetzten Zuspruch Fräulein Sullivans würde ich, wie ich glaube, jeden weiteren Versuch, mich schriftstellerisch zu betätigen, aufgegeben haben.
Ich habe seitdem die »Frostelfen« gelesen und ebenso Briefe von mir, in denen ich noch andere Gedanken Fräulein Canbys benutzt habe. In einem von ihnen, einem Briefe an Herrn Anagnos vom 29. September 1891, finde ich Worte und ganze Sätze, die deutlich an jenes Buch erinnern. Um dieselbe Zeit schrieb ich den »Frostkönig«, und dieser Brief enthält gleich vielen anderen eine Anzahl Redewendungen, die beweisen, daß mein Geist ganz mit dem Märchen gesättigt war. Ich lege meiner Lehrerin folgende Worte über das goldene Herbstlaub in den Mund: Ja, es ist schön genug, um uns über die Flucht des Sommers zu trösten -- ein Gedanke, der unmittelbar aus Fräulein Canbys Geschichte stammt.
Diese Gewohnheit, mir zu assimilieren, was mir gefiel, und es dann als mein Eigentum auszugeben, tritt vielfach in meinem frühesten Briefwechsel und meinen ersten schriftstellerischen Versuchen zutage. In einem Aufsatze, den ich über die alten Städte Griechenlands und Italiens schrieb, entnahm ich meine glühenden Schilderungen Quellen, die ich jetzt vergessen habe. Ich kannte Herrn Anagnos’ Vorliebe für das Altertum und seine begeisterte Verehrung für Italien und Griechenland. Ich brachte daher aus allen Büchern, die ich las, die Brocken von Poesie oder Geschichte an, die ihm, wie ich glaubte, Vergnügen bereiten würden. Herr Anagnos hatte bei der Besprechung meines Aufsatzes gesagt: Diese Gedanken sind in ihrem Kerne poetisch. Aber ich verstehe nicht, wie er je hat der Meinung sein können, ein blindes und taubstummes Kind von elf Jahren habe diese selbständig gefunden. Doch kann ich nicht glauben, daß, weil diese Gedanken nicht meinem eigenen Kopfe entsprungen sind, mein kleiner Aufsatz aus diesem Grunde alles Interesses bar sein sollte. Er beweist mir, daß ich imstande war, schöne, poetische Gedanken in klaren, lebendigen Worten wiederzugeben.
Jene Jugendaufsätze stellten eine geistige Gymnastik dar. Ich lernte, wie es alle jungen, unerfahrenen Leute tun, durch Assimilation und Nachahmung, Gedanken in Worte zu kleiden. Alles, was ich in einem Buche fand und was mir gefiel, bewahrte ich, bewußt oder unbewußt, in meinem Gedächtnisse auf und paßte es meinen Zwecken an. „Wenn man zu schreiben beginnt,“ sagt Stevenson, „versucht man unwillkürlich nachzuahmen, was einem am bewundernswertesten erscheint, und wechselt auffallend rasch mit den Gegenständen seiner Bewunderung. Selbst große Männer haben erst nach jahrelanger Uebung gelernt, die Legion von Worten, die sich auf allen möglichen Nebenwegen ihrem Geiste aufdrängten, in gehörige Ordnung zu bringen.“
Ich fürchte, ich stehe noch jetzt mitten in dieser Entwickelung drin. Es ist klar, daß ich nicht immer meine eigenen Gedanken von denen, die ich irgendwo gelesen habe, sondern kann, eben weil das, was ich lese, das eigentliche Wesen und Gefüge meines Geistes ausmacht. Infolgedessen fördere ich beinahe in allem, was ich schreibe, etwas zutage, was große Aehnlichkeit mit der ungeschickten Stoppelei aufweist, die ich zustande brachte, als ich anfing, nähen zu lernen. Dieses Stoppelwerk bestand aus allerlei Fetzen und Lappen -- hübschen Stückchen Seide und Sammet, aber die häßlichen Flicken, die durchaus keinen gefälligen Eindruck machten, herrschten stets vor. Ebenso bestehen meine schriftstellerischen Leistungen aus unverarbeiteten eigenen Begriffen, untermischt mit den klareren Gedanken und gereifteren Ansichten der Autoren, deren Bücher ich gelesen habe. Die Hauptschwierigkeit beim Schreiben scheint mir darin zu bestehen, daß die Sprache des hochgebildeten Geistes unsere verworrenen Ideen -- halb Empfindungen, halb Gedanken -- zu einer Zeit ausdrücken soll, da wir wenig mehr sind als Bündel instinktiver Antriebe. Die ersten schriftstellerischen Versuche haben große Aehnlichkeit mit einem Zusammenlegespiel. Wir sehen im Geiste ein Muster vor uns, das wir mit Worten darzustellen wünschen, aber die Worte passen nicht in die Zwischenräume, und wenn sie es tun, stimmen sie nicht mit der Zeichnung überein. Aber wir fahren in unseren Versuchen fort, weil wir sehen, daß andere Erfolg gehabt haben, und wir nicht gewillt sind, unseren Mangel an Begabung zuzugeben.
„Es gibt kein anderes Mittel, originell zu werden, als so geboren zu sein,“ sagt Stevenson, und obgleich ich gar nicht originell sein mag, so hoffe ich doch, dereinst meinen erkünstelten, unnatürlichen schriftstellerischen Versuchen zu entwachsen. Dann werden vielleicht meine eigenen Gedanken und Erfahrungen zutage treten. Inzwischen vertraue ich, hoffe ich, arbeite ich unermüdet weiter und suche es zu verhindern, daß die bittere Erinnerung an den »Frostkönig« etwa meine Kreise störe.
So hat diese traurige Erfahrung für mich auch etwas Gutes im Gefolge gehabt: sie ist die Veranlassung gewesen, daß ich über einige Probleme der Schriftstellerei nachgedacht habe. Ich bedaure nur das eine, daß der Vorfall den Verlust eines meiner teuersten Freunde, des Herrn Anagnos, zur Folge hatte.
Nach der Veröffentlichung der »Geschichte meines Lebens« im ~Ladies’ Home Journal~ hat Herr Anagnos in einem Briefe an Herrn Macy geäußert, er habe mich zu der Zeit, als sich der Vorfall mit dem »Frostkönig« abspielte, für unschuldig gehalten. Er erklärt, das Gericht, vor das ich gestellt wurde, habe aus acht Mitgliedern bestanden: vier blinden und vier sehenden. Vier von diesen, behauptet er, waren der Ansicht, Fräulein Canbys Erzählung sei mir vorgelesen worden, während die anderen vier die entgegengesetzte Meinung vertraten. Herr Anagnos erklärt, seine Stimme zu meinen Gunsten abgegeben zu haben.
Wie aber auch die Sache gewesen sein und in welchem Sinne er seine Stimme abgegeben haben mag, das eine ist sicher: als ich in das Zimmer trat, in dem mich Herr Anagnos so oft auf seinen Knien gehalten und seine vielfachen Sorgen über meiner Lustigkeit vergessen hatte, und hier Personen antraf, die Zweifel in mich zu setzen schienen, fühlte ich, daß etwas Feindseliges und Drohendes in der Atmosphäre lag, und die nachfolgenden Ereignisse haben diesen Eindruck bestätigt. Zwei Jahre lang scheint Herr Anagnos an der Ansicht festgehalten zu haben, daß Fräulein Sullivan und ich unschuldig seien. Dann änderte er offenbar seine günstige Meinung, aus welchem Grunde, weiß ich nicht. Auch die Einzelheiten der Untersuchung kenne ich nicht, und selbst die Namen der Mitglieder des »Gerichtshofes«, die überdies während der ganzen Verhandlung kein Wort zu mir sprachen, sind mir unbekannt geblieben. Ich war zu aufgeregt, um auf irgend etwas zu achten, zu eingeschüchtert, um Fragen zu stellen. In der Tat kann ich mich kaum entsinnen, was ich sagte, oder was zu mir gesagt wurde.
Ich habe den Vorfall mit dem »Frostkönig« so ausführlich dargestellt, da er für mein Leben und meine Erziehung von Wichtigkeit war, und um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, habe ich alle Tatsachen wiedergegeben, wie sie mir erscheinen, ohne die Absicht zu hegen, mich zu verteidigen oder irgend jemand anzuklagen.
[6] Vergl. S. 323 ff.
[7] Vergl. S. 107 ff., 154.
Fünfzehntes Kapitel.
Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. -- Zweifel und Unruhe. -- Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland, nach dem Niagarafall und der Weltausstellung in Chicago.
Den auf den Zwischenfall mit dem »Frostkönig« folgenden Sommer und Winter verlebte ich bei den Meinigen in Alabama. Ich erinnere mich mit Entzücken an jene Heimreise. Alles sproßte und blühte. Ich war glücklich. Der »Frostkönig« war vergessen.
Als der Boden sich mit den goldenen und purpurnen Blättern des Herbstes bedeckte und die würzig duftenden Trauben, die die Laube am anderen Ende des Gartens bedeckten, unter dem Einfluß der Sonnenwärme eine goldigbraune Färbung annahmen, begann ich eine Skizze über mein Leben abzufassen -- ein Jahr, nachdem ich den »Frostkönig« geschrieben hatte.
Ich war noch über die Maßen peinlich in betreff jeder Zeile, die ich schrieb. Der Gedanke, daß meine Arbeit vielleicht nicht mein ausschließliches geistiges Eigentum sein könne, quälte mich unausgesetzt. Niemand wußte etwas von diesem Zagen als meine Lehrerin. Eine seltsame Empfindlichkeit hielt mich davon ab, den »Frostkönig« zu erwähnen, und oft wenn mir plötzlich im Laufe der Unterhaltung ein Gedanke kam, buchstabierte ich ihr leise zu: Ich weiß nicht genau, ob er mir gehört. Bisweilen sagte ich mir, während ich gerade einen Satz niederschrieb: Wie, wenn es sich herausstellen sollte, daß dieses alles schon vor langer Zeit von einem anderen gesagt worden ist? Eine unheimliche Furcht lähmte dann meine Hand, sodaß ich an diesem Tage nichts mehr schreiben konnte. Und selbst jetzt fühle ich noch mitunter dasselbe Unbehagen, dieselbe Unruhe. Fräulein Sullivan tröstete und unterstützte mich auf jede erdenkbare Weise; aber die fürchterliche Erfahrung, die ich gemacht hatte, ließ einen bleibenden Eindruck in meinem Geiste zurück, dessen Bedeutung ich erst jetzt zu verstehen beginne. In der Absicht, mein Selbstvertrauen wiederherzustellen, überredete mich meine Lehrerin, einen kurzen Abriß meines Lebens für den ~Youth’s Companion~ zu schreiben. Ich war damals zwölf Jahre alt. Wenn ich auf das Widerstreben zurückblicke, mit dem ich diese kleine Arbeit niederschrieb, so kommt es mir vor, als müsse ich eine prophetische Vision von dem Segen gehabt haben, der aus diesem Unternehmen für mich entsprang, sonst würde ich es sicher nicht durchgeführt haben.
Ich schrieb zaghaft, furchtsam, aber entschlossen, von meiner Lehrerin gedrängt, die wohl einsah, daß, wenn ich die Arbeit durchführte, ich mein Selbstvertrauen wiedergewinnen und einen Begriff von meinen Fähigkeiten bekommen würde. Bis zu der Zeit der Episode mit dem »Frostkönig« hatte ich das unbewußte Leben eines kleinen Kindes geführt; nun wandten sich meine Gedanken nach innen, und ich nahm unsichtbare Dinge wahr. Allmählich erwachte ich aus dem Hindämmern, in das mich jene Erfahrung versetzt hatte, mit einem durch praktische Betätigung klarer gewordenen Geist und mit einer richtigeren Erkenntnis des Lebens.
Die Hauptereignisse des Jahres 1893 waren meine Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland und meine Besuche des Niagarafalls und der Weltausstellung in Chicago. Unter diesen Umständen wurden meine Studien fortwährend unterbrochen und oft viele Wochen völlig vernachlässigt, sodaß es mir unmöglich ist, einen zusammenhängenden Bericht von ihnen zu geben.
Zum Niagarafalle reisten wir im März 1893. Es läßt sich schwer in Worte fassen, was ich empfand, als ich auf der die amerikanischen Fälle überragenden Platte stand und die Luft erzittern und die Erde erbeben fühlte.
Es erscheint vielen seltsam, daß ich einen Eindruck von den Wundern und Schönheiten des Niagarafalles bekommen haben soll. Sie fragen mich stets: Was ist diese Schönheit und diese Musik für Sie? Sie können die Wogen nicht an das Ufer rollen sehen oder ihr Tosen hören. Was für eine Bedeutung hat dies für Sie? -- Es hat im allerbuchstäblichsten Sinne die höchste Bedeutung für mich. Ich kann seine Bedeutung ebensowenig ergründen oder definieren, wie ich die Liebe, die Religion oder die Güte ergründen oder definieren kann.[8]
Im Sommer 1893 besuchten wir in der Begleitung ~Dr.~ Alexander Graham Bells die Weltausstellung. Ich erinnere mich noch heute mit durch keinen Mißklang gestörter Freude jener Tage, an denen tausend kindische Wünsche zu schöner Wirklichkeit erwachten. Jeden Tag machte ich eine Reise um die Welt und sah ungezählte Wunderwerke aus den entlegensten Teilen der Erde -- staunenswerte Erfindungen, Schätze der Industrie, der Geschicklichkeit und aller Tätigkeiten des menschlichen Lebens tatsächlich unter meinen Fingerspitzen vorübergleiten.
Mit Vorliebe besuchte ich die Schaustellung an dem großen Mittelwege. Hier schienen sich mir die Märchen aus »Tausendund einer Nacht« verkörpert zu haben, so voll von Neuem und Interessantem war alles. Hier befand sich das Indien meiner Bücher in dem zierlichen Bazar mit seinen Shiwas und seinen Elefantengöttern wieder; hier war das Land der Pyramiden in ein Modell von Kairo mit seinen Moscheen und langen Prozessionen von Kamelen zusammengedrängt; dort drüben lagen die Lagunen von Venedig, auf denen wir jeden Abend in einer Gondel umherfuhren, wenn die Ausstellungsgebäude und die Springbrunnen illuminiert waren. Auch an Bord eines Wikingerschiffes ging ich, das in kurzer Entfernung von der kleinen Werft vor Anker lag. Ich war schon vorher, in Boston, auf einem Kriegsschiff gewesen, und es war mir interessant, auf diesem Wikingerschiff zu sehen, wie der Seemann einst alles in allem war -- wie er dahinsegelte und Sturm und Windstille mit demselben unverzagten Herzen aufnahm, wie er Jagd auf jedermann machte, der seinen wilden Ruf: Wir sind von der See! beantwortete, wie er mit seinem Kopfe und seinen Sehnen arbeitete, selbstbewußt, selbstgenügsam, anstatt sich durch eine intelligenzlose Maschine in den Hintergrund drängen zu lassen, wie es heutzutage mit unseren Blaujacken der Fall ist. So ist es stets -- „Der Mensch ist nur dem Menschen interessant.“
Nicht weit von diesem Schiffe entfernt lag ein Modell der »Santa Maria«, die ich ebenfalls untersuchte. Der Kapitän zeigte mir Kolumbus’ Kajüte und sein Pult mit einem Stundenglase darauf. Dieses kleine Instrument machte den tiefsten Eindruck auf mich, weil es mich daran erinnerte, wie schwer es dem kühnen Seefahrer ums Herz gewesen sein muß, als er den Sand Korn für Korn herunterrinnen sah, während die verzweifelte Schiffsbesatzung einen Anschlag gegen sein Leben plante.
Der Präsident der Weltausstellung, Herr Higinbotham, gestattete mir gütigst, die ausgestellten Gegenstände zu berühren, und mit ebenso unersättlicher Gier, wie sie Pizarro empfunden haben muß, als er von den Schätzen Perus Besitz ergriff, nahm ich die Herrlichkeiten der Ausstellung in meine Hand. Diese weiße Stadt des Westens bildete eine Art von „fühlbarem“ Kaleidoskop. Alles fesselte mich, namentlich aber die französischen Bronzen. Sie waren so lebensvoll, daß ich glaubte, es seien himmlische Visionen, die der Künstler aufgefangen und in irdische Formen gebannt habe.[9]
Auf der Ausstellung des Kaplandes lernte ich viel über die Art und Weise, in der nach Diamanten gegraben wird. Wo es mir irgend möglich war, berührte ich die Maschine, während sie in Gang war, um eine klarere Vorstellung von dem Abwägen, Schneiden und Schleifen der Steine zu erhalten. Ich suchte in der Wäscherei nach einem Diamanten, und fand ihn auch wirklich -- den einzigen echten Diamanten, heißt es, der jemals in den Vereinigten Staaten gefunden worden ist.
~Dr.~ Bell begleitete uns überallhin und beschrieb mir in seiner anziehenden Weise die Gegenstände, die das größte Interesse darboten. In der elektrischen Ausstellung untersuchten wir die Telephone, Autophone, Phonographen und andere Erfindungen, und er erklärte mir, wie es möglich sei, eine Botschaft auf Drähten in die weite Welt zu senden, die des Raumes spottet und der Zeit vorauseilt, und, wie es Prometheus tat, Feuer vom Himmel herabzuholen. Ebenso besuchten wir die anthropologische Abteilung, wo mich am meisten die mexikanischen Altertümer interessierten, die rohen Steinarbeiten, die so oft die einzige Erinnerung an ein Zeitalter bilden, die einfachen Denkmäler ungebildeter Naturkinder (wie ich glaubte, als ich sie mit meinen Fingern betastete), die bestimmt scheinen, die dereinst in Staub zerfallenden Schriften von Königen und Weisen zu überdauern. Ebenso fesselten die ägyptischen Mumien meine Aufmerksamkeit, vor deren Berührung ich jedoch zurückschreckte. Von diesen Altertümern habe ich mehr über den Fortschritt der Menschheit gelernt, als ich bis dahin je gehört oder gelesen hatte.
Alle diese Erfahrungen bereicherten meinen Wortschatz mit einer großen Menge neuer Ausdrücke, und in den drei Wochen, die ich dem Besuche der Weltausstellung widmete, machte ich einen gewaltigen Fortschritt von meinem kindlichen Interesse an Märchen und Spielzeug hin zu der richtigen Wertschätzung der realen und ernst arbeitenden Welt.
[8] Vergl. S. 167 ff.
[9] Vergl. S. 168.
Sechzehntes Kapitel.
Geschichtsstudium. -- Studium der französischen Sprache; Lafontaine, Molière, Racine. -- Vervollkommnung der Lautsprache. -- Latein. -- Lektüre von Cäsars »Gallischem Krieg«.
Vor dem Oktober 1893 betrieb ich meine Studien in verschiedenen Fächern mehr oder weniger sprunghaft. Ich las Werke über griechische, römische und amerikanische Geschichte. Ich besaß eine französische Grammatik in Hochdruck, und da ich schon etwas Französisch verstand, machte ich oft kurze Uebersetzungen im Kopfe, in denen ich die neuen Wörter anwandte, wie sie mir gerade in den Wurf kamen, ohne mich im geringsten um Regeln und sonstige Vorschriften zu kümmern. Ich suchte sogar die französische Aussprache ohne Hilfe zu erlernen, da ich alle Buchstaben und Laute in dem Buche erklärt fand. Natürlich war dies beinahe verlorene Liebesmühe; aber ich hatte dann wenigstens etwas an regnerischen Tagen zu tun, und ich erwarb mir genügende Kenntnisse im Französischen, um mit Genuß Lafontaines »Fabeln«, Molières »~Le médecin malgré lui~« und Stellen aus Racines »~Athalie~« mit Genuß lesen zu können.
Beträchtliche Zeit widmete ich auch der Vervollkommnung meiner Sprache. Ich las Fräulein Sullivan laut vor und rezitierte auswendig gelernte Stellen aus meinen Lieblingsdichtern, wobei sie meine Aussprache verbesserte und auf richtige Betonung und Modulation achtete. Doch erst im Oktober, als ich mich von den Strapazen und den Aufregungen meines Besuches der Weltausstellung erholt hatte, begann ich zu bestimmten Stunden Unterricht in einzelnen Fächern zu nehmen.
Fräulein Sullivan und ich waren zu jener Zeit in Hulton in Pennsylvanien, auf Besuch bei Herrn William Wade und seiner Familie. Ein in der Nähe wohnender Herr Irons war ein tüchtiger Lateiner, und es wurde verabredet, daß ich bei ihm Unterricht haben sollte. Ich erinnere mich seiner als eines Mannes von seltener Milde und weitem Blicke. Hauptsächlich unterrichtete er mich in lateinischer Grammatik; oft half er mir aber auch beim Rechnen, das ich ebenso mühsam wie langweilig fand. Auch Tennysons »~In Memoriam~« las Herr Irons mit mir. Ich hatte schon viele Bücher gelesen, aber niemals von einem kritischen Standpunkte aus. Jetzt lernte ich zum ersten Male einen Schriftsteller wirklich verstehen, ich lernte seinen Stil kennen, wie man den Handschlag eines Freundes kennt.
Anfangs ging ich mit ziemlichem Widerstreben an das Studium der lateinischen Grammatik. Es erschien mir widersinnig, mit der Zergliederung jedes vorkommenden Wortes Zeit zu vergeuden -- Nomen, Genetiv, Singular, Femininum --, wenn seine Bedeutung klar auf der Hand lag. Nach meiner Auffassung war dies genau so, als hätte ich mein Kätzchen folgendermaßen beschreiben müssen, um es zu erkennen: Ordnung: Wirbeltiere; Abteilung: Vierfüßer; Klasse: Säugetiere; Gattung: Katzentiere; Art: Katze; Individuum: Tabby. Als ich aber tiefer in den Gegenstand eindrang, bekam ich mehr Interesse daran, und die Schönheit der Sprache entzückte mich. Ich machte mir oft das Vergnügen, Stellen in lateinischen Werken zu lesen, indem ich mir die Wörter heraussuchte, die ich verstand, und mich bemühte, den Sinn herauszubringen. Ich habe nie aufgehört, mich an diesem Zeitvertreib zu ergötzen.
Es gibt meiner Meinung nach nichts Schöneres als die verschwimmenden, fließenden Bilder und Gedanken -- Vorstellungen, die gleich Wolken am Himmel, in phantastischer Gestalt und Färbung am Geiste vorüberschweben, vermittelt durch eine Sprache, in die man soeben begonnen hat einzudringen. Fräulein Sullivan saß bei den Lektionen neben mir, buchstabierte mir in die Hand, was Herr Irons sagte, und achtete auf die Worte, die mir neu waren. Ich begann gerade Caesars »Gallischen Krieg« zu lesen, als ich nach Alabama zurückkehrte.
Siebzehntes Kapitel.
Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). -- Besuch der Wright-Humason-Schule in New York. -- Arithmetik, physikalische Geographie, Französisch, Deutsch. -- Lektüre von »Wilhelm Tell« und »~Le médecin malgré lui~«. -- Zentralpark in New York. -- Ausflüge in die Umgebung der Stadt.
Im Sommer 1894 wohnte ich den in Chautauqua stattfindenden Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen bei. Es war vereinbart worden, daß ich die Wright-Humason-Schule für Taubstumme in New York besuchen sollte. Diese Schule war namentlich zum Zwecke meiner gründlichen Ausbildung im Sprechen und Ablesen von den Lippen gewählt worden. Außer diesen beiden Fertigkeiten studierte ich in den zwei Jahren, in denen ich die Schule besuchte, Arithmetik, physikalische Geographie, Französisch und Deutsch.