Part 6
Ich sehe den Zug! rief Mildred, und in der nächsten Minute würde er uns erreicht haben, wenn wir nicht auf die Kreuzbalken heruntergeklettert wären, während er über unseren Köpfen davonbrauste. Ich fühlte den heißen Dampf der Lokomotive in meinem Gesicht, und der Rauch und die Asche erstickten uns beinahe. Als der Zug vorüberrollte, schwankte die Brücke so, daß ich glaubte, wir würden in die Schlucht hinunterstürzen. Mit der äußersten Schwierigkeit gelangten wir wieder auf das Geleise. Lange nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das Haus und fanden es leer; die ganze Familie war ausgezogen, um uns zu suchen.
Zwölftes Kapitel.
Besuch im Norden. -- Wintervergnügungen.
Nach meinem ersten Besuche in Boston brachte ich beinahe jeden Winter im Norden zu. Einmal besuchte ich ein Dorf in Neuengland mit seinen zugefrorenen Seen und seinen weiten Schneefeldern. Damals fand ich Gelegenheit, wie ich sie nie zuvor gehabt hatte, die Annehmlichkeiten einer Schneelandschaft kennen zu lernen.
Ich erinnere mich noch, wie erstaunt ich war, als ich entdeckte, daß eine geheimnisvolle Hand das Laub von Bäumen und Sträuchern gestreift und nur hier und da ein vertrocknetes Blatt zurückgelassen hatte. Die Vögel waren fortgezogen, und ihre leeren Nester auf den kahlen Bäumen waren mit Schnee gefüllt. Der Winter lag auf Hügel und Feld. Die Erde schien unter seiner eisigen Berührung erstarrt zu sein, und selbst die Geister der Bäume hatten sich bis zu den Wurzeln hinabgeflüchtet und lagen, in der Finsternis zusammengekrümmt, im festen Schlafe. Alles Leben schien erstorben zu sein, und selbst wenn die Sonne hervorkam, war der Tag
Trüb und kalt, Als seien ihre Adern saftlos und alt; Die Sonne erhob sich matt und schwer Und warf einen müden Blick über Land und Meer.
Das dürre Gras und die Sträucher waren in einen Wald von Eiszapfen verwandelt.
Dann kam ein Tag, an dem die scharfe Luft das Herannahen eines Schneefalles ankündigte. Wir eilten ins Freie, um zu fühlen, wie die ersten zarten Flocken herniedersanken. Stunde um Stunde schwebten die Flocken schweigend und weich aus ihrer luftigen Höhe zur Erde herab, und die Gegend bekam immer mehr das Aussehen einer Ebene. Eine Schneenacht breitete sich über die Welt aus, und am Morgen konnte man kaum noch einen Zug der Landschaft erkennen. Alle Wege waren verweht, keine einzige Landmarke war mehr sichtbar -- ringsum eine Schneewüste mit vereinzelt aus ihr hervorragenden Bäumen.
Am Abend erhob sich ein Wind aus Nordost, und die Flocken wirbelten in rasendem Tanze durcheinander. Wir saßen um den großen Herd herum, erzählten uns lustige Geschichten und waren vergnügt und heiter; dabei vergaßen wir ganz, daß wir uns inmitten einer trostlosen Einöde befanden, abgeschlossen von jeder Verbindung mit der Außenwelt. Während der Nacht steigerte sich die Gewalt des Sturmes derart, daß er uns mit einer unbestimmten Furcht erfüllte. Die Dachsparren knarrten und stöhnten, und die Zweige der das Haus umgebenden Bäume ächzten und schlugen gegen die Fenster, während der Sturm über die Landschaft hinraste.
Am dritten Tage nach dem Beginn des Unwetters hörte das Schneetreiben auf. Die Sonne brach durch die Wolken und beschien eine weite, wellige Ebene. Hohe Dämme, phantastisch gestaltete Schneehaufen und undurchdringliche Schneewehen zogen sich in allen Richtungen dahin.
Es wurden nun schmale Pfade durch die Schneewehen geschaufelt. Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus. Die Luft war so scharf, daß meine Wangen wie Feuer brannten. Bald die gebahnten Pfade benutzend, bald unseren Weg selbständig durch die niedrigeren Wehen bahnend, gelangten wir endlich an eine große Fichte, die am Rande einer breiten Wiese stand. Die Bäume ragten bewegungslos und weiß gleich Figuren auf einem Marmorfriese empor. Die Fichtennadeln spendeten heute keinen Duft. Die Strahlen der Sonne fielen auf die Bäume, sodaß die Zweige wie Diamanten funkelten und viele von ihnen abbrachen, sobald wir sie berührten. So blendend war das Licht, daß es sogar die Finsternis, die auf meinen Augen lag, durchdrang.
Im Verlauf der Zeit wurden die Schneewehen immer kleiner, aber bevor sie gänzlich verschwunden waren, kam ein anderes Unwetter, sodaß ich kaum einmal im Winter die bloße Erde unter meinen Füßen fühlte. Allmählich verloren die Bäume ihre Eishülle, und die Binsen und Sträucher traten in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hervor, aber der See lag trotz des hellen Sonnenscheins gefroren und hart da.
Unser Lieblingsvergnügen in diesem Winter war Schlittenfahren. Stellenweise erhebt sich das Ufer des Sees steil über dem Wasserspiegel. Diese jähen Abhänge benutzten wir zu unserer Abfahrt. Wir setzten uns auf unseren Handschlitten, ein Knabe versetzte uns einen Stoß, und fort flogen wir! Wir durchschnitten Schneewehen, flogen über Vertiefungen hinweg, sausten auf den See hinaus und schossen über dessen schimmernde Oberfläche hin bis zum anderen Ufer. Was für ein Jubel! Was für eine herzerfrischende Tollheit! Für einen wilden, seligen Augenblick zerbrachen wir die Kette, die uns an die Erde schmiedet, wir reichten den Winden die Hand und fühlten uns göttergleich!
Dreizehntes Kapitel.
Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. -- Ragnhild Kaata. -- Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. -- Freude über den Erfolg. -- Ablesen von den Lippen mittels der Finger. -- Gebrauch des Fingeralphabets.
Im Frühjahr 1890 lernte ich sprechen.[5] Ich hatte stets ein starkes Verlangen in mir gefühlt, hörbare Laute auszustoßen. Ich pflegte Töne hervorzubringen, wobei ich die eine Hand an meinen Kehlkopf legte, während die andere den Bewegungen der Lippen folgte. Ich freute mich über alles, was ein Geräusch machte, und liebte es, zu fühlen, wie die Katze schnurrte und der Hund bellte. Ebenso legte ich mit Vorliebe die Hand an den Kehlkopf eines Sängers oder auf ein Klavier, wenn es gespielt wurde. Ehe ich Gesicht und Gehör verlor, hatte ich bereits sprechen gelernt, aber nach meiner Krankheit hörte ich auf zu sprechen, weil ich nicht mehr hören konnte. Ich pflegte den ganzen Tag über auf dem Schoße meiner Mutter zu sitzen und meine Hände an ihr Gesicht zu halten, weil es mir Vergnügen machte, die Bewegungen ihrer Lippen zu fühlen, und auch ich bewegte meine Lippen, obgleich ich vergessen hatte, was Sprechen sei. Meine Bekannten behaupten, daß ich auf natürliche Art lachte und weinte, und eine Zeitlang brachte ich allerlei Töne und Wortbestandteile hervor, nicht weil sie ein Verständigungsmittel bildeten, sondern weil ich die gebieterische Notwendigkeit in mir fühlte, meine Stimmorgane zu üben. Es gab jedoch ein Wort, an dessen Bedeutung ich mich immer noch erinnerte, nämlich ~water~. Ich sprach es ~wa--wa~ aus. Selbst dieses wurde immer unverständlicher bis zu der Zeit, als Fräulein Sullivan mich zu unterrichten begann. Ich hörte erst auf, es zu gebrauchen, als ich gelernt hatte, das Wort mit meinen Fingern zu buchstabieren.
Ich hatte längst erkannt, daß meine Umgebung sich anderer Verständigungsmittel bediente als ich, und schon ehe ich erfuhr, daß ein taubstummes Kind sprechen lernen kann, war ich mir meiner Unzufriedenheit mit den Verständigungsmitteln, über die ich bereits verfügte, bewußt. Wer gänzlich auf das Fingeralphabet angewiesen ist, trägt stets eine Empfindung mit sich herum, als werde er durch etwas zurückgehalten, eingeengt. Diese Empfindung begann mich mit einem beunruhigenden, vorwärts treibenden Bewußtsein eines Mangels, der beseitigt werden müsse, zu erfüllen. Meine Gedanken wollten sich oft aufschwingen und wie die Vögel gegen den Wind ankämpfen, und ich übte meine Lippen und meine Stimme beharrlich weiter. Freunde suchten mich von diesen Bemühungen abzubringen, weil sie fürchteten, sie würden zu nichts weiter führen als zu einer Enttäuschung. Aber ich blieb beharrlich dabei, und bald trat etwas ein, was schließlich zur Beseitigung dieses für unüberwindlich geltenden Hindernisses führen sollte -- ich erfuhr die Geschichte von Ragnhild Kaata.
Im Jahre 1890 kam Frau Lamson, eine von Laura Bridgmans Lehrerinnen, die soeben von einer Reise nach Schweden und Norwegen zurückgekehrt war, zu mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von Ragnhild Kaata, einem taubstummen und blinden Mädchen in Norwegen, das tatsächlich sprechen gelernt hatte. Frau Lamson hatte kaum ihre Erzählung von dem Erfolge dieses Mädchens beendet, als ich Feuer und Flamme war. Auch ich faßte den Entschluß, sprechen zu lernen. Ich wollte mich nicht zufrieden geben, bis mich meine Lehrerin zu Fräulein Sarah Fuller, der Leiterin der Horace Mann-Schule mitnahm, um diese zu bitten, ihr mit Rat und Tat beizustehen. Diese liebenswürdige, sanfte Dame erbot sich dazu, mich selbst zu unterrichten, und wir begannen am 26. März 1890.
Fräulein Fullers Methode war folgende: sie legte meine Hand leicht über ihr Gesicht und ließ mich die Stellung ihrer Zunge und ihrer Lippen fühlen, wenn sie einen Ton hervorbrachte. Ich war voller Eifer, ihr jede Bewegung nachzumachen, und binnen einer Stunde hatte ich sechs Elemente der Sprache erlernt: ~m~, ~p~, ~a~, ~s~, ~t~, ~i~. Fräulein Fuller erteilte mir im ganzen elf Unterrichtsstunden. Ich werde nie das Erstaunen und die Freude vergessen, die mich erfüllten, als ich meinen ersten zusammenhängenden Satz aussprach: ~It is warm.~ Es waren ja nur abgerissene und gestammelte Silben, aber es war menschliche Sprache. Meine Seele, die sich einer neuen Kraft bewußt geworden war, war von der Knechtschaft erlöst und fand durch diese abgerissenen Sprachsymbole den Zugang zu aller Erkenntnis und allem Glauben.
Kein taubstummes Kind, das ernstlich versucht hat, die Worte auszusprechen, die es nie gehört hat -- um aus dem Kerker des Schweigens herauszukommen, in dem kein Ton der Liebe, kein Vogelgesang, keine Musik je die Stille unterbricht -- kann den Schauer des Erstaunens, die Freude der Entdeckung vergessen, die es übermannten, als es sein erstes Wort aussprach. Nur jemand, der in ähnlicher Lage gewesen ist, kann den Eifer ermessen, mit dem ich zu meinem Spielzeuge, zu Steinen, Bäumen, Vögeln und stummen Tieren sprach, oder das Entzücken nachfühlen, das ich empfand, wenn Mildred auf meinen Ruf zu mir eilte oder meine Hunde meinen Befehlen gehorchten. Es bildet einen unsäglichen Gewinn für mich, in geflügelten Worten sprechen zu können, die keiner Uebertragung bedürfen. Als ich sprach, schwangen sich aus meinen Worten glückliche Gedanken empor, die sich vielleicht vergeblich bemüht hätten, sich aus meinen Fingern herauszuarbeiten.
Aber man darf nicht glauben, daß ich in dieser kurzen Zeit wirklich sprechen gelernt hätte. Ich hatte nur die Elemente der Sprache erlernt. Fräulein Fuller und Fräulein Sullivan konnten mich verstehen, aber die meisten Leute hätten von hundert Wörtern nicht ein einziges verstanden. Auch ist es nicht wahr, daß ich nach Erlernung dieser Elemente alles übrige aus eigener Kraft erreichte. Ohne Fräulein Sullivans Genialität, ohne ihre unermüdliche Ausdauer und Hingebung hätte ich mich der natürlichen Sprache nie so weit nähern können, wie ich es in Wahrheit getan habe. Vor allen Dingen mühte ich mich Tag und Nacht ab, ehe ich mich selbst meinen intimsten Freunden verständlich machen konnte, dann aber bedurfte ich beständig Fräulein Sullivans Hilfe bei meinen Bemühungen, jeden Laut deutlich zu artikulieren und alle Laute auf die mannigfaltigste Weise zu verbinden. Noch jetzt lenkt sie täglich meine Aufmerksamkeit auf die fehlerhafte Aussprache einzelner Wörter.
Jeder Taubstummenlehrer weiß, was dies bedeutet, und nur ein solcher kann überhaupt die Schwierigkeiten würdigen, mit denen ich zu kämpfen hatte. Beim Ablesen von den Lippen meiner Lehrerin war ich gänzlich von meinen Fingern abhängig; ich hatte mich des Tastsinnes bei der Wahrnehmung der Schwingungen des Kehlkopfes, der Bewegungen des Mundes und des Gesichtsausdrucks zu bedienen, und oft täuschte sich dieser Sinn. In solchen Fällen war ich genötigt, die Wörter oder Sätze oft stundenlang zu wiederholen, bis ich den entsprechenden Klang in meiner eigenen Stimme fühlte. Meine Arbeit bestand in Uebung, Uebung, Uebung. Entmutigung und Ermüdung warfen mich oft nieder; aber im nächsten Augenblick spornte mich der Gedanke, daß ich bald zu Hause bei meinen Lieben sein und ihnen zeigen würde, was ich erreicht hätte, von neuem an, und ich stellte mir stets ihre Freude bei dem Gelingen meiner Bemühungen vor Augen.
„Meine kleine Schwester wird mich jetzt verstehen können,“ war ein Gedanke, der stärker war als alle Hindernisse. Ich pflegte voller Begeisterung zu wiederholen: „Ich bin jetzt nicht mehr stumm.“ Ich konnte nicht verzweifeln, weil ich mir die Freude, zu meiner Mutter sprechen und ihr die Antworten von den Lippen ablesen zu können, mit den glänzendsten Farben ausmalte. Es überraschte mich, zu finden, wie viel leichter es ist, zu sprechen, als mit den Fingern zu buchstabieren, und ich schaltete meinerseits das Fingeralphabet als Verständigungsmittel aus; doch bedienen sich Fräulein Sullivan und ein paar Freunde noch seiner in der Unterhaltung mit mir, denn es ist bequemer und rascher, als das Ablesen von den Lippen.
Es ist hier vielleicht der geeignete Ort, etwas über den Gebrauch unseres Fingeralphabets zu sagen, das manche, die uns nicht kennen, zu befremden scheint. Wer mittelst seiner Hand mir vorliest oder mit mir spricht, bedient sich in der Regel des von den Taubstummen gebrauchten einhändigen Fingeralphabets. Ich lege meine Hand so leicht auf die Hand des Sprechenden, daß keine ihrer Bewegungen gehemmt wird. Die Stellung der Hand ist ebenso leicht zu fühlen wie zu sehen. Ich fühlte ebensowenig jeden Buchstaben wie andere jeden Buchstaben für sich sehen, wenn sie lesen. Beständige Uebung macht die Finger äußerst biegsam, und einige meiner Freunde buchstabieren sehr rasch, beinahe so rasch, wie jemand auf der Schreibmaschine schreibt. Das bloße Buchstabieren ist selbstverständlich in nicht höherem Grade eine bewußte Handlung als das Schreiben.
Als ich mir die Sprache angeeignet hatte, konnte ich es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Endlich nahte der glückliche Augenblick. Während der Rückreise hatte ich fortwährend mit Fräulein Sullivan gesprochen, nicht um zu sprechen, sondern um mich bis zur letzten Minute zu vervollkommnen. Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen.
[5] Vergl. Helens Brief S. 161 ff. und Fräulein Sullivans Bericht S. 311 ff.
Vierzehntes Kapitel.
Die Frostkönig-Episode. -- Betrachtungen über Schriftstellerei.
Der Winter des Jahres 1892 wurde durch eine Wolke an dem heiteren Himmel meiner Kindheit getrübt. Anstatt der Freude waren für lange, lange Zeit Zweifel, Sorge und Furcht bei mir eingekehrt. Die Bücher verloren ihren Reiz für mich, und noch jetzt schnürt sich mir bei dem Gedanken an jene schrecklichen Tage das Herz zusammen. Eine kleine Geschichte mit dem Titel »Der Frostkönig«,[6] die ich schrieb und an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Blindeninstitutes schickte, bildete die Veranlassung zu all der Unruhe. Um die Sache klarzustellen, muß ich die Tatsachen in Verbindung mit folgender Episode auseinandersetzen, die zu erwähnen mich sowohl die Gerechtigkeit gegen meine Lehrerin wie gegen mich selbst nötigt.
Ich schrieb die Erzählung, als ich zu Hause war, in dem Herbste, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir waren von Fern Quarry später als gewöhnlich aufgebrochen. Während unseres Aufenthaltes dort hatte mir Fräulein Sullivan die Schönheiten des herbstlichen Laubes beschrieben, und es scheint, als hätten ihre Schilderungen die Erinnerung an ein Märchen wachgerufen, das mir offenbar einmal vorgelesen worden war und das ich unbewußt behalten haben muß. Ich glaubte damals eine „Geschichte zu machen“, wie die Kinder sagen, und setzte mich voller Eifer hin, die niederzuschreiben, ehe sich die Gedanken wieder verflüchtigten. Die Gedanken flossen mir leicht aus der Feder; ich empfand lebhafte Freude bei der Ausarbeitung. Worte und Bilder strömten mir in reicher Fülle zu, und während ich mir einen Satz nach dem anderen ausdachte, schrieb ich alles mit meinem Braillegriffel nieder. Wenn mir jetzt Worte und Bilder ohne besondere Anstrengung kommen, so betrachte ich dies als einen ziemlich sicheren Beweis dafür, daß sie nicht mein geistiges Eigentum, sondern fremdes Gut sind, von dem ich nichts wissen will. Damals aber nahm ich alles, was ich las, begierig auf ohne irgend einen Gedanken an Verfasserrecht, und selbst jetzt kann ich die Grenzlinie zwischen meinen Gedanken und denen, die ich in meinen Büchern finde, nicht ganz scharf ziehen. Ich glaube, dies liegt daran, daß mir soviele Eindrücke durch die Vermittlung der Augen und Ohren anderer zugehen.
Als ich mit meiner Erzählung fertig war, las ich sie meiner Lehrerin vor, und ich erinnere mich noch jetzt lebhaft der Freude, die ich bei den gelungenen Stellen empfand, sowie meiner Ungeduld, wenn ich durch die Verbesserung der Aussprache eines Wortes unterbrochen wurde. Beim Mittagessen wurde sie der versammelten Familie vorgelesen, die ganz erstaunt war, daß ich so gut schrieb. Es fragte mich auch jemand, ob ich sie nicht in irgend einem Buche gelesen hätte.
Diese Frage überraschte mich sehr, denn ich hatte nicht die geringste Erinnerung daran, daß sie mir je vorgelesen worden sei. Ich sagte daher mit aller Entschiedenheit: O nein, es ist eine Geschichte von mir, und ich habe sie für Herrn Anagnos geschrieben.
Demgemäß schrieb ich die Erzählung ab und schickte sie dem genannten Herrn zu seinem Geburtstage. Es wurde mir geraten, den Titel, der ursprünglich »Herbstlaub« (~Autumn Leaves~) lautete, in »Der Frostkönig« (~The Frost King~) umzuändern, was ich denn auch tat. Ich trug die kleine Erzählung selbst zur Post, und es war mir dabei zu Mute, als ob ich in den Wolken schwebte. Ich ließ mir wenig davon träumen, wie hart ich für dieses Geburtstagsgeschenk zu büßen haben würde.
Herr Anagnos war über den »Frostkönig« entzückt und veröffentlichte das Märchen in einem seiner Jahresberichte über das Perkinssche Institut. Dies war der Gipfel meiner Glückseligkeit, von dem ich aber bald jäh wieder zur Erde geschleudert werden sollte. Ich war nur kurze Zeit in Boston gewesen, als es sich herausstellte, daß eine ähnliche Geschichte wie »Der Frostkönig«, nämlich »Die Frostelfen« (~The Frost Fairies~) von Fräulein Margaret T. Canby, vor meiner Geburt in einem Buche mit dem Titel »Birdie und seine Freunde« (~Birdie and His Friends~) erschienen sei. Die beiden Erzählungen stimmten in Inhalt und Form so sehr überein, daß kein Zweifel darüber bleiben konnte, daß Fräulein Canbys Märchen mir vorgelesen worden sein mußte, und daß das meinige -- ein Plagiat war. Es hielt schwer, mir dies verständlich zu machen; als ich es aber begriffen hatte, war ich tief betrübt. Kein Kind hat je einen bittereren Kelch getrunken als ich. Ich hatte mir Schimpf und Schande zugezogen, ich hatte Verdacht bei denen erregt, die ich am meisten liebte. Und doch, wie war es möglich, daß so etwas geschehen konnte? Ich zermarterte mein Gehirn unablässig, um mich an irgend etwas zu erinnern, was ich über den Frost gelesen haben könnte, bevor ich den »Frostkönig« schrieb; ich konnte mich aber auf nichts entsinnen als auf die volkstümliche Redensart von Jack Frost und ein Kindergedichtchen: »Die Launen des Frostes« (~The Freaks of the Frost~), und ich wußte, daß ich dieses nicht bei meiner Arbeit benutzt hatte.
Zunächst schien mir Herr Anagnos zu glauben, obgleich er großen Kummer darüber empfand. Er war außergewöhnlich zärtlich und liebevoll zu mir, und eine kurze Zeitlang verschwand der Schatten. Ihm zuliebe suchte ich mich zu fassen und mich zur Feier von Washingtons Geburtstag, der bald nach dem peinlichen Zwischenfall festlich begangen wurde, so hübsch wie möglich zu machen.
Ich sollte die Ceres in einer Art von Maskenspiel darstellen, das von den blinden Kindern aufgeführt wurde. Wie gut erinnere ich mich an das reizvolle Gewand, das mich umhüllte, an das bunte Herbstlaub, das mein Haupt schmückte, an die Früchte und Aehren zu meinen Füßen und in meinen Händen, und unter all der Heiterkeit des Maskenspiels das drückende Bewußtsein eines nahenden Unheils, das mir das Herz schwer machte!
Am Abend vor der Feier hatte eine der Institutslehrerinnen eine Frage betreffs des »Frostkönigs« an mich gerichtet, und ich hatte ihr geantwortet, daß Fräulein Sullivan mir von Jack Frost und seinen Wunderwerken erzählt habe. Irgend eine Aeußerung von mir schien sie als Geständnis aufzufassen, daß ich mich an Fräulein Canbys Märchen von den »Frostelfen« erinnere, und sie teilte Herrn Anagnos dies mit, obgleich ich ihr ganz entschieden erklärte, sie habe mich mißverstanden.
Herr Anagnos, der mich zärtlich liebte, blieb den Beteuerungen meiner Liebe und Unschuld gegenüber taub, da er getäuscht worden zu sein glaubte. Er war der Meinung oder hegte wenigstens den Verdacht, daß Fräulein Sullivan und ich uns bewußt die Gedanken einer anderen angeeignet und sie ihm in betrügerischer Absicht zugeschickt hätten, um Bewunderung bei ihm zu finden. Ich wurde vor ein Gericht gestellt, das aus den Lehrern und Beamten des Institute bestand, und Fräulein Sullivan wurde aufgefordert, mich allein zu lassen. Dann wurde ich einem förmlichen Kreuzverhör unterworfen, das mich auf die Vermutung brachte, meine Richter seien fest entschlossen, mich zu dem Geständnis zu zwingen, ich erinnerte mich, daß mir das Märchen »Die Frostelfen« vorgelesen worden sei. Ich fühlte aus jeder Frage den Zweifel und den Verdacht heraus, den sie in ihrem Innern hegten, und ebenso empfand ich es, daß ein geliebter Freund uns vorwurfsvoll betrachtete, obgleich ich dies alles nicht in Worte fassen konnte. Alles Blut drängte sich mir nach meinem wild pochenden Herzen, und ich konnte kaum sprechen außer in abgerissenen Worten und Silben. Selbst das Bewußtsein, das Ganze sei nur ein furchtbares Mißverständnis, konnte meinen Schmerz nicht lindern, und als ich schließlich das Zimmer verlassen durfte, war ich noch ganz außer mir und achtete weder auf die Liebkosungen meiner Lehrerin noch auf die zärtlichen Worte meiner Freunde, die mir sagten, ich sei ein braves Mädchen, auf das man stolz sein könne.
Als ich diese Nacht in meinem Bette lag, weinte ich so herzbrechend, wie hoffentlich wenige Kinder geweint haben. Mir war so eisig kalt, daß ich glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben, und dieser Gedanke tröstete mich. Ich glaube, wenn dieser Schlag mich einige Jahre später getroffen hätte, so würde mein Geist unrettbar zusammengebrochen sein. Aber der Engel des Vergessens hat viel von dem Elend und der Bitternis dieser traurigen Tage aufgesammelt und mit sich fortgenommen.