Die Geschichte meines Lebens

Part 5

Chapter 53,715 wordsPublic domain

Am heiligen Abend feierten die Schulkinder von Tuscumbia ihre Bescherung, zu der sie mich einluden. In der Mitte des Schulzimmers stand ein schöner Baum, strahlend und schimmernd in dem milden Lichte der Kerzen und beladen mit seltsamen, wunderbaren Früchten. Es war ein Moment der höchsten Glückseligkeit. Ich tanzte und sprang voller Freude um den Baum herum. Als ich erfuhr, es sei ein Geschenk für jedes Kind da, war ich darüber entzückt, und die freundlichen Spender, die die Bescherung veranstalteten, gestatteten mir, die Gaben den Kindern zu überreichen. In der Freude darüber fand ich keine Zeit, meine eigenen Geschenke zu betrachten; als ich aber mit der Verteilung fertig war, überstieg meine Ungeduld nach dem Beginn der wirklichen Bescherung alle Begriffe. Ich wußte, daß die Geschenke, die ich schon erhalten hatte, nicht die waren, wegen deren meine Bekannten mir durch ihre Andeutungen solche Tantalusqualen bereitet hatten, und meine Lehrerin sagte mir, die Geschenke, die ich erhalten würde, seien noch viel schöner als die, welche ich schon bekommen hätte. Ich war jedoch entschlossen, mich mit den Geschenken von dem Baume zufrieden zu geben und die übrigen ruhig bis morgen zu lassen.

In jener Nacht lag ich, nachdem ich meinen Strumpf aufgehängt hatte, lange Zeit wach, da ich mich gegen den Schlaf wehrte und mich munter halten wollte, um zu sehen, was der Santa Claus wohl tun würde, wenn er ankäme. Endlich schlummerte ich aber doch mit einer neuen Puppe und einem Eisbären in meinen Armen ein. Am nächsten Morgen war ich es, die die Familie mit meinem ersten: „Ein fröhliches Weihnachtsfest!“ aufweckte. Ich fand Ueberraschungen, nicht allein in dem Strumpfe, sondern auch auf dem Tische, auf allen Stühlen, an der Tür, sogar auf dem Fensterbrett; ich konnte in der Tat kaum einen Schritt machen, ohne über ein in Goldpapier gewickeltes Christgeschenk zu stolpern. Als aber meine Lehrerin mir einen Kanarienvogel schenkte, kannte meine Seligkeit keine Grenzen.

Der kleine Jim war so zahm, daß er auf meinen Finger hüpfte und mir kandierte Kirschen aus der Hand pickte. Fräulein Sullivan lehrte mich meinen neuen Liebling mit der größtmöglichen Sorgfalt hegen und pflegen. Jeden Morgen nach dem Frühstück machte ich ihm sein Bad zurecht, reinigte seinen Käfig, gab ihm frisches Futter, füllte sein Trinknäpfchen mit frischem Brunnenwasser und hängte etwas Vogelmiere an seinen Schaukelring.

Eines Morgens ließ ich den Käfig auf dem Fensterbrett stehen, während ich Jim frisches Wasser für sein Bad holte. Als ich zurückkehrte und die Tür öffnete, fühlte ich, daß eine große Katze zum Zimmer hinausstürzte. Zuerst bemerkte ich noch gar nicht, was sich zugetragen hatte; als ich aber meine Hand in den Käfig steckte und Jim mir nicht entgegenflatterte oder mit seinen zierlichen Füßchen sich auf meinen Finger setzte, wußte ich, daß ich meinen lieben kleinen Sänger nicht wiedersehen würde.

Neuntes Kapitel.

Reise nach Boston. -- Zusammentreffen mit den blinden Kindern. -- Bunker Hill. -- Plymouth. -- Pilgerfelsen. -- Herr William Endicott.

Das nächste wichtige Ereignis in meinem Leben war mein Besuch in Boston im Mai 1888. Als ob es erst gestern gewesen wäre, so genau entsinne ich mich der Vorbereitungen, der Abreise mit meiner Lehrerin und meiner Mutter, der Eisenbahnfahrt und endlich der Ankunft in Boston. Wie verschieden war doch diese Reise von der, die ich zwei Jahre zuvor nach Baltimore gemacht hatte! Ich war kein ruheloses, reizbares kleines Geschöpf mehr, das die Aufmerksamkeit sämtlicher Mitreisenden verlangte, um zufriedengestellt zu sein. Ich saß still neben Fräulein Sullivan und achtete mit regem Interesse auf alles, was sie mir über das mitteilte, was sie aus dem Coupéfenster sah, den schönen Tennesseestrom, die großen Baumwollplantagen, die Hügel und Wälder und die Scharen lachender Neger auf den Bahnhöfen, die den Reisenden zuwinkten und köstliches Zuckergebäck und Maisklöße im Wagen umhertrugen. Mir gegenüber saß meine große, zerflederte Puppe, Nancy, in einem neuen Ginghamkleide und einem zerknitterten Strohhute und sah mich unverwandt mit ihren Glasaugen an. Bisweilen, wenn ich nicht durch Fräulein Sullivans Schilderungen in Anspruch genommen war, erinnerte ich mich der Anwesenheit Nancys und nahm sie auf den Arm, aber im allgemeinen beschwichtigte ich mein Gewissen dadurch, daß ich mir einredete, sie schlafe.

Da ich keine Gelegenheit mehr haben werde, von Nancy zu sprechen, so will ich gleich hier von dem traurigen Schicksale erzählen, das sie bald nach unserer Ankunft in Boston hatte. Sie war ganz mit Schmutz bedeckt, dem Ueberreste von Schlammkuchen, die ich sie zu essen gezwungen hatte, obwohl sie niemals eine besondere Vorliebe für diesen Leckerbissen gezeigt hatte. Die Wäscherin im Perkinsschen Institut nahm sie heimlich mit fort, um sie zu baden. Dies war für die arme Nancy zu viel. Als ich sie das nächstemal wiedersah, war sie nur noch ein formloser Watteklumpen, den ich überhaupt nicht wiedererkannt haben würde, wären nicht die beiden Glasaugen gewesen, die mich vorwurfsvoll ansahen.

Als der Zug endlich in den Bahnhof von Boston einfuhr, war es, als sei ein schönes Feenmärchen zur Wirklichkeit geworden. Das „es war einmal“ war Gegenwart; das „weite, ferne Land“ war hier.

Kaum waren wir in dem Perkinsschen Blindeninstitut angelangt, als ich auch schon mit den blinden Kindern Freundschaft zu schließen begann. Es freute mich unaussprechlich, zu finden, daß sie das Fingeralphabet verstanden. Wie froh war ich, mich mit anderen Kindern in meiner Sprache unterhalten zu können! Bis dahin war ich wie eine Ausländerin gewesen, die durch Vermittelung eines Dolmetschers spricht. In der Schule, in der Laura Bridgman unterrichtet worden war, befand ich mich in meinem Vaterlande. Es kostete mich einige Zeit, ehe ich mir die Tatsache, daß meine neuen Freunde blind waren, in ihrer Tragweite klarmachte. Ich wußte, ich konnte nicht sehen; aber es erschien mir unmöglich, daß all die munteren, liebenswürdigen Kinder, die um mich herumstanden und in meine Fröhlichkeit von Herzen einstimmten, gleichfalls blind sein sollten. Ich entsinne mich der schmerzlichen Ueberraschung, die ich empfand, als ich bemerkte, daß sie ihre Hände über die meinigen legten, wenn ich mit ihnen sprach, und daß sie in ihren Büchern mit Hilfe der Finger lasen. Obgleich mir dies schon vorher mitgeteilt worden war und obgleich ich mir meines eigenen Verlustes bewußt war, so hatte ich doch in unbestimmter Weise geglaubt, daß, da sie hören konnten, sie eine Art von „zweitem Gesicht“ haben müßten, und ich war nicht darauf vorbereitet, zu finden, daß diese Kinder alle derselben köstlichen Gabe wie ich beraubt waren. Aber sie waren so glücklich und zufrieden, daß ich alle Schmerzempfindungen über der Freude vergaß, die mir das Zusammensein mit ihnen gewährte.

Als ich einen Tag in der Gesellschaft der blinden Kinder zugebracht hatte, fühlte ich mich in meiner neuen Umgebung vollständig daheim, und jeder Tag brachte mir eine neue angenehme Erfahrung. Ich konnte mich nicht völlig davon überzeugen, daß es außer Boston noch viel in der Welt gebe, denn ich betrachtete diese Stadt als den Anfang und das Ende der Schöpfung.

Während unseres Aufenthaltes in Boston besuchten wir Bunker Hill und hier erhielt ich meinen ersten Geschichtsunterricht. Die Geschichte von den tapferen Männern, die auf dem Platze, auf dem wir standen, gekämpft hatten, regte mich gewaltig auf. Ich bestieg das Denkmal, wobei ich die Stufen zählte, und fragte mich verwundert, als es immer höher und höher hinauf ging, ob die Soldaten diese große Treppe erstiegen und von hier auf den Feind dort unten geschossen hätten.

Am nächsten Tage fuhren wir nach Plymouth. Es war dies meine erste Seereise und mein erster Ausflug auf einem Dampfer. Wie voll von Leben und Bewegung war das Schiff! Aber das Getöse der Maschine ließ mich glauben, es sei ein Gewitter im Anzuge, und ich begann zu weinen, weil ich fürchtete, wenn es regnete, könnten wir unser Picknick nicht im Freien abhalten. Ich glaube, der große Felsen, an dem die Pilger gelandet waren,[4] interessierte mich mehr als alles übrige in Plymouth. Ich konnte ihn berühren, und vielleicht war dies der Grund, weswegen mir die Ankunft der Pilger, ihre Beschwerden und ihre Heldentaten so deutlich vor der Seele standen. Ich habe oft ein kleines Modell des Felsens von Plymouth in der Hand gehabt, den mir ein freundlicher Herr in Pilgrim Hall gab, ich habe seine Umrisse, den Spalt in der Mitte und die eingemeißelte Inschrift »1620« befühlt und in meinem Innern alles überdacht, was ich von der wunderbaren Geschichte der Pilger wußte.

Wie erglühte meine kindliche Phantasie bei dem Gedanken an ihr ruhmvolles Unternehmen! Ich idealisierte sie als die tapfersten und hochherzigsten Männer, die jemals in der Fremde eine Heimat gesucht hatten. Ich glaubte, sie hätten die Freiheil ihrer Mitmenschen ebenso wie ihre eigene erstrebt. Ich war peinlich überrascht und arg enttäuscht, als ich einige Jahre später ihre unduldsamen Handlungen kennen lernte, die uns mit Scham erfüllen, selbst wenn wir den Mut und die Tatkraft anerkennen, die uns unser »schönes Land« gegeben haben.

Unter den zahlreichen Freunden, die ich mir in Boston gewann, befanden sich auch Herr William Endicott und seine Tochter. Die Güte, die mir beide erwiesen, war das Saatkorn, aus dem mir viele angenehme Erinnerungen erblüht sind. Eines Tages besuchten wir ihre schöne Villa in Beverly Farms. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, wie ich durch ihren schönen Rosengarten dahinschritt, wie ihre Hunde, der mächtige Leo und der kleine kraushaarige Fritz mit den langen Ohren, sich zu mir gesellten und wie Nimrod, das schnellste aller Pferde, seine Nase in meine Hand streckte, damit ich seinen Hals klopfen und ihm ein Stück Zucker geben sollte. Ebenso erinnere ich mich des Strandes, wo ich zum erstenmale im Sande gespielt hatte. Es war harter, glatter Sand, sehr verschieden von dem losen, scharfen, mit Algen und Muscheln untermischten Sande in Brewster. Herr Endicott erzählte mir von den großen Schiffen, die aus Boston nach Europa absegelten. Ich sah ihn später noch öfters, und er ist mir stets ein guter Freund gewesen, und ich dachte an ihn, als ich Boston „die Stadt der gütigen Herzen“ nannte.

[4] „Pilger“ oder „Pilgerväter“ hießen die 102 Puritaner, die im Jahre 1620 in Plymouth landeten.

Zehntes Kapitel.

Ferienaufenthalt in Brewster. -- Die See. -- Erstes Seebad. -- Eindruck der Brandung. -- Der erste Taschenkrebs.

Unmittelbar bevor das Perkinssche Institut seine Tore für den Rest des Sommers schloß, wurde die Verabredung getroffen, daß meine Lehrerin und ich unsere Ferien in Brewster am Kap Cod in der Gesellschaft unserer lieben Freundin, Frau Hopkins, zubringen sollten. Ich war darüber entzückt, denn mein Geist war voll von den zu erwartenden Freuden und den wunderbaren Geschichten, die ich vom Meere gehört hatte.

Meine lebhafteste Erinnerung an jenen Sommer ist der Ozean. Ich hatte stets im Binnenlande gelebt und niemals Seeluft geatmet; aber ich hatte in einem Buche mit dem Titel Our World eine Schilderung des Ozeans gelesen, die mich mit Erstaunen und einem sehnsüchtigen Verlangen erfüllte, die gewaltige See zu befühlen und ihr Toben zu spüren. So schlug mein kleines Herz in heftiger Erregung, als ich sah, daß mein Wunsch endlich doch in Erfüllung gehen sollte.

Kaum war ich in mein Badekostüm geschlüpft, als ich auf den warmen Sand hinaussprang und ohne die geringste Furcht in dem kühlen Wasser untertauchte. Ich fühlte, wie die mächtigen Wogen sich abwechselnd hoben und senkten. Die schaukelnde Bewegung des Wassers erfüllte mich mit ungemein lebhafter Freude. Mit einem Male aber wich mein Entzücken einem namenlosen Entsetzen; mein Fuß stieß gegen einen Felsen, und im nächsten Augenblick ergoß sich ein Strom von Wasser über mein Haupt. Ich streckte meine Hände aus, um eine Stütze zu finden, ich griff ins Wasser und faßte nach dem Tang, den mir die Wogen ins Gesicht schleuderten. Aber alle meine verzweifelten Anstrengungen waren vergeblich. Die Wellen schienen ihr Spiel mit mir zu treiben und warfen mich in ihrem wilden Tosen von einer zur anderen. Es war fürchterlich! Die gute, feste Erde war mir unter den Füßen weggeglitten, und ich schien von allem -- von Leben, Luft, Wärme, Liebe -- durch dieses unheimliche, mich rings umgebende Element ausgeschlossen zu sein. Endlich jedoch warf mich die See, als sei sie ihres neuen Spielzeugs müde, an das Gestade zurück, und im nächsten Augenblick wurde ich von den Armen meiner Lehrerin umschlungen. O, dieses wonnige Empfinden bei der langen, langen Umarmung! Sobald ich mich genügend von meinem panischen Schrecken erholt hatte, um ein Wort hervorbringen zu können, fragte ich: Wer hat denn eigentlich das Salz in das Wasser geschüttet?

Nachdem ich meine erste Erfahrung mit dem Wasser glücklich hinter mir hatte, machte es mir großes Vergnügen, in meinem Badekostüm auf einem mächtigen Felsen zu sitzen und Woge um Woge an den Felsen heranbranden zu fühlen, wobei sie einen Spritzregen von Schaum heraufsandten, der mich völlig durchnäßte. Ich spürte, wie die Kiesel fortgeschwemmt wurden, wenn die Wogen mit ihrer vollen Wucht gegen den Strand anstürmten; das ganze Gestade schien durch ihren furchtbaren Anprall zertrümmert zu werden, und die Luft erdröhnte unter ihren Donnerschlägen. Die Brandung schlug zurück, um sich zu einem noch mächtigeren Anlauf zu sammeln, und ich hing an dem Felsen voll gespannter Erwartung, wie von einem Banne befangen, während ich das Toben und Brüllen des wütenden Meeres fühlte.

Kaum konnte ich mich von dem Strande trennen. Der Hauch der reinen, frischen und klaren Seeluft wirkte wie kühles, beruhigendes Denken auf mich, und die Muscheln, die Kiesel, die mit winzigen Lebewesen bedeckten Algen büßten in meinen Augen nicht das geringste ihrer Anziehungskraft ein. Eines Tages lenkte Fräulein Sullivan meine Aufmerksamkeit auf ein seltsames Ding, das sie in dem seichten Wasser gefangen hatte. Es war ein großer Taschenkrebs, der erste, den ich je in meinem Leben gesehen hatte. Ich fühlte ihn an und fand es sehr seltsam, daß er sein Haus auf seinem Rücken mit sich herumtragen sollte. Plötzlich schoß mir der Gedanke durch den Kopf, er könne einen ganz artigen Spielgefährten abgeben; daher ergriff ich ihn mit beiden Händen am Schwanze und trug ihn nach Hause. Diese Heldentat gefiel mir außerordentlich, besonders da sein Körper sehr schwer war und ich alle meine Kräfte anstrengen mußte, ihn eine halbe Meile weit zu schleppen. Ich ließ Fräulein Sullivan keine Ruhe, bis sie den Krebs in einen Trog in der Nähe des Brunnens geworfen hatte, in dem er nach meiner Ueberzeugung sicher aufgehoben war. Als ich aber am nächsten Morgen zu dem Troge kam, siehe da, da war er verschwunden! Niemand wußte, wohin er gekommen war oder wie er hatte entwischen können. Ich empfand eine schmerzliche Enttäuschung; nach und nach gelangte ich jedoch zu der Einsicht, daß es nicht freundlich oder weise gehandelt war, dieses arme stumme Geschöpf seinem Element zu entreißen, und nach einiger Zeit fühlte ich mich in dem Gedanken glücklich, es sei ihm vielleicht gelungen, in das Meer zurückzukehren.

Elftes Kapitel.

Rückkehr nach Tuscumbia. -- Fern Quarry. -- Jagden. -- Bony »Black Beauty«. -- In Lebensgefahr.

Im Herbst kehrte ich mit einem Herzen voll von freundlichen Erinnerungen nach meiner südlichen Heimat zurück. So oft ich mir diesen Besuch im Norden ins Gedächtnis zurückrufe, erfüllt er meine Seele immer von neuem mit Bewunderung über die reichen, mannigfaltigen Erfahrungen, die sich mit ihm verbinden. Er scheint mir der Ausgangspunkt meiner ganzen künftigen Entwickelung gewesen zu sein. Die Schätze einer neuen, schönen Welt wurden mir zu Füßen gelegt, und bei jedem Ausgange empfing ich erheiternde und belehrende Eindrücke. Ich lebte selbst in allen Dingen mit. Ich saß keinen Augenblick still; mein Leben war so voller Bewegung wie das jener kleinen Insekten, deren ganzes Dasein sich im Laufe eines kurzen Tages abspielt. Ich begegnete vielen Menschen, die sich mit mir unterhielten, indem sie die Worte in meine Hand buchstabierten, und in fröhlicher Wechselwirkung stiegen Gedanken auf, um sich mit Gedanken anderer zu kreuzen, und siehe da! es geschah ein Wunder! Die öden Strecken, die meinen Geist von dem meiner Mitmenschen getrennt hatten, bedeckten sich mit Blüten wie ein Rosenstrauch.

Die Herbstmonate brachte ich mit meiner Familie in unserem Sommerlandhause zu, das auf einem Berge ungefähr vierzehn Meilen von Tuscumbia entfernt lag. Es hieß Fern Quarry weil sich in seiner Nähe ein jetzt längst aufgegebener Kalkbruch befunden hatte. Drei muntere, in den Felsen oberhalb entspringende Bäche, durchströmten den Bruch, hier ruhig fließend, dort in sprudelnden Kaskaden schäumend, wo die Felsen ihnen den Weg zu versperren suchten. Der Eingang war mit Farnen bedeckt, die die Kalksteinschichten vollständig überwucherten. Der übrige Teil des Berges war dicht bewaldet. Hier wuchsen hohe Eichen und mächtige Tannen mit Stämmen, gleich moosigen Säulen, von deren Zweigen Gewinde von Efeu und Mistel herniederhingen, ebenso Persimonbäume, deren Wohlgeruch jeden Winkel des Waldes durchdrang -- ein verlockendes, duftendes Etwas, das das Herz fröhlich machte. Stellenweise zogen sich wilde Weinreben von Baum zu Baum und bildeten Lauben, die der Lieblingsaufenthalt von Schmetterlingen und summenden Insekten waren. Es war köstlich, sich am späten Nachmittag unter den grünen Gewölben und in den Irrgängen jenes Waldes zu verlieren und den kühlen erquickenden Duft einzuatmen, der bei Sonnenuntergang aus der Erde emporstieg.

Unser Landhaus war eine Art Jagdhütte, schön gelegen auf dem Gipfel des Berges zwischen Eichen und Fichten. Die kleinen Zimmer befanden sich zu beiden Seiten einer langen, offenen Halle. Rings um das Haus dehnte sich ein weiter Platz aus, zu dem die Bergeswinde alle Wohlgerüche des Waldes herübertrugen. Auf diesem Platze brachten wir den größten Teil des Tages zu -- hier arbeiteten, aßen und spielten wir. An der hinteren Tür des Hauses erhob sich ein mächtiger Nußbaum, um den herum Stufen führten, und vorn standen die Bäume so nahe, daß ich sie berühren und fühlen konnte, wenn der Wind ihre Zweige hin und her bewegte, oder das Laub in den Herbststürmen zu Boden wirbelte.

Wir hatten viel Besuch in Fern Quarry. Abends spielten die Männer am Lagerfeuer Karten und vertrieben sich die Zeit mit Gesprächen und körperlichen Uebungen. Sie erzählten Wunderdinge von ihren Jagden auf Hühner, Fische und allerlei Wild -- wie viele wilde Enten und Truthühner sie geschossen, was für Forellen sie gefangen und wie die die schlauesten Füchse und die klügsten Opossums überlistet und die schnellsten Hirsche eingeholt hatten, bis ich der Ueberzeugung war, daß sicherlich Löwen, Tiger, Bären und die übrigen reißenden Tiere allesamt diesen verschlagenen Jägern keinen Widerstand leisten könnten. Auf morgen zur Jagd! lautete ihr Gutenachtgruß, wenn sich der Kreis der lustigen Freunde bei Einbruch der Nacht auflöste. Die Männer schliefen in der Halle vor der Haustür, und ich konnte das tiefe Atmen der Hunde und Jäger spüren, wenn sie auf ihren improvisierten Betten lagen.

Bei Tagesanbruch wurde ich durch den Geruch von Kaffee, das Klirren von Gewehren und die schweren Tritte der Männer geweckt, die jetzt umhergingen voll froher Hoffnung auf einen glücklichen Jagderfolg. Ebenso konnte ich das Stampfen ihrer Pferde spüren, die unter den Bäumen angebunden waren, wo sie die ganze Nacht über gestanden hatten, laut wiehernd und ungeduldig das Loskoppeln erwartend. Endlich stiegen die Herren zu Pferde, und „fort trabten“, wie es in alten Liedern heißt, „die Rosse, mit klirrendem Zaumzeug, unter Peitschengeknall und Hundegebell“, und „fort trabten die Jäger mit lauten Hussa- und Hallorufen“.

Im Laufe des Vormittags trafen wir die Vorbereitungen für das Jagdessen. Ein Feuer wurde auf dem Boden eines tiefen Loches, das in die Erde gegraben war, angezündet, große Scheite wurden kreuzweise darüber gelegt und die Fleischstücke an diesen aufgehängt oder an Spießen gebraten. Um das Feuer herum kauerten Neger und verscheuchten die Fliegen mit langen Zweigen. Der würzige Duft des Fleisches machte mich hungrig, lange bevor die Tische gedeckt waren.

Hatte das aufgeregte Treiben seinen Höhepunkt erreicht, so kehrten die Teilnehmer an der Jagd zurück und erschienen in Gruppen von zwei oder drei, die Männer heiß und müde, die Pferde mit Schaum bedeckt, die abgehetzten Hunde keuchend und niedergeschlagen -- und kein Stück Jagdbeute! Jedermann erklärte, er habe wenigstens einen Hirsch gesehen und das Tier sei ihm auch ganz nahe gekommen; so eifrig aber auch die Hunde das Wild verfolgten, so genau die Schützen zielen mochten -- beim Abfeuern des Gewehres war kein Hirsch mehr zu erblicken. Man war so glücklich gewesen wie der kleine Junge, der da erklärte, er habe +beinahe+ ein Kaninchen gesehen -- denn er sah dessen Fährte. Die Gesellschaft vergaß aber bald ihre Enttäuschung, und wir setzten uns zu Tische, freilich nicht zum Wildbretschmause, wohl aber zu einem zahmeren Mahle von Kalb- und geröstetem Schweinefleisch.

Eines Sommers hatte ich mein Pony mit nach Fern Quarry genommen. Ich nannte ihn dort Black Beauty, da ich soeben das Buch mit diesem Titel gelesen hatte, und er glich seinem Namensvetter in jeder Hinsicht, von seinem glänzenden schwarzen Felle bis zu der Blässe auf seiner Stirn. Ich brachte viele meiner glücklichsten Stunden auf seinem Rücken zu. Gelegentlich, wenn es durchaus keine Gefahr hatte, ließ meine Lehrerin den Leitzügel los, und dann ging der Pony gemächlich weiter oder machte nach Belieben Halt, um Gras abzurupfen oder das Laub der an der Seite des schmalen Weges stehenden Bäume zu benagen.

An den Vormittagen, an denen ich keine Lust hatte, auszureiten, machten meine Lehrerin und ich nach dem Frühstück einen Spaziergang in die Wälder und verloren uns gern inmitten der Bäume und Weinranken, ohne einen anderen Weg unter unseren Füßen zu haben, als die von Kühen und Pferden getretenen Pfade. Oft kamen wir an undurchdringliche Dickichte, die uns zwangen, sie im Bogen zu umgehen. Stets kehrten wir zu dem Landhause mit einer Last von wildem Lorbeer, Goldregen, Farnen und prächtigen Wasserlilien zurück, wie sie nur im Süden gedeihen.

Bisweilen ging ich mit Mildred und meinen kleinen Vettern fort, um Persimonpflaumen zu suchen. Ich aß die nicht, liebte aber ihren Duft und freute mich, wenn ich sie unter Laub und Gras entdeckte. Auch Nüsse sammelten wir, und ich half beim Aushülsen der Haselnüsse, sowie beim Zerschlagen der Schalen der Hickory- und Walnüsse -- der großen, süßen Walnüsse.

Am Fuße des Berges lief eine Eisenbahn entlang, und die Kinder beobachteten das Vorbeifahren der Züge. Mitunter schreckte uns ein fürchterliches Pfeifen empor, dann erzählte mir Mildred in großer Aufregung, daß sich eine Kuh oder ein Pferd auf die Schienen verirrt habe. In der Entfernung von ungefähr einer Meile befand sich eine Eisenbahnbrücke, die einen tiefen Abgrund überspannte. Es war sehr schwierig, hinüberzugehen; die Bohlen standen weit auseinander und waren so schmal, daß man die Empfindung hatte, als ginge man auf Messerschneiden. Ich hatte die Brücke nie benutzt, bis eines Tages Mildred, Fräulein Sullivan und ich uns in den Wäldern verirrt hatten und stundenlang umherwanderten, ohne einen Pfad zu finden.

Plötzlich streckte Mildred ihre kleine Hand aus und rief: Dort ist die Brücke! Wir hätten noch einen anderen Weg einschlagen können, aber es war spät, und die Dunkelheit brach schon herein, und auf der Brücke schnitt man eine bedeutende Strecke ab. Ich mußte mit meinen Füßen nach den Schienen fühlen, aber ich hatte keine Furcht und schritt tapfer vorwärts, bis auf einmal aus der Ferne ein schwaches Puff, Puff ertönte.