Part 4
Nach diesem Ereignis verging eine lange Zeit, ehe ich wieder auf einen Baum kletterte. Der bloße Gedanke daran erfüllte mich mit Entsetzen. Es war der lockende Reiz des Mimosenbaums in voller Blütenpracht, der endlich meine Furcht überwand. Eines schönen Frühlingsmorgens, als ich allein im Gartenhause war und las, drang ein wunderbar feiner Duft zu mir. Ich stand auf und streckte instinktiv meine Hände aus. Es war, als sei der Geist des Frühlings durch das Gartenhaus geschritten. Was ist dies? fragte ich mich, und in der nächsten Minute erkannte ich den Geruch der Mimosenblüten. Ich tastete mich bis zum Ende des Gartens hin, da ich wußte, daß der Mimosenbaum in der Nähe des Zaunes an der Biegung des Weges stand. Ja, hier stand er, im warmen Sonnenscheine, und seine blütenbeladenen Zweige berührten beinahe das hohe Gras. Gibt es etwas Schöneres in der Welt, als diesen Baum? Seine zarten Blüten ziehen sich bei der leichtesten Berührung zusammen; es hatte den Anschein, als sei ein Baum aus dem Paradiese auf die Erde verpflanzt worden. Ich bahnte mir einen Weg durch einen Blütenregen hindurch bis zu dem großen Stamme; dort stand ich eine Minute lang unentschlossen da. Dann setzte ich meinen Fuß in den breiten Raum zwischen den gegabelten Aesten und schwang mich in den Baum hinauf. Ich hatte einige Schwierigkeit, mich festzuhalten, denn die Aeste waren sehr dick, und ich verletzte mir die Hände an der rauhen, rissigen Rinde. Aber ich hatte die köstliche Empfindung, daß ich etwas Außergewöhnliches und Wunderbares tat, und so klomm ich immer höher und höher empor, bis ich endlich einen kleinen Sitz erreichte, den sich jemand vor langer Zeit hier angelegt hatte, sodaß er mit dem Baume selbst verwachsen war. Ich saß hier lange, lange Zeit und hatte die Empfindung, als sei ich eine Fee auf einer rosigen Wolke. Auch später brachte ich noch viele glückliche Stunden auf meinem Paradiesesbaume zu, den Kopf voll herrlicher Gedanken und glänzender Träume.
Sechstes Kapitel.
Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. -- Wißbegierde. -- Unterredung über Liebe. -- Kennenlernen abstrakter Begriffe. -- Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde.
Ich besaß nunmehr den Schlüssel zur gesamten Sprache und brannte vor Eifer, ihn gebrauchen zu lernen. Kinder, welche hören, erlangen das Sprachvermögen ohne besondere Mühe; die Worte, die von anderer Lippen fallen, erhaschen sie gleichsam im Fluge und spielend, während das taube Kind sie sich durch langsames und oft anstrengendes Vorrücken aneignen muß. Wie beschaffen aber auch dieses Vorrücken selbst sein mag, das Ergebnis ist wunderbar. Von der Bezeichnung eines Gegenstandes ausgehend, dringen wir Schritt für Schritt vor, bis wir den unermeßlichen Abstand zwischen unserer ersten gestammelten Silbe bis zu dem Gedankenschwunge in einem Shakespeareschen Verse zurückgelegt haben.
Anfangs stellte ich, wenn meine Lehrerin von etwas Neuem zu mir sprach, sehr wenig Fragen. Meine Vorstellungen waren unbestimmt und mein Wortschatz unzureichend; in demselben Maße aber, in dem meine Kenntnis der Dinge wuchs und ich mehr und mehr Wörter erlernte, erweiterte sich auch das Feld meiner Wißbegierde, und ich kehrte immer und immer wieder zu demselben Gegenstande zurück voller Verlangen nach weiterer Belehrung. Bisweilen belebte ein neues Wort ein Bild wieder, das eine frühere Erfahrung meinem Gedächtnisse eingeprägt hatte.
Ich erinnere mich noch ganz genau des Morgens, an dem ich zum ersten Male nach der Bedeutung des Wortes »Liebe« fragte. Es geschah dies, als ich erst wenige Wörter kannte. Ich hatte ein paar frühe Veilchen im Garten gefunden und brachte sie meiner Lehrerin. Sie versuchte mich zu küssen; aber damals liebte ich es noch nicht, daß mich jemand außer meiner Mutter küßte. Fräulein Sullivan legte zärtlich ihren Arm um mich und buchstabierte mir in die Hand: Ich liebe Helen.
Was ist Liebe? fragte ich.
Sie zog mich näher zu sich heran und sagte: Sie ist hier drinnen, indem sie auf mein Herz deutete, dessen Schläge ich jetzt zum ersten Male fühlte. Ihre Worte befremdeten mich auf das äußerste, weil ich damals noch nichts verstand, wenn ich es nicht zugleich berührte.
Ich roch die Veilchen in ihrer Hand und stellte, halb in Worten, halb in Zeichen eine Frage, deren Sinn ungefähr war: Ist Liebe der Duft der Blumen?
Nein, erwiderte meine Lehrerin.
Wiederum dachte ich nach. Die Sonne erwärmte uns mit ihren Strahlen. Ich fragte, indem ich nach der Richtung deutete, aus der die Wärme kam: Ist dies nicht Liebe?
Es schien mir, als könne es nichts Schöneres geben als die Sonne, deren Wärme alles zum Wachsen und Blühen brachte. Aber Fräulein Sullivan schüttelte den Kopf, und ich war sehr verwundert und enttäuscht. Ich hielt es für seltsam, daß meine Lehrerin mir nicht die Liebe zeigen konnte.
Einige Tage später reihte ich Perlen von verschiedener Größe in regelmäßigen Gruppen auf -- zwei große, drei kleine und so weiter. Ich hatte mehrmals Fehler gemacht, und Fräulein Sullivan hatte mich mit liebevoller Geduld immer und immer wieder darauf hingewiesen. Endlich bemerkte ich einen ganz offenbaren Irrtum in der Aufeinanderfolge, und einen Augenblick konzentrierte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf mein Vorhaben und versuchte nachzudenken, wie ich die Perlen hätte aneinanderreihen sollen. Fräulein Sullivan berührte meine Stirn und buchstabierte mit großem Nachdruck: ~Think~!
Im Nu erkannte ich, daß das Wort die Bezeichnung für den Vorgang war, der sich in meinem Kopfe abspielte. Dies war meine erste bewußte Vorstellung eines abstrakten Begriffs.
Eine lange Zeit saß ich still da -- ich dachte nicht über die Perlen in meinem Schoße nach, sondern versuchte, im Lichte dieses neuen Begriffes die Bedeutung von »Liebe« zu ergründen. Die Sonne war den ganzen Tag hinter Wolken versteckt gewesen, und es waren kurze Regenschauer gefallen; plötzlich brach jedoch die Sonne in all ihrem südlichen Glanze hervor.
Abermals fragte ich meine Lehrerin: Ist dies nicht Liebe?
Liebe ist etwas Aehnliches wie die Wolken, die am Himmel standen, bevor die Sonne hervorbrach, entgegnete sie. Dann fuhr sie in schlichteren Worten, als die vorhergehenden waren, die ich damals noch nicht verstehen konnte, fort: Du weißt, du kannst die Wolken nicht berühren, aber du fühlst den Regen und weißt, wie froh die Blumen und die durstige Erde sind, wenn er nach einem heißen Tage auf sie herniederströmt. Auch die Liebe kannst du nicht berühren, aber du empfindest das Entzücken, das sie über alles ausgießt. Ohne Liebe würdest du weder glücklich sein noch zu spielen verlangen.
Mit einem Schlage offenbarte sich die wohltuende Wahrheit meinem Geiste -- ich fühlte, es gab unsichtbare Bande, die sich zwischen meiner Seele und den Seelen anderer hinzogen.
Vom Beginn meiner Erziehung an hatte Fräulein Sullivan es sich zum Grundsatz gemacht, so zu mir zu sprechen, als spräche sie zu einem hörenden Kinde; der einzige Unterschied bestand darin, daß sie mir die Sätze in die Hand buchstabierte, anstatt sie zu sprechen. Verfügte ich nicht über die nötigen Worte, um meine Gedanken auszudrücken, so ergänzte sie diese und führte sogar die Unterhaltung weiter, wenn ich die passende Antwort nicht finden konnte.
Dieses Verfahren hielt jahrelang an; denn das taubstumme Kind lernt nicht in einem Monat, nicht einmal in zwei bis drei Jahren die zahllosen Ausdrücke, die in dem einfachsten täglichen Gespräche vorkommen. Das hörende Kind lernt diese auf Grund der fortwährenden Wiederholung und Nachahmung. Die Unterhaltung, die es zu Hause vernimmt, spornt seinen Geist an, bereichert seinen Wortschatz und befördert den Ausdruck seiner eigenen Gedanken. Dieser naturgemäße Ideenaustausch ist dem tauben Kinde versagt. In weiser Erkenntnis dieses Umstandes faßte meine Lehrerin den Entschluß, dem Mangel an Reizmitteln für mich abzuhelfen. Dies tat sie, indem sie mir, soweit dies möglich war, wörtlich wiederholte, was sie hörte, und mir Mittel und Wege angab, an der Unterhaltung teilzunehmen. Aber es dauerte lange Zeit, ehe ich es wagte, die Initiative zu ergreifen, und noch länger, ehe ich imstande war, etwas Passendes zur rechten Zeit zu sagen.
Der Taube wie der Blinde finden es sehr schwer, sich an einen angenehmen Unterhaltungston zu gewöhnen. Wieviel mehr muß sich diese Schwierigkeit bei denen steigern, die beides, taub und blind, sind. Sie können den Klang der Stimme nicht unterscheiden oder ohne die Hilfe anderer die Tonhöhe modifizieren, wodurch die Worte erst ihren Sinn erhalten; ebensowenig vermögen sie den Gesichtsausdruck des Sprechenden zu beobachten, und in einem Blick liegt häufig gerade das innerste Wesen dessen, was jemand sagt.
Siebentes Kapitel.
Erster Leseunterricht. -- Anfangs keine regelmäßigen Unterrichtsstunden. -- Erziehung zum Naturgenuß. -- Wald, Garten. -- Kellers Landungsplatz. -- Geographie, Rechnen, Zoologie, Botanik. -- Fossilien. -- Leicht faßliche Unterrichtsmethode. -- Herzliches Verhältnis zu Fräulein Sullivan.
Der nächste wichtige Schritt in meiner Erziehung bestand darin, daß ich lesen lernte.
Sobald ich ein paar Wörter buchstabieren konnte, gab mir meine Lehrerin Pappstreifen in die Hand, auf dem die Wörter in erhöhten Buchstaben gepreßt waren. Ich lernte bald begreifen, daß jedes gedruckte Wort einen Gegenstand, eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft bezeichnete. Ich hatte einen Rahmen, in dem ich die Wörter zu kurzen Sätzen aneinanderreihen konnte; ehe ich aber die Sätze in den Rahmen spannte, pflegte ich sie an Gegenständen darzustellen. Ich fand z. B. die Streifen mit den Wörtern ~doll~, ~is~, ~on~, ~bed~ und legte jedes Substantiv auf den betreffenden Gegenstand; dann legte ich meine Puppe ins Bett und neben sie die Wörter ~is~, ~on~, ~bed~, indem ich so einen Satz aus den Wörtern bildete und zu gleicher Zeit den Inhalt des Satzes mit Hilfe der Gegenstände selbst darstellte.
Eines Tages steckte ich mir, wie Fräulein Sullivan mir später erzählte, das Wort ~girl~ an meine Schürze und stellte mich in den Kleiderschrank. Am Schranke brachte ich die Wörter ~is~, ~in~, ~wardrobe~ an. Nichts machte mir solches Vergnügen wie dieses Spiel. Meine Lehrerin und ich spielten es stundenlang. Oft wurde jeder Gegenstand im Zimmer zur Darstellung solcher verkörperter Sätze verwandt.
Von den bedruckten Streifen war es nur ein kurzer Schritt zu gedruckten Büchern. Ich nahm meine Fibel vor und machte Jagd auf die Wörter, die ich kannte; fand ich solche, so war meine Freude der beim Versteckspiel gleich. Auf diese Weise begann ich zu lesen. Ueber die Zeit, in der ich zusammenhängende Geschichten zu lesen begann, spreche ich später.
Lange Zeit hatte ich keine regelmäßigen Unterrichtsstunden. Selbst wenn ich sehr eifrig lernte, glich dies mehr einem Spiel als einer Arbeit. Alles, was Fräulein Sullivan mich lehrte, machte sie mir durch eine hübsche Geschichte oder ein Gedicht anschaulich. Wenn ich Freude oder Interesse an etwas zeigte, so sprach sie mit mir darüber genau so, als ob sie selbst ein kleines Mädchen wäre. All das, woran viele Kinder mit Schaudern zurückdenken, wie an mühsames Kopfzerbrechen über Grammatik, schwere Rechenexempel und noch schwerere Definitionen, ist heute eine meiner liebsten Erinnerungen.
Ich kann mir das innige Verständnis nicht erklären, das Fräulein Sullivan für meine Freuden und Wünsche besaß. Vielleicht war es das Ergebnis ihres langen Zusammenlebens mit Blinden. Obenein verfügte sie über eine wunderbare Schilderungsgabe. Sie ging rasch über uninteressante Einzelheiten hinweg und belästigte mich nie mit Fragen, um zu sehen, ob ich auch all das in der Lektion vom vorigen Tage Behandelte behalten habe. Trockene wissenschaftliche Fragen führte sie nur nach und nach in den Unterricht ein und machte alles dabei so klar und anschaulich, daß ich fast notgedrungen behalten mußte, was sie gesagt hatte.
Wir lasen und lernten im Freien und zogen den sonnigen Wald dem Hause vor. Meine sämtlichen ersten Unterrichtsstunden tragen den Hauch des Waldes -- den feinen Harzduft der Fichtennadeln, vermengt mit dem Geruch des wilden Weins. In dem köstlichen Schatten eines wilden Tulpenbaumes sitzend, lernte ich darüber nachdenken, daß alles eine Lehre und eine Mahnung in sich berge. „Die Lieblichkeit der Dinge lehrte mich ihre Bestimmung.“ In der Tat hatte alles, was da summen, brummen, singen, blühen konnte, einen Anteil an meiner Erziehung -- quakende Frösche, Heimchen und Grillen, die ich solange in meiner Hand hielt, bis sie ihre Gefangenschaft vergaßen und ihr Liedchen wieder anstimmten, kleine Hühnchen in ihrem ersten Flaume und wild wachsende Blumen, die Blüten der Kornelkirsche, Veilchen und blühende Obstbäume. Ich befühlte die berstenden Baumwollenkapseln und ließ ihre weichen Fäden und ihre mit Fasern besetzten Samenkörner durch meine Finger gleiten; ich fühlte das leise Rauschen des Windes in den Getreidefeldern, sein weiches Flüstern im Laube der Bäume, das unwillige Schnauben meines Ponys, -- wenn wir ihn auf der Weide einfingen und ihm das Gebiß anlegten -- ach, wie genau erinnere ich mich an den würzigen Kleegeruch seines Atems!
Bisweilen stand ich vor Tagesanbruch auf und stahl mich hinunter in den Garten, während schwere Tautropfen noch auf Gräsern und Blumen lagen. Nur wenige wissen, was es für ein Genuß ist, die Rosen zu berühren und sanft mit der Hand zu drücken oder der anmutigen Bewegung der Lilien zu folgen, wenn sie im Morgenwinde hin- und herschwanken. Mitunter war ein Insekt in der Blume, die ich pflückte, und ich fühlte das leise Geräusch der Flügel, die das Tierchen in plötzlichem Schrecken aneinander rieb, sobald es den Druck von außen gewahr wurde.
Ein anderer Lieblingsaufenthalt von mir war der Obstgarten. Die großen, tief herabhängenden Pfirsiche boten sich von selbst meiner Hand dar, und wenn die lustigen Winde durch die Bäume wehten, fielen die Aepfel mir zu Füßen. O, das Entzücken, mit dem ich das Obst in meine Schürze sammelte, mein Gesicht gegen die glatten Wangen der Aepfel drückte, die noch warm waren von den Sonnenstrahlen, und ins Haus zurückeilte!
Unser Lieblingsspaziergang war zu Kellers Landungsplatz, einer alten verfallenen Hafenanlage am Tennessee, die während des Bürgerkrieges zum Landen von Truppen benutzt worden war. Hier brachten wir viele glückliche Stunden zu und beschäftigten uns spielend mit Geographie. Ich baute Dämme aus Kieseln, legte Inseln und Seen an und grub Flußläufe aus, alles zum Scherz, und niemals ließ ich es mir dabei träumen, eine Unterrichtsstunde zu haben. Mit wachsendem Erstaunen lauschte ich den Schilderungen, die Fräulein Sullivan von der großen weiten Welt da draußen mit ihren feuerspeienden Bergen, verschütteten Städten, sich bewegenden Eisströmen und vielen anderen ebenso seltsamen Dingen entwarf. Sie modellierte Reliefkarten in Ton, so daß ich die Gebirgszüge und Täler fühlen und mit meinen Fingern dem gekrümmten Lauf der Flüsse folgen konnte. Dies liebte auch ich; aber die Einteilung der Erde in Zonen und Pole verwirrte mich. Die diese Verhältnisse veranschaulichenden Fäden und der Orangenstiel, der den Pol darstellte, erschienen mir so der Wirklichkeit entsprechend, daß noch bis zum heutigen Tage die bloße Erwähnung der gemäßigten Zone die Vorstellung an Zwirnsfäden in mir hervorruft, und ich glaube, daß, wenn es jemand darauf anlegt, er mir mit leichter Mühe einreden könnte, daß Eisbären tatsächlich auf den Nordpol klettern.
Arithmetik scheint das einzige Lehrfach gewesen zu sein, dem ich keinen Geschmack abgewinnen konnte. Von Anfang an hatte ich kein Interesse für die Wissenschaft von den Zahlen. Fräulein Sullivan suchte mir das Rechnen beizubringen, indem sie Perlen in Gruppen aneinanderreihte, und mit Hilfe von Strohhalmen, wie sie im Kindergarten üblich sind, lernte ich addieren und subtrahieren. Ich hatte niemals die Geduld, mehr als fünf bis sechs Gruppen zugleich zusammenzureihen; hatte ich das zustande gebracht, so war mein Gewissen für den Rest des Tages beruhigt, und ich sprang rasch zu meinen Spielgefährten hinaus.
In dieser selben sorglosen Weise trieb ich Zoologie und Botanik.
Einmal sandte mir ein Herr, dessen Namen ich vergessen habe, eine Fossiliensammlung -- kleine wunderschön gezeichnete Muscheln, Stücke Sandstein mit Abdrücken von Vogelfüßen und einen reizenden Farn in Basrelief. Dies waren die Schlüssel, die mir den Zugang zu den Schätzen der antediluvianischen Welt eröffneten. Mit zitternden Fingern lauschte ich Fräulein Sullivans Schilderungen der furchtbaren Tiere mit den ungefügen, unaussprechlichen Namen, die einst durch die Wälder der Urzeit stampften, die Zweige von Riesenbäumen zur Nahrung abrissen und in den ungeheuren Morasten eines unbekannten Zeitalters umkamen. Lange Zeit beunruhigten diese unheimlichen Geschöpfe meine Träume, und diese düstere Periode bildete einen dunklen Hintergrund zu dem heiteren Jetzt, das mit Sonnenschein, Rosen und dem Echo der leichten Hufschläge meines kleinen Ponys angefüllt war.
Ein andermal erhielt ich eine schöne Muschel zum Geschenk, und mit kindlichem Staunen und Entzücken lernte ich, wie ein winziges Weichtier sich dieses herrliche Haus als Wohnung gebaut habe und wie in stillen Nächten, wenn kein Luftzug die Meeresfläche kräuselt, der Nautilus auf den blauen Gewässern des Indischen Ozeans in seinem wie Perlen erglänzenden Schiffe dahinsegelt. Nachdem ich eine Menge interessanter Dinge über das Leben und die Gewohnheiten der Kinder der Meerestiefen kennen gelernt hatte -- wie inmitten der schäumenden Wogen die kleinen Polypen die schönen Koralleninseln des Stillen Ozeans aufbauen und die Foraminiferen die Kalkhügel vieler Länder gebildet haben --, las mir meine Lehrerin das Märchen vom Nautilus vor und zeigte mir, wie der muschelbildende Prozeß bei den Mollusken symbolisch ist für die Entwicklung des Geistes. Genau wie der wunderwirkende Mantel des Nautilus die Stoffe, die er aus dem Wasser aufsaugt, umwandelt und zu einem Teile von sich selbst macht, so erleiden die einzelnen Kenntnisse, die jemand sammelt, eine ähnliche Veränderung und werden zu Gedankenperlen.
Ein andermal war es das Wachstum einer Pflanze, das uns den Stoff für eine Lehrstunde lieferte. Wir kauften eine Lilie und stellten sie in ein sonniges Fenster. Bald begannen die grünen, spitzen Knospen sich zu öffnen. Die schlanken, fingerähnlichen Außenblätter erschlossen sich langsam, widerstrebend, wie es mir vorkam, die Lieblichkeit des Inneren enthüllend; war aber einmal ein Anfang gemacht, so ging der weitere Prozeß des Oeffnens rasch von statten, aber ordnungsgemäß und systematisch. Stets war eine von den Knospen größer und schöner als die übrigen und warf ihre äußere Umhüllung stolzer zurück, als wüßte diese Schönheit in weichen, seidenglänzenden Gewändern, daß sie Lilienkönigin von Gottes Gnaden sei, während ihre bescheideneren Schwestern ihre grünen Hüllen zaghaft ablegten, bis die ganze Pflanze ein einziger nickender Zweig voller Lieblichkeit und Wohlgeruch war.
Einmal wurde ein rundes Glas mit elf Kaulquappen an ein mit Pflanzen besetztes Fenster gestellt. Ich erinnere mich noch des Eifers, mit dem ich Beobachtungen über sie anstellte. Es machte mir großen Spaß, meine Hand in das Glas zu tauchen, zu fühlen, wie sich die Kaulquappen lustig herumtummelten, und sie zwischen meinen Fingern hin- und herschlüpfen zu lassen. Eines Tages hatte sich ein ehrgeiziger Bursche von ihnen auf den Rand des Glases gewagt und fiel auf den Fußboden, wo ich ihn allem Anschein nach mehr tot als lebendig fand. Das einzige Lebenszeichen, das er von sich gab, war ein leichtes Hin- und Herbewegen des Schwanzes. Kaum war er aber in sein Element zurückgekehrt, als er auch schon auf den Grund niedertauchte und in lustiger Geschäftigkeit hin- und herschwamm. Er hatte seinen Weg gemacht, hatte die große Welt gesehen und war nun froh, wieder in seinem hübschen Glashause unter dem großen Fuchsienstock zu weilen, bis er die Würde des ausgewachsenen Frosches erreicht hatte. Dann siedelte er wieder in den mit Mummeln bedeckten Teich am Ende des Gartens über, wo er in den Sommernächten seine quarrenden Liebeslieder erschallen ließ.
So lernte ich vom Leben selbst. Anfangs lag nur ein ganz kleines, begrenztes Maß von Fähigkeiten in mir. Meine Lehrerin war es, die sie entfaltete und entwickelte. Als +sie+ kam, atmete alles rings um mich her Liebe und Freude und gewann eine Fülle von Bedeutung. Seitdem hat sie keine einzige Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne mich auf die in allem waltende Schönheit aufmerksam zu machen, und hat nie aufgehört, durch Wort, Tat und Vorbild dahin zu wirken, daß mein Leben sich zu einem genußreichen und nützlichen gestalte.
Es war der Geist meiner Lehrerin, ihr warmes Mitempfinden, ihr liebevoller Takt, der mir die ersten Jahre meiner Erziehung so unvergeßlich gemacht hat. Dadurch, daß sie stets den richtigen Augenblick wählte, um mein Wissen durch etwas Neues zu bereichern, wurde der Unterricht für mich so anziehend und leicht faßlich. Sie erkannte, daß der Geist eines Kindes einem seichten Bache gleicht, der fröhlich in dem steinigen Bette der Erziehung dahinhüpft und tanzt und hier eine Blume, dort einen Strauch, dort ein Lämmerwölkchen widerspiegelt; sie suchte meinen Geist auf den rechten Pfad zu leiten, da sie wohl wußte, daß er wie ein Bach durch Gebirgsströme und verborgene Quellen genährt werden muß, bis er sich zum tiefen Flusse erweitert, der imstande ist, auf seiner ruhigen Oberfläche schwellende Hügel, die leuchtenden Schatten der Bäume und den blauen Himmel so gut wie das holde Antlitz einer kleinen Blume widerzuspiegeln.
Jeder Lehrer kann ein Kind zu sich in das Klassenzimmer nehmen, aber nicht jeder Lehrer kann es unterrichten. Es wird nicht freudig arbeiten, wenn es nicht das Bewußtsein der Freiheit in sich trägt, mag es tätig sein oder sich ausruhen; es muß das Hochgefühl des Sieges und die Niedergeschlagenheit der Enttäuschung kennen, ehe es mit festem Willen an die ihm unangenehmen Aufgaben herangeht und sich entschließt, sich seinen Weg tapfer und unverdrossen durch die stumpfe Routine der Lehrbücher hindurchzubahnen.
Meine Lehrerin steht mir so nahe, daß ich mich kaum als von ihr getrennt fühle. Wieviel von meiner Freude an allem Schönen mir angeboren ist, wieviel ich ihrem Einflusse verdanke, werde ich nie anzugeben vermögen. Ich fühle, ihr Wesen ist untrennbar von dem meinigen, und sie ist mir auf den Bahnen, die ich wandle, vorangegangen. Alles Gute an mir ist ihr Werk -- es gibt keine Fähigkeit, kein Streben, keine Freude in mir, die sie nicht durch ihre liebevolle Berührung zum Leben erweckt hätte.
Achtes Kapitel.
Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. -- Ratespiel. -- Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. -- Freude über die Weihnachtsgeschenke.
Das erste Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft in Tuscumbia war ein großes Ereignis. Jedes Familienmitglied bereitete Ueberraschungen für mich vor; was mir aber am meisten Vergnügen machte, war, daß Fräulein Sullivan und ich Ueberraschungen für alle übrigen vorbereiteten. Das die Geschenke umgebende Geheimnis war meine größte Freude. Meine Bekannten taten alles, was in ihren Kräften stand, um meine Neugier durch Andeutungen und halbbuchstabierte Sätze rege zu machen, die sie im spannendsten Augenblick abbrechen zu müssen vorgaben. Fräulein Sullivan und ich unterhielten uns mit einem Ratespiel, das mich im Gebrauche der Sprache mehr förderte, als regelrechte Unterrichtsstunden dies zu tun vermocht hätten. Jeden Abend setzten wir uns um das verglimmende Holzfeuer und beschäftigten uns mit unserem Spiel, das um so aufregender wurde, je näher Weihnachten rückte.